Ja, Sie haben richtig gelesen. Tretrollerer, mit „er“, das ist kein Tippfehler, wie ich sie zuhauf mache und manchmal noch nach Wochen in meinen Beiträgen entdecke, das ist ganz bewusst. Denn ich meine gar nicht das Fahrzeug, den Tretroller, ich meine mich, den Mann der ihn bedient. Also ganz analog wie der Fahrradfahrer zum Fahrrad. Nur dass ich in letzter Zeit gar nicht mehr analog zu diesem Menschenschlag wahrgenommen werden will.

Aber der Reihe nach.

Ich besitze einen Tretroller. Das ist für einen älteren Herrn kein besonders würdevolles Fahrzeug, aber ich habe ihn nun mal. Er ist ein Relikt aus einem früheren Leben, angeschafft hatten wir und meine damalige Partnerin zwei von diesen Rollern. Jetzt ist sie schon lange weg und das eine Fahrzeug immer noch bei mir. Jahre lag es vergessen in meinem Tiefkeller – dem feuchten alten Luftschutzraum bei uns im Haus, die feuchte Luft macht aber einem Tretroller nix aus – kürzlich, vor einigen Monaten habe ich ihn da wieder entdeckt und festgestellt: Er ist praktisch und funktional.

Das liegt vor allem daran, dass dieses Modell an der Lenksäule zusammenklappbar ist. Auch die Griffe und die Lenkstange kann ich möglichst klein zusammenklappen oder -stecken, dann wiegt das Ding ca. 8 Kilo, ist so groß wie ein Skateboard und man kann es sich an einem Gurt über den Rücken hängen. Das ist praktisch: Ein Fahrzeug, dass man im Falle, dass man es gerade nicht braucht, zusammenklappen und verstauen kann. Und herumtragen. Neben dem schon erwähnten Skateboard, für das ich zu doof bin, fallen mir nicht viele andere Verkehrsmittel ein, die das könnten.

Also habe ich wieder mit dem Tretrollern angefangen, auch im Zuge der Klimadebatte, denn mein Getrete ist ziemlich CO2-neutral. Und macht außerdem Spaß, auch wenn ich dabei doof aussehe. Zugegeben, am schönsten ist es bergab, berghoch ist es nicht mehr besonders effektiv, aber bei all zu steilen Gefällen kann ich das Ding ja immer noch zusammenklappen und schultern. Perfekt.

Nur, dass ich seitdem Fahrradfahrer noch weniger leiden kann, als früher.

Beispiele gefällig?

Fall 1: Ich fühle mich grob vernachlässigt und nicht wahrgenommen durch die Verkehrspolitik in Stuttgart, das ich vom Tretroller aus gar nicht mehr als Landeshauptstadt der Autoindustrie wahrnehme. Denn so kuschelig, wie sich die Diesellobby im Vorzimmer der grünen Landesregierung eingenistet hat, so viel verkehrspolitische Kosmetik ist natürlich auch als Ausgleich notwendig. Und Stuttgart hat irgendwann erkannt, dass Fahrradwege im Gegensatz zu wirksamen klimapolitischen Maßnahmen (Dieselfahrverbot, CO2-Bepreisung für Industrie und Verkehr, Stromtrassen und Windräder durch schwäbisch-bürgerlich Sichthorizonte …) sehr günstig sind. Weil man aber als schwäbischer Grüner einerseits einen sauschwarzen Koalitionspartner hat, zum anderen sich vor den echten, linken Grünen auf Parteitagen irgendwie für das, was man tut, rechtfertigen muss, hat sich also das südliche Rußgrün hierzulande darauf verlegt, Radwege zu bauen. Was heißt bauen: In der Regel muss man weiße Farbe neu auf dem Asphalt verteilen, und schon kann man wieder einen Fahrradweg herumzeigen.

Ich bin auf dem anderen Dings unterwegs, dem … wie hieß das früher …? Bürgersteig! Oft sogar zu Fuß. Wenn ich nicht rollere, dann gehe ich sehr gerne. Der Bürgersteig, der von mir nach Bad-Cannstatt-Zentrum führt, sieht so aus, und nun beachte man das Foto.

Rechts Busch, Links Fahrradweg (im Ernst), in der Mitte meins. Das heißt, sobald ich eine Machete gefunden habe.

Fällt Ihnen was auf? Nein, das ist kein Autobahnbegrenzungsstreifen oder ein Waldsaum, das ist mein Bürgersteig. Die glattgekärcherte Rollbahn links davon, das ist ein 3-meter-breiter Fahrradweg, links davon wiederum ist die Autospur, in der Mitte die U-Bahnschienen. Das, was hierzulande für Fußgänger und Tretrollrer geboten wird, ist der bröckelige Betonsockel vor diesem Heckendschungel. Also, eher IN diesem Heckendschungel.

Kann man es mir vorwerfen, dass ich angesichts dieses Angebots mich als treibhausgasarmer Verkehrsteilnehmer wenig geschätzt vorkomme? Um so mehr, wenn mich Frau Dr. Kleinesam-Rübenzieher links mit ihrem nagelneuen E-Bike und surrendem Atomstromaggregat an der Nabe lässig überholt, während ich noch versuche meinen Roller aus dem Astverhau, in dem er sich verheddert hat, zu befreien.

Jetzt könnte ich natürlich einfach auch auf dem Fahrradweg fahren. Aber: Ich habe Angst. Denn ich ahne, wie ein Fahrradfahrer auf einen schwächeren Verkehrsteilnehmer im Visier vorraus reagieren würde, und Blindgänger, Wildschweine und Systemsprenger im Diktat, all diese Risiken halte ich für kalkulierbar, aber eine schwäbische Fahrradfahrer*in, das ist mir zu heiß. Also schiebe ich durchs Gebüsch und … entwickle eine Abneigung. Gegen die bevorzugte, privilegierte Klasse im Verkehrsgeschehen, gegen die Systemheinis, die einfach so schöne Wege dahingestellt bekommen.

Zweites Beispiel?

Wenn ich nicht gehe oder rollere fahre ich im Stadtgebiet meistens S-Bahn oder U. Das ist zwar in Stuttgart sauteuer und scheiße getaktet, aber was tut man nicht alles um auf das Auto zu verzichten. Dann kann man einmal später, wenn der ÖPNV endlich in ganz Deutschland nur 365 Euro pro Jahr kostet und gut ausgebaut ist sagen: „Ich habe das schon gemacht, bevor es bequem wurde.“ Haha, nein, natürlich ist das nur ein zynischer Scherz, so was wird in Deutschland nie kommen, das wäre ja klimahysterischer Kommunismus. Das machen wir nicht.

Jedenfalls gibt es in der S hinten einen etwas größeren freien Platz mit längs angebrachten Klappsitzen. Das ist zwar nicht beliebt, aber da die S trotz hoher Preise und wegen der groben Taktung zu bestimmten Zeiten rappelvoll mit armen Menschen ist, lässt man sich hier trotzdem gelegentlich nieder.

Bis diese Fahrradfahrerin einsteigt (diesmal ohne *, es war wirklich eine Frau. Obwohl ich einen Mann in einer dummen Rolle für Beispiele lieber habe). Sie schiebt ein E-Bike in der Größe eines Müllcontainers in den Wagen, ja sie ist kaum in der Lage den riesigen Elektromotor mit dem fetten Akku anzuheben und über die S-Bahnkante zu wuchten, obwohl sie weder uralt aussieht noch wirklich unsportlich. Aber dieses Fahrzeug ist für sie ohne externen Antrieb offensichtlich kaum zu bewegen. Sobald sie ihr in Trendfarben gehaltenes Monstrum im Wagon hat – zwei mal hat sich die Tür schon versucht zu schließen, 400 Menschen warten geduldig – , wirft sie uns Sitzenden missbilligende Blicke zu und hüstelt: „Also das hier ist eigentlich der Platz für Fahrräder.“

Wir Sitzenden blicken auf. Ein Rentner mit karierter Schiebermütze, eine dicke Kopftuchmama, eine Jugendliche mit Katzenohren-Kopfhörern und ich. Ich überlege mir, ob ich nun Dinge sagen soll wie: „Wenn die Maschine wieder wichtiger wird als der Mensch, dann werden in Deutschland auch wieder Bücher brennen“, oder „Fick dich ins Knie, Alte.“ Doch natürlich sage ich wie immer nichts, und nach einigen Sekunden blicken alle Sitzenden wieder einfach zu Boden, als wäre nichts passiert. Die Botschaft ist auch so klar, siehe meine zweite Antwortidee.

Fräulein Fahrrad schiebt ihre Gucci-Sonnenbrille im 50er-Jahre-Design in den blondierten Pferdeschwanz, tippelt etwas missmutig mit den blendend weißen Adidas-Turnschuhen und zieht dann ihr Iphone 10 aus der unglaublich eng anliegenden Gesäßtasche der Stretch-Jeans, um während der Fahrt zu versuchen gleichzeitig zu telefonieren, ihren tonnenschweren Elektropanzer mit einer Hand auszubalancieren (was ihr nur mäßig gelingt, weil ihr mageres Handgelenkchen einfach nicht genug Kilopond dafür aufbringt) und ihrer Freundin, am anderen Ende der Iphone-Leitung zu erzählen, wie unglaublich fahrradfeindlich Stuttgart als Stadt ist, und dass man als Fahrradista in der S-Bahn nicht einmal einen reservierten Platz bekommt.

Hättest du halt nen Tretroller genommen, Ische, den könntest du einklappen! Oder wärst gleich mit deinem Akku die spiegelglatte, topgepflegte Fahrradautobahn hochgesurrt, so wie Frau Dr. Kleinesam-Rübenzieher, ich habe ohnehin den Eindruck, ihr beide würdet euch super verstehen.

Beispiel 3? Beispiel 3.

Lasst uns dafür hinausgehen, in den großstädtisch geprägten suburbanen Raum, in den Speckgürtel. Dort, jüngst geschehen auf einer Großveranstaltung auf einer großen, großen Wiese: Abbruch der Veranstaltung gegen 15.00, da zwei Flugzeuge sich am Boden berührt haben und verunfallten. Nun liegen zwei Flugzeugwracks auf der Piste und vier Leute haben sich ein bisschen verletzt, währen sie mal lieber E-Bike in der S-Bahn gefahren.

Jedenfalls strömen jetzt, nachdem klar ist, dass es das war mit Flugshow, ein paar 1000 Leute über Feldwege vom Gelände. Und es sind wirklich sprichwörtlich Feldwege, links ein Maisfeld, rechts irgend etwas Getreidiges, dazwischen zwei gekieste Traktorreifenspuren, getrennt durch einen Grasstreifen. Gefüllt ist diese ländliche Szenerie mit Pärchen, Kindern, Familien, teils mit Picknickkörben und Klappstühlen unter dem Arm.

Kommt von hinten angerollt, man ahnt es inzwischen: Der Fahrradfahrer. Diesmal sind es zwei, das ist schlecht, da fühlen sie sich noch stärker. Vornweg radelt er, ca. Mitte 60, ein wenig an den Weihnachtsmann im Sommerurlaub gemahnend, einen Schlapphut im Gesicht und ein weißes Poloshirt, das einen sichtbaren Streifen gut gebräunten Schmerbauch offenbart. Gefolgt wird der Renter auf Selbstfahrlafette von seiner Gattin, zumindest sieht das für alle ganz danach aus, klein, mager, wirkt ein wenig wie ein Stück Frühstücksbacon vom Hotelbuffet mit Fliegerbrille und 150-Euro-Frisur.

Er schreit schon aus sicherer Entfernung zu seiner hinter ihm tretenden Frau (klar, dass er vorne fährt): „Die sollen doch den Fahrrädern hier mal Platz machen!“ „Die Fahrräder hier“ sind im Moment er und seine Frau, aber Hauptsache sich selbst schön verallgemeinern. Und dann kommt, was alle kennen, das selbstbewusste Wegklingeln der schwächeren Verkehrsteilnehmer, die tatsächlich alle auch brav die rechte (sic!) Traktorreifenspur räumen, aber klar, dass der rechts fahren will, passt irgendwie. Anstatt dass wir Fußgänger uns alle verbünden und die beiden mit dem Zorn der Gerechten ins Maisfeld treten, ziehen wir schicksalsergeben das, was Fußgänger immer ziehen: den Kürzeren.

Klar: Man hätte seinen Drahtesel auch von der Veranstaltung schieben können. Haben ja auch ein paar gemacht.

Aber hier galt das Motto: freie Fahrt für freie Bürger.

Drei Beispiele, die mir als Tretrollrer / Sneakerläufer das Gefühl geben, dass ich definitiv im Kastensystem der Verkehrswege ganz unten gelandet bin. Und ich fürchte darüber hinaus, dass wir hier eine psychologische Substituiton beobachten können: Alles, was der Fahrradrambo dem Autoverkehr vorwirft – grob, rücksichtslos, den Vorteil des Stärkeren gnadenlos ausspielend, sich als Krone der Schöpfung begreifend – lebt er gegenüber dem schwächeren Verkehrsteilnehmer aus, einfach, um sich mal auch in dieser Rolle erleben zu können. Mit der Mentalität eines deutschen Panzerfahrers im rückwärtigen Raum der Ostfront.

Ich hingegen fühle mich in der Rolle des rückwärtigen Raums der Ostfront nicht besonders.

In meinem Keller vegetieren neben dem jüngst wiederbelebten Roller noch zwei alte Fahhräder vor sich hin, mit platten Reifen, brösligen Bremsen und eingetrocknetem Öl auf der Shimano-Gangschaltung. Seit Jahren habe ich immer wieder behauptet, irgendwann brächte ich die beiden mal auf Vordermann und in Einsatzbereitschaft. Ich glaube, ich lasse sie verrotten und bleibe zäh bei meinem Tretroller. Als stummer Protest gegen den Kriegszustand auf der Straße.

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