Es ist manchmal überraschend, wie sich Kreise im Leben schließen und man wieder auf Dinge stößt, die man vorher schon einmal auf den Schirm bekam.

Einige werden sich erinnern, dass ich vor geraumer Zeit über eine völlig zugewucherten Bürgersteig und einen nagelneuen Fahrradhighway daneben geschrieben habe. Vor über 70 Jahren war die selbe Straße keinesfalls ein Tummelplatz von E-Bikerinnen oder schlecht gelaunten Tretroller-Tretern. Im April 45 war diese breite Einfallsroute nach Stuttgart tatsächlich für einen Einfall gut, allerdings für keinen verkehrsplanerischen Einfall zur Vermeidung von Dieselfahrverboten, sondern für einen militärischen Einfall. Im April 45 fuhr eben jene Strecke, wo heute der Fahrradweg glänzt, die 100ste US Infanteriedivision , auf ihrem Weg von Waiblingen kommend, hinunter in den Kessel, um eine weitere Deutsche Großsstadt zu besetzen.

Vorstellen muss man sich diese Fahrt in den Kessel als eine schier endlos scheinende Kolonne von LKW und Jeeps, aufgelockert durch einen gelegentlichen Panzerjäger „Wolverine“ und einige Sherman-Panzer (vermutlich alles Diesel). Im Gegensatz zu den Deutschen waren die US-Streitkräfte voll motorisiert. Die letzten Wehrmachtseinheiten waren Stunden zuvor über Untertürkheim Richtung Alb abgezogen, zu Fuß, mit Handkarren und mageren Gäulen. Deutlicher konnte man die Niederlage des tausendjährigen Reiches nicht versinnbildlichen.

Wie die damaligen Anrainer auf den Einmarsch der Amerikaner reagierten, ist in meinen Quellen nicht überliefert. Vermutlich existierte die typische emotionale Gemengelage der Stunde Null, wenigstens verlief das Kriegsende hier fast ohne Schüsse. Die Besetzung von Stuttgart war der Zieleinlauf eines lustigen Wettrennens um Württemberg. Die Franzosen, vom Schwarzwald her kommend, hatten den Amerikanern klar gemacht, dass Schwaben ureigenes französisches Interessengebiet sei. Die Amerikaner hatten verständnisvoll genickt und dann „I dont give a Shit, Frenchie“ geantwortet. Somit besetzten die gaullistischen Truppen Stuttgart bis zum Neckar, in Bad Cannstatt setzte sich die 100te Infanteriedivision an den Fluss. Halbe-Halbe, das französische Oberkommando schäumte. Das amerikanische Oberkommando grinste.

Auf die 100te Infanteriedivision stieß ich bei privaten Recherchen zum Kriegsende in Württemberg. Diese Episode des Kriegsendes hat also einen Berührungspunkt direkt vor meiner Haustür, denn jene Haustür war Baujahr 1936.

Warum spreche ich aber von Kreisläufen?

Seit Dezember ’44 hatte die 100te ihren Spitznamen weg, bzw. sogar zwei davon. Einige sprachen von der Division als „The Century.“ Die Männer der 100ten selber nannten sich „Sons of Bitche.“

Bitche wiederum ist eine kleine Stadt direkt an der deutschen Grenze. Überthront von einer Zitadelle aus der Hand des absolutistischen Festungsbaumeisters Vauban, umgeben von einem Ring von unterirdischen Festungen, die Teil der Maginotlinie waren, ein unendlich aufwendiger französischer Verteidigungswall aus den 30er Jahren, um die Deutschen im Falle eines Angriffs an der Grenze abzuwehren. Die Verheerung weiter französischer Gebiete durch einfallende Teutonen von 1914-1918 hatte so bleibende Traumata hinterlassen, dass man für die Zukunft den unangenehmen Nachbarn gleich am Gartenzaun gründlich aufhalten wollte. Dass die Deutschen über Belgien 1940 einfach an den französischen Forts vorbeifuhren, ist ein ähnlicher Treppenwitz der Geschichte wie die „Ratrace“ zwischen Amis und Franzosen um Stuttgart.

Die 100ste war keine Traditionseinheit wie andere, sie konnte auf keine Bürgerkriegsschlachten verweisen oder auf Schützengrabenkämpfe aus dem vorherigen Weltkrieg. Sie war eine Neugründung, 1944 aufgestellt, um den steigenden Bedarf an Truppen für das europäische Theater zu stillen. Besonders häufig wurden Collegestudenten der 100ten zugewiesen. Sie bestand also aus gebildeten jungen Männern, nein, sind wir ehrlich: Im Grunde war es eine Abiturienteneinheit aus halben Kindern, die sich da durch Europa kämpfte.

Und die 100te hatte schwere Kämpfe. Ausgeschifft in Marseille im Spätsommer 44 schlug sich die Division zunächst durch die Vogesen um dann im Spätherbst, man ahnt es, in Lothringen eingesetzt zu werden. Ziel: Erstürmung der Panzerforts der Maginotlinie bei Bitche, in denen jetzt die Deutschen die französischen Geschütze ölen. Hauptpreis.

Wie war das nochmal mit dem Kreis, der sich schließt?

Gerade, beim Schreiben dieser Zeilen, sitze ich in einem kleinen Häuschen im Örtchen Enchenberg, 10 Autominuten von Bitche entfernt. Wie ich in dieses ganz entzückend rustikale Chalet komme, ist eine andere und lange Geschichte, sagen wir einfach kurz, dass es lieben Freunden gehört. Zentral für diesen Text ist allerdings ein Gedanke, der mich nicht mehr los lässt: Die Leute, die sich hier in den tiefen einsamen Wäldern im Winter 44 den Allerwertesten abfroren, fuhren dann im April 45 mehr oder weniger an meiner Wohnung vorbei in das Kriegsende hinein. Mehr oder weniger, weil nicht alle, die vor Bitche noch dabei waren, es bis nach Stuttgart schaffen sollten. Schon seltsam.

Bereits der Anmarsch auf Bitche verlief blutig. Für Lemberg, der Ort neben dem besagten kleinen Chalet, brauchten die Amerikaner vier Tage, heute durchfährt man ihn in drei Minuten.

Erstaunlicherweise machten die „Sons of Bitche“ mit den gefürchteten Panzerforts relativ kurzen Prozess. Statt sie unterirdisch zu erobern und sich die Zähne an der Aufgabe auszubeißen, in die ausgeklügelten Beton-U-Boote im lothringischen Boden zu einzudringen, sprengten sie die Panzertürme kaputt oder schütteten die oberirdischen Teile ganz simpel mit Bulldozern zu, um die Geschütze zum Schweigen zu bringen. Die 100te machte ihre Sache hervorragend. Mitte Dezember richtete man sich eigentlich darauf ein, in Bitche Weihnachten feiern zu können, um dann Neujahr auf Reichsgebiet begehen zu können. Daraus wurde nichts.

15. Oktober 2019. Ich steige auf den „Hill 425“ wie er zutiefst militärisch im Regimentstagebuch genannt wird. Es ist ein kühler Oktobermorgen, mir wird aber bei dem steilen Hügel schnell ziemlich warm. Von dieser Erhebung aus kann man Lemberg wunderbar kontrollieren und die Straße nach Mouterhouse gleich mit, die steilen Hänge machen den Berg zu einer Art natürlichem Burgfried. Laut Kriegstagebuch der 100ten hatte die Wehrmacht den Hügel mit diversen Stellungen und Mörserbatterien gesichert, so dass ihn die 100te in blutigen Kämpfen erstürmen musste. Heute sind die Wälder sehr friedlich und färben sich sanft im Herbstlicht. Wer aber genau hinsieht, stellt fest, dass es auf der Kuppe kräftig gerumst haben muss. Wer weiß heute noch, dass die runden Löcher im Waldboden Einschläge sind? Mitten auf dem Waldweg finde ich einen kupfernen Führungsring eines Artilleriegeschosses. Der Größe nach, muss es ein gewaltiges Kaliber gewesen sein. Von Stellungen sehe ich nichts, dafür aber Krater noch und nöcher. Im Wald liegt dann auch eine schlecht krepierte kleinere Granate, der Sprengkörper ist seitlich aufgeplatzt, anstatt wie geplant in kleine, tödliche Stücke zu zerspringen, das Ganze sieht aus wie ein hässlicher toter Fisch. Wer mit offenen Augen durch die europäischen Wälder läuft, dem offenbart sich die ganze Scheußlichkeit unserer Geschichte. „Über allen Wäldern ist ruh“ – ja Goethe, das war einmal, jetzt schießen wir aber in unserer beachtlichen Dummheit regelmäßig mit lauten Granaten herum.

Die 100te sollte länger in diesen Bergen bleiben, als sie sich erhoffte. Viel länger. Die Ardennenoffensive machte den Plan von der Neujahrsfeier in Westdeutschland zunichte. Die flankierenden Einheiten der Division wurden abkommandiert, um gegen Hitlers letzte, sinnlose Offensive weiter nördlich zu helfen, die 100te sollte den Raum Bitche alleine sichern. Die Front der Division war so lang, dass 2/3 der Soldaten im Winter 45 ständig in Schützenlöchern und verschneiten Feldbefestigungen ausharren mussten, um überhaupt den Abschnitt verteidigungsbereit halten zu können. Dazu kam ab Neujahr die „Operation Nordwind“ eine Art kleiner Ardennenoffensive mit weniger Panzern im Elsass. Die 100te musste den Hauptstoß auffangen und sollte irgendwie die Linien in einem Halbkreis hinter Bitch herum halten. Um es kurz zu machen: Die „Sons of Bitche“ sollten im Grunde von Dezember bis März ohne Pause in eisigen Schützenlöchern auf den Hügeln um die Festungsstadt sitzen. Dass sie die meisten Angriffe mehr oder weniger zurückschlugen, dass der Gegner 10 Mal so viele Soldaten verlor wie die Amerikaner, änderte nichts daran, dass es ein außerordentlich beschissener Kriegswinter für die 100te war.

17. Oktober 2019. Zwischen Lambach und Reyersville liegt ein bewaldeter Hügel. Hinter dem nächsten Hügel, hinter Reyersville, liegt Bitche. Auf der einen Seite saßen die Amerikaner, auf dem anderen Hügel die Deutschen. Nahezu drei Monate lang, mit ein bisschen hin und her. Auch hier verbringe ich einen wolkigen Morgen, wandere zwischen den Spuren herum. Die Stellungen sind auf dem Höhenzug quasi unübersehbar, auch für Laien. Gewaltige Vierecke im Wald, verstärkt mit dem typischen rötlichen Stein der Region, vermutlich für Mörser errichtet. Dazwischen immer wieder die sogenannten „Foxholes“, auf Deutsch „Schützenlöcher“, in denen man(n) alleine oder zu zweit hockte um eine Linie zu halten. Es ist ziemlich warm für Oktober, bzw. ein normaler Oktober des Jahres 2040 in Deutschland, nur dass die Tannen und Buchen im Moment noch stehen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es im Schnee gewesen sein muss, im eiskalten Januar, oder im März, wenn das Schmelzwasser in die Erdlöcher lief. Ein Gutes hatte der Schnee für die Kids aus der 100ten, wie sie in der Regimentsgeschichte bemerken: Die verschneiten Stellungen waren für den Gegner kaum zu entdecken, so dass er häufig blind ins automatische Feuer lief. Gegen Frühjahr beginnen sich die Deutschen vermehrt zu ergeben. Dann geht alles plötzlich ganz schnell weiter, dem zurückziehenden Feind hinterher.

Ostern auf Reichsgebiet. Hätte man schon Neujahr so machen sollen.

Für die „Sons of Bitche“ sollte Stuttgart übrigens die Endstation im Weltkrieg sein. Das Oberkommando entschied, dass die 100te die letzten paar Bewegungen und Schießereien nicht mitmachen musste, sondern Besatzungsdienst schieben sollte. Das war die Belohnung für’s Franzosenschlagen in der „Ratrace“ nach Stuttgart. Zu dem harten Winter in den Bergen war darüber hinaus Anfang April für die Division noch die Schlacht um Heilbronn gekommen, etwas theatralisch „German Stalingrad“ genannt. Noch einmal musste man einen bereits völlig besiegten Gegner mühsam aus jedem Schutthaufen ballern, hinter dem ein paar fanatische Offiziere noch auf sinnlose Widerstandsschlacht setzten, der Ehre, des Führers, der Gläubigkeit an den Faschismus wegen. Heilbronn war bereits als die „Century“ den Neckar erreichte völlig zerbombt und die dann folgende sechstägige Schlacht, die noch einmal hunderte Menschen in den Tod riss, machte die Situation der Stadt nicht besser. Danach hatte selbst die amerikanische Generalität die Einsicht, dass die 100te genug für den Sieg über Hitler-Deutschland geleistet hatte. Man schickte sie in den Besatzungsdienst in Stuttgart und Esslingen. Teile der 100ten sollten dort bis Frühjahr 1946 bleiben.

„Some of us got drunk. A few of the more volatile Centurymen shot off steam by firing small arms into the air. But most of us, choked with happiness, merely shook a buddy’s hand, laughed like a boy again, or just sat quietly and gave thanksgiving to God.“

So beschreiben die unbekannten Autoren in „Story of the Century“, der divisionseigenen Kriegsdarstellung, etwas theatralisch den „VE-Day“, den Tag des europäischen Kriegendes. Und womöglich ist diese Betonung von stiller Dankbarkeit am Ende des Krieges näher an den wahren Gefühlen der Überlebenden, als jede laute Heldenerzählung, die um Bitche, Heilbronn oder andere Schlachten des zunächst letzten großen Krieges gesponnen wurde und noch gesponnen werden wird.

Schon verrückt, wie Geschichte vor unserer Haustür liegt. Wir müssen sie nur sehen wollen, bzw. ihre Spuren auf dem Angesicht unserer Gegenwart lesen.

Das wäre heute wichtiger denn je.

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