Eigentlich hätte der Beginn nicht widriger sein können. Ich bin auf dem Weg ins Baltikum – erste Station Berlin. Schon das war nicht einfach.
Ich erwache an einem Badessee im Hohenlohischen. Weiter bin ich gestern nicht mehr gekommen, weil die Inspektion von Gaspard viel länger gebraucht hat, wie gedacht. Offensichtlich kamen Ersatzteile nicht. Der Zahnriemen ist bis heute nicht da, jetzt muss der alte eben noch mal 4000 Kilometer durchhalten.
Dann platzte am Dienstag wohl bei der Probefahrt der Krafstofffilter. Man machte sich – zur Ehrenrettung des Autohauses – gleich daran, aber bis ich den guten Gaspard dann geholt hatte, beladen hatte, war es Abend. Und so komme ich gerade noch bis kurz hinter Crailsheim, bis es dunkel wird.
Also Nacht am Badessee.
Dort treffe ich, nennen wir ihn in Ermangelung eines nie ausgetauschten Vornamens: Kurt. Er lebt dauerhaft an dem See in seinem Camper, zumindest unter der Woche, weil er in dem Kaff neben dem See arbeitet. Am Wochenende fährt er heim zu seiner Familie. Ich frage ihn nicht, warum er am Abend vor dem 01. Mai an dem See herumhängt und auch über Politik rede ich mit ihm lieber nicht. Aber Camper-Themen, das geht. Ich gebe Tipps für Albanien, er für das Baltikum.
Am nächsten Morgen früh raus. Kaffee machen, dann auf die Autobahn. Zuerst läuft alles super. In Sachsen-Anhalt aber dreht sich das Blatt, ein Laster voll Gas hat sich auf der A9 quergelegt. Vollsperrung. Eine Stunde kostet mich die Umfahrung. Auch Berlin selber am 01. Mai ist nicht gerade flüssig zu durchfahren. Mein Lieblingsparkplatz an den Tegeler Wiesen ist natürlich jetzt voll belegt, aber ich kann ja Gaspard erstmal ins Villenviertel nebenan stellen und mich auf den Weg ins Zentrum machen.
Erster Mai in Kreuzberg.
Wie kann man es beschreiben? Eine Mischung aus Volksfest, Polit-Demo und Urban Party. Es ist wahnsinnig voll. Im Görlitzer Park drückt sich alles in den Schatten der wenigen Bäume. Alle paar Meter spielen Bands oder legen DJs auf. Die Laune ist hier in der Regel glänzend. Leute, die garantiert keine Schankgenehmigung haben, verticken Bier und Drinks von Tapeziertischen aus. Meine Schulgemeinde wäre über diese Variante des Alkoholverkaufs entsetzt. Das Wetter ist glänzend. Alles hier organisiert sich ein bisschen selbst und, auch hier wäre meine Schulgemeinde völlig in ihrem Weltbild zerstört, es funktioniert. Ab und zu wallen Hanfschwaden über die Massen.
Ich besorge mir ein Wegbier.
Man kann sich hier getrost treiben lassen. Erst denke ich, dass nur der Görli so ein Party-Zentrum ist, aber nein, quasi in ganz Kreuzberg sieht es heute so aus. Von der berühmten revolutionären Demo kriege ich nichts mit, aber überall stehen Polizisten vor Bussen herum. Auf dem Kanal patroulliert sogar ein Polizei-Boot, zwischen fröhlichen Bier-Schlauchbooten. Viel zu tun haben sie aber bis jetzt nicht. Ich sehe mir eine Weile eine wirklich gute Funk-HipHop-Band an und einen weniger guten Singer-Song-Writer, der über seine Mental Health und Selbstmord singt.
Dann treffe ich … Lukas.
Auch hier in Ermangelung eines Vornamens rein von mir erfunden, wir tauschen zwar unsere halbe Lebensgeschichte aus, aber Namen wären zu intim. Ohnehin habe ich bei Lukas den Eindruck, dass er auf einen Männerflirt aus ist, aber die Erwähnung von „Stuttgart“ und „Lehrer“ bläst jede Sexyness aus dem Kennenlernen meiner Person. Aber wir latschen sicherlich 20 Minuten nebeneinander her und quatschen über Berlin, Schulsystem und seine Bewerbung. Er ist Software-Entwickler. Als wir uns an einer der Kanalbrücken trennen, war es ein wirklich netter Smalltalk mit einer Bierflasche in der Hand.
Nach der zweiten Halben beginnen ich ein bisschen durch die Situation zu schweben. In den letzten Jahren stecke ich Alkohol entweder weg wie ein erfahrener Brauerei-Gaul oder bin quasi instant angetrunkten. Die Schatten werden länger. Die Leute um mich herum besoffener. Die Flaschenberge an Laternenmasten und an Bäumen sind der Traum eines jeden Pfandsammlers, aber die wenigen, die ich sehe, picken sich nur die Dosen heraus – bestes Preis-pro-Kilo-Verhältnis. Irgendwo klirrt ständig Glas, irgendwo heult immer eine Sirene. An jeder dritten Butze legt einer auf.
Alles ist irgendwie ein sehr schönes Chaos.
Dennoch mache ich mich nach einem Seitan-Döner auf den Rückweg. Ich brauche ja immerhin eine Stunde zurück nach Tegel, dann noch Gaspard umparken – toll, hätte ich mir vor den zwei Bieren überlegen müssen – Spaziergang durch den dämmrigen Park, diesen Text schreiben.
Ich bin wieder drin.
