Ich stehe vor einer Toilette. Nicht aus den üblichen Gründen. Ich stehe vor einer Toilette, und bewache sie, damit sie nicht zwei Mädchen gleichzeitig betreten. ich finde es ein wenig unangenehm, dass die Mädchentoilette von einem Lehrer ohne „in“ bewacht werden soll, aber ich schätze, das Basteln des Aufsichtsplans war dieses Jahr unter Corona-Bedingungen kompliziert genug, da fallen solche Feinheiten unter den Tisch.

So beginnt mein Berufsleben nach der Pause. Vor einem Klo.

Ich stehe vor einer Liste, trage mich ein, und zwar so: Vetter Vet 9:28 Vet 9:53. Das dient zur Kontaktverfolgung. Jedes Mal, wenn ich in das Lehrerzimmer rein- und rausrenne schreibe ich an einem Tischchen: Vetter Vet Uhrzeitrein Vet Uhrzeitraus. Beim dritten Mal sind alle Vordrucke auf dem Tischchen aufgebraucht. Die Kolleg*innen beginnen, die Rückseiten zu benutzen, bis eben die auch voll sind.

Ich stehe in meinem Klassenzimmer. Meine 10er wirken nett, frisch und motiviert. Das Klassenzimmer wirkt anders. Wir haben alte, fleckige Kuststoffwände mit Tesaresten aus 30 Jahren und einen verkrumpelten Rollo mit Kippschalter, der manchmal will oder nicht, ganz wie der defekte Windsensor es will. Die Tür bleibt auf. Hygienekonzept. Regelmäßig soll ich Lüften. Hygienekonzept. Und zwar mit dem einzigen Fenster, das wir im Zimmer haben, quadratisch, etwa 1.40 m. x 1.40 m., ganz hinten im Raum, hinter der letzten Bank. Realität. Es herrscht in BaWü keine Maskenpflicht im Unterricht, da war wohl Querdenken-711 zu einflussreich. Außerhalb des Unterrichts herrscht immer Maskenpflicht auf dem Schulgelände. Nachdem ich also „Guten Morgen“ gesagt habe, dürfen alle ihre Maske abnehmen. Wenn ich sage: „So, jetzt machen wir Pause“ (Schulklingel und feste Pausenzeiten sind abgeschafft und ich bin deswegen nicht traurig), müssen alle wieder die Maske aufsetzen, weil Pause ist ja kein Unterricht. Das Virus weiß also, wenn wir in unseren Reihen sitzen, ob gerade Unterricht ist (safe) oder wenn wir nur so im Raum zusammen sind (gefährlich).

Bin es nur ich, der das Gefühl bekommt, irgend jemand an zentralen Schalthebeln kauft sich nach Amtsschluss im Leonhardsviertel heftige Drogen?

Außerdem leben wir in einer digitalisierten Schule. Meine Chefin aus der höchsten Etage meldet täglich Erfolgsmeldungen an die Presse, an der Schule werden nur noch accounts angelegt und in Konferenzen geht es schwerpunktmäßig um MS-Teams, Web-Untis, Cloud, Videokonferenzen. Ich finde, mein Klassenzimmer sollte mal in die Konferenzen. In meinem Klassenzimmer steht ein Tageslichtprojektor aus den frühen 2000ern und ein Whiteboard aus den Wendejahren. Immerhin fühle ich mich beim Unterrichten mit Transparentfolie und Tafelstift angenehm an meine Referendarszeit vor knapp 20 Jahren erinnert, eine Welt ohne Corona und einem wesentlich jüngeren Ich. Aber irgend einen fest installierten Zugang, um ein digitales Bild- und/oder Tonsignal ins Forschungsländle Nummer 1 zu übertragen, da hat sich mein Klassenzimmer bis jetzt noch nicht fortgebildet. Dafür funktionieren beide Medien fast tadellos, nur der rechte Whiteboardflügel neigt zum schief einklappen, vermutlich hat sich die Verankerung aus den Neunzigerjahren etwas gelöst.

Ich bin froh, dass ich die Ordner voll Papier und OHP-Folie nicht weggeworfen habe. Damit bin ich in der digitalen Schule offensichtlich bestens ausgerüstet.

Der Cloud vertrauen nur Idioten.

Kommen wir zu den guten Nachrichten. Die gleichzeitig schlechte Nachrichten sind, ganz wie man es sehen will. Um es kurz zu machen: Ich war nie raus. Kein Jahr, keine Stunde, keine Minute. Ich laufe rein und mache weiter und habe das Gefühl, das war nie anders. Diese 12 Monate unter gänzlich anderen Vorzeichen, sie scheinen nur ein ganz angenehmer Traum gewesen zu sein mit vielen tollen Erlebnissen. Aber nun, im unsteten Neonlicht der Klassenzimmerbeleuchtung, schrumpft er zusammen zu einer irgendwie unwirklichen Erinnerung, eine Art Echo eines früheren Lebens. Und das obwohl alles anders ist als bei meinem Weggehen. Und die Schule ist trotzdem genau gleich wie immer.

Paradoxe Gefühlslagen, die sich fast nicht in Worte fassen lassen.

Irgendjemand hat mal irgendwo geschrieben … ok, das ist typisch Internet, aber ich bin zu faul das jetzt im Netz zu suchen. Also irgendwo kam mir mal folgender kluger Gedankengang unter: Wenn man seinen Urgroßvater (oder die Urgroßmutter, ganz wie man will) aus dem Jahr 1920 herbeamen könnte, und ihn in ein Krankenhaus, einen Fernzug, an eine Landstraße setzen würde, dann würde er die Welt nicht wieder erkennen und aus dem ungläubigen Staunen nicht herauskommen. Setzte man ihn einen Vormittag in eine deutsche Schule, würde ihm alles sehr vertraut vorkommen, noch ganz so wie in einer eigenen Schulzeit. Gut, heute ohne Prügelstrafe. Wenigstens.

Mit einem dänischen Großvater würde das nicht funktionieren, so fair muss man zu Ländern, die Dinge besser können als wir hier, sein.

Ich bin froh, dass ich keine Anlaufschwierigkeiten habe. Eine gute Freundin sagt zu mir: Lehrer sein ist wie Fahrradfahren. Sie hat wohl recht.

Trotzdem ist alles gerade anstrengend, ich bin die wenige Freizeit nicht mehr gewohnt und dazu kommt noch das Organisatorische für meine Mum. Nicht nur Schulen laufen schlecht, auch alle anderen Ämter bekommen ihre Aufgabe nicht mehr gebacken. Danke Neo-Liberalismus, Umverteilung und Spar-Staat. Kleines Beispiel im Folgenden: So ziemlich, das erste, was ich nach dem Tod meines Vaters getan habe, war die Beantragung der Witwenpension beim Bundesamt für Post und Telekommunikation in Bonn. Mein Vater war ja Beamter und die monatliche Versorgung stand auf der To-Do-Liste ganz oben Es war ein ziemlich umfangreicher Antrag mit einigen angefügten Dokumenten. Das erste, was wir bemerkten, war, dass kein Geld mehr kam. Mutter lebt also von den Reserven. Vorgestern rief ein freundlicher Sachbearbeiter dann an. Der Antrag wäre leider unauffindbar, es täte ihm leid, er könne nichts bewilligen, sobald wir ihn direkt an ihn schicken würden, könnte er alles anweisen.

Und ich Volldiot habe keine Kopien gemacht.

Er versprach gestern die Formulare per email sofort zu übermitteln, damit wir den Antrag noch einmal stellen könnten. Problem: Notwendig ist eine Unterschrift von Mum, die sitzt in Ulm, ich in Stuttgart. Also Programm für Dienstag: Morgens unterrichten, Antrag ausdrucken, nach Ulm, gemeinsames Essen, Antrag neu, Unterschrift, zu mir, Scanner an, Antrag einscannen, per Email fix nach Bonn. Bis um 10.00 waren auf meiner Mailadresse keine Formulare eingegangen. Freundlichen Beamten anrufen, Verzögerung klären, er hätte ihn gleich gestern Nachmittag losgeschickt, seltsam, dem Mann eine andere Emailadresse geben, warten, die abrufen, 20 Seiten Antrag ausdrucken (diesmal doppelt, zur Sicherheit), ins Auto hasten, ab auf die Autobahn nach Ulm.

Auf Höhe Zuffenhausen erreicht mich ein Anruf meiner Mutter, den ich gottseidank per Bluetooth-Freisprecheinrichtung annehmen kann (Mein Auto war anders als das Klassenzimmer auf der entsprechenden Fortbildung). Der Herr habe gerade noch einmal angerufen, teilt sie mit, jetzt sei der ursprüngliche Antrag vom August doch bei ihm eingetroffen, er bearbeite ihn gerade.

Auf einer Autobahn bei Tempo 130 vor Frustration in ein Lenkrad beißen ist nicht ganz ungefährlich.

Sollte ich mich freuen, dass ich in Zuffenhausen abfahren konnte und mich um meinen Unterricht kümmern anstatt mich darüber zu ärgern, dass nichts, aber auch gar nichts mehr funktioniert in einem der reichsten Länder der Welt?

So sieht also gerade mein Leben aus. Wie immer halt, wenn Schule ist.

Eigentlich traurig.

Adendum: Gerade vor dem Fertigmachen des Blogeintrags noch mal in meine privaten Emails geschaut. Jetzt, 24 h später, sind die Anträge aus Bonn auch hier eingetroffen. Digitale Kommunikation ist eben immer verfügbar und blitzschnell.

Beteilige dich an der Unterhaltung

3 Kommentare

  1. Wow. Das mit den Formularen, es ist unfassbar. Und immmmerrrr läuft das so. Ohne Kopien und am besten Scans darf man echt nix rausschicken. Immerhin hat der Sachbearbeiter sich überhaupt gekümmert, das kann man auch nicht erwarten.

    Das mit der Schule wie zu Zeiten der Urgroßeltern … uff, ja. Und alle, die noch motiviert sind, was zu verbessern, behandelt man so lange scheiße, bis sie keinen Bock mehr haben. (Seh ich gerade an meinem Vater, der auch nur noch dem Ruhestand entgegen fiebert.)

    Ich hoffe, du kannst dem Schulalltag trotzdem noch was abgewinnen, und vor allem, dass du und deine Klassen und Kolleg*innen von Corona verschont bleiben trotz mangelnder Konzepte :/ .

    Liken

    1. Zur Ehrenrettung des Beamten: Offensichtlich hat die Pensionskasse ihre Digitalisierung vor ein paar Jahren an eine Firma outgesourced – Großideal papierfreies Büro, schlanker Staat, Verwaltung 2.0, das ganze Bündel unbedarfter Illusionen von den Besprechungstischen der Leitungsebene. Ich rechne insgeheim mit drei Wohncontainern voll Subunternehmer, die außerhalb des EU-Raums an chinesischen Scannern sitzen. 🙂 Der Herr hat meiner Mum zugesagt, sich beim Amtsleiter über den Dienstleister zu beschweren. Das ist nett. Wird’s was an den Prozessen verbessern? Tja…

      Meine Klassen sind cool! So viel funktioniert noch …

      Gefällt 1 Person

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: