Meine Familie altert und denkt aus diesen Gründen bereits jetzt ans Aufräumen. Auf diesem Weg ist schon eine formidable Plattensammlung mit Rock-Alben der 60er und 70er-Jahre in meinen Besitz übergegangen (sollte ich mal darüber bloggen?). Auf dem selben Weg kam so Anfang des Sommers eine Munitionskiste aus dem Ersten Weltkrieg in meine Wohnung.

Ist es wirklich eine Munitionskiste aus dieser Zeit? Stempel oder Beschriftungen waren auf dem Ding nicht zu entdecken. Die Familienlegende sagt allerdings klar ja. Sie stand früher auf der Bühne (für alle Preußen: dem Dachboden) und war da schon immer, der Opa, der im Krieg Lokomotive gefahren ist, hat das so erzählt (mein Uropa, nie kennengelernt) und deswegen werde das schon so sein. Ein Faktencheck im Internet bringt nicht viel hervor. Es gibt wenig Fotos von originalen deutschen Munitionskisten im Netz, die wenigen, die man findet, offenbaren eine gewisse Vielfalt an Formen und Bauweisen. Vermutlich machte das jede Patronenfabrik irgendwie nach Hausrezept. Von der prinzipiellen (ziemlich stabilen) Bauweise und vom Stil der Beschläge her könnte es jedenfalls sein, und wenn es mit der mündlich tradierten Provenienz zusammen geht – von mir aus.

Und eigentlich ist es auch egal, denn es ist in jedem Fall eine ziemlich stabile, alte Holzkiste mit schöner Patina. Dickes Holz. Was also fange ich damit an, sagte ich mir, als sie in meinem Wohnzimmer stand und mich gemütlich ankuckte. Ich könnte einfach einen der Kartons auf meiner Bühne (habe ich euch gerade erklärt) ausräumen und den Inhalt ab jetzt in einer stilvollen Kiste lagern. Aber dann steht sie eben wieder auf einem Dachboden rum – schade drum. Oder ich … verwandle sie in einen täglichen Gebrauchsgegenstand.

Mit eines der ersten Bastelprojekte in meiner kleinen Wohnung war ein Couchtischchen aus Weinkisten. Das war vor 10 Jahren mal in und die Dinger sind einfach miteinander zu kombinieren. Aber wirklich schön ist das Weinkistenholz nicht und na ja … man sieht sich satt nach ein paar tausend Abenden auf der Couch. Man könnte sich auch von dieser Konstruktion mal verabschieden.

Aus der Patronenkiste wird also mein neues Tischchen.

Erster Schritt: Die Kiste vorsichtig mit einem feuchten Lappen von Staub und Schmodder befreien und dann mit Antik-Möbelwachs schön eincremen. Das gefällt der Kiste und offenbart am Ende eine ganz hübsche Farbe und den Glanz des alten Holzes. Dann muss vor dem Schrauben erst einmal überlegt werden.

Der Bauplan war diesmal weniger Aufwand und Plan-Überarbeitungs-Schleifen als beim großen Wohnzimmer-Tisch in fünf Akten. Einzige Bedingung: An der historischen Kiste wird nicht rumgeschraubt oder rumgebohrt, sie soll einfach auf einen Rahmen stabil aufsitzen. Zunächst mal heißt das: Messen, messen, messen. Und surprise: Die Fabrikschreiner haben nicht ganz sauber gearbeitet, eine der aufgenagelten Querlatten auf dem Deckel ist nicht rechtwinklig sondern schief. Das macht es später schwieriger.

Der Plan
Das Material, frisch vom Anbieter

Ansonsten ist die Idee der Konstruktion denkbar einfach, unten kommt noch eine Platte rein, um die Fernsehzeitschrift abzulegen. Spaß, ich habe natürlich keine Fernsehzeitschrift, aber eine C64-Replica mit Joysticks, die muss da rein.

Wenn ich mich nicht verrechnet habe, dann müsste das ganze Gebalke aus zwei 7×7-Hobelbalken aus dem örtlichen Baumarkt zu zimmern sein und wie wunderbar ist es doch, dass mir der Baumarkt den Scheiß auch gleich auf Maß zusägen kann.

Und trotzdem verrechnet. Zweimal.

Der fertige Grundrahmen.

Zum einen habe ich den Bauholzmangel in Deutschland nicht bedacht. Die Balken in 7×7 gab es nur noch in teurer Douglasie, aber gut, wer selber baut spart eben kein Geld, so war das schon immer, und dann sieht das Holz eben ein wenig hochwertiger aus. Zum anderen hatte ich bei einem Balken nicht bedacht, dass das Sägeblatt immer einen Millimeter oder zwei wegnimmt, so dass am Schluss die Beine eben 29,7 cm wurden. Sei’s drum.

Das Zusammendübeln der Rahmen ging dann eigentlich recht flott, abgesehen davon, dass dicke Balken eben ein wenig widerständiger sind als dünne Latten. Gearbeitet habe ich wieder mit meiner bewährten Leim&Schrauben-Kombi. Zunächst dachte ich, dass der 7cm Querschnitt der Unterkonstruktion slightly overdone ist. Isser natürlich, keine Frage. Als es dann vor mir steht, finde ich, dass die Wuchtigkeit der Konstruktion eigentlich ganz gut zu der ebenfalls etwas wuchtigen Kiste passt.

Sie passt auch ziemlich genau rein. Uffz.

Farbe passt

Der Kontrast zwischen dem hellen Bauholz und der altersdunklen Kiste war aber eher unschön, also kommt eine dunkelbraune Lasur auf meinen Rahmen und nun ergibt das Ding farblich ein Ganzes. Am Ende blieb eine Frage allerdings stehen: Jetzt, nachdem ich extra darauf geachtet habe, dass der historischen Kiste kein Bohrer und keine Schraube zu nahe kommt – will ich wirklich auf der alten Oberfläche Biergläser und Chillischüsseln abstellen? Und kleckern?

Beide Teile getrennt und verheiratet.

Zugegeben: Die auf Maß gefertigte Plexiglasplatte war mit ca. 50 Euro nun wirklich nicht billig, vor allem wenn man die Kanten brechen lässt und die Ecken abrunden. Aber niemand will sich an einem Couchtisch den Oberschenkel aufreißen, ich auch nicht. An die durchsichtige Platte wurden einfach kleine Leisten geschraubt und zwar so, dass sie eng mit den Querlatten des Deckels abschließen. Das klemmte am Ende so gut, dass ich den Deckel hochklappen kann, ohne dass die Platte ins Rutschen kommt, man kann sie natürlich auch jederzeit abnehmen. In der Kiste selbst ist jede Menge Platz für Geraffel. Die Munition war ja gottseidank nicht mehr drin.

Ich mag mein neues Couchtischchen.

Innen nicht ganz so hübsch, aber praktisch.

Der alte Couchtisch hat sich wieder in vier Kisten verwandelt, die jetzt wiederum Kartons auf der Bühne ersetzen. Circle of Life.

Ehrliche Endkritik:

  • Obwohl ich mir beim Rahmen Bauen versucht habe Mühe zu geben, wackelt der Tisch, wenn ich auf eine Ecke drücke. Doof, aber so ist es nun eben.
  • Ich bin mir nicht sicher, ob die Designentscheidung, die Plexiglasplatte links und rechts überragen zu lassen, eine gute war: Zum einen wirkt das Möbelstück damit ein bisschen wie eine seltsame kubistische Pagode aus einem Space-Invader-Level …
  • Zum anderen dachte ich, eine 4-mm-Platte wäre steif genug; Im nachhinein würde ich 6 mm nehmen, obwohl das noch einmal teurer wäre. Aber die Ecken sind mir etwas zu wabbelig. Es ist jetzt nicht so, dass mir das Limo-Glas herunterrutscht, wenn ich es am Rand abstelle, aber insgesamt könnte die Deckplatte vom Feeling her steifer sein.
  • Zufrieden bin ich dennoch. Schließlich bin ich gelernter Deutschlehrer, wenn mir ein Schreiner eine schöne Kurzgeschichte einreicht, dann will ich da eigentlich auch nicht überkritisch sein. Und es war ein befriedigendes Gefühl, am ersten Abend meine Füße darauf abzulegen und auf meine Beamerleinwand zu kucken.
Und so mit Platte. Tadaaa!

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3 Kommentare

  1. Ja, was nicht passt, wird passend gemacht. Die Hälfte meiner Möbel sind auch selbst zusammen geschustert, weil in der Konfektion nichts zu finden war. Schreiner bräuchten zwar nach dem Betrachten jede menge Haarfärbemittel um das Weiß zu kaschieren, aber die Sachen erledigen ihren Job seit Jahren anstandslos und werden bis zur Wohnungsauflösung durch die Stadt als Nachlassverwalter auch ihren Dienst weiterhin tun.

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