Ich tauche die Rolle in die milchige Flüssigkeit. Alpinaweiß, die liebste Farbe der Deutschen. Die Rolle taucht bis zur Hälfte in das dicke Weiß und wird dann auf dem schon ganz weißen, rautenförmigen Gitter von mir abgewälzt. Einzelne Karos des Hilfsmittels schließen sich kurzfristig mit einer blasigen Membran, nur um beim Abtropfen wieder aufzugehen wie Atemlöcher einer Uhrzeitkreatur. Auf der Oberfläche des Farbeimers werden sich nach und nach beim Herabtropfen der überschüssigen Farbe seltsame Muster bilden, die an Botschaften einer außerirdischen Intelligenz erinnern, die in Zeitlupe wieder eins werden mit der restlichen dicken Suppe. Bis ich mich wieder zum Farbeimer umdrehen werde, wird die Oberfläche der weißen Farbe wieder glatt und unberührt da liegen, als wäre nie etwas gewesen. Nur langsam weniger wird sie werden.

Ich trete das Stahlblatt mit einem kräftigen Sohlenstoß in die braune feuchte Masse. Der trockene Sommer hat den Boden härter werden lassen als in vergangenen Jahren. Mit Druck auf den Holzstiel breche ich den Boden auf, mit einer Drehung um die Längsachse werfe ich eine Spatenschaufel voll Erde in das rechts davon befindliche spatenblattgroße Loch, das durch eine genau gleiche Bewegung, durch die eben angewandte Technik vor einigen Minuten entstanden ist. Mit der Umkehrung des Untersten nach oben gerät eine Welt ans Tageslicht, die bisher die Finsternis liebte. Dicke, hellrosa Regenwürmer winden sich eilig zurück Richtung der sicheren Erde, kleine weiße Asseln wuseln davon. Die meisten haben Glück und mein Spaten zerteilt sie nicht. Dazwischen werden verborgene Schätze ans Tageslicht gefördert, leere bleiche Schneckenhäuser, zwei vergessene sehr kleine Karotten, ein rostiger Nagel. Unwillkürlich denke ich an Günter Kunerts „letztes Gartengedicht.“

Wer noch nie ein Beet umgegraben hat, der wird das Werk nie erfassen. Wer schon einmal umgegraben hat, der wird das Gedicht automatisch kapieren.

Zwei Tätigkeiten, die aus der regelmäßigen Wiederholung des selben Vorgangs heraus leben. Der aktuellen Farbrolle sind bereits viele vorraus gegangen, noch viele werden folgen, bis jeder Fleck, jede Seite des impferfekten Quaders, in dem ich stehe, sich von einer grauen, fleckigen Fläche in eine blütenweiße verwandelt hat. Der Boden natürlich ausgenommen, der ist abgeklebt. Bis ich alle vier Beete umgegraben habe, werde ich den Stich, den Zug, die Drehung … wer weiß schon wie oft wiederholt haben? 100 Mal? 200 Mal?

Es ist ganz gleich. Wichtig und aufmerksamkeitsfordernd ist immer nur der aktuelle, gerade auszuführende Vorgang. Er erfordert auf der einen Ebene meines Geistes meine gesamte Aufmerksamkeit für die Aufgabe, damit sie gelingt und ich den Vorgang an die kleinen Variationen und Ungleichmäßigkeiten des Lebens anpassen kann – hier ein Lichtschalter, da eine dicke braune Wurzel. Eine andere Ebene meines Geistes ist völlig frei herumzuschweifen und zu wandern. Gedanken, Themen, Ideen geraten völlig natürlich in meinen Kopf und werden von anderen Einfällen überlagert. Es ist mir völlig unmöglich festzulegen, welcher Vorgang nun von meinem Bewusstsein oder Unterbewusstsein gesteuert wird.

Ich glaube in der Psychologie heißt mein Zustand „Flow.“

Ob ich nun im Kulturzentrum einen Raum neu anstreiche oder bei meinen Eltern im Garten die schwere Arbeit übernehme: Immer merke, ich dass mir diese körperliche Arbeit, die aber mit sehr wenig Zeit- und Systemdruck auskommt, unglaublich gut tut. Ich werde dabei ziemlich entspannt.

Gelegentlich stellt mir eine der beiden Hauptamtlichen eine gekühlte Cola hin oder fragt, ob ich noch einen Kaffee möchte. Nach der Hälfte der Beete setze ich mich mit meiner alten Mama auf die wacklige Bank vor der Hütte und trinke eine Halbe aus Papas Sixpack in der Hütte.

Biedermeier macht sich in mir breit.

Abends habe ich dann angenehmen Muskelkater und merke, dass ich etwas getan habe. Irgendwie macht mich das zufrieden. Es ist nicht, wie diese nie enden wollende Arbeit vor der Tafel, bei der man immer wieder an den Punkt kommt, mit allem von vorne anzufangen, die von politischen, also im Kern der Idee unsachlich-emotionalen, Interessen beeinträchtigt wird, bei der man ständig irgendwelche anderen Leute in ihren Erwartungen bedienen muss. Die meisten von diesen anderen Leuten arbeiten mit Jammern und Heulen, das Ergebnis ist nie ganz deins, sondern nur dein Kompromiss mit dem Fremdinteresse, du kannst nie sagen: So, das ist jetzt fertig und gut. Es ist nie etwas fertig und es ist auch nie etwas gut, sondern Ansichtssache. Und Anspruchssache im Verteilungskampf Bildungssystem.

Erschreckend.

Der simple Trott eines Anstreichers oder Feldarbeiters, das monotone ungelernte Arbeiten entspannt mich und löst bei mir Heimatfilmreflexe aus. Muss man sich da als bisher aktiver und eher komplex denkender Mensch Sorgen machen? War geistige Arbeit am Ende ein Irrweg?

Ich denke nicht. Mindestens nach dem dritten Tag Anstreichen hätte ich die Schnauze voll von klebrigen Arbeitsklamotten, schmerzenden Schultern und kleinen Alpinaweiß-Tropfen auf dem Brillenglas. Würde es sich nicht um vier größere Gemüsebeete sondern um ein durchschnittliches Feld drehen, hätte ich wenig Lust tagelang mit meinem Spaten Erdportionen auszustechen und einmal schön zu wenden.

Aber für ein paar Stunden ist es sehr schön.

Denn es liegt wohl auf der Hand, das mir so etwas gefehlt hat. Tätigkeiten, bei denen Kriterien klar und faktenorientiert sind, bei denen man den Körper aktiviert und bei denen man am Ende feststellbar sagen kann: Es ist etwas fertig.

Und nun kommt das Geilste: Am Schluss sagt jemand sogar „danke“ für das, was man getan hat. Ob das jetzt die Hauptamtlichen vom Verein sind oder die eigene Mutter: Gut und ungewohnt ist das eigentlich immer.

Ich bin jedenfalls in diesem sonnigen Herbst ziemlich dankbar, dass ich mich dankbaren Aufgaben widmen kann.

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