Na ja, ich bin gestern nach dem Kino doch noch weitergefahren. Thunderbolts ist übrigens für einen Marvel-Film ganz ok. Nicht alles funktioniert da gut, aber die vier Charactere spielen sich ziemlich nen Wolf (vor allem Yelena und Captain America) und dass der Film am Anfang eine halbe Stunde die Beziehung der Figuren zueinander aufbaut, anstatt CGI-Flugzeugträger durch die Luft zu wirbeln, tut der Story gut.
Allerdings: Als ich zurückkehre stelle ich fest, dass die Seitenstraße neben der Stadtautobahn echt ekliges grelles Licht abkriegt und ich quasi in nem Scheinwerferkegel schlummern müsste. Flott die Handyapp gezückt und 15 Minuten später stehe ich auf einem Waldparkplatz mit Mülltonne, Grillhütte und Dixieklo hinter eine paar Bäumen, direkt neben einer Nachts wenig befahrenen Landstraße. Alles hier in Litauen ist so gepflegt und umsichtig. Allenthalben Mülleimer, Hinweisschilder und Bänke. Eigentlich sehr deutsch. Nur dass wir ein vergreister Messi-Staat geworden sind, und die Balten nach der Wende jung wurden.
Andererseits: Fahrradwegbordsteine absenken müssen sie echt noch lernen.
Mein Ziel heute war das Meer. Das habe ich geschafft. Mein Ziel jedoch … Na ja. So geflashed ich von Kaunas war, so wenig Charm hat Klaipeda an der Küste. Und das tut mir leid, es sieht so aus, als ob die Hafenstadt einfach Pech hatte. Ein großer Hafen mit rostigen Werften, die meisten außer Betrieb. Die litauische Marine lässt hier Schiffe instand setzen, ein größerer Zerstörer mit Roststriemen über der grauen Haut liegt auf dem Trockenen. Ansonsten verspricht irgendein Depp auf Trippadvisor, dass hier eine reizvolle Mischung aus Deutscher und Skandinavischer Architektur zu finden sei.
Ähm … Nein.
Also, es gibt diese Häuser vereinzelt, aber dazwischen gibt es vor allem Sowjetbauten und 90s-Klötze. Das muss nicht schlecht sein, aber die Hälfte davon wirkt wirklich vernachlässigt. Putz bröckelt, Farbe vergraut, Fenster blind. Eine Stadtbibliothek ist eine Lost-Place-Ruine, mitten in der Altstadt. Die Stadt findet, obwohl nicht einwohnerarm, irgendwie kein richtiges Zentrum, am ehesten noch der Theaterplatz mit der Statue des Ännchen von Tharau (Na, wer kanns singen?). Aber die Stadt wirkt irgendwie leer. Bei näherer Recherche stellt man fest, dass die Innenstadt tatsächlich in den letzten Jahrzehnten Einwohnende verloren hat. Und so sieht’s eben auch aus. Man versucht viel: Street Art a la Kaunas, Skulpturen an jeder Ecke, aber so richtig zünden? Schade, nä. Klaipeda sieht aus wie eine Modelleisenbahn-Anlage, die man vergessen in einem feuchten Keller entdeckt.
Nach zwei Stunden Herumradeln und nix Spannendes Finden kehre ich zu Gaspard zurück, der brav außerhalb auf dem Stadionparkplatz gewartet hat, und fahre etwas nach Norden an die dortigen Ostseestrände. Eintritt in eine andere Welt. Hier wird auf die Zukunft gebaut. Nagelneue Campingplätze, kostenpflichtige Parkflächen, Dünenwege, Sanitäre Anlagen, Fahrradwege. Man setzt ganz auf das touristische Asset „Sandstrand“, der auch wirklich toll an dieser Stelle ist. Alle Häuser hier sind frisch gestrichen und haben glänzende Solar-Panels auf dem Dach.
Es ist kalt heute. Einstellige Werte, das wird sich in den nächsten Tagen nicht ändern. Dazu bläst ein starker Nordwind. Die Sonne macht’s, wenn sie aus den Wolken kuckt, deutlich besser, aber ansonsten bin ich in das eingemummelt, was meine Mai-Klamotte hergibt. Herrgott, bin ich für diesen Winterschlafsack nachts dankbar.
Ich laufe eine Stunde den Strand auf und ab, sammle Steinchen, finde eine deutsche schwere Küstenbatterie, kehre zum treuen Gaspard zurück, fahre ins Hinterland und stehe an einem See.
Lettland ist nur noch einen Steinwurf entfernt.
