Belgien ist größer, als man denkt. Ich bin heute morgen eine ganze Weile zwischen Feldern und Hügeln herumgedüst, bis ich die französische Grenze erreichte. Die Namen, die vorbeiziehen, sind deutlich mit Geschichte aufgeladen: Brüssel, Gent, Namur. Das Wetter ist annähernd sonnig geworden. Beim Fahren kommen auch Erinnerungen an meinen ersten großen Bus-Trip 2020 wieder, als ich heute die Yser überquere und dieser seltsame Flamenturm als Sehenswürdigkeit angezeigt wird.

Mein Ziel heute: Dunkerque.

Zwei Gründe: Es liegt erstens nur einen Katzensprung von Calais weg, wo ich eine Fähre kriegen muss; ich war noch nie da. Christopher Nolan hat vor vielen Jahren einen Film über den Hafen gemacht, von dem viele glauben, es geht um eine Weltkriegsepsiode, aber eigentlich geht es um ablaufende Zeit (das ist bei Nolan nicht neu). Er ist filmisch hervorragend.

Die historische Episode dahinter, die Evakuierung der britschen (und einiger französischer) Streitkräfte 1940 mit all ihrer Dramatik kann man im Internet nachlesen. Seitdem ist der Name der Stadt mit dieser Episode verknüpft.

Kein echtes Kriegsmuseum ohne Kanone oder Panzer vor der Tür!

Das dazugehörige Museum gehört zu jenen Kriegsmuseen, das sich nicht zwischen der guten alten Zeit der Schaufensterpuppen und Waffenvitrinen und moderner Museumspädagogik entscheiden kann. Man kommt aber mit einem Lehrer*Innen-Ausweis verbilligt rein. Zumindest die Wrackteile verschiedener Schiffe, die bei der Evakuierung versenkt wurden, erzeugen eine durchaus bedrückende Atmosphäre und auch das Lied des Heldentums wird vergleichsweise dezent gesungen.

Kann man sich ansehen.

Dunkerque selber ist ein nicht allzuhübscher Industriehafen, wirkt dafür aber noch ganz nett. Die Fahrrad-Infrastruktur ist bisher ungesehen und das beste, was ich je auf den Reisen erlebt habe. So geht’s also auch. Aber ich drehe nur eine kurze Runde auf dem Fahrrad, denn ich will nun endlich ans Meer.

Es werden nun echt Erinnerungen an den Anfang meines Jahres wach, denn es begann auch alles quasi mit einem Barfußspaziergang über einen wahnsinnig breiten Weltkriegsstrand. Damals konnte ich mein Glück kaum fassen, weil dieses Jahr vor mir lag, jetzt schließt sich der Kreis und es ist alles ein bisschen von Abschied geprägt. Der Wind dreht auf dem Strand völlig ab, es ist Ebbe und von den Dünen bis ans Wasser ist es weit. Diverse Reste der Kriegsjahre sind zu besichtigen, unter anderen das Wrack der Crested Eagle, das nur bei Ebbe sichtbar wird. Viel ist von dem nicht gerade kleinen Dampfer nicht mehr zu sehen nach 85 Jahren. Darüber hinaus sind die Dünen mit langsam herabrutschenden Bunkern und Batterien des Atlantikwalls übersäht, in einer Dichte, wie es mir in der Normandie nie unterkam.

Nach etwa einer Stunde Strandspaziergang und ständig auffrischendem Wind sitze ich jetzt an einem kleinen Kanal im Hinterland. Morgen geht’s über den Ärmelkanal – zum ersten Mal in meinem Leben. Und meine Zeitplanung auf der Insel wird wohl doch sehr sportlich.

Und auch noch Linksverkehr.

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