Das Durchschnittsalter ist 68,9 Jahre. Die Jüngste im Bunde ist mit 40 Jahren eine Strafrechtlerin, der Alterspräsident Martin Walser kommt mit stolzen 95 Jahren daher, und ja, wenn man so rechnet, dann wurden vorgestern vom hohen Thron von 1930 zusammengesammelten Lebensjahren herab die sozialen Medien in Aufregung versetzt.

Einige Blätter schrieben von „Intellektuellen“, die seriöseren nannten die Unterzeichner’Innen „Prominente,“ was wesentlich präziser ist. Ein konservativer Kabarettist, eine Ex-Grüne, eine Prenzelberg-Autorin, ein egomanischer Schauspieler. Gemeinsamkeit: Alle finden den Krieg schlimm. Alle finden, dass die Ukrainer durchs beharrliche Widerstand-Leisten, das Ganze noch verschlimmern. Besser, die kapitulieren. Alle wollen, dass bloß keine militärische Hilfe gegen Russland läuft, weil sonst steht’s übel um Deutschland.

Alle sind irgendwie alt.

Dass der offene Brief, erschienen in der Hauspostille der geschlechtsidentitär gefestigten älteren Bürgersfrau (der „Emma“), ein Unding gegenüber den Menschen in der Ukraine ist, haben inzwischen andere auf klügere und feinsinnigere Weise, als ich es könnte, entlarvt. Der Schrieb, und damit komme ich zum Thema, ist auch weniger ein Zeugnis des durch den neuen russischen Faschismus ausgelösten Zeitenbruch, als viel mehr eines für die Befindlichkeitslage der alten BRD. Ein peinliches Psychogramm meines Landes, wie es jenseits von Geldsorgen und faltenfreien Gesichtszügen aussieht.

Alte Menschen, die sich verzweifelt an die Trümmer einer von der Zeit zerschlagenen Epoche klammern, in der irrsinnigen Hoffnung, man könne sie kitten.

Szenenwechsel, Straßenbahn in Stuttgart. Zwei Menschen – beide nicht allzu alt – sitzen entgegen der Vorschrift ohne Maske da und lassen sich auch von den Mitfahrenden nicht zum Tragen derselben bewegen. Sollen von meiner Seite her den Noro-Virus fangen und statt in der U auf der Schüssel hocken! Der Fahrer sitzt hermetisch abgeschirmt hinter einer vermutlich kugelsicheren Scheibe. Beim Umsteigen entdecke ich einen älteren Typen in einer Uniformweste auf der „Begleiter öffentlicher Nahverkehr“ (oder so ähnlich) steht und spreche ihn auf das Problem an.

Nein, das sehe man ja jetzt nicht mehr so eng wie letztes Jahr
Ja, sicher sei das eine gesetzliche Vorschrift, aber das sehe man alles jetzt nicht mehr so eng.
Ja, aber eigentlich sei er auch gar nicht beim VVS sondern von der DB.
Ja klar sei er Nahverkehrsbegleiter, aber trotzdem.
Ja, das Problem sei nämlich, dass Deutschland nicht mehr richtig deutsch sei, so wie früher, da läge doch der Hund begraben.

An dieser Stelle breche ich das Gespräch ab. Auch weil euer Angestellter nach Alkohol roch, liebe DB-AG. Aber vor allem wegen Rechtsextremismus.

15 Minuten sitze ich in einem Wartezimmer, ein junges Mädchen wird aufgerufen. Sie hat – etwas undurchdacht – dicke Kopfhörer auf und hört zunächst ihrem Namen nicht, bis die Arzthelferin insistiert. Gegenüber sitzt ein Greis mit Gehstock und ruft völlig uneingeladen und im breitesten schwäbisch in die Runde: „Isch doch klar, dass die nix hert, mit ihre Kopfherer und dem fedda Arsch!“ (Sagt mir in den Kommentaren, falls ich das ins Schriftdeutsche übersetzen muss). Einige lachen. Ich verdrehe die Augen, sage aber nichts.

Bis heute hasse ich mich dafür.

Warum fehlt mir bei derart spontanen Übergriffigkeiten aus dem Mund von welkem Fleisch der Mut und die Schlagfertigkeit? Irgend etwas wie „Wenn man aussieht, wie ein brüchiger Schuh aus dem 12. Jahrhundert, den man aus einer Sickergrube kratzt, dann sollte man andere Menschen nicht aufgrund ihres Körpers herabsetzen!“ Vielleicht auch einfach nur kürzer „Opa, Reichsparteitag ist vorbei.“ Oder wenigstens irgendwas.

Was haben der offene Brief aus den Resten der Bonner Republik, mein rechtsradikaler DB-Beschäftigter und das alte Ferkel beim Arzt mit der momentanen Weltlage zu tun?

Sie scheinen mir alles Symptome für eine Krankheit, die dem Planeten Fieber macht und damit auch das gesamte globale System in eine tiefe Krise stürzt: Die Gerontokratie, die Terrorherrschaft der Greis*Innen, die jungen Menschen Zukunft und Lebensqualität wegfrisst. Dass nichts gegen den Klimawandel getan wurde, bis er laut jüngstem IPCC-Bericht kaum noch abzumildern ist, dass man jahrzehntelange mit einem belligerenten Diktator günstige Lieferverträge abschloss, der letztendlich die Existenzberechtigung Westeuropas bestreitet, dass man Corona einfach auf gut Glück frei rennen lässt, dass man mit dem Starrsinn eines todkranken Familenpatriarchen an Mechanismen festhält, die längst vom Fluss der Zeit ad absurdum geführt wurden: zum größten Teil das Werk von alten, mächtigen Menschen, die sich gegen den Eintritt der Realität in ihre Ideologie wehren.

„Wenn du dich auf eines verlassen kannst, dann darauf dass die Welt jeden Tag ein bisschen beschissener wird,“ schrieb jemand in meinem Twitter-Feed vor einigen Tagen.

Mir macht diese Erkenntnis sorgen. Weltgeschichtlich und persönlich. Ich werde nächsten Monat 49 Jahre alt (ging irgendwie schnell). Viele sagen, ich hätte mich ganz gut gehalten, ich versuche, am Puls der Zeit zu bleiben, höre aktuelle Musik, versuche nicht den Anschluss an die Gegenwart zu verlieren. Was aber, wenn scheiße Werden im Alter eine Zwangsläufigkeit ist?

Also, auch für mich?

Was aber, wenn all die Walsers, Meys, Vollmers, Kluges, Nuhrs, Dresens nicht einfach persönlich einen an der Banane haben, sondern wir alle kleine missgünstige Wunschträumer werden, wenn die Welt nicht mehr der unserer Jugend entspricht, und wir dann zu fatalen, für andere verheerende Fehleinschätzungen der Lage kommen, zudem am Machthebel sitzend, die wir im Grunde nur aus Selbstsucht, Megalomanie und eigener Ehrenkäsigkeit treffen? Gegen die vernünftigeren und klügeren Ideen der kommenden Generation, die wir aber mit unseren altbackenen Illusionen in den Abgrund der Geschichte reißen?

Was, wenn ich auch so werde?

An alle, die mich kennen: Weist mich rechtzeitig darauf hin. Ich möchte kein beschissener alter Mensch werden, der es nicht mehr blickt, aber noch immer den Diskurs bestimmen will.

Viele haben geschrieben, Ranga Yogeshwar hätte sie am meisten enttäuscht. Bei mir ist es Gerhard Polt und die Biermösel Blosn.

Schämt euch.

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