oder

Der Junge hat kein Glück.

Krack! Das Geräusch mit dem meine Brille gegen die Ecke des Klapptisch stößt, lässt keinen Zweifel: Ich habe sie geschrottet. Mit einem absolut frustrierten Grollen, ziehe ich sie von der Nase und starre auf das linke Glas in meiner Hand.

Heute war ein Tag mit Höhe- und Tiefpunkten.

Aber der Reihe nach. Zunächst erwache ich an einem perfekten Platz, direkt aus dem Campervermietungs-Katalog: Meer, Aussicht, Felsen und – Sonnenaufgang. Es geht ein bisserl ein kalter Wind hier oben, aber die Strahlen der roten Sonne auf dem Gesicht tun schon sehr gut. Ich bin komplett alleine hier. Und wild entschlossen, mich zu waschen.

Dann geht die Brille hinüber. Plastik halt. Nike-Gestell, aber halt trotzdem Plastik. Wenigstens kann ich die Fassung mit Klebeband zusammentütteln, aber eine Dauerlösung wird das nicht. Ersatzbrille – hätte ich mal besser mitgenommen. Hätte, hätte Fahrradkette.

Apropos: Habe ich erzählt, dass Pegasus auch im Arsch ist? Seit Wien hängt die Kette deutlich durch und ich vermute, dass es daran liegt, dass er nicht mehr schaltet. Also bin ich seit Wien auf der Suche nach einem Reperaturgeschäft.

Aber wenigstens komme ich bei strahlendem Sonnenschein an die bosnische Grenze. Ein höfiches Wort hier an alle, die irgendwie daher schwurbeln, dass die EU gar nicht gut für Doitschland sei: HAT EUCH DIE DUMMHEIT PERSÖNLICH IN EUER ZWERGENHIRN GESCHISSEN ODER WART IHR SCHON IMMER DOOF WIE EIN STÜCK STRASSE?

Der Grenzübergang läuft eigentlich ganz smooth. Zwei mal echt netten Grenzern den Ausweis zeigen, checken lassen ob ein europäischer Strafbefehl für mich vorliegt, zwei mal in den Transporter blicken lassen, ob es wirklich ein Wohnmobil ist oder ein Warenschmuggler. So weit, so problemlos, braucht halt Zeit. Aber der Mehrheit in meinem Land möchte anscheinend wieder obligatorische Grenzkontrollen („Aber doch nicht für weiße Menschen!!„).

Dann fängt die Organisationsarbeit an. Ich brauche eine andere SIM-Karte, da aufgrund von Deregulierung Telekommunikationsanbieter vorsinnflutliche Roaming-Gebüren aus den Tagen der ersten Funkgeräte verlangen dürfen. Wie sehr profitieren wir davon, dass die EU diese technisch unbegründete Abkassiererei in ihren Grenzen abgeschafft hat! Der Tankstellenmensch hinter der Grenze ist sehr freundlich und hilfsbereit bei der Installation einer Balkan-Karte, denn ohne mobile Daten käme ich nicht durch diese Ecke.

Dann muss ich mir Geld besorgen. Bosnische Mark. Wieder gibt es aufgrund deregulierter Banken überhaupt keine gebürenfreie Möglichkeit, von meiner Bank lokale Währung zu ziehen. Das Günstigste wäre wohl, Euro in ein Wechselbüro zu tragen, aber die hätte ich vorsorglich aus Deutschland mitnehmen müssen. Partnerbanken der Deutschen Bank, um mal das altertümliche Bankhaus zu nennen, von dem ich abhänge, gibt es nämlich in, Achtung: England, Frankreich, Spanien und Italien. Also auch in Kroatien wäre ein Bankautomat mit Wucherzinsen belegt.

Die Sechziger Jahre lassen grüßen.

Natürlich zahle ich für j e d e e i n z e l n e EC-Transaktion. Bargeldlos mit Karte einen Kaffe zahlen – keine gute Idee. Ist ja nicht so, dass die Verrechnung heutzutage automatisiert über das Netz läuft, nein, Herr Kleinschmitt aus der Abteilung „Auslandsbuchungen und Devisen“ sitzt seit 1974 an seiner Rechenmaschine in einem Frankfurter Bürgerhaus und bekommt im Monat für handschriftliche Eintragungen in ein dickes Rechnungsbuch ein Gehalt im sechsstelligen Bereich.

Die EU ist das beste, was unserem Land je passiert ist.

Bosnien-Herzegowina ist wunderschön. Die dramatischen Felsen im Sonnenlicht bilden eine majestätische Kulisse. Leider spielt dazu ständig die Winnetou-Melodie in meinem Kopf. Die sehr neue und sehr schöne Autobahn hört leider kurz vor Mostar auf. Und das wars mit Autobahn. Nach Sarajevo tuckere ich in der Schlange an einem Fluss durch wildromantische Schluchten. Schön, aber langsam.

Kurz nach Mittag bin ich in der bosnischen Hauptstadt und inzwischen ist es grau und es nieselt. Der Verkehr ist dicht, Parkplätze alle voll. Ein freundlicher älterer Herr schiebt mich irgendwie in eine Lücke. Ich gehe zu zwei Fahrradläden, aber einer ist pleite und einer ist zu, obwohl er geöffnet sein sollte. Vielleicht kriege ich Pegasus in Tirana flott. Da werde ich wohl auch zum Optiker gehen, denn eine Brille machen lassen dauert bekanntlich etwas länger.

Sarajevo.

Meine erste Erinnerungen daran ist ein Cartoon-Wolf, der im Fernsehen den Namen der Stadt im Stil eines Muezzin heult. Es ist Olympiade 1984, wir kucken die Winterspiele mit meiner Oma an, weil meine Eltern im Skiurlaub sind. Der Wolf ist das offizielle Maskottchen.

Warum habe ich mich damals für Sport interessiert?

Dann: 1992. Menschen rennen über breite Straßen mit ausgebrannten Bussen. Einige fallen um, wegen der serbischen Scharfschützen auf den Hügeln. Die Belagerung der Stadt dauert über 1400 Tage, die längste Belagerung der Moderne.

Seit einigen Jahren erzähle ich ein- bis zweimal im Schuljahr eine andere Geschichte aus Sarajewo. Ein Junitag, ein offener Wagen, ein unglücklicher Fahrfehler. Zwei Schüsse, ein Funke der lang aufgebaute Kriegspläne auslöst.

Rostige Granaten neben meinem Weg.

All das macht diese Stadt zu einem seit lange nötigem Ziel für mich. Sarajewo ist darüber hinaus ziemlich hässlich. Der Krieg hat unübersehbare Spuren hinterlassen, Gedenktafeln, Wandbilder, Ruinensiedlungen an Teilen der Hänge.

Die Stelle an der Gavrillo stand

Ich finde natürlich die Stelle der Schüsse auf den Thronfolger. Man kann sich quasi in die Fußstapfen des Attentäters im Asphalt stellen. Der alte Basar ist nett, aber sehr touristisch.

Die Brücke, an der das Auto aus dem Wiener Militärmseum ein Loch bekam.

Und am Ende stehe ich tatsächlich vor den Resten der Olympischen Spiele oben am Hang: Das kahle Betonskellet der Bobbahn im Wald ist eine ziemlich mittelmäßige Street-Art-Gallerie geworden. Ich habe in Sarajevo an einem Tag alles angeschnitten, was mich mit der Stadt verbindet.

1984 – Bobfahren. Heute Lost Place.

Bis ich gegen 16.00 da oben bin, ist der Niesel in Schnee übergegangen. Und er bleibt hier, über der Stadt, schon liegen. Die Wetter-App sagt jetzt, dass es morgen früh um 8.00 -4 Grad kalt sein soll. Eine ganze Ecke zu kühl für eine angenehme Nacht und vor allem: Wenn morgen früh Schnee auf den engen Sträßchen hier rauf liegt, dann wird das schwierig mit Gaspard, der ja mit seinen Reifen schon bei steilen nassen Straßen zum Slippen neigt.

Warum habe ich kein Glück mit dem Wetter?

Im Süden ist es wohl deutlich wärmer. Warum also nicht noch ein Stündchen auf der Autobahn Richtung Montenegro, die zu viel abgehobenen Mark in einer schönen Raststätte auf den Kopf hauen, und dann kurz vor der Grenze einen Schlafplatz suchen. Plan!

Es gibt keine Autobahn nach Montenegro.

Nur enge Schluchtensträßchen, dramatisch, gischtschäumende Bäche, maximal mit siebzig, vorsicht Steinschlag, verschneite Pässe, Schneegestöber, Dämmerung, abgerutscher Hang. Alles. Alles.

Im letzten Städchen vor der Grenze mache ich kurz nach Einbruch der Dunkelheit Zwischenrast. Und finde ein paar sehr nette Serb*Innen. In einem Restaurant esse ich super lecker und günstig und die Kellnerin gibt mir sogar auf meine Mark Euro raus. Der Tante-Emma-Laden ist direkt erfreut mich zu sehen und berät mich intensiv. Klar, alles wirkt ein bisschen wie aus einem Kusturica-Film. Die Männer haben alle ein Miliz-Gesicht. Streunende Hunde verbellen mein Wohnmobil. Die Autos sind aus den 90s. Ich spendiere einer humpelnden Katze ein Hühnerei.

Der Alptraum ist aber die offizielle Straße zur Grenze. Streckenweise ist sie nicht mehr als ein Waldweg, schlaglochüberseht, für zwei Autos kaum breit genug, stockdunkel. Wenigstens ist quasi kein Verkehr. Aber ich fahre im zweiten Gang, alles andere fühlt sich zu riskant an. Fast erwarte ich, dass das Ding einfach endet.

Jetzt stehe ich an einer Zipp-Line-Station über einem schäumenden Wildbach. Offensichtlich gibt es hier im Sommer Event-Tourismus. Fünf Kilometer vor der Grenze. Der Schnee ist im Moment nur noch Niesel, aber wer weiß, wie es morgen früh aussieht. Ich bin mir sehr sicher, dass es hier Wölfe und Bären gibt. Und kalt wirds auf alle Fälle auch.

Wünscht mir Glück. Mehr.

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