Das Kistchen geht bis jetzt – halt bis der Prozessor überhitzt. Aber es ist ja kühl.

Zwei Abende zuvor.

Zwischen den Bäumen geht die Sonne unter und reflektiert auf den sanft rauschenden Wellen. in den Kiepinien flüstern die Nadeln, wären mein Feuerchen vor mir knackt. Ich bin ganz alleine hier auf dem Umsonst-Campingplatz. Das stimmt nicht, 500 Meter westlich parkt ein älteres Päärchen mit einem Bully. Ein Kilometer östlich zeltet ein Fahrradtourist. Aber sie sind weit weg, der Platz ist riesig. Mein Feuer knackt, Kiefernnadel verbrennen besonders schön. Morgen werde ich nach Rauch riechen, aber das ist egal.

Glück.

Szenenwechsel; „Freude schöner Götterfunken“ (das beste deutsche Duo der Musikgeschichte) tönt das Glockenspiel über dem Freiheitsplatz und 4000 Esten und ein paar hundert Ausländer wedeln dazu mit kleinen Papier-EU-Fähnchen. Tatsächlich liegt Freude in der Luft als die Europa-Hymne ertönt und beim Anblick der blauen Papier-Fahnen habe ich fast ein wenig Pipi in den Augen, weil es so schön ist, dazu zu gehören. Seit ich aus Berlin raus bin war ich überall ein Fremder, ein Tourist, einer auf der Durchreise. Aber hier und heute geht es um das, woher ich stamme. Es geht um meine Heimat, meine Wurzeln, meine Lebensgemeinschaft. Ich gehöre hier dazu.

Europatag.

Nix mitbekommen? Ich bis jetzt eigentlich auch nicht, aber hier in Tallinn ist der Europatag ein großes Ding. Nun gut, der Reihe nach. Die Fahrt in die estnische Hauptstadt geht über gut ausgebaute Landstraßen. Links und rechts lichte Birkenwälder, gelegentliche Moore und bunt bemalte, malerische Holzhäuschen. Das riecht alles schon reichlich skandinavisch, man fährt quasi durch Bullerbü. Und tatsächlich: Die Illustratorin der Bullerbü-Geschichten von Astrid Lindgren war Estin und hat darin ihre Heimat verewigt. Läge nicht die ein oder andere sowjetische Fabrikruine am Rand größerer Städte, man könnte wirklich durch Finnland oder Schweden fahren.

Talinn ist … atemberaubend. Bei jeder Altstadt bisher dachte ich „wow“, aber Talinn setzt dem ganzen wirklich die Krone auf. Weitgehend erhaltene Stadtmauer, original frühneuzeitliches Straßenbild, so wie man sich eine Stadt im 16. Jahrhundert vorstellt. Und dann stoße ich auf dem Europatag.

Auf dem Freiheitsplatz ist eine ziemlich fette BÜhne aufgebaut und die Leuchtbildschirme verkünden auf Lettisch: Ab 15.00 Europafeier, ab 18.00 Konzert. Sieht so aus, als wäre ich an einem weiteren Feiertag angekommen und Live-Musik hatte ich auf dieser Tour noch nicht. Perfekt. Am anderen Ende des Platzes ist ein beheizter Pavillion mit kleinen Ständen. Alle Länder der EU stellen sich dort vor und verteilen Fähnchen. Natürlich bin ich neugierig und suche den deutschen Stand und ich finde ihn. Unter meiner National-Flagge ist groß mein Staat angeschrieben: „Goethe-Institut.“ Ich weiß nicht wer Irland, Spanien oder Bulgarien repräsentiert, ob es die Botschaften sind, die es rechtfertigen, unter die Flagge den Staatsnamen zu schreiben, aber die BRD wird vom Goethe-Institut vertreten. Sie haben einen Deutsche-Worte-Quiz, verteilen Buttons auf denen „Wunderbar!“ oder „Berlin!“ steht und haben Fähnchen. Ich fühle mich ein wenig … armselig vertreten als Staatsbürger.

Um fair zu sein: Auch das ganz symbolisch gleich neben dem deutschen Stand angesiedelte Frankreich wird vom Institut français repräsentiert, aber irgendwie … schon aussagekräftig.

Zunächst mal, bis es mit dem Konzert losgeht, tauche ich in die Vergangenheit Tallins, von den Deutschen „Reval“ genannt, ab. Wortwörtlich. Denn ein Teil der alten Stadtbefestigungen ist ein großes Museum. Eigentlich sind es diverse Museen, die miteinander verbunden sind und das Komplettticket ist nicht ganz billig, aber es lohnt sich. Folgendes habe gelernt:
a.) Wehr und Waffen der mittelalterlichen Stadt. Mit interessanten Einblicken in die Bruderschaft der Schwarzhäupter (hochinteressant, kann man mal googlen), vielen Rüstungen und Schwertern, Belagerungswaffen und ein paar eher unzusammenhängend herumhängenden sowjetischen Maschinenpistolen.
b.) Feuerwehrmuseum Tallinn und Zivilschutz in der UdSSR.
c.) Fotoalbum einer deutschen Familie bis 1939.
d.) Kaffehaus- und Restaurantkultur im sowjetischen Tallinn
e.) historische Gebäude und ihre Funktion im mittelalterlichen Tallinn: Badehaus, Scharfrichter, Kanonengießerei.
e.) Die Tunnel.

Die mittelalterlichen Tunnel unter der Befestigung sind viel länger, als ich erwartet hätte und ein bisschen vollgestopft mit unterschiedlichem Zeug. Sie sind ziemlich unheimlich, ein bisschen Geisterbahn, ein bisschen Zivilschutz und Bombenkrieg, dann waren sie Lager für kommunistische Propagandaelemente, in den 80er-Jahren zogen die estnischen Punks in die alten Tunnel und in den 90ern Obdachlose. Insgesamt bin ich sicher zwei Stunden in Stadtmauern, Türmen und Gewölben unterwegs.

Dann wird es Zeit für das Europafest.

Ich kaufe mir am ukrainischen Stand, der das Catering übernommen hat, einen Hibiskustee und zwei Mini-Pfannkuchen, die irrsinnig gut sind. Überhaupt, Ukraine: Über dem Platz hängt neben einer riesigen estnischen Flagge die genau so große blau-gelbe. Man weiß hier einfach, wo man steht und zu wem die Ukraine gehört, sie ist selbstverständlicher Teil dieses Festes.

Punkt 18.00 kommt die Moderatorin und ich beginne ganz schnell Estnisch zu verstehen: Tallinn, seid ihr da? Geht es euch gut? Habt ihr Bock auf Musik!? Dann tritt zunächst auf: Der estnische Staatspräsident. Er hält eine Rede, in der oft das Wort „Europa“ vorkommt, er spricht ruhig, leise und hält sich für einen Politiker bemerkenswert kurz. Er erinnert mich etwas an meinen alten Rektor, den ich sehr mochte.

Wo war mein neuer Bundeskanzler am Europatag eigentlich?

Um fair zu sein: Wie ich am nächsten Morgen der Presse entnehme, war er eventuell dabei ein Treffen mit Macron, Starmer, Tusk und Selensky vorzubereiten. Das ist dann wohl tatsächlich wichtiger als warme Worte bei der Europafeirt. Ich hasse es, wenn ich ausgerechnet Fritze Merz etwas zugestehen muss. Aber fair bleibt fair.

Es geht los mit Musik und zwei ältere Herren mit Fiedeln, die ich aus der manessischen Liederhandschrift kenne, treten auf. Einer wirkt ein wenig, als züchte er Aale in einem skandinavischen Sumpf, der andere wie ein erfahrener Physiklehrer, der sich eine Torsten-Sträter-Mütze aufgezogen hat. „Aha“, denke ich, „volkstümliche Musik.“

Zu kurz gegriffen, Herr Skeptiker. Das Duo beginnt damit, mit ihren Instrumenten eine Art Technobeat zu konstruieren und dann fängt der Physiklehrer an auf Estnisch zu rappen, dass einen die Energie ziemlich umhaut. Dazu Akkorde aus der traditionellen Musik. Erinnert ein bisschen an Manau, die bretonischen Rapper, und wer die nicht kennt, kann die ruhig auch mal googlen. Das Ganze überzeugt mich spontan , dass ich den Namen der zwei erfrage und im Internet recherchiere: Puuluup. Sie haben übrigens 2024 Estland beim ESC vertreten, aber ich kann mich null an sie erinnern. Mickriger 20. Platz.

Danach kommt eine Art HipHop-Boyband, definitv der Liebling der Jugendlichen hier, die begeistert kreischen und alle Texte mitrappen. Look und Sound klingen ein bisschen nach früh 2000ern, holt mich nicht so richtig ab. Geil ist wiederum, dass nach zwei Songs Puuluup und die Boyband zusammengeworfen werden und sie gemeinsam durch die Tracks rappen. Offensichtlich hat man vor dem Event an einem gemeinsamen Auftritt gefeilt und geprobt, das kommt nicht so häufig vor. Respekt.

Tallinn spart nicht am Equipement. Der Sound auf dem Platz ist brilliant, die Screens sind messerscharf und auch Flammenfontänen und Rauchwirbel: Haben wir.

In Berlin wurde das Bandenburger Tor illuminiert.

Das estnische Publikum ist übrigens sehr diszipliniert. Es wird nicht so viel geklatscht, gejubelt und gepfiffen wie in Deutschland bei guten Konzerten (und es ist ein gutes Konzert) aber keiner unterhält sich aufdringlich während der Perfomance und man blickt in sehr viele glückliche und fröhliche Gesichter.

Europa.

Dann muss ich dringend was essen und verpasse einen Popp-Act, der nach den letzten zwei Songs, die ich noch mitkriege, ganz ordentlich ist. Main-Act des Abends ist der Isländische Künstler Daði Freyr, der mit einer absolut umwerfenden Stimme und einer magischen, wenn auch sehr selbstbewussten, Präsenz die Bühne quasi owned. Der Name sagt mir sogar was und der Mann lohnt sich.

Ich mus aber früh raus, denn ich habe Tickets für Helsinki in der Tasche. Gaspard bleibt zwei Tage alleine in Estland und ist hoffentlich brav, ich fahre mit Pegasus um 6:30 nach Helsinki. Deshalb mache ich mich gegen 21:00 im Abendsonnenschein auf und möchte im Bus noch ein wenig tippen und den fantastischen Tag festhalten; aber dann weigert sich der Laptop zu starten.

Dafür kann Estland nix. Es war ein grandioser Tag.

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2 Comments

  1. Wieder sehr interessante Zeilen. Dass die Illustrateurin von Astrid Lindgren ihre estnische Heimat zeichnete klingt für mich sehr schlüssig.
    Puuluup musste ich auch googlen, klingt interessant. Wenn sie Manau ähneln klingt das sehr spannend. Manau musste ich nicht googeln. Meine Nachkommen sind Halbfranzosen und 2 von 3 fühlen sich eigentlich als Bretonnen und können alle Songtexte von Manau auswendig. Gerade für den Ältesten ist es eine wichtige Sache. Zwei seiner Cousins spielen bei Fest-Noz und da badet man schon mal berauscht von der Stimmung des Festival Intercelitique de Lorient nachts gemeinsam im Hafenbecken und so.

    Ach und ich liebe Talinn.

    Liebe Grüße
    Cordula

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    1. Schön, dass es Manau noch gibt. Hat mich in meiner Jugend sehr begeistert und dazu gebracht, mal wieder den einen oder anderen Satz Französisch zusammenzupuzzeln.

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