Es regnet. Seid Oradour, ohne Unterlass. Es trommelt auf Gaspards Dach, dicke Tropfen ploppen durch die Bäume, unter denen ich stehe, es regnet wenigstens nur ein bisschen, als ich mir meine Reispfanne koche, es regnet sehr, als ich mich hinlege, mitten in der Nacht wache ich auf, weil der Regen so auf das Dach trommelt und als ich im grauen Licht erwache, regnet es zur Abwechslung Bindfäden.
Meine Laune sinkt.
Es war mir schon klar, dass ich bis jetzt auf der Tour unglaubliches Schwein hatte, was das Wetter betrifft, und dieses Glück nicht ewig halten konnte, aber nun ist der Herbst echt mies da, Blätter kleben nass auf dem reflektierenden Asphalt und sie sagen mir deutlich: Achim, dein Sommer ist nun zu Ende.
Limoges ist eine nicht sehr bemerkenswerte kleine Stadt mit ein paar schönen alten Straßenzügen und einer ziemlich bemerkenswerten Kathedrale, die den Besuch sehr lohnt. Es gibt hier außerdem ein Resistance-Museum, das eigentlich den logischen Anschluss an den Oradour-Besuch bietet. Es ist nicht teuer, besteht aber aus sehr viel Text auf Französisch. Inzwischen lese ich die Sprache nicht schlecht und das ist hier auch nötig. Dann kann man einiges über die Resistance als komplexe Organisation und die Vorgänge um Limoges lernen, dazuhin ganz allgemein über Frankreich im zweiten Weltkrieg und das Vichy-Regime. Star ist ein erbeutetes italienisches Jagdflugzeug als Ausstellungsstück, ansonsten, Text und Dokumente, intensiv, dicht, gründlich.
Apropos Vichy: Auf der Fahrt eben dahin lösen sich Gaspards Scheibenwischer auf – na klar, es regnet, was sonst – und flitschen mir in Fetzen über die Windschutzscheibe. Es gelingt mir an einer Renault-Werkstatt im Niemandsland ein paar Neue zu erstehen, auch wenn die Konversation mit dem Mechaniker sicherlich sehr lustig für ihn war.
Wischblätter heißen übrigens Balais d’essuie-glace. Echt.
Tja, Vichy. Philippe Petain ist auch so eine Figur, die mich durch alle Frankreichreisen hindurch verfolgt. Erst 1916 als der große Stratege der Schlacht bei Verdun, französischer Volksheld, dann am Ende Chef einer brutalen Marionettendiktatur von Hitlers Gnaden. Den letzten Akt seiner Karriere nach unten spielt er in Vichy, einer kleinen Bäderstadt mit schönen Bauten, die er zur Hauptstadt des unbesetzten Frankreichs macht, so dass man bis heute vom „Vichy-Frankreich“ spricht. Man sagt, es habe am guten Ausbau des Telefonnetzes im reichen Kurnest gelegen.
Davon merkt man in Vichy aber nix mehr. Die Stadt macht ganz auf Belle Epoque und Bäderkultur und stellt ihre Geschichte vor allem als Kur-Historie dar. Spannend. Ich hätte echt erwartet, dass es so etwas wie ein Kollaborationsmuseum gibt, aber nein: Ich konnte nicht mal herausfinden, von welchen Gebäuden aus Petain und Konsorten damals eigentlich regierten.
Schämt sich Vichy bis heute?
Ansonsten besteht Vichy aus historischen Bauten, großen alten Parks und viel Renovierungsarbeiten. Ne Oper (geschlossen). Ich mache mich nach zwei Stunden vom Acker, weil ich die Kleinstadt öde finde, da hatte noch Limoges mehr zu bieten.
Jetzt bin ich wieder ins Niemandsland geflüchtet. Das Massiv Central ist dünn besiedelt und ich stehe auf einem Kiesparkplatz am Waldrand. Alle halbe Stunde fährt mal ein Auto vorbei und um mich herum heult ein schauerlicher Wind heute Abend. Es regnet nur noch gelegentlich.
Wenigstens ist es mild.
