In Prag war ich im Leben schon ein paar mal. Als Student, als Lehrer, mit meiner Ex und auf Abi-Fahrt. Die letzten 15 Jahre aber nicht mehr, dennoch habe ich das Gefühl, die Stadt bereits zu kennen.

Der Verkehr um Prag ist krass.

Top Tip: Im Vorort Branik hat es am Bahnhof einen großen, kostenlosen Park&Ride. Ich hatte keinerlei Probleme, dort einen Stellplatz zu kriegen, die Straßenbahnen fahren direkt davor und man steht nach 20 Minuten an der Karlsbrücke.

Vorher steige ich aber aus, denn ich komme an meinem Lieblingsviertel von Prag vorbei: Vysehrad. Vysehrad ist ein großer Felsen am Rand der Moldau. Auf diesem Felsen steht eine ziemlich dicke Festung der Österreicher aus dem 18. Jahrhundert und auf der Festung eine ziemlich dicke Kirche mit Doppeltürmen. Zwischen den Wällen sind Bürgerhäuser entstanden, aber vor allem viel Grün und alte Bäume. Wer ein anderes Prag als den Trubel an der Karlsbrücke erleben will, der sollte den Aufstieg in Kauf nehmen.

Hier ist es vor allem ruhig und großzügig angelegt. Es gibt nette Kaffees. In einem großen Park stehen einige sehr bemerkenswerte Monumentalstatuen. Der Blick auf die Moldau ist in beide Richtungen atemberaubend, man kann quasi im Kopf Smeltana in Dauerschleife hören. Aber das Beste dort ist der Friedhof.

Ich war wirklich auf meinen Reisen schon auf einigen Friedhöfen, einige altehrwürdig, einige morbide, aber der Kirchhof von Vysehrad ist einzigartig. Im Grunde ist es eine Kunstinstallation unter der Leute begraben sind.

Berühmte Prager.

Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert hat alles an zeitgenössischem Kunstsinn aufgeboten, um die Grabmäler hochgradig figural aufzumotzen. Klassizismus, Jugendstil, Art Deco, abstrakte Bildhauerei. Bronzen, Büsten, Marmor, Mosaiken. Hätte Stuttgart ein einziges solches Grabmal, hätte es einen eigenen Wiki-Eintrag. Hier sind hunderte.

Um halb elf setze ich dann einen lange gehegten Plan um: Ich kaufe mir das billigste Bier im Mini-Markt und setze mich damit auf die Brüstung der Karlsbrücke. Das ist genau das, was ich im Jahr 2000 als Student an meinem zweiten Abend in Prag gemacht habe, mit dem Freund einer Mitreisenden damals, ich glaube der hieß Joachim, aber sicher bin ich mir nicht mehr. Jedenfalls war es ein sehr entspannter Sonnenuntergang, und ich bin jetzt auch einfach in einem Alter, in dem man seiner Jugend nachspürt.

Genau genommen ist es nicht das billigste Bier, aber ich kann nicht anders, als ich die Flasche „Gambrinus“ sehe. Staropramen gibt es ja mittlerweile auch im deutschen Supermarkt und Pilsner Urquell auch, es wird aber in den Niederlanden für den deutschen Markt gebraut und hat geschmacklich nichts mit dem tschechischen Original gemein; ein Gambrinus habe ich seit dem letzten mal hier nicht mehr gesehen und es ist noch immer absolut lecker.

Die Karlsbrücke ist noch wie früher: Knackevoll und gespickt mit Krimskrams-Händlern. Eine Dixie-Band spielt, es ist bewölkt, aber trocken. In meiner Erinnerung waren mehr junge Leute damals in Prag unterwegs, war das hier schon damals so ein wanderndes Seniorenheim? Ist der Prag-Tourismus mit mir gealtert und es mangelt an Nachwuchs? Einige starren mich blöd an, wie ich da an meiner Bierflasche nippe. Man hält mich eventuell für einen Obdachlosen in meiner Gaspard-Klamotte. Eine ältere Asiatin weist mich darauf hin, dass es auf der Brückenbrüstung gefährlich sei. Ich versichere ihr, dass ich das wüsste, dass ich es aus nostalgischen Gründen täte und ihre Besorgnis zu schätzen wisse. Sie wirkt damit nicht zufrieden.

Scheiße. Prag ist genau so uncool geworden wie ich selbst.

Ich halte mich nicht damit auf, den Hradschin zu besuchen und auch das jüdische Prag habe ich schon mehrmals gesehen. Ich ziehe weiter ins Viertel Holesovice, wo nach dubiosen Internetquellen nun das coole, unverwertete Prag liegen soll. Außerdem ein gutes Museum für zeitgenössische Kunst. Das erstere kann ich nicht unbedingt bestätigen, aber es ist immerhin ein ganz normales, lebendiges Stadtviertel. Ich entdecke aber den Bahnhof Holesovice wieder, den ich gut kenne und der unverändert diesen Christiane-F-Vibe verströmt, den er bereits anfang der 2000er hatte. Einmal habe ich hier in der Nähe in einem Hostel gewohnt, während eines etwas unglücklichen Prag-Urlaub mit einer Kollegin, die in den Sommerferien auch niemand zum Verreisen hatte. Die erwähnte Stufenfahrt nach Prag hatte etwas oberhalb des Bahnhofes ihr Hostel, und meine Fresse, waren diese Weingartner Kids mit dem Prager ÖPNV überfordert.

Die schlechte Nachricht: Das DOX hat zu. Alle Prager Museen haben übrigens Montags zu. Mir gehen die Ideen aus, ich diffundiere zurück Richtung Zentrum, entdecke einen fantastischen aber fast verwaisten Großmarkt, verlaufe mich im Vorfeld des Altstätter Rings, finde einen sehr coolen T-Shirt-Laden und bin dann gegen fünf Uhr ziemlich voll mit Eindrücken wieder bei Gaspard.

Der Weg raus aus Prag ist qualvoll.

Jetzt sitze ich tief im Wald bei einem kleinen Dorf, etwa fünfzig Kilometer vor Pilsen. Direkt hier am Platz ist eine gewaltige Eiche, an die man Kreuze und Bildchen mit Hirschen genagelt hat, und ich kann mich beim besten Willen nicht entscheiden, ob das hier nun katholisch oder heidnisch sein soll. Falls ich heute Nacht also Opfer eines irren tschechischen Backwood-Kultes werden sollte, habe ich mir das ganz alleine selbst zuzuschreiben.

Der Laptop läuft prächtig.

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