Es ist ein kalter Januartag als ich gegen 9.00 am Sentier de Mémorial aussteige. Das Wasser in den Granattrichtern, die den bois de caures übersähen, ist mit einer schwarzen Eisschicht überzogen. Man muss keine ausgesucht lyrische Person sein, damit einem in den Sinn kommt, dass die Trichter den Augenhöhlen von Schädeln ähneln . Als ich das letzte Mal hier war, um in der Nähe meinen Wagen für das Abenteuer Schlachtfeldübernachtung zu parken, war alles noch bewaldet, aber kürzlich muss ein Holzfällertrupp ganze Arbeit geleistet haben. Das Gelände, auf dem Leutnant Colonel Emile Driant seinen letzten Widerstand leistete, sieht wieder so baumlos aus wie 1918. Im Hintergrund kann man die Trikolore über dem Denkmal wehen sehen.

In Deutschland kennt kaum jemand den bois de caures.

Ich möchte nicht behaupten, dass den Wald in Frankreich jedes Kind kennt, aber die Gedenkkultur ist hier zumindest ganz stark. „Ici est tombé le Lt Colonel DRIANT“ steht auf seinem Grabstein, er könnte auf das gigantische Mausoleum für sein Jäger-Regiment 300 Meter gegenüber schauen, den Holzfällern sei Dank, wenn er noch sehen könnte. Oder wenn er hier noch läge. Aber man merkt sofort: Der Betrachter steht hier am Gedenkstein eines echten Helden.

Im Fantasy-Rollenspiel „Das schwarze Auge“, das mir seit vielen Jahren eine weitere Nerdheimat ist, wurden Helden früher ausgewürfelt, mit sechs- und zwanzigseitigen Würfeln, die – ebenfalls sehr früher – vom System „Würfel des Schicksals“ genannt wurden. Ich habe den Eindruck, dass auch echte Helden im Ersten Weltkrieg auf eine ähnliche Weise ausgewürfelt wurden. Nur dass sie schon vorher da waren und im Status des Helden eben nicht mehr da sind. Sondern tot. Ganz logisch.

Aber der Reihe nach.

Die mechanischen Holzernter der Forstbehörde haben an Driants Grabstein ganze Arbeit geleistet, sogar die Hinweistafeln und Richtungsschilder, die man 2014 zum großen Jubiläum ganz neu aufgestellt hat, haben sie umgesägt. Sie liegen nun im angefrorenen Dreck, der vor einigen Monaten noch ein Wald war. Wenn das der Lt. Col. wüsste. Sollte man sich aus dem traurigen Kahlschlag hinausbewegen, beginnt hinter dem großen Mausoleum mit der wehenden Trikolore der übrig gebliebene Wald. Einige der Leute, die Driant befehligte, sind hier begraben, in hübsch gefassten Gräbern, „Chasseur Inconnu – mort pour la France“ steht auf den Betonkreuzen, anstatt eines Namens. Dahinter kann man das eindrucksvolle Stellungssystem zwischen den Bäumen entdecken, dass der Colonel auf dem Höhenrücken des Caures-Waldes anlegen ließ – oder waren es die Deutschen nach der Eroberung 1916? Schwierig zu entscheiden wer die Unterstände, Kampfgräben, Minenwerferstellungen nun am Ende gegraben hat, Graben graben, ein Graben ist ein Graben, ein Grab ist ein Grab. Es ist bewölkt an diesem Donnerstag Morgen, die Temperaturen sind knapp unter Null, noch liegt nächtlicher Raureif auf den nicht überwucherten Ecken des Waldes. Es ist abgesehen von seltenen Autos auf der Bundesstraße sehr still.

Der Bois des Caures sollte das erste und wichtigste Ziel der deutschen Offensive von 1916 sein, sozusagen das Schlüsselloch für den Plan der Obersten Heeresleitung unter General Erich von Falkenhayn, der Plan, der das blutige Schachmatt zwischen den Armeen an der Westfront, das seit dem Herbst 1914 vorherrschte, durchbrechen und beenden sollte. Die Front liegt an der Maas auf einem Hochplateau über Verdun, Verdun die Symbolhafte, die ehrwürdige Bischoffsstadt aus dem Mittelalter, Karl der Große (oder lieber Charlemagne?) hat hier gastiert, niemals gibt Frankreich Verdun auf. Wenn also die Deutschen Divisionen die Franzosen vom Plateau werfen, zurück in die Ebene, so dass Verdun an die Deutschen fällt, zumindest direkt im Fadenkreuz der Kanonen seiner kaiserlichen Majestät liegt, dann werden die Franzosen Armee um Armee gegen die steilen Hügel um Verdun anrennen lassen, geostrategisch hoffnungslos unterlegen, sozusagen am Fuße der Hochebene verblutend, als Armee, als Nation. Bis sie nicht mehr können. Bis das französische Militär vor Verdun zu Klump geschossen ist. Frankreich kapituliert. Muss – unbedingt. Russland wird mit freigewordenen Kräften aus dem Westen zerquetscht. Großbritannien bittet verzweifelt um Frieden. Siegesparade mit dem Kaiser auf dem Champs-Élysées.

Soweit der Plan.

Und der Schlüssel dazu ist im Norden des Schlachtfeldes der Caures-Wald, eine gut befestigte Anhöhe, die vom 56. und 59. Jägerregiment der Franzosen besetzt ist, unter Émile Driant, Lieutenant-Colonel und Parlamentsabgeordneter. Niemand rechnet im Winter 1915 mit einem Angriff bei Verdun, und das muss auch so bleiben. Deshalb werden die unzähligen deutschen Bataillone und tausende Geschütze in aller Stille nach Verdun verlegt. Den deutschen Soldaten sagt man vorerst nichts von der bevorstehenden Operation aber die meisten können sich anhand des nicht enden wollenden Stroms an Menschen und Munition in den Frontabschnitt zusammenreimen, dass eine Großoffensive bevorsteht.

Und Driant reimt sich das auch alles zusammen, von seinem Hügel aus, indem er die Deutschen beobachtet und bemerkt: Hier kommt was auf uns zu. Es beginnt nun das Narrativ, das wir als medialen Topos inzwischen aus allen möglichen Genres kennen: smarter Typ an der Front blickt, was die Generäle und Politiker im warmen Hauptquartier nicht blicken. Ob Vietnam oder die Ostfront, der Prototyp des klugen Frontoffiziers, auf den keiner von den Verantwortlichen hört, ist hiermit geboren. Driant schreibt unermüdlich Warnbriefe an seine Vorgesetzten und an Parlamentskollegen, in denen er prophezeit, dass in Verdun etwas Großes herangärt.

Ganz stimmt es allerdings nicht, dass ihn alle nur verächtlich abtun, wie es das Erzählmuster eigentlich verlangt. Aber es herrscht Uneinigkeit über die Problemlösungsstrategie. Während Driant beharrlich fordert, dass man seinen Frontabschnitt mit Männern und Geschützen verstärkt, schlägt ihm der Generalstab vor, sich auf die nächste, besser zu verteidigende Anhöhe im Süden zurückzuziehen. Wie so häufig, wenn für ein drängendes Problem mehrere stark unterschiedliche Lösungspräferenzen im Raum stehen, entscheidet man sich für den Kompromiss, gar nichts gegen das Problem zu tun. Weder Rückzug noch Verstärkung, Loose-loose.

Ganz schön dumm. Aber Driant ist ja demkriegseidank ein Held.

Die deutsche Offensive muss wegen schlechten Wetters zwei mal verschoben werden, am 21. Februar 1916 aber bricht um 8:12 der Deutsche Angriffsplan mit einer Gewalt los, die bisher in diesem an blutigen Superlativen nicht armen Krieg ihresgleichen suchte. Sieben Batterien Feldartillerie, 40 schwere Batterien und etwa 50 Minenwerfer bombardieren alleine die Stellungen der französischen Chasseure im Caures-Wald, in acht Stunden Vorbereitungsfeuer gehen etwa 80.000 Granaten auf den knappen Quadratkilometer nieder, auf dem sich Driants Männer verzweifelt in den Boden krallen. Als gegen 16.00 die hessischen Füsliere losstürmen, um die zerwalzten Gräben des Feindes zu nehmen, sind von Driants 1300 Männern noch etwa 500 übrig. Und die eilen zu den verbleibenden Maschinengewehren und Resten der Kampfstellung und leisten Widerstand. Erbittert.

Heldenhaft.

Am 22. Februar, nachdem sie die Deutsche Dampfwalze stundenlang aufgehalten haben, befiehlt Driant den verbleibenden Jägern den Rückzug auf das Dorf Beaumont auf dem Pfefferrücken. Er selbst will mit 80 Freiwilligen die Deutschen, die nun auch mit Flammenwerfern das Widerstandsnest angreifen, weiter aufhalten. Kurz darauf fällt Driant mit Schläfenschuss und verstirbt auf dem Schlachtfeld. Der Caures-Wald fällt. Aber – und hier beginnt die Geschichtslegende – weil Driant unter Selbstaufopferung die Deutsche Offensive stundenlang verzögert, kann die französische Armee zusammenkratzen, was zusammenzukratzen ist. Nun, durch Driants Heldenopfer, steht eine Verteidigung, das Plateau wird gehalten, Verdun fällt nicht, Frankreich ist gerettet.

Von den ehemals 1300 Chasseuren überleben den 22. Februar nur ca. 110 bis 160. Der Rest fällt. Heldenhaft.

Wenn man den nach Südwesten verlaufenden Höhenrücken des Bois de Caures überquert und den rückwärtigen Abhang erkundigt, findet man dort ein verschachteltes und tiefes Grabensystem. Sogar eine Schmalspurbahn führte im Kriege hier durch. Dazwischen stehen überwucherte, aber auch nach 100 Jahren immer noch recht solide Betonbunker, die über den Eingangslöchern bis heute lesbare Namensschilder zieren. „Büffel“ oder „Hai“ heißen die Bunker, darunter steht „1918 Minkdo“. Das heißt „Minenwerferkommando.“ Die Deutschen behielten Driants Wald bis in den November 1918. Heute ist es ruhig und einsam um die Bunker, zumindest im Winter. Ein Rudel Wildschweine flieht bei meiner unerwartenden Annäherung, sie sind weniger widerstandsfreudig als die Soldaten von 1916. Ich bin froh darum. Und die Wildschweine – sind sie eventuell nicht klüger als die Helden vom Bois de Caures?

Ketzerei. Helden werden ausgewürfelt.

Wer war eigentlich dieser Driant, der spätestens im Sommer 1916 als Verteidiger Frankreichs in aller Munde war? Der Juristensohn absolvierte 1877 die Militärschule von Saint-Cyr als Viertbester seines Jahrgangs und verbringt als junger Offizier zunächst einige Jahre im Garnisionsdienst. Ab 1883 dient er Frankreich als Kolonialoffizier in Tunesien und als sein Chef 1886 zum Kriegsminister (damals war die Bezeichnung des Resorts noch unverblümt ehrlich) ernannt wird, folgt er ihm ins Ministerium nach Paris, denn sein Schwiegerson ist Driant ja ohnehin schon einige Zeit. Der Herr Minister Boulanger stürzt über seine eigenmächtige und kriegstreiberische Militärpolitik, Driant kehrt als Kolonialoffizier nach Nordafrika zurück. Einige Zeit später verfasst er unter dem unendlich kreativen Pseudonym „Capitaine Danrit“ einige Technik-Romane im Stil Jules Vernes, aber mit einem kolonialen, militaristischen und antiparlamentarischen Einschlag. 1898 kehrt er nach Frankreich zurück und wird Battalionskommandeur, doch er strauchelt über die Dreyfuß-Affaire, in der monarchisch-katholische Offiziere sich gegen einen jüdischen Kollegen verschwören, um die Armee judenfrei zu halten. Im Zuge des Skandals muss Driant 1905 seinen (Offiziers-)hut nehmen, doch für den Gang in die Politik ist so ein Skandalrücktritt allemal noch gut. Ab 1910 sitzt er als Abgeordneter einer christsozialen Partei für den Wahlkreis Nancy im Parlament. Er bereist Deutschland, warnt vor der preußischen Kriegsmaschine, bewundert aber den wenig skrupelbehafteten Umgang des Kaiserreichs mit den Sozialdemokraten. Er unterstützt den antisemitischen und konservativen „Gelben Sozialismus,“ kämpft für höhere Rüstungsausgaben und wird 1914 wieder gewählt. Mit Kriegsausbruch bittet er um seine Reaktivierung und wird zum Kommandeur der Chasseure. Anderthalb Jahre später stirbt er im bois des caures.

Unser Held ist also ein antisemitischer, antiparlamentarischer, militaristischer Imperialist.

Die Deutschen behalten Driants Wald, bis kurz vor Kriegsende die Amerikaner kommen. Das nicht weit entfernte Dorf Beaumont wechselt bis 1918 17 mal den Besitzer. Die Verdunschlacht gilt bis heute als eines der sinnlosesten Gemetzel der Militärgeschichte, in dem das Deutsche Reich und Frankreich sehr ungenau geschätzt jeweils etwa 350.000 junge Männer verheizen, nur um im Dezember 1916 wieder da anzukommen, wo die Sache im Februar ihren Anfang nahm. Und Driant liegt während dieser ganzen Zeit in einem relativ simplen Grab, dass die Deutschen Eroberer seines Waldes ihm gruben. Immerhin mit allen militärischen Ehren. Im April erhält Driants Witwe über die neutrale Schweiz die persönlichen Dinge ihres Mannes mit der deutschen Versicherung, man habe ihn ehrenvoll mit seinen Männern beerdigt. Ab da explodiert die Sage um den Caures-Wald. Die französische Regierung braucht dringend Helden, um die Moral in Truppe und Bevölkerung stabil zu halten. Die Zeitungen sind plötzlich voll mit Driant, in Notre Dame wird ein staatlicher Gedenkgottesdienst abgehalten. Driant ist jetzt ein offizieller Held, das bleibt er bis heute. An jedem 23.02. gibt es eine Gedenkfeier an seinem Mahnmal.

Über dem Bois de Caures ist Ruhe eingekehrt, wenn nicht ausgedehnte Baumfällarbeiten tagelang die Hänge leermachen oder die französische Armee auf dem nahegelegenen Schießplatz trainiert. In den Gräben steht Wasser, im Sommer muss hier ein Mückenparadies sein. Ein kühler Wind raschelt in den trockenen Blättern auf dem Boden. An einem Baum lehnen einige vergessene Weinflaschen und ein zerfetztes Stück Stahlträger.

Im Wald selbst fallen die letzten Schüsse einige Stunden vor dem offiziellen Kriegsende am 11. November. Obwohl der Waffenstillstand bereits vereinbart ist, befiehlt die amerikanische Heeresführung kurz vor Abpfiff noch Angriffe auf die deutschen Stellungen im Wald. Die Deutschen wehren – ebenso sinnleer – den Angriff noch einmal ab, Dutzende junger Amerikaner werden Stunden vor Kriegsende noch getötet. Sieht irgend jemand Helden?

Was, wenn Driant seinen Wald nicht verteidigt hätte?

Spekulative Geschichtsschreibung ist schwierig. Wir wissen immer genau, wie Entwicklungen ausgingen und nehmen die Ergebnisse als zwangsläufig oder unveränderlich war. Hätte Driant nicht ausgehalten, wäre Falkenhayns Plan geglückt, wäre Frankreich verloren gewesen, so das Narrativ. Davon können wir doch ausgehen – oder etwa nicht? War doch so – – – oder?

Die Idee hinter der Verdunschlacht war an mehr als an einer Stelle irrsinnig und verblendet. Wer könnte beschwören, dass ohne Driants Opfer die Deutschen wirklich bis nach Verdun vorgestoßen wären, dass der französische Generalstab tatsächlich blind seine gesamte Armee aufgeopfert hätte, dass nicht der Krieg denselben Ausgang genommen hätte, mit leicht verändertem Frontverlauf und einem völlig zerschossenen Verdun? Wer sagt, dass die Chasseure nicht bei Beaumont viel weniger verlustreich die Deutschen hätten abwehren können? Aber dann wäre Driant heute kein Held sondern nur ein weiterer Weltkriegsteilnehmer.

Driants Opfer war die Opferung seiner Männer. Die Überlebenden schilderten Driant als beliebten und fürsorglichen Kommandeur, dem sie gerne ins Feuer folgten. Aber am 23. Februar 1916 endeten auch 1200 zumeist junge Leben, Familienväter, Verlobte, Jungverheiratete, Söhne, die nie ihre Kinder aufwuchsen sahen, die nie im Leben ankommen sollten. Hätten sie die Wahl gehabt, was sie sein wollten: Helden oder lebendig? Wie hätten sie wohl geantwortet?

Aber die Entourage des Helden fragt man nicht.

1922 wird Driant nach langer öffentlicher Diskussion aus seinem deutschen Grab exhumiert, er soll anhand seiner Uniform leicht zu erkennen gewesen sein. Er ruht im Kreis seiner toten Männer/Jungs im großen Mausoleum mit wehender Trikolore. Emile Driant heißt Emile Driant. Seine Männer um ihn heißen „Soldat Inconnu.“

Es ist immer schwer die nationalen Symbole von anderen Nationen anzugehen, vor allem wenn es sich um ein Nachbarland handelt, das mir von allen Nachbarn der Liebste ist. Aber es geht nicht anders. Wenn ich durch die tiefen, stillen Wälder wandere, wenn ich die Trichter und Gräben passiere, die zerschossenen Essgeschirre und die rostigen Granaten, dann sehe ich da keine Helden, nirgendwo, auf keiner Seite. Ich sehe nur bedauernswertes Leid von geschundenem Fleisch. Zu jungem Fleisch.

Helden werden ausgewürfelt.

Und zwar dann wenn sie tot sind, von Leuten, die an Schreibtischen sitzen, weit weg von jeder Granate und jedem Schützengraben. In jedem Februar wird am Mahnmal bei der Kreuzung von D125 und D905 eine offizielle Feierstunde abgehalten.

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