Ich mag Brutalismus. Für alle, die keine bildungsbürgerliche Grundagenda hatten: Damit ist nicht meine Neigung zu rostigen Granaten und blutigen Computerspielen gemeint. Ich bin im Grunde ein friedlicher Mensch, der Gewalt verabscheut. Brutalismus ist eine Architekturschule, die grob von den 1960ern bis in die 1980er reicht, und die den Beton als freitragendes, breite Formen schaffendes Konstruktionsmittel für sich entdeckte.
Iss jetzt sehr abstrakt.
Karlsbad an sich ähnelt eher der Sahnetortenauslage eines typischen Oma-Cafes: Fassaden aus Buttercreme in verschiedenen Pastelfarben, gelegentlich noch mit Spritzelementen aus Zuckerguss oder Sahne verziert. Süß, klebrig, bunt, verspielt.
Karlsbad ist schon seit ca. 1800 komplett „verwertet.“ Heute nach wie vor. Ich hebe in den Straßen den Altersschnitt der Passanten, mit einem Fahrrad ist durch die Massen an langsam und orientierungsarm wankenden Scheintoten oft kein Durchkommen möglich. Das heiße Mineralwasser ist umsonst. Man kann in den Klimbim-Läden kleine bunte Schnabeltassen für die warmen Brunnen kaufen, aus denen ich alleine aus Gründen meiner Menschenwürde nie trinken würde.
Dann entdecke ich das Hotel Thermal.
Ein kommunistisches Großhotel aus den 60er Jahren, das ein betongewordenes Ausrufezeichen in die Konditorei-Architektur der Belle Epoque klatscht. Viele Besuchende mögen das Thermal seither als „hässlichen Klotz“ bezeichnet haben, ich empfinde die großen geschwungenen Formen und Fensterflächen des brutalistischen Baus als echte Offenbarung zwischen all dem Pastell-Nippes.
Außerdem spielt das Thermal die Hauptrolle während der Karlsbader Filmfestspiele und ist das Zentrum der Stars und Sternchen während dieser Wochen. Man kann in der Hotelbar einen Kaffee trinken und in schicken Möbeln im Stil der 70er versinken. Es ist für dortzulande ein ziemlich teurer Kaffee, aber das Ambiente ist unvergleichlich. Man fühlt sich wie in einem schicken Streifen aus der Zeit des kalten Krieges, na ja, eher wie eine Nebenrolle aus einem tschechischen James-Bond-Imitat für den kommunistischen Block, aber alleine das ist für die meisten Everyday-People mehr Flair, als der neue Thermomix hergibt. Von den Wänden lächeln Harvey Keitel, Klaus Maria Brandauer und Gina Lollobrigida, die alle auch mal hier saßen. Impressionen:





Meine letzten Kronen reichen gerade für den Movie-Kaffee, einen vollen billigen Tank und die letzten paar Mitbringsel für liebe Menschen. Dann auf zur Grenze; Kurzer Stau bis der Winkeklaus von der Bundespolizei mich für rassisch unbedenklich erklärt; Veschper in Bayern.
Eigentlich spiele ich mit dem Gedanken, den letzten Tag auf der Tour in Nürnberg zu verbringen, aber dann kommt mir auf der Autobahn das Ortsschild „Bamberg“ in den Blick. In Bamberg gab es jemand, den ich schon sehr lange, sehr sehr gerne mag. Und ich entscheide mich, dem Lieben mal einen Besuch abzustatten.
E.T.A. Hoffmann
Dass nun Hoffmann mein Lieblingsromantiker ist, liegt an seiner blühenden, wilden Fantasie, die sowohl als Nukleus der Fantasy als auch des Horrors gelten kann. Schon im Studium fasznierten mich seine Texte zutiefst. In Bamberg verbrachte Hoffmann nicht viele Jahre, aber es waren persönlich prägende, dramatische und von intensivem literarischen Schaffen geprägte Jahre.
Ansonsten erwarte ich mir von Bamberg im Lande Söders nicht viel. Und werde einmal mehr überrascht. Bamberg ist der Inbegriff einer romantischen Stadt, damit meine ich die Epoche, nicht die Valentinstag-Werbung auf Ali-Express. Wunderhübsche Häuschen, kilometerlang, figurenbehangen und winkelig, ganz so wie die Gassen einer Hoffmann-Geschichte, durch die ein unbeholfener Held auf der Suche nach seiner Serpentina irrt. Man hat an jeder Ecke das Gefühl, dass gleich der junge Heinz Rühmann um die Ecke biegt, in einem gut sitzenden UfA-Kostüm, leicht ahistorisch, aber grinsend ein fröhliches Liedchen pfeifend.
Es gibt einen Hoffmann-Rundgang durch Bamberg, übrigens heißt hier alles „Kater Murr“ und „Serapion.“ Einen gibt es als App des Tourismus-Büro für 4.99 – für eine App, die man einmal benutzt. Aber die Hoffmann-Gesellschaft hat einen eigenen auf Open-Street-Map-Erstellt, dem man durch wichtige Stätten für Hoffmann durch Bamberg folgen kann. Er ist gut, aber es fehlt eine wichtige Station:
Das Apfelweib.
In dem Kunstmärchen „Der goldene Topf“ stolpert der unbeholfene Student Anselmus gleich in den ersten Sätzen in den Fruchtkorb des Apfelweibes auf dem Markt, so dass sich das Obst explosionsartig um den Unglücklichen verteilt. Jenes Apfelweib ist mitnichten eine ehrliche Markthändlerin, sondern ein Geschöpf des Schwarzen Drachen aus der Feen-Welt, eine Verkörperung des Prinzip des Bösen. Anselmus wird sie wiedertreffen, zum Beispiel wenn er den Archivarius Lindhorst besucht, seinen neuen Arbeitgeber und übrigens ein Feuersalamander, ein Geschöpf des Lichtes. Aber der Türknauf des Archivarius verwandelt sich in ein Äpfelweib, das Anselmus in Schlangengestalt zerfleischt – in seinen Visionen.
Es gibt in Bamberg einen echten Türknauf, der Hoffmann wahrscheinlich zu der Idee inspirierte. Das Original ist längst im Museum aber an der Tür des Hauses hängt eine Kopie. Sie wirkt eigentlich ganz freundlich, als ich sie nach einer Google-Suche endlich finde, aber ich begrüße sie trotzdem sehr höflich und fasse sie nicht an, man weiß ja nie. Hier ist sie:
Damit endet erst einmal meine Reise in den Nordosten meines Kontinents. Ich bin wieder daheim angelangt, und meine Fresse, was für eine geniale Tour das geworden ist.
Allen Lesenden sei lieb gedankt.


