Oh je – eventuell ist der Tiefpunkt meiner Tour erreicht. Oder besser hoffentlich. Schlimmer geht immer. Zweimal musste ich von Stehplätzen quasi fliehen. Das erste mal von meinem Strandplatz, weil der Wind so heftig wurde, dass Gaspard wackelte und Gischt über den Wellenbrecher auf den Bus sprühte. Das wurde mir zu heikel, außerdem kann ich so weder kochen noch mich waschen. Also kämpfe ich mich im Stockdunklen und bei einsetzendem Regen ins bergige Hinterland, wo es tatsächlich einigermaßen windstill und trocken zu sein schien. Beim Abwasch erwischt mich allerdings der nachrückende Regen und diverse Dinge werden nass.

Das Ganze hängt mit einem üblen Tiefdruckgebiet vor Syrakus zusammen.

Eigentlich wäre der neue Parkplatz direkt neben einer fabulös bewerteten Schlucht mit noch mehr Felsengräbern und diversen Naturwundern wie Grotten und Wasserbecken gelegen. Es hörte sich wirklich ganz wundervoll an als Projekt für den folgenden Tag. Aber schon in der Nacht weckt mich der trommelnde Starkregen auf das Dach immer wieder auf. Und als wäre das nicht genug: Gaspard Seitentür ist nun definitiv nicht mehr ganz dicht und die Suppe läuft die Korkiso hinunter. Am frühen Morgen ist der Regen dann beängstigend, und ich entschließe mich zur zweiten Flucht. Ich bin inzwischen ziemlich flott darin, Pegasus hinten anzuschnallen, aber die drei Minuten draußen genügen, um mich trotz Regenjacke großteils zu durchnässen. Auf, raus aus den Bergsträßchen.

Aber schlimmer geht immer.

Ich war schon sehr misstrauisch angesichts der schmalen Straße mit Mauern links und rechts, durch die mich Google Maps (ja, schon wiiiiiiieeeeeder!1!) zur Bundesstraße lotsen wollte, aber eine Recherche ergab, dass die Alternative durch die Gassen der nächsten Bergstadt führen würde, und vielleicht ist Maps ja vielleicht einmal zuverlässig und informiert in seiner Wegfindung.

Ihr könnts euch denken.

Der Weg wird steil und enger. Links und rechts nicht viel Platz. Ein einsamer Metallzaun aus dem heraus im strömenden Regen drei deutsche Schäferhunde durchdrehen und mich ankläffen. Dann, nach einem Kilometer Schleichgang vor mir: Ein Zaun über die Straße, aus Latten und Draht. Ende Gelände.

Ich bin gefuckt.

Ich bin nämlich wirklich schlecht im Rückwärtsfahren. Mit zwei Hand Abstand links und rechts auf die allgegenwärtigen Mauern kriege ich den Bus einfach nicht kollisionsfrei zu irgend einer Wendemöglichkeit. In solchen Situationen bekomme ich in der Regel ziemlich viel Adrenalin und bin dann zu einigem fähig. Eine Google-Manager*In, die ich über den Zaun zu den Schäferhunden werfen könnte, habe ich gerade nicht greifbar. Alternativ könnte ich allerdings auf Privateigentum scheißen. Der Zaun lässt sich nämlich an einer Seite ausschlaufen, zur Seite wuchten … Und im Grunde kann ich jetzt auch nur noch vorwärts. Gedacht, gemacht, mit Gaspard durch, hinter mir den Zaun wieder zuzerren, re-verschlaufen, alles natürlich im Starkregen aus der Hölle.

Die spannende Frage ist: Was ist der Hintergrund des Zaunes? Schützt da nur jemand seinen Grund und Boden vor fremden Fahrzeugen oder ist die Straße einfach zu gefährlich (noch gefährlicher, als bisher)?

Die Antwort: 66 % A, 33 % B. Die Straße wird zum Feldweg, meist Geröll, streckenweise Restflecken von bröckelnden Asphalt, Schlaglöcher in Kellergröße, abschnittsweise auch mal nackter Fels. Google Maps sagt mir fröhlich, dass ich auf der richtigen Strecke bin, noch 2,4 Kilometer bis zur Bundesstraße. 2,4 Kilometer werden lang im anderthalbten Gang.

Nach 800 Metern stehe ich vor dem zweiten Zaun ganz ähnlicher Bauart, dahinter schemenhaft vor dem Frühlicht ein verfallenes Gehöft. Verfallen heißt hier nicht unbedingt, dass es nicht trotzdem von einem Menschen mit einer Flinte bewohnt sein könnte. In Süditalien ist der Übergang von „bewohnt“ zu „Ruine“ sehr allmählich. Allerdings könnte ich auf dem Hof des Gehöfts wenigstens im Notfall wenden. Die Abwesenheit eines durchdrehenden Hundes weist wiederum stark auf eine aufgegebene Ruine hin. Meine kriminelle Ader ist immer noch belastbar. Zweiter Zaun auf, in den Bus springen, durchtuckern, Zaun wieder zu. Flucht nach vorne.

Der Weg wird schlechter, stellenweise ist er nur noch zu erahnen. Schließlich jogge ich die letzten 500 Meter im Starkregen zu Fuß voraus, um die Befahrbarkeit abzugehen. Meine Sneaker schwimmen, ich bin auf alles wütend. Es würde einigermaßen gehen, aber vor der Mündung in die breitere Straße, da: Ein dritter Lattenzaun über dem Weg. Kurzer Schock: Diesmal ist er mit einer Kette gesichert, aber zum Glück: Das Schloss ist offen.

Ich bin raus und kann mir ein trocken(eres) Plätzchen suchen.

Zunächst setze ich mich auf der Flucht vor Kälte, Sturm und Regen nach Ragusa ab – hier soll heute laut Prognose ein Wetterloch sein. Ragusa ist Weltkulturerbe, wegen seiner Lage in einer Schlucht. Ich mache es kurz: Ich verstehe nicht warum, die Stadt ist größtenteils ziemlich hässlich. Ich trinke einen Cappuchino, esse ein Hefeteilchen mit viel zu viel Schokocreme darin und stehe danach wieder: im Regen. Und dann mit Pegasus zurück zum Parkplatz. Wieder alles nass.

Weltkulturerbe

Ich hasse den Regen.

Faxen dicke. So weit wie möglich weg von diesem Tief. Es wird eine lange Fahrt, aber gegen Spätnachmittag habe ich den Westen Siziliens erreicht. Eigentlich hatte ich mich auf die Südküste sehr gefreut und sie sieht beim Durchfahren toll aus. Aber ich will raus aus diesem Regen.

Jetzt sitze ich in Marsala. Es ist kühl und windig, aber trocken. Außerdem habe ich jetzt einen Schnupfen, der sich hoffentlich nicht zu einer fetten Erkältung ausweitet. Wenn ich nicht wüsste, dass wir derartige Widrigkeiten uns durch Mikroben einhandeln, würde ich den Regen einmal mehr hasserfüllt beschuldigen.

Und Google.

Marsala ist übrigens sehr schön. Geschlossen erhaltenes Stadtbild aus dem 18. Jahrhundert, es wirkt ein bisschen wie eine spanische Kolonie, und es war ja auch mal eine. Hätte das UNESCO-Weltkulturerbe einhundert mal mehr verdient. Manzara versöhnt mich ein bisschen mit dem Tag, aber Wärme und Sonne sind erst mal passé. Mal schauen, ob ich den Trip verkürze.

Ach ja: Die Kühltruhe geht nicht mehr. Im besten Fall ist nur die Sicherung von der Anschlussbuchse durch wie beim ersten Mal, aber um da ranzukommen, muss ich erstmal ein bisschen was wegschrauben.

Seufz.

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