Ich bin gestresst wie eine Labormaus. Dieses Packen! Dieses Packen! Was muss NOCH ALLES MIT. WAS HABE ICH GERADE SCHON WIEDER VERGESSEN! Das Geschleppe. Treppe runter, Klappkorb abstellen, Bustür auf, und dann: Wohin nun damit schon wieder? Welche Klappe denn jetzt?! Und dann muss ich ja noch Pegasus aus dem Keller wuchten und hinten aufschnallen! Und dann der Klapptisch! Vom Dachboden! Und warum fängt es JETZT AN ZU SCHNEIEN!? In STUTTGART? Warum jetzt bloß SCHNEEEE!!??

Wenn ich das, was in meinem Kopf passiert, verschriftliche, dämmert mir die Erkenntnis, dass ich wohl mittlerweile tatsächlich leicht Richtung Klapse abgebogen bin. Soweit, dass mir der Gedanken kam: Lass den Scheiß doch einfach, schlaf morgen aus, zock dein Computerspiel, baller dein Hirn mit YouTube und Reddit zu, verdämmere weiter deine Tage. Anstatt wieder in einem Kleintransporter zu hausen.

Dummerweise habe ich jetzt schon allen von Sizilien erzählt.

Und dummerweise haben alle betont, wie sehr sie mich beneiden, und wie toll sie das finden, ich habe 42 gute Tipps, was es in Italien zu kucken gibt, und so sehe ich mich leider gezwungen, jetzt doch loszufahren. Gottseidank ist das so.

Als ich am 03. Januar zu Gaspard gehe, ist die Scheibe dick zugefroren. Erst hat es geschneit, dann ist der Schnee getaut, und dann der Matsch in der Nacht gefroren. Ich kratze fluchend herum, bis meine Finger gefühllos werden, dann hole ich Handschuhe und kratze weiter, mit bescheidenem Erfolg, die Scheibe ist ja auch von innen zugefroren. Schließlich setze ich mich mit dem Gasheizer ins Cockpit und lasse ihn laufen, bis das Führerhaus genug Temperatur hat, damit das Dreckseis anfängt herunterzulaufen.

Super Idee, mit einer Gasflamme hinterm Lenkrad zu sitzen.

Baden-Württemberg ist ein Wintertraum. Die Sonne scheint, alle Bäume dick verschneit, es ist weiß, die #*+!-Straße reflektiert alles gottserbärmlich, als ich mich die A81 hinuntergondele. Dennoch ist meine Laune gar nicht so mies plötzlich. Erst am Bodensee wirds wieder grün und dann ist plötzlich Europa zu Ende.

Ja, ich fahre durch die Schweiz. Nach meinen Erfahrungen in den Pyrenäen und mit Gaspards Bodentraktion möchte ich mit ihm nicht über winterliche Alpenpässe und der flachste Weg ist nun mal der Gotthard-Tunnel. Eine E-Vignette habe ich mir gestern noch geholt und ich muss sagen: Das geht online super-easy. Im Gegensatz zum Versuch, seinen Führerschein auf EU-Format umschreiben zu lassen, liebe Führerscheinstelle Feuerbach, kuckt einfach mal, wie das Ausland so arbeitet. Kann nicht so schwer sein, wenn es Ludwigsburg hinkriegt.

Also fahre ich mit dem alten rosa Lappen. Fuck you.

Es läuft super. Zürich ist verkehrstechnisch kacke, aber das war erwartbar. Dannach begrüßt mich eine dramatische schweizer Winterlandschaft. Not so geil: Die Schweiz ist nicht Europa. Eigentlich weiß man das ja und überraschenderweise wird man an der Grenze quasi gar nicht belästigt. Aber oho: Mobile Daten gehen außerhalb Europas ja auch nicht (außer man blecht extra wie vor 20 Jahren im Urlaub). Schönerweise ist der Gotthard gleich hinter Zürich angeschrieben. Nicht so schön ist die immer dickere Salzkruste auf der Windschutzscheibe, die sich auch dem Scheibenwischwasser zäh widersetzt. Warum schmeißen die so höllisch viel Salz auf die Autobahn? Nicht, dass mir eine Eisfläche lieber wäre, aber ich könnte schwören, dass das vor 20 Jahren nicht so heftig war. Andererseits: Wärmere Winter erfordern mehr Salzeinsatz, damit die Streumittelindustrie auf ihrem gewohnten Umsatz kommt. Und dann bin ich auch schon am Gotthard.

16 Kilometer Tunnel sind ganz schön dumpf.

Gegen 16.00 bin ich in Como, das liegt wieder in Europa, meiner Tagesstation. Die Schweiz ist schön für einen Transit, von Wildcampern im Netz liest man aber Furchtbares. Dann lieber Italien. Die Rush-Hour in Como ist ungefähr so wie die in New York, nur nicht so diszipliniert. Ich brauche über eine Stunde, um einen akzeptablen Stellplatz zu finden. Ab morgen muss ich mich wieder stärker in die Wildnis orientieren, aber für heute mag das gehen. Grauenhaft hässliche Straße, grandioser Blick.

In Como ist grad noch Weihnachten.

Ich wusste noch aus früheren Januarurlauben, dass in Italien die Weihnachtszeit mindestens bis zum 06.01. geht. Aber was in der Altstadt am Comer See abgeht ist definitiv abgefahren. Es sieht aus wie am 21. Dezember. Unendlich viele Leute drängen sich in den Geschäften und kaufen ein, es ist ein bisschen wie Porto, nur dass ich das Gefühl habe, dass es sich hier um Einheimische handelt. Diverse male sehe ich Leute mit eingepackten Weihnachtspaketen rennen – tauschen die alles um oder machen die hier am dritten Januar noch Bescherung? Wenn hier jemand mitliest, der mir Italienische Weihnachten erklären kann: Ich bitte darum.

Gar nicht mal so scheiße. so ein Winterabend am See

Nebenbei ist Como nun wirklich die fahrradfeindlichste Stadt bisher. Auf meinem Weg vom Berg zum Seeufer sehe ich wirklich keinen einzigen Fahrradweg, dafür ein irrsinniger Autoverkehr. Wenigstens die Altstadt bleibt ihnen versperrt, das geht auch gar nicht bei den Millionen Leuten mit Weihnachtspäckchen hier.

Ich habe jetzt eine Pizza intus und ein Moretti. Der Preis war im Vergleich zur Speisekarte verdächtig hoch, aber in Italien hat man ja nie die wirkliche Preiskontrolle. Zumindest war sie lecker, ab morgen muss ich aber wieder in den Selbstversorgermodus. Im Spätsonnenschein hatte es hier heute 14 Grad, das ist vielversprechend. Gut, ich bin wieder unterwegs. Schön, dass ich mich gezwungen habe.

Juhu! Ich bin in Italien!!!

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1 Comment

  1. In Italien bekommen die Kinder ihre Geschenke wohl erst heute, an drei König… die haben ja auch Geschenke gebracht, die Hirten und Engel ja nur ihre Anwesenheit und Anbetung, ganz unmaterialistisch 🤪

    Und es bringt eine Hexe (Gundel Gaukeley… Nee… Irgendwas mit B) die Geschenke, oder eine Heilige… Oder eine heilige Hexe.

    Ob das allerdings überall so ist, keine Ahnung.

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