Begriffserklärung: Nerdpol [n d p ɒ l] – Kulminationspunkt von Menschen mit stark nerdthemenbezogenem Lebensstil und Biografie, meist auf einer Veranstaltung. Vom Rollenspielautor und -blogger Josch K. Zaradnik um 2012 entwickelter Begriff, um die Kultur und Atmosphäre auf einer Con zu beschreiben.

Norddeich ist Anfang März eine etwas verschlafene Ferienhauswüste, die durch die Existenz des Strandes, der Dünen und den Blick auf die friesischen Inseln deutlich aufgewertet wird. Am ersten Tag der Heinzcon ist das Wetter absolut furchtbar, trotzdem quäle ich mich im kalten Wind und peitschenden Regen einmal die gerade renovierte Strandpromenade auf und ab, vorbei am „Haus des Gastes“, einem Bau vermutlich aus den 80er-Jahren, der etwas an eine Schule gemahnt. Drinnen ziehen die Leute vom Uhrwerk-Verlag gerade ihren Verkaufsstand auf und bereiten alles für die Con vor. Die Pforten wird sie erst in einigen Stunden öffnen. Die Möwen schreien, der Wind pfeift, der Regen prasselt auf die Jacke.

Ein halber Tag ist vergangen, es dunkelt über dem Strand, ich sitze im Haus des Gastes auf der sich langsam füllenden Con und packe meine gut gefühlte Goodybag aus, die im Ticketpreis der höchsten Kategorie mit inbegriffen war. Animekalender und DVD-Box, ein komplettes Superhelden-Rollenspiel-Hardcover, ein von 2018 übriggebliebener Sammelband mit Zusatzmaterial für verschiedene Pen&Paper-Systeme, Kleinkram, Flyer, Demopackungen für Kartenspiele mit obskurem Humor. Und die offizielle Con-Tasse 2020.

Willkommen am Nerdpol.

Wiedersehen mit Freunden aus Hamburg und Berlin, kennenlernen neuer Leute, Streifzug durch den Verlagsstand. Ich suche noch ein kleines Geschenk für eine gute Nichtnerd-Freundin, die am kommenden Wochenende Geburtstag feiert, und entdecke nichts, mit dem sie was anfangen könnte.

Abendessen in der Burgerbar des Norddeicher Haus des Gastes, sie haben einen Veggie-Burger im Angebot, dazu pervers fett mit Majo, Ketchup und Currysauce beschmierte „Pommes Spezial“, obendrauf scharfe Salzgürkchen und Röstzwiebel-Bombenhagel. Schlabberig, aber extrem geil. Meine Kalorienaufnahme wird in den nächsten Tagen auf extrem hohen Zucker-und Fettniveau bleiben, Rollenspieler-Food halt.

Kurz darauf Rückzug in die Ferienwohnung der Hamburger, wir testen ein würfelloses Erzählspiel, das sich Mitspieler auf einer Zugfahrt ausgedacht haben, in dem sich zwei Ebenen miteinander verflechten. Wir entwickeln in zweieinhalb Stunden eine irre Geschichte, die mit einer Gruppe Blogger*innen, Influencer*innen und Lifestyle-Epigonen beginnt, die sich plötzlich in der frühen Hollywood-Szene der Dreißigerjahre wiederfinden. Ziemlich schnell spielen die Mafia, eine Filmpremiere und eine Bombe in einem Geigenkasten eine tragende Rolle, am Ende fliegt das Premieren-Kino natürlich samt Leinwandstar, Cableguy und Mafiaschläger in die Luft, nur die skrupellose Verräterin und der kleine Straßenjunge überleben das Inferno.

Willkommen am Nerdpol.

Gerne ein paar mehr Konzerne! Foto von Lena Richter.

Samstag Morgen, die Sonne lacht vom Himmel als habe es nie eiskalten Schneeregen in Norddeich gegeben. Erneut sitzen wir in der großen Ferienwohnung und spielen eine Runde Sprawl, ein Cyberpunk-Rollenspiel, in dem man nicht nur seinen Character entwickelt sondern die gesamte Spielwelt gleich mit. Unsere frisch zusammenfabulierte dystopische Großstadtvision sitzt auf der dunklen Seite des Mondes (die es nicht gibt, aber egal) unter einer hunderte Kilometer großen undurchdringlichen Kuppel und ist vertikal aufgebaut: Während in den oberen Kilometern die Unterschichten im beständigen gleißenden Neonlicht der Kuppel hinter transparenten Wänden unter dauerhafter Kontrolle durch das System leben, gibt es unten am Grund Schatten und Dunkelheit, also Privatsphäre für die Reichen. Genretypisch wird alles von miteinander im Krieg liegenden Großkonzernen gesteuert. Wir spielen eine anheuerbare Gangstertruppe, die ein geheimnisvolles Paket aus den Händen des Technikkonzerns „Lunar Mesh“ stehlen sollen um es dem Entsorgungswirtschaftskonzern „Green Angels“ zu übergeben, natürlich möglichst heimlich und elegant. Am Ende ist der Hafen ein einziges Kriegsgebiet, in dem wir Stingermissiles, autonome Kampfpanzerdrohnen und jede Menge Munition einsetzen, um irgendwie noch lebend mit der Ware rauszukommen. Zwei Charaktere gehen fast drauf, Würfelwürfe gehen spektakulär schief, der Countdown für die unmittelbare Gangster-Apokalypse nähert sich dem Highnoon und am Ende schaffen wir es doch ganz, ganz knapp. Großer Jubel, großer Spaß, große Freude.

Leben am Nerdpol

Wenn man als Nerd auf Artgenoss*innen trifft, dann erkennt man sich ziemlich schnell am kollektiven Wissensfundus an popkulturellen Verweisen, und dem diffusen Gemisch an Kenntnissen über Computerspiele, fiktive Welten, Comics, Serien und Regelsysteme. Im Grunde muss man nur einen Begriff in die Runde werfen und alle wissen, was gemeint ist. „Der Cyber-Avatar von meiner Deckerin nennt sich Rory, ihr Deck hat die Signatur „Stars Hollow.“ Alles klar. „Bell die Auftragsmörderin hat Klingen an den Unterarmen, so wie … so wie …“ „So wie in Assassins Creed?“ „Genau.“ Alles klar. „Ihr müsst euch den Kurier-Gleiter vorstellen wie eine Mischung aus Chinook und UPS-Van.“ Alles klar. All dieses Wissen kann man in unserer Gesellschaft getrost unter „useless“ ablegen, man kann es für nichts einsetzen außer für Nerdkram, es hat keine Relevanz, generiert kein Kapital, hat keinen Status. Aber es macht unser Leben so viel besser als das der Vielen, die im Reiheneckhaus Championsleague kucken.

Abends sitzen wir im „Seestern“ bei sehr gutem Essen und etwas zu viel Schwarzbier und Friesengeist. Ich verhocke noch lange mit drei Leuten, die ich erst seit diesem Wochenende kenne und wir schnacken über Politik, ethische Fragen, Musik und Rollenspiele. Es klappt in jedem Bereich auf Anhieb ziemlich gut, denn wir sind vom selben Stamme, dem Stamme Nerd. Spät falle ich ins Bett, ein wenig angetrunken und schnitzelfertig, dabei habe ich den ganzen Tag nichts anderes getan als Süßigkeiten und Chips zu futtern, Kaffee, Cola und Bier zu saufen und mir gemeinsam mit anderen Fantast*innen kindische Geschichten auszudenken.

Träume am Nerddeich

Sonntag Morgen. Nach dem ersten Kaffee melden sich meine Lebensgeister zurück. Der Wind bläst über den Deich, viel Wolken, gelegentlicher Regen, wenige Sonnenblicke. Letzter Besuch im Haus des Gastes, ich habe meine Con-Tasse gestern vergessen. Finaler Workshop, die Verlagsleitung berichtet über die gerade überstandene schwierige finanzielle Situation des Unternehmens und die mögliche Entwicklung für die Zukunft. Hier zeigt sich, dass man den Nerdpol doch nicht ganz von der Realität abheben kann, dass wir leider nicht immer in unerwachsenen Fantasiewelten leben können, sondern ökonomische Bedürfnisse bedienen müssen. Man kann nicht nur von verrückten Abenteuern im Kopf leben. Aber für ein Wochenende klappt es manchmal ganz gut.

Nerds sind die schönsten Menschen auf der Welt. Sie sind meiner Erfahrung nach überdurchschnittlich friedlich, tolerant, empathisch und engagiert. Sie mögen seltsame T-Shirts tragen, Frisuren aus einem anderen Jahrhundert, ein Pizzabäuchlein vor sich herschieben, wunderschön und jung, oder alt und zerdrückt sein, sie kommen mit diversen Identitäten und Sexualitäten. Insgesamt ist eine Con ehrlicherweise kein Beauty-Blog. Aber es sind die schönsten Menschen der Welt.

Mittagszeit, ich bin noch in Papenburg verabredet. Rückkehr in die Realität, mit dem Wagen. Hinter mir versinkt der Deich und die Küste am Horizont.

Rückkehr vom Nerdpol.

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