Mir tut eigentlich fast jeder Muskel weh. Kein Wunder bei all der Schlepperei. Meine Augen sind etwas zugeschwollen, eventuell von den Kontaktlinsen, die ich vier Tage lang jeden Morgen hineingepopelt habe, eventuell auch von dem einsetzenden Heuschnupfen-Backlash, der mir wohl sagen will, dass nach einer Woche Wiese ein wenig Pollenfest in meinen Rezeptoren passiert. Das würde jedenfalls zu meiner Triefnase passen. Sonnenbrand habe ich nur wenig, etwas auf der Nase, ich sehe trotzdem ein bisschen aus wie eine Scheibe Kassler mit Kinnbart. Auch größere Verletzungen habe ich mir diesmal erspart, keine Fingerkuppe beim Holz spalten abgehackt und auch kein Knie beim Sturz über einen Zelthering verdreht, weil einen ein Chaoswesen mit Tentakeln anspringt. (Alles schon passiert, kein Scheiß). Insgesamt geht es mir nach einer Nacht in einem echten, wirklichen, richtigen Bett ziemlich gut, nur mein Wohnzimmer sieht aus, als wollte ich ausziehen. Überall stehen Kisten und Kästen herum. Dieser Kofferraum voll Krempel muss noch in den nächsten Tagen auf den Dachboden gewuchtet werden, das heißt, nachdem die müffeligen, von Schweiß und Regen feuchten Wollklamotten gewaschen sind, natürlich von Hand. Momentan riecht es ein wenig in meinem Wohnzimmer.

Warum tue ich mir das jedes Jahr an? Warum lebe ich jedes Jahr einer Woche auf einer verdammten Wiese, nächtige auf einem knarzigen Feldbett neben einem schnarchenden „Stiftsknappen“, eine Art behämmerter Klosterritter, esse aus einer Holzschüssel, hüpfe über eine kaninchenlöcherübersähte saarländische Heide, und dabei noch in einer Art knöchellangen Kleid, darüber ein Federbarrett, darunter etwas, das man nüchtern nur als Wollstrümpfe, die an eine gelbliche Boxershort gestrapst wurden, bezeichnen kann.

LARP (für alle Normalos hier: das steht für Live Action Role Play) ist ein Hobby, das nur schwer vermittelbar ist. Seit über 10 Jahren versuche ich einmal im Jahr in eine andere Rolle abzutauchen, erfinde Balthasar, den Stiftsschreiber, der mein Gesicht trägt oder ich seine Persönlichkeit, ganz wie man das sehen will. Treffe Leute, die ich seit über 10 Jahren kenne und Freunde nenne, die ich einmal im Jahr für eine Woche sehe, die aber dann in der Mitte der Woche ebenfalls ihre Persönlichkeit wandeln, und irgend einen beknackten Typen mit Helm und Leinenunterwäsche verkörpern. Davor zersägen wir gemeinsam Unmengen von Balken und schrauben und spaxen aus Baumarktelementen etwas über die Kaninchenlöcher, was einer mittelalterlichen Wehranlage nahekommen soll. Wir ignorieren OSB-Platten-Innenwände, vorbeiziehende saarländische Joggerinnen und alle Widrigkeiten, spielen als erwachsene Menschen Krieg und Kämpfchen, als wäre man ein zwölfjähriges Kind. Im Gegensatz zum Heranwachsenden vertilgen wir aber dabei noch eine ganz erhebliche Menge Alkohol.

Warum tut Mann sich das an?

Nicht zu verschweigen auch jede Menge Frauen, die diesem teuren, aufwändigen und für den 0815-Bundesbürger vermutlich hochgradig kindischem Hobby frönen.

Für mich ist es hauptsächlich das Abtauchen in eine imaginierte Welt, die dann plötzlich nicht mehr nur spielerische Fantasie bleibt, sondern realer existiert, als alle meine anderen Spielwelten, die ich um mich versammelt habe. Natürlich mache ich Kleine-Jungen-Träume wahr. Da muss man sich nix vormachen, heute, mit 46 Jahren, bin ich endlich erwachsen und wohlhabend genug, um tatsächlich in einer Schlacht mit einer Waffe auf Gegner einzudreschen, durch den Wald zu schleichen ,auf dass mich das böse Monster nicht entdeckt, oder den vergrabenen magischen Schatz zu finden. Im Grunde ist es genau das, auch wenn wir Larper diese Elemente „Langwehr“, „Ork“ oder „heilige Reliquie“ nennen, vielleicht um uns weniger albern vorzukommen, aber im Grunde bleibt es die Waffe, das Monster, der Schatz im Wald.

Dieses Abenteuer ist nun für mich endlich für ein paar Tage im Jahr erlebbar. Ich glaube, damit kann ich etwas verwirklichen, was für die Millionen Leute hier, die „normalen“ Hobbies frönen (Fußballverein, Plastikhubschrauber zusammenkleben, Schlümpfe sammeln, Keyboard spielen) im Reich der Fantasie bleiben muss, so sie denn wirklich welche haben.

Ich entgrenze mich übrigens in dieser Woche grundsätzlich von meiner seriösen Existenz.

Das tut gut, das reinigt das eigene Identitätskonstrukt, ich rülpse beim Biertrinken, furze auf dem Weg zum Duschcontainer laut und mit innerlichem Vergnügen und mache Witze auf einem Niveau, das meine Mitmenschen und vor allem meine Schüler niemals erleben dürften. Aber man muss sich auch so etwas offen eingestehen. Es geht aber nicht im Kern um das Leben abseits der üblich geltenden Benimmregeln. Es geht im Larp für mich um Kreativität.

Der Moment, in dem du beim Blick nach unten feststellst, das irgendwas mit dir nicht stimmt …

Auf dem Spielplatz des Kinderabenteuer wird unsere Kreativität ununterbrochen gefordert und gefördert. Alleine das ständige Improvisieren seiner Rolle macht es notwendig, sich in einem ununterbrochenen Schöpfungsprozess zu befinden, der natürlich auch scheitern kann; Ich spiele einen Schreiber und erfinde Texte; andere betreiben Geschäfte oder sind als Schausteller aktiv, wie die diesjährigen grandiosen Puppentheater (es gab zwei!) auf dem „Epic Empires“, ja so bescheuert heißen LARP-Veranstaltungen tatsächlich, meistens so ähnlich wie Heavy-Metal-Alben aus den späten 80ern. Um es kurz zu machen: Die kreative Energie einer Larp-Veranstaltung klatscht einem regelrecht sekündlich ins Gesicht.

Ich kennen keinen Haufen von Menschen, der so schöpferisch ist, wie eine Gruppe Larper. Wir mögen Akademiker*innen, Handwerker*innen, IT-ler*innen oder Arbeitslose sein, wir sind ganz junge Student*innen oder alte Säcke/Ziegen mit ergrauendem Haar. Wir kommen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, aber auch aus Großbritannien, Spanien, Italien oder Polen zusammen. Wir reden Schwäbisch oder Platt, Kölsch oder Schwyzerdeutsch, Thüringisch oder Pott. Wir sind fett oder mager, winzig oder 2 Meter 10. Wir spielen am liebsten Mittelaltermenschen oder böse Chaoskultist*innen, Keltische Priester*innen oder wunderschöne Elfen, schrullige Magier oder britische Seeoffiziere. Die meisten von uns raufen gerne und saufen gerne. Wir haben diverse Sexualitäten und ein gemeinsames Hobby.

Wir sind Larper. Die durchgeknalltesten, friedlichsten und liebenswertesten Bappsäcke, die ich kenne.

Natürlich gibt es auch larpende Arschlöcher. Leute, die zu Ich-bezogen sind, um wirklich mit anderen zu spielen, Leute, die ihren Militarismus ausleben wollen, die latent aggressiv sind und nicht nur Aggression darstellen, Leute, die besoffen nicht in der Lage sind, die Mitte von einem Dixi-Klo zu treffen. Aber zumindest in dem Lager, in dem ich rumhänge, sind sie in der Minderzahl. Und die großartigen Menschen in der Mehrheit, endlich einmal auf diesem eigentlich schrecklichen arschloch-dominierten Planeten.

Vielleicht liegt es daran, dass wir vielen „Normalos“ immer noch suspekt sind, in dem was wir tun. Für jemand, für den der Gipfel der Verrücktheit darin liegt, auf dem Cannstatter Wasen auf der Bierbank zu tanzen, ist natürlich ein Mensch, der mit einer Gummihelebarde über einen alten Truppenübungsplatz rennt und dabei „Für die heilige Clara!“ brüllt, außerordentlich verdächtig, eventuell sogar unerwünscht. Es ist für uns in den letzten Jahren immer schwerer geworden, unsere Veranstaltung durchzuführen. Die Kleinststadt neben unserer Spielwiese hat mittlerweile eine Art politische Bewegung gegen Larper hervorgebracht, die sich im Kern auf Naturschutzargumente stützt. Auch die Berichterstattung in der Regionalpresse hat sich gedreht und stellt uns Spielende negativ dar. Das war in Deutschland nicht immer so. Es ist zum einen erfrischend mal als Mensch von der SPD und dem NaBu abgelehnt zu werden und nicht immer nur von den üblichen Verdächtigen: Rechtsradikale, intolerante Religiöse und osteuropäische Diktatoren mögen Leute wie mich nicht, das war man ja schon gewohnt. Aber der nationale Naturschutz und die deutsche Sozialdemokratie? Holla die Kleinstadtfee. In mir wächst und bleibt der Verdacht, dass wir in Wirklichkeit abgelehnt und beschnüffelt werden, weil wir anders leben, als die kleine Vorstadtsiedlung mit den akkuraten Rosenbeeten.

Schieben wir diese düstere Entwicklung beiseite, wir Spinner sind letztendlich nicht totzukriegen. Irgendwo wird sich immer eine Nische für die finden, die nicht nur träumen sondern auch Träume leben wollen. Und so lange ich das noch irgendwie konstitutionsmäßig packe, werde ich mich immer wieder auf einer feuchten Wiese in bunten Wollstrapsen finden.

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

So Friedrich Schiller, der ein kluger Mann war.

Wir brauchen mehr Spieler auf dieser Welt und weniger akkurate Rosenbeete. Und deswegen betreibe ich das schönste Hobby der Welt, genau hier in Deutschland, am jährlichen Nerdpol.

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