Von Anzio nach Neapel ist der Hüpfer nicht zu groß. Ich habe am Morgen genau einen Fischer gesehen, der starrte mich aber wirklich böse an. Zum Glück war ich schon am Fahrschuhe anziehen, sonst wäre ich womöglich als Beifang für die Fischstäbchenfabrik geendet.

Schon gegen 10.00 düse ich … um Neapel herum. Ein guter Freund hat mir die Phlegräischen Felder südlich von Neapel empfohlen, eine riesige Vulkanbubble, eine tickende Zeitbombe und ein äußerst dicht besiedeltes Gebiet, wie ich noch feststellen werde. Dante hat hier den Eingang zur Unterwelt verortet, was ja halb richtig ist, denn eigentlich ist das ja ein Ausgang für die Unterwelt, aber nun gut.

Klassische Bildung und Qualm – genau meine Schnittmenge.

Kurz nach 10.00 stehe ich nun also am Hang von Pozzuoli und blicke in ein tatsächlich ziemlich beeindruckendes kleines Vulkanfeld aus dessen weißem flachen Boden dramatische Rauchsäulen wallen. Alte Google-Einträge sind voll des Lobes über den Spaziergang durch diese einmalige Fläche, leider gab es 2017 einen tragischen Unfall, bei dem ein Kind zu Tode kam und seit dem ist der Krater „vorrübergehend geschlossen.“ Auch der Campingplatz daneben sieht völlig verrottet aus. Die Geschichte macht mich jedenfalls ein durchaus betroffen.

Es ist vielleicht keine gute Idee, mit einem Kind durch einen Vulkankrater zu laufen. Ich beschließe den Kegel zu Fuß zu umrunden, ob man eventuell von der anderen Seite noch ein bisschen besser hineinsehen könnte.

Spoiler: Kann man nicht.

Der Weg führt mich zunächst durch ziemlich tote Vororte, alles in den neapolitanischen Nationalfarben gekleidet: Rost, Beton und Plastikmüll. Außerdem ist Neapel das Land der Zäune. Fast jeder Meter der Strecke hat links und rechts Mauern oder Metallgitter, und das angesichts des Rostes wohl nicht erst seit 2017.

Zur Haben-Seite des Tages: Ich wandere teilweise im T-Shirt (zumindest bergauf) und hier wachsen im Januar Zitronen an den Bäumen. Das Projekt ab in den Frühling hätte ich damitwohl abgeschlossen.

Eine klare Warnung an herumirrende Touristen im Gewerbegebiet!

Letztendlich lande ich im Industriegebiet an der Grenze von Pozzuoli und Neapel zwischen Recyclinghof, Baubetrieb und allen Autohändlern Neapels, die sich hier ballen. Es ist wirklich, wirklich hässlich. Ich streiche den Tag im Geiste schon ab, als: Es aus dem Fordhändler raucht. Und stinkt.

Tatsächlich hat das große Autohaus zwei Minivulkane neben dem Vorplatz die kräftig schmauchen und ich bin nicht wieder 800 Meter davon entfernt. Excellent! Ein paar Meter weiter sieht der Straßenhang aus wie ein Schwamm, oben kommt weißer Qualm raus, unten Schwefel, es riecht, als hätte Donald Trump zwölf Spiegeleier in Schweinesülze gekotzt. Wenn man die Hand an die Risse hält, spürt man die Hitze! Ich bin im Paradies.

Ford hat Minivulkane

Vulkanismus at it’s finest.

So gefährlich kann es nicht sein, wenn hier jeden Tag ein paar hundert Autos mit 70 drüberbrettern. Der Nachteil ist, dass ich noch 45 Minuten von hier zurücklaufen muss, an einer Autostraße ohne Gehweg, bergauf. Eine kleine Bar mit Plastikstühlen und Süßgebäck rettet mich dann aber, betrieben von zwei sehr netten älteren Italienerinnen, die sich aber definitiv deutlich darüber wundern, wie es mich im Januar hier in diese Ecke verschlagen hat.

Zurück in Gaspard – ich brauche einen Schlafplatz und der Blick in die App beweist dass Neapel für Camper ein mindestens so schwieriges Pflaster ist wie Rom. Es gibt einfach quasi nix außer irgendwelche hässliche Parkplätze. Das Konzept Paris – in Versailles pennen, mit dem Zug reinfahren – klappt hier nicht. Das Konzept Berlin – im Außenbezirk pennen, mit dem Fahrrad reinfahren – klappt hier nicht. Ich scanne immer größere konzentrische Ringe um Neapel ab, bitte alles, bloß kein Parkplatz.

Dann ziehe ich das große Los. Einmal im Leben.

Eigentlich steuere ich das Bergdorf Caserta nur an, weil die Beschreibung in der Wildcamperapp ganz ansprechend klingt. Schöner Blick und so. Halt arschweit weg von Neapel. Auf dem Weg fällt mir schon irgendein UNESCO-Weltkulturerbe-Schild auf, aber Na ja, wir sind am Golf von Neapel, hier kannst du keine Tüte voll Plastikmüll herumwerfen, ohne was Römisches zu treffen. Dann lande ich in Caserta.

Ich habe das dumpfe Gefühl, ich war schon einmal in ähnlichen, engen mittelalterlichen Gässchen unterwegs, alle schön sauber gepflastert, kein Rost, kein Beton, kein allgegenwärtiger Müll, nur historische Bausubstanz. Könnte auf einer griechischen Insel gewesen sein. Gut, das Bergdorf besteht ökonomisch nur aus Restaurants und Krimskrams-Läden, was zeigt, dass man im Juli hier nicht herfahren muss, aber im Januar ist eine angenehme Menge an Besuchern unterwegs. Die Kirche hat eine romanische Fassade vom Feinsten. Was sage ich da, Kirche: Es ist ein Dom, ganz offiziell. Die Burg aus dem 12. Jahrhundert ist ziemlich groß, als Ruine beeindruckend und … abgesperrt. Mein Leitmotiv. aber Weltkulturerbe passt hier schon ganz gut zu dem einmaligen Örtchen. Und dann ist da dieser Blick aus meiner Bustür:

Tadaaaaaa!

Damit werde ich heute Nacht einschlafen und morgen früh aufwachen. Ich habe jetzt das erste Mal den Klapptisch und den Stuhl herausgeholt und mit diesem Ausblick über Neapel bis zum Meer gespeist. Spinatmaultaschen mit Tomatensalat hoch über Neapel, war vielleicht ein First.

Mir gehts schon ganz gut…

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