Tag 7 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 6 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 4 nach der Schließung der Grenzen, Tag 3 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind.

Noch können wir uns frei bewegen. Genießen wir zumindest das Gefühl, auch wenn ich mich selbst ziemlich an das Haus binden werde. Gestern konnte ich die Hamsterprobleme in den Geschäften mit eigenen Augen und einem leichten Gruseln bestaunen. Auf meinem Zettel standen betont nur die Dinge, die auch in normalen Zeiten fällig geworden wären. Erster Eindruck im Laden: Es gibt genug Zeug zu kaufen. Aber bestimmte Regale sind entsetzlich leer.

Wenn man im Kapitalismus aufgewachsen ist, dann verinnerlicht man das Gesetz von Angebot und Nachfrage, und auch den Teil des Gesetzes, der besagt, dass man Nachfrage beim Kunden erzeugen kann und muss. Mit Werbung und mit einem breiten, attraktiven Angebot. Von allem. Ich kann mich nicht erinnern, jemals auf ein leeres Wurstdosenregal geblickt zu haben. Aber nur die billigen. Die Luxus-Biodosen vom regionalen Anbieter gab’s noch. Halt, doch: Als 1984 Tschernobyl in die Luft flog, da war Milchpulver und Dosennahrung plötzlich knapp. Aber damals ging ich noch nicht selbst in den Supermarkt. Seitdem ist es ein allgemein erwartetes Zeichen der westlichen Welt, dass die Märkte prall gefüllt sind mit einem äußerst breiten Angebot.

Im Moment verfüge ich noch über 3,5 Rollen Klopapier.

Heute sieht es im Laden ein wenig aus, wie in der DDR. Es gibt immer genug, um auf seinen Kalorienbedarf zu kommen, aber man weiß ganz genau, was man mit ziemlicher Sicherheit nicht bekommen wird. Private Seilschaften geben Nachbarn und Freunden Bescheid, wenn es irgendwo unerwartet wieder Südfrüchte Klopapier gibt. Heute mit Whatsap, in der DDR schickte man damals einfach jemand auf Rundreise durch den Bekanntenkreis. Was haben wir uns über dieses Wirtschaftssystem in der Wendezeit lustig gemacht. Klar, dass die Ossis nie Pfirsiche kriegten, bei ihrem völlig bekloppten Wirtschaftssystem. Heute habe ich das Gefühl: Eine Hamsterkrise bring unsere Lieferketten auf den selben Stand, mit anderen Warengruppen.

Gestern versuchte ich aufgrund meiner Erfahrungen im Supermarkt den Lifestream von Julia Klöckner zu verfolgen, scheiterte aber nach 5 Minuten an der Modulation und Rhetorik unserer Ministerin. Ich konnte mich nicht lange genug geistig wach halten. Aber immerhin bekam ich mit, dass die Versorgung mit Kartoffeln gesichert sei, so die Ministerin.

Gute alte Deutsche Traditionen.

„Drohn unsere Feinde noch so viel
Uns mit der Hungersnot Graus
Wir machen die letzte Kartoffel mobil,
Wir Deutschen, wir halten es aus.“

Obiges kleine Propagandegedicht aus dem Jahr 1917, sollte wohl Zuversicht verbreiten: Die Kartoffel ist uns sicher. Vermutlich ist es wohl das misslungenste Kriegspropaganda-Plakat aus Deutscher Hand, das ich kenne. Wenn nun schon die Kartoffeln in den Krieg müssen … das weckte wenig Zuversicht im dritten Kriegsjahr. Übrigens, die Produktion von Kartoffeln war die einzige Agrarleistung, die die NSDAP in ihrer dreizehnjährigen Herrschaft tatsächlich einigermaßen (sehr moderat) steigern konnte. Und wie schallt es so schön in den Nostalgiedokus zum Alltag in der DDR: „Kartöffln hamwer imma gehobt.“ Kartoffelsicherheit ist also unser Signature-Move wenn die Schiffe Lecks bekommen. Kein Spitzname auf uns ist daher passender als „du Kartoffel.“

Mein Problem sind allerdings nicht Kartoffeln, sondern Papiertaschentücher.

Als ich gestern einkaufen ging, hatte ich noch zwei Päckchen im Haus. Als Hausstauballergiker schniefe ich immer ein wenig herum. Taschentücher sind für mich schon irgendwie Komfortzone und die meisten meiner Freunde wissen, dass ich in meiner linken Gesäßtasche nie das Handy, aber immer Taschentücher stecken habe. Taschentücher gab’s gestern nicht mehr. Auch keine Küchenrolle. Die Irren, die jetzt das Einkaufsverhalten der Deutschen dominieren, nehmen das offensichtlich als Ersatz zum Arsch abwischen, falls die 116 Rollen Klopapier in ihren Wohnungen alle werden.

Nach dem Supermarkt fahre ich also zum Drogeriemarkt eine Gemeinde weiter, in einer seltsamen Mischung aus Katastrophentourismus, Zeit-hab-ich-eh und dem festen Willen, auch am Wochenende noch etwas zu schneuzen zu haben. Natürlich bestätigen sich meine Erwartungen. Keine Taschentücher in der Drogeriemarktkette. Nebenan ein Supermarkt: Keine, ich wiederhole; KEINE Taschentücher. Konsterniert fahre ich nach Hause. Der Kapitalismus ist offensichtlich angreifbarer, als er bisher von sich selbst glaubte.

Vor einigen Stunden haben wir den 10.000 bestätigten Infektionsfall hierzulande gemeldet bekommen. Der Ton der Durchsagen wird ernster. Gerade werden in leeren Hallen Notversorgungszentren hochgezogen. Wow. Im Januar haben die Nachrichten-Kommentator*innen das, als es die Chinesen anfingen, noch mit süffisantem Tonfall als Kennzeichen des schlechten Krisenmanagement des chinesischen Apparats angesehen. Der süffisante Tonfall ist jetzt weg. Nun haben wir den zunehmend düsteren Tonfall, man schwört die Bevölkerung darauf ein, dass es bitter wird. Das Robert-Koch-Institut gibt bekannt, dass in zwei bis drei Monaten 10 Millionen Infizierte möglich sein könnten. Auf den Nachrichtenseiten häufen sich inzwischen Berichte von teilweise schwer kranken Leuten, die ihre absurd anmutende Odyssee durch die lokalen Gesundheitssysteme erzählen, um sich auf den Erreger testen zu lassen. Irgendwie zwischen Schilda und Kafka werden sie mit hohem Fieber im Kreis herumgeschickt, Hausarzt, Krankenhaus, Gesundheitsamt, Corona-Zentrum, Hausarzt. Auch in der Pressekonferenz des Instituts werden Bürgermeister*innen und Landrät*innen eindrücklich aufgefordert, die Gesundheitsämter in die Lage zu versetzen, den Erfordernissen der Situation nachzukommen. Die Regierung beweist inzwischen Handlungsfähigkeit, aber die lokalen Behörden scheinen teilweise noch nicht in der Lage zu sein, sich in die Handlungsfähigkeit einzureihen. Das war vor fünf Wochen, als es nur um Anträge, Strafzettel und Baugenehmigungen ging, nicht so tragisch. Jetzt ist es das. Und brandgefährlich.

Am Nachmittag gestern treffe ich mich mit engen Freunden. Man soll ja nicht, aber wir alle haben Sorge, dass man sich lange nicht mehr sieht. Und Freunde machen tatsächlich, dass dieses Gefühl in einem echt seltsamen Film zu sein, ein wenig weg geht. Meine Freunde wetten mit mir, dass man in Kornwestheim noch Taschentücher bekommt. Sie haben Mitleid mit meiner Krise. Ich halte dagegen. Beweise liefern nur die Praxis. Erster Halt, Drogeriemarkt, die selbe Kette wie in Fellbach: Keine Seife, keine Beef-Jerkeys, keine Taschentücher. Daneben: Der Supermarkt: Keine Taschentücher. Aber ich erstehe eine Dose gefüllter Weinblätter. Weil ich’s zum Abendessen lecker fände. Schon triumphiere ich. Der letzte Versuch: Gegenüber ist ein edler Bio-Markt. Und hier: tatsächlich, es gibt noch Taschentücher. Ich widerstehe dem Hamsterdrang, kaufe eine 15er-Packung, betont so wie immer. Weil ich den Hamstern in unser Mitte, Nein, nicht Corona, aber explosionsartigen Dünnschiss bis zum Ende der Krise wünsche.

Kornwestheim 1, Fellbach 0

Der Moderator Jan Böhmermann hat zu Anfang der Hamsterkäufe geäußert, dass beim irrationalen Raffen eventuell eine soziale Komponente zu beobachten sei. Discounter seien heftiger geplündert als teure Anbieter. Da könnte was dran sein, wenn ich meine zugegebenermaßen sehr stichprobenartige Einkaufserlebnisse vergleiche. Böhmermann wurde übrigens für diese Aussage im Netz von Rechten heftig angegriffen. Egal, wir haben andere Probleme, oder?

Das ist bis jetzt ein sehr negativer Eintrag. Es tut mir auch leid, der alte Witz ist weg oder er ist sehr giftig geworden. Es entspricht leider gerade meinem Gefühl. Bis jetzt ging es mir in meinem Freistellungsjahr „fantastisch“, das war völlig ernst gemeint. Gerade fühle ich mich bedrückt und wenig optimistisch.

Heute Abend spricht die Kanzlerin zur Nation. Zum ersten Mal außerhalb von Neujahr.

Kommen wir zu positiven Dingen in diesen Zeiten. Was im Netz gerade passiert, zeigt, dass so etwas wie eine digitale Gesellschaft wächst. Social Distancing über Social Media. Viele Podcaster*innen und Bloger*innen erhöhen ihre Sendefrequenz, um Kontakt, Community und Unterhaltung in der selbst zu gestaltenden Isolation zu bieten. Zahlreiche Künstler*innen aus E und U bieten mangels anderer Möglichkeiten Live-Lesungen, streamen Konzerte oder sind anderweitig öffentlich aktiv. In allen Städten ploppen Freiwilligen-Börsen auf. Möglicherweise ist dieses Online-Netz der Solidarität unter Mitbürgern etwas, was man vorsichtig als Chance aus der Krise bewerten kann. Natürlich muss man nur fünf Minuten Facebook und YouTube-Kommentare aus der Ecke der Hassschergen konsumieren, um mit dem Zweifeln anzufangen, aber für den Moment braucht dieser Blog Optimismus.

Mitmachen ist die Devise. Konsumieren können wir schon gut, aber beim Kommentieren, Content Produzieren, selber aktiv Werden hat der Deutsche im Netz noch große Hemmschwellen. Aber Leute, geht wenigstens in die Lifestreams, macht euch sichtbar, meldet euch auf Freiwilligen-Portalen an. Vermutlich kommen auf jede alleinstehende Oma ohne Kinder diverse hilfswillige Home-Office-Menschen, aber eine Äußerung der Solidarität ist nie vergebens. Und spendet oder crowdfundet die zahlreichen Künstler*innen, die jetzt der Privatinsolvenz ins Gesicht blicken. Um die wird man sich nach der Krise als letztes kümmern. (ok, gut, das stimmt nicht: als vorletztes. Ein Platz vor den Flüchtlingen.) Aber diese Gruppe, der unsere Gesellschaft ganz besonders viel zu verdanken hat, benötigt am dringendsten den Support der zivilen Gemeinschaft. (Stimmt nicht: Am dringendsten brauchen den die Leute im Gesundheitssystem, von denen alle Rettung erhoffen. Aber gleich danach: die Kulturschaffenden.)

Soviel für heute. Bin gespannt, ob meine Kanzlerin mir nachher Optimismus vermittelt.

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