Ich packe meinen Koffer:

Zunächst brauche ich Futter, und zwar hitzebeständiges, für drei Tage, ein großes Vesper und mehrere kleine Snacks: Schüttelbrot, Babybells, Möhrensticks, Radieschen, Trockenobst, harte Eier; Brioche und Peanut-Bars, Müsliriegel, Nussmix in Tüte, Coladosen, eine Tafel Fair-Trade-Schokolade, Kaffeedrinks.

Zugegeben: Die Schokolade ist im August mutig.

Dann noch Wasser, viel Wasser.

Als Nächstes brauche ich Equipement: Kompass, Klappmesser, Leatherman, Wanderkarte, Internetausdruck von alten Stellungsplänen, Handschuhe, Mücken- und (wichtiger) Zeckenschutz, Regenponcho, Erste-Hilfe-Set, Stirnlampe, stabiles dornendichtes Käppi., Sonnencreme Lichtschutzfaktor 50

Meine Wanderschuhe sind so gut wie durch und werden nach diesem Trip wohl in den Müll wandern. Wenn der Gott des Querfeldein-Latschens gnädig mit mir ist, halten sie noch einmal drei Tage durch, ich laufe darin gut und bekomme keine Blasen.

Mein Koffer ist übrigens ein ziemlich großer Rucksack, der jetzt darüber hinaus ansehlich schwer geworden ist. Aber ohne entsprechende Ausrüstung wird es schwierig auf dem Schlachtfeld. Inzwischen packe ich meinen Exkursionsrucksack mit der Routine eines 60jährigen Bergführers.

Was zieht mich immer und immer wieder an die Westfront? Um keine Verwirrung aufkommen lassen, ich meine die von 1914-1918, nicht die von 1940/1944/1945. An ein paar Stellen ist das aber das selbe.

Meine Faszination für diesen breiten grünen Gürtel im Osten Frankreichs entwickelte ich schon während des Studiums, bei zwei Verdunexkursionen mit dem von uns fast väterlich verehrten Prof. Dr. Lothar Burchardt, „Burchi“ genannt. Da habe ich mich wohl mit dem Grabenfieber infiziert.

Und zum einen, da wollen wir uns nix vormachen, liegt die Faszination dieser Orte natürlich im guten alten Militarismus der männlichen Kartoffel, selbst wenn sie in diesem Fall Pazifist, Ex-Zivi und linker Weltverbesserer sein sollte. Wenn man aber noch einen Opa hatte, der Kriegsheldengeschichten zum besten gab, dann entkommt man als Typ aus meiner Generation dieser Seuche eigentlich nicht. Man kann ihr nur rational begegnen und ins hässliche Antlitz sehen.

Was stimmt bloß mit dem Jungen nicht?

Aber das greift als Erklärung zu kurz warum es mich immer und immer wieder in diese einsamen Wälder und Schluchten zieht. Das alte Schlachtfeld übt eine gewaltige Faszination aus. Weil es ein Nichtort ist, eine Zwischenwelt, in der zwei sonst unvereinbare Aggregatszustände nebeneinander gleichzeitig existieren und Zeitebenen sich gegen alle Regeln der Physik durchdringen: Menschgemachte, menschgeformte, menschverstümmelte Landschaft und unberührte, einsame Natur. Nie war ein Gebiet mehr „Kulturlandschaft“ als die Trichterödnis und die Grabenlabyrinthe es 1918 waren. Und wenige Ecken Europas wurden von besagter menschlicher „Kultur“ in der Folge so sehr in Frieden gelassen, wie dieser Kriegsschauplatz.

Die Westfront, von der niederländischen Küste bis an die Schweizer Grenze ist über weite Strecken ein gewaltiger Lost Place. Als am 11. November 1918 der letzte Schuss verklungen war, legte sich eine gigantische Stille über die Gräben und Stellungen, die bis heute nachklingt. Die Überlebenden, an Körper und Geist geschunden, kletterten aus ihren Unterständen und Erdfestungen, die sie vier Jahre lang bis zum Irrsinn ausgebaut hatten, und gingen einfach nach Hause. Das geografische Band des grausamsten Krieges bis dato war ein derartig zerstörter Ort, dass hier – anders als nach dem zweiten Weltkrieg – die Idee eines Wiederaufbaus der Gebiete quasi sofort verworfen wurde. Milliarden von Granaten hatten den Boden aufgerissen, zernarbt und selbst die Erdschicht an vielen Stellen bis auf den nackten Felsen pulverisiert. Millionen von Blindgängern übersähten die Landschaft und machten jede Bau- und Anbautätigkeit zu einer lebensgefährlichen Sache. Darüber hinaus vergifteten toxische Sprengstoffüberreste und Giftgasrückstände Boden und Trinkwasser. Und unzählige Kilometer Grabennetz machten die Fortbewegung in diesem Gebiet zur Schwerstarbeit. Man hatte genug damit zu tun, wenigstens liegen gelassene Waffen und Leichen aufzusammeln, für mehr war keine Kraft und keine Zeit, auch weil der Kriegsgegner und Verlierer Deutschland beim Thema Reparationen beständig laut herumheulte und darauf verwies, dass man für seinen Krieg, den man mit Milliardenaufwand bis zum Schluss geführt hatte, nach der Niederlage nun keine Millionen aufbringen könne (bis Hitler dann die Zahlungen für die unendlichen Schäden auf französischem Boden ganz einstellte).

Also überließ man die alte Front weitgehend sich selbst und der Natur. Man pflanzte Bäume auf die Narben, zumindest an vielen Stellen, und an anderen wuchsen sie wild. Gottseidank hält die Vergiftung und die Blindgängerbelastung der Wälder bis heute an, ohne dass Räumkommandos daran etwas Wesentliches ändern konnten. Gottseidank hielt dies das verheerendste Gift für die Schöpfung 100 Jahre ziemlich fern von diesen Ecken: Den Zweibeiner, den Menschen, moi.

Mit allem kann die Natur gut leben, nur mit uns offensichtlich nicht.

Wenn man heute durch diese Wälder geht, dann hat man majestätische Baumsäulenhallen um sich oder dichtestes wucherndes Grün, durch das man kaum durchkommt. Es vergeht kaum ein Tag auf dem Schlachtfeld, an dem man nicht Rehrudel aufschreckt oder Wildschweine davongallopieren sieht. Es ist ein Paradies auf der Hölle gewachsen. Gerade als ich diese Zeilen schreibe, hat mich vor ein paar Stunden eine gewaltige Eule, die plötzlich lautlos aus ihrem Baum vor meinem Nahen aufflog und höheres Terrain suchte, beinahe zu Tode erschreckt, als das wunderschöne Tier zwei Meter an mir vorbeischwebte. In Stuttgart habe ich so Erlebnisse nicht, da fährt einen höchstens ein Fahrradfahrer über den Haufen, eventuell vielleicht noch mit der selben mentalen Grundhaltung wie eine Minenwerferkompanie 1916. Zurück zu den einsamen, stillen Wäldern.

Eine solche Umgebung hat man sonst selten, eventuell noch in den großen süddeutschen Nationalparks. Was man da nicht hat, ist der Krieg. Der mindestens genau so präsent ist, wie das Naturparadies.

„Es gibt nichts Beständigeres, als ein ordentliches Loch“

Das habe ich von irgendeinem Archäologen aufgeschnappt, nagelt mich nicht darauf fest. Nach wie vor ist das Netz der Gräben unübersehbar, es ist mittlerweile sanfter, die Holzwände sind verrottet, die Gräben sind nun weicher geschwungen, aber stellenweise noch immer über zwei Meter tief, so dass man nicht daraus hervor blicken kann. Unübersehbar sind die Reste des grausamen, idiotischen Mordens um Kaiser oder Republik willen, allenthalben rostige Drahthindernisse, Spanische-Reiter-Spitzen, Wellbleche der traurigen Unterstände., in denen die bedauernswerten Opfer der Weltlage ausharrten. Unvermeidbar auch die explosiven Überreste, nur wenige Kilometer lege ich zurück, bei denen ich an keinen Granaten aller Kaliber oder anderen Kampfmitteln vorbeigehe. Bitte nicht berühren. Und dazwischen, und durchaus berührend, kleine Zeugnisse der Menschen, die hier vier Jahre lang gelitten haben und zum großen Teil auch gestorben sind: Sei es nun das häufigste persönliche Artefakt, die Weinflasche (ganz oder als Scherbe, Alkohol muss mit eine der wenigen Freuden gewesen sein, die einem an der Front noch blieben), die teilweise ganze Glashalden im Wald bildet. Gelegentliche Schuhsohlen von Armeestiefeln und herumliegende Rucksackriemen (Leder ist viel zäher und haltbarer, als ich immer dachte), löchrige Essgeschirre oder ganz kleine Dinge, wie der winzige weiße Porzellanknopf den ich auf dem cote du poivre bei Verdun auf dem Waldboden fand, der vor hundert Jahren typisch für Unterwäsche war, und der nun immer noch im Wald liegt. Welche traurige Geschichte hinter einem harmlosen Unterwäscheknöpfchen am Rande eines Trichters stecken könnte, kann man sich mit ein wenig Fantasie zusammenreimen.

Dieses Neben- und Miteinander von zwei gegensätzlichen Welten zieht mich seit vielen Jahren immer wieder in den Bann. Manchmal verliere ich mich ziemlich auf meinem Weg zwischen den Grabensystemen, ich bin dann irgendwie ganz bei mir und doch aus der üblichen Welt gefallen. Manchmal ist dieses 100 Jahre alte Schlachtfeld ein äußerst mystischer Ort, der zwischen Realität und Vergangenheit osziliert und der es möglich macht, aus dem tobenden Leben in eine Art vorweltliches Totenreich zu steigen, das mit Zivilisation, wie wir sie kennen, kaum etwas zu tun hat. 1914 – 1918 schon gar nicht, und auch 2019 noch nicht. Vielleicht nie wieder.

Pretty far out shit, für jemand, dem eigentlich jegliches esoterisches Gefühl abgeht.

Oben Formuliertes ist mehr oder weniger das, was ich mir zusammenreime, um zu erklären, warum ich immer und immer wieder in irgendwelchen völlig abgelegenen Gegenden in Frankreich aufschlage. Mit einem sauschweren Rucksack auf dem Rücken. Und irgendwie seelig dabei.

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7 Kommentare

  1. Just before the attack, the lonelyness on the battlefield fills the heart of every warrior, even if he stands there with thousands of comrades.

    Ich weiß auch nicht, warum es mich damals an die Strände der Invasion gezogen hat… oder in die Wälder im Elsass. Es ist beinahe so, als würde man an diesen Orten die Geschichte atmen fühlen… oder eher den Atem anhalten, bis die Scheiße wieder vorbei ist.

    Achte auf deine Schritte und versuch dich nicht an den Blindgängern 😉

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