Der Morgen dämmert grau und die Wetter-App sagt: Regen. Nur einmal heute. Mein Programmpunkt liegt leider am anderen Ende Wiens, deshalb gehe ich früh los und stehe gegen neun: Am Zentralfriedhof.

Wusstet ihr, dass es eine europäische Friedhofsroute gibt?

Kleines Geschichtsupdate: Nachdem die Wiener ihre Toten 40 Jahre unter den Stephansplatz gestopft hatten – es waren etwa 12.000 – kam Kaiser Rudolf auf die Idee, dass es gar keine gute Sache sein könnte, das Zentrum der Stadt mit Kadavern zu unterfüttern. Das Grundwasser hatte merklich gelitten und die Leute beschwerten sich über den Geruch auf dem Markt. Es dauerte nur weitere hundert Jahre, bis der Plan reif wurde, der Stadt einen neuen, riesigen Kirchacker vor den Toren zu spendieren, auf dem Platz für alle Ex-Wiener*Innen war. Der Zentralfriedhof. Zentral heißt also für alle, es heißt nicht gut erreichbar.

Ein Wort zu den Wiener Straßenbahnen. Sie sind arschlangsam und müssen mit den Autos an roten Ampeln warten. So erklärt sich das Schneckentempo, mit dem ich die schlappen 17 Kilometer zurück lege. Trotzdem stehe ich kurz vor 9:00 am beeindruckenden Tor 1 der Nekropole.

Perre Lachaisse in Paris ist ein spannendes Chaos aus kleinen gewundenen Wegen und Pfaden. Wien dreht genau anders herum: Das sieht man schon an der nüchternen Benennung des „Tor 1“, denn auch zwei und drei heißen nicht blumiger. Der Zentralfriedhof besticht durch die nüchterne Symmetrie des späten 19. Jahrhunderts und großzügige Alleen. Es tröpfelt inzwischen, aber hier auf dem Friedhof macht mir das spannenderweise gar nix mehr aus. Im Gegenteil, ich denke an Friedrich Dürrenmatt und „Der Richter und sein Henker“ und gerate zunächst auf den jüdischen Teil, wo die Grabsteine schief und krumm stehen und dazwischen ein Hirsch liegt und mich eine ganze Weile anstarrt, bis er sich lässig erhebt und davon schlendert.

Auch hier gilt die althergebrachte Wiener Klassengesellschaft: Direkt an der breiten geteerten Straße die Mausoleen der großen jüdischen Familien, der Rest darf sich klein, grau und geduckt dahinter versammeln. Und langsam wegsacken.

Überhaupt: feudalistisches Sterben.

Normalerweise geht man hier her wegen der Promis. Man kann hier endlich mal Leute stalken, die sich aufgrund ihres Lebensstadiums nicht mehr dagegen wehren können. Am prominentesten sind die sogenannten „Ehrengräber“, die man alle um die bombastische „Lueger-Kirche“, eine gigantische Aussegungshalle in Sahnetortenoptik findet. Hier sands alle versammelt: Ein kleines Batallion in Ehren verwester Burgschauspieler*Innen, Philosophen, Komponisten, Kabarettisten und Künstler. Je prominenter, desto extravaganter der Grabstein. Ich mache meine Aufwartungen bei Theo Lingen, Manfred Deix, Helmut Qualtinger und Franz Werfel. Natürlich ist Udo Jürgens mit seinem Marmorflügel, überhäuft mit Udo-Devotionalien, nicht zu vermeiden. Aber Falco toppt ihn noch, was freakiges Grab-Design angeht. Er hat zwei Grabsteine: Einen sehr bescheidenen mit „Hans Hölzel.“ Und einen Glamrock-Plexiglas-Gobelin für FALCO! Ein Ausrufezeichen in der Vergänglichkeit.

Fotos gefällig?

Besonders berührend, in meinem Fall sogar zu Tränen, ist das Feld mit den Baby-Gräbern. Es ist bunt. Voller Spielzeug und Glitzer. Und so erschreckend riesig. Ich hätte ehrlich nicht gedacht im 21. Jahrhundert so viele Mini-Gräber zu sehen, hinter jedem eine absolut herzzereißende Geschichte.

Danach bin ich reichlich nass und gehe Richtung Tor zwei oder drei, wo eine Konditorei mich begrüßt. Ich verspachtle eine Sachertorte mit einem großen Braunen und merke, dass ich Sachertorte nicht einmal besonders mag.

Das danach auf dem Plan stehende Museum der Bestattungskultur ist gut und zeigt viele Absonderheiten des Wiener Totenkults. Es ist ein sehr stilles Museum, nur ein ständig flüsternder Ami und seine ständig kichernde Ami nerven alle anderen unsäglich. Einziger Kritikpunkt: Etwas klein. Für 9 Euro Eintritt hätte ich mir vielleicht noch ein paar Räume zu vormodernen Beerdigungsbräuchen gewünscht.

Na ja, bis ich herauskomme und mich freue (noch) am Leben zu sein ist es 14.00 und der Regen ist stärker geworden. Meine Sneaker durchweicht und meine Lust auf mehr nasses Wien überschaubar. Ich schlage mich zum Schwarzenbergpark zurück, durch völlig überfüllte Straßenbahnen mit beschlagenen Scheiben, die durch den Regen im Schneckentempo zuckeln. Um 15.30 bin ich an Gaspard und fahre ein bisschen nach Süden.

Jetzt sitze ich in der Steiermark an einem See. Der Regen hat für den Abend aufgehört, so dass ich kochen und abspülen konnte. Dafür wird heute Nacht wohl recht frisch. Und morgen um diese Zeit bin ich dann wohl schon in Zagreb.

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