Manchmal läuft es irgendwie.
Eingeschlafen bin ich im düsteren Drizzle und als ich am nächsten Morgen die Bustür aufmache und die Nase hinausstrecke, wie ein eben aufgewecktes Erdhörnchen, blicke ich in wolkenlos blauen Himmel. Damit hätte ich nicht gerechnet.
Ich parke am Fuß eines sagen wir mal Landschaftschutzgebiets namens „One Tree Hill“ südlich von Sevenoaks. Alleine diese Namen klingen nach Karte im Umschlag eines Fantasy-Romans, und als ich mich zum morgendlichen Spaziergang durch den Waldhügel aufmache, mutet mir das ganze schon sehr nach Tolkien oder Merlinsage an. Als der Hügel 1911 für die Öffentlichkeit erworben wurde, mag wohl ein einzelner alter Baum auf seinem Gipfel gestanden haben, heutzutage sind es ein paar Dutzend, aber sie sind tatsächlich sehr alt und groß und es eröffnet sich von da aus dieser Blick über die südenglische Landschaft:
Eine Stunde später quäle ich mich durch den frühmorgendlichen Verkehr Londons. Ich kann mich jetzt rühmen, mich mit Gaspard durch die Straßen Palermos, Tiranas und Londons gekämpft zu haben und ich finde, man sollte dafür eine Art Aufnäher für den Ärmel oder so bekommen.
„Europäischer Elitefahrer.“
Wichtiger aber ist vielleicht, dass ich ohne Unfall durchkomme, nicht mal angehupt wegen irgend eines Fahrfehlers werde ich. Nur lange dauert es für die paar Meilen. Am Ziel angekommen gibt es tatsächlich ein paar wenig frequentierte aber breite Seitengassen in einem Randviertel. Es wirkt jetzt nicht wie Londons beste Adresse, ist aber auch kein absoluter Slum. Sieht so aus, als könnte mein Plan aufgehen.
Und er wird stündlich besser. Nicht nur, dass ich ein nettes Cafe auf dem Weg finde und über die Preise erschrecke, der kürzeste Weg in die City führt auch ausgerechnet über die Tower-Bridge! Also radele ich im strahlenden Sonnenschein mit Pegasus über eben jene viel portraitierte Brücke über die Themse und ich muss sagen: Das ist schon ein würdiger Einmarsch für den alten Tretesel und sein Fahrrad.
Die nächste Stunde ist angefüllt mit Sehenswürdigkeiten Abfahren und das geht mit einem Fahrrad in London super und flott. Ganz ehrlich: Jedes andere Verkehrsmittel in der Stadt ist einfach komplett unterlegen. Einen Eintritt in den Tower erwäge ich gar nicht erst, dafür aber im Falle der St.-Pauls-Cathedral schon. Erkenntis: Nur mit Vorbuchung im Internet (außer man kann glaubhaft versichern, dass man ein echter Christ ist – fällt mir schwer) und dann 30 fucking Pfund eintritt. Holy Shit, anglikanische Kirche! Das würde ich nicht mal für ein großes, schön kuratiertes Museum erwägen, schon gar nicht für eine historische Kirche.
Aber ich weiß jetzt, dass Canterbury ein Schnäppchen gewesen wäre.
Ich radle weiter an der Themse entlang, vorbei am London Eye, Big Ben, Westminster, überrolle keine Touristen, befinde mich nur einmal auf der falschen Spur und erreiche mein eigentliches Ziel zur Mittagszeit: Das Imperial War Museum.
Es ist eines der besten Museen, die ich je gesehen habe. Die Präsentation der Exponate ist hammergut, auch wenn mir in der Ausstellung zum Ersten Weltkrieg ein paar Verallgemeinerungen und eine tatsächliche Verwechslung von Kaiser Wilhelm II. und Hindenburg ins Auge stechen. Aber die spektakuläre Einzigartigkeit verschiedener Exponate ist absolut atemberaubend. Im riesigen Atrium stehen sogenannte „Witnesses of War“ – in dem Fall Dinge – die allesamt unglaublich sind.
Vor einem großen, verbogenen Stück Metall kommt mir ein irrer Gedanke, der lange in mir umgeht. Es handelt sich um ein Stück Fassade des World Trade Centers, es steht in der Abteilung für moderne Konflikte. Ich erinnere mich, dass ich 1998 als junger Mann vor dem WTC stand und an den Twin-Towers emporblickte, die oben im New Yorker Nebel verschwammen. Vielleicht ruhte mein Blick kurz auf eben dieser Fenstersektion, die jetzt rostig und verbogen in London zu sehen ist.
„So sieht man sich wieder.“
Am Ende entdecke ich die Kunstgalerie. Ein grandioser Ansatz: Bildliche Repräsentationen des Krieges werden sich gleichgestellt. Das heißt neben tatsächlichen Werken der malenden Kunst finden sich Beispiele von journalistischer Dokumentation und militärischer Aufklärungsphotographie. Dabei wird weder nach Kriegsepochen sortiert noch nach Entstehungskontext, alle Werke stehen in einem Dialog über das Thema „Krieg.“
Es ist eine richtig gute Ausstellung.
Dann biege ich um eine Ecke und stehe vor ihm. „Gased“ von John Singer Sargent. Ich wusste bis zu diesem Moment nicht, wie gewaltig das Gemälde in seinem Format ist, die Soldaten sind fast lebensgroß. Ich hatte es schon oft gesehen, es ist dutzendfach in Geschichtsbüchern abgedruckt, weil es eben so eindrücklich ist. Aber die Monumentalität des Originals bei der gleichzeitigen Belanglosigkeit der schrecklichen Szene im Kontext des Krieges – die wird mir jetzt klar. Die pastellig hellen Farben, fast impressionistisch und doch exakt in jedem Detail der Männer, kontrastieren den Horror der Giftgasopfer. Und dann sind da die Details, die erst im Großformat bewusst werden. Die fußballspielenden Soldaten im Hintergrund. Die Haltungen der Liegenden im Vordergrund.
„Gased“ ist für mich ein Höhepunkt.
Um 12.00 bin ich in das Museum, gegen 17:30 gehe ich raus, und ich habe längst nicht alles gesehen. Aber ich plane nun den Abend. Das „New Cross Inn“ ist der nächstgelegene Pub an der Hauptstraße hinter meiner Seitengasse und es soll dort Abends Live-Music geben. Pub-Besuch muss ohnehin sein, also nix wie los.
Erster Schreck hinter der Eingangstür: Das Ticket kriegt man nur gegen Kartenzahlung, und ich vermeide immer noch, meiner Bank mehr in den gierigen Rachen zu werfen, als ihr magerer Kundenservice verdient. Ich versuche einen Deal mit einem jungen Typen direkt hinter mir zu schließen: Er zahlt für mich mit und ich gebe ihm den Betrag in Bar. Der Engländer geht darauf ein, und schwuppdiwupp habe ich einen Pub-Freund.
Er wartet hier auf Kumpels, aber die kommen noch lange nicht, und so sitzen wir an einem Tisch und quatschen. Er ist gar kein Engländer, sondern Australier auf der Suche nach den irischen Wurzeln von Papa. Er ist auch gar nicht soo jung, sondern schon dreißig und von Beruf – Englisch-Lehrer. Ein Kollege, Bam! Wir unterhalten uns eine Weile über Schule und Musik, erzählen uns quasi alles, nur wie immer nicht – unsere Namen.
Dann legt die Vorband los, eine lokale Combo namens „Fear of Last Order.“ Man kann den Act ohne unfair zu werden als Seniorenband bezeichnen, mit einer bemerkenswerten instrumentalischen Besetzung: Gitarre, elektrischer Standbass, Schellenkranz, Waschbrett. Sie spielen beliebte Punk-Klassiker von the Clash, den Ramones oder den Sex-Pistols, sie sind laut und engagiert, nicht unbedingt versatil im Spiel, aber mit Spaß dabei. Die Ansagen der Combo verstehe ich kaum, einmal wegen der Soundauspegelung, aber vor allem wegen dem brutalen Akzent.
Der Laden hat sich inzwischen mit einer Mischung aus lokalen Gestalten gefüllt, die ich zum Großteil in die Punk-Szene der 80er-Jahre einordne, Überlebende. Ziemlich coole Gestalten. Dazwischen ein paar junge Yuppies in teuren Hemden und eine Gruppe queerer Trans-Punks, deren Outfit vermutlich ein paar tausend Pfund wert ist. Sie warten auf den Main-Act. Mein Pub-Freund ist inzwischen verschwunden und bei seinen eigentlichen Kumpels, aber das macht gar nichts, ich habe ein zweites Pint.
Dann kommen gegen 20:00 die „The Pogue Traders“, wie ich von meinem Pub-Freund zuvor erfahren habe, die „The Pogues“-Tribute-Band überhaupt. Und ja, viele hier tragen heute Abend Shane MacGowan Shirts. Die Band hat sicherlich 8 Leute auf der Bühne mit allem was zu Irish Folk gehört: Quetschkommode, Tin Whistle, Banjo alles da. Und sie lassen sich nicht lang bitten, es ist quasi ein absolutes Best of the Pogues, ziemlich nah am Original. Nach dem dritten Song kocht der Pub. Am Ende des Abends gröhlen alle „Dirty Old Town.“ Danach grölen alle „Farrytale of New York.“ Im August. Aber Herrgott, ist das schön.
Ein perfekter Dienstag in London.


