Wenn man wie ich seit einigen Jahren in die vernarbten Wälder zieht, dann rechnet man bereits mit bestimmten Dingen, die da auf einen warten. Natürlich das Netz der Gräben und das Niemandsland der Trichter; Stacheldraht und Sperrelemente; Blindgänger aller Art; Weinflaschen ganz und in Bruchstücken („Champs de Bouteilles“); Essgeschirr, Rinderknochen, Feldflaschen; Gewehrmunition (ganz oder als verschossene Hülse); Splitter, Splitter, Splitter, meist findet man die großen, die kleinen schlummern im Humus.

Und dann gibt es immer wieder die Funde, die einen überraschen, berühren, faszinieren. Überreste, die eine Geschichte haben, die nach einer Geschichte verlangen, die zur historisch unsachlichen Spekulation geradezu zwingen, die Rätsel aufgeben. Dinge, die näher am Menschen sind, als die random rostige Granate im Wald. Funde, an die man sich lange erinnert.

Warum es mich in die tiefen, einsamen Wälder Ostfrankreichs zieht, habe ich vor geraumer Zeit hier dargelegt. An dieser Stelle geht es um die Entdeckungen, die mich nicht loslassen, um die Funde, die mich immer wieder dazu antreiben, mich auf die Spuren des menschlichen Leidens im Ersten Weltkrieg zu wagen.

Über den Fund eines Gewehrs habe ich kürzlich hier geschrieben.

Der Kutschenkasten in der Schlucht

Fundort: Verdun, Côte-du-Poivre

Große Metallgegenstände sind auf den Schlachtfeldern einigermaßen selten. Die französische Regierung hat in den zwanziger Jahren versucht, wenigstens einen Bruchteil der Kriegskosten dadurch aufzufangen, indem sie Schlachtfeld-Konzessionen an Schrotthändler vergab. Die deutschen Reparationen konnten die massiven Schäden und Vernichtungen nicht ansatzweise abdecken. Die Arbeit der Schrotthändler war gefährlich, aber die meisten große Wracks im Kampfgebiet landeten im Stahl-Recycling.

Um so überraschender war das Auftauchen des Kutschenkastens an einem nebligen Januarmorgen direkt neben einem überwachsenen Waldweg unter dem Südhang des Pfefferrückens. Natürlich sind alle Holzteile längst vermodert, welchen genauen Zweck das Gefährt hatte, dazu bin ich zu wenig Militärkutschenkenner. Eventuell verweisen die tiefen Transportkästen auf Munition ..? Hier beginnt die Spekulation, der Zwang zum Narrativ. Wie strandete das Gefährt auf dem Schlachtfeld, noch zudem auf einem der schwierigsten Gelände des Ersten Weltkriegs? Erhielt der Wagen einen Treffer, brach eine Achse, verendeten die Zugtiere? Kam die Mannschaft davon? Versuchten sie noch, die Pferde auszuschirren, erschossen sie hastig die verletzten Tiere um dann zu fliehen oder schallte das entnervende Brüllen der langsam sterbenden Pferde noch stundenlang durch die Schlucht? Oder blieb der Wagen an einem ruhigen Tag 1918 einfach im berüchtigten Schlamm von Verdun stecken und wurde aufgegeben, ganz undramatisch?

Es ist immer nur rostiger Stahl. Doch dahinter verbergen sich Dramen, Geschichten, menschliche Schicksale.

Der Fetzen Stahlhelm

Fundort: Verdun, Ravin de Bazil

Auch Helme sind selten. Neben dem erwähnten Schrottwert taugen sie wunderbar als Trophäe und Kaminschmuck. In vielen Dörfern der Region zieren deutsche und französische Helme seit Jahrzehnten die Scheunen. Gefunden habe ich bisher nur dieses kleine Stückchen.

Man hätte das Stück Eisen leicht mit einem der zahlreichen Metallsplitter auf dem Gelände verwechseln könne, die zerfetzten Ränder, die zerdrückte Struktur sind typisch für den Effekt von Explosionen auf das von uns als so hart empfundene Material Stahl. Aber das gut erkennbare „Hörnchen“ ist typisch für den Stahlhelm M1916 und auch ein Stück Umbördelung am Rand ist noch zu erkennen.

Der Stahlhelm M1916 sollte das Bild des deutschen Soldaten für alle Zeit prägen, die Helme der Wehrmacht, die Sillouhette des grausamen Deutschen, sind nur eine Abwandlung des ersten deutschen Stahlhelmes, der eigens für die Verdunschlacht im Februar 1916 auslieferungsbereit gemacht wurde. Die bis dahin übliche Pickelhaube hielt, wenn man Glück hatte, herumspritzende Steinchen davon ab, die Schädeldecke zu perforieren. Eine erstaunliche hohe Zahl der deutschen Kriegstoten gingen auf Metallsplitter zurück, die kleiner waren als eine Erbse und bis ins Gehirn vordrangen. Das Kriegsministerium führte eine umfangreiche Untersuchung typischer Kopftreffer durch und entwickelte daraufhin hoch wissenschaftlich den Stahlhelm. Eine Kugel oder einen größeren Splitter hielt aber auch der nicht ab.

Jenes Stück Stahlhelm erlitt ein übles Schicksal. Zerfetzt bis zur Unkenntlichkeit blieb es liegen. Womöglich ist es Zeugnis eines gewaltsamen Todes, ein junger Mensch hatte ihn auf dem Kopf, als ein direkter Treffer mit irgend etwas Großem den Helm zerplatzen ließ und den Menschen gleich mit ihm. Womöglich war es auch weniger spektakulär, ein junger Mann bleibt mit Lungenschuss zwischen den Trichtern liegen, röchelt noch 15 Minuten blutigen Schaum und reiht sich dann in die Armee der unbestatteten Leichen im Niemandsland ein. Das nächste Trommelfeuer zerfetzt den Leichnam und seine Ausrüstung, als letzter Rest liegt das Helmstück noch heute im Wald. Oder es geht gut aus: Der Schütze verliert den Helm beim Angriff, stolpert weiter, die Offensive bleibt im Trichterfeld liegen, bei Einbruch der Dunkelheit ziehen sich die Überlebenden in die eigenen Linien zurück, er gehört dazu, ohne Gewehr, ohne Helm, aber am Leben.

Unwahrscheinlich. Die Dinger wurden unter dem Kinn festgeschnallt.

Der Blumenteller im Stollen

Fundort: Saint Mihiel, Spada-Stellung

Nicht alle Stellen der Westfront waren so hart umkämpft wie Verdun oder die Somme. Das Spada-Wäldchen lag bequeme 2 Kilometer von den französischen Gräben entfernt, die Deutschen hatten sich auf dem Höhenzug gut verbunkert, dazwischen lag eine offene Senke mit dem zerschossenen Dörfchen Spada darin. Man wagte nie einen Angriff durch dieses perfekte gegenseitige Schussfeld. Im September 1918 werden die deutschen Bunkerlinien hastig und in letzter Minute verlassen, weil die amerikanische Offensive die Flanken des Frontbogens rasend schnell eindrückt und man sich der Gefahr der Einschließung gegenübersieht.

Als Resultat sind die Gräben, Bunker und Stollen sehr gut erhalten. In einem Unterstand im Fels liegen die zurückgelassenen Reste der Truppen, Handgranaten, Telefondraht, Offenbleche, verzinkter Maschendraht auf vermoderten Holzleisten, die einmal Betten waren. Und Splitter von Geschirr. Irgendjemand muss es doch noch zerdeppert haben. Ob’s die Deutschen beim Rückzug waren?

Militärgeschirr ist zweckmäßig und freudlos. Man isst im Feld aus verzinktem Metall, in der Ruhestellung mag es Steingut und Porzelan geben, aber auch hier legt man wenig Wert auf frohes Dekor. Der Tellersplitter mit dem klassischen blaugrünen Blumenschmuck stammt also definitiv aus ziviler Produktion. Vermutlich schleppte niemand seinen Lieblingsteller aus dem Reich an die Front; Mit ziemlicher Sicherheit stand unser Teller, als er noch ganz war, in einem französischen Bauern- oder Landhaus in der Küche. Eine französische Familie aß davon, vielleicht auch nur Sonntags, das verzierte Geschirr war oft die gute Aussteuer.

Die Franzosen wurden aus den frontnahen Dörfern evakuiert, man kann auch sagen „vertrieben.“ Man muss zugestehen, dass Sicherheits- und Schutzaspekte nicht ganz verneint werden dürfen, immerhin wurden fast alle Dörfer in Stellungsnähe bombardiert. Zu sehr dienten sie dem Feind als Stützpunkte, also legten die deutschen Geschütze die Ortschaften hinter der französischen Front flach, die Franzosen zerschossen die Häuser ihrer Landsleute hinter der deutschen Front.

Warum nicht mitnehmen, was zurückgelassen wurde, bevor es dem nächsten Feuerüberfall zum Opfer fällt? Und sei es nur ein schöner Teller um davon seine Rationen zu essen. So landet der französische Sonntagsteller im deutschen Stollen. Vielleicht.

Die Rasierwasserflasche im Wald

Fundort: Saint Mihiel, Spada-Stellung

„Karlsruhe“

Flaschen im Wald sind typische Überreste des Krieges. Wenn eine außergewöhnlich geformt ist, sollte man einen zweiten Blick wagen. Und seine deutsche Herkunft konnte dieses Fläschchen wirklich nicht verleugnen.

„F. Wolff & Sohn“ war kleiner auf der anderen Seite zu lesen. Etwa einen Viertel Liter mag die dickwandige Flasche wohl fassen. Schnaps? Likör?

Keineswegs. Die „Parfümerie- und Toilettenseifenfabrik Wolff & Sohn GmbH“ aus Karlsruhe war bis 1973 ein bedeutendes Kosmetik- und Seifen-Unternehmen. Sie ging dann im Schwarzkopf-Konzern auf. Das Fläschchen mag wohl einmal Rasierwasser beinhaltet haben, zumindest scheint mir das am ehesten im Frontbereich wahrscheinlich. Während die Franzosen ihre Soldaten „Poilu“, also „Haarige“ nannten, war der Deutsche demnach gut rasiert. Vielleicht gehörte das badische Aftershave aber auch eher einem Offizier, der auf ein gepflegtes Äußeres noch stärker wert legen musste, als ein Mannschaftsdienstgrad. Irgendwann war die Rasierwasserflasche leer, hoffentlich hatte die Frau in einem Paket Nachschub geschickt, die leere Flasche wanderte in den Müll. Weil sie dickwandig ist, ist sie bis heute unversehrt.

Bezeichnenderweise war der Frontabschnitt Spada 1917 tatsächlich drei Monate von einem badischen Regiment besetzt.

Ein Stück Luxus im höllischen Weltkrieg. Ein süßer Hauch zivilen Lebens im Gestank der Schlachtfelder.

Die Schuhsohle neben den Granaten

Fundort: Hartmannswillerkopf

Leder ist ein zähes Zeug.

Der Hartmannswillerkopf im Elsass schaut bis heute prominent auf die Rheinebene hinaus. Dadurch war der Berg strategisch von hohem Wert, zudem symbolisch, weil dort französische Truppen auf Reichsgebiet standen. 1914 und 1915 fanden hier zahlreiche extrem blutige Schlachten statt. Obwohl vermutlich die Gefallenenzahlen in der Legendenbildung um den Berg stark übertrieben wurden, hat der Vieil Armand (so der französische Name) den Beinamen „Menschenfresser“ verdient.

In einem Kiefernwäldchen liegen neben einem alten Baum zwei deutsche Handgranaten. Ihre Holzstiele mit der Zündschnur sind längst verfault, ihre recht dünnen Metallköpfe löchrig gerostet, so dass man sie mit einiger Vernunft als nicht besonders riskante Blindgänger einschätzen kann. Daneben fallen die braunen Lederfetzen auf dem Waldboden erst beim zweiten Blick auf: Ein Stück Sohle, etwas bröckliges Obermaterial, ein sohlenförmiges Lederband, fein für den Nähfaden perforiert.

Die Reste eines Soldatenstiefels.

Wer zieht auf einem Schlachtfeld seine Schuhe aus? Irgend ein grummeliger Landwehrmann, der sich jetzt gleich um die lästige Blase am großen Zehen kümmern muss, und dann von einem Kugelhagel verscheucht wird, mit nacktem Fuß fliehend? Oder war der Stiefel einfach durchgelaufen, flog über die Grabenwand, nachdem der glückliche Empfänger ein neues Paar von Vater Staat in Empfang nehmen durfte?

Ich fürchte, die wahrscheinlichste Story hinter einem Stück Schuh – und man findet sie gelegentlich – ist viel düsterer. Niemand zieht seine Schuhe auf dem Schlachtfeld aus. Sie bleiben an und zwar über den Tod hinaus. Der Rest des Trägers ist verwest, wahrscheinlich hat jemand nach dem Krieg die dickeren Knochenreste – Schädel, Schenkel, Oberarme – aufgelesen und auf einen der zentralen Soldatenfriedhöfe geschafft, vielleicht auch den Helm und das Gewehr mitgenommen. Zurück bleiben die alten Granaten im Gürtel und die langsam verrottenden Schuhe.

Als Robert Ballard 1985 das Wrack der Titanic entdeckte, stellte die Forschercrew fest, dass von den Ertrunkenen in vielen Fällen nichts übrig war, als ein Paar Lederschuhe auf dem lichtlosen Grund des Atlantiks.

Der Bierkrughenkel an der Feldküche

Fundort: Sainte-Marie-aux-Mines, Chena-Wäldchen

Die Westfront hat einen typischen Aufbau: Vorne die Kampfgräben, meist im Zickzack gebaut (wegen den Explosionen), verbunden durch Laufgräben, gestaffelt in drei Reihen, falls es dem Gegner gelänge die vorderste Linie zu erobern; davon ins Hinterland führend: Annäherungsgräben, so dass die Ablösung einigermaßen sicher durch den Beschuss kommt, und dahinter, an beschusssicheren Stellen, die Infrastruktur: Verbandsplätze, Kommandoposten, Feldküchen, Munitionslager, Ruhestellungen. In flachem Gebiet liegen zwischen Frontlinie und Ruhestellung viele, viele Kilometer. Im bergigen Elsass reicht schon der nächste, frontabgewandte Abhang, um vor den gegnerischen Granaten Ruhe zu haben.

Die rückwärtigen Stellungen sind oft sehr fundreich. Der Zerstörungsgrad von Dingen ist dort deutlich geringer als im Kampfgebiet. Hier wurde viel weggeworfen oder einfach liegen gelassen.

Der Chena-Wald hoch über dem winzigen Örtchen Wisembach war 1914 und 1915 von bayerischen Pionieren besetzt. Wie um einen Witz auf das Klischee des bayerischen Mannes zu reißen, liegt bei einer Feldküche zwischen Rinderknochen und Flaschenscherben eine elegant geschwungener Bierkrug-Henkel, von der Größe her vermutlich sogar ein Maßkrug.

Alkohol war wichtig im Leben der Soldaten des Ersten Weltkriegs, auf allen Seiten stellte er neben Karten, Würfeln und Gesang das einzige regelmäßig zu bekommende Vergnügen dar. Die Armeeführung wollte keine besoffenen Soldaten, aber noch weniger wollte sie mehr Meutereien wegen „schlechter Verpflegung.“ Offensichtlich gab es sogar Glas-Bierkrüge bei den Bayern. Ob das eine Art Standard-Ausstattung bayerischer Feldküchenwagen war („50 Bierkrüge zu 1 Liter“) oder ein seltenes Einzelstück, das seinen Weg an die Front fand, entzieht sich meiner Kenntnis. Fest steht nur: jemand hat einmal daraus getrunken, hat versucht mit Bier die insgesamt beschissene Situation etwas zu mildern.

Wie ging unser Bierkrug zu Bruch? War der Hang gar nicht so sicher, gab es doch Granatfeuer, zerschoss unsere bayerische Maß ein französischer Granatsplitter? Warf ein gestandenes bayerisches Mannsbild im Zorn auf den hundsblöden „Saupreußen“ von Kaiser (ich halte diese Einschätzung für historisch fundiert) den Krug besoffen gegen den nächsten elsässer Fels? Oder rutschte er simpel dem Küchenbullen beim Spülen aus der Hand und knallte auf den harten Boden?

Was immer es war, einstmal hielt ihn die Hand eines Betroffenen / bzw. Besoffenen. Und schön geformt ist er auch noch heute, nach 100 Jahren.

Das Medizinfläschchen im Müll

Fundort: Argonnen, oberhalb von La Harazee

Auch im Stellungskrieg gibt es einen Platz für Dinge, die nach Gebrauch einfach weggeworfen werden. Meist liegen diese Abfallhalden mittlerweile unter dem Waldboden. In den Argonnen wurde vor einigen Jahren eine ganze Lichtung in den Wald geschlagen, Sonne, Wind und Regen haben dort den Humus größtenteils abgetragen, zum Vorschein kommt der kalkige Fels, der schon 1914-1918 dort heraus sah. Zwischen bröckeligen Konserverdosen, Draht und kleinen Knochen liegt ein Medizinfläschchen. Eine sorgfältige Entziferung der Schrift auf der Flasche ergibt: „Alcool de MENTHE DE RICQLÈS.“

Also Alkohol mit Minze. Tatsächlich lässt sich mit einiger Recherche feststellen, dass der Minzalkohol von Ricqlés eine beliebte Hausmedizin in Frankreich war. Viele Soldaten baten in Briefen ihre Angehörigen zu Hause darum, ihnen in den Frontpaketen Minzalkohol dieser Marke zu schicken. Warum?

Das Mittelchen galt als Helfer gegen Verdauungsbeschwerden, Apetitlosigkeit und Übelkeit. Dass der Militärfraß und der Stress sicherlich der Verdauung nicht zuträglich waren, versteht sich von selbst. Allerdings ist wieder die Story hinter dem Fundstück womöglich düsterer und morbider als rein das.

Das Schlachtfeld stank gottserbärmlich. Nach Verbrannter Erde, Holzrauch, fauligem Wasser in Trichtern; nach Fäkalien und Urin aus den Latrinen. Nach Sprengstoff und Gas. Und wenn es besonders schlimm war, im Sommer, nach verfaulenden Kameraden und Feinden im Niemandsland, deren Verwesungsbrodem der Wind in die Gräben trug, wo er schwer wie ein Leichentuch auf Riechorganen und Gemüt lastete.

Natürlich ist unter Gesichtspunkten der modernen Medizin, die magenheilende Wirkung des Minzalkohol zweifelhaft. Aber wenigstens war es hochkonzentrierter Alkohol, der möglicherweise die Sinne etwas betäubte. Als sein Fläschchen leer war, warf es der Poilu auf den Müll. Wie es wohl danach für ihn weiterging?

Die Kalksteinplatte an der Mörserstellung

Fundort: Verdun, rückwärtige Stellung am Toten Mann

Sicherlich der rätselhafteste Fund der Sammlung. Und alleine, dass mir die Kalksteinplatte zwischen den vielen anderen kalkweißen Splittern an dem Hang in meinen Blick geriet, ist Wunder genug.

Der Mort-Homme am linken Maasufer war auf Karten vor dem Krieg mit 295 Metern verzeichnet, heutzutage nur noch mit 285 Metern Höhe. Alleine das zeugt von der Heftigkeit der Kämpfe um die Anhöhe. Auf der Hügelkette dahinter legten die Deutschen ein zweites Stellungssystem an, falls es dem Gegner gelingen sollte die Gräben am Toten Mann und auf der Höhe 304 komplett einzunehmen. Im Wald hinter dem Dörfchen Béthincourt (im Krieg zerstört) finden sich noch zahlreiche Gräben und Artelleriestellungen, von denen aus das gnadenlose Feuer auf den Mort-Homme geleitet wurde.

Irgendjemand hat dort auf einer für die Höhenzüge typischen Kalksteinplatte drei Kreise gekratzt. Sie sind regelmäßig angeordnet, einer ist sehr tief, einer mittel und der dritte nur leicht angeritzt.

Was war das? War es eine Art Spielbrett für die Soldaten? Ein mir unbekanntes Erkennungsschild für einen Lagerplatz? Einfach nur ein Zeitvertreib für die Langeweile, die durchaus oft über den Schützengräben hing?

Oder ist auch hier wieder die Entstehungsgeschichte düsterer, ein Soldat versucht im Trommelfeuer nicht dem Wahnsinn zu verfallen, er nimmt einen Nagel oder eine Patrone und sagt sich: Ich kratze so lange Kreise in dieses Stück Kalk bis es aufhört oder ich tot bin.

Hier lässt sich nun wirklich gar nichts mehr erraten. Es ist nur sicher, dass ein Mensch dieses Stück Stein bearbeitet hat, ihm seinen Stempel aufdrückte, an einem natürlichen Objekt eine Art Kulturprägung vorgenommen hat.

Und damit stellt die Kalkplatte eine ziemlich gute Metapher auf die alte Westfront insgesamt dar.

Die Spuren, die wir von 1914-1918 hinterlassen haben, werden länger zu sehen sein als die Mona-Lisa, der Kölner Dom, die Freiheitsstatue, vermutlich sogar länger als die chinesische Mauer und die Pyramiden. Selbst wenn dieser Planet irgendwann nur noch eine hitzeflirrende Steinwüste wäre, könnten außerirdische Archäologen uns als kulturschaffende Zivilisation noch feststellen, an den Narben im Boden, die wir unserer Heimat geschlagen haben. Es ist sehr bezeichnend, dass das prägendste und größte Kulturdenkmal des Menschen ein Weltkrieg ist.

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