Ereignisse rollen manchmal heran wie Diesellokomotiven aus einem Raum-Zeit-Loch. Man sieht sie nicht, bis sie über einem sind. Die Politik handelt mittlerweile ununter-brochen in der Krise, aber uns vorbereitet hat sie nicht. Tag 5 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 4 seit der Schließung aller Kneipen und Clubs in Stuttgart. Weitere Abschaltungen des bisherigen Lebens sind nach dem aktuellen Stand der Stunde wahrscheinlich. Der Blick in die von Märzsonne überflutete Vorfrühlingslandschaft wirkt plötzlich unreal, wie eine schlechte Kulisse für das falsche Theaterstück, deplaziert.

Zeit, dem Blog eine neue Kategorie zu geben.

Unter CORONAtion werde ich in den nächsten Tagen und Wochen versuchen, diese völlig abgefahrene Situation festzuhalten. Warum? Ich fürchte ich habe ohnehin nichts anderes zu tun.

Heute Morgen schnüre ich Wanderstiefel und schmeiße Käsestückchen und Gurkensticks in den kleinen Rucksack (natürlich in ner Dose, klar). Die Sonne lacht und ich möchte unbedingt noch einmal die Freiheit der Natur genießen, bevor das eventuell auch noch außerhalb meiner Möglichkeiten steht. Beim Bäcker auf der anderen Straßenseite kaufe ich zwei Brezeln. Das fühlt sich noch normal an, fast.

Die Welt wird surreal.

Ich und die Verkäuferin wünschen uns mit ungewöhnlicher Herzlichkeit in der Stimme „noch einen schönen Tag.“

Mein Plan: Eine große Runde laufen, von Stuttgart Rotenberg nach Esslingen und zurück. Noch einmal den Wald genießen, den ich in den letzten Jahren so lieben gelernt habe, auch wenn der Schurwald im Vergleich zu meinen französischen Wäldern ein von Nordic-Walking-Wegen und Mountainbike-Trails durchzogener Zivilisationswald ist, in dem man sich kaum verlieren kann. Aber die Grenze nach Frankreich ist seit heute morgen dicht. Komisch, viele Male bin ich jetzt gedankenlos über den Rhein bei Iffezheim gefahren, die völlig natürliche Freiheit eines Europäers. Seit heute: abgesagt. Es gruselt einen.

Die Coronakrise hätte man schon lange sehen können, zumindest die Wissenschaft sagt das. Die Politik ließ es jetzt lange einfach laufen, ganz normale Faschingsferien mit Skispaß in Südtirol und Karnevalsknutscherei im Rheinland. Danach war plötzlich Polen offen und hektischer Aktionismus brach aus, Versuche, die Schieflage bei den Infektionszahlen wieder einzufangen. Was mich besonders frustriert ist, dass Covid-19 jetzt eventuell die meisten Pläne und Ideen für das zweite Halbjahr meiner Freistellung versenken wird. Ob ich in vier Wochen nach Russland fliegen werde, ist mehr als fraglich, genauer gesagt ziemlich unwahrscheinlich. „Kann man nix machen, ist halt jetzt so.“, werden die meisten darauf reflexartig antworten.

Stimmt, du hast Recht. Die eigene Handlungsunfähigkeit macht ja das Problem so frustrierend.

Am Parkplatz Egelseer Heide bin ich morgens um 9.00 noch fast alleine. Ich biege in den Schurwald ein und wende mich nach Süden, Richtung Esslingen. Die Sonne lacht aus einem wolkenlosen Himmel, die Vögel machen in den Bäumen ein Konzert, als müssten sie Steine schmelzen. Ich weiß natürlich auf einer kognitiven Ebene, dass diese Lieder knallharte Paarungs- und Revierkämpfe sind, bei denen die Tiere bis zur völligen Erschöpfung gegeneinander ansingen. Trotzdem: Unwirklich. Oder andersrum: so sieht doch die eigentliche Realität aus, oder? Ein etwas verdattertes Eichhörnchen bleibt ungewöhnlich lange auf dem Kiesweg hocken, als ich mich nähere. Eventuell gerade erst aufgewacht. Oder krank. Es fällt einem gerade schwer, das Motiv aus dem Kopf zu kriegen. Kurz vor der Waldschenke „7 Linden“ (geschlossen, nicht ungewöhnlich, es ist Montag Morgen) bekomme ich Gesellschaft, ein Vater rennt mit seinem Kind durch den Wald und lässt es „das Grüffelo“ suchen. Ich fürchte, die Erwartungen des etwa Fünfjährigen werden schwer enttäuscht. Das lärmende Paar bewegt sich eine ganze Weile parallel zu meinem Pfad, dann kreuzen sich unsere Wege. „Guten Morgen“ sage ich betont freundlich. Der Vater starrt mich an, als wäre ich der erste Zombie der kommenden Walking-Dead-Folge oder ein nackter Pädophiler mit einer Kettensäge unterm Arm. Er sagt nichts und geht schnell weiter.

Doch nicht alles so wie sonst in Deutschland.

Die Bank ist unverändert, unser Weltbild nicht.

Vielleicht sehe ich mit der Schiebermütze und der Sonnenbrille auch einfach nur zu sehr aus wie Xavier Naidoo. Vielleicht ist das auch diese zutiefst US-amerikanische Familien-Bunker-Mentalität, die unsere Begegnung färbt. Egal. An der Katarinenlinde lese ich interessiert die Marshall-Plan-Plakette am Esslinger Wasserreservoir. Und schaue ein wenig von einer Bank über den Stuttgarter Kessel. Prächtiges Wetter. Surreal. Da unten ist eingeschränkter Alltag. Der Alltag der Bank ist unberührt.

In meinem Leben habe ich bisher nur eine Sache gehabt, die gleichsam strange, unwirklich, aufgeführt wirkte, wie dieser Montag. Selbst die Öffnung der Mauer im November 1989 fühlte sich zwar irreal an, aber eben als Jubeltaumel. Das ist was anderes. Aber als ich 2001 an einem Septembertag mit einem Korb voll Wäsche bei meiner Kommilitonin Sandra in der Wohnung stehe (sie ließ mich zum Ende des Studiums hin immer ihre Waschmaschine benutzen) und auf die Bilder der in sich zusammenbrechenden Twintowers starre, das war ein ähnliches Gefühl von „Das gibt’s doch gar nicht.“ Nur war das ein Paukenschlag, ein hochkrasser Moment, und keine wochenlange Krise im Kriechgang. Sehen wir der Sache ins Auge: So etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt.

Bei Esslingen wird der Schurwald scheiße. Entlang einer riesigen Tennisanlage biege ich falsch ab und stehe irgendwann an der Stettener Straße, die sich durch das Waldgebiet schneidet. Links und rechts kein Fußweg zu erkennen. Ich schlage mich eine Weile an einem kilometerlangen Maschendrahtzaun entlang, hinter dem ein offenes Gelände mit gelegentlichen Lüftungsschächten liegt. Entweder ist das wieder die Esslinger Wasserversorgung oder ein geheimer Regierungsbunker für die Apokalypse. Der Wald ist völlig zugemüllt: Plastikflaschen, Fetzen von blauen Müllsäcken, rostige Rohrstücke, eine zerbrochene Steckdosenfassung. Das kann nicht alles aus vorbeirasenden Autos geworfen worden sein, irgendjemand kippt hier auf riesigen Distanzen Müll aus. Ich passiere eine Baustofffirma, einen Recyclinghof, einen Steinbruch und eine Schützengilde. Deutscher Industrieforst, hier ist nichts mehr von romantischer Walddichtung. Hinter dem Schießplatz kann ich durch die Weinberge wieder nach Norden abbiegen, zurück Richtung Ausgangspunkt der Wanderung. Es geht an einer Kleingartenanlage vorbei, in einem Garten steht ein weißhaariger Mann mit Karohemd und einer Pflanzschaufel. Im Vorbeigehen sage ich freundlich und süddeutsch „Grüß Gott“, der Rentner dreht sich wortlos um und nimmt vier Schritte Abstand.

Nein. Nicht alles so wie sonst.

Wissenschaftler sagen, dass die Krise sich locker bis Juni oder August erstecken könnte. Wissenschaftler sagen, ein Impfstoff dauere ein Jahr, nicht nur die Entwicklung, vor allem das behördliche Genehmigungsverfahren. Wissenschaftler sagen, dass die Welle, die wir jetzt sehen, die Leute seien, die sich vor 10 Tagen infiziert hätten, in den Ferien, in Köln, im Berghain. Wissenschaftler sagen, dass man die jetzigen Maßnahmen 10 Tage lang abwarten müsse, ob sie wirksam greifen, denn so lange dauere die Inkubationszeit. 10 Tage auf dem Jetzt-Stand abwarten, das macht wenigstens ein bisschen Hoffnung die eigene Lebensgestaltung betreffend.

Seit Samstag läuft auf meinem Rechner der Folding@home-Client. Ein bisschen was gegen das Virus kann ich tatsächlich tun, auch wenn ich nicht ganz verstehe, wie genau die Analyse des „Foldings“ von Eiweißmolekülen bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19 hilft. Aber wenn die Forscher in Stanford gerne meine ungenutzte Rechnerkapazität nutzen wollen, um komplexe Simulationen in einer dezentralen Computer-Cloud durchzuführen, dann ist das genau die Art von Digitalität, die uns durch diese schwere Zeit bringen könnte. Und ungenutzte Rechenpower hat der Gaming-Rechner ja häufig übrig. Vielleicht ja auch dein neues MacBook, liebe Leser*in.

Der Wald wird besser. Ich setze mich gegen 12 auf einen Stapel frisch gefällter Bäume und öffne die Vesperbüchse. Ich habe festgestellt, dass ich gerne auf Baumstämmen herumhocke, eventuell war ich in einer früheren Existenz mal ein Auerhahn. Am Kernenturm angekommen stelle ich mit großer Freude fest, dass der Albvereinskiosk geöffnet hat und Bier verkauft. Normalität! Ich erstehe ein Radler und setze mich in die mittlerweile ganz schön warme Frühlingssonne. Ich checke Spiegel-Online, hätte es bleiben lassen sollen. Die Bundesregierung kündigt die Schließung aller nicht systemwichtigen Läden an. Nix mit Wirksamkeit abwarten.

Ich kann es nicht einschätzen: Ist die Welt so bedroht, dass es keine andere Wahl gibt, als die Spirale der ungewöhnlichen Maßnahmen täglich hochzudrehen? Liegt es daran, dass die Umfragen ergeben, dass die Bevölkerung immer den/diejenigen favorisiert, der/die die weitestgehenden Maßnahmen erlässt, weil sie sich davon die starke Führungspersönlichkeit erhofft, die/der sie rettet? Sitze ich schon übermorgen auf Wochen in meiner Wohnung fest, und starre vom Fenster aus auf Bundeswehr-Patrouillen?

Meine Freiheit im Rahmen der westlichen Rechtsordnung war mir immer das höchste Gut. Mir wurde als Kind in der Schule beigebracht, dass diese Freiheit unser Ideal gegen die minderwertigere Weltordnung des Kommunismus darstelle. Es ist erschreckend, wie schnell dieses Gut verschwindet. Ich muss im nächsten Jahr aufhören, meinen Schülern Bullshit zu erzählen. Als es an der griechisch-türkischen Grenze losging mit der Aussetzung von Rechten, da war das weit weg. Jetzt kriecht es einem in den Nacken.

Normalität.

Ich steige mit der halben Radlerflasche auf den Kernenturm und blicke auf das weite Umland. Bombastisches Wetter, klare Sicht. Unwirklich. Ein junger Typ kommt nach einigen Minuten hinzu, wir unterhalten uns eine Weile sehr angeregt und nett. Student in einer Verbindung, keine schlagende, keine Burschenschaft, eine singende Verbindung, ja auch viele Frauen. Singen finde ich sympathisch. Er schreibt gerade seine Bachelor-Arbeit in Philosophie. Wollte heute auch auf alle Fälle wandern, ob man es von hier in einer Stunde bis Esslingen schafft? Locker. Ja, der Kiosk ist offen. Klasse, oder?

Ein Gespräch lang Normalität. Aber wir halten auf der Turmkrone zwei Meter Abstand.

Unsere Lebensweise an der Spitze der globalen Nahrungskette ist offensichtlich sehr zerbrechlich. Wir brauchen eventuell erst eine pandemische Krise, um das zu begreifen. Ich fürchte nur, dass diese Erfahrung und die Kosten der Corona-Krise alle anderen Krisen und Probleme unserer Gesellschaft negieren und aus dem Bewusstsein wischen werden. Klima retten, Humanitäre Grundsätze, Partnerschaftlichkeit in Europa: Können wir uns ab jetzt alles nicht mehr leisten. Der Nationalstaat richtet es doch besser, so wie 1914 oder 1933.

Tatsächlich habe ich vor dieser Idee in den Köpfen mehr Angst als vor einer Infektion mit dem Virus.

Das sollten wir alle, sie könnte weitaus tödlicher sein.

Ich gehe zurück. Ungefähr an der Stelle, wo ich am Morgen Distanz-Daddy und Grüffelo getroffen habe, kommt mir eine Mutter mit Kleinkind entgegen. Deja vu, kenn ich doch schon. Aber ich irre. Sie ist blond, der Kleine ist hellbraun und interessiert sich brennend für die Pferdeäpfel auf dem Kiesweg. Die Mutter versucht ihn mit Engelszungen davon zu überzeugen, dass es keine gute Idee ist, in Pferdekacke herumzustochern.

Als ich die beiden passiere, wirft sie mir ein sehr, sehr freundliches „Hallo“ entgegen.

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1 Kommentar

  1. Es ist wirklich alles extrem surreal und beängstigend. Andererseits finde ich es auch gut, wie viel durch die Regierung gerade getan wird. Wie las ich neulich so schön: Wenn wir nachher alle sagen, es sei übertrieben gewesen, hatten die Maßnahmen Erfolg. Und wenn ich mir durchlese, wie es in Norditalien aussieht, dann kann man gar nicht genug tun. Zumal es offenbar nur mit Verboten geht, weil der gesunde Menschenverstand hat Pause, offenbar. Hamsterkäufe auf der einen Seite und „diese Woche aber noch mal Party“ auf der anderen. Seufz. Das mit deinen geplanten Aktionen tut mir aber trotzdem sehr leid 😦 . Ich hoffe du findest noch was Schönes, was du von daheim aus tun kannst. Und wenn du es mal mit der neumodischen Welt der Online-Rollenspielrunden versuchen willst, sag Bescheid. 🙂

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