Wieder daheim, am bequemen Standrechner und mit stabilem, schnellen Netz, schreibt sich das alles hier doch gleich einfacher. Es ist vorbei und aus der Rückschau war es eine wirklich tolle Reise, die mich ein Stück weit mit meinem corona-infizierten Freistellungsjahr versöhnt. Nun also hier der ganze Bericht, die ungeschönte Wahrheit, und nackte Tatsachen (Nur Clickbait, das Nackteste, was ihr hier zu sehen bekommt sind weiter unten meine Füße).

Ja, ja, ich habe es getan, es gibt nichts mehr zu leugnen und ich ziehe das jetzt auch durch. Nichts mehr zu verlieren, halb zwölf auf der Doomsday-Uhr, Apocalypse Now, Tod oder Freiheit.

Ich habe einen VW-Bus angemietet.

So, jetzt ist es raus, alle wissen nun um mein Problem, dann kann man freier darüber sprechen. Und eine langatmige Erklärung hinterherschieben:

Schon zu Beginn meines Jahres stand auf der Planungsliste eine längere Tour durch Frankreich. Lesern dieses Blog ist ja meine langsam ein wenig krankhaft werdende Obsession mit der Westfront 1914-1918 hinlänglich bekannt und ich wollte einige Zeit damit verbringen, das gesamte Gebiet einmal in Gänze zu erfassen. Also von der Schweizer Grenze bis hin an die belgische Küste, von den Alpen an die Nordsee.

Der ursprünglich kühne Plan sah vor, Naivchen, das ich bin, mir ein Quad zu kaufen und mit dem Zelt auf dem Gepäckträger ganz naturnah durch die Wälder zu brausen. Ich hatte mal eine Quadrunde auf einer griechischen Insel, die mir sehr viel Freude bereitete, und irgendwie schien es mir als guter billiger Motorradersatz für arme Männer, der darüber hinaus nicht umfallen kann.

Aber dann kamen die Zweifel.

Was mache ich mit dem blöden Ding, wenn ich die Strecke absolviert habe? Wieder verkaufen? Soll’s ein Quad sein oder ein ATV? Wieviel PS? Welches Modell ist überhaupt in der Lage, lange Strecken am Stück zu fahren und das über Tage (laut Foren nämlich die meisten nicht). Wie bekomme ich den ganzen Scheiß für die Reise in einen Rucksack und auf einen Quad-Gepäckträger? Möchte ich mir als älteren Herren wirklich ein Dutzend Nächte in einem Zelt im Wald antun? Oder Tage auf einem vibrierenden Blechpferdsattel? Und wenn es dann in Flandern keinen Wald mehr gibt, wo verstecke ich mich mit dem Zelt? Auf dem Campingplatz? Muss man da reservieren?

Eine Menge Fragen und wenn man so viele Fragen im Kopf hat, ist vielleicht eine ganz andere Antwort die richtige. So komme ich zu einem alten VW-Bus, T3 (T4! Es ist ein T4!), Selbstausbau, 300.000 (Knapp über 250.000. Mal nicht übertreiben, ok?) Kilometer auf dem Dieselmotor.

Natürlich schäme ich mich ein bisschen.

Zum einen wegen des Diesels. Aber ich habe ja in BaWü einen grüne Landesverband, der den Dieselmotor ganz rettenswert findet (Daimler vor Umwelt). Trotzdem finde ich, dass die Grünen in Fragen des guten Gewissens keinen Maßstab bilden sollten. Dann wegen des VW-Bus. Ich finde, um das Modell wird so viel abgekultet, dass man es besser meidet, zu viele Leute feiern den „Bully“ und ich bin mein Leben lang gut damit gefahren, in die entgegengesetzte Richtung zum Massengeschmack zu paddeln. Aber leider waren im Juni, als ich auf der Suche nach einem solchen Gefährt war, alle Renaults, Fords, Fiats, Opel und Skoda-Busse mit Benzinmotor bereits vergeben.

Und natürlich will ich das Schuljahresende in meinem Bundesland auf keinen Fall in Deutschland erleben. Mein Jahr neigt sich dem Ende zu, den Einfluss, den Covid-19 auf meine Pläne und meine Laune hatte/hat, habe ich an anderer Stelle ausgiebig diskutiert, und eine Art Abschiedsbrief/Review schreibe ich mal dann, wenn ich mich psychisch dazu in der Lage fühle. Noch leiste ich mir den Luxus, das mir meine Schule scheibchenegal sein kann, auch wenn das nächste Schuljahr bereits seine hässliche Fratze mit schlechten Nachrichten in mein Leben schiebt.

Was ich auf keinen Fall wollte, war ein Fahrzeug das „Camper1111“ herausschreit. Und der Innenausbau des Bussleins wirkt charmant, von außen ist es halt ein VW-Bus. Jetzt sind die Klamotten gepackt, Feldrationen gestapelt und eine Ausrüstungsliste halb durchgehakt. Ich bin heilfroh, dass ich mit dem ganzen Scheiß den Bus für mich alleine habe. Nachher um drei hole ich das Gefährt ab, lade es voll und fahre noch heute Abend Richtung französisch-schweizerischer Grenze damit.

Auf dem Weg werde ich altbekannte Gegenden sehen und im zweiten Teil mit der Champagne, der Marne, der Somme und Flandern Ecken des Ersten Weltkrieges, die mir bisher neu sind. Außerdem hoffe ich, Abends mit diesem TORTUGA-Projekt ein wenig weiter zu kommen, das lahmt.

Wie immer halte ich euch hier mit viel zu langen Tagebucheinträgen über meine Abenteuer informiert. Man kann also als persönlich mit mir Bekannter mitlesen und muss mich nicht nach der Rückkehr fragen, was ich so erlebt habe.

später am Tag

Oscar ist kein Rennpferd. Oscar ist ein 30 Jahre alter VW-Bus und mir auf Anhieb sympathisch. Diesel hin, VW-Kult her. Von seinem sehr netten Besitzer bekomme ich eine umfassende Einführung in alle Teile und ein wenig erinnert mich der Camper an die Yachten, die ich mal hatte: Hinter jeder Klappe, hinter jedem Fach kommt irgend etwas Nützliches zum Vorschein.

Oscar, recht nahe an der Schweiz „geparkt.“

Bis ich Oscar bei mir vor der Haustür und ihn vollgeladen habe, wird es doch weit nach 18.00. Es kommen auch alle Nachbarn und sogar mein Vermieter vorbei, und fragen mich, woher ich den Bus habe. Das „Hippie“ aus dem Titel kann ich übrigens knicken: Aufkleber, Ausstattung und Krimskrams schreien laut „Surfer“, „Boulderer“, „Dirtbiker.“ Aber eine meiner Seiten mit „alter Dirtbiker“ zu übertiteln macht auch keinen Sinn.

Ich fahre in den Abend und begehe das größte Verbrechen des Jahres: Ohne jede Plakette mit einem Euro-Null-Diesel schleiche ich mich durch Stuttgart zur Autobahn, in der Hoffnung das keiner kuckt. Innerlich rechtfertigen kann ich das für mich über die Solarzelle auf dem Dach, denn ab jetzt lade ich Laptop, Handy und Stirnlampe mit Sonnenstrom. Außerdem muss man bedenken, dass Oscar seit 30 Jahren als Bus nicht neuproduziert wurde. Alleine das gibt ihm einen insgesamt nicht ungünstigen Fußabdruck.

Es kuckt keiner.

Der Bus entschleunigt mich ganz schön. Meinen Stuttgarter Assi-Fahrstil kann ich jedenfalls vergessen, jetzt kleben andere an meiner Stoßstange. Und die Strecke ab Karlsruhe zieht sich mit Tempo 110 ganz schön. Insgesamt fährt sich der alte Herr aber ausgezeichnet und sehr entspannt. Könnte ich mir mal ne Scheibe von abschneiden.

Irgendwann gegen 22:30 gondele ich durch einsame Elsass-Dörfer und wünsche mir endlich Pfetterhouse am Kilometer 0 zu erreichen. Es war eine lange und späte Anreise. Nirgendwo ein Hinweisschild zum Beginn der Westfront. Kurz vor der Schweizer Grenze biege ich todesmutig auf einen Feldweg ein und Stelle den Bus auf eine Wiese am Waldrand. Motor aus, Bier raus, Tür auf.

Der Wald steht schwarz und schweiget.

Und das macht er seit jeher sehr schön so. Als ich gegen halb 12 ins Bett krieche (bei Bussen und Yachten wörtlich zu nehmen) ahne ich, dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft wird.

23.07.2020: „Kilometre 0“, Pfetterhouse, Elsass

Ich kann nicht sagen, dass ich durchgeschlafen hätte, aber als ich so richtig wach werde ist es kurz vor Acht und das will bei mir in einem neuen Bett was heißen. Die Sonne lacht über die angrenzende Heuwiese, die frisch gemäht mit großen runden Ballen übersäht ist, und hinter mir rauscht der Wald. Raus, Gas anschließen, Kaffeewasser kochen. Dazu Brioche mit Himbeermarmelade. Karte mit Google Maps vergleichen. Ah ja, dann hatte ich doch den Punkt gestern Nacht gar nicht so schlecht getroffen.

Sie betreten nun die Schweiz

Der „Kilometre 0“ ist ein Kuriosum. Ins damals deutsche, heute französische Elsass ragt am Flüsschen Largin ein 250 Meter breiter Streifen Schweiz einen guten Kilometer wie ein fallen gelassener Riegel Toblerone ins andere Staatsgebiet. Die Soldaten nannten den Zipfel „Entenschnabel.“ Die Franzosen dockten sich an die Schweizer Grenze an, die Deutschen gleich daneben und nun stießen in vier Jahren Weltkrieg hier drei Parteien aufeinander: Zwei Kriegsteilnehmer und ein Neutraler. Damit man die verrückt und gewalttätig gewordenen Nachbarn im Blick hatte, richtete die Schweiz eine militärische Beobachtungslinie ein.

Es muss sich dann ein etwas anderer Kriegsalltag eingespielt haben: Zwei, die versuchen sich wehzutun, ohne dass ein Dritter, der eng dabeisteht, zufällig was abbekommt. Mit Neutralitätsverletzungen hatten die Deutschen so ihre Erfahrungen gemacht und die Nummer mit Belgien war nicht wirklich gut gelaufen. Da man nicht so richtig schießen konnte, weil man die neutrale Schweiz treffen könnte, bunkerte man um so fleißiger. Die Schweizer Grenzsoldaten schmückten ihren Beobachtungsbunker mit einer übergroßen Flagge der Eidgenossenschaft, damit ihn keine Seite „aus Versehen“ unter Feuer nahm.

Was dennoch vorkam.

Der Schweizer Holzbunker (Rekonstruktion, ohne Fahne)

2014 wurde wie überall an der Westfront ein neuer Lehrpfad in der Hoffnung auf Touristenströme angelegt. Der am Kilometer 0 ist ziemlich gut, mit informativen Tafeln in drei Sprachen und mit interressanten Einblicken in die kuriose Geschichte des Frontbeginns. Man ist aber in etwa drei Stunden auch durch und außer Bunkerresten und Grabenlinien wirken die Wälder recht aufgeräumt und fundfrei. Ich fahre relativ früh wieder los und befreie Oscar aus der Wiese.

Die Strecke, die ich abfahre, ist mir theoretisch wohlbekannt, also die Ortsnamen sind es, denn die benennen auch die militärischen Grabenkarten beider Kontrahenten. Es sind Frontortnamen: Seppois (le-Haut und la-Bas), Altkirch, Carspach, Burnhaupt, Cernay, Wattwil. Überall, wo heute idyllisches Elsass ist, wo Flammkuchen und Storch regiert, liefen zwei Liniengewirre über die Landkarte, ein rotes und ein blaues. Während die Geographie ganz im Süden noch recht flach ist, steigen ab Guebwiller hohe Bergwände an, und machten den Konflikt zu einem recht unschönen Gebirgskrieg.

Sowohl auf dem Hartmannswiller Kopf als auch auf dem tête du Violu bin ich schon häufiger herumgestiefelt. Für dieses Mal habe ich mir einen dritten „Hotspot“ vorgenommen, den Lingekopf. Auch hier betonierten sich die Armeen auf Zigarrettenschnippweite metertief in die Erde und lieferten sich hässliche Gemetzel.

Ziemlich gut geschlossenes Museum.

Oscar muss sich am zweiten Tag der Reise gleich mal im Gebirgspassfahren beweisen und er tut das brav, entspannt, zuverlässig und … langsam. Ich genieße die Momente in denen ich keine genervten anderen Fahrzeuge an der Stoßstange habe oder mir völlig geisteskranke Rennradfahrer um Kurven entgegenschießen. Pünktlich um 17.30 biege ich auf den Parkplatz des Lingekopf-Museums ein. Pünktlich, denn es schließt um 17:30.

Also davon morgen mehr. Ich suche mir einen kuscheligen Stellplatz auf dem Berg für die Nacht.

24.07.2020: „Lingekopf“, Elsass

Erfolgserlebnisse als Camperneuling. Zum Abendessen habe ich ordentliche Spaghetti mit Schafskäsesoße hingebracht und mich sogar mit der Dachdusche von Oscar geduscht. Mit ein bisschen gelegentlichem Frischwasser bin ich mit dem Bus relativ autark. Ich hab gar nicht so viel Bock auf Campingplätze.

Ja, wer versteckt sich denn da?

Morgens um 9.00 bin ich der erste Besucher im Linge-Kopf-Museum. Man macht für mich extra die Tür auf, der ältere Elsässer lässt sich auf eine Plauderei mit mir ein und verspricht mir, dass er mich informiert, sobald ein paar mehr Deutsche in das Museum laufen, dann könne er den Informationsfilm auf Deutsch anbieten.

Das Lingekopfmuseum ist so herrlich altmodisch wie Oscar, man fühlt sich in die 90er zurückversetzt. Im Vergleich zur heutigen Weltlage wäre das eine Verbesserung. Hauptsächlich besteht die Ausstellung aus Vitrinen mit altem Zeug aus dem Krieg. In der Mitte ein Stück rekonstruierter Schützengraben. Mich erinnert die Ausstellung an das alte Memorial von Verdun, vor der Neueröffnung im Jahr 2016 . Tausende Exponate. So, wie man es heute nicht mehr macht. In letzter Zeit erwische ich mich aber dabei, wie ich die alten Ausrüstungsgegenstände recht intensiv mustere. Man weiß nie, wann man mal etwas „draußen“ wiedererkennt. So lerne ich auch, dass das von mir als Gewehrgranate titulierte explosive Überraschungsei neben dem Wanderweg vom Juni eigentlich eine französische Birnenhandgranate war.

Dem, dem sie ins Gesicht explodiert, sind solche Feinheiten natürlich egal.

Auch der Film ist an sich ein geschichtsdidaktischer Verkehrsunfall. Mit Explosiveffekt abbrennende Schriften, mystische Herr-der-Ringe-Musik, kleine animierte Computerspielsoldaten auf einer Karte. Der deutsche Sprechertext klingt, als hätte man das französische Original mit „Google-Übersetzer: Elsässisch“ umgewandelt. Wenigstens lässt der Film keinen Zweifel daran, was für eine dumme, saudumme Idee die Schlacht vom Lingekopf war.

Jedes Kreuz steht für einen Toten, der bei den Arbeiten am Museum entdeckt wurde.

Die erstreckte sich vom Sommer bis Herbst 1915. Davor war hier nicht viel. Danach war hier nicht viel. In vier Monaten 1915 verheizten die Generäle auf einem winzigen Felsen 10.000 Franzosen und 7.000 Deutsche. Als dem französischen General Joffre nach zwei Wochen die Divisionen ausgingen, holte er den Abitursjahrgang 1915 frisch aus dem Prüfungssaal an die Front und ließ die gegen die deutschen Maschinengewehre anstürmen. Halbe Kinder verbluteten in Hundertschaften auf dem felsigen Gipfel.

Ganz ernsthaft Leute und historisch fundiert: Generäle sind zum Kotzen.

Das an das Museum angeschlossene Stück Schlachtfeld ist ein Felsenlabyrinth aus deutschen Gräben und recht beeindruckend in seiner effektiven Verbunkerung. Die französischen Gräben liegen weiter unten am Hang und sind nahezu verfallen. An einer Stelle ist der Abstand zwischen den Nationen etwas mehr als ein Meter.

Fuck.

Zwei Stunden verbringe ich im Museum und auf dem zentralen Schlachtfeld. Dann geht es zurück mit Oscar zum Schlafplatz, auf der alten Karte in meiner digitalen Sammlung ist 200 Meter weiter östlich ein sehr großes Truppenlager eingezeichnet, „Sachsenlager“ nennt es die Generalstabskarte und es ist nahezu einen Kilometer lang. Ich will sehen, was sich heute noch davon findet.

Leider nicht viel.

Dem steilen Hang sieht man an, dass einmal sehr viele Leute dort gehaust haben müssen, zahlreiche Abdrücke von Unterständen und Hütten haben sich in den Boden gegraben. Dazwischen immer wieder kleine Beton und Zementfundamente, eingestürzte Bunker, ein gemauerter Backofen. Aber die Altmetallhändler haben ganze Arbeit geleistet. Gelegentlich glitzern ein paar Scherben zwischen den Tannennadeln. Letztendlich finde ich eine kleine Eierkohle, eine hübsche Tellerscherbe und einen Stiefelbeschlag bzw. ein Maultierhufeisen. Das war’s.

Gegen Nachmittag tauchen noch am rückwärtigen Hang große Zinkprofiltrümmer auf, die ich für die Reste einer Seilbahn oder eines Schrägaufzugs halte. Dann kommt auch noch ein Regenguss heran und ich beschließe, dem Elsass lebewohl zu sagen.

Zwei Vogesenpässe muss Oscar überwinden und er tut das brav und tapfer, immer mit einem Rattenschwanz an genervten moderneren Fahrzeugen am Arsch. Aber bei 70 ist leider im bergigen Gelände bei Oscar nahezu Schluss. Ich tröste ihn mit dem festen Versprechen, dass die Tour ab jetzt flacher werden wird.

Nach dem ersten Bergpass erinnere ich mich an meine „Schlachtfeldhose“, eine abgeranzte Jeans. Als ich zuletzt an sie dachte, hing sie zum Trocknen an Oscars Heckfahrradträger. Nach einer genervten Bremsung am Straßenrand stelle ich mit Erstaunen fest: Meine Hose hängt immer noch da. Wunder geschehen.

Abendessen in Luneville, Restaurant.

Luneville hat einen gewaltigen barocken Schlosspark und viele leerstehende Läden und Gaststätten. Wenn man wissen will, wie sich jahrelange neoliberale Staatsführung auf Klein- und Mittelstätte auswirkt, dann kann man sich an Frankreich ein Beispiel nehmen. Abseits der großen Zentren macht alles dicht. Ich finde noch ein Restaurant, dass auf hat, es ist zwar etwas teuer, das Essen ist aber gut. Und es erspart mir für heute den Gaskocher.

Mein Ziel für morgen, der Foret de Paroy, liegt 10 Kilometer östlich der Stadt. Es ist eine gottverlassene Gegend. Als ich im Abendrot auf einer schlaglochverseuchten Kleinststraße auf den Wald zutuckere, zwischen Sonnenblumenfeldern, als wäre das ein schmutziger Buddy-Movie mit Till Schweiger und Moritz Bleibtreu, spielen plötzlich zwei Füchse auf der Straße. Füchse. Zwei. Spielen fangen. Langsam bringe ich Oscar zum Stehen, anstatt zu flüchten blicken Reinecke 1 und Reinecke 2 neugierig und ruhig auf den Bus. Irre.

Bis ich am Handy die Navigation deaktiviert habe, um zu fotografieren, sind sie verschwunden.

25.07.2020: Foret de Paroy, Luneville

Da, wo sich Fuchs und Hase … ach, wie abgedroschen.

Fuchs: check (2x)
Rehe: check, check, check. Check, check. Und nochmals check.
Hase: check
Wildschweine: Wo seid ihr diesmal bloß?
Iltis: check.

Ja, sogar ein Iltis. Wenn ich ihn richtig erkannt habe. Aber er war nicht weit weg und relativ entspannt unterwegs. Mein erster Iltis.

Was ich an diesem „Hobby“ in den letzten Jahren immer stärker zu schätzen gelernt habe, ist das Naturerlebnis. Ich glaube ich habe an der Westfront mittlerweile mehr Tiere in freier Wildbahn beobachtet, als im Rest meines Lebens. Ich freue mich immer wie ein kleines Kind, wenn ich welche sehe.

Aber das Naturerlebnis ist dieses Mal auch das Miterleben einer Krise. Der Wald ist dermaßen trocken, egal ob ich im Elsass, den Vogesen oder in Lothringen unterwegs bin, der Boden bröckelt wie zerbrochener Zement durch die Finger. Heute bin ich wieder durch die „Notschlachtung“ eines Hanges gegangen. Der Tannenbaumbestand musste wohl dringend raus, sie halten den Klimawandel einfach nicht aus. Jetzt, im Juli, ist der ehemalige Waldboden dort grauer Beton mit Rissen, es sieht aus wie in der Sahelzone. Wenn die Bauern ihre Äcker pflügen, wehen Staubfahnen meilenweit auf. Ich kann mir nur ausmalen, was auf den kahlgeschlagenen Hängen passiert, wenn es doch mal wieder einen Tag stark drauf regnet. Schlammlawine.

Die Notschlachtung eines Waldes sieht hässlich aus …

Ob die, die jetzt gerade mit der Schule beginnen, noch einen mitteleuropäischen Wald erleben können?

… und dabei kann der Wald von Paroy so schön sein.

Kommen wir zum Foret de Paroy, eine der vergessensten Ecken der Westfront. Kein einziges großes braunes Schild „Champs de Batailles 1914-1918“ an den Straßen, wie bei Verdun oder in den Argonnen. Keine ausgeschilderte Erinnerungstour. Dabei war sogar einmal der Kronprinz da. Seinen Generalstabsbunker kann man hier heute noch sehen. Es gibt an der Westfornt so einige „Abri de Kronprinz“, die bekannteste liegt wahrscheinlich bei Varennes-en-Argonne. Aber nur hier ist ein Aufenthalt von Kronprinz Wilhelm verbürgt, und zwar im Frühsommer 1918. Der Bunker hatte sogar offensichtlich eine direkte Telefonverbindung nach Berlin. Es ist ein etwas albernes Betonhäuschen in einem pseudorömischen Stil, so wie auch Kronprinz Wilhelm, mit seinem Totenkopftschakko eine etwas alberne Persönlichkeit war. Zum Hohenzollern gehört, dass er einen an der Klatsche hat.

Das etwas alberne Betonhäuschen eines etwas albernen Monarchen.

Der Foret de Paroy ist vergessen, einfach weil hier nie eine große Durchbruchsschlacht angesetzt wurde, mit vielen Divisionen und Angriffsplänen. Es gab nur das alltägliche Gemetzel der Westfront, wie zahlreiche Granatsplitter im Wald bezeugen. Das Grabengewirr, vor allem im südlichen Teil, ist ziemlich gut erhalten und beeindruckend, auch Bunkerchen gibts nicht wenige. Aber der Wald ist aus dem öffentlichen Gedenken gefallen.

Ausblick und Durchblick

Dabei war er übrigens gleich in zwei Weltkriegen Schlachtfeld. Im September 1944 machte hier die Wehrmacht noch einmal Halt und lieferte sich mit Pattons 3. US-Armee heftige Waldgefechte. Teilweise zwischen den Gräben des vorherigen Weltkrieges. Bei einem früheren Besuch habe ich einmal zwei Bazooka-Geschosse gefunden, eher seltene Explosivware aus dem Zweiten Weltkrieg.

Preisfrage: Aus welchem Weltkrieg stammt dieses Projektil?

Jetzt habe ich Oscar gepackt und mich auf den Weg in sehr bekannte Gefilde gemacht. Über Nancy und Pont-A-Mousson erreiche ich den Frontbogen von St. Mihiel, wo ich schon oft war. Nachschub einkaufen war ich auch das erste Mal – mit Maske – und mein Vermieter meinte, ich solle der Tankuhr von Oscar nicht trauen und ihn lieber alle 600 km mit Diesel füttern. Den 600sten habe ich in Luneville gefahren, etwa 50 Liter gingen in den Tank. Jetzt sollte es bis zur Küste eigentlich reichen.

Aus der Schule erreichen mich eher düstere Nachrichten.

Manchmal fällt ein Schatten über diese Reise.

Ich stehe in Apremont auf dem Busparkplatz neben dem Croix de Redoutes – die heimliche Zünderhauptstatt der Front. Sonst ist hier keiner. Abendessen: Kartoffeltortillia mit Spiegelei. Fein. Gut, die Tortillia war fertig gekauft. Draußen ist es nun dunkel. Durch die offene Schiebetür zirpen 10.000 Grillen und Zikaden herein, der Wald verströmt tiefen Frieden.

Ein alter Krieger blickt mit bröckligem Gesicht seit 100 Jahren einem Feind entgegen, den es nicht mehr gibt.

Ich könnte mich an dieses Leben gewöhnen.

26.07.2020: Bois Brûlé, Apremont, St. Mihiel

Mein Soundtrack zur Tour (CD-Stapel unter dem Armaturenbrett):

Deichkind: Wer sagt denn das?
Beasty Boys: Paul’s Boutique
Faber: I fucking love my life
Casper: Lang lebe der Tod
Dicht und Ergreifend: Dampf der Giganten
Großstadtgeflüster: Trips und Ticks

Ich werde langsam echt gut im illegale Dinge tun. Eben gerade habe ich diverse Gesetze gebrochen und ich fühle dabei keinerlei Reue, nur ein bisschen Scham und kaum moralische Enpörung über mich selbst. Eher ein Gefühl zwischen James Dean und Capitain Jack Sparrow, nur nicht so hübsch. Ist wohl so eine „alternder Beamter von der Leine“ – Geschichte.

Zunächst hatte ich mich völlig verfranzt. Bis hierhin hatte mich meine IGN-Karte „Grande Guerre 1914-1918“ sehr sicher und mit wenig Navi durch die Tour gebracht, aber den Parkplatz am toten Mann habe ich vorhin grandios verfehlt. Statt dessen stand ich mit Oscar bei Cumiere, einem zerstörten Dorf, das auch irgendwie auf dem Toten Mann liegt. Was stimmt nur mit meiner Karte nicht? Schönerweise hatte ich aber eine digitale Kopie der IGN-Karte „Verdun“ auf dem Rechner, die von 2006, auf der noch zwei Millionen verbotene Dinge verzeichnet sind, die sie in der neuesten Ausgabe heraus retouchiert haben. Und siehe da: Von Cumiere zum Parkplatz am Denkmal führt ein Forstweg.

Ich habe in vielen Jahren Frankreich noch keine Forstwegschranke gefunden, die intakt gewesen wäre. Auch die an meiner ausgeheckten Geheimverbindung steht sperrangelweit auf, das Gegenstück zum Sichern und Zusperren ist augenscheinlich seit Zeiten Mitterands verschwunden. Zudem entpuppt sich der Forstweg als breiter und gut ausgebauter Holzarbeitsweg, für Oscar kein Problem.

Also los, Märzhase!

Ich tuckere im zweiten Gang im Abendsonnenschein durch den Wald, es ist heute Sonntag, gegen 20.00, da hält mich kein Mitarbeiter des staatlichen Forstamtes mehr auf. Natürlich ist es hochillegal, dass einer wie ich den Weg benutzt. Ich kichere vergnügt. Dann, nach etwa einem Kilometer, die Abzweigung zum Besucherparkplatz, ganz wie auf der Karte versprochen. Ein Blick, eine Erkenntnis, ein Fehlschlag: Natürlich ist da eine Schranke, ziemlich fett und diesmal vorgelegt. Wer hätte geahnt, dass die französische Forstverwaltungsbehörde, wenn sie eine Schranke intakt hält, zu aller erst die hinter dem Besucherparkplatz wählt, damit nicht jeder Depp in einem grauen Bus durch ihren Wald braust! Ich akzeptiere bereits resigniert, dass ich den ganzen Weg zurückschleichen muss, durch zwei Dörfer, um dann den offiziellen Zugang zu finden, gebe mir aber noch eine letzte Chance: fußläufig lege ich die letzten 30 Meter zur Schranke zurück, um sie genau zu erkunden. Und siehe da, vive la republique: Sie ist nicht gesichert! Kein Schloss, kein Bolzen, man kann sie einfach zurückschieben.

Natürlich ist es hochgradig gesetzlos, dass einer wie ich eine staatliche Schranke bedient.

Früher am Tag: Der Bois Brûlé zeichnet sich durch eine Vielzahl von deutschen Unterständen aus, die irgend ein ziemlich guter Tunnelbaumeister alle mit den selben U-förmigen Wellblechen konstruiert hat. Besser erhalten sind kaum Unterstände aus dem Krieg, Respekt für den Konstrukteur. Ich habe an anderer Stelle schon viel über den Wald geschrieben. Ich entdecke ihn ihm immer wieder etwas Neues.

Zünder sind hier nix Neues. Ein Stück „Feldofen“ schon.

Früh morgens im Wald zucke ich heftig zusammen denn auf der Grabenlinie steht in Rufweite plötzlich ein fremder Mann. Auf zwei Füchse, 17 Rehe und 32 Wildschweine kommt in meiner persönlichen Statistik ein Mensch, es handelt sich also um eine unerhört seltene Begegnung. Der Herr ist Belgier, spricht gut Englisch und wir kommen ins Fachsimpeln, Er lebt in der Nähe von Ypern, da ist einem der erste Weltkrieg nah. Er macht mit Frau, drei Söhnen und zwei Freundinnen (von Söhnen) nun das erste Mal Urlaub in der Gegend und ist fasziniert, wie viel Graben hier noch zu sehen ist.

Der Kerl ist ziemlich nett, ich gebe ihm Tipps, warne eindringlich vor Eier-Handgranten, und er sagt mir, was ich mir in Belgien ansehen muss.

Habe ich mich gestern über trockene Wälder beschwert? Der zynischste aller Götter laß mit und über mich geht gegen halb elf mitten im Wald ein Regenguss nieder, der Noah zu Hammer und Nagel hätte greifen lassen. Ich bin ekelhaft nass bis ich wieder am Bus bin, nur meine neuen Schuhe, die halten super trocken. Grummelnd hänge ich meine Schlachtfeldklamotte an Oscar, weil natürlich jetzt wieder Laser-Sonne strahlt, und mache mich an ein ausgiebiges Mittagsvesper.

Ich beiße gerade in meine Paprika, da halten zwei Autos mit extrem seltsamen Nummern neben mir. Es ist der Belgier, samt Frau, drei Söhnen und zwei Freundinnen (der Söhne). Großes Hallo. Er wollte seiner Familie all die tollen Dinge zeigen, die er früh morgens entdeckt hatte.

Ich bin gerade dabei, die wieder halbwegs trockenen Sachen abzuhängen, da taucht die sehr nette belgische Großfamilie wieder auf. Mein neuer Kumpel schwenkt eine französische Feldflasche, die er unter einem umgestürzten Baum gefunden hat. Er ist ein wenig enttäuscht, als ich ihm zwei mal bestätige, dass die Flasche das (sehr speziell geformte) französische Modell ist, ich habe das Gefühl, er hätte sich eine deutsche gewünscht.

Nun bin ich also auf mir sehr bekannten Wegen bis nach Verdun gefahren, habe dort in einem direkt an der Straße gelegenen Restaurant gegessen (wie oft etwas zu teuer für die mittelmäßige Qualität) und sitze auf dem toten Mann, auf dem ich beim letzten Mal so viele Funde hatte. Morgen geht es ein paar Meter nach Norden, im sog. „Rabenwald“ war ich noch nicht.

Alles ist stockdunkel draußen. Hier sind über 10.000 Menschen gestorben. Wenn heute Nacht keine Geister an den Bus klopfen, dann gibt’s auch keine.

27.07.2020, Morte Homme, Verdun

Die Physik des Schlachtfeldes ist faszinierend. Da führt zum Beispiel ein Weg führt durch den Wald quer durch eine recht breite Schlucht, er geht hinab und wieder hinauf, ein großes Kiesweg-U. Der Weg ist aus dem gelblich weißen Kalkstein des Massivs, und dem Wanderer fällt auf, dass es auf dem Weg andersfarbige Cluster gibt: Grün für Kupfer; rotbraun für Eisen; blaugrau für Blei.

Tatsächlich sortiert der Weg das Schlachtfeld durch. Er macht das wie eine natürliche Goldwaschtreppe, mit jedem Regenguss, jeder Schneeschmelze spült das Wasser Reste des Krieges aus dem umliegenden Erdreich und je nach Kieskörnung, Steigung und Wegkrümmung sammeln sich unterschiedliche Materialien nach chemischer Dichte an bestimmten Stellen an.

Eine deutsche Handgranate rostet schnell durch und das ist gut so.

Damit offenbart sich eine faszinierende natürliche Sammelmaschine. Das Eisen besteht in fast jedem Fall aus Granathüllensplittern, dem Killer Nr. 1 des Kriegs. Blei findet sich fast auschließlich als Schrappnellkugel, die an graue große Blaubeeren erinneren, aber eine echt hässliche Waffe waren, manchmal auch als Bleipatronenspitze. Kupfer erscheint großteils als Bruchstück von Führungsbändern an Granaten, dazwischen aber auch Kupfermantelfragmente von Patronen oder winzige Kupfernägelchen für weiß-der-Geier was.

Man könnte das Schlachtfeld mit einer Waschanlage nach Altmetallen ausbeuten wie einen ganz normalen Tagebau. Natürlich mit tausenden unangenehmen Blindgängern.

Am Morte Homme kann man an den metallgespickten Wegen sehen, was abging. Die zentrale Höhe über das Schlachtfeld ermöglichte ihrem Besitzer, das gesamte Geschehen zu beobachten und das eigene Feuer effektiv zu leiten. Die Deutschen wollten sie haben; die Franzosen auf keinen Fall hergeben; Dann wollten sie die Franzosen auf jeden Fall zurückholen. Jetzt ist der Hügel ein Massengrab auf alle Zeiten.

Gegen Abend mache ich mich auf den Trip in die Champagne. Mein Weg führt erst durch wohlbekanntes Gebiet, die Hügel und Schluchten der Argonnen. Wieder fällt mir auf, wie krank die Wälder sind. Tiefe Tannenschluchten, die ich vor drei Jahren noch moosgrün-saftig erlebt habe, sind jetzt plötzlich tot und braun. Überall werden hastig Hänge leergeräumt. Für Artefaktsucher eine einmalige Chance, der Waldliebhaber-Teil meiner Seele weint.

Unsere Wälder sterben. Jetzt gerade.

Mit der Champagne betrete ich Neuland, so weit war ich im Frontverlauf noch nie. Endlos weite Felder auf denen Traktoren Strohballen rollen. Bolzengerade Alleen. Der Front bin ich auf der Spur, so lange man regelmäßig an Militärfriedhöfen vorbeifährt bleibt man auf der Linie. Die Sonne brennt gnadenlos auf diese Landschaft hinab, von Süden weht ein staubheißer Wind.

Viel lasse ich liegen. Die Marne-Schlacht, die Kämpfe von 1915 … aber ich muss auch mal Strecke machen. Morgen in Reims gibt es einen Stadt-Tag. Und hoffentlich finde ich mal ein WiFi, um das ganze Zeug hier hochzuladen.

Reims, 28.07.2020

So, von 9:00 bis 11:00 saß ich in einem Café um den Blog auf Stand zu bringen. Uffz. Heute Nacht zwischen Weinbergen geschlafen, neben einem Sportplatz (Ich! Sportplatz!), nettes Gespräch mit einem Franzosen mit weißem Husky, der das selbe Busmodell besitzt. Fachsimpelei über Wasserbehälter. Jetzt gehe ich mir eine Kathedrale ansehen.

Später am Tag:

Mir geht es als Ulmer, dem sein Münster über alles geht, ja ziemlich schwer über die Lippen: Aber die Kathedrale von Reims ist ganz schön beeindruckend. Einerseits wegen des ziemlich atemberaubenden Figurenschmucks, andererseits aber auch wegen ihrer Rolle, die sie in der Geschichte Frankreichs spielt. Alle Ludwigs wurden hier gesalbt.

Dennoch hält es mich nicht lang in den urbanen Gefilden von Reims. Nach einer etwas fragwürdigen Pizza in einem Schnellrestaurant steuere ich einige Kilometer außerhalb der Stadt das Fort de la Pompelle an. Nach den eher zweifelhaften Erfahrungen mit der deutschen Militärmaschine 1870 hatten die Franzosen mehrere Festungsgürtel in ihrem Ostteil geplant. Reims blieb noch zwei Jahre deutsch besetzt, bis Frankreich seine für die damalige Zeit überharten Reparationen an Deutschland abgestottert hatte. Wie immer gilt: Alles, was über die Deutschen zu späterer Zeit hereinbricht, haben sie selber zuvor für andere erfunden. Reims geht zurück an Frankreich, Frankreich baut Verteidigungsanlagen.

Die Festungen stellen beim Vormarsch 1914 durchaus ein Problem dar. Ein paar Tage ist Reims von den Deutschen besetzt, dann bricht an der Marne die ohnehin äußerst illusionistische Angriffstrategie zusammen, die Front wird zurückgesetzt, das preußische Miltär haut aus der Stadt wieder ab; die Franzosen setzen nach, es ist immerhin Reims mit der weltberühmten Kathedrale, irgendeiner pflanzt im Befreiungsjubel eine Trikolore auf besagte Großkirche. Die Deutschen nehmen das Fähnlein als Freifahrschein, um das weltberühmte Gotteshaus gezielt zu beballern. Wie so oft: eine zutiefst dumme Reaktion ohne militärischen Sinn, aber eine internationale PR-Katastrophe. Der in Belgien angelegte Ruf, der Deutsche sei ein dummer, stinkender Barbar ohne kulturellen Sinn, wird mit dem Artilleriefeuer auf Reims gefestigt und hängt uns seither nach.

Danke preußischer Militarismus.

Die Kathedrale übersteht den Krieg schwer gezeichnet, aber in der Substanz unzerstört. In der Folge macht die Front einen Bogen um Reims, es ist die einzige Großstadt, die gleichzeitig Frontstadt ist. Ein paar der Festungen fallen in deutsche Hand, Fort de la Pompelle wird wieder französisch und strategisch wichtig. X-Mal versuchen die Deutschen es zu erobern, X-mal wird es verteidigt, unter anderem von Russen und schwarzen Kolonialtruppen. Zum Schluss wehrt es 1918 den größten deutschen Panzerangriff bis zu diesem Zeitpunkt ab. Immerhin 15 von den Dingern hatte die panzerskeptische OHL losgeschickt.

Die Bilder gleichen sich: Douaumont, Vaux, Pombelle.

Nach dem Krieg setzen die Reimser ihren schwarzen Helden ein Denkmal, dass die Wehrmacht 1940 dann wieder demontieren lässt. Farbige als Kriegshelden gegen Germanen – die Message ging ja wohl mal gar nicht.

Heute beherbergt das Fort eine etwas seltsame Ausstellung. Sie wurde 2014 (wie alles) erneuert und ist kostenfrei. Soweit so gut. Die Geschichte des Forts und der Stadt im Ersten Weltkrieg wird ganz gut vermittelt. Ansonsten konzentriert sich das Museum auf a.) Artilleriegeschütze, b.) Uniformen aller Gattungen und c.) Pickelhauben. Ja, geanau: Pickelhauben. Hunderte. Irgendwie ist die Ausstellung in den Besitz der Sammlung eines der größten französischen Pickelhaubenkenner geraten, und es ist einerseits faszinierend, welche Formenvielfalt die kaiserliche Armee vor 1916 mit dieser im Feld völlig sinnlosen Kopfbedeckung entwickelte. Es wirkt andererseits ein wenig seltsam, vor dem Hintergrund des ersten industriell geführten Materialkrieges, 200 auf Hochglanz polierte Parade-Helmchen mit Goldblechbeschlag in Reih und Glied zu sehen. Am Ende wird der graue oder getarnte Stahlhelm das Antlitz der Schlachten prägen.

Ich fahre weiter die Aisne entlang. Es ist nach Schildern gar nicht so einfach den Weg auf den Chemin des Dames zu finden. Vor allem eine Ortschaft namens Fisques treibt mich in den schieren Wahnsinn mit ihren völlig bekloppt beschrifteten Schildern. Als ich dann endlich vollgestresst auf der richtigen Route Richtung Norden unterwegs bin, übersehe ich in der nächsten Ortschaft fast eine rote Ampel.

Die Bremsen von Oscar greifen.

Der kleine Höhenzug des Chemin des Dames sollte ein ähnliches zähes Ringen auslösen wie die Somme oder die Maas-Höhen. Der Name hatte eine unheilschwangeren Klang unter den Soldaten beider Seiten. Außerdem muss mein Opa hier gewesen sein. Im Zweiten Weltkrieg. Das 56 Ulmer Infanterie-Regiment (später Jäger-Regiment) war bei der Eroberung ganz vorne mit dabei und am Chemin des Dames entwickelten die Franzosen offensichtlich den einzigen ernsteren Widerstand, den die Abteilung meines Großvaters zu brechen hatte. Immerhin ein paar Tage lang wird der deutsche Bltzkrieg hier noch einmal gebremst. Das hämische Hochgefühl, über die Höhen hinunter zu Aisne zu brausen, die 25 Jahre zuvor so unüberwindlich schienen, spricht aus der offiziellen Regimentsgeschichte der 56er unübersehbar.

Ja ja, freut euch ruhig. Bald kommt Russland.

Ich möchte mir hier die Cavern de Dragon, die Drachenhöhle ansehen, ein weicher Kalkstein-Untergrund, in dessen weiten Kavernen Soldaten beider Seiten während des Krieges lebten und mit- und gegeneinander kämpften. Pünktlich um 17.00 rausche ich mit Oscar auf den Parkplatz. Pünktlich, denn um 18.00 schließt die Gedenkstätte. Aber: Für unterirdische Führungen muss man sich anmelden. Die nächste wäre morgen um 12.

😦

Gut, dann eben morgen. Ich grummele mit Oscar in den Wald hinter dem Museum, stelle mich auf den Forstweg, ziehe die Outdoorstiefel über und schleiche noch ein paar Abendstunden durch die alten Linien. Ich könnte auch in Verdun sein. Ich fotografiere in paar ziemlich gut erhaltene Stielhandgranten und ein gigantisches Granatenfragment und mache mir jetzt dann Grießbrei mit Pfirsichstückchen.

Mmmmmm, Grießbrei … (Lechzsmiley)

29.07.2020: Chemin des Dames, Aisne

Ich erwache langsam vom Geräusch großer, blubbernder Motoren. Gähhhhn – Mom, Was!!? Motoren auf dem Waldweg!? Wie Gregor Samsa wälze ich mich auf den Bauch und sehe verschwommen etwas relativ Großes, ziemlich Grünes durch die Heckscheibe. Fahrig taste ich nach der Brille, stülpe sie auf die Nase und starre auf ein fettes gelbes John-Deer-Logo.

Hinter Oscar steht ein relativ großer Traktor mit laufendem Motor.

Shit, sie haben mich! Die Forstbehörden! Ich gestehe alles. Aber es ist nicht der ONF, es sind zwei ältere Bauern, die mit einer hydraulischen Höllenmaschine die Buchenstämme spalten, die hier gestapelt waren. Von mir wollen sie nicht viel, der Wagen könne gerne so stehen bleiben. Glück gehabt. Mit Kaffee machen und Baum anpinkeln warte ich aber doch lieber, bis die zwei älteren Herren mit ihrem unbegreiflichen Dialekt ihr Holz fertig haben.

Gut, nach 15 Minuten taucht noch ein dritter Traktor auf. Und ein Renault Kangoo mit ONF-Logo. Irgendwie fühle ich mich mit dem Bus inmitten des Tumults ziemlich fehl am Platz, ich trete die Flucht an, einige Kurven nach Norden. An der Abtei von Vauclair stelle ich den Bus wieder ab und mache mir erst einmal Kaffee. Alleine bin ich hier aber nicht, der gewaltige Touristenparkplatz lässt ahnen, dass hier viel Verkehr ist. Das Plätzchen ist nämlich wunderschön.

Die weißen Ruinen der alten Abtei tauchen ein wenig wie eine Fata Morgana aus dem Wald auf oder wie ein Setting für eine Folge Game of Thrones. Die Anlage war einmal ziemlich groß. Im ersten Weltkrieg dann zerschossen, wurde sie 50 Jahre vom Wald am Chemin de Dames überwuchert, bis die Ruinen auf private Initative eines damals im Felde stehenden Pastors in den 1960ern freigelegt wurden. Jetzt sind sie von grünen Wiesen im Wald umgeben, ergänzt um Picknick-Tische, Spielplatz und Busparkplatz. Nur zahlreiche Warnschilder vor dem in jüngster Zeit prominent gewordenen Eichenspinner stören das Idyll etwas.

Bei einer kurzen Exkursion in den Wald hinter der Abtei finde ich zahlreiche Granattrichter, einige von beängstigender Größe, außer die alltäglichen rostigen Splitter aber nichts weiter Interessantes. Gegen 11.00 stehe ich am nun ziemlich vollen Ruinen-Parkplatz. Ich möchte mich noch waschen und duschen bevor ich zur Führung fahre, hier wäre das aber irgendwie doof. Also los, nächster Waldweg, Oscar abstellen, Waschwasser warm machen. Als ich meinen Oberkörper einseife tröddeln im Zeitlupentempo drei historische Mopeds durch und glotzen. Na Super. Als ich meine Haare abschwenke, biegen zwei Rennradfahrer auf den Waldweg ab und drücken sich an Oscar vorbei. Was wollen die mit ihren Kinderreifen auf dem Waldweg? Als ich die Socken wieder anziehe ertönt aus Richtung Wald das bedrohlich näherkommende Tuckern eines Traktors. Ich lasse resigniert den Kopf hängen.

No rest for the wicked.

Die Caverne du Dragon, auf deutschen Karten als „Creuse-Höhle“ verzeichnet, war ein unterirdischer Kreidesteinbruch aus dem 18. Jahrhundert. Er lag tief unter der Erde und seine weiten Kavernen und Hallen boten einen idealen Schutzraum. Bis 1917 besetzten die Deutschen die Höhle. Dann war die Höhle wochenlag ein lichtloses Schlachtfeld auf engstem Raum, bis die Franzosen den Feind verdrängt hatten. Beide Seiten haben zahlreiche Spuren und Relikte hinterlassen. Der begehbare Bereich ist recht groß und die Führung geht etwas schnell. Gerne hätte ich die Dinge in den Vitrinen noch ein wenig eingehender gemustert. Für das Museum und den Ort an sich gibt es eine klare Empfehlung, als Lehrer bekommt man sogar ermäßigten Eintritt.

Gegen Nachmittag fahre ich den Damenweg entlang, jene einsame, etwa 40 Kilometer lange Landstraße, an der entlang sich so heftige Kämpfe entwickelten. Heiße Sommerlandschaft, weite Felder, wenig Bäume. Gelegentlich ein Denkmal, ein Soldatenfriedhof, ein zerschossenes Fort. Mein Ziel ist die Somme, und damit der Bereich, der vor allem im damaligen Commonwealth einen hohen Platz in der Gedenkkultur einnimmt. An St. Quentin vorbei will ich nach Peronne, wo das einzige Museum der Westfront steht, das von Historikern aus drei Nationen konzipiert wurde.

Ich habe heute kein Glück.

Das „Historial de la Grande Guerre“ ist bis September wegen Renovierungsarbeiten im Innenhof geschlossen. Wer schließ ein Museum in der Hochsaison? Offensichtlich konnte die Renovierung nicht bis Oktober warten.

Dafür ist Peronne, obwohl größtenteils nach dem Krieg wieder aufgebaut, ein echt nettes Städtchen. Wohin soll ich auch sonst? Der Nordteil der alten Linie ist deutlich anders als der mir sehr gut bekannte Süden, hier gibt es keine einsamen Schluchten und Waldflächen, hier gibt es vor allem Felder und kleine Wäldchen. In den Argonnen muss ich nur in den Wald laufen und stolpere über Gräben. Aber was mache ich hier?

Ich beschließe Abends kräftig die englischen Feldkarten zu studieren, um mir ein paar Ziele zu erarbeiten. Ich verbringe den Nachmittag in Peronne. In der großen Kirche übt jemand Orgel. Er übt tatsächlich, dennoch ist der Klang des riesigen Instruments sehr beeindruckend. Übrigens ein Nachbau eines Originals von ca. 1830, das – wie könnte es anders sein – im ersten Weltkrieg zerstört wurde. Ich trinke ein Bier in einer Bar. Gehe am Kanal spazieren. Esse zwischen Holländern in einem Restaurant.

Am Abend finde ich über die Wildcamper-App doch noch einen abgeschiedenen Stellplatz, eine Art riesige Picknick-Area unter alten Bäumen, von hohen Hecken umzäunt. Direkt am Kanal, hoffentlich nicht so mückenbelastet. Auf der Wiese rennen Kaninchen herum. Es ist jetzt 21.15 und bis jetzt ist noch kein anderes Campingmobil hier aufgetaucht.

So, jetzt aber Kartenstudium!

21.22. Ein Wohnmobil taucht auf. Seufz. Die Kaninchen müssen vorher ähnlich reagiert haben, als ich angerollt kam.

30.07.2020: Arras, Somme

Die Sonne brennt gnadenlos auf die fast baumlose Landschaft, nur hin und wieder stecken winzige Wäldchen in der gelbbraunen Felderlandschaft, deren Blätter im grellen Licht fast schwarz wirken. Auf der Bundesstraße schieben sich endlos Autos und Lastkraftwagen aneinander vorbei, dahinter rattern unablässig die Dieselmotoren der über die Felder schwankenden Traktoren. Hin und wieder unterbrechen Gedenkstelen, Mahnmale und Soldatenfriedhöfe die Eintönigkeit.

Das Schlachtfeld an der Somme ist gar nicht mal so geil.

Das liegt daran, dass es nicht mehr existiert, oder besser gesagt unter einer gewaltigen Agrarlandschaft verschwunden ist. Hier findet man fast nichts mehr. Zumindest nicht ohne archäologische Grabung.

Heute war ein ereignisreicher Tag mit vielen Stationen aber mit ziemlichen Enttäuschungen.

Am morgen beginne ich bei Frise mit der Erkundung der Linien. Die dort eher marschlandartige Somme beschriebt einen malerischen Bogen und wird von Höhenzügen gerahmt, von denen man einen sehr schönen Blick auf die Landschaft hat. Natürlich waren sie umkämpft, unter anderem diente Otto Dix auf diesen Hügeln. Ein gut gemachter, aber aprupt endender naturkundlicher Wanderweg führt dort entlang, man sieht noch die Spuren von Kratern und Gräben. Außer den Vertiefungen in der Erde ist aber nichts mehr zu finden.

Ich versuche es auf einem frisch abgeernteten Feld. Und ja: Man entdeckt den sogenannten „Iron Harvest,“ die Splitter und die rostigen Klumpen im Erdreich. Aber nichts sonst. Ein paar winzige Glasscherben. Höhepunkt: Eine halbe, übel zerquetschte Patronenhülse, vermutlich eine Deutsche. 100 Jahre Pflugscharen haben nicht viel übrig gelassen, zumindest nicht an der Oberfläche.

Iron Harvest

Gegen Mittag fahre ich nach Albert, meine Karte verspricht mir dort das „Musee del la Somme 1916.“ Die Location ist interessant. Die Alberter haben in den 30ern, in weiser Voraussicht, dass es das noch nicht wahr mit den Deutschen, weitläufige Luftschutztunnel unter ihrer Stadt angelegt. Heute beherbergen sie ein „Museum“, das eher eine Mischung aus einer Geschichtsstunde und einer Puppengeisterbahn ist. Jedenfalls gibt es wieder viel Gerät zu sehen. Wenigstens bin ich der einzige Besucher.

Gegen Spätnachmittag gebe ich der Somme eine letzte Chance. Am 01. Juli 1916 startete eine Offensive, die als der blutigste Tag der britischen Geschichte legendär werden sollte. Nach einem mehrtägigen Trommelfeuer auf die deutschen Linien stiegen zehntausende Briten aus ihren Gräben und schritten auf den Feind zu. Die meisten davon starben in der ersten Stunde. Ein solches Großereignis muss Spuren hinterlassen haben!

Spürchen.

Man findet nur noch Splitter auf Feldern. Fast. Wenn man in die kleinen Wäldchen zwischen den Äckern geht, die eigentlich alle Privatland sind, dann tauchen sie plötzlich aus dem Nebel der Geschichte auf: Krater, Gräben, Stellungen. Manchmal eine Flasche. Oder ein „Schweineschwanz.“ Zwischen all dem Müll der Landwirtschaft.

Dieses Autowrack mit Bakelitlenkrad kommt aus einer späteren Periode. Es liegt trotzdem im Miniwald rum.

Das Problem ist, dass alles mit Erde zugedeckt und durchgerecht wurde. Und manchmal findet man sehr gruslige Dinge auf dem Privatland. Seltsame Fallen oder fallenähnliche Konstruktionen. Eine Art Holzkiste aus Ästen voller toter Hühner – schon Tage toter Hühner. Irgendwann habe ich Schiss, entdeckt zu werden und will nur noch zum Bus. Denn hier ist man nie allein. Überall sind Straßen, brausen Autos, kurven Mähdrescher umher. Der Kontrast zu den Wäldern und Hügeln im Südosten könnte nicht größer sein.

Gegen Abend fahre ich nach Vimy, einem Dörfchen nicht weit von Arras. Es liegt auf einer langgezogenen Anhöhe, war Teil der Frontlinie und wurde von Kanadiern erstürmt. Den Kanadiern gehört deshalb das Stück Land am Rande des Dörfchens und sie haben dort eine Gedenkstätte.

Die Kanadier haben echt den Arsch offen.

Bei all den 500+ Denkmälern, die ich zum Thema erster Weltkrieg gesehen habe, ist mir nie ein derartiger Gigantismus und Überhöhungswille vor Augen gekommen, Das Beinhaus neben dem Douaumont ist im Vergleich niedrig und zurückhaltend. Was für eine Monstrosität von Denkmal. Das Schlachtfeld wurde peinlichst genau gesäubert, und mit sanften Gras bepflanzt – sauber, hygienisch, kein hässliches rostige Metall stört die Ästhetik. Überall sind Warnschilder, bei denen ein Elsässer oder Argonner laut lachen würde.

Es sieht aus, als hätten Daisy Duck und Donald Trump gemeinsam ein Stück Westfornt nach ihren ästhetischen Prinzipien umgestaltet.

Ich bin frustriert. Das Erlebnis, dass ich von den Maashöhen und aus den Vogesen kenne, scheint hier nicht möglich. Und ich fürchte, das wird von hier bis zur Küste nicht anders werden.

31.07.2020, Flandern, Niemandsland zwischen Frankreich und Belgien

Ach, traurige Somme, trauriges Flandern! Immerzu braust der Verkehr über die flachen Ebenen, die Abraumhalden stellen die höchsten Punkte dar. Eine gnadenlose Sonne von einem gnadenlosen Himmel versengt dich und taucht dich in deine Nationalfarben: Gelbbraun, Schwarz und Weißblau.

Ich schreibe heute nichts über die vergeblichen Versuche, im Wald bei Vimy irgend etwas zu entdecken, nichts über ewige Gondelleien über schlecht ausgeschilderte Landstraßen, deprimierende Straßendörfer, unendlich lang, unendlich tot, geschlossene Rolläden an 365 Tagen, nichts über den heißesten Tag des Jahres in einer Landschaft ohne Schatten.

Ich schreibe über zwei tolle Dinge hier, die aber vergessen und missachtet sind.

Hinter Vimy steht das Memorial de Fraternisation. Es ist all den Punkten in der Chronologie des ersten Weltkrieges gewidmet, an denen Soldaten ihre Befehle missachtet haben und sich mit der anderen Seite verbrüderten. Seien es die inzwischen verfilmten Weihnachtsfrieden, sei es das berühmte englisch-deutsche Fußballspiel. Es ist ein kleines Memorial neben einem großen britischen Friedhof und es ist ganz neu. Die Welt hat 100 Jahre gebraucht, um den Befehlsverweigerern von 1914-1918 eine kleine Ecke zuzusprechen. Ein französischer Dichter hatte nach einem solchen Erlebnis geschrieben, dass er sich Wünsche, dass diesen Gesten der Menschlichkeit im Artois, wo er sie erlebte, ein Denkmal gesetzt werde. Francois Hollande hat diesen Wunsch 100 Jahre später erfüllt.

Immer wenn ich Zeugnisse dieser seltenen Episoden der humanen Kontaktaufnahme lese oder sehe, werden mir die Augen ein wenig feucht. Da ist dieses Foto von einem deutschen Offizier mit Pickelhaube, der etwas unbeholfen durch den Schnee stapft und einen jämmerlichen kleinen Tannenbaum schwenkt, aber mit diesem Weihnachtsmanngrinsen. Immer, wenn ich ihn sehe, dann kann ich ihn förmlich hören:

„Nich schießen Kameraden, bin nur icke, ick bin alleene und unbewaffnet. Wir ham euch sing hören, und zwar dat Lied von der „Heiljen Nacht“, wusstet ihr das det eijentlich Deutsch is? Na ja, jenau jenommen österreichisch, aba wat solls. Dachten uns, wir bringen euch det Bäumchen hier. Oder kommt doch jleich rüber zu unserm Jraben. Dann könn wa die englischen Worte ooch bessa verstehen. Und dann sing wer’s euch nochmal auf Deutsch. Wat haste da, Tommy? Krismes-Pudding? Ja klar nehm ik den an, senkju, senkju. Hier, ditte sind Plätzchen, von mener Frau. Nimm ruich. So, denn kommt doch mal rüwa. Na Heinrich, wat hast du von deim Tommy bekommen? Englische Zigaretten? Und, sinn se bessa als unsre? Dacht ik mir … Ne, Fritzen, du kannst doch dem Englända nicht dene Erkennungsmaake schenken! Hasste nix andres da? Ne deutsche Bibel? Ja warum nich, der kennt den Text doch eh in seiner eijen Sprache. Kiek mal, Herrmann, die ham nen Mundharmonikaspiela. Det war aba en trauriges Lied, det sie jespielt haben. Awa schön. Jetzt muss ik heul’n. Hol ma die Quetschkommode aus’m Unterstand ruf, Kurti. So, Jungens, wat könn wa dreistimmich? Am Brunn‘ vor dem Tore? Na denn ma los Kurti, zähl mal schön ein …“

Ich habe das Gefühl, dass kaum jemand am Denkmal der Verbrüderung anhält.

In Fromelles, ganz nahe bei Belgien, steht ein ziemlich neues Museum. Ich war auf diesem Tripp in einigen obskuren und schrägen Museen. Das hier ist gut.

Die Schlacht von Fromelles dauerte nur 12 Stunden und war eine Katastrophe. 2000 Australier und 1000 Engländer starben in einer Juninacht 1916, ich glaube etwas weniger Deutsche. Der Angriff der Commonwealthtruppen war ein Fiasko, aufgebaut auf idiotischen Prämissen, durchgeführt von unfähigen Kommandeuren. Bis zum Abend besetzen die Australier einen Teil der vordersten Linie der bayerischen Regimenter. Irgenwann nach Mitternacht holen die Deutschen sich ihre Gräben zurück. Der Kampf tobt bis zum Morgengrauen mit Gewehrkolben und Messern. Dann schleppen sich die Überlebenden Entente-Truppen in Ihre Ausgangslinie zurück. Noch tagelang bergen sie todesmutig verletzte Australier aus dem Niemandland.

Vielleicht sprach jahrzehntelang niemand von diesem Tag, weil er ein Fiasko war. Hätten die Australier den deutschen Höhenrücken eingenommen, vielleicht hätte man auch hier einen 50 Meter hohen kanadischen Doppelpenis in den Himmel gestellt. Aber Verlierer können ja keine Helden sein.

In den frühen 2000ern wurden in einem Wäldchen am Dorfrand von Fromelle 250 vermisste Australier entdeckt, die die Deutschen dort 1916 ehrenvoll bestattet hatten, nachdem sie die Toten am nächsten Morgen aus ihren Gräben und Stacheldrahtwällen gezogen hatten. Danach hatte man das Massengrab einfach vergessen. Bis heute konnten 140 davon identifiziert werden. Das Museum erzählt ihre Geschichte, ziemlich modern, ziemlich gut. Am Ende blickt man aus einem Fenster auf einen Friedhof mit 250 weißen Gräbern. Da zerdrücke ich dann schon wieder ein Tränchen.

Wenn man am Denkmal für die Australier, mitten zwischen den Bunkern der ehemaligen Deutschen ersten Linie, die Feldraine abgeht, dann erzählen die Äcker dort Geschichten. Eine Patronenhülse, eine Bleiplombe, eine Schnapsflaschenscherbe, ein Munitionskistengriff. Hier sind die Felder noch nicht so steril wie an der Somme.

Direkt am Dorfrand, versteckt in einem Naturschutzgebiet, liegt ein ziemlich großer Kommandobunker. Auch da bin ich alleine, ich war allerdings nicht der erste mickrig gewachsene Deutsche an diesem Ort. Hitler war in diesem Bunker, zwei Mal. Zuerst im Krieg, dort war er Meldegänger. Hätten ihn nur die Australier erwischt, das wäre besser gewesen. 1940 kam er wieder, er ließ sich nach dem Sieg über Frankreich extra zu diesem Bunker bei Fromelle im Nirgendwo fahren, um seine Kriegsheldenlegende zu stricken. Als ich mich auf den Weg mache, befürchte ich kurz irgendwelche Neonnazis dort abhängen zu sehen oder Hakenkreuzgeschmier. Nichts davon. Der Bunker liegt völlig unprätentiös in einem banalen Maisfeld.

Gut so.

Führerbunker, Beta-Version

Jetzt stehe ich auf einem Kiesparkplatz zwischen Waldrand und Villensiedlung. Es ist höllenschwül. Immer wieder bläst ein heftiger Wind. Abendessen: Rosmarinkartoffeln mit Gurkensalat und Munsterkäse.

Morgen fahre ich nach Ypern und hocke mich in ein Kaffee. Internet.

Oh ja, ich bin von einer Biene gestochen worden. Nicht schlimm, war schon in der Apotheke, und habe dort nach „etwas“ verlangt „das gegen das Insekt hilft, das den Honig macht.“

Mein Französisch ist immer für einen Lacher gut.

01.08.2020, Ypern, Belgien

Hurra Belgien! Als ich früh morgens um 8.00 die Grenze überfahre rieche ich förmlich Waffeln, Pommes und Bier. Um 9.00 steige ich in Ypern aus dem Auto und suche nach W-LAN mit Frühstück.

Nicht das Beste an Belgien, aber … doch, das Beste an Belgien. Schon.

Ypern war ein Frontbogen. Die Stadt und das nächste Umland waren belgisch, bzw. alliiert. Darum herum saßen die Deutschen und feuerten aus allen Rohren. Ypern wurde zu 100 % zerstört, es gab Ende 1918 kein einziges intaktes Haus mehr. Auch die gotische Markthalle, ein Wunderwerk das Mittelalters, war ein rauchender Haufen. Man muss heute sagen: Die Stadt wurde sehr hübsch wieder aufgebaut.

Ypern ist auch bekannt für den ersten Gasangriff der Geschichte. Und wieder war es ein Deutscher, der diese Scheußlichkeit der Schlachtfelder zur Einsatzreife entwickelte: Fritz Haber, ein heute noch im Chemieunterricht gerne mal mit Respekt genannter Name. Er warb ziemlich offensiv bei der Militärführung darum, seine Kampfstoffe einsetzen zu dürfen. Die OHL sah beim Thema Giftgas dann auf Habers Betreiben hin „keine völkerrechtlichen Bedenken.“

Für die Ausgewogenheit der Darstellung: Die Gegenseite benötigte nicht lange um die chemische Kriegsführung zu adaptieren und zu effektivieren. 1918 war auf beiden Seiten etwa jede vierte Granate mit Giftgas gefüllt. Die erhoffte militärische Wirkung hatte das Zeug nie, aber es steigerte das Grauen der Schlachtfelder.

Das „Museum of Flanders Fields“ in Ypern ist absolut hervorragend und mit Abstand das beste, das ich auf der Tour gesehen habe. Es ist in jeder Hinsicht modern und klug gestaltet und löst sich völlig von jedem nationalen Hurra-Patriotismus. Vor allem die Video-Installation zum weiter oben angesprochenen Weihnachtsfrieden ist fantastisch gelungen.

Mittags: Pommes und Bier. Geilo.

Tja, das ist doch eine Handgranate. Doof.

Nach dem Essen schlendere ich erst ein wenig durch die Stadt, fahre dann mit Oscar auf die Hügel, um ein wenig durch die besagten Felder Flanderns zu streunen. Zwischen den Furchen liegt noch viel herum, das meiste auch hier schön zerkleinert. Ich hebe einen großen rostigen Brocken hoch, erstarre, und setze das Ding wieder mit atemloser Vorsicht ab. Das war dann doch eine sehr zugerostete Eierhandgranate. Sollte man eigentlich nicht berühren.

Heute parke ich direkt in der Stadt. Zwar neben einem noisy Skate-Park (Aber, hey: Habe ich nicht eine Beifahrertür voller Skater-Sticker?), aber 15 Minuten vom Stadtzenrum entfernt. Das heißt, ich kann einige belgische Biere genießen und muss nicht noch autofahren.

Auf dem Rückweg begegnet mir ein zutraulicher Igel auf der Straße. Ich rede ihm/ihr gut zu. Morgen Abend bin ich am Meer.

02.08.2020: Nieuwpoort, Belgien. Kilometer 0

Die Füße im Sand. Möwen. Wellen auf Wattschlick. Horizont.

Es ist geschafft.

Gegen 16.00 laufe ich auf den Strand von Nieuwpoort und bin damit, offiziell, wieder am Kilometer 0. Oder am Kilometer 750 – 800, so genau kann man das ja nicht messen. Ich habe die Tour geschafft, die Westfront einmal abgeklappert. Als ich meine Füße in die Wellen stelle, und das Meer an meinen nackten Beinen spüre, stellt sich ein kurzer Moment der völligen Zufriedenheit ein.

This is the end …

Auch der Morgen war nicht so schlecht. Der Skatepark (der übrigens nach 23.00 wie tot war) liegt neben einem Schwimmbad. Zwar darf ich ohne Reservierung nicht ins Becken, aber die Dusche kann ich ohne Voranmeldung benutzen, Hmmm, eine richtige Dusche. Zwar so wie die Dusche in einer alten Schulturnhalle (Kundige wissen, welchen Standart ich meine), aber immerhin. Kaffee in der Stadt, Oscar anschmeißen und dann auf nach Diksmuide.

Aus Diksmuide stammt mein Kumpel aus Apremont la Foret, der Belgier. Ich kann seine Begeisterung, die Gräben tatsächlich zu sehen, nun viel besser verstehen, da ich Flandern kenne. Hier siehst du nix mehr. Er hat mir den Yserturm in Diksmuide empfohlen. Ein 50 Meter hohes keltisches Kreuz direkt neben dem Fluss Yser.

No Shit.

Ab hier wird es kompliziert. Fangen wir mal damit an, dass die Deutschen das neutrale Belgien 1914 überfallen und es bis auf einen kleinen Zipfel im Westen fast komplett besetzen. Beide Armeen liefern sich einen Wettlauf zur Nordsee um sich gegenseitig in die Flanke zu fallen. Die Belgier stauen mittels ihrer Schleusen die Iser auf, so dass sich die Deutsche Marschwucht im Schlamm verliert. Die Front wird durchgehend, vom Meer bis an die Alpen.

Die Deutschen verhalten sich in Belgien ziemlich scheiße, sowohl auf dem Marsch als auch als Besatzer sind sie nicht gerade angenehm. Verdächtig viele Zivilisten werden getötet. In Belgien gibt es, wie bekannt, zwei Volksgruppen, Flamen und Wallonen. Die frankophonen Wallonen geben im ersten Weltkrieg im belgischen Heer den Ton an, weil sie dem französischen Verbündeten nahe stehen. Die Flamen hingegen kolaborieren im besetzten Teil ganz gerne mal mit den Deutschen.

Noch dabei?

Yserturm (mit kreativer Umzäunung)

Nach 1918 stehen die Flamen deshalb nicht so gut da. Um ihre Sache zu stärken bauen sie in den 20ern den ersten Iserturm, ein hohes kreuzförmiges Ding, dass irgendwie sinngemäß mit „Alles für Flandern, alles für Christus“ beschriftet wird. Und sie begraben dort „flämische Helden.“ Dann wird die ganze Sache in Teilen ziemlich faschismusfreundlich. Als die Deutschen in den 40ern schon wieder in Belgien einmarschieren, kollaborieren eine ganze Reihe Flamen erneut und kämpfen auf Seite der Deutschen.

Deshalb sprengen die Wallonen 1946 den alten Yserturm in die Luft. Als emotionalen Diskussionsbeitrag. Noch bei der Stange, Leser? Die Flamen bauen ihn aber in den 50ern neu, höher und schöner und halten dort Treffen ab, schwenken Fahnen, schlagen Trommeln, es sieht aus wie ein bisschen Nordirland-Konflikt. Bis sich die flämischen Vertreter von ihren faschistisch gesinnten Brüdern (und Schwestern) zunehmend lossagen und sich der Friedensbotschaft des Yserturms zuwenden.

Ja, das geht liebes konservativ-bürgerliches Lager. Man bekommt Nazis in den eigenen Reihen offensichtlich los, wenn man will.

Heute beherbergt der Iserturm ein vertikales Museum zum Weltkrieg, das sich der Sache in der oberen Hälfte eher künstlerisch nähert. Und zwar eigentlich ganz gelungen. Dann folgen ein paar Stockwerke die üblichen Puppen in Uniformen; und dann ein eigentlich spannender Nachbau eines britischen Untergrundtunnelsystems. Insgesamt eine gutes gemischtes Ergebnis.

Nachmittags parke ich dann ein Dorf Richtung Front an der Kirche. Das alte Dorf gibt es nicht mehr. Es ist neu, auch Diksmuide ist neu, und alle Dörfer drum herum: neu. Also ca. 100 Jahre alt. Die Kirche ist allerdings zu meiner Überraschung keine Dorfkirche mehr, sondern ein Antiquitätenhandel. Einer, der sich auf Kirchenauflösungen spezialisiert hat. Da drin kucken mich etwa 500 Heilige und Marien aller Kunstepochen an. Es ist ein bisschen skuril, ein bisschen cool und ein bisschen gruslig.

Flandern ist … flach (Wer entdeckt Oscar auf dem Bild …?)

Um Diksmuide sind alle Gräben verschwunden, die Felder offenbaren nichts. Ich fahre ans Meer, letzte Strecke der eigentlichen Reise.

Das eigentliche Frontende findet man zwischen Nieuwpoort und Ostende. Dort, wo die Bunker aus den Dünen kucken. Die alte Front von 1914-1918 wurde ab 1941 ausgebaut und in den Altlantikwall integriert. Welcher Betonklumpen also Erster, welcher Zweiter Weltkrieg ist, ist manchmal schwer zu sagen. Aber hier endete sie also: Die Westfront. Die letzten rostigen Splitter finde ich zwischen den sehr schönen Dünen, die ich auf gar keinen Fall betreten darf. Was ich trotzdem tue.

Ich habe echt die Schnauze voll von Verbotsschildern.

Jetzt parke ich am Kanal wieder etwas weiter gegen Nieuwport. Die Wiese rechts ist voller Bunker. Erster, Zweiter? Dazwischen? Ich werde es nicht erforschen.

Ich habe genug von flachen Tellern als Landschaft. Ich habe genug von Landwirtschaft bis zum Horizont. Ich habe darüber hinaus genug von Schwärmen von Fahrradfahrern, die auf einem flachen Teller herumeiern wie Mücken auf einem stehenden Gewässer.. Ich möchte wieder Hügel und Wälder.

Da ich großzügig geplant habe und Oscar erst wieder am Mittwoch nach Hause muss, habe ich beschlossen morgen früh in die Ardennen zu fahren. Dort ist es hoffentlich ruhiger.

03.08.2020: Bastogne, Ardennen

Es ist ruhiger. Etwas. Abends noch einen echten alten Hippie mit Bus (samt Gattin) kennengelernt, campen seit Ewigkeiten, Ihr Mercedes-Kastenwagen ist 40 Jahre alt und sie waren schon überall damit, selbst in Saudi Arabien und Syrien. Allerdings zu einer besseren Zeit in einer besseren Welt.

„Die Welt wird leider jedes Jahr kleiner“, sagt er.

Und ich fürchte, da ist etwas Wahres dran. Früh morgens dann los, diesmal größtenteils über die Autobahn und die Nationalstraße. Die N4 nach Bastogne ist stellenweise die schlimmste Landstraße, die ich je erlebt habe. Um 12.00 rausche ich ein. Schon die dritte Tankfüllung der Reise.

Bastogne selbst ist dann wiederum nicht so übel, wie ich befürchtet habe, kein amerikanisches Disneyland mit „GI-Burgers“, „Blitz-Beer-Pub 44“ oder „Le Stahlhelm-Bookshop“ sondern ein in weiten Teilen noch recht authentisch wirkendes Kleinstädtchen. Bastogne, zur Erinnerung für alle nicht Kriegsgeschichtenverseuchten hier, das war der Ort, an dem in der Ardennenoffensive im Dezember 1944 amerikanische Truppen eingekesselt wurden und dann zäh aushielten, bis man sie raushaute. Bumm-Panzer-Ratatata-Peng. Stoff für Heldengeschichten en Masse.

Das Museum vor den Toren der Stadt ist relativ neu und wahnsinnig überlaufen. Ich kann immerhin eine Reservierung für den nächsten Morgen machen. Die Belgier nehmen übrigens das Corona-Virus recht ernst, hier trägt man sogar im öffentlichen Raum auf der Straße Maske, so lange man sich in einer Siedlung befindet. Und die meisten halten sich dran.

Ich hingegen verziehe mich aus dem Städtchen, das übrigens einen saumäßigen Verkehr aufweist, auf die waldigen Hügel. Einen richtig großen Wald zu finden ist auch hier gar nicht so leicht, doch schließlich entdecke ich ein Stück. Der Wald hier ist ein sehr gelungener Wald, wenn der in den Ardennen überall so ist – tolles Eckchen. Ich mache mir keine großen Hoffnungen, irgendwelche Spuren der Kämpfe zu entdecken, und entdecke auch keine -fast. Vier große Löcher im Wald sehen verdächtig nach Schützenlöchern aus, aber außer einer rostigen Konservendose ist nichts zu sehen.

Verdächtige Löcher im Wald. Das war kein Dachs.

Ein recht ereignisloser Tag, aber ich bin raus aus der Ackerwüste Flandern. Jetzt stehe ich auf einer Schotterfläche an einem ausreichend einsamen Waldweg und erwarte meine letzte Nacht mit Oscar im Forst. Morgen geht es dann nach dem Museum auf zur letzten Station meiner Reise: Ich habe beschlossen über Metz zurückzufahren. Also nochmal Frankreich, an Metz bin ich schon wahnsinnig oft vorbeigegondelt, jetzt sehe ich es mir mal an.

Aber davon morgen. Und eine neue gnadenlose Museumskritik.

04.08.2020: Metz, Lorraine

Das Flanders‘ Fields Museum in Ypern hat gezeigt, wie man mit moderner Museumstechnik eine hervorragende Ausstelliung mit dem Ziel, ein Thema museal zu vermitteln, erfolgreich hinbekommt. Das Bastogne War Museum zeigt, dass moderne digitale Technik ohne gute Ideen in echten Köpfen dahinter, genau so mittelmäßige Ergebnisse hervorbringt, wie verstaubte Schaufensterpuppen und Vitrinen voll Zeug.

Die Verbindung zwischen den Ereignissen in den Ardennen, dem großen historischen Rahmen des beginnenden 20. Jahrhunderts und den (hochinteressanten) belgischen Verhältnissen im Europa der Dreißiger und Vierziger funktioniert einfach nicht; man konnte sich nicht davon lösen, trotzdem noch seine Panzer und Maschinengewehre zu präsentieren; Die Architektur ist labyrinthisch und verwirrend; Viel zu viel Text auf Tafeln; Die Idee, Bastogne aus der Perspektive vierer fiktiver Protagonisten zu beleuchten, ist gut, geht aber im allgemeinen Chaos der Ausstellungskonzeption unter. Und natürlich streikt die digitale Technik an allen Ecken und Enden, bugfreie Software bekommt man auf der Welt vermutlich nur noch als Geheimdienst geliefert. Aber natürlich war es das teuerste Museum der Reise.

Prädikat: Muss man nicht besuchen.

Um 12.00 weiter nach Metz. Heute morgen ist meine Gasflasche alle gegangen, für den Kaffee hatte es gerade noch so gereicht, für das Spülwasser nicht mehr ganz. Aber die letzten 24 Stunden ziehe ich auch noch ohne Gas durch. Allerdings bedeutet das ab jetzt kalte Morgenwäschen und heute war es ziemlich frisch ohne Augustsonne. Kalt. Anreise nach Metz problemlos, Metz selbst ist eine Verkehrshölle aus Einbahnstraßen, Busspuren, Pop-Up-Fahrradwegen und wahnwitziger Abbiegespurführung. Wer immer im Rathaus da der Chef-Planer ist: Möge er beim Pinkeln oft seine eigenen Schuhe treffen.

Oops – ich gehe automatisch davon aus, dass Bullshit auf einen Mann zurückzuführen ist.

Das einzige verkehrstechnisch vernünftige Bauwerk von Metz.

Ganz konsequent erlebe ich auch in Metz meine brenzligste Situation mit Oscar, die mir echten Stress bereitet. Die Stadt leitet mehr oder weniger automatisch auf das Parkhaus zu. So weit so gut, dann zahl ich eben da ein Stündchen. Leider hängen an der sehr hohen Einfahrt zu den Parkdecks sehr niedrig Eisenbahnschienen an Ketten. Mit einem Peugeot 206 kommt man drunter noch durch, mit Oscar aber nicht, schon gar nicht mit Solarzelle und Wasserrohr auf dem Dach. Eventuell soll das Kleinlaster und Wohnmobile im Parkhaus verhindern, nun ist Oscar ja aber ein ganz normaler Van und kein Camping-Monster – ich fand’s übertrieben. Dazu kommt, das metz-typisch die Zufahrt zum Parkhaus eine 200 Meter lange Einbahnstraße ist. Ein Hinweisschild, dass Fahrzeuge über 170 cm. sofort links raus müssen, habe ich nicht gesehen. Oder verpasst.

Nun stehe ich da. Vorwärts kann ich nicht, ohne Oscar zu demolieren. Rückwärts heißt 200 Meter im Rückwärtsgang, durch den heranströmenden Parkhausverkehr, und ich bin im rückwärts Autofahren sehr schlecht. Zudem stellt sich noch ein weißer Rangerover mit Warnblinker hinter mich und die Dame telefoniert offensichtlich mit ihren Abteilungsvorständen, der Regierung von Portugal oder ihrem Finanzberater auf den Kaymans. Leichte Panik kommt auf.

Schließlich breche ich nach vorne durch: Warnblinker rein, Fenster auf, die ankommenden Fahrzeuge mit verzweifelten Gesten anhalten, zweimal hupen, dann in vier Zügen in der Einfahrt wenden und gegen die legale Fahrtrichtung wieder raus. Immer mir Warnblinker und bedeutungsvoll aus dem Fenster geschwenkten Arm. Gerettet. Wieder mal hilft der Bruch der Gesetze weiter.

Welcher v******** W**** sperrt ein Parkhaus bei 1.70 Höhe!?

Metz selber ist dafür ganz hübsch. Riesen Einkaufsstraße, viele Restaurants und Bars, erstaunlich viel Wasser und Wälle. Sehenswerte Kathedrale.

Ich genehmige mir auf dem zentralen Platz erst einmal eine höllisch teure Halbe und schlendere dann durch die Stadt. Entdecke zwei (!) Comicläden. Schlafe ein bisschen auf einer Wiese im Park. Jetzt ist es gegen 19.00, ich habe einen bockhässlichen, aber innenstadtnahen Abstellplatz. Und Hunger.

Die letzte Nacht mit Oscar! Und dann in so einer Umgebung.

05.08.2020: Stuttgart, BaWü

Früh morgens raus, kein Bock mehr auf Metz. Das aus Metz Herausfahren ist mindestens so bedrohlich wie das Reinnavigieren. Als ich es endlich geschafft habe, steuere ich Saint-Avold an, einfach weil es der letzte größere Ort vor dem Saarland ist. Außerdem kenne ich es von den braunen Schildern an der Autobahn als Name, darunter steht „US-Cemetery.“

Das Städtchen ist nicht sehr groß, hat aber eine sehenswerte, spätbarocke / früh-klassizistische Abteikirche. Daneben serviert man mir einen Milchkaffee und ein Schoko-Croissant für sagenhafte 2,90 €. Ich hätte mindestens mit dem doppelten gerechnet. Und es gibt umsonst Internet vom kommunalen Träger.

Man sollte öfters in die Landstädtchen.

Da ich nicht so recht weiß, was nun, gehe ich mir diesen Friedhof anschauen. Er entpuppt sich als beeindruckend. Bei Saint-Avold steht der größte US-Militärfriedhof in Europa. Über 11.000 Gräber füllen ein Feld, das an Weite und Größe kaum zu beschreiben ist. Dieses unendliche Meer von Kreuzen macht einem die Dimensionen klar. Und alle diese jungen Männer starben bei den letzten großen Kämpfen 1945, an Saar und Rhein. Ein Großteil der Verluste des Zweiten Weltkrieges gehen auf Kosten des letzten Kriegsjahres. Man kann nicht in Worte fassen, wie moralisch verbrecherisch der sinnlose Durchhaltewille der NS-Führung war. So viele junge Leben beendet, für nichts, für gar nichts, außer als Lebensverlängerung für ein paar alte Männer um einige wenige Wochen.

Außerdem betritt man ein Stück USA. Nicht nur völkerrechtlich, auch optisch ist der Rasen so unendlich grün und akkurat, die Bäume so unendlich sorgfältig gestutzt, dass man sich auch im Garten des weißen Hauses befinden könnte, wären da nicht die Gräber.

Ich gehe noch einmal in den Wald um die Stadt, spazieren. Ein altes Wegekreuz mit deutscher Stifterinschrift. Viele schöne große Buchen- und Eichenhaine. Sterbende Tannen und Fichten.

Und dann kommt der große Abschied.

Saarbrücken, A6, Mannheim, Richtung Heilbronn. Bei Bad Rappenau wird ein Superstau angezeigt, also fahre ich bei Sinsheim ab und zuckele über Land. Somit verabschiede ich mich von Oscar so, wie wir gemeinsam meistens unterwegs waren: Durch Wälder und sommerliche Felder, durch kleine Dörfchen (gut, Heilbronn ist hässlich, aber das weiß man ja vorher), über kurvige Straßen. Es geht Richtung Abend. Alles fühlt sich richtig an.

Die Übergabe verläuft kurz und schmerzlos, am Bus ist alles heil geblieben. Er fährt noch am selben Abend mit seinem Besitzer weiter.

Nach Frankreich.

Aber meine Reise endet. Zeit für ein Fazit: Was bleibt am Ende?

  1. Meine Planung hat funktioniert. Die Tour war schön gemütlich mit Zeit für Entdeckungen. Was nicht geklappt hat: Das Abfahren einer 800 Kilometer langen Front sind nicht etwa 1000 Km. Eher etwa 2000. Insgesamt habe ich 2445 Km im Auto zurückgelegt.
  2. Es ist sehr, sehr schön, sein Bett mitreisen zu lassen. Das macht flexibel. Auf einem Campingplatz war ich nie. Nachdem ich festgestellt habe, dass der Bus nur Diesel und Wasser regelmäßig benötigt, sah ich einfach keine Notwendigkeit dafür.
  3. Die alte Westfront ist ein faszinierender Ort. Allerdings ist die südliche Hälfte wesentlich spannender, weil erhaltener. Alles nördlich vom Chemin des Dames muss ich mit nicht nochmal anschauen.
  4. Wald schlägt Feld, Hügel schlägt Flachland. Meer ist ok.
  5. Es gibt sehr viele Museen. Von fantastisch bis furchtbar ist alles dabei.

Und jetzt, ganz am Ende, bleibt mir nur noch, dem eigentlichen Hauptdarsteller dieser Reise eine große letzte Würdigung zu schreiben. Diese Rolle gebührt nämlich nicht einem süddeutschen Lehrerdude, diese Rolle gebührt natürlich einem in Würde gealterten, grauen VW-Bus mit Stickern und aufgemalter Wald-Silhouette. Er war ein treuer, zuverlässiger Kumpel in jeder Situation, der mich sicher an jeden Punkt der Reise brachte. Möge er noch viele 100.000 Kilometer auf seinen Tacho fahren.

Danke, Oscar.

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2 Kommentare

  1. Trotz schwerer Irritation über den Busnamen ^^ sehr gerne gelesen. Klang spannend, die Reise. Und dieses ungebunden überall Anhalten können stelle ich mir echt schön vor. Welcome back!

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