Die eine oder andere Küchenschabe wird es am Header erahnen: Ich schreibe diese Zeilen in Dijon. Um genau zu sein: über Dijon (Hügel, wie immer), aber diesmal musste ich nicht hinaufstrampeln, sondern habe tagsüber ganz zentral vor einer Grünanlage geparkt.

Der Morgen brachte mir mein liebstes Stück Frankreich: Eine extrem einsame Landstraße. Wer mitgezählt hat weiß, dass heute Waschtag war, und ich konnte in Badeshorts um meine Seifenschüssel tanzen, ohne dass ein Auto an einem Freitag morgen dabei meiner nackten Brust angesichtig wurde.

E.Leclerc: Internet funktioniert nicht. Carrefour: Netz funktioniert, Filiale liegt aber in einem echt ekligen Edel-Einkaufszentrum für die Wohlstandsschicht. Und alle Parkplätze bei zwei Meter Höhe abgeriegelt. Reiche Ärsche, was macht ihr wenn der Dodge Ram vom Twitch-Sternchen kommt? Unerfreulicher Ort, kann von der Revolution dann später mal plattgemacht werden. Habe davor da noch Senf gekauft.

Dijon selbst macht einen wirklich schönen Eindruck. Tolle Innenstadt, aber mit diversem und natürlichem Publikum; Fahrradfahren funktioniert hier gut. Was mich hier aber vor allem beschäftigt hat war das Musée des Beaux-Arts.

Der erste ist sehr materiell: Die ständige Sammlung kostet nix. Und das finde ich, bei einem Museum dieses Kalibers, höchst bemerkenswert.

Der zweite Grund: Das Museum liegt in den Räumlichkeiten des alten Herzogpalasts der Burgunder und zeigt gleichzeitig auf, wie der Palast vom Mittelalter in die Neuzeit hinein wuchs. Es ist ein ganz schöner Brecher an Palast, in der Mitte der Altstadt gelegen, aber die Sehenswürdigkeit der Räume endet nicht bei der historischen Substanz. Dijon schafft es, moderne Museumsräumlichkeiten so mit dem alten Gebäude zu verschmelzen, das beides nebeneinander existiert und zu seinem Recht kommt. Das ist außergewöhnlich gut gemacht, vor allem wenn man es mit modernen Raumkonzepten für Kultur vergleicht, die einfach scheitern. Hat hier jemand „Humboldforum“ gehustet?

Und drittens und an erster Stelle : Die Sammlung. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf mittelalterlichen Werken und Renaissance-Exponaten, und oh boy, ich dachte bis jetzt, dass das die Epochen sind, die in mir am wenigsten abseits des Historikerinteresse auslösen. Weit gefehlt. Die Burgunder haben wohl schon zu Lebzeiten das eine oder andere Schätzchen angehäuft und ich war hin und weg von einigen Exponaten. Auch modernere Epochen werden durchaus abgedeckt, aber ich muss zugeben: Bis ich in der neuen Pariser Schule stand, war mein Kopf so voll mit Kucken und Details Studieren, dass ich dort gar nicht mehr so viel aufnehmen konnte.

Ich zeige hier nur ein paar der Sachen, die ich wirklich geil fand. Sonst hätte ich den halben Laden knipsen müssen.

Abgesehen davon bin ich ein bisschen mit dem Fahrrad herumgefahren. Lastwagenfahrer beschimpft ältere reiche Frau im Mercedes als „Putain“ (kann ich übersetzen …), weil sie der Meinung ist, man kann auch mal 5 Minuten auf der Straße mit der S-Klasse warten, bis rechts einer der vier Parkplätze frei wird; Lieferwagen parken gewohnheitsmäßig auf dem Fahrradweg, wenn man den nicht konsequent mit Pfosten absperrt; Straßen, die für Fußgänger und Pferdewagen gebaut wurden, sollen nun unbedingt von SUVs befahren werden, was natürlich nur klappt, wenn man andere Menschen in der Stadt an den Rand drückt.

Ich bin jetzt schon wieder recht nah an Zuhause. Man merkts am Wetter und an der jahreszeitlichen Stimmung. Morgen bin ich quasi schon wieder in heimatlichen Gefilden.

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3 Comments

  1. Ja Wahnsinn, was ich schon Alles in Dijon verpasst hab, als ich meinen französischen Freund damals dort besuchte. Obwohl man vielleicht in den Anfangzwanzigern sinnvollerweise mehr feiert und die Museen für später aufsparen kann.

    Zu „putain“ möchte ich eine schöne Lehrerinnengeschichte hinzufügen:

    Vor vielen Jahren arbeitete ich in Pforzheim an einem Gymnasium. Meine Fächer sind nicht-sprachlich (wenn man mal von formalen Sprachen und Programmiersprachen absieht), aber der französische Boyfriend war zwischenzeitlich der Ehemann geworden und mein Alltagsfranzösisch ganz gut.
    Ich ließ in der 7. Klasse eine Klassenarbeit schreiben. Die üblichen Kinder hatten es wieder mal sehr falsch eingeschätzt. Und ein Mädchen wollte ihren Leidensgenossen etwas mitteilen und schrieb auf ein DIN A4 etwas was sie rumzeigte, bevor sie die KA beendete und ging. Warum ich dies zulies? Ich ging davon aus, dass sie niemand eine Information zur Lösung der KA übermitteln konnte. Ich schaute also auf das DIN A4 Blatt und da stand „Putain“. Da sie sich meiner Meinung nach über mich geärgert hatte (ich hätte ja einfachere Aufgaben stellen können?), ging ich davon aus, dass dies eine Beleidigung meiner Person sein sollte. Wunderte mich darüber, dass sie dieses Wort kannte. Beherzigte aber den Ratschlag „vor Einträgen und Maßnahmen eine Nacht drüber schlafen“.
    Am nächsten Tag war ich Vertretung einer anderen Klasse in dem Raum in dem die Klasse Französischunterricht hatte und was sah ich an der Wand:
    Ein liebevoll gehaltenes Plakat „So schimpft man auf Französisch“ und diverse unfeine französische Begriffe (mein Mann hätte da beratend noch viel Schönes hinzufügen können). „Putain“ hatte die Lehrerin mit „so ein Mist“ oder so ähnlich übersetzt. JA okay, kann man machen. Ich stelle mir nur vor, wie ein Jugendlicher sich das schön merkt, vielleicht ein duales Studium in einer schwäbischen Aussenstelle einer französischen Firma beginnt und in der Firma schnell bekannt wird durch seine derbe Ausdrucksweise. Ich hätte „so ein Mist“ anderst übersetzt.

    Der Schülerin sagte ich nichts und die Französischlehrerin sprach ich auch nicht an. Wir wissen alle, dass Kolleginnen nicht gerne belehrt werden. Also ich weiss das spätestens, seit der Diskussion, dass ich in Frankreich in 23 Jahren mit einem Franzosen und dessen Familie (also alle Generationen) noch nie Jemand habe „A plus“ sagen hören. Der Französischkollege, der bei diesem Zweifel an „A plus“ sehr emotional und verteidigend wurde hat anscheinend tausende Familienmitglieder, die ständig „A plus“ sagen. Gut, es ist die Familie seiner Frau und originär wohl von der Elfenbeinküste. Es wird wohl regional unterschiedlich sein, aber die Region ist mir unklar.

    Also wird der LKW Fahrer bestimmt „so ein Mist“ gesagt haben. Google translate meint übrigends die korrekte Übersetzung wäre „Verdammt“. Google translate meint aber auch „A plus“ würde „Wir sehen uns mehr“ bedeuten. Meiner Erfahrung nach sollte bei einem zünftigen Ärger einem „Putain!“ immer auch ein „bordel!“ hinterhergeschoben werden.

    Liebe Grüße
    Coreli

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    1. X))
      Als Deutschlehrer bin ich immer dafür die Begriffe scharf zu benennen. Würde es ja auch nicht geschickt finden, wenn jemand in England auf ein Lernplakat „Arschloch = you fool“ schreibt, weil ich da diverse sehr ungeschickte Situationen in Deutschland für die Lernenden antizipieren würde.

      Jedenfalls Dank für die sehr witzigen Anekdoten!

      A plus!

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