Viel zu viele Tage, seit das alles losging.

Man hat das Gefühl, dass sich viel normalisiert. Obwohl natürlich weder das Virus aus der Welt ist noch der Impfstoff einsatzbereit, fängt an vielen Ecken und Enden das Otto-Normal-Deutschland wieder zu atmen an. Leute schicken Bilder aus dem Ostsee-Urlaub, man trifft sich im Restaurant, die erste Meldung der Tagesschau ist nicht immer automatisch corona-bezogen. Die Kanzlerin schätzt die Lage als so weit im Griff ein, dass jetzt die kleinen Provinzfürst*innen auch mal ein bisschen mit Corona spielen dürfen und den guten alten heiligen römischen Flickenteppich deutscher Nationen in gewohnter Weise (Profilneu)Rosen treiben lassen.

Nur im Bereich der Kultur, da ist alles beim Alten. Kulturbetriebe, und nicht Schlachthöfe, scheinen die gefährlichsten Hotspots in einer Pandemie zu sein bzw. die Luxuskirsche auf dem Kuchen, auf die man noch lange verzichten kann, bevor nicht die Mehlschicht aus Dieselindustrie, Gastronomie und Ganztagsbetreuung wieder fest verbacken und tragfähig wirkt. Seit einiger Zeit dürfte man wieder proben, lange hat man aber hier in meiner Ecke darauf gewartet, dass irgend jemand die Hygienebedingungen für solche Aktivitäten mal definiert. Seit gestern sind sie raus: Bei Proben für Aufführungen haben Theater einen Abstand von 6 Metern auf der Bühne zwischen Akteuren einzuhalten, für jedes Ensemblemitglied sei ein Platzbedarf von 20 Quadratmetern im Haus einzuplanen.

Na, dann führen wir doch mal einen unserer größten Kulturschätze auf, war ja lange genug dunkel im Zimmer unserer Dichter und Denker*innen: „Die Räuber“ von einem Akzentgenossen Namens Schiller gilt ja geradezu als Gründungsstück unseres Nationalgedankens.

Maximilian, regierender Graf von Moor 20m2
Seine Söhne:
Karl 20m2
Franz 20m2
Amalia von Edelreich 20m2
Libertiner, nachher Banditen
Spiegelberg 20m2
Schweizer 20m2
Grimm 20m2
Razmann 20m2
Schufterle 20m2
Roller 20m2
Kosinsky 20m2
Schwarz 20m2
Hermann, Bastard von einem Edelmann 20m2
Daniel, Hausknecht des Grafen von Moor 20m2
Pastor Moser 20m2
Ein Pater 20m2
Räuberbande & Nebenpersonen 60m2 (wir haben beschlossen, dass drei Komparsen für die Darstellung dieser Rollen reichen müssen)

Macht einen Platzbedarf von 380 m2 für die Proben und Aufführungen unseres imaginären Theaters, wohlgemerkt hinter der Bühne, denn im Zuschauersaal oder im Foyer halten sich Schauspieler*innen ja normalerweise nicht auf. Zum Höhepunkt der Handlung, im 5. Akt, haben wir alle 12 Personen auf der Bühne, mit 6 Meter Abstand zu allen anderen Akteuren sollten wir mit einer 216 m2 großen Bühne also einigermaßen hinkommen. Natürlich dürfen alle Morde im Stück aus den erwähnten Gründen nur mit Schusswaffen geschehen, Erwürgen und Erdolchen ist streng zu unterbinden. Wir könnten jetzt natürlich verschiedene Gebote der Verordnung lockerer nehmen, wenn wir auf „expressives“ Sprechen verzichten. Wie sehr man aber lockern dürfte und ab wie viel Dezibel jemand expressiv spricht, dafür fehlen natürlich konkrete Anhaltspunkte. Leider spielen wir ein Stück voller Stürmer und Dränger, die sind oft laut und emotional.

Update: Verdammt, ich habe die Applausordnung am Ende vergessen! Wie konnte mir das nur passieren. Da müsste ich natürlich alle Akteure im Stück in einer Reihe aufstellen, mit Abstand, das macht also eine notwendige vordere Bühnenkante von 114 Metern. Und dann jubelt das Publikum womöglich auch noch. Expressiv. Also lieber doch nicht aufführen.

Schade.

Fassungslos macht mich nicht die Tatsache, dass die Betriebserlaubnis für Bühnen von jeglichem konkreten Handeln eines Theaters so weit entfernt ist, wie eine Chromosomenstudie von einem Sexualakt, sondern dass man tatsächlich irgendwo irgendjemand einige Tage bezahlt hat, um das alles auszuformulieren. Man hätte die Person einfach kurz in zwei Minuten „Sprechtheater geht halt einfach nicht!“ tippen lassen können und ihn die restliche Zeit die Toiletten im Stuttgarter Staatstheater desinfizieren lassen können oder in einen Zuschauerraum Plexiglaswände schrauben. Damit wäre seine Entlohnung wenigstens einem gesellschaftlich sinnvollen Zwecke zugeführt.

Warum gehe ich automatisch davon aus, dass realitätsferner Wahnsinn von einem Mann stammen muss?

Vielleicht weil einem die Welt das vorlebt. Bolsonaro, Johnson, Putin, Trump sind leuchtende Zeichen, dass Realitätsbeugung und Faktenignoranz mit männlichen Genomen und ergrautem Haar einher zu gehen zu scheinen. Eventuell Jean-Marie le Pen könnte man als Ausnahme von der Regel unter diese Kerle einreihen. Natürlich ist es gefährlich gegen die Herrschaft der rassistisch-militaristischen alten Männer zu demonstrieren, immerhin könnte sich so der Virus wieder schneller verbreiten. Allerdings ist es eventuell noch viel gefährlicher, eine dunkle Hautfarbe zu haben. Oder diese Leute noch mehr Wahlerfolge einfahren zu lassen.

Ich persönlich habe viel mehr Angst vor Rechtspoulisten als vor dem Virus.

Denn ich befürchte, auch aus der Erfahrung der Geschichte heraus, dass diese Männer in viel kürzerer Zeit viel mehr Menschen umbringen können, als das Virus. Wir können es uns gar nicht leisten, ihre Gewalt, ihren Rassismus, ihren Hass auf Homosexuelle, ihren religiös verbrämten Irrationalismus, ihre strukturelle Verlogenheit, ihren Antihumanismus, ihre Verbrämung jeder menschenfreundlichen Handlung als „linksradikal“ unwidersprochen zu lassen und nein, Solidaritätsbanner auf der Homepage werden sie nicht groß aufhalten. Leider.

Wir leben in einer Zeit, in der unsere kulturelle Identität aus Webergrill, Dieselprämie und Geisterspielen besteht. Alles gedanklich Tiefere, das Deutsche sein, Europäer*in sein, ausmacht, ist uns eine verzichtbare Kirsche auf einem recht drögen Kuchen. Wir leben in einer Zeit, in der diese höhere Tiefe unseres kulturellen Erbes unsere einzige und schärfste Waffe gegen genau diese Typen wäre, die die Welt immer in ein Trümmerfeld verwandeln werden, wenn man ihnen die Steuerräder überlässt. Zeit, dass die schweigende Mehrheit der Anständigen ihre Stimme erhebt.

Auf der angenehmen Seite des Lebens habe ich endlich den Gaming-Table eingeweiht, und es funktionierte ganz wunderbar. Ich habe mich nicht mal gefragt, ob jetzt drei Haushalte in einer privaten Wohnung eigentlich wieder drin sind oder nicht. Wir waren jedenfalls weniger als 10. Auf der Bühne liegt jetzt schon seit letzter Woche der neue Tanzboden, eigentlich ist das Ding für eine Amateurarbeit ganz schick geworden. Das neue Material scheint etwas empfindlich zu sein, leider. Aber insgesamt kann ich jetzt von mir sagen, dass ich einmal im Leben eigenhändig eine Theaterbühne gebaut habe, und jetzt ist sie fertig. Und ich habe mir todesmutig für nächste Woche eine Ferienwohnung in Verdun genommen. Weil Mitte Mai mir mein Innenminister versprochen hatte, dass er mit seinen europäischen Amtskollegen eine Grenzöffnung zum 15.06. schon aushandeln werde.

Um diese Ankündigung ist es still geworden.

Wirklich, wirklich ankotzen würde es mich, wenn ich auch im Sommer hier in Kartoffelland herumhängen müsste. Und ich verstehe wieder nicht, warum jeder Deutsche Strand wieder aufmachen durfte, jeder Freizeitpark eine Sondergenehmigung hat, jede Spielhalle in geschlossenen Räumen den Rubel rollen lässt, aber die Idee von Europa nach wie vor darnieder liegt. Denn das Problem liegt ja nicht im Grenzübertritt, sondern wie man im Land verhindert, dass sich die Touris zusammenballen und expressiv miteinander Sprechen.

Mit mir hätte man da kein Problem. Ich würde da rumhängen wo keiner ist und hätte vermutlich in dieser Woche sogar eher weniger Sozialkontakte als hier. Sogar deutlich weniger. Aber vermutlich darf ich schon wieder mal eine Buchung stornieren.

Macht also Ischgl dicht, aber die Grenze auf.

Update 2: Es sieht im Moment in den Nachrichten so aus, als könnte ich am Montag über den Rhein rüber. Ein offenes Europa haben sie nicht hinbekommen, aber immerhin: Frankreich ist im Paket mit dabei. Ürra!

Update 3: Gerade gibt es unendliche Verwirrung im Netz, ob die Grenzen jetzt irgendwann am 15. Juni aufgemacht werden oder doch erst am 16.06. um 00.01. Verschiedene Portale melden Verschiedenes, fröhliches Terminkuddelmuddel zwischen journalistischen und staatlichen Plattformen, europäisches Krisenmanagement in einer Präzsion und mit dem Willen zur Gemeinsamkeit, wie man es kennt. Aber sicher ist es für die Reproduktionszahl von entscheidender Bedeutung, ob nun die Reisefreiheit 24 Stunden später oder früher wieder hergestellt wird. Diverse Anrainer-Gemeinden in Baden wollen jedenfalls auf alle Fälle am Montag schon mal feiern, mit Maskenpflicht und selbst mitgebrachten Getränken. Bin gespannt wie die Polizisten auf beiden Seiten dieser bekackten imaginären Linie durch unsere Landkarte auf die heranziehenden Festzüge am 15.06. reagieren. Eventuell ja wie am griechisch-türkischen Menschenfangzaun? Ach, nee, sind ja meistens Weiße, auf die darf man ja nicht einfach schießen um Grenzen zu verteidigen …

Muss ich erwähnen, dass mich das Hin und Her ankotzt? Nee, muss ich nicht.

Update 4: Jetzt also doch. Nachdem sich alle Beteiligten offenbar noch einmal darüber unterhalten haben, was sie mit dem Ausdruck „Grenzkontrollen bis zum 15. Juni“ denn os genau meinten, scheint die Grenze nach Frankreich in beide Richtungen ab Mitternacht auf. Uffz, das war ja schwierig. Na dann, Auto ist gepackt. Endlich wieder raus.

Beteilige dich an der Unterhaltung

3 Kommentare

  1. Inhaltlich bin ich größtenteils bei dir. Lieber in einem Land mit Virus und Theatervirus leben als mit Menschenschindern an der Spitze. Ich bin von deinem Schreibstil und deinem Humor begeistert. Danke

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