Mich erinnert Polen sehr an Deutschland. Und damit das nicht so falsch klingt: Ab jetzt werde ich klar erkennen, dass die Deutschen eigentlich ziemlich polnisch sind. Die Häuser hier sind sauber und gepflegt, mit Adretten Vorgärten und gestrichenen Fassaden; Man fährt gediegene Autos. Man hält sich meistens an die Verkehrsregeln. Alles sieht hier sehr vertraut aus. Nur die Fahrradfahr-Kultur und das Radwege-Netz: Das ist weiter entwickelt als im VW-Staat.
Wenn man aber zur Wolfsschanze will, dann gibt es dahin keine Autobahn. Ironie der Geschichte. Ich habe lange hin und hergemaped, wie man von Warschau nach Litauen kommt, denn in einem Rutsch wäre es ziemlich anstrengend. Dann fiel mir auf, dass ja ein weiterer Ort aus meinen Geschichtsarbeitsblättern so halb auf dem Weg läge. Somit quäle ich mich an einem regnerischen Sonntag-Morgen über Landstraßen und durch Dörfer, in denen alles sehr adrett aussieht.
Die Wolfsschanze, Hitlers Hauptquartier in Ostpolen, Lieblingsaufenthaltsort nach den ersten Niederlagen, Platz des letzten Anschlages auf ihn, der hätte ganz gut klappen können. Man kennt die Geschichte, spätestens seit Tom Cruise.
1944 wirft heute wieder spannende Fragen auf. Darf man einem Tyrannen den Tod wünschen? Darf man ihn aktiv zu Tode bringen, obwohl er ein menschliches Wesen mit Grundrechten ist? Hätten die Pläne des Kreisauer Kreises 1944 funktioniert, dann wäre vermutlich ein guter Teil der Opfer des Holocausts nicht ermordert worden, und der größte Teil gefallener deutscher und west-allierter Soldaten hätte gar nicht Sterben müssen. Millionen Eltern hätten noch Söhne gehabt. Demokratie hätt’s keine gegeben, aber weniger Opfer des NS.
Als kürzlich wieder jemand versuchte, einen Tyrannen zu ermorden, konnte sich die rechts-konservative Presse und Politik weidlich aufregen. Aber so was von aufregen! Wie könne man es wagen, öffentlich zu äußern, dass man es schade finde, dass der Schuss nur ein Ohr, aber keine Schädeldecke perforiert habe! Dies sei wahrlich ein öffentlicher Skandal, wenn große öffentliche Accounts diesem Menschen unverblümt den Tod wünschten.
Als ich vor den Trümmern der Besprechungsbaracke des Jahres 1944 stehe, die leider erst 1945 von den Nazis selbst kräftig zersprengt wurde, denke ich mir, dass es manchmal völlig ok ist Menschen den Tod zu wünschen, und zwar dann, wenn sie Tausende anderer Menschen bedrohen. Oder gar Millionen. Und deswegen wäre ich äußerst erfreut, wenn jemand Typen wie Trump, Putin und anderen Großnazis den Schädel wegpusten würde. Geradezu feiern würde ich den Tag.
Oder wenigstens an einer Salzbrezel ersticken lassen, lieber Gott.
Leider gibt es diesen gerechten Gott nicht, schon gar nicht, wenn man durch die gigantomanischen Trümmer der Wolfsschanze schweift. Je schlechter der Krieg lief, desto mehr Beton türmten Hitler und Konsorten auf ihre Schaffensräume, bis es dermaßen gut verbunkerte Klötze waren, dass es ihnen selbst schwerfiel, sie vor der Flucht zu sprengen. Das Innere liegt heute meistens in Trümmern, aber die Klötze selbst wirken im Wald seit 80 Jahren düster und massig.
Ein bisschen erwartete ich in der Wolfsschanze auf einen Nazi-Wallfahrtsort zu treffen, denn damit ließe sich trefflich Braunkohle scheffeln. Teils stimmt das gar nicht. Der Eintritt ist mit 6 Euro ziemlich ok. In erhaltenen Baracken gibt es eine Ausstellung zum NS-Terror in Polen, die keinem AfD-Anhänger recht schmecken dürfte. Spannenderweise werden hier die Mordwellen der Roten Armee nach dem Einmarsch 1939 der deutschen Vernichtungspolitik gegenübergestellt, das würde man so in einer deutschen Ausstellung zu Polen nicht sehen.
Man kommt ja als Deutscher um Hitler nicht herum. Ich finde, es geht zuweit, uns als „Besessene“ zu beschreiben, aber die meisten von uns sind mit dem Thema irgendwie verknüpft. Hier hatte ich heute die Gelegenheit, als Demokrat auf den Trümmern der Unmenschen zu stehen, und tief einzuatmen. Am Ende waren nämlich die Bunkerchefs alle tot.
In einer anderen Baracke wird Geld für die Restaurierung eines deutschen Jagdpanzers gesammelt. Erst dachte ich: Panzerrestaurierung – ihr könnt mich mal. Wenn man sich ein wenig in die Ausstellung einließt stellt man fest, dass der dort gezeigte Panzerjäger 38t 1944 beim Prager Aufstand eingesetzt wurde, von der polnischen Heimatarmee zerstört und dann repariert wurde, um ihn auf Seiten der Aufständischen im Ghetto einzusetzen. Dummerweise wurde die Werkstatt der polnischen Heimatarmee vor seinem Einsatz von der Luftwaffe bombardiert und der Panzer unter Trümmern begraben. Es handelt sich also um ein ziemlich historisches, eng mit der Geschichte Polens vernküpftes Fahrzeug.
Ich spende 5 Zloty.
Wenn man dann letztendlich in den Museumsshop tritt, hat man wieder volle Nazi-Vibes. Ich bin mir sicher, dass der junge, stramme Nationalsozialist mit einem „Wolfsschanze!“-Shirt in feinster Fraktur auf jedem Rechtsrock-Festival in Thüringen gut ankommt. Und auch der Rest richtet sich irgendwie an ein Publikum, bei dem es aus der Unterhose nach Tarnfleckmuster müffelt.
Das schöne an der Wolfsschanze wiederrum ist, dass es eine „Zone 1“ gibt, mit den wichtigsten und größten Bunkern bekannter NS-Bonzen. Die ist kostenpflichtig und museal aufgearbeitet und wer sich mal richtig gruseln will, der googlet jetzt schnell „Göring- Wolfsschanze – Skelettfunde.“ Es gibt aber auch eine „Zone 2“ südlich der Bahnlinie, in der so ein bisschen die Nebengebäude im Wald vor sich hin bröckeln. Auch die Nebengebäude sind durchaus gewaltig. Und auch sehr zersprengt. Natürlich steht an den Eingängen viersprachig „Betreten verboten“, aber da ist halt kaum auch jemand, der kucken würde …
Na ja, hier ein paar Eindrücke.














Nordostpolen ist wunderschön und im Gegensatz zu meinen ersten Fahrten im Westen sehr abwechslungsreich. Hügel, Wälder, Dörfer und große Seen wechseln sich entlang der gewundenen Sträßchen ab. Storchenpaare brüten auf Wagenrädern. Über allem heute Abend ein gewaltiger Himmel, der zwischen Regenwolken und strahlendem Sonnenschein wechselt. Der Wahnsinn.
Übrigens bin ich an diesem See hier („Weltkriege, Parks und Nächte am See“?) nur noch 50 Kilometer von der russischen Staatsgrenze entfernt. Kaliningrad. Vor fünf Jahren wäre ich noch hingefahren. Heute ist der Gedanke daran ein bisschen gruslig.
Dann morgen lieber Litauen.
