Ich packe mir eine Schultasche. Die eine Sache, die nicht hätte passieren dürfen, jaja, war ja klar, seine Auszeit geht gerade zwei Wochen, dann dreht er durch und rennt zurück in die Schule.

Könnte man meinen. Dieses mal packe ich die Tasche aber von der anderen Seite aus gesehen – von der des Lernenden aus. Und damit ist die Reise zurück noch viel weiter als in meine berufliche, kurzfristig unterbrochene Laufbahn. Ich fühle mich bei dieser Tätigkeit durchaus an meine Schülertage erinnert. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich auf einen alten Ordner meinen Namen und die Abkürzung „Franz“ kritzele, mir eine Blechdose mit Stiften und „Ratzefummel“ packe und einen College-Block in einen kleinen Rucksack schiebe. Mit diesen Dingen auf dem Rücken schlendere ich zur U-Bahn und fühle mich kurzfristig und seltsamerweise tatsächlich wieder wie 17 oder 18 und auf dem Weg zur Samstagsschule (die wir noch hatten, das sei nur mal angemerkt, wenn man über die Belastungen des modernen Schulsystems für Kinder diskutiert). Wenigstens kurz.

Ich habe mich entschlossen, einen Französischkurs zu machen, vier Abende Intensivkurs zu jeweils zweieinhalb Stunden. Ich möchte zum einen meine freie Zeit auch zur persönlichen Fortbildung nutzen. Ich finde, die Tatsache, dass ich die Sprache unseres wichtigsten Partners in Europa und der besten Freunde, die Deutsche (unverdientermaßen) jemals hatten, viel zu bruchstückhaft beherrsche. Als Schüler hatte ich drei Jahre „Franz“, Pflichtfach für Leute, die nach der Realschule noch Abitur machen wollten, von Klasse 11 bis Klasse 13. Ich war faul wie ein toter Esel in dem Fach, fand, dass einigermaßen gut Englisch doch im 20. Jahrhundert ausreichen muss und war der Grammatikübung gänzlich abhold; darüber hinaus hielt es unsere Lehrerin für gute Politik, auch für höchst inkompetente Leistungsstände die Note 3-4 zu vergeben (das beugt Beschwerden vor), so dass ich auch gar keinen Notendruck hatte, mich mit den Phänomenen der Französischen Sprache zu beschäftigten. Ein schwerer Fehler, der mir für die eigene Karriere immer als leuchtende Warnung vor Augen stand. Bei mir gibt’s Fünfer für Scheißleistungen, weil eine ordentliche Note eine Scheißleistung nicht besser machen kann.

Sei’s wie es sei, mein Abitur ließ mich mit einem Französch zurück, das über „je m’appelle“ und „j’habite à“ nicht groß hinausging. Ich habe das schnell im Kontakt mit Franzosen bedauert, heute um so mehr, da ich die letzten Jahre viel in Frankreich herumhing und dort auch immer wieder mit Leuten in Berührung kam und feststellte, dass die Franzosen zu Deutschen in der Regel total nett sind. Und dass trotz der vielen Granaten, die wir da im Wald haben liegen lassen, nicht zu sprechen von denen, die wir auf sie geballert haben.

Das europäische Wunder.

Denn bei aller Kritik an Brüssel bleibt doch die eigentliche unschätzbare Leistung der Europäischen Union, für 70 Jahre des Friedens auf dem ehemaligen Kontinent der nationalistischen Wahnsinnigen gesorgt zu haben. Nebenbei gesagt kann ich in letzter Zeit nicht verstehen, wie sich einzelne Völker aus diesem Schutzkreis hinaus wünschen. Ich fürchte, es ist einfach zu lange her, dass sich die aktuelle Generation noch daran erinnert, wie es war, als sich die Europäer gegenseitig mit Explosivmitteln beharkten. Nämlich hundsbeschissen. Und die nationalistischen Wahnsinnigen kehren zurück,.

Zurück zu Franz: Wenn ich also mal mit einem unserer Freunde rede, dann leider nur in der Gegenwartsform und ohne Bedingungen und Konjunktive, ein zweites Bier kann ich bestellen, über die europäische Sache sprechen leider nur sehr gebrochen.

Also nochmal zur Schule, Monsieur! Die Strafe für`s Faulsein kommt immer, manchmal mit 30 Jahren Verspätung, aber sie kommt. Heute muss ich Geld bezahlen, um unterrichtet zu werden. Unser Kurs am Institut français ist ziemlich klein und nur ausnahmsweise eingerichtet worden: 5 Lernende und Émilie unsere Kursleiterin, die noch ziemlich jung ist, aus dem Süden Frankreichs stammt und Paris doof findet.
Da sitze ich in vertauschter Rolle, höre aufmerksam zu, schreibe eifrig von einer Tafel ab und zucke ein wenig zusammen, wenn mein Name fällt, weil ich dann richtig auf Französisch antworten muss, und Angst habe, ich mache etwas nicht richtig.

Schülerrolle, here we go again.

Aber ich mache auch Dinge anders wie 1992, ich trage keine Stonewashed-Jeans mehr, höre nicht mehr Beasty Boys auf Chromdioxid-Kassette* und wohne bei Mama; und darüber hinaus möchte ich ekelhafter Weise der Schüler sein, denn ich mir als Lehrer wünsche.

Zugegeben, das fällt einem leichter, wenn man für Bildung bezahlt und das Gefühl hat, man müsste das Maximale aus seiner Pauschale für sich herausholen. Also schreibe ich wirklich vollständig von der Tafel ab, höre zweieinhalb Stunden aufmerksam und konzentriert zu (Émilie unterrichtet ohne Pause durch, ziemlich frontal und spricht eigentlich nur Französisch. Nix für Weicheier also.) und mache alle Übungen so, wie es gewünscht wird. Zuhause schreibe ich meine Transkripte noch einmal sauber und strukturiert ab und mache natürlich die Hausaufgabe, obwohl sie „optionnelle“ ist.

Ich weiß, abstoßend.

Mein früheres Ich würde mich hassen, aber mein früheres Ich war auch ein Depp. Ich fürchte, jeder ist mit 17 ein Depp, das kann man dem Menschen nicht immer vorwerfen (manchmal andererseits aber schon). Nun möchte ich die Zeit, die noch bleibt auch nutzen. Mein grammatisches Verständnis ist immer noch scheiße (wie geht dieses Imparfait?) mein Wortspeicher im Vergleich eigentlich ganz gut und gesprochenes Französisch verstehe ich zunehmend besser.

Nach diesen Abenden, wenn ich in der U sitze, dann schwirrt mir immer kräftig der Schädel und irgendwo im Hintergrund laufen Konjugationen leise verrauscht durch den Gedankenstrom. Seit gestern weiß ich das „COD“ nicht nur die Abkürzung für „Call of Duty“ ist, und ich glaube, das macht mich zu einem besseren Menschen. Mehr wissen ist immer besser. Die Hälfte vom Kurs ist rum, ich freue mich auf die zweite Woche

Vive l’education!

*Es sei angemerkt, dass das Hören von Beasty-Boys-Alben noch immer eine musikalisch hochgradig lohnenswerte Angelegenheit darstellt, sowohl das brachiale Frühwerk als auch die eleganteren späteren Alben. Nur die Chromdioxidkassette im Beispiel ist ein Relikt aus anderen Zeiten. Bien sur!

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