In einer Woche beginnt in meinem Bundesland die Schule wieder.

Mein Jahr raus endet.

Ich gehe dieser altbekannten Zukunft natürlich mit mulmigen Gefühlen entgegen. Zum einen weiß ich nun, wie schön eine Welt sein kann, in der man sich nicht mit leidigem Geld Verdienen herumschlagen muss, sondern seine Zeit frei einteilen kann. Außerdem waren die letzten Wochen insgesamt aufgrund des Tods meines Vaters nicht gerade erholsam für mich. Und in der Schule wartet auf mich eine chaotische Situation, in der man irgendwie versucht, Vorgaben in Zeiten von Covid-19 zu erfüllen, ohne ausstattungstechnisch dazu in die Lage versetzt worden zu sein. Angenehm wird das nicht.

Ich freue mich andererseits wirklich darauf, Schüler zu sehen, auch wenn das einige meiner verflossenen Klassen kaum glauben dürften. Wenn mir in diesem Jahr etwas gefehlt hat, dann der Kontakt zu jungen Menschen, und der ist in der Regel immer bereichernd. Worauf ich mich nicht freue, ist das System und seine Protagonisten, wer hier öfters gelesen hat, der weiß das von mir. Schüler bereichern mich, das System nicht mal sich selbst. Ganz schön doof geregelt.

Aber der Text hier heißt Resumee und nicht Prophezeiung. Wie war es also, mein Jahr ohne berufliche Ketten, unter dem Strich, im Fazit, am Ende des Jahres, insgesamt, zusammengefasst?

Zweigeteilt.

Ich hatte einen fantastischen Start. Jene Herbsttage, an denen ich noch gar nicht glauben konnte, dass ich wirklich den ganzen Tag tun kann, was ich will, waren ein einziger Glückstraum. Anstatt morgens zur Gedichtinterpretation Abends in den Französischkurs. Unbezahlbar. Die Reise auf dem Atlantik, Wellen und Wind bis zum, na ja, Erbrechen und Sommerinseln im November. Dann wurde es im Dezember ruhiger und ich plante große Dinge für das Frühjahr. Nebenher baute ich einen Tisch, und ein bisschen Stolz bin ich darauf schon bis heute.

Dann kam Covid-19.

Kurz nach einem Text zur Halbzeitanalyse ging es los und Schlag auf Schlag steckte die BRD in einer Situation, die ich so noch nicht kennengelernt hatte. Ist es eigennützig das Platzen der eigenen, im Weltgefüge eher unbedeutenden Pläne zu beklagen, wenn weltweit hunderttausende Sterben und ganze Volkswirtschaften in den Lockdown gehen? Eigentlich ja, aber meine Welt wurde im März sehr klein, und sehr eng. Freiheit bringt nicht viel in der eigenen Wohnung.

Glücklicherweise hatte ich das KKT und konnte mich dort monatelang mit Handwerklichem abkenken. Über lange Strecken war das fast ein geregelter Arbeitsalltag von halb zehn bis Abends um sechs. Hätte ich diesen Anker nicht gehabt, ich wäre wohl meine engen Wände hoch gegangen. Und am Ende steht da eine ziemlich amtliche neue Bühne, auch das habe ich nur dank Freistellung vollbringen können.

Als die Welt wieder offener wurde war meine Zeit fast abgelaufen. Ein wenig Frankreichurlaub, und ja, natürlich, die lange fantastische Tour mit meinem grauen Kumpel Oscar, nein Curima, ich meine den Bus. Noch einmal ein Höhepunkt.

Kaum zurück, wurde mein Vater sehr krank und ging.

Was für ein Fazit zieht man nach so einer Dramaturgie des Jahres? Auf alle Fälle eines: Ein Sabbatical ist eine fantastische Sache, die in der Lage ist, Batterien und Seelen gründlich aufzutanken. Ich würde jede*r, die die Möglichkeit hat, absolut empfehlen, sie wahrzunehmen. Man lebt, wenn alles gut geht, ziemlich ohne Druck.

Für alle, die mit dem Gedanken spielen, habe ich noch zwei Tipps mehr: Plane alles, wirklich alles gut durch, und zwar bevor das Jahr losgeht. Oder plane gar nichts und sieh, was sich im Freiraum so entwickelt. Zwischendrin kann schwierig sein.

Um es kurz zu machen: Ich plane den Antrag auf Freistellung frühest möglich noch einnmal zu stellen, so flott es finanziell bei mir drin ist. Noch bin ich keine sechzig und wer sagt, dass man nichts zurück holen kann, was einem das Schicksal raubt.

Im Moment sitze ich in einem Hexenhäuschen in den Vogesen und tippe diesen Text. Draußen ruft ein Käuzchen. Ich bin noch einmal drei Tage raus. Ich versuche auf einer Skala von eins bis zehn einzuschätzen, wie schwer für mich das wieder Reingehen wird. Von 1 (höllisch schwer) bis 10 (Oh-mein-Gott-ich-will-nicht-wieder-in-den-Knast-diesmal-geh-ich drauf).

Der Blog hier bleibt auf alle Fälle offen. Die Einträge werden sich eventuell thematisch verändern.

Hey, weißt du noch …

… wie du vor einem Croissant sahst und dich geschämt hast, weil für alle anderen erster Schultag war?
… wie du Franz-Hausaufgaben gemacht hast, und dabei über deine Situation lachen musstest?
… wie diese Wildsau dir Nachts um halb drei ans Leder wollte?
… wie du Nachts zum Wachwechsel an Deck musstest und da war dieses riesige, taghelle Kreuzfahrtschiff, das euch überholte?
… die Delphine? Die vielen, vielen Delphine?
… das Gefühl, als der Tisch stand, ohne zu wackeln?
… der Smalltalk an der Bar, wenn du Leuten ihre Getränke machtest?
… die leeren Nudelregale? Das ausgestorbene Einkaufszentrum? Die Sondersendungen?
… wie Pellite-Masse staubt, bis man nichts mehr sieht? Den Geruch von frischgesägten Balken?
… als der Tanzboden endlich drauf war? Das Geräusch der neuen Bühne?
… das Gefühl, als du es tatsächlich wieder über die Grenze geschafft hattest?
… die Sonnenblumenfelder, der graue Bus und mitten auf der Straße: zwei spielende Füchse?
… das Krankenhauszimmer? Das letzte Gespräch …

Klar weiß ich das alles noch.

Genug für heute. Ich halte euch auf dem Laufenden.

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1 Kommentar

  1. Ich wünsche dir morgen einen guten Start! Wir in RLP sind ja nun schon seit 4 Wochen dabei…und das Sabbatjahr liegt zurück wie ein schöner Traum. Vieles von dem, was du resumiert hast, spiegelt meine eigenen Gedanken. Alles Gute!

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