Vom Drogen-Zirkus in die Chill-Out-Lounge

Wann kommt man eigentlich raus?

Ende eines Alltags – Taschenchaos in der Diele.

Also ich in der letzten Woche des Schuljahres definitiv nicht. Dazu tobt zu sehr der alltägliche Schuljahresendwahnsinn. Das Irre ist, dass seit Mitte Juni von „Alltag“ allerdings nicht mehr die Rede sein kann, das Szenario gleicht eher einem wilden Terry-Gilliam-Streifen aus den frühen 90ern.

Man stelle sich also folgendes Set vor: Es geht auf einen neuen Hitzerekord zu, schon morgens um 10.00 hat es 30 Grad im Schatten. Der 40 Jahre alte Teppichboden, der großzügig in unserem Schulhaus verlegt wurde, verdampft einen Gestank, der irgendwo zwischen brennender DDR-Fabrik und einer Tüte toter Mäuse liegt. Dazwischen stehen und sitzen drei Dutzend Gestalten in roten Zellstoff-Overalls und Gruselmasken, also für Eingeweihte der Cast aus „Haus des Geldes“, der sich in den falschen Film verirrt hat.

Wer jetzt denkt, ich dichte mir das Bild zusammen, der kennt das Bildungssystem nicht. Die herumlungernde Netflix-Besetzung ist der „Abi-Gag“, der jedes Jahr stattfinden muss, obwohl er nie wirklich gelingt. Fällt aber auch nicht auf: „Muss jedes Jahr sein, bringt aber nix“ ist ja so etwas wie das Motto des Deutschen Bildungssystems, was erwarten wir auch, dass unsere Abgänger am Ende besser sind, als die Schmiede, die sie acht Jahre lang behämmert? Pun intendet.

Dazwischen stromern ca. 100 Unterstufenschüler, die darauf warten, dass irgend etwas Gagiges passiert, aber ihrer Enttäuschung nicht entkommen können, weil man den Abiturienten aus Sicherheitsgründen untersagt hat, vor 11.25 Uhr mit irgendwelchen Aktionen in Klassen zu gehen. Nun hocken die Zwölfer in ihren Kostümen rum, sind frustriert und lassen unmotivierten Trap Rap aus einer Boombox dröhnen. Na ja, die Box ist schlecht, die Bluetooth-Verbindung auch, der Spotify-Stream regelt die kpbs im Schulhaus wegen schlechten Empfangs sowieso automatisch runter, der Track krächzt und scheppert so im Hintergrund und stellt damit eine ziemlich gute Metapher auf den Digitalisierungs-Hype im Schulsystem dar.

Die herumirrende Unterstufe (meistens Jungs) sind irgendwie ihren Klassen entkommen, werden gerade von ihrem Lehrer nicht vermisst oder haben sich aus einem von 12 Filmen geschlichen, die in der letzten Woche pro Unterrichtsblock irgendwo laufen. Filme gibt es vor Weihnachten und vor den Sommerferien, die gewiefte Sekundarstufler*in weiß das, der Film zeigt das Ende einer Phase an, so wie das Flimmern der Augenlider den eintretenden Tod eines Patienten. Es kann etwas Erlösendes haben.

Um das Chaos zu vervollständigen wird irgend ein Wagen mit Kuchen und Kaffee für eine verspätete Besuchsdelegation durch die Halle manövriert, 2-3 Handwerker liefern schon einmal Material für die anstehenden Sommerferienrenovierungs-arbeiten an und ein älterer Herr wird furchterfüllt von einer liebevollen Begleitlehrerin durch das Inferno geführt, weil er ganz am Ende des Schuljahres noch von seinen Erfahrungen in der DDR / seinem Alkoholproblem / seinen Bioziegen auf der schwäbischen Alb berichten muss. Vielleicht ist es auch ein Elterngespräch mit dem erziehungsberechtigten Großvater.

Jetzt käme natürlich der paradigmatische Vergleich der Schuke mit einem Irrenhaus, wenn man noch Irrenhäuser hätte und nicht Psychatrien, in denen Tagesabläufe eher strukturiert und zielgerichtet ablaufen sollen. Und selbst die durchgeknallste Psychatrie wäre wohl nicht fair behandelt, wenn man sie mit unserer Schuljahresendapokalypse vergliche. Also vergleichen wir das oben flott gepinselte Sittengemälde lieber mal mit einem Zirkus auf Drogen oder einem Fiebertraum aus Dantes Vorstellungskraft. Fies, aber nicht unzutreffend.

In diesem Chaos versuche ich mit einer Kollegin im geöffneten Musiksaal (da gibts so Wände, die man aufklappen kann, egal, kompliziert, strange, wie alles) eine Bühne hochzuzimmern für die nächsten zwei bis drei Kulturveranstaltungen, die in dieser Woche noch über die Bretter müssen. Ich bin irgendwie immer der, der an der Bühne endet, das finde ich auch gar nicht schlimm, im Gegenteil, man hat beim Bugsieren von Podestteilen und Stellwänden durch das Chaos einigermaßen das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun, weil am Ende was Konkretes da steht, und das ist ein rares Gut am Ende des Schuljahres. Den ca. 10 Achtklässlern der Realschule, die zum Helfen verdonnert wurden, scheint es ähnlich zu gehen, sie wirken nicht undankbar, das Geschraube, Geschiebe und Gewuchte ist geradezu eine Oase der Ruhe und des Sinnstiftenden in dem uns umgebenden Gemälde aus der Feder von Hieronymus Bosch.

Die Bühne steht, die fünfte Stunde beginnt, die verbleibenden Zwölfer gehen mit Süßigkeiten beladen in irgendwelche Klassenzimmer, ich könnte eigentlich nach Hause, klebe noch schnell eine eingerissene Gasmaske mit Gaffatape zusammen (brauchen wir für ne Aufführung, egal, kompliziert, strange, wie alles), stelle verblüfft fest, dass sie aus dem Zweiten Weltkrieg stammt, finde es dann doppelt schade, dass der Gummi gerissen ist, leere mein Postfach, weiche kreischenden Unterstufenschülern aus oder schiebe sie aus dem Weg, gehe gegen Zwölf Richtung Parkplatz.

Und jetzt kommts: In meinem Kopf läuft das für mich unter dem Stichwort „Alltag.“

Wie abgefahren.

Nur bleibt die Frage: Wie kommt man da „raus?“ Wie lange braucht es, bis man mental in einer weniger durchgeknallten Welt angekommen ist?

Und: findet man dann hinterher jemals wieder zurück in den Drogenzirkus?

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4 Kommentare

  1. Wie erhofft und erwartet kannst du mit kreativen Worten der Normalität etwas Besonderes verleihen. Freue mich auf deinen Blog. Und das mit der Rückkehr in den Drogenzirkus ist alles eine Frage der Perspektive. Wenn du alternativ in einem Spiegelkabinett der Oberflächlichkeiten landest, fällt das Zurückkommen nicht schwer.

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  2. Sensationell geschrieben, genauso stelle ich mir Schule vor , allerdings das Schlimmste daran ist , das es wahr sein wird – ich wünsche Dir das Du dieses Jahr wirklich geniesst und dann mal schauen ob Du überhaupt in den Zirkus zurück möchtest .

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