Es ist klar, dass nach so einem Hoch auf der Reise auch mal Tage kommen, die eher so middel laufen. Am nächsten morgen auf dem Waldparkplatz stelle ich beim Kaffeekochen fest, dass der Gaskocher so gar nicht mehr zieht. Eine halbe Stunde und ein paar Schraubenzieherdrehungen später wird klar, dass zwar die Oberfläche des Teils, das nicht mal das billigste war, komplett aus verchromten Stahl besteht, aber Innenteile mal so was von gar nicht rostfrei waren. Toll konstruiert für ein Gerät, auf dem gekocht werden soll und bei dem Kontakt mit Feuchtigkeit total erwartbar ist. Das Ding ist hin, nach nicht mal einem Jahr. Der erste Stopp heute ist also ein Baumarkt.

Ein paar Sachen sind toll in Estland. Zum Beispiel kostet an jeder Tankstelle Treibstoff quasi das Gleiche, man muss sich keine Gedanken machen, welche man nimmt. Auf der anderen Seite, gibt’s im Baumarkt nur normale Preise, wenn man eine Kundenkarte kauft. Sonst zahlt man 30 % Aufschlag. Fur Durchreisende ein Scheiß-Spiel ohne gute Lösung. Aber ich nenne wieder eine Kochgelegenheit mein Eigen, die auch Dinge erhitzt.

Zweiter Stopp, wie geplant: Nationalpark Lahemaa an der Küste. Ich dachte mir, nach all den Metropolen tut mir ein Tag in der Natur ganz gut. Und das Netz setzt den Nationalpark auf Platz 2 der „must see“ – Dinge in Estland.

Ich finde nicht.

Zum einen stimmt es nicht, dass das Gebiet „dünn besiedelt“ ist. Es ist eventuell „sehr dünn verteilt besiedelt“, was heißt, dass man allenthalben auf Datschen und Wochenendrefugien trifft. Wenig wirklich unberührte Natur. Die Wege zu diesen Minivillen sind alles Privatwege, öffentliche Wanderwege waren in meiner Ecke nicht aufzutreiben. Quer durch den Wald ist aber auch keine Option, er ist sehr feucht und allenthalben steht Wasser. Ich finde dann letztendlich einen sehr einsamen Strand. Hier gibt es sogar sowas wie ein Watt, das war mir neu für die Ostsee. Eher beunruhigend sind allerdings die Gänseskelette, die alle paar dutzend Meter aus dem Sand ragen.

Es gibt vom Strand keinen Weg zurück, außer den, auf dem ich gekommen bin.

Elk, ick hör dir trapsen …

Einmal hin, einmal zurück. Immerhin finde ich verdächtige Spuren, von denen ich ziemlich fest glaube, dass sie von Elchen stammen. Zu Gesicht bekomme ich aber keinen. Nach zwei Stunden Nationalpark hake ich den Versuch ab und fahre weiter nach Süden.

Viljandi ist die sechstgrößte Stadt Estlands. Mit 17.500 Einwohnern sind das ziemlich exakt 1000 mehr als das absolute Kaff, in dem meine Schule liegt. Entsprechend verschlafen ist das Städtchen. Es gibt ein paar nette bunte Holzhäuser, es gibt daneben viel Lehrstand und blinde Fensterscheiben. Es fällt mir schwer ein Cafe zu finden, am Ende klappt es. Es ist der Hit der Stadt, sehr voll für einen Montag und voller Reservierungsschildchen.

Auch Viljandi ist kein Höhepunkt.

Am Ende stehe ich auf einem süßen Grillplatz an der lettischen Grenze. Toll gepflegt. Wieder gibt es zwei Feuerstellen, Toiletten und hübsche Grillhütten, dazu einen großen Holzstapel mit Hackklotz und öffentlichem Beil. Die Ausstattung der Grillplätze hier ist wirklich paradiesisch. Meinen besten Dank an die Gemeinde Taagepera! Also gibt’s heute Abend wieder Feuer.

Das wird dann der Höhepunkt.

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2 Comments

  1. Ja dieses „sehr feucht und allenthalben steht Wasser“ hat mir im Lahemaa Nationalpark auch den Spaß am herumwandern verdorben. Insbesondere als unser Guide meinte, ihm sei schon einmal eine Frau zum Teil im Moor versunken, aber man hätte sie bergen können.
    Und am Meer waren mir zuviel Stechmücken. Palmse fand ich schön, spätestens nach der Schnapsverkostung.

    Die Zahl der Einwohner bringt mich zum Nachdenken, ob Du nicht an einer Schule bist, an der ein ehemaliger Kollege nun Schulleiter ist. Also nicht, dass ich eng wäre mit dem Ex-Kollegen. Er war zwar immer sehr freundlich, aber eben Jemand, der ein anderes Ziel hat als ich. Ganz Allgemein.

    LG

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    1. Das ist tatsächlich das Schöne am Mai: Die Stechmückendichte ist noch recht überschaubar, auch die kühlen Temperaturen lassen die Tierchen noch ein wenig länger im Larvenstadium. Im August möchte ich aber durch dieses Moor nicht laufen.

      Mein momentaner Schulleiter ist, soweit ich weiß, seit dem Ref an meiner Schule. Landkleinstädte gibt’s um Stuttgart ja viel … 🙂

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