Mein Gott ist das tschechische Hinterland idyllisch! Es liegt sicher auch daran, dass heute der erste wirklich schöne Tag seit langem war, sogar der erste T-Shirt-Tag der Reise. Aber das alleine erklärt es nicht. Vor mir schlängelt sich der Fluss durch das Waldtal, weite, blumenübersähte Wiesen wechseln sich mit majestätischen Bäumen ab, es liegt ein Summen und Brummen in der Luft, dass Eichendorff sofort mit einer Novelle beginnen würde.
Ich begegne: Falke, Eichelhäher, Kranich, Kaninchen. Vom Biber finde ich nur Nagespuren, aber das Kerlchen hat sich nicht gerade die kleinen Bäume am Fluss zur Aufgabe gemacht, sondern arbeitet gerade heftig an einem Baumriesen. Diese Landschaft sieht aus, als hätte sie Walt Disney gezeichnet und als würden jeden Moment Tiere und Pflanzen ein zuckersüßes Lied miteinander singen, in dem alle hüpfen und froh sind.
Ich bin wegen Bunkern hier rein gestolpert.
Zunächst aber überlebe ich die Nacht am Kult-Baum unbehelligt, nur der Förster fährt am Morgen mit einem Jeep vorbei und starrt mich finster an. Vielleicht ärgert er sich, dass sie es verpast haben, mich auf ihrem heidnischen Hirsch-Altar zu opfern. Es ist nur eine Stunde bis Pilsen, und wie immer überraschen mich die Städte, von denen ich mir nicht so viel erwarte, am meisten. Der Marktplatz ist ganz wunderbar, die alten Häuser sind bunt angestrichen und es ist überhaupt nicht das Bier-Touri-Ding, dass ich befürchtet hatte. Klar wird überall Urquell angeboten, aber es ist eine wirklich schöne Stadt mit einer bombastischen Synagoge. Das Adjektiv gilt auch für das Rathaus, in das ich auch nur aus Neugier die Nase stecke und mich in einer Ausstellung wiederfinde.
Geschichtsstunde? Geschichtsstunde.
Pilsen markiert den weitesten Vorstoßpunkt der US-Army im 2. Weltkrieg. Weiter durften Sie nicht, denn Stalin bestand darauf, dass die Amerikaner kurz hinter Pilsen an der sogenannten „Demarkationslinie“ halt machen. Damit Mütterchen Russland den Osten erobert, und nicht der dekadente, zum Scheitern verurteilte Endkapitalismus.
Das war schlecht für den Prager Aufstand, der einige Tage zuvor ausgebrochen war und der darauf gesetzt hatte, dass die Amerikaner bald eintreffen und den notwendigen Feuersupport gegen die besser ausgerüstete Wehrmacht darstellen. Vom Deal mit Stalin ahnten sie nichts.
Jedenfalls hielten die Amerikaner in Pilsen, genauer gesagt die 2nd Infantery Division „Indian,“ eine multiethnische Elitetruppe, die von der Normandie bis in die Tschechischen Dörfer quasi ununterbrochen da im Einsatz war, wo es übel zuging. Die Pilsner bereiteten der Division einen rauschenden Empfang, selbst die Belgier und Franzosen hätten sich nicht so gefreut, notiert ein Zeitzeuge.
Die Tschechen waren ja auch die, die von allen die Deutschen am längsten ertragen mussten.
Jedenfalls errichten die Pilsner ihren Befreiern zahlreiche Ehrenmäler – die dann nach 1948 alle vom kommunistischen Regime beseitigt wurden. Das Gedenken an die Befreiung durch Amerikaner war offiziell untersagt und verboten. Erst nach der samtenen Revolution wurde Pilsen und die Amis wieder ein Ding – und zwar ein ziemlich enges. Die Befreiung jährte sich übrigens vor ein paar Tagen zum 80. Mal, den Aufmarsch von Jeeps und anderem Kriegsgerät auf dem Marktplatz habe ich verpasst, aber die sehr schöne Ausstellung im Rathausfoyer gibt es noch.
Übrigens wurde in Tschechien über den 8. Mai hinaus gekämpft.
Man sollte nie Bargeld in einer Bank umtauschen, sondern immer in einer Wechselstube, auch wenn die unseriöser wirken. In der Wechselschube schiebst du den Schein rüber, die Person hinter dem Panzerglas presst einen Taschenrechner gegen die Scheibe und schiebt den Betrag in Kronen zurück. In der Bank ist alles digitalisiert. Ihr kennt diese Digitaliät. Die Bearbeiter*In tippt deinen Personalausweis ab. Fünf Keybordtasten werden gedrückt, dann erfolgen sieben Doppelklicks. Nach jedem Doppelklick muss man 6 Sekunden warten, bis die Software die nächste Maske aus dem Netz geladen hat. Dann zurück zu den fünf Tasten auf dem Keyboard und so weiter. Das alles dauert 2025 noch immer genau so qualvoll lang wie 1998, nur dass es damals ein Röhrenmonitor war. Wer glaubt, dass Digitalität die Welt beschleunigt, hat nie versucht bei der Unicredit in Pilsen 50 Euro in Kronen zu wechseln. Ansonsten finde ich in der Stadt eine ausgezeichnete Kohlsuppe und nehme mir vor, dass ich das mal selbst kochen muss. Dann kommt die Frage nach der Nachmittagsgestaltung und ich stoße im Netz auf die Bunkerlinie im Wald.
Geschichtsstunde? Geschichtsstunde.
Was kaum einer noch weiß: Tschechien war in den 20er und 30er Jahren eine der importfreudigsten Rüstungsschmieden der Welt und man versorgte halb Europa mit ziemlich guten Panzern und Maschinengewehren. Ziemlich schnell war der Regierung klar, dass Hitler irgendwann anrücken würde, ganz egal was er den trotteligen Engländern alles vorlügt. Der „Tschechoslowakische Wall“ war eine an die Maginot-Linie angelehnte Verteidigungsanlage an der Westgrenze, die einen Angriff Deutschlands aufhalten sollte. Nur, dass die Prager Regierung 1938 angesichts der übermächtigen Wehrmacht das Blutvergießen absagte und ohne Kämpfe kapitulierte. Die Bunkerlinie liegt aber natürlich noch immer in der Landschaft, im Gegensatz zu ihrem französischen Gegenstück aber ziemlich vergessen.
In einem Flusstal nördlich von Pilsen soll noch viel zu sehen sein, so google. Tatsächlich stoße ich schnell an einer Brücke auf einen ansehlich restaurierten kleinen Bunker, leider bei der folgenden Exkursion am Fluss auf keine weiteren mehr, obwohl die Karte zahlreiche Bauwerke verortet. Dafür finde ich allerherrlichste Natur vor, so wie ich mir einen Nationalpark vor ein paar Tagen gewünscht hätte, allerdings ist das hier nur ein ganz normaler Wald im dünner besiedelten Tschechien.
Ich bin auch ohne Bunker heute sehr zufrieden.



