Tag 17 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 16 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 14 nach der Schließung der Grenzen, Tag 13 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 6 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Mein Leben hat sich quasi virtualisiert. Die Anzahl der gleichzeitig nebenher laufenden digitalen Kommunikationsinstrumente auf allen Ebenen des Rezeptionsdreiecks ist ungleich höher als in Friedenszeiten. Mittlerweile beende ich, wenn ich am Rechner gerade nicht gestört werden will, diverse Hintergrundprozesse von „Hallo-hier-bin-ich“-Programmen. Discord empfinde ich als besonders aufdringliches Exemplar seiner Gattung, das sich bei jedem Hochfahren in den Vordergrund spielt und diverse Gamingmäuse von mir bestätigt haben will. Ja, ich weiß dass ich die Startup-Routine von Windows bearbeiten kann, aber ich finde es befriedigender, das Programm noch während des gierigen Nachfragens mit Hundeblick über den Taskmanager zu erschießen.

Mittlerweile spiele ich per Videochat Rollenspiel (2x), per Netz Koop-Games und habe einen Online-Literaturlesekreis (der hoffentlich noch lange lebt, weil er sehr schön ist). Battlefield hat jeden Donnerstag neue wöchentliche Challenges der aktuellen Season, Jimmy Fallon streamt täglich seine Late Night Show aus dem Wohnzimmer, der Rolling Stone stellt jeden Tag ein Quarantäne-Konzert von bekannten Musiker*innen online, Jan Böhmermann twittert alles zur Krise was klug und/oder witzig ist, archive.org hat mittlerweile 20.000 alte VHS-Kassetten digitalisiert und bietet von Disney-Zeichentrick-Klassikern bis hin zu obskursten Videos glänzende Nerdunterhaltung.

Manchmal glaube ich, dass mein Leben nur noch ein extrem detaillierter Walking-Simulator ist, der eine Lehrerwohnung echt gut in der Unreal-Engine nachgebaut hat. Oder eine weitere seltsame Wendung in der Stanley-Parable. Ok, ich kann schmecken und riechen, das spricht dagegen, dass ich einfach nur Mitte März vergessen habe, die Oculus-Rift abzulegen.

Ich muss morgen wohl dringend mal spazieren gehen.

Man muss natürlich gestehen, dass der Kontakt zu Freunden im Videochat einigermaßen das echte Treffen ersetzt. Natürlich bleibt er ein etwas hilfloser Ersatz. Aber er hilft, sich nicht ganz aus der Welt gefallen zu fühlen.

Ausgleich besorge ich mir beim KKT, das beschlossen hat die Schließung des Spielbetriebs für diverse Renovierungsarbeiten zu nutzen. Wege für ehrenamtliche Tätigkeiten darf man offensichtlich noch zurücklegen. Mein neuestes Werk ist ein neuer Kloboden (lies und sprich: Klo-Boden) aus blauer Kunststofffarbe (drei ef!), der eigentlich ganz hübsch geworden ist. Kloboden kleistern statt Kreml kucken. Super gelaufen.

Ich sollte nicht klagen. Es gibt Leute, die wirklich in der Scheiße stecken. Das betrifft vor allem zahlreiche Künstler*innen, deren verzweifelte Anrufe ich im KKT mit einem Ohr mitbekomme, und die über 300 Euro Soforthilfe froh sind, weil man damit den Kühlschrank erst mal wieder auffüllen kann. Ein wenig zerreißen mir diese Zustände das Herz. Noch übler dran sind diverse deutsche Segler*innen im Ausland, vor allem die, die in der Karibik gestrandet sind, so paradox sich das anhört. In vielen Staaten dürfen sie als Deutsche nicht an Land gehen, auch nicht um sich zu versorgen und im Mai beginnt die potentiell für Yachten tödliche Hurricane-Saison. Flüge zurück gibt es keine, dazu müsste man darüber hinaus das Schiff aufgeben, die Rücksegelung über den Altlantik ist hoch gefährlich, weil man keine Crew einfliegen darf und mit der seglerischen Aufgabe alleine wäre. Während der Deutsche Pauschalurlauber aus seiner Beton-Bumsburg von der Regierung medienwirksam ausgeflogen wird, sitzen diese Leute also wirklich in der Falle. Die Betroffenen haben eine Petition gestartet, die man hier unterstützen kann. 700 Unterstütz*innen in 5 Tagen heißen aber wohl tatsächlich, dass diese Leute der Welt ziemlich egal sind. Wenn ihr helfen wollt: unterzeichnet und teilt die Petition.

Wieder kein fröhlicher Eintrag. Mist.

Probieren wir’s damit:

Du weißt, dass du am Hüttenkoller leidest, wenn …

… du deinen Freunden beim Videochat Chips anbietest.
… du in Betracht ziehst, ein Onlinetutorial für Haareschneiden anzusehen.
… du dich freust, wenn der Boden endlich wieder eingestaubt ist.
… du neuerdings gerne mit den AfD-Nachbarn von Nebenan plauderst.
… der wöchentliche Einkauf bei Rewe nach Freiheit schmeckt.
… eine Schlafanzughose dich kleidungstechnisch durch den Tag bringt.
… du das Gefühl kriegst, von gutem Wetter verspottet zu werden.
… du deinem Staubsaugroboter einen Namen gibst und ihm eine Schüssel mit Milch vorsetzt.
… du auf Youtube nach „corona funny video“ suchst.
… du Freunde um einen pflegeintensiven Garten vor dem Haus neuerdings beneidest.
… du Kinder hast und es nach zwei Tagen bereust jemals diese „Schließt-die-Schulen“-Petitionen gezeichnet zu haben
… du Pressekonferenzen mit Markus Söder plötzlich interessant findest.
… du dir einen Essensplan für die ganze Woche machst und deine Mahlzeiten jeden Tag fünf Minuten auf der Uhr weiter nach vorne wandern.

Wenn alles nicht mehr hilft, kann man sich ja momentan immer noch den Battle zwischen Markus Söder, Armin Laschet und Jens Spahn betrachten, die gegenseitig versuchen als starker Mann aus der Krise hervorzugehen. Popcorn muss jeder selbst mitbringen. Nur wer täglich Maßnahmen vorzuweisen hat, wird am Ende als Sieger der Volksgunst aus der Arena laufen. Ich denke daran, eine Art Punktesystem für die drei zu entwickeln und daraus ein Beat’em up zu basteln. Sperrung einer Kreisstadt: 300 Battlepoints! Maßnahmenkatalog mit Geldbußen: 450 Battlepoints! Jens Spahn kann auch nach Wochen noch keine Schutzausrüstung liefern: – 399 Battlepoints! Jens Spahn ist von einem Meldesystem per Fax aus den Landkreisen abhängig: SÖDER WINS! Get ready for Round 2!“

28.03.2020, 17:08: 53.380 Infizierte, 399 Tote, 6.658 Gesundete.

Hmmm – Zynismus macht die Welt irgendwie nicht heiterer. Na ja, am Ende kommen wir da irgendwie wieder raus. (Also vermutlich fast alle von uns.) Und mein Gott, wird sich dieser erste Tag in Freiheit geil anfühlen. Ich will mich dann unmittelbar mit Leuten zusammenrotten und in der Öffentlichkeit tanzen.

Der schönste Tag des Jahres steht eigentlich jetzt schon fest.

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