Fuck, ist mein Leben großartig.
So, da habt ihrs, unverblümte, echte Lebensfreude bei Grumpy Old Boy. Der pessimistische alte Hippie mit Bus, Stänker-Achim, Nörgel-Pauker, linker Apokalyptiker, ist fast so was wie glücklich. Manchmal, wenn richtig gute Mucke auf meinem Radio läuft, die Landschaft sich öffnet und Gaspard treu vor sich hin schnurrt, dann muss ich tatsächlich laut auflachen vor Freude über meine derzeitige Situation. Vor allem, wenn mir klar wird, was sonst so normalerweise Mitte September mein Lebensmittelpunkt wäre. Happy, go lucky, dummbesoffen vor Dusel, Epikuräer-Achim.
Wurx, ist das eklig.
Apropos Gaspard. Mittlerweile hat sich zwischen uns eine innige Zweierbeziehung entwickelt. Ich freue mich, wie brav er die Meilen abspult, meine Handgriffe werden immer routinierter und das meiste funktioniert so, wie ich es mir ausgemalt habe. Gaspard und ich sind jetzt Freunde. Manchmal streichele ich sein Lenkrad, als wäre er ein treuer alter Esel, der Zuneigung genießt. Zwar bezweifle ich rein rational, dass ein über 20-Jahre-alter Nissan-Bus viel Liebe empfinden kann, aber auf emotionaler Ebene wünsche ich mir, dass der alte Racker auch für mich etwas empfindet, weil ich gut zu ihm bin. Wir werden sehen, wie wir über die Pyrenäen kommen, denn bergauf ist Gaspard genau so schlecht wie ich. Gemeinsamer Makel verbindet.
Jedenfalls stehen wir kurz vor der Bergkette, genauer gesagt cruisten wir heute, Montag den 16.09.2024, von La Rochelle nach Biarritz. Die Nacht auf dem Parkplatz am Park war ok und sehr ruhig, morgens vor dem großen Verkehr raus auf die Straße und runter nach Süden, bis wir das große alte Seebad erreichen. Wie so oft ist der erste Stop der größte Supermarkt der Stadt – Benzin, Proviant und free WiFi um mit dem Uralt-Laptop den Blog mit den neuesten Einträgen bestücken zu können. Dann an den mondänen Strand. Napoleon hat hier seiner Frau eine Kur-Villa errichtet. Danach traf sich in Biarritz das Adels-Pack bis in die Fifties hinein und das sieht man der Stadt auch an.
Biarritz sieht aus wie ein zweieinhalb Stunden langer Claude Chabrol Film aus seinem Spätwerk, gedreht 1986, spielt aber 1912 in einem Seebad, im Zentrum steht eine großbürgerliche Familie, und bis nach 45 Minuten klar ist, worum es eigentlich geht, bist du vor dem Fernseher eingeschlafen und es bleiben nur großartige Kostüme und Kulissen in deinem Gedächtnis zurück. Biarritz ist genau so. Man sieht vielen Gebäuden das lange, geldgeschwängerte Erbe an, dem immer noch protzigen Hotel Imperial, dem architektonisch beeindruckendem Casino. Dazu die atemberaubende Küste und der auf der Klippe thronende Leuchtturm. Zwischen die historische Substanz des alten Seebads hat man offensichtlich in den 70ern und 80er-Jahren versucht, neue Hotelbunker für die breite Masse zu setzen, nachdem die Adligen vermutlich langsam etwas knapp wurden.

Hat semi-gut funktioniert.
Die Betonburgen aus dem späten 20. Jahrhundert sehen mittlerweile schlechter und vergammelter aus als die Bauten der Belle Epoque und trüben etwas den Eindruck von Hochklasse und Mondänität. Biarritz hatte bessere Tage, aber die Karren vor dem Imperial sind immer noch sauteuer und die Ladenstraße ist mit Edelmarken zugeklatscht. Interessanterweise funktioniert Biarritz besser als La Rochelle als Stadtarchitektur. Wo bei ersterem Touri-Magnet alles an einem Punkt zeitaktuell hingestaged wurde und dadurch nach Fake riecht, zeigt Biarritz bei aller Kommerz-Orientierung gewachsene Strukturen und historische Schichten, die mehr sind als nur Geschichtskulisse.
Trotzdem hält es mich hier nicht lang, außerdem sind die Kreisverkehre die Hölle hier, mit dem Fahrrad genau so wie mit dem Bus. Keine Chance, dass ich schon wieder auf dem Parkplatz neben einem Naherholungsraum schlafe, denn diesmal ist der längst nicht so großzügig und abgeschieden wie gestern in La Rochelle. Ich suche mir am Abend noch einen Stellplatz ganz weit draußen, Picknickplatz im Bergwald.
Er ist riesig.
Leider sind noch zwei andere, eher verkniffen grüßende Camper angekommen, aber gut, der Traum von der Waldeseinsamkeit ist wohl zu vermessen. Ich hatte Gemüsereis, Bohnen und Tomatensalat, ich stehe einigermaßen eben und habe noch ein kühles Bier in der Truhe. Sogar Schoki liegt bereit. Morgen habe ich nach den beiden langen Schlägen eine ziemlich kurze Strecke vor mir, bis Bilbao. Damit sage ich Adieu zu Frankreich (fürs Erste) und grüße Spanien so, wie ich es als Kind gelernt habe:
