Hervorgehoben

Nun, ich habe eine Website.

Update, 18.11.2019

Etwas weniger als ein halbes Jahr läuft jetzt mein Blog. Er ist technisch noch immer laienhaft, aber er tut das, was ich mir versprach: Er fasst meine Erlebnisse in diesem Auszeitjahr zusammen und bietet mir eine Plattform, Dinge zu dokumentieren und Ideen und Gedanken zu verschriftlichen.

Ob du selbst als Lehrer*in mit Sabbatical-Plänen nach Erfahrungsberichten suchst, ob du hier reingestolpert bist oder ob du mich persönlich kennst und gerade wissen möchtest, wo Achim steckt und was er treibt: Fühl dich eingeladen hier zu lesen. Wenn du’s gut findest, dann like es, sobald du online aktiv bist wirst du leider geil auf Clicks. Wenn du es noch besser oder ganz schrecklich findest, dann kommentiere es.

Inzwischen im Freistellungsjahr angekommen kann ich folgendes Zwischenfazit ziehen: Die beste Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe. Denn das eigene Leben ist tatsächlich ein sehr, sehr schöner Ort. Man neigt nur dazu, ihn im Alltag zu vergessen.

Originalpost, 20.07.2019

Eigentlich möchte ich dokumentieren, was mir dieses Jahr bringt.

Im Moment sitze ich aber eher da und versuche mich in die Gestaltung dieses Blogs einzulernen. Irgendwie ziemlich sperrig, und ich stehe ganz am Anfang. Im Grunde schreibe ich diesen Eintrag nur, weil mir das Tutorial hier vorschlägt, ich solle meinen ersten Blog-Content nun schreiben.

Und dabei hat mein Sabbathjahr noch gar nicht angefangen. Es ist einfach nur ein verdammt schwüler Juli-Sonntag,

Da ist er wieder, der ewigwährende Zwiespalt: Eigentlich strebt Mann (Mitte Vierzig, bindungslos, wills noch mal wissen) nach Selbstbestimmung und Selbstentfaltung, und stellt dann fest, dass er Dinge tut, weil es ihm eine Software empfiehlt.

Ob ich aus dieser Falle noch einmal entwischen kann? Erste Befürchtungen machen sich breit, zum Beispiel die: Ich sauge mir einen Text aus den Fingern, und mit einem Klick ist alles weg.

Es hilft nichts, Mann-der-es-wissen-will. Du musst es nun wagen abzuspeichern.

Querhenken

Wer dachte, eine Maske sei ein Schutzmechanismus, der wurde in der letzten Woche vom Kultusministerium aufgeklärt. Aber nicht, weil die Zahlen explodieren und uns allen eindringlich zeigen, dass der Frühling nur der Anfang der Pandemie war. Sondern weil eine Mund-Nasen-Maske an einer baden-württembergischen Schule eine Gefahr für die Gesundheit darstellt.

Absurd angesichts der breiten Überzeugung innerhalb der Wissenschaft zur lebensrettenden Wirksamkeit der Alltagsmasken? Sicher. Aber wenn Eltern massiv genug auftreten, dann wird an der Maske herumgedeutet. Es ist bald Wahl und auch Querdenker gehen zur Urne. Das erzeugt behördlichen Irrsinn. Während also bei uns bis zum 16.10. galt, dass im Unterricht das Tragen einer Maske freiwillig war, aber auf dem Schulhof in der Pause obligatorisch, außer man aß oder trank etwas, gilt seit kurzem, dass im Unterricht die Maske verpflichtend getragen wird, aber in der Pause nicht mehr, um Schädigungen durch die Maske am Kind zu verhindern. Bei Unwohlsein darf das Kind 10 Minuten ohne Maske vor sich hin aerosolen. Bei wiederholtem Unwohlsein nach Hause. Mir ist bei allem unwohl.

Ein Stück Stoff vor dem Mund als Gesundheitsgefahr, nicht als Gesundheitsschutz.

Die Minderheit in Deutschland, die immer noch nicht so Recht an Corona glauben will, tritt radikalsiert und extrem auf. Auch bei Schulleitungen. Wenn das Kind ab jetzt eine Maske tragen muss, dann geht es kaputt. So, basta. Ich schlage vor, in diesem Winter das Tragen von Schals und Halstüchern für Kinder zu verbieten, die erwürgen sicherlich die lieben Kleinen heimlich.

Wer bisher die Querdenker für liebenswerte Doofe gehalten hat, der sieht nun das Adjektiv wegfallen. Sie sind radikalisierte Doofe, von denen sich manche im heiligen Krieg befinden. Wären Sie Moslems, schon längst wäre die Straße voller Polizei. Da sie aber in vielen Fällen leider ziemlich nach Kartoffel aussehen, werden ihre Demos kaum beobachtet, wir kratzen lieber alle Einsatzkräfte zusammen und räumen damit ein einzelnes besetztes Haus. Verrückt? Ja.

Vor zwei Tagen wurden Brandsätze auf das RKI geschleudert. An einer Brücke in Minden symbolisch die Presse aufgeknüpft. Weil sie, die Presse, das Volk über Corona, Quanon, die linke Weltregierung, die Juden, Bill Gates belügt. In Berlin umzingelt ein maskenloser Mob am Wochenende Polizisten. Der Sturm auf den Reichstag war offensichtlich nur ein Anfang. Und die Zahlen steigen.

Und die Bildungspolitik? Irgendwie bekomme ich dieses Bild nicht los: Erich Honecker wäre der ideale Vorsitzende der deutschen Kultusminister*innen-Konferenz. Nicht falsch verstehen, dass ist kein politisches Bild, sondern ein psychologisches. Das betonierte „Weiter-so!“ für die Schule angesichts der Krise erinnert aber frapierend an die Realitätswahrnehmung des Politbüros im Angesicht des Zusammenbruchs der DDR. Es wurde entschieden, dass … sich nichts ändern darf und deswegen alles so funktioniert. Lüften reicht. Also lässt man das Virus Fakten schaffen, anstatt das selbst zu tun.

ich bin übrigens der Quarantäneanordnung am Freitag nur ganz knapp von der Schippe gesprungen. Weil sowohl die infizierte Person als auch ich die komplette Unterrichtszeit eine Maske trugen. Einfach so, freiwillig, eine Verpflichtung dazu gab es an diesem Tag noch nicht. Andere Kolleg*innen von mir hatten weniger Glück/Maske, die sitzen jetzt die Herbstferien über in Quarantäne. Weiter so! Der Präsenzunterricht in seinem Lauf, ihr kennt den Spruch.

Wie fangen wir die radikalisierten 10-20 % unserer Gesellschaft wieder ein? Wie schützen wir unser Land und unsere Gesellschaft gegen ihren Wahn, der zunehmende gewaltbereit wird? Ich habe keine Antwort, ich fürchte aber, ihnen Zugeständnisse zu machen, hat wie bei allen Extremisten wenig heilsame Wirkung.

Es wird ein langer, dunkler Winter.

Fenster auf, es ist Pandemie

Alle, alle, alle beschäftigen sich mit der Nummer-Eins-Lösung für meinen Infektionsschutz vor der Tafel: Das RKI, die Kultusministerkonferenz, jetzt sogar das Bundesumweltamt. Die Frage nach dem „richtigen“ Lüften bindet mehr Kräfte im Staat, als die Erreichung der Pariser-Klimaziele, die Erforschung des Quantencomputers oder die Untersuchung von Andi Scheuers Anitkompetenz-Politik.

Alle 20 Minuten oder alle 15 Minuten? 5 Minuten lang oder 10? Diese beiden Fragen fordern tausende Beamt*innen und Wissenschaftler*innen bis an Ihre intellektuelle Belastungsgrenze. Zwar wirkt die Optionenvielfalt in einer Gleichung mit vier Zahlen (20,15,5,10) überschaubar (ich glaube, es sind vier, oder?), aber immerhin muss jeder, aber auch wirklich jeder dazu eine Broschüre drucken und an die Schulen verteilen lassen.

Fenster auf. Muss reichen.

Denn das Fenster öffnen hat einen fantastischen unschlagbaren Vorteil: Es ist kostenfrei, man muss wie immer keinen Pfennig investieren. Außer in die Broschüre(n). Zum richtigen Lüften. Von allen, die eine Broschüre beauftragen dürfen.

Ich kriege bei dem Thema einen Hals, vor allem, da offensichtlich zahlreiche Behörden und Mediziner ein Bild von Lehrer*innen haben, das uns die Intelligenz eines toten Wasserschweins zuschreibt. Die Idee eines kompletten Luftaustausches ist physikalisch so simpel, dass sogar ich als Germanist und Historiker mir etwas darunter vorstellen kann. Und auch meine mit der 13. Klasse beendete Physikahnung sagt mir, dass die Frage, wann und wie ein kompletter Luftaustausch in einem Raum stattfindet, von einigen Faktoren mehr abhängt, als von der Frage, in welchen Intervallen man wie lange ein Fenster öffnet.

Ein differenzierte Blick auf das Physikphänomen „Luftaustausch“ bedeutet aber wieder: Kosten. Also bleibt es bei 20-15-5-10-Minuten Broschüren, die jeder, aber auch wirklich jeder per Pressekonferenz herumzeigt. Missachten wir die Frage, wie viel öffnungsfähige Fensterfläche der Raum hat. Im Verhältnis zum gesamten Rauminhalt, ist doch uninteressant. Missachten wir die Position dieser Löcher in der Wand und den Faktor, ob sie gegenüberliegend angeordnet sind oder nicht. Missachten wir lästige physikalische Größen wie Innen- und Außentemperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit. Wir bleiben als Verantwortliche und solche die es gerne wären stur bei: 20-15-5-10. Das ist simpel und man kommt in die Zeitung. Und alles andere wäre ja auch Wissenschaft und nicht Behörde.

Zu theoretisch? Beispiele aus meiner Praxis.

Heute morgen bei den 11ern. Es ist arschkalt im Raum. Das ist aber nicht das Problem, zumindest nicht für mich. Ich bin nicht so verfroren und habe auch kein Problem im dicken Wollpulli zu unterrichten. Ab demnächst werde ich mit Mütze, Fingerhandschuhen und Skiunterwäsche aufrüsten, es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Verfroren sind oft unsere Frauen, sowohl Schülerinnen als auch zahlreiche Kolleginnen, die aus dem Zittern gar nicht mehr rauskommen. Das verhindert Lern- und Lehrerfolge, aber das Leiden dieses etwas temperaturfühligeren Geschlechtes scheint mir ein vertretbarer Preis für einen höheren Infektionsschutz.

Nur, dass der bei meinen 11ern gar nicht stattfindet. BÄM, da ist sie die Message an das RKI, das Bundesumweltamt und an die Kultusministerkonferenz, wo immer sie gerade in wohlgeheizten Räumen tagen mögen. Durch das winzige Fenster in meinem großen Oberstufenraum kommt kaum Außenluft, deshalb – und nun fallt vor Entsetzen um – lasse ich es permanent, 90 Minuten lang, auf. Ich ersetze euren wochenlangen 20-15-5-10-Streit einfach durch das Wörtchen „immer.“ Atmet erst mal durch und fasst das. Die Heizung bollert (nimm das, Permafrostboden!), Mathilde aus der ersten Reihe zieht sich die von zu Hause mitgebrachte Fließdecke enger um die Schultern und versucht sich verzweifelt, bei all dem Lärm und Dieselgestank aus der vor dem Fenster liegenden Baustelle, bei 14 Grad Raumtemperatur auf die Souveränitätstheorie von Jean Bodin zu konzentrieren. Lernen kann sie so eher schlecht. Aber ich achte auf ihren Infektionsschutz. Immer.

Halt, das tue ich gar nicht. Denn – und da bin ich mir alleine durch Herumschnuppern in den Ecken des Raumes ziemlich sicher – einen Luftaustausch stelle ich in dem Riesenzimmer mit Zwergfenster auch mit 90-minütiger Dauerlüftung nicht her. Mathilde hätte einen gewissen Schutzeffekt, säße sie im Umkreis von ca. 7 Metern um das geöffnete Minifenster. Sie fröre zwar dann noch erbärmlicher, aber die Aerosole in diesem Bereich zögen wohl ab.

Leider nicht hinaus.

Der leichte Luftzug in den Raum hinein drückt die eventuell virenhaltigen Wassertröpfchen nämlich an die gegenüberliegende Raumwand. Dort – so vermute ich als Germanist – reichern sie sich an. Die Schüler*innen dort haben es etwas wärmer, bekommen aber mehr potentielles Infektionsrisiko ab. Fairer Ausgleich – oder?

Das war jetzt natürlich zynisch.

Aber es ist auch nicht zynischer, als sich monatelang mit Lüftungsregeln zu beschäftigen. Als Entscheidungsträger. Und zynisch und feige ist eine Scheiß-Kombi.

Hätte nämlich das Umweltbundesamt ein kleines bisschen Mut, hätte das RKI und die brillanten Kultusminister*innen aus dem geistigen Zwergstaat, in den sie das föderale System der BRD in den letzten Monaten verwandelt haben, ein kleines bisschen Mut, dann würden sie nicht nur Intervalle und Öffnungsdauern empfehlen bzw. vorschreiben. Dann würden Sie verbindliche Kriterien definieren, die ein Raum erfüllen muss, um für einen regelmäßigen Luftaustausch geeignet zu sein. Große, öffnungsfähige Fenster, gegenüberliegend. So mal kurz umrissen.

Aber dann, dann hätte man ja die vergangenen Monate seid Mai mit ganz anderen Aktivitäten füllen müssen, als mit Broschüren. Mit Umbaumaßnahmen zum Beispiel. Mit professionellen Luftfilterungsanlagen, falls man mal kein neues Fenster in die gegenüberliegende Wand bauen kann. Und das alles wäre viel teurer gekommen. Als ne Broschüre.

So wie all die anderen Dinge, die man in dem halben Jahr der Pandemie hätte tun können, um sich auf die berühmte „zweite Welle“vorzubereiten. Testzentren erweiterten, staatliche Labore gründen. Personal für Gesundheitsämter einstellen. Nicht nur 50 studentische Ferienjobber, sondern ein paar tausend. Den Rückreiseverkehr aus Risikogebieten im August europaweit gleich an der Ausreisegrenze testen, unter Quarantäne halten, schnell Ergebnisse mitteilen, durch hochgezogene Infrastruktur.

Für den Preis, den uns die bekackte Lufthansa kostet, hätten wir das alles gekriegt.

Oder eine Warn-App, die nicht teuer und schlecht ist? So wie die Iren? Gut, auf der anderen Seite stehen wir in Europa gar nicht schlecht da, abgesehen von ein paar illegalen Privat-Oktoberfesten in Bayern ist eventuell unser wertvollster Infektionsschutz eine relativ vernünftige und disziplinierte Bevölkerung. Aber immer mit einer gewissen Chance, dass die Bundesländer vernünftige gemeinsame Maßnahmen torpedieren, weil … weil … Ja, warum eigentlich? Weil gemeinsames Handeln schlecht ist?

Somit fühle ich mich und meine Schüler schlecht beschützt. Das ist allerdings für mich nach 20 Jahren Schule keine neue Erkenntnis. Neu ist, dass die Sparpolitik ab jetzt potentiell tödlich für mich sein kann. Ich hoffe einfach, dass ich es bis zu den Herbstferien ohne Infektion oder Quarantäne schaffe. Wäre noch eine Woche, ab da explodiert die Exponentialfunktion sowieso und unsere nationale Landkreiskarte schaltet auf spanische Nationalflagge. Tod eines Handlungsreisenden, Hauptsache ohne Beherbergungsverbot. Vielleicht halte ich mich ab jetzt im Klassenzimmer einfach öfter und länger an meinem Winzfenster auf. Sollen doch meine Schüler*innen die Aerosole wegatmen, die sind jung und stecken das eher weg.

20-15-5-10

P.S.: Die Rubrik „CORONation“ ist wieder eröffnet. Dumm gelaufen.

Der Frodo aus der Vorstadt

Manchmal stößt man im Internet auf interessante Links. Zum Beispiel auf ein Marktforschungs-Unternehmen, das sich ganz auf die Analyse der Gamer*Innen-Szenen spezialisiert hat. Zunächst rechne ich mit einer relativ dumpfen „Auf-einer-Skala-von-1-10“-Umfrage, dann finde ich ein relativ kluges Tool, dass algorithmisch von meiner Selbstklassifizierung („Hardcore-Gamer mit fetter Hardware“) und den letzten von mir als gut befundenen Spielen mich als Zocker durchleuchtet.

Rückblende:

Weihnachten 1984. Wie immer geht es kurz vor den Feiertagen mit dem Opel Richtung schwäbische Alb. In Göppingen wohnt meine Patentante samt Family, da kommt man regelmäßig vorbei. Die gute Seite: Man bekommt schon mal Geschenke vor Heilig Abend. (Die sind allerdings oft pädagogisch angehaucht, meine Tante war Lehrerin). Die schlechte Seite: Mir ist in diesem Reihenhaus dort oft unendlich langweilig. Mein Cousin ist vier Jahre älter. Das ist, wenn man 11 ist, eine Welt. Meine Cousine ist vier Jahre jünger. Das ist, wenn man 11 ist, eine Welt.

Erste Rettung war die Lustige-Taschenbuch-Sammlung meines Cousins. Das trug mich durch die Jahre 6-10. Lesen konnte ich schon immer erstaunlich schnell, und irgendwann hörte mein Cousin auf, sich die Ausgaben zu besorgen, und der Nachschub versiegte. Langweilig!

Dann kommt die zweite Rettung und sie wird lebensverändernd sein. In jenem Jahr steht unter dem Dachboden im Schülerarbeitszimmer ein C64. Für alle in der Geschichte der Heimelektronik Unbeleckten: Der Commodore C64 war nichts weniger als eine digitale Revolution, der erste leistungsfähige Heimcomputer zum erschwinglichen Preis, der für Computerspiele optimiert war. Er hat Farbgrafik. Einen Sound-Chip („SID“), der vier Tonsorten dudeln kann. Und ein Floppy-Laufwerk mit billigen Wechseldatenträgern.

Weihnachten 1984 öffnet sich mir diese Welt. Eine wabbelige Plastikscheibe in den Datenschacht geschoben, einige Befehle auf den blauen Bildschirm tippen, und schon steige ich in ein Raumschiff und versuche, Aliens aus dem Himmel zu ballern. Oder ich schwebe als kleiner Roboterball durch eine Raumstation, und übernehme immer größere und bessere Droiden-Modelle. Oder ich belagere eine Ritterburg und erobere England.

Oder. Oder. Oder.

Heute sind die lächerlichen, klobigen Pixelhaufen aus den 80ern ein Amüsement, man versteht nicht, wie die flachen 2D-Flecken, das Gepiepse und Geschnarre eine immersive Spielerfahrung aufbauen konnten; Damals ging ein Kosmos an eskapistischen Alternativentwürfen für uns auf.

Computerspiele machten mich schnell hochgradig süchtig und ich war voll drauf. Auf meinen ersten eigenen Datenknecht musste ich allerdings bis 1987 warten, als das Konfirmationsgeld komplett für einen 64er verbraten werden durfte. Schuld war mein Onkel – immerhin Informatikprofessor -, der meinte, mit 12 sei ich zu jung für einen Computer. Wohlgemerkt zu jung für die Hardware, nicht zu jung für die Spiele.

Wenn ich heute sehe, wie jede SUV-Mutti ihrem 10-jährigen ein Smartphone in die Hand drückt („Sicherheit!“), kann ich da über die Ansichten von 1984 nur grinsen.

Schule war doof, Familie schwierig, mein Leben klein und unbedeutend, mein Vorort öde; Der Computer erlaubte mir, aus dem grauen Beton der Hochhaussiedlung in die bunte Welt der Pixel abzutauchen. Mit „Pirates!“ baute ich mir ein eigenes Piratenimperium und legte mich mit Kolonialnationen an. Noch heute kenne ich mich auf der Karibikkarte erschreckend gut aus. Mit „Ultima V“ erfuhr ich den Reiz einer riesigen, offenen Spielwelt und begab mich in die Rolle klassischer Fantasyhelden. Nebenbei trumpfte ich im Englisch-Unterricht mit Vokabelwissen auf, das meine Lehrerin in Schwierigkeiten brachte. Wie konnte sie nicht wissen, dass ein „Crossbow“ „Quarrels“ verschoss, und keine „Arrows“!? Spiele waren noch nicht übersetzt, ohne Schüler-Dictionary neben der Tastatur ging bei textlastigen Games für uns gar nix. In „Thunderchopper“ flog ich mit einem Comanche-Helikopter durch Berge und feuerte Raketen auf Pixelpanzer. Zivi und Anti-Militarist bin ich später trotzdem geworden.

Auch kein Amokläufer

Natürlich gehörte ich mit meiner Sucht zu den Nerds. In einer Realschule neben den ganzen dumpfen Sportverein-Prolos und Kettchen-Tussies der kluge Brillenheini mit den Disketten im Aktenkoffer zu sein (1987 waren Aktenkoffer in der Schule das Must-have, eine kurze Modeverirrung vor dem Erfinden des nicht weniger poschen Schulrucksacks), zurück zum Text: der dünne Nerdboy zu sein war nicht leicht. Aber man traf Gleichgesinnte, eigentlich immer Jungs, die auch zu klein, zu fett und/oder zu fantasievoll für das 0815-Schema der damaligen Otto-Normal-Jugendlichen waren. Danke, Schicksal, dass ich ein Weirdo war. Ohne Ironie.

Mit solchen Leidensgenossen gründete ich auch 1986 meine erste Rollenspielrunde, ja, in jener klassischen „Das-Schwarze-Auge-steht-in-jedem-Kaufhaus“-Phase, von der alle Normalos nie etwas gehört haben und die bei Rollenspielern heute vom Mythos der Gründerzeit umhaucht ist. Eigentlich eher nur als Versuch gestartet, die Weltenflucht irgendwie mit analogen Mitteln hinzubekommen (C64 gab’s ja für mich erst im Frühling 1987), bald mit der Erkenntnis, das ein Lifespiel an einem Tisch viel mehr Optionen eröffnet, als ein Programm. An anderer Stelle habe ich vor langer Zeit einmal etwas zu diesen frühen Rollenspieltagen geschrieben, wen es interessiert.

Und jetzt 2020, Zeitalter später, erzählt mir ein Algorithmus, der so komplex ist, dass man dafür 4000 C64 parallel schalten müsste, meine Hauptmotivationen für das Zocken seien offensichtlich „Immersion“ und „Fantasy.“ Ich wäre offensichtlich viel lieber Legolas anstatt Lehrer.

Schön, das mal von offizieller Seite bestätigt zu bekommen.

Vor 10 Jahren hätte man einen Jugendlichen mit meinem Spieleverhalten sofort in ein Therapeuten-Zimmer gesteckt. Anklage: Spielsüchtig. In meiner wildesten Session saß ich 8 Stunden am Stück mit meinem Kumpel Heiko vor „Pools of Radiance“ und wir schlugen uns durch die Ruinen von Phlan. Bis mich seine Mutter entnervt rausschmiss. Heute weiß ich, dass das Zocken mir auf Lebenssicht nicht groß geschadet hat, oder zumindest viel weniger, als wenn ich zum Beispiel mit 16 das Rauchen angefangen hätte. (Dafür werden junge Menschen bis heute nicht zur Therapie geschickt). Ich stemme meinen Beruf (irgendwie), habe, wenn nicht grad Corona ist, ein ausuferndes Sozialleben, renne durch Wälder, bin immer noch ziemlich fit und aktiv. Sozial in der Versenkung verschwunden und abgekoppelt von der Zeit sind eher die, die mit 16 Fußball gespielt und mit 30 Kinder bekommen haben.

Aber, aus der Welt flüchten können: Das motiviert mich bis heute.

Sei es mit Würfeln oder mit der Maus in der Hand, mit einem Gummischwert auf einer Wiese oder mit bunten Sammelkarten an einem Spieletisch: Wer imaginierte Welten nicht liebt, wird die Gegenwart immer als gegebenen Fixpunkt akzeptieren, zu der ein aufregender Gegenentwurf nicht fantasierbar ist. Flammende Plädoyers für die Nerds dieser Welt habe ich schon viele gehalten.

Zocker resignieren nicht. Sie imaginieren.

Tortuga (Update 10)

Oder: die Rückkehr zum Du

von Rainer-Maria Stiftelvischer

Unprofessionell und mit Hobbytechnik eingelesen von mir, mit Brüchen, Stockern, Akzent und Hasplern. Aber original. Sehr verschroben. Lustig gemeint.

T A U W E T T E R
F L U S S T Ä L E R
W Ä R M E Q U E L L E
W I N T E R S O N N E
S Ü D S T A U
H E C K E N R E I H E N
A B E N D W I E S E N (Das „Establishment“ im vorletzten Absatz ist natürlich ein „Etablissement“ …)
G I S C H T Z O N E
B R A N D U N G S Z O N E
S E T Z L I N G S F E L D E R
M O R G E N S T R A N D
S P A R G E L T R E I B E N

Die sieben Lokomotiven König Wilhelms I.

Als der junge König Wilhelm I. 1824 vor dem Stuttgarter Schloss sieben nagelneue Lokomotiven aufstellen ließ, war das im Königreich Württemberg ein ziemliches Medienereignis. Wilhelm verstand dies als Modernisierungsschub für sein schwächelndes Reichle, in dem nach wie vor viele Verhältnisse des 18. Jahrhunderts ungebrochen weiter herrschten, inklusive Traditionen wie Hunger, Elend und mittelalterliche Zunftgesetze. Und man konnte sich mit anderen europäischen Staaten, zum Beispiel durch die britische Industrialisierung oder die napoleonische Reformpolitik, ganz gut vergleichen und als Württemberger feststellen, dass man kräftig hinten dran war. Ganz, ganz hinten. Also beschloss Wilhelm durch einen öffentlichkeitswirksamen großen Sprung ins Industriezeitalter zu demonstrierend, dass er seinen durch die göttliche Vorhersehung eingeräumten Platz an der Spitze einer Nation auch verdiente. Auch wenn dies für die Staatskasse fucking teuer werden sollte.

Die Lokomotiven bestellte man beim westfälischen Hersteller Haakfort, Cie & Co., der vermutlich besten deutschen Lokomotivenschmiede. Wilhelm sparte nicht bei der Modellauswahl. Zudem gestaltete sich der Transport der eisernen Ungetüme kostspielig, die größte Strecke wurden sie auf umgebauten Lastkähnen auf dem Rhein verschifft, für den Restweg nach Stuttgart wurden überschwere Spezialkarren für die Zukunftstechnologien angefertigt.

Als die sieben Wunderwerke der Technik endlich vor dem Schloss aufgereiht waren, war das ein Festtag für das Land. Es war April und eben jener Gott, der Wilhelm mit seiner weisen Voraussicht ins Amt gehoben hatte, ersparte ihm einen Regentag. Die Lokomotiven standen aufgereiht, mit Blumenkränzen in Landesfarben geschmückt und das schwäbische Volk aus der Umgebung durfte sie bestaunen; die Hofkapelle spielte das Württembergerlied; Wilhelm hielt eine Rede, in der er betonte, wie sehr er als Landesvater keine Kosten und Mühe scheue, um in seinem Ländle die Rückständigkeit im Vergleich zu anderen Mächten zu überwinden, und dass er aus der klammen Staatskasse die Summen persönlich freigestellt hätte, um diese wunderbaren Geräte für die Infrastruktur in Württemberg der Bevölkerung zu übergeben.

Man klatschte brav und Wilhelm erhoffte sich die Dankbarkeit seiner Kritiker.

Wie empört war der Monarch allerdings, als liberale Zeitungen und der württembergische Handelsverband mit Kritik an der Millioneninvestition am nächsten Tag nicht hinterm Berg hielten. Er verlangte umgehend eine Untersuchung gegen diverse Journalisten und Verbandsvorstände nach den Karlsbader Beschlüssen. Denn die Industrialisierungs-Insider pochten darauf, dass die reine Anschaffung der Dampffahrzeuge – nichts Größeres als völlig sinnlos war. Eine Lokomotive nütze nichts ohne Schienenetze, zu deren Ausbau seien Geologen, Tiefbau-Ingenieure, Brückenkonstrukteure notwendig, die aber nach wie vor fehlten. Wilhelm habe versäumt, zu den Geräten auch fähiges Personal anzuschaffen. Heizer und Führer könnte man ja zur Not aus dem vorhandenen Staatsdienerstand halbwegs anlernen; aber ohne Techniker aus Westfalen wären die Maschinen vermutlich nicht lange fahrbereit, Wartung, Reparatur, etc., auch Streckennetze bedürften andauernder Pflege, alleine das Erstellen sinnvoller Fahrpläne sei eine Aufgabe für Experten und könne nicht einfach so nebenbei erledigt werden. Kurzum: Die Millionen für die Lokomotiven seien verschwendet, wenn man nicht noch weitere, fehlende Millionen in Strukturen und Know-How stecken würde, und vor allem in Fachleute. Der König war zutiefst empört über seine undankbaren, ewig nörgelnden Großbürger. Und fand die Welt ganz schrecklich ungerecht.

Die obige Geschichte ist erstunken und erlogen, nie passiert.

Sie entstammt alleine meinem Hirn und ist damit keine historische Tatsache, sondern eine kranke Parabel auf die derzeitige Digitalisierungsarbeit der Verantwortlichen im Bildungssystem. Mal wieder. Aber meine Parabel passt, es gibt zahlreiche heutige König Wilhelms (und Königinnen Wilhelmine): sie entstammen einer überholten Zeit, aufgewachsen mit traditionellen Ansichten, aus einem System, das langsam in Überalterung versinkt; sie bringen wenig Verständnis für die Begleitumstände der Moderne auf, versuchen neue Problemstellungen mit alten oder halben Lösungen anzupacken und scheitern darin, können dies aber nicht aussprechen oder gar ändern. Und glauben.

Die Lokomotive des 21. Jahrhunderts heißt Endgerät. Jahrzehntelang war der Irrglaube, die Lösung für die Digitalisierungsprobleme des Bildungswesens seien Laptops, Tablets, Ding-mit-Prozessor-und-Speichermedium-and-that’s-it nicht auszurotten. Übrigens auch in weiten Teilen der Berichterstattung über das Thema nicht, die ja auch schwerpunktmäßig von alten weißen Männern aus der Zeit des DFÜ-Modems geleitet wird. Und die meisten aus dem Kreis der Gestalter*innen in Verantwortungspositionen verstehen bis zu diesem Augenblick nicht, warum Millionenmittel für Endgeräte („Digitalpakt“) das Problem nicht lösen, nicht einmal ansatzweise.

Digitalisierung ist eine Struktur. Ein Weltbild. Eine Lebensweise. Und da stecken sie nicht drin.

Bei uns wird das Netz von Hobbyisten organisiert. Mit „uns“ meine ich meine Schule und mit „Hobbyisten“ etwas despektierlich unsere Netzwerkbetreuer, also ausgebildete Pädagogen, die sich für ein paar wenige Entlastungsstunden den Arsch aufreißen, damit die wackelige Digitalstruktur meiner Schule ansatzweise weiter läuft. Bitte nicht falsch verstehen: Diese armen Schweine schaffen sich dumm und dusslig, mit dem Idealismus der Verzweiflung, damit überhaupt irgendetwas läuft. Sie hätten einen Orden verdient, einen württembergischen, aus der Hand des Königs, mindestens.

Aber bei uns stehen für ein Netzwerk von ca. 1600 Schüler*innen und 150 Kolleg*innen einige dünne Entlastungsstunden für ein paar Lehrer (meistens Männer) zur Verfügung, die Netz, Server, Berechtigungsmanagement, Dateistruktur und was alles zum ITler dazugehört nie gelernt haben, sondern sich nur interessehalber angeeignet. Das ist, als ob der Staat drei Hobbydrachenflieger damit beauftragen würde, das Landedeck eines Flugzeugträgers zu organisieren. In zwei Stunden täglich. Weil ausgebildete Fluglotsen zu teuer wären.

Wahnsinn? Oh ja. Diagnose: Realitätsverlust.

Reden wir nicht über die schwache Netzstärke in Deutschland, vor allem im ländlichen Raum. Reden wir nicht davon, dass noch keine Landesbehörde es geschafft hat, den Schulen datenschutzkonforme Software zur Verfügung zu stellen, und dass deswegen die lückenhafte digitale Struktur an den meisten Schulen auf dem Bruch europäischer Datenschutzregelungen beruht, so dass die Nutzer und erst recht die Macher an der Schule immer mit einem Bein in der Strafanzeige oder Schadensersatzklage stehen. Reden wir lieber davon, dass es kaum möglich ist den Verantwortungsträgern beizubringen, dass Digitalität keine Palette mit nagelneuen Laptops und eine Nachmittagsfortbildung für Pädagog*innen ist. Sondern viel mehr. Und viel teurer. Viel viel teurer. Das finde ich das Erschütternde, die beharrliche Weigerung im Kopf das Jahr 2020 zu erreichen.

Stattdessen trompetet man von der Schulleitungsebene bis hoch in die Ministerien Erfolgsmeldungen in die Welt. Dafür, dass man es geschafft hat mit Ochsenkarren sieben Lokomotiven vor das Stadtschloss zu zerren. Und wenn (und deswegen) trotzdem alles nicht gut läuft, ist das nicht die Verantwortung der Verantwortlichen sondern eine Folge der Faulheit des Personals.

Diese Haltung ist geistig widerlich. Nichts weniger.

Kurz zur Realität: Dass ich in meinem Klassenraum einen milchigen Tageslichtprojektor und eine verbeulte Tafel stehen habe ich an anderer Stelle geschrieben. Weil vor geraumer Zeit ein paar besorgte Bürger*innen auf die Idee kamen, in die entsprechenden Gesetzesstellen zur Lernmittelfreiheit zu sehen, dürfen wir seit diesem Schuljahr nicht mehr verlangen, dass Eltern Zusatzmaterial wie Schulkalender, Übungshefte oder Deutschlektüren bezahlen, wir dürfen nur noch darum bitten. (Gebe Gott, dass diese Kreise nie die DSGVO in die Hand bekommen …) Also stehe ich in einem der reichsten Bundesländer einer der reichsten Nationen der Erde in einem abbruchreifen Klassenzimmer und bettele im Namen des Schulträgers vor einer alten Tafel darum, dass die Eltern dem Schulträger fünf Euro für den Schuljahresplaner schenken. Weil sonst pleite. Ich bettele im Namen des Staates die Bürger an.

BRD kann sich wie DDR kurz vor dem Zusammenbruch anfühlen.

Seit kurzem darf ich ein Dienstgerät mein Eigen nennen. Also klar: es gehört mir nicht. Und ich bin -so glaube ich – auch bisher der einzige Kollege bei uns, zurückzuführen auf meine beharrliche jahrelange Weigerung, Daten von Landeskindern mit etwas anderem zu verarbeiten, als mit einem rechtskonformen Dienstgerät aus den Händen des Staates. Mein Gerät ist ein teures Markentablet, Kostenfaktor etwa 500 Euro. Viel Geld, vor allem für ein Lifestylegerät mit Touchscreen, ohne technische Peripherie außer einem USB-C-Anschluss und einem SIM-Karten-Slot. Ein Gadget für Influencer*innen, cool wenn man Abends auf dem Sofa Serien streamen will. Ins Internet kann ich damit in der Schule nicht, es gibt keine Ethernetbuchse und ein WLAN haben wir nicht. Im Unterricht einsetzen kann ich es nicht, ich habe im Klassenzimmer ja wie erwähnt kein digitales Bildwiedergabegerät, aber selbst wenn: Das Spielzeug hat keinen HDMI-Ausgang. Ein billiger Laptop für 300 € wäre hingegen ein Arbeitsgerät gewesen, aber irgend jemand in der Beschaffung meinte wohl, eine teure Surfmaschine kommt öffentlich schick rüber. Eigentlich Steuerverschwendung. Und für das digitale Arbeiten in der Verwaltung (oder auch als Schülergerät) so einsetzbar wie ein Elektro-Roadster für den Warentransport, eingekauft mit wenig Verständnis für Technik.

Immerhin scheint die Kanzlerin, der ich bei aller politischen Meinungsverschiedenheit zugestehe, eine kluge Frau zu sein, begriffen zu haben, dass man aufhören muss, nur über Endgeräte zu reden. Beim letzten „Bildungsgipfel“ in Berlin unter ihrer Leitung (mit Frau Esken) war plötzlich von „technischem Personal“ die Rede. Das ist nichts weniger als eine verständnistechnische Revolution in der Politik. Da hat jemand begriffen, was den Entwicklungsprozess seit 20 Jahren verhindert.

Leider hatte der Gipfel reinen Aufforderungscharakter. Weisen kann man den kleinen Bildungsfürsten der Republik leider gar nichts, nach dem Gespräch in Berlin darf jede*r wieder nach Hause fahren und so weiter machen wie bisher. Jeder was anderes, Hauptsache was anderes als die anderen, aber alle immer ohne Investition in Strukturen. Geld gibt’s nur für Tablets. Verbunden mit Erfolgsmitteilungen. Bloß keine Fachleute involvieren, die widersprechen uns am Ende noch. So wie der Drosten, darf sich nicht wiederholen. Ändern tut sich durch diese Perspektive auf die Welt nichts, es bleibt eine zutiefst analoge Perspektive.

Hoffnungsvoller Schluss:

Aber vielleicht macht die Digitalpolitik doch noch einen Lernprozess durch. Vielleicht. Hoffentlich. Ich hab noch 20 Jahre vor mir und würde gerne meine Pensionierung im Neuland begehen.

Von der Chillout Lounge in den Drogenzirkus

Ich stehe vor einer Toilette. Nicht aus den üblichen Gründen. Ich stehe vor einer Toilette, und bewache sie, damit sie nicht zwei Mädchen gleichzeitig betreten. ich finde es ein wenig unangenehm, dass die Mädchentoilette von einem Lehrer ohne „in“ bewacht werden soll, aber ich schätze, das Basteln des Aufsichtsplans war dieses Jahr unter Corona-Bedingungen kompliziert genug, da fallen solche Feinheiten unter den Tisch.

So beginnt mein Berufsleben nach der Pause. Vor einem Klo.

Ich stehe vor einer Liste, trage mich ein, und zwar so: Vetter Vet 9:28 Vet 9:53. Das dient zur Kontaktverfolgung. Jedes Mal, wenn ich in das Lehrerzimmer rein- und rausrenne schreibe ich an einem Tischchen: Vetter Vet Uhrzeitrein Vet Uhrzeitraus. Beim dritten Mal sind alle Vordrucke auf dem Tischchen aufgebraucht. Die Kolleg*innen beginnen, die Rückseiten zu benutzen, bis eben die auch voll sind.

Ich stehe in meinem Klassenzimmer. Meine 10er wirken nett, frisch und motiviert. Das Klassenzimmer wirkt anders. Wir haben alte, fleckige Kuststoffwände mit Tesaresten aus 30 Jahren und einen verkrumpelten Rollo mit Kippschalter, der manchmal will oder nicht, ganz wie der defekte Windsensor es will. Die Tür bleibt auf. Hygienekonzept. Regelmäßig soll ich Lüften. Hygienekonzept. Und zwar mit dem einzigen Fenster, das wir im Zimmer haben, quadratisch, etwa 1.40 m. x 1.40 m., ganz hinten im Raum, hinter der letzten Bank. Realität. Es herrscht in BaWü keine Maskenpflicht im Unterricht, da war wohl Querdenken-711 zu einflussreich. Außerhalb des Unterrichts herrscht immer Maskenpflicht auf dem Schulgelände. Nachdem ich also „Guten Morgen“ gesagt habe, dürfen alle ihre Maske abnehmen. Wenn ich sage: „So, jetzt machen wir Pause“ (Schulklingel und feste Pausenzeiten sind abgeschafft und ich bin deswegen nicht traurig), müssen alle wieder die Maske aufsetzen, weil Pause ist ja kein Unterricht. Das Virus weiß also, wenn wir in unseren Reihen sitzen, ob gerade Unterricht ist (safe) oder wenn wir nur so im Raum zusammen sind (gefährlich).

Bin es nur ich, der das Gefühl bekommt, irgend jemand an zentralen Schalthebeln kauft sich nach Amtsschluss im Leonhardsviertel heftige Drogen?

Außerdem leben wir in einer digitalisierten Schule. Meine Chefin aus der höchsten Etage meldet täglich Erfolgsmeldungen an die Presse, an der Schule werden nur noch accounts angelegt und in Konferenzen geht es schwerpunktmäßig um MS-Teams, Web-Untis, Cloud, Videokonferenzen. Ich finde, mein Klassenzimmer sollte mal in die Konferenzen. In meinem Klassenzimmer steht ein Tageslichtprojektor aus den frühen 2000ern und ein Whiteboard aus den Wendejahren. Immerhin fühle ich mich beim Unterrichten mit Transparentfolie und Tafelstift angenehm an meine Referendarszeit vor knapp 20 Jahren erinnert, eine Welt ohne Corona und einem wesentlich jüngeren Ich. Aber irgend einen fest installierten Zugang, um ein digitales Bild- und/oder Tonsignal ins Forschungsländle Nummer 1 zu übertragen, da hat sich mein Klassenzimmer bis jetzt noch nicht fortgebildet. Dafür funktionieren beide Medien fast tadellos, nur der rechte Whiteboardflügel neigt zum schief einklappen, vermutlich hat sich die Verankerung aus den Neunzigerjahren etwas gelöst.

Ich bin froh, dass ich die Ordner voll Papier und OHP-Folie nicht weggeworfen habe. Damit bin ich in der digitalen Schule offensichtlich bestens ausgerüstet.

Der Cloud vertrauen nur Idioten.

Kommen wir zu den guten Nachrichten. Die gleichzeitig schlechte Nachrichten sind, ganz wie man es sehen will. Um es kurz zu machen: Ich war nie raus. Kein Jahr, keine Stunde, keine Minute. Ich laufe rein und mache weiter und habe das Gefühl, das war nie anders. Diese 12 Monate unter gänzlich anderen Vorzeichen, sie scheinen nur ein ganz angenehmer Traum gewesen zu sein mit vielen tollen Erlebnissen. Aber nun, im unsteten Neonlicht der Klassenzimmerbeleuchtung, schrumpft er zusammen zu einer irgendwie unwirklichen Erinnerung, eine Art Echo eines früheren Lebens. Und das obwohl alles anders ist als bei meinem Weggehen. Und die Schule ist trotzdem genau gleich wie immer.

Paradoxe Gefühlslagen, die sich fast nicht in Worte fassen lassen.

Irgendjemand hat mal irgendwo geschrieben … ok, das ist typisch Internet, aber ich bin zu faul das jetzt im Netz zu suchen. Also irgendwo kam mir mal folgender kluger Gedankengang unter: Wenn man seinen Urgroßvater (oder die Urgroßmutter, ganz wie man will) aus dem Jahr 1920 herbeamen könnte, und ihn in ein Krankenhaus, einen Fernzug, an eine Landstraße setzen würde, dann würde er die Welt nicht wieder erkennen und aus dem ungläubigen Staunen nicht herauskommen. Setzte man ihn einen Vormittag in eine deutsche Schule, würde ihm alles sehr vertraut vorkommen, noch ganz so wie in einer eigenen Schulzeit. Gut, heute ohne Prügelstrafe. Wenigstens.

Mit einem dänischen Großvater würde das nicht funktionieren, so fair muss man zu Ländern, die Dinge besser können als wir hier, sein.

Ich bin froh, dass ich keine Anlaufschwierigkeiten habe. Eine gute Freundin sagt zu mir: Lehrer sein ist wie Fahrradfahren. Sie hat wohl recht.

Trotzdem ist alles gerade anstrengend, ich bin die wenige Freizeit nicht mehr gewohnt und dazu kommt noch das Organisatorische für meine Mum. Nicht nur Schulen laufen schlecht, auch alle anderen Ämter bekommen ihre Aufgabe nicht mehr gebacken. Danke Neo-Liberalismus, Umverteilung und Spar-Staat. Kleines Beispiel im Folgenden: So ziemlich, das erste, was ich nach dem Tod meines Vaters getan habe, war die Beantragung der Witwenpension beim Bundesamt für Post und Telekommunikation in Bonn. Mein Vater war ja Beamter und die monatliche Versorgung stand auf der To-Do-Liste ganz oben Es war ein ziemlich umfangreicher Antrag mit einigen angefügten Dokumenten. Das erste, was wir bemerkten, war, dass kein Geld mehr kam. Mutter lebt also von den Reserven. Vorgestern rief ein freundlicher Sachbearbeiter dann an. Der Antrag wäre leider unauffindbar, es täte ihm leid, er könne nichts bewilligen, sobald wir ihn direkt an ihn schicken würden, könnte er alles anweisen.

Und ich Volldiot habe keine Kopien gemacht.

Er versprach gestern die Formulare per email sofort zu übermitteln, damit wir den Antrag noch einmal stellen könnten. Problem: Notwendig ist eine Unterschrift von Mum, die sitzt in Ulm, ich in Stuttgart. Also Programm für Dienstag: Morgens unterrichten, Antrag ausdrucken, nach Ulm, gemeinsames Essen, Antrag neu, Unterschrift, zu mir, Scanner an, Antrag einscannen, per Email fix nach Bonn. Bis um 10.00 waren auf meiner Mailadresse keine Formulare eingegangen. Freundlichen Beamten anrufen, Verzögerung klären, er hätte ihn gleich gestern Nachmittag losgeschickt, seltsam, dem Mann eine andere Emailadresse geben, warten, die abrufen, 20 Seiten Antrag ausdrucken (diesmal doppelt, zur Sicherheit), ins Auto hasten, ab auf die Autobahn nach Ulm.

Auf Höhe Zuffenhausen erreicht mich ein Anruf meiner Mutter, den ich gottseidank per Bluetooth-Freisprecheinrichtung annehmen kann (Mein Auto war anders als das Klassenzimmer auf der entsprechenden Fortbildung). Der Herr habe gerade noch einmal angerufen, teilt sie mit, jetzt sei der ursprüngliche Antrag vom August doch bei ihm eingetroffen, er bearbeite ihn gerade.

Auf einer Autobahn bei Tempo 130 vor Frustration in ein Lenkrad beißen ist nicht ganz ungefährlich.

Sollte ich mich freuen, dass ich in Zuffenhausen abfahren konnte und mich um meinen Unterricht kümmern anstatt mich darüber zu ärgern, dass nichts, aber auch gar nichts mehr funktioniert in einem der reichsten Länder der Welt?

So sieht also gerade mein Leben aus. Wie immer halt, wenn Schule ist.

Eigentlich traurig.

Adendum: Gerade vor dem Fertigmachen des Blogeintrags noch mal in meine privaten Emails geschaut. Jetzt, 24 h später, sind die Anträge aus Bonn auch hier eingetroffen. Digitale Kommunikation ist eben immer verfügbar und blitzschnell.

Resumee

In einer Woche beginnt in meinem Bundesland die Schule wieder.

Mein Jahr raus endet.

Ich gehe dieser altbekannten Zukunft natürlich mit mulmigen Gefühlen entgegen. Zum einen weiß ich nun, wie schön eine Welt sein kann, in der man sich nicht mit leidigem Geld Verdienen herumschlagen muss, sondern seine Zeit frei einteilen kann. Außerdem waren die letzten Wochen insgesamt aufgrund des Tods meines Vaters nicht gerade erholsam für mich. Und in der Schule wartet auf mich eine chaotische Situation, in der man irgendwie versucht, Vorgaben in Zeiten von Covid-19 zu erfüllen, ohne ausstattungstechnisch dazu in die Lage versetzt worden zu sein. Angenehm wird das nicht.

Ich freue mich andererseits wirklich darauf, Schüler zu sehen, auch wenn das einige meiner verflossenen Klassen kaum glauben dürften. Wenn mir in diesem Jahr etwas gefehlt hat, dann der Kontakt zu jungen Menschen, und der ist in der Regel immer bereichernd. Worauf ich mich nicht freue, ist das System und seine Protagonisten, wer hier öfters gelesen hat, der weiß das von mir. Schüler bereichern mich, das System nicht mal sich selbst. Ganz schön doof geregelt.

Aber der Text hier heißt Resumee und nicht Prophezeiung. Wie war es also, mein Jahr ohne berufliche Ketten, unter dem Strich, im Fazit, am Ende des Jahres, insgesamt, zusammengefasst?

Zweigeteilt.

Ich hatte einen fantastischen Start. Jene Herbsttage, an denen ich noch gar nicht glauben konnte, dass ich wirklich den ganzen Tag tun kann, was ich will, waren ein einziger Glückstraum. Anstatt morgens zur Gedichtinterpretation Abends in den Französischkurs. Unbezahlbar. Die Reise auf dem Atlantik, Wellen und Wind bis zum, na ja, Erbrechen und Sommerinseln im November. Dann wurde es im Dezember ruhiger und ich plante große Dinge für das Frühjahr. Nebenher baute ich einen Tisch, und ein bisschen Stolz bin ich darauf schon bis heute.

Dann kam Covid-19.

Kurz nach einem Text zur Halbzeitanalyse ging es los und Schlag auf Schlag steckte die BRD in einer Situation, die ich so noch nicht kennengelernt hatte. Ist es eigennützig das Platzen der eigenen, im Weltgefüge eher unbedeutenden Pläne zu beklagen, wenn weltweit hunderttausende Sterben und ganze Volkswirtschaften in den Lockdown gehen? Eigentlich ja, aber meine Welt wurde im März sehr klein, und sehr eng. Freiheit bringt nicht viel in der eigenen Wohnung.

Glücklicherweise hatte ich das KKT und konnte mich dort monatelang mit Handwerklichem abkenken. Über lange Strecken war das fast ein geregelter Arbeitsalltag von halb zehn bis Abends um sechs. Hätte ich diesen Anker nicht gehabt, ich wäre wohl meine engen Wände hoch gegangen. Und am Ende steht da eine ziemlich amtliche neue Bühne, auch das habe ich nur dank Freistellung vollbringen können.

Als die Welt wieder offener wurde war meine Zeit fast abgelaufen. Ein wenig Frankreichurlaub, und ja, natürlich, die lange fantastische Tour mit meinem grauen Kumpel Oscar, nein Curima, ich meine den Bus. Noch einmal ein Höhepunkt.

Kaum zurück, wurde mein Vater sehr krank und ging.

Was für ein Fazit zieht man nach so einer Dramaturgie des Jahres? Auf alle Fälle eines: Ein Sabbatical ist eine fantastische Sache, die in der Lage ist, Batterien und Seelen gründlich aufzutanken. Ich würde jede*r, die die Möglichkeit hat, absolut empfehlen, sie wahrzunehmen. Man lebt, wenn alles gut geht, ziemlich ohne Druck.

Für alle, die mit dem Gedanken spielen, habe ich noch zwei Tipps mehr: Plane alles, wirklich alles gut durch, und zwar bevor das Jahr losgeht. Oder plane gar nichts und sieh, was sich im Freiraum so entwickelt. Zwischendrin kann schwierig sein.

Um es kurz zu machen: Ich plane den Antrag auf Freistellung frühest möglich noch einnmal zu stellen, so flott es finanziell bei mir drin ist. Noch bin ich keine sechzig und wer sagt, dass man nichts zurück holen kann, was einem das Schicksal raubt.

Im Moment sitze ich in einem Hexenhäuschen in den Vogesen und tippe diesen Text. Draußen ruft ein Käuzchen. Ich bin noch einmal drei Tage raus. Ich versuche auf einer Skala von eins bis zehn einzuschätzen, wie schwer für mich das wieder Reingehen wird. Von 1 (höllisch schwer) bis 10 (Oh-mein-Gott-ich-will-nicht-wieder-in-den-Knast-diesmal-geh-ich drauf).

Der Blog hier bleibt auf alle Fälle offen. Die Einträge werden sich eventuell thematisch verändern.

Hey, weißt du noch …

… wie du vor einem Croissant sahst und dich geschämt hast, weil für alle anderen erster Schultag war?
… wie du Franz-Hausaufgaben gemacht hast, und dabei über deine Situation lachen musstest?
… wie diese Wildsau dir Nachts um halb drei ans Leder wollte?
… wie du Nachts zum Wachwechsel an Deck musstest und da war dieses riesige, taghelle Kreuzfahrtschiff, das euch überholte?
… die Delphine? Die vielen, vielen Delphine?
… das Gefühl, als der Tisch stand, ohne zu wackeln?
… der Smalltalk an der Bar, wenn du Leuten ihre Getränke machtest?
… die leeren Nudelregale? Das ausgestorbene Einkaufszentrum? Die Sondersendungen?
… wie Pellite-Masse staubt, bis man nichts mehr sieht? Den Geruch von frischgesägten Balken?
… als der Tanzboden endlich drauf war? Das Geräusch der neuen Bühne?
… das Gefühl, als du es tatsächlich wieder über die Grenze geschafft hattest?
… die Sonnenblumenfelder, der graue Bus und mitten auf der Straße: zwei spielende Füchse?
… das Krankenhauszimmer? Das letzte Gespräch …

Klar weiß ich das alles noch.

Genug für heute. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Roland Vetter

20.08.1945 – 18.08.2020

Auf dieser Seite ist es in den letzten Tagen still geworden, und das hatte seine Gründe.

Der Anruf trifft dich wie ein Ziegelstein, obwohl du lange Zeit hattest, dich auf ihn vorzubereiten. Du kannst dich aber gar nicht vorbereiten. Du verstehst, was passiert ist, du sagst zu, so schnell wie möglich zu kommen, du beginnst eine Tasche zu packen. Wahllos ziehst du schwarze Kleidung aus dem Schrank. Du fragst dich dabei, warum du nicht weinst, du hast sogar die Sorge, dass du nicht weinen könntest. Dein Blick fällt auf das schwarze Hemd in deiner Hand. Dann flüsterst du zwei Silben.

Papa.

Der Damm bricht nicht, er explodiert. Du weinst, weinst, weinst, und stehst doch irgendwie neben dir, beobachtest dich mit einem Teil deiner Seele von Außen, wie Bäche aus deinen roten Augen laufen, dein Mund sich verzerrt, schluchzt, wimmert. Der andere Teil deiner Seele ist pure Verzweiflung.

Du fährst wie auf Autopilot nach Ulm, Ampeln bleiben quälend lange rot, LKWs überholen sich gegenseitig mit kaum noch messbaren Geschwindigkeitsunterschieden. Du hastest zur Klinik, die Corona-Schleuse ist schon informiert und lässt dich ohne große Formalitäten passieren. Du betrittst ein weißes, stilles Zimmer, siehst deine weinende Familie und dann ihn, im Bett, klein, gelb, still.

Papa.

Mein Vater, Roland Vetter, war noch ein Fast-Kriegs-Kind. In den späten 40ern verbringt er eine Landkindheit, zunächst in Oberjessingen, dann in Merklingen auf der schwäbischen Alb. Immer wieder wird er den charakteristischen Zwiebelkirchturm des Dorfes in seinen späteren Jahren fotografieren. Der kleine Roland ist als Kind oft krank. Erst spät, als junger Mann, wird bei ihm chronisches Asthma-Bronchiale diagnostiziert.

Anfang der 50er-Jahre zieht die Familie nach Ulm, der Vater Karl arbeitet als Lagerist und Verwalter in einer Firma in der Blaubeurer Straße. Schulisch läuft es mittelmäßig, „Roland könnte aufmerksamer sein“ steht auf einem seiner Grundschul-Zeugnisse. Ihn zieht es lieber hinaus auf Zeltlager und Freizeiten. Mit der evangelischen Jugendarbeit findet er in der Jungengruppe die Freiheit, die man an einer Ulmer Ausfallstraße mit den sich wieder entwickelnden Industrieanlagen lange suchen muss. Ein Versuch, sich nach der Volksschule auf der höheren Handelsschule weiterzuqualifizieren, scheitert und endet in Nichtversetzung. Roland beginnt eine Lehre.

Wenn man einen Menschen sein ganzes, schon einigermaßen langes Leben kannte, dann ist sein Verlust schwer vorstellbar. Auch jetzt, beim Schreiben, fällt es mir noch immer schwer zu akzeptieren, dass er nicht mehr auf seinem Sofa sitzt, der Mama die Spülmaschine ausräumt, Einkaufszettel schreibt. Man muss sich an seinen Vater nicht gewöhnen, er ist von Anfang an da und wichtig.

Vielleicht kann man sich deshalb nicht entwöhnen.

Roland wird Fernmeldetechniker und beginnt damit eine niedere Beamtenkarriere bei einer Institution, die heute alle als „Telekom“ kennen. Damals heißt sie aber noch „Fernmeldeamt“, ist Teil der Post und damit eine Bundesbehörde. Das Fernmeldeamt war ein seriöses Amt zur Sicherung von Infrastruktur, die nachfolgende Telekom ist ein windiger Internetanbieter mit pinken Werbeeinspielern. Roland erweist sich als ziemlich bodenständiger aber sehr zuverlässiger Techniker und Verwalter. Er wird im Lauf seiner Berufskarriere bis zum Fernmeldehauptinspektor aufsteigen, für jemand mit einer Lehre eine ziemliche Karriere, auch wenn der lange Titel nie ein hohes Familieneinkommen mit sich brachte. Wir kamen aus.

Meine Mutter lernt er im Turm der Paul-Gerhard-Kirche kennen, wo die Jugendgruppen Räume haben. 1971 heiraten sie, 1973 komme ich und die junge Familie zieht in ein nagelneues Mietshaus in Ulm-Wiblingen, eine Hochhaussiedlung auf dem städteplanerisch neuesten Stand. Drei Jahre später zieht mein Bruder per Geburt nach. Die Wohnung, in der meine frühesten Erinnerungen stattfinden, wird er bis zum Schluss bewohnen.

Wenn ich an meinen Vater denke, dann sehe ich Farben. Er liebte die Farbenpracht, vielleicht weil eine Jugend in den 40er und 50er-Jahren gerne zum trüben Grau neigt. Mein Vater trug bunte Hemden, lindgrüne Hosen und senfgelbe Westen. Wenn er fotografierte – und er fotografierte und filmte über lange Zeit ziemlich viel und ganz gut – dann oft Blumenmeere, Himmel, bunt lackierte Haustüren, eine Welt der Farben. In seinen Fotos erweist sich der technische Fernmelder als Ästhet. Am Ende, als schon nicht mehr viel geht, arbeitet er ganze Erwachsenen-Malbücher und Faber-Kastell-Kästen im Eiltempo durch, Stunde um Stunde füllt er filigrane Linien mit leuchtenden Farben aus.

Mit 55 wird man ihn wegen seiner Gesundheit früh verrenten. Das Asthma-Bronchiale wird zu spät therapiert und verschlechtert seine körperliche Leistungsfähigkeit zunehmend. Dennoch ist er beruflich eher ein Opfer der Privatisierungsideologen nach 1990, für die „Personalabbau“ eine Art Wunderkur für Unternehmen ist. Auf einer seiner letzten Beurteilungen steht unter „körperlicher Leistungsfähigkeit“ ein „ausreichend.“ Unter allen anderen Bewertungskategorien schreibt sein Vorgesetzter „tritt hervor.“ Er war ein fantastischer Telefonkabel-Verwalter, mein Vater wusste bis zuletzt, wo in Ulm die Leitungen unter der Erde liegen. Aber er bekommt einen einigermaßen akzeptablen Pensionsdeal angeboten und schlägt zu. Die neue „Firma“ war ihm ohnehin im Vergleich zum alten Amt höchst unsympathisch.

Mein Vater starb in Ultra-Zeitlupe, jahrelang.

Die gesundheitlichen Probleme schritten langsam aber immer voran. Seit über 15 Jahren lebte er mit Sauerstoffzufuhr in immer höheren Dosen. Zunehmend blieb ihm bei Alltagsdingen „die Luft weg“, lange Pausen auf Treppen und Wegen, seine Welt wurde kleiner. Selbst Fotografieren wird in den letzten Jahren zu anstrengend, denn dazu muss man Motive suchen. Das Sofa im Wohnzimmer bleibt sein Platz. Hinzu kommen Herzprobleme und eine Altersleukämie sowie 500 andere Kleinigkeiten und Folgeerkrankungen. Auf manchen Untersuchungsberichten reicht der Platz zur Nennung der Diagnosen kaum aus. Mein Vater war zäh, bewundernswert zäh. Er überlebt einen Herzinfarkt und zwei Krankenhausaufenthalte. Erst die dritte Einlieferung gibt ihm den Rest. Viele hätten nicht geglaubt, dass er mit seinen Krankheiten so lange lebt.

Seit vier Tagen lassen wir durch offene Fenster Sauerstoff aus seinen beiden Großkanistern. Der Gaslieferant darf die Druckbehälter aus Sicherheitsgründen nicht befüllt abholen, er darf sie aber befüllt liefern. Verrückt. Und nun zischt, als beschissene technische Metapher auf das Sterben meines Vaters, seit vier Tagen sein Lebenssaft aus einer versilberten Tonne in die Außenluft.

Am Ende geht es schnell. Zu allen Problemen kommt ein äußerst aggressiver Lungentumor, meine Mutter merkt es als erste, sie sagt am Telefon: Du kannst zusehen wie der Papa weniger wird. Im Krankenhaus ist er nur 9 Tage. Eine Therapie ist bei seinem Allgemeinzustand nicht möglich. Drei Tage vor seinem Tod halluziniert er stark aufgrund des Sauerstoffmangels. Am nächsten Tag erhalte ich, außerhalb der Corona-Regeln, die nur eine Besuchsperson pro Patient erlaubt, eine Erlaubnis, ihn zu sehen. Da wird klar, dass die Klinik von seinem baldigen Tod ausgeht. Er ist dankenswerter Weise klar. Er sieht furchtbar aus, aber er erkennt mich und weiß fast alles. Er kann nichts zu sich nehmen, selbst Wasser erbricht er sofort wieder. Aber er freut sich, dass ich da bin.

Wir waren uns sehr ähnlich. Körperbau, Charakter, manchmal verstanden wir uns mit einem Blick. Am Ende können wir noch einmal miteinander Grinsen. Er findet keine rechte Lage, in der er gut Luft bekommt, weil es dafür keine Lage mehr gibt. Er hängt dann etwas verkrampft an diesem Dreieck im Pflegebett, und ich frage ihn auf schwäbisch, ob er das jetzt so bequem finde. Er grinst mich an und sagt „Noi.“

Für diesen Moment bin ich sehr dankbar.

Pläne, ihn zum Sterben nach Hause zu holen, kommen nicht mehr aus Ansätzen heraus. Er hört am 18. August um 15.30 Uhr, zwei Tage vor seinem 75. Geburtstag, auf zu atmen. Es scheint am Ende, als hätte er auf meine Mutter gewartet, die zur Besuchszeit das Zimmer betritt. Wach wird er nicht mehr, aber er stellt das für ihn qualvolle Luftholen kurz nach ihrem Eintreffen ein.

Als wollte er sich verabschieden, als wollte er sich nicht davon schleichen, ohne Bescheid zu sagen. Meinem Vater war seine Familie immer wichtig, offensichtlich bis in die Bewusstlosigkeit hinein.

Aus dem Sterbezimmer zu gehen, ihn da im Bett liegen zu lassen, damit ihn irgendjemand in einen dunklen Kühlschrank legt, war furchtbar. Die Welt ist ein sehr düsterer, beschissener Ort geworden. Es fehlt oft an Kraft und es gäbe so viele Dinge zu organisieren. Es bleibt eine unendliche Dankbarkeit dafür, was dieser Mann alles für mich in seinem Leben getan hat.

Ich vermisse ihn unendlich.

Alter Hippie mit Bus (Final Update)

Wieder daheim, am bequemen Standrechner und mit stabilem, schnellen Netz, schreibt sich das alles hier doch gleich einfacher. Es ist vorbei und aus der Rückschau war es eine wirklich tolle Reise, die mich ein Stück weit mit meinem corona-infizierten Freistellungsjahr versöhnt. Nun also hier der ganze Bericht, die ungeschönte Wahrheit, und nackte Tatsachen (Nur Clickbait, das Nackteste, was ihr hier zu sehen bekommt sind weiter unten meine Füße).

Ja, ja, ich habe es getan, es gibt nichts mehr zu leugnen und ich ziehe das jetzt auch durch. Nichts mehr zu verlieren, halb zwölf auf der Doomsday-Uhr, Apocalypse Now, Tod oder Freiheit.

Ich habe einen VW-Bus angemietet.

So, jetzt ist es raus, alle wissen nun um mein Problem, dann kann man freier darüber sprechen. Und eine langatmige Erklärung hinterherschieben:

Schon zu Beginn meines Jahres stand auf der Planungsliste eine längere Tour durch Frankreich. Lesern dieses Blog ist ja meine langsam ein wenig krankhaft werdende Obsession mit der Westfront 1914-1918 hinlänglich bekannt und ich wollte einige Zeit damit verbringen, das gesamte Gebiet einmal in Gänze zu erfassen. Also von der Schweizer Grenze bis hin an die belgische Küste, von den Alpen an die Nordsee.

Der ursprünglich kühne Plan sah vor, Naivchen, das ich bin, mir ein Quad zu kaufen und mit dem Zelt auf dem Gepäckträger ganz naturnah durch die Wälder zu brausen. Ich hatte mal eine Quadrunde auf einer griechischen Insel, die mir sehr viel Freude bereitete, und irgendwie schien es mir als guter billiger Motorradersatz für arme Männer, der darüber hinaus nicht umfallen kann.

Aber dann kamen die Zweifel.

Was mache ich mit dem blöden Ding, wenn ich die Strecke absolviert habe? Wieder verkaufen? Soll’s ein Quad sein oder ein ATV? Wieviel PS? Welches Modell ist überhaupt in der Lage, lange Strecken am Stück zu fahren und das über Tage (laut Foren nämlich die meisten nicht). Wie bekomme ich den ganzen Scheiß für die Reise in einen Rucksack und auf einen Quad-Gepäckträger? Möchte ich mir als älteren Herren wirklich ein Dutzend Nächte in einem Zelt im Wald antun? Oder Tage auf einem vibrierenden Blechpferdsattel? Und wenn es dann in Flandern keinen Wald mehr gibt, wo verstecke ich mich mit dem Zelt? Auf dem Campingplatz? Muss man da reservieren?

Eine Menge Fragen und wenn man so viele Fragen im Kopf hat, ist vielleicht eine ganz andere Antwort die richtige. So komme ich zu einem alten VW-Bus, T3 (T4! Es ist ein T4!), Selbstausbau, 300.000 (Knapp über 250.000. Mal nicht übertreiben, ok?) Kilometer auf dem Dieselmotor.

Natürlich schäme ich mich ein bisschen.

Zum einen wegen des Diesels. Aber ich habe ja in BaWü einen grüne Landesverband, der den Dieselmotor ganz rettenswert findet (Daimler vor Umwelt). Trotzdem finde ich, dass die Grünen in Fragen des guten Gewissens keinen Maßstab bilden sollten. Dann wegen des VW-Bus. Ich finde, um das Modell wird so viel abgekultet, dass man es besser meidet, zu viele Leute feiern den „Bully“ und ich bin mein Leben lang gut damit gefahren, in die entgegengesetzte Richtung zum Massengeschmack zu paddeln. Aber leider waren im Juni, als ich auf der Suche nach einem solchen Gefährt war, alle Renaults, Fords, Fiats, Opel und Skoda-Busse mit Benzinmotor bereits vergeben.

Und natürlich will ich das Schuljahresende in meinem Bundesland auf keinen Fall in Deutschland erleben. Mein Jahr neigt sich dem Ende zu, den Einfluss, den Covid-19 auf meine Pläne und meine Laune hatte/hat, habe ich an anderer Stelle ausgiebig diskutiert, und eine Art Abschiedsbrief/Review schreibe ich mal dann, wenn ich mich psychisch dazu in der Lage fühle. Noch leiste ich mir den Luxus, das mir meine Schule scheibchenegal sein kann, auch wenn das nächste Schuljahr bereits seine hässliche Fratze mit schlechten Nachrichten in mein Leben schiebt.

Was ich auf keinen Fall wollte, war ein Fahrzeug das „Camper1111“ herausschreit. Und der Innenausbau des Bussleins wirkt charmant, von außen ist es halt ein VW-Bus. Jetzt sind die Klamotten gepackt, Feldrationen gestapelt und eine Ausrüstungsliste halb durchgehakt. Ich bin heilfroh, dass ich mit dem ganzen Scheiß den Bus für mich alleine habe. Nachher um drei hole ich das Gefährt ab, lade es voll und fahre noch heute Abend Richtung französisch-schweizerischer Grenze damit.

Auf dem Weg werde ich altbekannte Gegenden sehen und im zweiten Teil mit der Champagne, der Marne, der Somme und Flandern Ecken des Ersten Weltkrieges, die mir bisher neu sind. Außerdem hoffe ich, Abends mit diesem TORTUGA-Projekt ein wenig weiter zu kommen, das lahmt.

Wie immer halte ich euch hier mit viel zu langen Tagebucheinträgen über meine Abenteuer informiert. Man kann also als persönlich mit mir Bekannter mitlesen und muss mich nicht nach der Rückkehr fragen, was ich so erlebt habe.

später am Tag

Oscar ist kein Rennpferd. Oscar ist ein 30 Jahre alter VW-Bus und mir auf Anhieb sympathisch. Diesel hin, VW-Kult her. Von seinem sehr netten Besitzer bekomme ich eine umfassende Einführung in alle Teile und ein wenig erinnert mich der Camper an die Yachten, die ich mal hatte: Hinter jeder Klappe, hinter jedem Fach kommt irgend etwas Nützliches zum Vorschein.

Oscar, recht nahe an der Schweiz „geparkt.“

Bis ich Oscar bei mir vor der Haustür und ihn vollgeladen habe, wird es doch weit nach 18.00. Es kommen auch alle Nachbarn und sogar mein Vermieter vorbei, und fragen mich, woher ich den Bus habe. Das „Hippie“ aus dem Titel kann ich übrigens knicken: Aufkleber, Ausstattung und Krimskrams schreien laut „Surfer“, „Boulderer“, „Dirtbiker.“ Aber eine meiner Seiten mit „alter Dirtbiker“ zu übertiteln macht auch keinen Sinn.

Ich fahre in den Abend und begehe das größte Verbrechen des Jahres: Ohne jede Plakette mit einem Euro-Null-Diesel schleiche ich mich durch Stuttgart zur Autobahn, in der Hoffnung das keiner kuckt. Innerlich rechtfertigen kann ich das für mich über die Solarzelle auf dem Dach, denn ab jetzt lade ich Laptop, Handy und Stirnlampe mit Sonnenstrom. Außerdem muss man bedenken, dass Oscar seit 30 Jahren als Bus nicht neuproduziert wurde. Alleine das gibt ihm einen insgesamt nicht ungünstigen Fußabdruck.

Es kuckt keiner.

Der Bus entschleunigt mich ganz schön. Meinen Stuttgarter Assi-Fahrstil kann ich jedenfalls vergessen, jetzt kleben andere an meiner Stoßstange. Und die Strecke ab Karlsruhe zieht sich mit Tempo 110 ganz schön. Insgesamt fährt sich der alte Herr aber ausgezeichnet und sehr entspannt. Könnte ich mir mal ne Scheibe von abschneiden.

Irgendwann gegen 22:30 gondele ich durch einsame Elsass-Dörfer und wünsche mir endlich Pfetterhouse am Kilometer 0 zu erreichen. Es war eine lange und späte Anreise. Nirgendwo ein Hinweisschild zum Beginn der Westfront. Kurz vor der Schweizer Grenze biege ich todesmutig auf einen Feldweg ein und Stelle den Bus auf eine Wiese am Waldrand. Motor aus, Bier raus, Tür auf.

Der Wald steht schwarz und schweiget.

Und das macht er seit jeher sehr schön so. Als ich gegen halb 12 ins Bett krieche (bei Bussen und Yachten wörtlich zu nehmen) ahne ich, dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft wird.

23.07.2020: „Kilometre 0“, Pfetterhouse, Elsass

Ich kann nicht sagen, dass ich durchgeschlafen hätte, aber als ich so richtig wach werde ist es kurz vor Acht und das will bei mir in einem neuen Bett was heißen. Die Sonne lacht über die angrenzende Heuwiese, die frisch gemäht mit großen runden Ballen übersäht ist, und hinter mir rauscht der Wald. Raus, Gas anschließen, Kaffeewasser kochen. Dazu Brioche mit Himbeermarmelade. Karte mit Google Maps vergleichen. Ah ja, dann hatte ich doch den Punkt gestern Nacht gar nicht so schlecht getroffen.

Sie betreten nun die Schweiz

Der „Kilometre 0“ ist ein Kuriosum. Ins damals deutsche, heute französische Elsass ragt am Flüsschen Largin ein 250 Meter breiter Streifen Schweiz einen guten Kilometer wie ein fallen gelassener Riegel Toblerone ins andere Staatsgebiet. Die Soldaten nannten den Zipfel „Entenschnabel.“ Die Franzosen dockten sich an die Schweizer Grenze an, die Deutschen gleich daneben und nun stießen in vier Jahren Weltkrieg hier drei Parteien aufeinander: Zwei Kriegsteilnehmer und ein Neutraler. Damit man die verrückt und gewalttätig gewordenen Nachbarn im Blick hatte, richtete die Schweiz eine militärische Beobachtungslinie ein.

Es muss sich dann ein etwas anderer Kriegsalltag eingespielt haben: Zwei, die versuchen sich wehzutun, ohne dass ein Dritter, der eng dabeisteht, zufällig was abbekommt. Mit Neutralitätsverletzungen hatten die Deutschen so ihre Erfahrungen gemacht und die Nummer mit Belgien war nicht wirklich gut gelaufen. Da man nicht so richtig schießen konnte, weil man die neutrale Schweiz treffen könnte, bunkerte man um so fleißiger. Die Schweizer Grenzsoldaten schmückten ihren Beobachtungsbunker mit einer übergroßen Flagge der Eidgenossenschaft, damit ihn keine Seite „aus Versehen“ unter Feuer nahm.

Was dennoch vorkam.

Der Schweizer Holzbunker (Rekonstruktion, ohne Fahne)

2014 wurde wie überall an der Westfront ein neuer Lehrpfad in der Hoffnung auf Touristenströme angelegt. Der am Kilometer 0 ist ziemlich gut, mit informativen Tafeln in drei Sprachen und mit interressanten Einblicken in die kuriose Geschichte des Frontbeginns. Man ist aber in etwa drei Stunden auch durch und außer Bunkerresten und Grabenlinien wirken die Wälder recht aufgeräumt und fundfrei. Ich fahre relativ früh wieder los und befreie Oscar aus der Wiese.

Die Strecke, die ich abfahre, ist mir theoretisch wohlbekannt, also die Ortsnamen sind es, denn die benennen auch die militärischen Grabenkarten beider Kontrahenten. Es sind Frontortnamen: Seppois (le-Haut und la-Bas), Altkirch, Carspach, Burnhaupt, Cernay, Wattwil. Überall, wo heute idyllisches Elsass ist, wo Flammkuchen und Storch regiert, liefen zwei Liniengewirre über die Landkarte, ein rotes und ein blaues. Während die Geographie ganz im Süden noch recht flach ist, steigen ab Guebwiller hohe Bergwände an, und machten den Konflikt zu einem recht unschönen Gebirgskrieg.

Sowohl auf dem Hartmannswiller Kopf als auch auf dem tête du Violu bin ich schon häufiger herumgestiefelt. Für dieses Mal habe ich mir einen dritten „Hotspot“ vorgenommen, den Lingekopf. Auch hier betonierten sich die Armeen auf Zigarrettenschnippweite metertief in die Erde und lieferten sich hässliche Gemetzel.

Ziemlich gut geschlossenes Museum.

Oscar muss sich am zweiten Tag der Reise gleich mal im Gebirgspassfahren beweisen und er tut das brav, entspannt, zuverlässig und … langsam. Ich genieße die Momente in denen ich keine genervten anderen Fahrzeuge an der Stoßstange habe oder mir völlig geisteskranke Rennradfahrer um Kurven entgegenschießen. Pünktlich um 17.30 biege ich auf den Parkplatz des Lingekopf-Museums ein. Pünktlich, denn es schließt um 17:30.

Also davon morgen mehr. Ich suche mir einen kuscheligen Stellplatz auf dem Berg für die Nacht.

24.07.2020: „Lingekopf“, Elsass

Erfolgserlebnisse als Camperneuling. Zum Abendessen habe ich ordentliche Spaghetti mit Schafskäsesoße hingebracht und mich sogar mit der Dachdusche von Oscar geduscht. Mit ein bisschen gelegentlichem Frischwasser bin ich mit dem Bus relativ autark. Ich hab gar nicht so viel Bock auf Campingplätze.

Ja, wer versteckt sich denn da?

Morgens um 9.00 bin ich der erste Besucher im Linge-Kopf-Museum. Man macht für mich extra die Tür auf, der ältere Elsässer lässt sich auf eine Plauderei mit mir ein und verspricht mir, dass er mich informiert, sobald ein paar mehr Deutsche in das Museum laufen, dann könne er den Informationsfilm auf Deutsch anbieten.

Das Lingekopfmuseum ist so herrlich altmodisch wie Oscar, man fühlt sich in die 90er zurückversetzt. Im Vergleich zur heutigen Weltlage wäre das eine Verbesserung. Hauptsächlich besteht die Ausstellung aus Vitrinen mit altem Zeug aus dem Krieg. In der Mitte ein Stück rekonstruierter Schützengraben. Mich erinnert die Ausstellung an das alte Memorial von Verdun, vor der Neueröffnung im Jahr 2016 . Tausende Exponate. So, wie man es heute nicht mehr macht. In letzter Zeit erwische ich mich aber dabei, wie ich die alten Ausrüstungsgegenstände recht intensiv mustere. Man weiß nie, wann man mal etwas „draußen“ wiedererkennt. So lerne ich auch, dass das von mir als Gewehrgranate titulierte explosive Überraschungsei neben dem Wanderweg vom Juni eigentlich eine französische Birnenhandgranate war.

Dem, dem sie ins Gesicht explodiert, sind solche Feinheiten natürlich egal.

Auch der Film ist an sich ein geschichtsdidaktischer Verkehrsunfall. Mit Explosiveffekt abbrennende Schriften, mystische Herr-der-Ringe-Musik, kleine animierte Computerspielsoldaten auf einer Karte. Der deutsche Sprechertext klingt, als hätte man das französische Original mit „Google-Übersetzer: Elsässisch“ umgewandelt. Wenigstens lässt der Film keinen Zweifel daran, was für eine dumme, saudumme Idee die Schlacht vom Lingekopf war.

Jedes Kreuz steht für einen Toten, der bei den Arbeiten am Museum entdeckt wurde.

Die erstreckte sich vom Sommer bis Herbst 1915. Davor war hier nicht viel. Danach war hier nicht viel. In vier Monaten 1915 verheizten die Generäle auf einem winzigen Felsen 10.000 Franzosen und 7.000 Deutsche. Als dem französischen General Joffre nach zwei Wochen die Divisionen ausgingen, holte er den Abitursjahrgang 1915 frisch aus dem Prüfungssaal an die Front und ließ die gegen die deutschen Maschinengewehre anstürmen. Halbe Kinder verbluteten in Hundertschaften auf dem felsigen Gipfel.

Ganz ernsthaft Leute und historisch fundiert: Generäle sind zum Kotzen.

Das an das Museum angeschlossene Stück Schlachtfeld ist ein Felsenlabyrinth aus deutschen Gräben und recht beeindruckend in seiner effektiven Verbunkerung. Die französischen Gräben liegen weiter unten am Hang und sind nahezu verfallen. An einer Stelle ist der Abstand zwischen den Nationen etwas mehr als ein Meter.

Fuck.

Zwei Stunden verbringe ich im Museum und auf dem zentralen Schlachtfeld. Dann geht es zurück mit Oscar zum Schlafplatz, auf der alten Karte in meiner digitalen Sammlung ist 200 Meter weiter östlich ein sehr großes Truppenlager eingezeichnet, „Sachsenlager“ nennt es die Generalstabskarte und es ist nahezu einen Kilometer lang. Ich will sehen, was sich heute noch davon findet.

Leider nicht viel.

Dem steilen Hang sieht man an, dass einmal sehr viele Leute dort gehaust haben müssen, zahlreiche Abdrücke von Unterständen und Hütten haben sich in den Boden gegraben. Dazwischen immer wieder kleine Beton und Zementfundamente, eingestürzte Bunker, ein gemauerter Backofen. Aber die Altmetallhändler haben ganze Arbeit geleistet. Gelegentlich glitzern ein paar Scherben zwischen den Tannennadeln. Letztendlich finde ich eine kleine Eierkohle, eine hübsche Tellerscherbe und einen Stiefelbeschlag bzw. ein Maultierhufeisen. Das war’s.

Gegen Nachmittag tauchen noch am rückwärtigen Hang große Zinkprofiltrümmer auf, die ich für die Reste einer Seilbahn oder eines Schrägaufzugs halte. Dann kommt auch noch ein Regenguss heran und ich beschließe, dem Elsass lebewohl zu sagen.

Zwei Vogesenpässe muss Oscar überwinden und er tut das brav und tapfer, immer mit einem Rattenschwanz an genervten moderneren Fahrzeugen am Arsch. Aber bei 70 ist leider im bergigen Gelände bei Oscar nahezu Schluss. Ich tröste ihn mit dem festen Versprechen, dass die Tour ab jetzt flacher werden wird.

Nach dem ersten Bergpass erinnere ich mich an meine „Schlachtfeldhose“, eine abgeranzte Jeans. Als ich zuletzt an sie dachte, hing sie zum Trocknen an Oscars Heckfahrradträger. Nach einer genervten Bremsung am Straßenrand stelle ich mit Erstaunen fest: Meine Hose hängt immer noch da. Wunder geschehen.

Abendessen in Luneville, Restaurant.

Luneville hat einen gewaltigen barocken Schlosspark und viele leerstehende Läden und Gaststätten. Wenn man wissen will, wie sich jahrelange neoliberale Staatsführung auf Klein- und Mittelstätte auswirkt, dann kann man sich an Frankreich ein Beispiel nehmen. Abseits der großen Zentren macht alles dicht. Ich finde noch ein Restaurant, dass auf hat, es ist zwar etwas teuer, das Essen ist aber gut. Und es erspart mir für heute den Gaskocher.

Mein Ziel für morgen, der Foret de Paroy, liegt 10 Kilometer östlich der Stadt. Es ist eine gottverlassene Gegend. Als ich im Abendrot auf einer schlaglochverseuchten Kleinststraße auf den Wald zutuckere, zwischen Sonnenblumenfeldern, als wäre das ein schmutziger Buddy-Movie mit Till Schweiger und Moritz Bleibtreu, spielen plötzlich zwei Füchse auf der Straße. Füchse. Zwei. Spielen fangen. Langsam bringe ich Oscar zum Stehen, anstatt zu flüchten blicken Reinecke 1 und Reinecke 2 neugierig und ruhig auf den Bus. Irre.

Bis ich am Handy die Navigation deaktiviert habe, um zu fotografieren, sind sie verschwunden.

25.07.2020: Foret de Paroy, Luneville

Da, wo sich Fuchs und Hase … ach, wie abgedroschen.

Fuchs: check (2x)
Rehe: check, check, check. Check, check. Und nochmals check.
Hase: check
Wildschweine: Wo seid ihr diesmal bloß?
Iltis: check.

Ja, sogar ein Iltis. Wenn ich ihn richtig erkannt habe. Aber er war nicht weit weg und relativ entspannt unterwegs. Mein erster Iltis.

Was ich an diesem „Hobby“ in den letzten Jahren immer stärker zu schätzen gelernt habe, ist das Naturerlebnis. Ich glaube ich habe an der Westfront mittlerweile mehr Tiere in freier Wildbahn beobachtet, als im Rest meines Lebens. Ich freue mich immer wie ein kleines Kind, wenn ich welche sehe.

Aber das Naturerlebnis ist dieses Mal auch das Miterleben einer Krise. Der Wald ist dermaßen trocken, egal ob ich im Elsass, den Vogesen oder in Lothringen unterwegs bin, der Boden bröckelt wie zerbrochener Zement durch die Finger. Heute bin ich wieder durch die „Notschlachtung“ eines Hanges gegangen. Der Tannenbaumbestand musste wohl dringend raus, sie halten den Klimawandel einfach nicht aus. Jetzt, im Juli, ist der ehemalige Waldboden dort grauer Beton mit Rissen, es sieht aus wie in der Sahelzone. Wenn die Bauern ihre Äcker pflügen, wehen Staubfahnen meilenweit auf. Ich kann mir nur ausmalen, was auf den kahlgeschlagenen Hängen passiert, wenn es doch mal wieder einen Tag stark drauf regnet. Schlammlawine.

Die Notschlachtung eines Waldes sieht hässlich aus …

Ob die, die jetzt gerade mit der Schule beginnen, noch einen mitteleuropäischen Wald erleben können?

… und dabei kann der Wald von Paroy so schön sein.

Kommen wir zum Foret de Paroy, eine der vergessensten Ecken der Westfront. Kein einziges großes braunes Schild „Champs de Batailles 1914-1918“ an den Straßen, wie bei Verdun oder in den Argonnen. Keine ausgeschilderte Erinnerungstour. Dabei war sogar einmal der Kronprinz da. Seinen Generalstabsbunker kann man hier heute noch sehen. Es gibt an der Westfornt so einige „Abri de Kronprinz“, die bekannteste liegt wahrscheinlich bei Varennes-en-Argonne. Aber nur hier ist ein Aufenthalt von Kronprinz Wilhelm verbürgt, und zwar im Frühsommer 1918. Der Bunker hatte sogar offensichtlich eine direkte Telefonverbindung nach Berlin. Es ist ein etwas albernes Betonhäuschen in einem pseudorömischen Stil, so wie auch Kronprinz Wilhelm, mit seinem Totenkopftschakko eine etwas alberne Persönlichkeit war. Zum Hohenzollern gehört, dass er einen an der Klatsche hat.

Das etwas alberne Betonhäuschen eines etwas albernen Monarchen.

Der Foret de Paroy ist vergessen, einfach weil hier nie eine große Durchbruchsschlacht angesetzt wurde, mit vielen Divisionen und Angriffsplänen. Es gab nur das alltägliche Gemetzel der Westfront, wie zahlreiche Granatsplitter im Wald bezeugen. Das Grabengewirr, vor allem im südlichen Teil, ist ziemlich gut erhalten und beeindruckend, auch Bunkerchen gibts nicht wenige. Aber der Wald ist aus dem öffentlichen Gedenken gefallen.

Ausblick und Durchblick

Dabei war er übrigens gleich in zwei Weltkriegen Schlachtfeld. Im September 1944 machte hier die Wehrmacht noch einmal Halt und lieferte sich mit Pattons 3. US-Armee heftige Waldgefechte. Teilweise zwischen den Gräben des vorherigen Weltkrieges. Bei einem früheren Besuch habe ich einmal zwei Bazooka-Geschosse gefunden, eher seltene Explosivware aus dem Zweiten Weltkrieg.

Preisfrage: Aus welchem Weltkrieg stammt dieses Projektil?

Jetzt habe ich Oscar gepackt und mich auf den Weg in sehr bekannte Gefilde gemacht. Über Nancy und Pont-A-Mousson erreiche ich den Frontbogen von St. Mihiel, wo ich schon oft war. Nachschub einkaufen war ich auch das erste Mal – mit Maske – und mein Vermieter meinte, ich solle der Tankuhr von Oscar nicht trauen und ihn lieber alle 600 km mit Diesel füttern. Den 600sten habe ich in Luneville gefahren, etwa 50 Liter gingen in den Tank. Jetzt sollte es bis zur Küste eigentlich reichen.

Aus der Schule erreichen mich eher düstere Nachrichten.

Manchmal fällt ein Schatten über diese Reise.

Ich stehe in Apremont auf dem Busparkplatz neben dem Croix de Redoutes – die heimliche Zünderhauptstatt der Front. Sonst ist hier keiner. Abendessen: Kartoffeltortillia mit Spiegelei. Fein. Gut, die Tortillia war fertig gekauft. Draußen ist es nun dunkel. Durch die offene Schiebetür zirpen 10.000 Grillen und Zikaden herein, der Wald verströmt tiefen Frieden.

Ein alter Krieger blickt mit bröckligem Gesicht seit 100 Jahren einem Feind entgegen, den es nicht mehr gibt.

Ich könnte mich an dieses Leben gewöhnen.

26.07.2020: Bois Brûlé, Apremont, St. Mihiel

Mein Soundtrack zur Tour (CD-Stapel unter dem Armaturenbrett):

Deichkind: Wer sagt denn das?
Beasty Boys: Paul’s Boutique
Faber: I fucking love my life
Casper: Lang lebe der Tod
Dicht und Ergreifend: Dampf der Giganten
Großstadtgeflüster: Trips und Ticks

Ich werde langsam echt gut im illegale Dinge tun. Eben gerade habe ich diverse Gesetze gebrochen und ich fühle dabei keinerlei Reue, nur ein bisschen Scham und kaum moralische Enpörung über mich selbst. Eher ein Gefühl zwischen James Dean und Capitain Jack Sparrow, nur nicht so hübsch. Ist wohl so eine „alternder Beamter von der Leine“ – Geschichte.

Zunächst hatte ich mich völlig verfranzt. Bis hierhin hatte mich meine IGN-Karte „Grande Guerre 1914-1918“ sehr sicher und mit wenig Navi durch die Tour gebracht, aber den Parkplatz am toten Mann habe ich vorhin grandios verfehlt. Statt dessen stand ich mit Oscar bei Cumiere, einem zerstörten Dorf, das auch irgendwie auf dem Toten Mann liegt. Was stimmt nur mit meiner Karte nicht? Schönerweise hatte ich aber eine digitale Kopie der IGN-Karte „Verdun“ auf dem Rechner, die von 2006, auf der noch zwei Millionen verbotene Dinge verzeichnet sind, die sie in der neuesten Ausgabe heraus retouchiert haben. Und siehe da: Von Cumiere zum Parkplatz am Denkmal führt ein Forstweg.

Ich habe in vielen Jahren Frankreich noch keine Forstwegschranke gefunden, die intakt gewesen wäre. Auch die an meiner ausgeheckten Geheimverbindung steht sperrangelweit auf, das Gegenstück zum Sichern und Zusperren ist augenscheinlich seit Zeiten Mitterands verschwunden. Zudem entpuppt sich der Forstweg als breiter und gut ausgebauter Holzarbeitsweg, für Oscar kein Problem.

Also los, Märzhase!

Ich tuckere im zweiten Gang im Abendsonnenschein durch den Wald, es ist heute Sonntag, gegen 20.00, da hält mich kein Mitarbeiter des staatlichen Forstamtes mehr auf. Natürlich ist es hochillegal, dass einer wie ich den Weg benutzt. Ich kichere vergnügt. Dann, nach etwa einem Kilometer, die Abzweigung zum Besucherparkplatz, ganz wie auf der Karte versprochen. Ein Blick, eine Erkenntnis, ein Fehlschlag: Natürlich ist da eine Schranke, ziemlich fett und diesmal vorgelegt. Wer hätte geahnt, dass die französische Forstverwaltungsbehörde, wenn sie eine Schranke intakt hält, zu aller erst die hinter dem Besucherparkplatz wählt, damit nicht jeder Depp in einem grauen Bus durch ihren Wald braust! Ich akzeptiere bereits resigniert, dass ich den ganzen Weg zurückschleichen muss, durch zwei Dörfer, um dann den offiziellen Zugang zu finden, gebe mir aber noch eine letzte Chance: fußläufig lege ich die letzten 30 Meter zur Schranke zurück, um sie genau zu erkunden. Und siehe da, vive la republique: Sie ist nicht gesichert! Kein Schloss, kein Bolzen, man kann sie einfach zurückschieben.

Natürlich ist es hochgradig gesetzlos, dass einer wie ich eine staatliche Schranke bedient.

Früher am Tag: Der Bois Brûlé zeichnet sich durch eine Vielzahl von deutschen Unterständen aus, die irgend ein ziemlich guter Tunnelbaumeister alle mit den selben U-förmigen Wellblechen konstruiert hat. Besser erhalten sind kaum Unterstände aus dem Krieg, Respekt für den Konstrukteur. Ich habe an anderer Stelle schon viel über den Wald geschrieben. Ich entdecke ihn ihm immer wieder etwas Neues.

Zünder sind hier nix Neues. Ein Stück „Feldofen“ schon.

Früh morgens im Wald zucke ich heftig zusammen denn auf der Grabenlinie steht in Rufweite plötzlich ein fremder Mann. Auf zwei Füchse, 17 Rehe und 32 Wildschweine kommt in meiner persönlichen Statistik ein Mensch, es handelt sich also um eine unerhört seltene Begegnung. Der Herr ist Belgier, spricht gut Englisch und wir kommen ins Fachsimpeln, Er lebt in der Nähe von Ypern, da ist einem der erste Weltkrieg nah. Er macht mit Frau, drei Söhnen und zwei Freundinnen (von Söhnen) nun das erste Mal Urlaub in der Gegend und ist fasziniert, wie viel Graben hier noch zu sehen ist.

Der Kerl ist ziemlich nett, ich gebe ihm Tipps, warne eindringlich vor Eier-Handgranten, und er sagt mir, was ich mir in Belgien ansehen muss.

Habe ich mich gestern über trockene Wälder beschwert? Der zynischste aller Götter laß mit und über mich geht gegen halb elf mitten im Wald ein Regenguss nieder, der Noah zu Hammer und Nagel hätte greifen lassen. Ich bin ekelhaft nass bis ich wieder am Bus bin, nur meine neuen Schuhe, die halten super trocken. Grummelnd hänge ich meine Schlachtfeldklamotte an Oscar, weil natürlich jetzt wieder Laser-Sonne strahlt, und mache mich an ein ausgiebiges Mittagsvesper.

Ich beiße gerade in meine Paprika, da halten zwei Autos mit extrem seltsamen Nummern neben mir. Es ist der Belgier, samt Frau, drei Söhnen und zwei Freundinnen (der Söhne). Großes Hallo. Er wollte seiner Familie all die tollen Dinge zeigen, die er früh morgens entdeckt hatte.

Ich bin gerade dabei, die wieder halbwegs trockenen Sachen abzuhängen, da taucht die sehr nette belgische Großfamilie wieder auf. Mein neuer Kumpel schwenkt eine französische Feldflasche, die er unter einem umgestürzten Baum gefunden hat. Er ist ein wenig enttäuscht, als ich ihm zwei mal bestätige, dass die Flasche das (sehr speziell geformte) französische Modell ist, ich habe das Gefühl, er hätte sich eine deutsche gewünscht.

Nun bin ich also auf mir sehr bekannten Wegen bis nach Verdun gefahren, habe dort in einem direkt an der Straße gelegenen Restaurant gegessen (wie oft etwas zu teuer für die mittelmäßige Qualität) und sitze auf dem toten Mann, auf dem ich beim letzten Mal so viele Funde hatte. Morgen geht es ein paar Meter nach Norden, im sog. „Rabenwald“ war ich noch nicht.

Alles ist stockdunkel draußen. Hier sind über 10.000 Menschen gestorben. Wenn heute Nacht keine Geister an den Bus klopfen, dann gibt’s auch keine.

27.07.2020, Morte Homme, Verdun

Die Physik des Schlachtfeldes ist faszinierend. Da führt zum Beispiel ein Weg führt durch den Wald quer durch eine recht breite Schlucht, er geht hinab und wieder hinauf, ein großes Kiesweg-U. Der Weg ist aus dem gelblich weißen Kalkstein des Massivs, und dem Wanderer fällt auf, dass es auf dem Weg andersfarbige Cluster gibt: Grün für Kupfer; rotbraun für Eisen; blaugrau für Blei.

Tatsächlich sortiert der Weg das Schlachtfeld durch. Er macht das wie eine natürliche Goldwaschtreppe, mit jedem Regenguss, jeder Schneeschmelze spült das Wasser Reste des Krieges aus dem umliegenden Erdreich und je nach Kieskörnung, Steigung und Wegkrümmung sammeln sich unterschiedliche Materialien nach chemischer Dichte an bestimmten Stellen an.

Eine deutsche Handgranate rostet schnell durch und das ist gut so.

Damit offenbart sich eine faszinierende natürliche Sammelmaschine. Das Eisen besteht in fast jedem Fall aus Granathüllensplittern, dem Killer Nr. 1 des Kriegs. Blei findet sich fast auschließlich als Schrappnellkugel, die an graue große Blaubeeren erinneren, aber eine echt hässliche Waffe waren, manchmal auch als Bleipatronenspitze. Kupfer erscheint großteils als Bruchstück von Führungsbändern an Granaten, dazwischen aber auch Kupfermantelfragmente von Patronen oder winzige Kupfernägelchen für weiß-der-Geier was.

Man könnte das Schlachtfeld mit einer Waschanlage nach Altmetallen ausbeuten wie einen ganz normalen Tagebau. Natürlich mit tausenden unangenehmen Blindgängern.

Am Morte Homme kann man an den metallgespickten Wegen sehen, was abging. Die zentrale Höhe über das Schlachtfeld ermöglichte ihrem Besitzer, das gesamte Geschehen zu beobachten und das eigene Feuer effektiv zu leiten. Die Deutschen wollten sie haben; die Franzosen auf keinen Fall hergeben; Dann wollten sie die Franzosen auf jeden Fall zurückholen. Jetzt ist der Hügel ein Massengrab auf alle Zeiten.

Gegen Abend mache ich mich auf den Trip in die Champagne. Mein Weg führt erst durch wohlbekanntes Gebiet, die Hügel und Schluchten der Argonnen. Wieder fällt mir auf, wie krank die Wälder sind. Tiefe Tannenschluchten, die ich vor drei Jahren noch moosgrün-saftig erlebt habe, sind jetzt plötzlich tot und braun. Überall werden hastig Hänge leergeräumt. Für Artefaktsucher eine einmalige Chance, der Waldliebhaber-Teil meiner Seele weint.

Unsere Wälder sterben. Jetzt gerade.

Mit der Champagne betrete ich Neuland, so weit war ich im Frontverlauf noch nie. Endlos weite Felder auf denen Traktoren Strohballen rollen. Bolzengerade Alleen. Der Front bin ich auf der Spur, so lange man regelmäßig an Militärfriedhöfen vorbeifährt bleibt man auf der Linie. Die Sonne brennt gnadenlos auf diese Landschaft hinab, von Süden weht ein staubheißer Wind.

Viel lasse ich liegen. Die Marne-Schlacht, die Kämpfe von 1915 … aber ich muss auch mal Strecke machen. Morgen in Reims gibt es einen Stadt-Tag. Und hoffentlich finde ich mal ein WiFi, um das ganze Zeug hier hochzuladen.

Reims, 28.07.2020

So, von 9:00 bis 11:00 saß ich in einem Café um den Blog auf Stand zu bringen. Uffz. Heute Nacht zwischen Weinbergen geschlafen, neben einem Sportplatz (Ich! Sportplatz!), nettes Gespräch mit einem Franzosen mit weißem Husky, der das selbe Busmodell besitzt. Fachsimpelei über Wasserbehälter. Jetzt gehe ich mir eine Kathedrale ansehen.

Später am Tag:

Mir geht es als Ulmer, dem sein Münster über alles geht, ja ziemlich schwer über die Lippen: Aber die Kathedrale von Reims ist ganz schön beeindruckend. Einerseits wegen des ziemlich atemberaubenden Figurenschmucks, andererseits aber auch wegen ihrer Rolle, die sie in der Geschichte Frankreichs spielt. Alle Ludwigs wurden hier gesalbt.

Dennoch hält es mich nicht lang in den urbanen Gefilden von Reims. Nach einer etwas fragwürdigen Pizza in einem Schnellrestaurant steuere ich einige Kilometer außerhalb der Stadt das Fort de la Pompelle an. Nach den eher zweifelhaften Erfahrungen mit der deutschen Militärmaschine 1870 hatten die Franzosen mehrere Festungsgürtel in ihrem Ostteil geplant. Reims blieb noch zwei Jahre deutsch besetzt, bis Frankreich seine für die damalige Zeit überharten Reparationen an Deutschland abgestottert hatte. Wie immer gilt: Alles, was über die Deutschen zu späterer Zeit hereinbricht, haben sie selber zuvor für andere erfunden. Reims geht zurück an Frankreich, Frankreich baut Verteidigungsanlagen.

Die Festungen stellen beim Vormarsch 1914 durchaus ein Problem dar. Ein paar Tage ist Reims von den Deutschen besetzt, dann bricht an der Marne die ohnehin äußerst illusionistische Angriffstrategie zusammen, die Front wird zurückgesetzt, das preußische Miltär haut aus der Stadt wieder ab; die Franzosen setzen nach, es ist immerhin Reims mit der weltberühmten Kathedrale, irgendeiner pflanzt im Befreiungsjubel eine Trikolore auf besagte Großkirche. Die Deutschen nehmen das Fähnlein als Freifahrschein, um das weltberühmte Gotteshaus gezielt zu beballern. Wie so oft: eine zutiefst dumme Reaktion ohne militärischen Sinn, aber eine internationale PR-Katastrophe. Der in Belgien angelegte Ruf, der Deutsche sei ein dummer, stinkender Barbar ohne kulturellen Sinn, wird mit dem Artilleriefeuer auf Reims gefestigt und hängt uns seither nach.

Danke preußischer Militarismus.

Die Kathedrale übersteht den Krieg schwer gezeichnet, aber in der Substanz unzerstört. In der Folge macht die Front einen Bogen um Reims, es ist die einzige Großstadt, die gleichzeitig Frontstadt ist. Ein paar der Festungen fallen in deutsche Hand, Fort de la Pompelle wird wieder französisch und strategisch wichtig. X-Mal versuchen die Deutschen es zu erobern, X-mal wird es verteidigt, unter anderem von Russen und schwarzen Kolonialtruppen. Zum Schluss wehrt es 1918 den größten deutschen Panzerangriff bis zu diesem Zeitpunkt ab. Immerhin 15 von den Dingern hatte die panzerskeptische OHL losgeschickt.

Die Bilder gleichen sich: Douaumont, Vaux, Pombelle.

Nach dem Krieg setzen die Reimser ihren schwarzen Helden ein Denkmal, dass die Wehrmacht 1940 dann wieder demontieren lässt. Farbige als Kriegshelden gegen Germanen – die Message ging ja wohl mal gar nicht.

Heute beherbergt das Fort eine etwas seltsame Ausstellung. Sie wurde 2014 (wie alles) erneuert und ist kostenfrei. Soweit so gut. Die Geschichte des Forts und der Stadt im Ersten Weltkrieg wird ganz gut vermittelt. Ansonsten konzentriert sich das Museum auf a.) Artilleriegeschütze, b.) Uniformen aller Gattungen und c.) Pickelhauben. Ja, geanau: Pickelhauben. Hunderte. Irgendwie ist die Ausstellung in den Besitz der Sammlung eines der größten französischen Pickelhaubenkenner geraten, und es ist einerseits faszinierend, welche Formenvielfalt die kaiserliche Armee vor 1916 mit dieser im Feld völlig sinnlosen Kopfbedeckung entwickelte. Es wirkt andererseits ein wenig seltsam, vor dem Hintergrund des ersten industriell geführten Materialkrieges, 200 auf Hochglanz polierte Parade-Helmchen mit Goldblechbeschlag in Reih und Glied zu sehen. Am Ende wird der graue oder getarnte Stahlhelm das Antlitz der Schlachten prägen.

Ich fahre weiter die Aisne entlang. Es ist nach Schildern gar nicht so einfach den Weg auf den Chemin des Dames zu finden. Vor allem eine Ortschaft namens Fisques treibt mich in den schieren Wahnsinn mit ihren völlig bekloppt beschrifteten Schildern. Als ich dann endlich vollgestresst auf der richtigen Route Richtung Norden unterwegs bin, übersehe ich in der nächsten Ortschaft fast eine rote Ampel.

Die Bremsen von Oscar greifen.

Der kleine Höhenzug des Chemin des Dames sollte ein ähnliches zähes Ringen auslösen wie die Somme oder die Maas-Höhen. Der Name hatte eine unheilschwangeren Klang unter den Soldaten beider Seiten. Außerdem muss mein Opa hier gewesen sein. Im Zweiten Weltkrieg. Das 56 Ulmer Infanterie-Regiment (später Jäger-Regiment) war bei der Eroberung ganz vorne mit dabei und am Chemin des Dames entwickelten die Franzosen offensichtlich den einzigen ernsteren Widerstand, den die Abteilung meines Großvaters zu brechen hatte. Immerhin ein paar Tage lang wird der deutsche Bltzkrieg hier noch einmal gebremst. Das hämische Hochgefühl, über die Höhen hinunter zu Aisne zu brausen, die 25 Jahre zuvor so unüberwindlich schienen, spricht aus der offiziellen Regimentsgeschichte der 56er unübersehbar.

Ja ja, freut euch ruhig. Bald kommt Russland.

Ich möchte mir hier die Cavern de Dragon, die Drachenhöhle ansehen, ein weicher Kalkstein-Untergrund, in dessen weiten Kavernen Soldaten beider Seiten während des Krieges lebten und mit- und gegeneinander kämpften. Pünktlich um 17.00 rausche ich mit Oscar auf den Parkplatz. Pünktlich, denn um 18.00 schließt die Gedenkstätte. Aber: Für unterirdische Führungen muss man sich anmelden. Die nächste wäre morgen um 12.

😦

Gut, dann eben morgen. Ich grummele mit Oscar in den Wald hinter dem Museum, stelle mich auf den Forstweg, ziehe die Outdoorstiefel über und schleiche noch ein paar Abendstunden durch die alten Linien. Ich könnte auch in Verdun sein. Ich fotografiere in paar ziemlich gut erhaltene Stielhandgranten und ein gigantisches Granatenfragment und mache mir jetzt dann Grießbrei mit Pfirsichstückchen.

Mmmmmm, Grießbrei … (Lechzsmiley)

29.07.2020: Chemin des Dames, Aisne

Ich erwache langsam vom Geräusch großer, blubbernder Motoren. Gähhhhn – Mom, Was!!? Motoren auf dem Waldweg!? Wie Gregor Samsa wälze ich mich auf den Bauch und sehe verschwommen etwas relativ Großes, ziemlich Grünes durch die Heckscheibe. Fahrig taste ich nach der Brille, stülpe sie auf die Nase und starre auf ein fettes gelbes John-Deer-Logo.

Hinter Oscar steht ein relativ großer Traktor mit laufendem Motor.

Shit, sie haben mich! Die Forstbehörden! Ich gestehe alles. Aber es ist nicht der ONF, es sind zwei ältere Bauern, die mit einer hydraulischen Höllenmaschine die Buchenstämme spalten, die hier gestapelt waren. Von mir wollen sie nicht viel, der Wagen könne gerne so stehen bleiben. Glück gehabt. Mit Kaffee machen und Baum anpinkeln warte ich aber doch lieber, bis die zwei älteren Herren mit ihrem unbegreiflichen Dialekt ihr Holz fertig haben.

Gut, nach 15 Minuten taucht noch ein dritter Traktor auf. Und ein Renault Kangoo mit ONF-Logo. Irgendwie fühle ich mich mit dem Bus inmitten des Tumults ziemlich fehl am Platz, ich trete die Flucht an, einige Kurven nach Norden. An der Abtei von Vauclair stelle ich den Bus wieder ab und mache mir erst einmal Kaffee. Alleine bin ich hier aber nicht, der gewaltige Touristenparkplatz lässt ahnen, dass hier viel Verkehr ist. Das Plätzchen ist nämlich wunderschön.

Die weißen Ruinen der alten Abtei tauchen ein wenig wie eine Fata Morgana aus dem Wald auf oder wie ein Setting für eine Folge Game of Thrones. Die Anlage war einmal ziemlich groß. Im ersten Weltkrieg dann zerschossen, wurde sie 50 Jahre vom Wald am Chemin de Dames überwuchert, bis die Ruinen auf private Initative eines damals im Felde stehenden Pastors in den 1960ern freigelegt wurden. Jetzt sind sie von grünen Wiesen im Wald umgeben, ergänzt um Picknick-Tische, Spielplatz und Busparkplatz. Nur zahlreiche Warnschilder vor dem in jüngster Zeit prominent gewordenen Eichenspinner stören das Idyll etwas.

Bei einer kurzen Exkursion in den Wald hinter der Abtei finde ich zahlreiche Granattrichter, einige von beängstigender Größe, außer die alltäglichen rostigen Splitter aber nichts weiter Interessantes. Gegen 11.00 stehe ich am nun ziemlich vollen Ruinen-Parkplatz. Ich möchte mich noch waschen und duschen bevor ich zur Führung fahre, hier wäre das aber irgendwie doof. Also los, nächster Waldweg, Oscar abstellen, Waschwasser warm machen. Als ich meinen Oberkörper einseife tröddeln im Zeitlupentempo drei historische Mopeds durch und glotzen. Na Super. Als ich meine Haare abschwenke, biegen zwei Rennradfahrer auf den Waldweg ab und drücken sich an Oscar vorbei. Was wollen die mit ihren Kinderreifen auf dem Waldweg? Als ich die Socken wieder anziehe ertönt aus Richtung Wald das bedrohlich näherkommende Tuckern eines Traktors. Ich lasse resigniert den Kopf hängen.

No rest for the wicked.

Die Caverne du Dragon, auf deutschen Karten als „Creuse-Höhle“ verzeichnet, war ein unterirdischer Kreidesteinbruch aus dem 18. Jahrhundert. Er lag tief unter der Erde und seine weiten Kavernen und Hallen boten einen idealen Schutzraum. Bis 1917 besetzten die Deutschen die Höhle. Dann war die Höhle wochenlag ein lichtloses Schlachtfeld auf engstem Raum, bis die Franzosen den Feind verdrängt hatten. Beide Seiten haben zahlreiche Spuren und Relikte hinterlassen. Der begehbare Bereich ist recht groß und die Führung geht etwas schnell. Gerne hätte ich die Dinge in den Vitrinen noch ein wenig eingehender gemustert. Für das Museum und den Ort an sich gibt es eine klare Empfehlung, als Lehrer bekommt man sogar ermäßigten Eintritt.

Gegen Nachmittag fahre ich den Damenweg entlang, jene einsame, etwa 40 Kilometer lange Landstraße, an der entlang sich so heftige Kämpfe entwickelten. Heiße Sommerlandschaft, weite Felder, wenig Bäume. Gelegentlich ein Denkmal, ein Soldatenfriedhof, ein zerschossenes Fort. Mein Ziel ist die Somme, und damit der Bereich, der vor allem im damaligen Commonwealth einen hohen Platz in der Gedenkkultur einnimmt. An St. Quentin vorbei will ich nach Peronne, wo das einzige Museum der Westfront steht, das von Historikern aus drei Nationen konzipiert wurde.

Ich habe heute kein Glück.

Das „Historial de la Grande Guerre“ ist bis September wegen Renovierungsarbeiten im Innenhof geschlossen. Wer schließ ein Museum in der Hochsaison? Offensichtlich konnte die Renovierung nicht bis Oktober warten.

Dafür ist Peronne, obwohl größtenteils nach dem Krieg wieder aufgebaut, ein echt nettes Städtchen. Wohin soll ich auch sonst? Der Nordteil der alten Linie ist deutlich anders als der mir sehr gut bekannte Süden, hier gibt es keine einsamen Schluchten und Waldflächen, hier gibt es vor allem Felder und kleine Wäldchen. In den Argonnen muss ich nur in den Wald laufen und stolpere über Gräben. Aber was mache ich hier?

Ich beschließe Abends kräftig die englischen Feldkarten zu studieren, um mir ein paar Ziele zu erarbeiten. Ich verbringe den Nachmittag in Peronne. In der großen Kirche übt jemand Orgel. Er übt tatsächlich, dennoch ist der Klang des riesigen Instruments sehr beeindruckend. Übrigens ein Nachbau eines Originals von ca. 1830, das – wie könnte es anders sein – im ersten Weltkrieg zerstört wurde. Ich trinke ein Bier in einer Bar. Gehe am Kanal spazieren. Esse zwischen Holländern in einem Restaurant.

Am Abend finde ich über die Wildcamper-App doch noch einen abgeschiedenen Stellplatz, eine Art riesige Picknick-Area unter alten Bäumen, von hohen Hecken umzäunt. Direkt am Kanal, hoffentlich nicht so mückenbelastet. Auf der Wiese rennen Kaninchen herum. Es ist jetzt 21.15 und bis jetzt ist noch kein anderes Campingmobil hier aufgetaucht.

So, jetzt aber Kartenstudium!

21.22. Ein Wohnmobil taucht auf. Seufz. Die Kaninchen müssen vorher ähnlich reagiert haben, als ich angerollt kam.

30.07.2020: Arras, Somme

Die Sonne brennt gnadenlos auf die fast baumlose Landschaft, nur hin und wieder stecken winzige Wäldchen in der gelbbraunen Felderlandschaft, deren Blätter im grellen Licht fast schwarz wirken. Auf der Bundesstraße schieben sich endlos Autos und Lastkraftwagen aneinander vorbei, dahinter rattern unablässig die Dieselmotoren der über die Felder schwankenden Traktoren. Hin und wieder unterbrechen Gedenkstelen, Mahnmale und Soldatenfriedhöfe die Eintönigkeit.

Das Schlachtfeld an der Somme ist gar nicht mal so geil.

Das liegt daran, dass es nicht mehr existiert, oder besser gesagt unter einer gewaltigen Agrarlandschaft verschwunden ist. Hier findet man fast nichts mehr. Zumindest nicht ohne archäologische Grabung.

Heute war ein ereignisreicher Tag mit vielen Stationen aber mit ziemlichen Enttäuschungen.

Am morgen beginne ich bei Frise mit der Erkundung der Linien. Die dort eher marschlandartige Somme beschriebt einen malerischen Bogen und wird von Höhenzügen gerahmt, von denen man einen sehr schönen Blick auf die Landschaft hat. Natürlich waren sie umkämpft, unter anderem diente Otto Dix auf diesen Hügeln. Ein gut gemachter, aber aprupt endender naturkundlicher Wanderweg führt dort entlang, man sieht noch die Spuren von Kratern und Gräben. Außer den Vertiefungen in der Erde ist aber nichts mehr zu finden.

Ich versuche es auf einem frisch abgeernteten Feld. Und ja: Man entdeckt den sogenannten „Iron Harvest,“ die Splitter und die rostigen Klumpen im Erdreich. Aber nichts sonst. Ein paar winzige Glasscherben. Höhepunkt: Eine halbe, übel zerquetschte Patronenhülse, vermutlich eine Deutsche. 100 Jahre Pflugscharen haben nicht viel übrig gelassen, zumindest nicht an der Oberfläche.

Iron Harvest

Gegen Mittag fahre ich nach Albert, meine Karte verspricht mir dort das „Musee del la Somme 1916.“ Die Location ist interessant. Die Alberter haben in den 30ern, in weiser Voraussicht, dass es das noch nicht wahr mit den Deutschen, weitläufige Luftschutztunnel unter ihrer Stadt angelegt. Heute beherbergen sie ein „Museum“, das eher eine Mischung aus einer Geschichtsstunde und einer Puppengeisterbahn ist. Jedenfalls gibt es wieder viel Gerät zu sehen. Wenigstens bin ich der einzige Besucher.

Gegen Spätnachmittag gebe ich der Somme eine letzte Chance. Am 01. Juli 1916 startete eine Offensive, die als der blutigste Tag der britischen Geschichte legendär werden sollte. Nach einem mehrtägigen Trommelfeuer auf die deutschen Linien stiegen zehntausende Briten aus ihren Gräben und schritten auf den Feind zu. Die meisten davon starben in der ersten Stunde. Ein solches Großereignis muss Spuren hinterlassen haben!

Spürchen.

Man findet nur noch Splitter auf Feldern. Fast. Wenn man in die kleinen Wäldchen zwischen den Äckern geht, die eigentlich alle Privatland sind, dann tauchen sie plötzlich aus dem Nebel der Geschichte auf: Krater, Gräben, Stellungen. Manchmal eine Flasche. Oder ein „Schweineschwanz.“ Zwischen all dem Müll der Landwirtschaft.

Dieses Autowrack mit Bakelitlenkrad kommt aus einer späteren Periode. Es liegt trotzdem im Miniwald rum.

Das Problem ist, dass alles mit Erde zugedeckt und durchgerecht wurde. Und manchmal findet man sehr gruslige Dinge auf dem Privatland. Seltsame Fallen oder fallenähnliche Konstruktionen. Eine Art Holzkiste aus Ästen voller toter Hühner – schon Tage toter Hühner. Irgendwann habe ich Schiss, entdeckt zu werden und will nur noch zum Bus. Denn hier ist man nie allein. Überall sind Straßen, brausen Autos, kurven Mähdrescher umher. Der Kontrast zu den Wäldern und Hügeln im Südosten könnte nicht größer sein.

Gegen Abend fahre ich nach Vimy, einem Dörfchen nicht weit von Arras. Es liegt auf einer langgezogenen Anhöhe, war Teil der Frontlinie und wurde von Kanadiern erstürmt. Den Kanadiern gehört deshalb das Stück Land am Rande des Dörfchens und sie haben dort eine Gedenkstätte.

Die Kanadier haben echt den Arsch offen.

Bei all den 500+ Denkmälern, die ich zum Thema erster Weltkrieg gesehen habe, ist mir nie ein derartiger Gigantismus und Überhöhungswille vor Augen gekommen, Das Beinhaus neben dem Douaumont ist im Vergleich niedrig und zurückhaltend. Was für eine Monstrosität von Denkmal. Das Schlachtfeld wurde peinlichst genau gesäubert, und mit sanften Gras bepflanzt – sauber, hygienisch, kein hässliches rostige Metall stört die Ästhetik. Überall sind Warnschilder, bei denen ein Elsässer oder Argonner laut lachen würde.

Es sieht aus, als hätten Daisy Duck und Donald Trump gemeinsam ein Stück Westfornt nach ihren ästhetischen Prinzipien umgestaltet.

Ich bin frustriert. Das Erlebnis, dass ich von den Maashöhen und aus den Vogesen kenne, scheint hier nicht möglich. Und ich fürchte, das wird von hier bis zur Küste nicht anders werden.

31.07.2020, Flandern, Niemandsland zwischen Frankreich und Belgien

Ach, traurige Somme, trauriges Flandern! Immerzu braust der Verkehr über die flachen Ebenen, die Abraumhalden stellen die höchsten Punkte dar. Eine gnadenlose Sonne von einem gnadenlosen Himmel versengt dich und taucht dich in deine Nationalfarben: Gelbbraun, Schwarz und Weißblau.

Ich schreibe heute nichts über die vergeblichen Versuche, im Wald bei Vimy irgend etwas zu entdecken, nichts über ewige Gondelleien über schlecht ausgeschilderte Landstraßen, deprimierende Straßendörfer, unendlich lang, unendlich tot, geschlossene Rolläden an 365 Tagen, nichts über den heißesten Tag des Jahres in einer Landschaft ohne Schatten.

Ich schreibe über zwei tolle Dinge hier, die aber vergessen und missachtet sind.

Hinter Vimy steht das Memorial de Fraternisation. Es ist all den Punkten in der Chronologie des ersten Weltkrieges gewidmet, an denen Soldaten ihre Befehle missachtet haben und sich mit der anderen Seite verbrüderten. Seien es die inzwischen verfilmten Weihnachtsfrieden, sei es das berühmte englisch-deutsche Fußballspiel. Es ist ein kleines Memorial neben einem großen britischen Friedhof und es ist ganz neu. Die Welt hat 100 Jahre gebraucht, um den Befehlsverweigerern von 1914-1918 eine kleine Ecke zuzusprechen. Ein französischer Dichter hatte nach einem solchen Erlebnis geschrieben, dass er sich Wünsche, dass diesen Gesten der Menschlichkeit im Artois, wo er sie erlebte, ein Denkmal gesetzt werde. Francois Hollande hat diesen Wunsch 100 Jahre später erfüllt.

Immer wenn ich Zeugnisse dieser seltenen Episoden der humanen Kontaktaufnahme lese oder sehe, werden mir die Augen ein wenig feucht. Da ist dieses Foto von einem deutschen Offizier mit Pickelhaube, der etwas unbeholfen durch den Schnee stapft und einen jämmerlichen kleinen Tannenbaum schwenkt, aber mit diesem Weihnachtsmanngrinsen. Immer, wenn ich ihn sehe, dann kann ich ihn förmlich hören:

„Nich schießen Kameraden, bin nur icke, ick bin alleene und unbewaffnet. Wir ham euch sing hören, und zwar dat Lied von der „Heiljen Nacht“, wusstet ihr das det eijentlich Deutsch is? Na ja, jenau jenommen österreichisch, aba wat solls. Dachten uns, wir bringen euch det Bäumchen hier. Oder kommt doch jleich rüber zu unserm Jraben. Dann könn wa die englischen Worte ooch bessa verstehen. Und dann sing wer’s euch nochmal auf Deutsch. Wat haste da, Tommy? Krismes-Pudding? Ja klar nehm ik den an, senkju, senkju. Hier, ditte sind Plätzchen, von mener Frau. Nimm ruich. So, denn kommt doch mal rüwa. Na Heinrich, wat hast du von deim Tommy bekommen? Englische Zigaretten? Und, sinn se bessa als unsre? Dacht ik mir … Ne, Fritzen, du kannst doch dem Englända nicht dene Erkennungsmaake schenken! Hasste nix andres da? Ne deutsche Bibel? Ja warum nich, der kennt den Text doch eh in seiner eijen Sprache. Kiek mal, Herrmann, die ham nen Mundharmonikaspiela. Det war aba en trauriges Lied, det sie jespielt haben. Awa schön. Jetzt muss ik heul’n. Hol ma die Quetschkommode aus’m Unterstand ruf, Kurti. So, Jungens, wat könn wa dreistimmich? Am Brunn‘ vor dem Tore? Na denn ma los Kurti, zähl mal schön ein …“

Ich habe das Gefühl, dass kaum jemand am Denkmal der Verbrüderung anhält.

In Fromelles, ganz nahe bei Belgien, steht ein ziemlich neues Museum. Ich war auf diesem Tripp in einigen obskuren und schrägen Museen. Das hier ist gut.

Die Schlacht von Fromelles dauerte nur 12 Stunden und war eine Katastrophe. 2000 Australier und 1000 Engländer starben in einer Juninacht 1916, ich glaube etwas weniger Deutsche. Der Angriff der Commonwealthtruppen war ein Fiasko, aufgebaut auf idiotischen Prämissen, durchgeführt von unfähigen Kommandeuren. Bis zum Abend besetzen die Australier einen Teil der vordersten Linie der bayerischen Regimenter. Irgenwann nach Mitternacht holen die Deutschen sich ihre Gräben zurück. Der Kampf tobt bis zum Morgengrauen mit Gewehrkolben und Messern. Dann schleppen sich die Überlebenden Entente-Truppen in Ihre Ausgangslinie zurück. Noch tagelang bergen sie todesmutig verletzte Australier aus dem Niemandland.

Vielleicht sprach jahrzehntelang niemand von diesem Tag, weil er ein Fiasko war. Hätten die Australier den deutschen Höhenrücken eingenommen, vielleicht hätte man auch hier einen 50 Meter hohen kanadischen Doppelpenis in den Himmel gestellt. Aber Verlierer können ja keine Helden sein.

In den frühen 2000ern wurden in einem Wäldchen am Dorfrand von Fromelle 250 vermisste Australier entdeckt, die die Deutschen dort 1916 ehrenvoll bestattet hatten, nachdem sie die Toten am nächsten Morgen aus ihren Gräben und Stacheldrahtwällen gezogen hatten. Danach hatte man das Massengrab einfach vergessen. Bis heute konnten 140 davon identifiziert werden. Das Museum erzählt ihre Geschichte, ziemlich modern, ziemlich gut. Am Ende blickt man aus einem Fenster auf einen Friedhof mit 250 weißen Gräbern. Da zerdrücke ich dann schon wieder ein Tränchen.

Wenn man am Denkmal für die Australier, mitten zwischen den Bunkern der ehemaligen Deutschen ersten Linie, die Feldraine abgeht, dann erzählen die Äcker dort Geschichten. Eine Patronenhülse, eine Bleiplombe, eine Schnapsflaschenscherbe, ein Munitionskistengriff. Hier sind die Felder noch nicht so steril wie an der Somme.

Direkt am Dorfrand, versteckt in einem Naturschutzgebiet, liegt ein ziemlich großer Kommandobunker. Auch da bin ich alleine, ich war allerdings nicht der erste mickrig gewachsene Deutsche an diesem Ort. Hitler war in diesem Bunker, zwei Mal. Zuerst im Krieg, dort war er Meldegänger. Hätten ihn nur die Australier erwischt, das wäre besser gewesen. 1940 kam er wieder, er ließ sich nach dem Sieg über Frankreich extra zu diesem Bunker bei Fromelle im Nirgendwo fahren, um seine Kriegsheldenlegende zu stricken. Als ich mich auf den Weg mache, befürchte ich kurz irgendwelche Neonnazis dort abhängen zu sehen oder Hakenkreuzgeschmier. Nichts davon. Der Bunker liegt völlig unprätentiös in einem banalen Maisfeld.

Gut so.

Führerbunker, Beta-Version

Jetzt stehe ich auf einem Kiesparkplatz zwischen Waldrand und Villensiedlung. Es ist höllenschwül. Immer wieder bläst ein heftiger Wind. Abendessen: Rosmarinkartoffeln mit Gurkensalat und Munsterkäse.

Morgen fahre ich nach Ypern und hocke mich in ein Kaffee. Internet.

Oh ja, ich bin von einer Biene gestochen worden. Nicht schlimm, war schon in der Apotheke, und habe dort nach „etwas“ verlangt „das gegen das Insekt hilft, das den Honig macht.“

Mein Französisch ist immer für einen Lacher gut.

01.08.2020, Ypern, Belgien

Hurra Belgien! Als ich früh morgens um 8.00 die Grenze überfahre rieche ich förmlich Waffeln, Pommes und Bier. Um 9.00 steige ich in Ypern aus dem Auto und suche nach W-LAN mit Frühstück.

Nicht das Beste an Belgien, aber … doch, das Beste an Belgien. Schon.

Ypern war ein Frontbogen. Die Stadt und das nächste Umland waren belgisch, bzw. alliiert. Darum herum saßen die Deutschen und feuerten aus allen Rohren. Ypern wurde zu 100 % zerstört, es gab Ende 1918 kein einziges intaktes Haus mehr. Auch die gotische Markthalle, ein Wunderwerk das Mittelalters, war ein rauchender Haufen. Man muss heute sagen: Die Stadt wurde sehr hübsch wieder aufgebaut.

Ypern ist auch bekannt für den ersten Gasangriff der Geschichte. Und wieder war es ein Deutscher, der diese Scheußlichkeit der Schlachtfelder zur Einsatzreife entwickelte: Fritz Haber, ein heute noch im Chemieunterricht gerne mal mit Respekt genannter Name. Er warb ziemlich offensiv bei der Militärführung darum, seine Kampfstoffe einsetzen zu dürfen. Die OHL sah beim Thema Giftgas dann auf Habers Betreiben hin „keine völkerrechtlichen Bedenken.“

Für die Ausgewogenheit der Darstellung: Die Gegenseite benötigte nicht lange um die chemische Kriegsführung zu adaptieren und zu effektivieren. 1918 war auf beiden Seiten etwa jede vierte Granate mit Giftgas gefüllt. Die erhoffte militärische Wirkung hatte das Zeug nie, aber es steigerte das Grauen der Schlachtfelder.

Das „Museum of Flanders Fields“ in Ypern ist absolut hervorragend und mit Abstand das beste, das ich auf der Tour gesehen habe. Es ist in jeder Hinsicht modern und klug gestaltet und löst sich völlig von jedem nationalen Hurra-Patriotismus. Vor allem die Video-Installation zum weiter oben angesprochenen Weihnachtsfrieden ist fantastisch gelungen.

Mittags: Pommes und Bier. Geilo.

Tja, das ist doch eine Handgranate. Doof.

Nach dem Essen schlendere ich erst ein wenig durch die Stadt, fahre dann mit Oscar auf die Hügel, um ein wenig durch die besagten Felder Flanderns zu streunen. Zwischen den Furchen liegt noch viel herum, das meiste auch hier schön zerkleinert. Ich hebe einen großen rostigen Brocken hoch, erstarre, und setze das Ding wieder mit atemloser Vorsicht ab. Das war dann doch eine sehr zugerostete Eierhandgranate. Sollte man eigentlich nicht berühren.

Heute parke ich direkt in der Stadt. Zwar neben einem noisy Skate-Park (Aber, hey: Habe ich nicht eine Beifahrertür voller Skater-Sticker?), aber 15 Minuten vom Stadtzenrum entfernt. Das heißt, ich kann einige belgische Biere genießen und muss nicht noch autofahren.

Auf dem Rückweg begegnet mir ein zutraulicher Igel auf der Straße. Ich rede ihm/ihr gut zu. Morgen Abend bin ich am Meer.

02.08.2020: Nieuwpoort, Belgien. Kilometer 0

Die Füße im Sand. Möwen. Wellen auf Wattschlick. Horizont.

Es ist geschafft.

Gegen 16.00 laufe ich auf den Strand von Nieuwpoort und bin damit, offiziell, wieder am Kilometer 0. Oder am Kilometer 750 – 800, so genau kann man das ja nicht messen. Ich habe die Tour geschafft, die Westfront einmal abgeklappert. Als ich meine Füße in die Wellen stelle, und das Meer an meinen nackten Beinen spüre, stellt sich ein kurzer Moment der völligen Zufriedenheit ein.

This is the end …

Auch der Morgen war nicht so schlecht. Der Skatepark (der übrigens nach 23.00 wie tot war) liegt neben einem Schwimmbad. Zwar darf ich ohne Reservierung nicht ins Becken, aber die Dusche kann ich ohne Voranmeldung benutzen, Hmmm, eine richtige Dusche. Zwar so wie die Dusche in einer alten Schulturnhalle (Kundige wissen, welchen Standart ich meine), aber immerhin. Kaffee in der Stadt, Oscar anschmeißen und dann auf nach Diksmuide.

Aus Diksmuide stammt mein Kumpel aus Apremont la Foret, der Belgier. Ich kann seine Begeisterung, die Gräben tatsächlich zu sehen, nun viel besser verstehen, da ich Flandern kenne. Hier siehst du nix mehr. Er hat mir den Yserturm in Diksmuide empfohlen. Ein 50 Meter hohes keltisches Kreuz direkt neben dem Fluss Yser.

No Shit.

Ab hier wird es kompliziert. Fangen wir mal damit an, dass die Deutschen das neutrale Belgien 1914 überfallen und es bis auf einen kleinen Zipfel im Westen fast komplett besetzen. Beide Armeen liefern sich einen Wettlauf zur Nordsee um sich gegenseitig in die Flanke zu fallen. Die Belgier stauen mittels ihrer Schleusen die Iser auf, so dass sich die Deutsche Marschwucht im Schlamm verliert. Die Front wird durchgehend, vom Meer bis an die Alpen.

Die Deutschen verhalten sich in Belgien ziemlich scheiße, sowohl auf dem Marsch als auch als Besatzer sind sie nicht gerade angenehm. Verdächtig viele Zivilisten werden getötet. In Belgien gibt es, wie bekannt, zwei Volksgruppen, Flamen und Wallonen. Die frankophonen Wallonen geben im ersten Weltkrieg im belgischen Heer den Ton an, weil sie dem französischen Verbündeten nahe stehen. Die Flamen hingegen kolaborieren im besetzten Teil ganz gerne mal mit den Deutschen.

Noch dabei?

Yserturm (mit kreativer Umzäunung)

Nach 1918 stehen die Flamen deshalb nicht so gut da. Um ihre Sache zu stärken bauen sie in den 20ern den ersten Iserturm, ein hohes kreuzförmiges Ding, dass irgendwie sinngemäß mit „Alles für Flandern, alles für Christus“ beschriftet wird. Und sie begraben dort „flämische Helden.“ Dann wird die ganze Sache in Teilen ziemlich faschismusfreundlich. Als die Deutschen in den 40ern schon wieder in Belgien einmarschieren, kollaborieren eine ganze Reihe Flamen erneut und kämpfen auf Seite der Deutschen.

Deshalb sprengen die Wallonen 1946 den alten Yserturm in die Luft. Als emotionalen Diskussionsbeitrag. Noch bei der Stange, Leser? Die Flamen bauen ihn aber in den 50ern neu, höher und schöner und halten dort Treffen ab, schwenken Fahnen, schlagen Trommeln, es sieht aus wie ein bisschen Nordirland-Konflikt. Bis sich die flämischen Vertreter von ihren faschistisch gesinnten Brüdern (und Schwestern) zunehmend lossagen und sich der Friedensbotschaft des Yserturms zuwenden.

Ja, das geht liebes konservativ-bürgerliches Lager. Man bekommt Nazis in den eigenen Reihen offensichtlich los, wenn man will.

Heute beherbergt der Iserturm ein vertikales Museum zum Weltkrieg, das sich der Sache in der oberen Hälfte eher künstlerisch nähert. Und zwar eigentlich ganz gelungen. Dann folgen ein paar Stockwerke die üblichen Puppen in Uniformen; und dann ein eigentlich spannender Nachbau eines britischen Untergrundtunnelsystems. Insgesamt eine gutes gemischtes Ergebnis.

Nachmittags parke ich dann ein Dorf Richtung Front an der Kirche. Das alte Dorf gibt es nicht mehr. Es ist neu, auch Diksmuide ist neu, und alle Dörfer drum herum: neu. Also ca. 100 Jahre alt. Die Kirche ist allerdings zu meiner Überraschung keine Dorfkirche mehr, sondern ein Antiquitätenhandel. Einer, der sich auf Kirchenauflösungen spezialisiert hat. Da drin kucken mich etwa 500 Heilige und Marien aller Kunstepochen an. Es ist ein bisschen skuril, ein bisschen cool und ein bisschen gruslig.

Flandern ist … flach (Wer entdeckt Oscar auf dem Bild …?)

Um Diksmuide sind alle Gräben verschwunden, die Felder offenbaren nichts. Ich fahre ans Meer, letzte Strecke der eigentlichen Reise.

Das eigentliche Frontende findet man zwischen Nieuwpoort und Ostende. Dort, wo die Bunker aus den Dünen kucken. Die alte Front von 1914-1918 wurde ab 1941 ausgebaut und in den Altlantikwall integriert. Welcher Betonklumpen also Erster, welcher Zweiter Weltkrieg ist, ist manchmal schwer zu sagen. Aber hier endete sie also: Die Westfront. Die letzten rostigen Splitter finde ich zwischen den sehr schönen Dünen, die ich auf gar keinen Fall betreten darf. Was ich trotzdem tue.

Ich habe echt die Schnauze voll von Verbotsschildern.

Jetzt parke ich am Kanal wieder etwas weiter gegen Nieuwport. Die Wiese rechts ist voller Bunker. Erster, Zweiter? Dazwischen? Ich werde es nicht erforschen.

Ich habe genug von flachen Tellern als Landschaft. Ich habe genug von Landwirtschaft bis zum Horizont. Ich habe darüber hinaus genug von Schwärmen von Fahrradfahrern, die auf einem flachen Teller herumeiern wie Mücken auf einem stehenden Gewässer.. Ich möchte wieder Hügel und Wälder.

Da ich großzügig geplant habe und Oscar erst wieder am Mittwoch nach Hause muss, habe ich beschlossen morgen früh in die Ardennen zu fahren. Dort ist es hoffentlich ruhiger.

03.08.2020: Bastogne, Ardennen

Es ist ruhiger. Etwas. Abends noch einen echten alten Hippie mit Bus (samt Gattin) kennengelernt, campen seit Ewigkeiten, Ihr Mercedes-Kastenwagen ist 40 Jahre alt und sie waren schon überall damit, selbst in Saudi Arabien und Syrien. Allerdings zu einer besseren Zeit in einer besseren Welt.

„Die Welt wird leider jedes Jahr kleiner“, sagt er.

Und ich fürchte, da ist etwas Wahres dran. Früh morgens dann los, diesmal größtenteils über die Autobahn und die Nationalstraße. Die N4 nach Bastogne ist stellenweise die schlimmste Landstraße, die ich je erlebt habe. Um 12.00 rausche ich ein. Schon die dritte Tankfüllung der Reise.

Bastogne selbst ist dann wiederum nicht so übel, wie ich befürchtet habe, kein amerikanisches Disneyland mit „GI-Burgers“, „Blitz-Beer-Pub 44“ oder „Le Stahlhelm-Bookshop“ sondern ein in weiten Teilen noch recht authentisch wirkendes Kleinstädtchen. Bastogne, zur Erinnerung für alle nicht Kriegsgeschichtenverseuchten hier, das war der Ort, an dem in der Ardennenoffensive im Dezember 1944 amerikanische Truppen eingekesselt wurden und dann zäh aushielten, bis man sie raushaute. Bumm-Panzer-Ratatata-Peng. Stoff für Heldengeschichten en Masse.

Das Museum vor den Toren der Stadt ist relativ neu und wahnsinnig überlaufen. Ich kann immerhin eine Reservierung für den nächsten Morgen machen. Die Belgier nehmen übrigens das Corona-Virus recht ernst, hier trägt man sogar im öffentlichen Raum auf der Straße Maske, so lange man sich in einer Siedlung befindet. Und die meisten halten sich dran.

Ich hingegen verziehe mich aus dem Städtchen, das übrigens einen saumäßigen Verkehr aufweist, auf die waldigen Hügel. Einen richtig großen Wald zu finden ist auch hier gar nicht so leicht, doch schließlich entdecke ich ein Stück. Der Wald hier ist ein sehr gelungener Wald, wenn der in den Ardennen überall so ist – tolles Eckchen. Ich mache mir keine großen Hoffnungen, irgendwelche Spuren der Kämpfe zu entdecken, und entdecke auch keine -fast. Vier große Löcher im Wald sehen verdächtig nach Schützenlöchern aus, aber außer einer rostigen Konservendose ist nichts zu sehen.

Verdächtige Löcher im Wald. Das war kein Dachs.

Ein recht ereignisloser Tag, aber ich bin raus aus der Ackerwüste Flandern. Jetzt stehe ich auf einer Schotterfläche an einem ausreichend einsamen Waldweg und erwarte meine letzte Nacht mit Oscar im Forst. Morgen geht es dann nach dem Museum auf zur letzten Station meiner Reise: Ich habe beschlossen über Metz zurückzufahren. Also nochmal Frankreich, an Metz bin ich schon wahnsinnig oft vorbeigegondelt, jetzt sehe ich es mir mal an.

Aber davon morgen. Und eine neue gnadenlose Museumskritik.

04.08.2020: Metz, Lorraine

Das Flanders‘ Fields Museum in Ypern hat gezeigt, wie man mit moderner Museumstechnik eine hervorragende Ausstelliung mit dem Ziel, ein Thema museal zu vermitteln, erfolgreich hinbekommt. Das Bastogne War Museum zeigt, dass moderne digitale Technik ohne gute Ideen in echten Köpfen dahinter, genau so mittelmäßige Ergebnisse hervorbringt, wie verstaubte Schaufensterpuppen und Vitrinen voll Zeug.

Die Verbindung zwischen den Ereignissen in den Ardennen, dem großen historischen Rahmen des beginnenden 20. Jahrhunderts und den (hochinteressanten) belgischen Verhältnissen im Europa der Dreißiger und Vierziger funktioniert einfach nicht; man konnte sich nicht davon lösen, trotzdem noch seine Panzer und Maschinengewehre zu präsentieren; Die Architektur ist labyrinthisch und verwirrend; Viel zu viel Text auf Tafeln; Die Idee, Bastogne aus der Perspektive vierer fiktiver Protagonisten zu beleuchten, ist gut, geht aber im allgemeinen Chaos der Ausstellungskonzeption unter. Und natürlich streikt die digitale Technik an allen Ecken und Enden, bugfreie Software bekommt man auf der Welt vermutlich nur noch als Geheimdienst geliefert. Aber natürlich war es das teuerste Museum der Reise.

Prädikat: Muss man nicht besuchen.

Um 12.00 weiter nach Metz. Heute morgen ist meine Gasflasche alle gegangen, für den Kaffee hatte es gerade noch so gereicht, für das Spülwasser nicht mehr ganz. Aber die letzten 24 Stunden ziehe ich auch noch ohne Gas durch. Allerdings bedeutet das ab jetzt kalte Morgenwäschen und heute war es ziemlich frisch ohne Augustsonne. Kalt. Anreise nach Metz problemlos, Metz selbst ist eine Verkehrshölle aus Einbahnstraßen, Busspuren, Pop-Up-Fahrradwegen und wahnwitziger Abbiegespurführung. Wer immer im Rathaus da der Chef-Planer ist: Möge er beim Pinkeln oft seine eigenen Schuhe treffen.

Oops – ich gehe automatisch davon aus, dass Bullshit auf einen Mann zurückzuführen ist.

Das einzige verkehrstechnisch vernünftige Bauwerk von Metz.

Ganz konsequent erlebe ich auch in Metz meine brenzligste Situation mit Oscar, die mir echten Stress bereitet. Die Stadt leitet mehr oder weniger automatisch auf das Parkhaus zu. So weit so gut, dann zahl ich eben da ein Stündchen. Leider hängen an der sehr hohen Einfahrt zu den Parkdecks sehr niedrig Eisenbahnschienen an Ketten. Mit einem Peugeot 206 kommt man drunter noch durch, mit Oscar aber nicht, schon gar nicht mit Solarzelle und Wasserrohr auf dem Dach. Eventuell soll das Kleinlaster und Wohnmobile im Parkhaus verhindern, nun ist Oscar ja aber ein ganz normaler Van und kein Camping-Monster – ich fand’s übertrieben. Dazu kommt, das metz-typisch die Zufahrt zum Parkhaus eine 200 Meter lange Einbahnstraße ist. Ein Hinweisschild, dass Fahrzeuge über 170 cm. sofort links raus müssen, habe ich nicht gesehen. Oder verpasst.

Nun stehe ich da. Vorwärts kann ich nicht, ohne Oscar zu demolieren. Rückwärts heißt 200 Meter im Rückwärtsgang, durch den heranströmenden Parkhausverkehr, und ich bin im rückwärts Autofahren sehr schlecht. Zudem stellt sich noch ein weißer Rangerover mit Warnblinker hinter mich und die Dame telefoniert offensichtlich mit ihren Abteilungsvorständen, der Regierung von Portugal oder ihrem Finanzberater auf den Kaymans. Leichte Panik kommt auf.

Schließlich breche ich nach vorne durch: Warnblinker rein, Fenster auf, die ankommenden Fahrzeuge mit verzweifelten Gesten anhalten, zweimal hupen, dann in vier Zügen in der Einfahrt wenden und gegen die legale Fahrtrichtung wieder raus. Immer mir Warnblinker und bedeutungsvoll aus dem Fenster geschwenkten Arm. Gerettet. Wieder mal hilft der Bruch der Gesetze weiter.

Welcher v******** W**** sperrt ein Parkhaus bei 1.70 Höhe!?

Metz selber ist dafür ganz hübsch. Riesen Einkaufsstraße, viele Restaurants und Bars, erstaunlich viel Wasser und Wälle. Sehenswerte Kathedrale.

Ich genehmige mir auf dem zentralen Platz erst einmal eine höllisch teure Halbe und schlendere dann durch die Stadt. Entdecke zwei (!) Comicläden. Schlafe ein bisschen auf einer Wiese im Park. Jetzt ist es gegen 19.00, ich habe einen bockhässlichen, aber innenstadtnahen Abstellplatz. Und Hunger.

Die letzte Nacht mit Oscar! Und dann in so einer Umgebung.

05.08.2020: Stuttgart, BaWü

Früh morgens raus, kein Bock mehr auf Metz. Das aus Metz Herausfahren ist mindestens so bedrohlich wie das Reinnavigieren. Als ich es endlich geschafft habe, steuere ich Saint-Avold an, einfach weil es der letzte größere Ort vor dem Saarland ist. Außerdem kenne ich es von den braunen Schildern an der Autobahn als Name, darunter steht „US-Cemetery.“

Das Städtchen ist nicht sehr groß, hat aber eine sehenswerte, spätbarocke / früh-klassizistische Abteikirche. Daneben serviert man mir einen Milchkaffee und ein Schoko-Croissant für sagenhafte 2,90 €. Ich hätte mindestens mit dem doppelten gerechnet. Und es gibt umsonst Internet vom kommunalen Träger.

Man sollte öfters in die Landstädtchen.

Da ich nicht so recht weiß, was nun, gehe ich mir diesen Friedhof anschauen. Er entpuppt sich als beeindruckend. Bei Saint-Avold steht der größte US-Militärfriedhof in Europa. Über 11.000 Gräber füllen ein Feld, das an Weite und Größe kaum zu beschreiben ist. Dieses unendliche Meer von Kreuzen macht einem die Dimensionen klar. Und alle diese jungen Männer starben bei den letzten großen Kämpfen 1945, an Saar und Rhein. Ein Großteil der Verluste des Zweiten Weltkrieges gehen auf Kosten des letzten Kriegsjahres. Man kann nicht in Worte fassen, wie moralisch verbrecherisch der sinnlose Durchhaltewille der NS-Führung war. So viele junge Leben beendet, für nichts, für gar nichts, außer als Lebensverlängerung für ein paar alte Männer um einige wenige Wochen.

Außerdem betritt man ein Stück USA. Nicht nur völkerrechtlich, auch optisch ist der Rasen so unendlich grün und akkurat, die Bäume so unendlich sorgfältig gestutzt, dass man sich auch im Garten des weißen Hauses befinden könnte, wären da nicht die Gräber.

Ich gehe noch einmal in den Wald um die Stadt, spazieren. Ein altes Wegekreuz mit deutscher Stifterinschrift. Viele schöne große Buchen- und Eichenhaine. Sterbende Tannen und Fichten.

Und dann kommt der große Abschied.

Saarbrücken, A6, Mannheim, Richtung Heilbronn. Bei Bad Rappenau wird ein Superstau angezeigt, also fahre ich bei Sinsheim ab und zuckele über Land. Somit verabschiede ich mich von Oscar so, wie wir gemeinsam meistens unterwegs waren: Durch Wälder und sommerliche Felder, durch kleine Dörfchen (gut, Heilbronn ist hässlich, aber das weiß man ja vorher), über kurvige Straßen. Es geht Richtung Abend. Alles fühlt sich richtig an.

Die Übergabe verläuft kurz und schmerzlos, am Bus ist alles heil geblieben. Er fährt noch am selben Abend mit seinem Besitzer weiter.

Nach Frankreich.

Aber meine Reise endet. Zeit für ein Fazit: Was bleibt am Ende?

  1. Meine Planung hat funktioniert. Die Tour war schön gemütlich mit Zeit für Entdeckungen. Was nicht geklappt hat: Das Abfahren einer 800 Kilometer langen Front sind nicht etwa 1000 Km. Eher etwa 2000. Insgesamt habe ich 2445 Km im Auto zurückgelegt.
  2. Es ist sehr, sehr schön, sein Bett mitreisen zu lassen. Das macht flexibel. Auf einem Campingplatz war ich nie. Nachdem ich festgestellt habe, dass der Bus nur Diesel und Wasser regelmäßig benötigt, sah ich einfach keine Notwendigkeit dafür.
  3. Die alte Westfront ist ein faszinierender Ort. Allerdings ist die südliche Hälfte wesentlich spannender, weil erhaltener. Alles nördlich vom Chemin des Dames muss ich mit nicht nochmal anschauen.
  4. Wald schlägt Feld, Hügel schlägt Flachland. Meer ist ok.
  5. Es gibt sehr viele Museen. Von fantastisch bis furchtbar ist alles dabei.

Und jetzt, ganz am Ende, bleibt mir nur noch, dem eigentlichen Hauptdarsteller dieser Reise eine große letzte Würdigung zu schreiben. Diese Rolle gebührt nämlich nicht einem süddeutschen Lehrerdude, diese Rolle gebührt natürlich einem in Würde gealterten, grauen VW-Bus mit Stickern und aufgemalter Wald-Silhouette. Er war ein treuer, zuverlässiger Kumpel in jeder Situation, der mich sicher an jeden Punkt der Reise brachte. Möge er noch viele 100.000 Kilometer auf seinen Tacho fahren.

Danke, Oscar.

Alter Hippie mit Bus (Update 2)

So, Ypern. WordPress muckt, Google Drive ist eine Qual, das Verbindungskabel zwischen Handy und Laptop liegt im Bus. Bloggen unter erschwerten Bedingungen. Ich lade das jetzt so hoch, auch wenn nicht alle Bilder drin sind. Eventuell gibt es eine verbesserte Version später.

Ja, ja, ich habe es getan, es gibt nichts mehr zu leugnen und ich ziehe das jetzt auch durch. Nichts mehr zu verlieren, halb zwölf auf der Doomsday-Uhr, Apocalypse Now, Tod oder Freiheit.

Ich habe einen VW-Bus angemietet.

So, jetzt ist es raus, alle wissen nun um mein Problem, dann kann man freier darüber sprechen. Und eine langatmige Erklärung hinterherschieben:

Schon zu Beginn meines Jahres stand auf der Planungsliste eine längere Tour durch Frankreich. Lesern dieses Blog ist ja meine langsam ein wenig krankhaft werdende Obsession mit der Westfront 1914-1918 hinlänglich bekannt und ich wollte einige Zeit damit verbringen, das gesamte Gebiet einmal in Gänze zu erfassen. Also von der Schweizer Grenze bis hin an die belgische Küste, von den Alpen an die Nordsee.

Der ursprünglich kühne Plan sah vor, Naivchen, das ich bin, mir ein Quad zu kaufen und mit dem Zelt auf dem Gepäckträger ganz naturnah durch die Wälder zu brausen. Ich hatte mal eine Quadrunde auf einer griechischen Insel, die mir sehr viel Freude bereitete, und irgendwie schien es mir als guter billiger Motorradersatz für arme Männer, der darüber hinaus nicht umfallen kann.

Aber dann kamen die Zweifel.

Was mache ich mit dem blöden Ding, wenn ich die Strecke absolviert habe? Wieder verkaufen? Soll’s ein Quad sein oder ein ATV? Wieviel PS? Welches Modell ist überhaupt in der Lage, lange Strecken am Stück zu fahren und das über Tage (laut Foren nämlich die meisten nicht). Wie bekomme ich den ganzen Scheiß für die Reise in einen Rucksack und auf einen Quad-Gepäckträger? Möchte ich mir als älteren Herren wirklich ein Dutzend Nächte in einem Zelt im Wald antun? Oder Tage auf einem vibrierenden Blechpferdsattel? Und wenn es dann in Flandern keinen Wald mehr gibt, wo verstecke ich mich mit dem Zelt? Auf dem Campingplatz? Muss man da reservieren?

Eine Menge Fragen und wenn man so viele Fragen im Kopf hat, ist vielleicht eine ganz andere Antwort die richtige. So komme ich zu einem alten VW-Bus, T3 (T4! Es ist ein T4!), Selbstausbau, 300.000 (Knapp über 250.000. Mal nicht übertreiben, ok?) Kilometer auf dem Dieselmotor.

Natürlich schäme ich mich ein bisschen.

Zum einen wegen des Diesels. Aber ich habe ja in BaWü einen grüne Landesverband, der den Dieselmotor ganz rettenswert findet (Daimler vor Umwelt). Trotzdem finde ich, dass die Grünen in Fragen des guten Gewissens keinen Maßstab bilden sollten. Dann wegen des VW-Bus. Ich finde, um das Modell wird so viel abgekultet, dass man es besser meidet, zu viele Leute feiern den „Bully“ und ich bin mein Leben lang gut damit gefahren, in die entgegengesetzte Richtung zum Massengeschmack zu paddeln. Aber leider waren im Juni, als ich auf der Suche nach einem solchen Gefährt war, alle Renaults, Fords, Fiats, Opel und Skoda-Busse mit Benzinmotor bereits vergeben.

Und natürlich will ich das Schuljahresende in meinem Bundesland auf keinen Fall in Deutschland erleben. Mein Jahr neigt sich dem Ende zu, den Einfluss, den Covid-19 auf meine Pläne und meine Laune hatte/hat, habe ich an anderer Stelle ausgiebig diskutiert, und eine Art Abschiedsbrief/Review schreibe ich mal dann, wenn ich mich psychisch dazu in der Lage fühle. Noch leiste ich mir den Luxus, das mir meine Schule scheibchenegal sein kann, auch wenn das nächste Schuljahr bereits seine hässliche Fratze mit schlechten Nachrichten in mein Leben schiebt.

Was ich auf keinen Fall wollte, war ein Fahrzeug das „Camper1111“ herausschreit. Und der Innenausbau des Bussleins wirkt charmant, von außen ist es halt ein VW-Bus. Jetzt sind die Klamotten gepackt, Feldrationen gestapelt und eine Ausrüstungsliste halb durchgehakt. Ich bin heilfroh, dass ich mit dem ganzen Scheiß den Bus für mich alleine habe. Nachher um drei hole ich das Gefährt ab, lade es voll und fahre noch heute Abend Richtung französisch-schweizerischer Grenze damit.

Auf dem Weg werde ich altbekannte Gegenden sehen und im zweiten Teil mit der Champagne, der Marne, der Somme und Flandern Ecken des Ersten Weltkrieges, die mir bisher neu sind. Außerdem hoffe ich, Abends mit diesem TORTUGA-Projekt ein wenig weiter zu kommen, das lahmt.

Wie immer halte ich euch hier mit viel zu langen Tagebucheinträgen über meine Abenteuer informiert. Man kann also als persönlich mit mir Bekannter mitlesen und muss mich nicht nach der Rückkehr fragen, was ich so erlebt habe.

später am Tag

Oscar ist kein Rennpferd. Oscar ist ein 30 Jahre alter VW-Bus und mir auf Anhieb sympathisch. Diesel hin, VW-Kult her. Von seinem sehr netten Besitzer bekomme ich eine umfassende Einführung in alle Teile und ein wenig erinnert mich der Camper an die Yachten, die ich mal hatte: Hinter jeder Klappe, hinter jedem Fach kommt irgend etwas Nützliches zum Vorschein.

Oscar, recht nahe an der Schweiz „geparkt.“

Bis ich Oscar bei mir vor der Haustür und ihn vollgeladen habe, wird es doch weit nach 18.00. Es kommen auch alle Nachbarn und sogar mein Vermieter vorbei, und fragen mich, woher ich den Bus habe. Das „Hippie“ aus dem Titel kann ich übrigens knicken: Aufkleber, Ausstattung und Krimskrams schreien laut „Surfer“, „Boulderer“, „Dirtbiker.“ Aber eine meiner Seiten mit „alter Dirtbiker“ zu übertiteln macht auch keinen Sinn.

Ich fahre in den Abend und begehe das größte Verbrechen des Jahres: Ohne jede Plakette mit einem Euro-Null-Diesel schleiche ich mich durch Stuttgart zur Autobahn, in der Hoffnung das keiner kuckt. Innerlich rechtfertigen kann ich das für mich über die Solarzelle auf dem Dach, denn ab jetzt lade ich Laptop, Handy und Stirnlampe mit Sonnenstrom. Außerdem muss man bedenken, dass Oscar seit 30 Jahren als Bus nicht neuproduziert wurde. Alleine das gibt ihm einen insgesamt nicht ungünstigen Fußabdruck.

Es kuckt keiner.

Der Bus entschleunigt mich ganz schön. Meinen Stuttgarter Assi-Fahrstil kann ich jedenfalls vergessen, jetzt kleben andere an meiner Stoßstange. Und die Strecke ab Karlsruhe zieht sich mit Tempo 110 ganz schön. Insgesamt fährt sich der alte Herr aber ausgezeichnet und sehr entspannt. Könnte ich mir mal ne Scheibe von abschneiden.

Irgendwann gegen 22:30 gondele ich durch einsame Elsass-Dörfer und wünsche mir endlich Pfetterhouse am Kilometer 0 zu erreichen. Es war eine lange und späte Anreise. Nirgendwo ein Hinweisschild zum Beginn der Westfront. Kurz vor der Schweizer Grenze biege ich todesmutig auf einen Feldweg ein und Stelle den Bus auf eine Wiese am Waldrand. Motor aus, Bier raus, Tür auf.

Der Wald steht schwarz und schweiget.

Und das macht er seit jeher sehr schön so. Als ich gegen halb 12 ins Bett krieche (bei Bussen und Yachten wörtlich zu nehmen) ahne ich, dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft wird.

23.07.2020: „Kilometre 0“, Pfetterhouse, Elsass

Ich kann nicht sagen, dass ich durchgeschlafen hätte, aber als ich so richtig wach werde ist es kurz vor Acht und das will bei mir in einem neuen Bett was heißen. Die Sonne lacht über die angrenzende Heuwiese, die frisch gemäht mit großen runden Ballen übersäht ist, und hinter mir rauscht der Wald. Raus, Gas anschließen, Kaffeewasser kochen. Dazu Brioche mit Himbeermarmelade. Karte mit Google Maps vergleichen. Ah ja, dann hatte ich doch den Punkt gestern Nacht gar nicht so schlecht getroffen.

Sie betreten nun die Schweiz

Der „Kilometre 0“ ist ein Kuriosum. Ins damals deutsche, heute französische Elsass ragt am Flüsschen Largin ein 250 Meter breiter Streifen Schweiz einen guten Kilometer wie ein fallen gelassener Riegel Toblerone ins andere Staatsgebiet. Die Soldaten nannten den Zipfel „Entenschnabel.“ Die Franzosen dockten sich an die Schweizer Grenze an, die Deutschen gleich daneben und nun stießen in vier Jahren Weltkrieg hier drei Parteien aufeinander: Zwei Kriegsteilnehmer und ein Neutraler. Damit man die verrückt und gewalttätig gewordenen Nachbarn im Blick hatte, richtete die Schweiz eine militärische Beobachtungslinie ein.

Es muss sich dann ein etwas anderer Kriegsalltag eingespielt haben: Zwei, die versuchen sich wehzutun, ohne dass ein Dritter, der eng dabeisteht, zufällig was abbekommt. Mit Neutralitätsverletzungen hatten die Deutschen so ihre Erfahrungen gemacht und die Nummer mit Belgien war nicht wirklich gut gelaufen. Da man nicht so richtig schießen konnte, weil man die neutrale Schweiz treffen könnte, bunkerte man um so fleißiger. Die Schweizer Grenzsoldaten schmückten ihren Beobachtungsbunker mit einer übergroßen Flagge der Eidgenossenschaft, damit ihn keine Seite „aus Versehen“ unter Feuer nahm.

Was dennoch vorkam.

Der Schweizer Holzbunker (Rekonstruktion, ohne Fahne)

2014 wurde wie überall an der Westfront ein neuer Lehrpfad in der Hoffnung auf Touristenströme angelegt. Der am Kilometer 0 ist ziemlich gut, mit informativen Tafeln in drei Sprachen und mit interressanten Einblicken in die kuriose Geschichte des Frontbeginns. Man ist aber in etwa drei Stunden auch durch und außer Bunkerresten und Grabenlinien wirken die Wälder recht aufgeräumt und fundfrei. Ich fahre relativ früh wieder los und befreie Oscar aus der Wiese.

Die Strecke, die ich abfahre, ist mir theoretisch wohlbekannt, also die Ortsnamen sind es, denn die benennen auch die militärischen Grabenkarten beider Kontrahenten. Es sind Frontortnamen: Seppois (le-Haut und la-Bas), Altkirch, Carspach, Burnhaupt, Cernay, Wattwil. Überall, wo heute idyllisches Elsass ist, wo Flammkuchen und Storch regiert, liefen zwei Liniengewirre über die Landkarte, ein rotes und ein blaues. Während die Geographie ganz im Süden noch recht flach ist, steigen ab Guebwiller hohe Bergwände an, und machten den Konflikt zu einem recht unschönen Gebirgskrieg.

Sowohl auf dem Hartmannswiller Kopf als auch auf dem tête du Violu bin ich schon häufiger herumgestiefelt. Für dieses Mal habe ich mir einen dritten „Hotspot“ vorgenommen, den Lingekopf. Auch hier betonierten sich die Armeen auf Zigarrettenschnippweite metertief in die Erde und lieferten sich hässliche Gemetzel.

Ziemlich gut geschlossenes Museum.

Oscar muss sich am zweiten Tag der Reise gleich mal im Gebirgspassfahren beweisen und er tut das brav, entspannt, zuverlässig und … langsam. Ich genieße die Momente in denen ich keine genervten anderen Fahrzeuge an der Stoßstange habe oder mir völlig geisteskranke Rennradfahrer um Kurven entgegenschießen. Pünktlich um 17.30 biege ich auf den Parkplatz des Lingekopf-Museums ein. Pünktlich, denn es schließt um 17:30.

Also davon morgen mehr. Ich suche mir einen kuscheligen Stellplatz auf dem Berg für die Nacht.

24.07.2020: „Lingekopf“, Elsass

Erfolgserlebnisse als Camperneuling. Zum Abendessen habe ich ordentliche Spaghetti mit Schafskäsesoße hingebracht und mich sogar mit der Dachdusche von Oscar geduscht. Mit ein bisschen gelegentlichem Frischwasser bin ich mit dem Bus relativ autark. Ich hab gar nicht so viel Bock auf Campingplätze.

Ja, wer versteckt sich denn da?

Morgens um 9.00 bin ich der erste Besucher im Linge-Kopf-Museum. Man macht für mich extra die Tür auf, der ältere Elsässer lässt sich auf eine Plauderei mit mir ein und verspricht mir, dass er mich informiert, sobald ein paar mehr Deutsche in das Museum laufen, dann könne er den Informationsfilm auf Deutsch anbieten.

Das Lingekopfmuseum ist so herrlich altmodisch wie Oscar, man fühlt sich in die 90er zurückversetzt. Im Vergleich zur heutigen Weltlage wäre das eine Verbesserung. Hauptsächlich besteht die Ausstellung aus Vitrinen mit altem Zeug aus dem Krieg. In der Mitte ein Stück rekonstruierter Schützengraben. Mich erinnert die Ausstellung an das alte Memorial von Verdun, vor der Neueröffnung im Jahr 2016 . Tausende Exponate. So, wie man es heute nicht mehr macht. In letzter Zeit erwische ich mich aber dabei, wie ich die alten Ausrüstungsgegenstände recht intensiv mustere. Man weiß nie, wann man mal etwas „draußen“ wiedererkennt. So lerne ich auch, dass das von mir als Gewehrgranate titulierte explosive Überraschungsei neben dem Wanderweg vom Juni eigentlich eine französische Birnenhandgranate war.

Dem, dem sie ins Gesicht explodiert, sind solche Feinheiten natürlich egal.

Auch der Film ist an sich ein geschichtsdidaktischer Verkehrsunfall. Mit Explosiveffekt abbrennende Schriften, mystische Herr-der-Ringe-Musik, kleine animierte Computerspielsoldaten auf einer Karte. Der deutsche Sprechertext klingt, als hätte man das französische Original mit „Google-Übersetzer: Elsässisch“ umgewandelt. Wenigstens lässt der Film keinen Zweifel daran, was für eine dumme, saudumme Idee die Schlacht vom Lingekopf war.

Jedes Kreuz steht für einen Toten, der bei den Arbeiten am Museum entdeckt wurde.

Die erstreckte sich vom Sommer bis Herbst 1915. Davor war hier nicht viel. Danach war hier nicht viel. In vier Monaten 1915 verheizten die Generäle auf einem winzigen Felsen 10.000 Franzosen und 7.000 Deutsche. Als dem französischen General Joffre nach zwei Wochen die Divisionen ausgingen, holte er den Abitursjahrgang 1915 frisch aus dem Prüfungssaal an die Front und ließ die gegen die deutschen Maschinengewehre anstürmen. Halbe Kinder verbluteten in Hundertschaften auf dem felsigen Gipfel.

Ganz ernsthaft Leute und historisch fundiert: Generäle sind zum Kotzen.

Das an das Museum angeschlossene Stück Schlachtfeld ist ein Felsenlabyrinth aus deutschen Gräben und recht beeindruckend in seiner effektiven Verbunkerung. Die französischen Gräben liegen weiter unten am Hang und sind nahezu verfallen. An einer Stelle ist der Abstand zwischen den Nationen etwas mehr als ein Meter.

Fuck.

Zwei Stunden verbringe ich im Museum und auf dem zentralen Schlachtfeld. Dann geht es zurück mit Oscar zum Schlafplatz, auf der alten Karte in meiner digitalen Sammlung ist 200 Meter weiter östlich ein sehr großes Truppenlager eingezeichnet, „Sachsenlager“ nennt es die Generalstabskarte und es ist nahezu einen Kilometer lang. Ich will sehen, was sich heute noch davon findet.

Leider nicht viel.

Dem steilen Hang sieht man an, dass einmal sehr viele Leute dort gehaust haben müssen, zahlreiche Abdrücke von Unterständen und Hütten haben sich in den Boden gegraben. Dazwischen immer wieder kleine Beton und Zementfundamente, eingestürzte Bunker, ein gemauerter Backofen. Aber die Altmetallhändler haben ganze Arbeit geleistet. Gelegentlich glitzern ein paar Scherben zwischen den Tannennadeln. Letztendlich finde ich eine kleine Eierkohle, eine hübsche Tellerscherbe und einen Stiefelbeschlag bzw. ein Maultierhufeisen. Das war’s.

Gegen Nachmittag tauchen noch am rückwärtigen Hang große Zinkprofiltrümmer auf, die ich für die Reste einer Seilbahn oder eines Schrägaufzugs halte. Dann kommt auch noch ein Regenguss heran und ich beschließe, dem Elsass lebewohl zu sagen.

Zwei Vogesenpässe muss Oscar überwinden und er tut das brav und tapfer, immer mit einem Rattenschwanz an genervten moderneren Fahrzeugen am Arsch. Aber bei 70 ist leider im bergigen Gelände bei Oscar nahezu Schluss. Ich tröste ihn mit dem festen Versprechen, dass die Tour ab jetzt flacher werden wird.

Nach dem ersten Bergpass erinnere ich mich an meine „Schlachtfeldhose“, eine abgeranzte Jeans. Als ich zuletzt an sie dachte, hing sie zum Trocknen an Oscars Heckfahrradträger. Nach einer genervten Bremsung am Straßenrand stelle ich mit Erstaunen fest: Meine Hose hängt immer noch da. Wunder geschehen.

Abendessen in Lunevill, Restaurant.

Luneville hat einen gewaltigen barocken Schlosspark und viele leerstehende Läden und Gaststätten. Wenn man wissen will, wie sich jahrelange neoliberale Staatsführung auf Klein- und Mittelstätte auswirkt, dann kann man sich an Frankreich ein Beispiel nehmen. Abseits der großen Zentren macht alles dicht. Ich finde noch ein Restaurant, dass auf hat, es ist zwar etwas teuer, das Essen ist aber gut. Und es erspart mir für heute den Gaskocher.

Mein Ziel für morgen, der Foret de Paroy, liegt 10 Kilometer östlich der Stadt. Es ist eine gottverlassene Gegend. Als ich im Abendrot auf einer schlaglochverseuchten Kleinststraße auf den Wald zutuckere, zwischen Sonnenblumenfeldern, als wäre das ein schmutziger Buddy-Movie mit Till Schweiger und Moritz Bleibtreu, spielen plötzlich zwei Füchse auf der Straße. Füchse. Zwei. Spielen fangen. Langsam bringe ich Oscar zum Stehen, anstatt zu flüchten blicken Reinecke 1 und Reinecke 2 neugierig und ruhig auf den Bus. Irre.

Bis ich am Handy die Navigation deaktiviert habe, um zu fotografieren, sind sie verschwunden.

25.07.2020: Foret de Paroy, Luneville

Da, wo sich Fuchs und Hase … ach, wie abgedroschen.

Fuchs: check (2x)
Rehe: check, check, check. Check, check. Und nochmals check.
Hase: check
Wildschweine: Wo seid ihr diesmal bloß?
Iltis: check.

Ja, sogar ein Iltis. Wenn ich ihn richtig erkannt habe. Aber er war nicht weit weg und relativ entspannt unterwegs. Mein erster Iltis.

Was ich an diesem „Hobby“ in den letzten Jahren immer stärker zu schätzen gelernt habe, ist das Naturerlebnis. Ich glaube ich habe an der Westfront mittlerweile mehr Tiere in freier Wildbahn beobachtet, als im Rest meines Lebens. Ich freue mich immer wie ein kleines Kind, wenn ich welche sehe.

Aber das Naturerlebnis ist dieses Mal auch das Miterleben einer Krise. Der Wald ist dermaßen trocken, egal ob ich im Elsass, den Vogesen oder in Lothringen unterwegs bin, der Boden bröckelt wie zerbrochener Zement durch die Finger. Heute bin ich wieder durch die „Notschlachtung“ eines Hanges gegangen. Der Tannenbaumbestand musste wohl dringend raus, sie halten den Klimawandel einfach nicht aus. Jetzt, im Juli, ist der ehemalige Waldboden dort grauer Beton mit Rissen, es sieht aus wie in der Sahelzone. Wenn die Bauern ihre Äcker pflügen, wehen Staubfahnen meilenweit auf. Ich kann mir nur ausmalen, was auf den kahlgeschlagenen Hängen passiert, wenn es doch mal wieder einen Tag stark drauf regnet. Schlammlawine.

Die Notschlachtung eines Waldes sieht hässlich aus …

Ob die, die jetzt gerade mit der Schule beginnen, noch einen mitteleuropäischen Wald erleben können?

… und dabei kann der Wald von Paroy so schön sein.

Kommen wir zum Foret de Paroy, eine der vergessensten Ecken der Westfront. Kein einziges großes braunes Schild „Champs de Batailles 1914-1918“ an den Straßen, wie bei Verdun oder in den Argonnen. Keine ausgeschilderte Erinnerungstour. Dabei war sogar einmal der Kronprinz da. Seinen Generalstabsbunker kann man hier heute noch sehen. Es gibt an der Westfornt so einige „Abri de Kronprinz“, die bekannteste liegt wahrscheinlich bei Varennes-en-Argonne. Aber nur hier ist ein Aufenthalt von Kronprinz Wilhelm verbürgt, und zwar im Frühsommer 1918. Der Bunker hatte sogar offensichtlich eine direkte Telefonverbindung nach Berlin. Es ist ein etwas albernes Betonhäuschen in einem pseudorömischen Stil, so wie auch Kronprinz Wilhelm, mit seinem Totenkopftschakkom eine etwas alberne Persönlichkeit war. Zum Hohenzollern gehört, dass er einen an der Klatsche hat.

Das etwas alberne Betonhäuschen eines etwas albernen Monarchen.

Der Foret de Paroy ist vergessen, einfach weil hier nie eine große Durchbruchsschlacht angesetzt wurde, mit vielen Divisionen und Angriffsplänen. Es gab nur das alltägliche Gemetzel der Westfront, wie zahlreiche Granatsplitter im Wald bezeugen. Das Grabengewirr, vor allem im südlichen Teil, ist ziemlich gut erhalten und beeindruckend, auch Bunkerchen gibts nicht wenige. Aber der Wald ist aus dem öffentlichen Gedenken gefallen.

Ausblick und Durchblick

Dabei war er übrigens gleich in zwei Weltkriegen Schlachtfeld. Im September 1944 machte hier die Wehrmacht noch einmal Halt und lieferte sich mit Pattons 3. US-Armee heftige Waldgefechte. Teilweise zwischen den Gräben des vorherigen Weltkrieges. Bei einem früheren Besuch habe ich einmal zwei Bazooka-Geschosse gefunden, eher seltene Explosivware aus dem Zweiten Weltkrieg.

Preisfrage: Aus welchem Weltkrieg stammt dieses Projektil?

Jetzt habe ich Oscar gepackt und mich auf den Weg in sehr bekannte Gefilde gemacht. Über Nancy und Pont-A-Mousson erreiche ich den Frontbogen von St. Mihiel, wo ich schon oft war. Nachschub einkaufen war ich auch das erste Mal – mit Maske – und mein Vermieter meinte, ich solle der Tankuhr von Oscar nicht trauen und ihn lieber alle 600 km mit Diesel füttern. Den 600sten habe ich in Luneville gefahren, etwa 50 Liter gingen in den Tank. Jetzt sollte es bis zur Küste eigentlich reichen.

Aus der Schule erreichen mich eher düstere Nachrichten.

Manchmal fällt ein Schatten über diese Reise.

Ich stehe in Apremont auf dem Busparkplatz neben dem Croix de Redoutes – die heimliche Zünderhauptstatt der Front. Sonst ist hier keiner. Abendessen: Kartoffeltortillia mit Spiegelei. Fein. Gut, die Tortillia war fertig gekauft. Draußen ist es nun dunkel. Durch die offene Schiebetür zirpen 10.000 Grillen und Zikaden herein, der Wald verströmt tiefen Frieden.

Ein alter Krieger blickt mit bröckligem Gesicht seit 100 Jahren einem Feind entgegen, den es nicht mehr gibt.

Ich könnte mich an dieses Leben gewöhnen.

26.07.2020: Bois Brûlé, Apremont, St. Mihiel

Mein Soundtrack zur Tour (CD-Stapel unter dem Armaturenbrett):

Deichkind: Wer sagt denn das?
Beasty Boys: Paul’s Boutique
Faber: I fucking love my life
Casper: Lang lebe der Tod
Dicht und Ergreifend: Dampf der Giganten
Großstadtgeflüster: Trips und Ticks

Ich werde langsam echt gut im illegale Dinge tun. Eben gerade habe ich diverse Gesetze gebrochen und ich fühle dabei keinerlei Reue, nur ein bisschen Scham und kaum moralische Enpörung über mich selbst. Eher ein Gefühl zwischen James Dean und Capitain Jack Sparrow, nur nicht so hübsch. Ist wohl so eine „alternder Beamter von der Leine“ – Geschichte.

Zunächst hatte ich mich völlig verfranzt. Bis hierhin hatte mich meine IGN-Karte „Grande Guerre 1914-1918“ sehr sicher und mit wenig Navi durch die Tour gebracht, aber den Parkplatz am toten Mann habe ich vorhin grandios verfehlt. Statt dessen stand ich mit Oscar bei Cumiere, einem zerstörten Dorf, das auch irgendwie auf dem Toten Mann liegt. Was stimmt nur mit meiner Karte nicht? Schönerweise hatte ich aber eine digitale Kopie der IGN-Karte „Verdun“ auf dem Rechner, die von 2006, auf der noch zwei Millionen verbotene Dinge verzeichnet sind, die sie in der neuesten Ausgabe heraus retouchiert haben. Und siehe da: Von Cumiere zum Parkplatz am Denkmal führt ein Forstweg.

Ich habe in vielen Jahren Frankreich noch keine Forstwegschranke gefunden, die intakt gewesen wäre. Auch die an meiner ausgeheckten Geheimverbindung steht sperrangelweit auf, das Gegenstück zum Sichern und Zusperren ist augenscheinlich seit Zeiten Mitterands verschwunden. Zudem entpuppt sich der Forstweg als breiter und gut ausgebauter Holzarbeitsweg, für Oscar kein Problem.

Also los, Märzhase!

Ich tuckere im zweiten Gang im Abendsonnenschein durch den Wald, es ist heute Sonntag, gegen 20.00, da hält mich kein Mitarbeiter des staatlichen Forstamtes mehr auf. Natürlich ist es hochillegal, dass einer wie ich den Weg benutzt. Ich kichere vergnügt. Dann, nach etwa einem Kilometer, die Abzweigung zum Besucherparkplatz, ganz wie auf der Karte versprochen. Ein Blick, eine Erkenntnis, ein Fehlschlag: Natürlich ist da eine Schranke, ziemlich fett und diesmal vorgelegt. Wer hätte geahnt, dass die französische Forstverwaltungsbehörde, wenn sie eine Schranke intakt hält, zu aller erst die hinter dem Besucherparkplatz wählt, damit nicht jeder Depp in einem grauen Bus durch ihren Wald braust! Ich akzeptiere bereits resigniert, dass ich den ganzen Weg zurückschleichen muss, durch zwei Dörfer, um dann den offiziellen Zugang zu finden, gebe mir aber noch eine letzte Chance: fußläufig lege ich die letzten 30 Meter zur Schranke zurück, um sie genau zu erkunden. Und siehe da, vive la republique: Sie ist nicht gesichert! Kein Schloss, kein Bolzen, man kann sie einfach zurückschieben.

Natürlich ist es hochgradig gesetzlos, dass einer wie ich eine staatliche Schranke bedient.

Früher am Tag: Der Bois Brûlé zeichnet sich durch eine Vielzahl von deutschen Unterständen aus, die irgend ein ziemlich guter Tunnelbaumeister alle mit den selben U-förmigen Wellblechen konstruiert hat. Besser erhalten sind kaum Unterstände aus dem Krieg, Respekt für den Konstrukteur. Ich habe an anderer Stelle schon viel über den Wald geschrieben. Ich entdecke ihn ihm immer wieder etwas Neues.

Zünder sind hier nix Neues. Ein Stück „Feldofen“ schon.

Früh morgens im Wald zucke ich heftig zusammen denn auf der Grabenlinie steht in Rufweite plötzlich ein fremder Mann. Auf zwei Füchse, 17 Rehe und 32 Wildschweine kommt in meiner persönlichen Statistik ein Mensch, es handelt sich also um eine unerhört seltene Begegnung. Der Herr ist Belgier, spricht gut Englisch und wir kommen ins Fachsimpeln, Er lebt in der Nähe von Ypern, da ist einem der erste Weltkrieg nah. Er macht mit Frau, drei Söhnen und zwei Freundinnen (von Söhnen) nun das erste Mal Urlaub in der Gegend und ist fasziniert, wie viel Graben hier noch zu sehen ist.

Der Kerl ist ziemlich nett, ich gebe ihm Tipps, warne eindringlich vor Eier-Handgranten, und er sagt mir, was ich mir in Belgien ansehen muss.

Habe ich mich gestern über trockene Wälder beschwert? Der zynischste aller Götter laß mit und über mich geht gegen halb elf mitten im Wald ein Regenguss nieder, der Noah zu Hammer und Nagel hätte greifen lassen. Ich bin ekelhaft nass bis ich wieder am Bus bin, nur meine neuen Schuhe, die halten super trocken. Grummelnd hänge ich meine Schlachtfeldklamotte an Oscar, weil natürlich jetzt wieder Laser-Sonne strahlt, und mache mich an ein ausgiebiges Mittagsvesper.

Ich beiße gerade in meine Paprika, da halten zwei Autos mit extrem seltsamen Nummern neben mir. Es ist der Belgier, samt Frau, drei Söhnen und zwei Freundinnen (der Söhne). Großes Hallo. Er wollte seiner Familie all die tollen Dinge zeigen, die er früh morgens entdeckt hatte.

Ich bin gerade dabei, die wieder halbwegs trockenen Sachen abzuhängen, da taucht die sehr nette belgische Großfamilie wieder auf. Mein neuer Kumpel schwenkt eine französische Feldflasche, die er unter einem umgestürzten Baum gefunden hat. Er ist ein wenig enttäuscht, als ich ihm zwei mal bestätige, dass die Flasche das (sehr speziell geformte) französische Modell ist, ich habe das Gefühl, er hätte sich eine deutsche gewünscht.

Nun bin ich also auf mir sehr bekannten Wegen bis nach Verdun gefahren, habe dort in einem direkt an der Straße gelegenen Restaurant gegessen (wie oft etwas zu teuer für die mittelmäßige Qualität) und sitze auf dem toten Mann, auf dem ich beim letzten Mal so viele Funde hatte. Morgen geht es ein paar Meter nach Norden, im sog. „Rabenwald“ war ich noch nicht.

Alles ist stockdunkel draußen. Hier sind über 10.000 Menschen gestorben. Wenn heute Nacht keine Geister an den Bus klopfen, dann gibt’s auch keine.

27.07.2020, Morte Homme, Verdun

Die Physik des Schlachtfeldes ist faszinierend. Da führt zum Beispiel ein Weg führt durch den Wald quer durch eine recht breite Schlucht, er geht hinab und wieder hinauf, ein großes Kiesweg-U. Der Weg ist aus dem gelblich weißen Kalkstein des Massivs, und dem Wanderer fällt auf, dass es auf dem Weg andersfarbige Cluster gibt: Grün für Kupfer; rotbraun für Eisen; blaugrau für Blei.

Tatsächlich sortiert der Weg das Schlachtfeld durch. Er macht das wie eine natürliche Goldwaschtreppe, mit jedem Regenguss, jeder Schneeschmelze spült das Wasser Reste des Krieges aus dem umliegenden Erdreich und je nach Kieskörnung, Steigung und Wegkrümmung sammeln sich unterschiedliche Materialien nach chemischer Dichte an bestimmten Stellen an.

Eine deutsche Handgranate rostet schnell durch und das ist gut so.

Damit offenbart sich eine faszinierende natürliche Sammelmaschine. Das Eisen besteht in fast jedem Fall aus Granathüllensplittern, dem Killer Nr. 1 des Kriegs. Blei findet sich fast auschließlich als Schrappnellkugel, die an graue große Blaubeeren erinneren, aber eine echt hässliche Waffe waren, manchmal auch als Bleipatronenspitze. Kupfer erscheint großteils als Bruchstück von Führungsbändern an Granaten, dazwischen aber auch Kupfermantelfragmente von Patronen oder winzige Kupfernägelchen für weiß-der-Geier was.

Man könnte das Schlachtfeld mit einer Waschanlage nach Altmetallen ausbeuten wie einen ganz normalen Tagebau. Natürlich mit tausenden unangenehmen Blindgängern.

Am Morte Homme kann man an den metallgespickten Wegen sehen, was abging. Die zentrale Höhe über das Schlachtfeld ermöglichte ihrem Besitzer, das gesamte Geschehen zu beobachten und das eigene Feuer effektiv zu leiten. Die Deutschen wollten sie haben; die Franzosen auf keinen Fall hergeben; Dann wollten sie die Franzosen auf jeden Fall zurückholen. Jetzt ist der Hügel ein Massengrab auf alle Zeiten.

Gegen Abend mache ich mich auf den Trip in die Champagne. Mein Weg führt erst durch wohlbekanntes Gebiet, die Hügel und Schluchten der Argonnen. Wieder fällt mir auf, wie krank die Wälder sind. Tiefe Tannenschluchten, die ich vor drei Jahren noch moosgrün-saftig erlebt habe, sind jetzt plötzlich tot und braun. Überall werden hastig Hänge leergeräumt. Für Artfaktsucher eine einmalige Chance, der Waldliebhaber-Teil meiner Seele weint.

Unsere Wälder sterben. Jetzt gerade.

Mit der Champagne betrete ich Neuland, so weit war ich im Frontverlauf noch nie. Endlos weite Felder auf denen Traktoren Strohballen rollen. Bolzengerade Alleen. Der Front bin ich auf der Spur, so lange man regelmäßig an Militärfriedhöfen vorbeifährt bleibt man auf der Linie. Die Sonne brennt gnadenlos auf diese Landschaft hinab, von Süden weht ein staubheißer Wind.

Viel lasse ich liegen. Die Marne-Schlacht, die Kämpfe von 1915 … aber ich muss auch mal Strecke machen. Morgen in Reims gibt es einen Stadt-Tag. Und hoffentlich finde ich mal ein WiFi, um das ganze Zeug hier hochzuladen.

Reims, 28.07.2020

So, von 9:00 bis 11:00 saß ich in einem Café um den Blog auf Stand zu bringen. Uffz. Heute Nacht zwischen Weinbergen geschlafen, neben einem Sportplatz (Ich! Sportplatz!), nettes Gespräch mit einem Franzosen mit weißem Husky, der das selbe Busmodell besitzt. Fachsimpelei über Wasserbehälter. Jetzt gehe ich mir eine Kathedrale ansehen.

Später am Tag:

Mir geht es als Ulmer, dem sein Münster über alles geht, ja ziemlich schwer über die Lippen: Aber die Kathedrale von Reims ist ganz schön beeindruckend. Einerseits wegen des ziemlich atemberaubenden Figurenschmucks, andererseits aber auch wegen ihrer Rolle, die sie in der Geschichte Frankreichs spielt. Alle Ludwigs wurden hier gesalbt.

Dennoch hält es mich nicht lang in den urbanen Gefilden von Reims. Nach einer etwas fragwürdigen Pizza in einem Schnellrestaurant steuere ich einige Kilometer außerhalb der Stadt das Fort de la Pompelle an. Nach den eher zweifelhaften Erfahrungen mit der deutschen Militärmaschine 1870 hatten die Franzosen mehrere Festungsgürtel in ihrem Ostteil geplant. Reims blieb noch zwei Jahre deutsch besetzt, bis Frankreich seine für die damalige Zeit überharten Reparationen an Deutschland abgestottert hatte. Wie immer gilt: Alles, was über die Deutschen zu späterer Zeit hereinbricht, haben sie selber zuvor für andere erfunden. Reims geht zurück an Frankreich, Frankreich baut Verteidigungsanlagen.

Die Festungen stellen beim Vormarsch 1914 durchaus ein Problem dar. Ein paar Tage ist Reims von den Deutschen besetzt, dann bricht an der Marne die ohnehin äußerst illusionistische Angriffstrategie zusammen, die Front wird zurückgesetzt, das preußische Miltär haut aus der Stadt wieder ab; die Franzosen setzen nach, es ist immerhin Reims mit der weltberühmten Kathedrale, irgendeiner pflanzt im Befreiungsjubel eine Trikolore auf besagte Großkirche. Die Deutschen nehmen das Fähnlein als Freifahrschein, um das weltberühmte Gotteshaus gezielt zu beballern. Wie so oft: eine zutiefst dumme Reaktion ohne militärischen Sinn, aber eine internationale PR-Katastrophe. Der in Belgien angelegte Ruf, der Deutsche sei ein dummer, stinkender Barbar ohne kulturellen Sinn, wird mit dem Artilleriefeuer auf Reims gefestigt und hängt uns seither nach.

Danke preußischer Militarismus.

Die Kathedrale übersteht den Krieg schwer gezeichnet, aber in der Substanz unzerstört. In der Folge macht die Front einen Bogen um Reims, es ist die einzige Großstadt, die gleichzeitig Frontstadt ist. Ein paar der Festungen fallen in deutsche Hand, Fort de la Pompelle wird wieder französisch und strategisch wichtig. X-Mal versuchen die Deutschen es zu erobern, X-mal wird es verteidigt, unter anderem von Russen und schwarzen Kolonialtruppen. Zum Schluss wehrt es 1918 den größten deutschen Panzerangriff bis zu diesem Zeitpunkt ab. Immerhin 15 von den Dingern hatte die panzerskeptische OHL losgeschickt.

Die Bilder gleichen sich: Douaumont, Vaux, Pombelle.

Nach dem Krieg setzen die Reimser ihren schwarzen Helden ein Denkmal, dass die Wehrmacht 1940 dann wieder demontieren lässt. Farbige als Kriegshelden gegen Germanen – die Message ging ja wohl mal gar nicht.

Heute beherbergt das Fort eine etwas seltsame Ausstellung. Sie wurde 2014 (wie alles) erneuert und ist kostenfrei. Soweit so gut. Die Geschichte des Forts und der Stadt im Ersten Weltkrieg wird ganz gut vermittelt. Ansonsten konzentriert sich das Museum auf a.) Artilleriegeschütze, b.) Uniformen aller Gattungen und c.) Pickelhauben. Ja, geanau: Pickelhauben. Hunderte. Irgendwie ist die Ausstellung in den Besitz der Sammlung eines der größten französischen Pickelhaubenkenner geraten, und es ist einerseits faszinierend, welche Formenvielfalt die kaiserliche Armee vor 1916 mit dieser im Feld völlig sinnlosen Kopfbedeckung entwickelte. Es wirkt andererseits ein wenig seltsam, vor dem Hintergrund des ersten industriell geführten Materialkrieges, 200 auf Hochglanz polierte Parade-Helmchen mit Goldblechbeschlag in Reih und Glied zu sehen. Am Ende wird der graue oder getarnte Stahlhelm das Antlitz der Schlachten prägen.

Ich fahre weiter die Aisne entlang. Es ist nach Schildern gar nicht so einfach den Weg auf das Chemin des Dames zu finden. Vor allem eine Ortschaft namens Fisques treibt mich in den schieren Wahnsinn mit ihren völlig bekloppt beschrifteten Schildern. Als ich dann endlich vollgestresst auf der richtigen Route Richtung Norden unterwegs bin, übersehe ich in der nächsten Ortschaft fast eine rote Ampel.

Die Bremsen von Oscar greifen.

Der kleine Höhenzug des Chemin des Dames sollte ein ähnliches zähes Ringen auslösen wie die Somme oder die Maas-Höhen. Der Name hatte eine unheilschwangeren Klang unter den Soldaten beider Seiten. Außerdem muss mein Opa hier gewesen sein. Im Zweiten Weltkrieg. Das 56 Ulmer Infanterie-Regiment (später Jäger-Regiment) war bei der Eroberung ganz vorne mit dabei und am Chemin des Dames entwickelten die Franzosen offensichtlich den einzigen ernsteren Widerstand, den die Abteilung meines Großvaters zu brechen hatte. Immerhin ein paar Tage lang wird der deutsche Bltzkrieg hier noch einmal gebremst. Das hämische Hochgefühl, über die Höhen hinunter zu Aisne zu brausen, die 25 Jahre zuvor so unüberwindlich schienen, spricht aus der offiziellen Regimentsgeschichte der 56er unübersehbar.

Ja ja, freut euch ruhig. Bald kommt Russland.

Ich möchte mir hier die Cavern de Dragon, die Drachenhöhle ansehen, ein weicher Kalkstein-Untergrund, in dessen weiten Kavernen Soldaten beider Seiten während des Krieges lebten und mit- und gegeneinander kämpften. Pünktlich um 17.00 rausche ich mit Oscar auf den Parkplatz. Pünktlich, denn um 18.00 schließt die Gedenkstätte. Aber: Für unterirdische Führungen muss man sich anmelden. Die nächste wäre morgen um 12.

😦

Gut, dann eben morgen. Ich grummele mit Oscar in den Wald hinter dem Museum, stelle mich auf den Forstweg, ziehe die Outdoorstiefel über und schleiche noch ein paar Abendstunden durch die alten Linien. Ich könnte auch in Verdun sein. Ich fotografiere in paar ziemlich gut erhaltene Stielhandgranten und ein gigantisches Granatenfragment und mache mir jetzt dann Grießbrei mit Pfirsichstückchen.

Mmmmmm, Grießbrei … (Lechzsmiley)

29.07.2020: Chemin des Dames, Aisne

Ich erwache langsam vom Geräusch großer, blubbernder Motoren. Gähhhhn – Mom, Was!!? Motoren auf dem Waldweg!? Wie Gregor Samsa wälze ich mich auf den Bauch und sehe verschwommen etwas relativ Großes, ziemlich Grünes durch die Heckscheibe. Fahrig taste ich nach der Brille, stülpe sie auf die Nase und starre auf ein fettes gelbes John-Deer-Logo.

Hinter Oscar steht ein relativ großer Traktor mit laufendem Motor.

Shit, sie haben mich! Die Forstbehörden! Ich gestehe alles. Aber es ist nicht der ONF, es sind zwei ältere Bauern, die mit einer hydraulischen Höllenmaschine die Buchenstämme spalten, die hier gestapelt waren. Von mir wollen sie nicht viel, der Wagen könne gerne so stehen bleiben. Glück gehabt. Mit Kaffee machen und Baum anpinkeln warte ich aber doch lieber, bis die zwei älteren Herren mit ihrem unbegreiflichen Dialekt ihr Holz fertig haben.

Gut, nach 15 Minuten taucht noch ein dritter Traktor auf. Und ein Renault Kangoo mit ONF-Logo. Irgendwie fühle ich mich mit dem Bus inmitten des Tumults ziemlich fehl am Platz, ich trete die Flucht an, einige Kurven nach Norden. An der Abtei von Vauclair stelle ich den Bus wieder ab und mache mir erst einmal Kaffee. Alleine bin ich hier aber nicht, der gewaltige Touristenparkplatz lässt ahnen, dass hier viel Verkehr ist. Das Plätzchen ist nämlich wunderschön.

Die weißen Ruinen der alten Abtei tauchen ein wenig wie eine Fata Morgana aus dem Wald auf oder wie ein Setting für eine Folge Game of Thrones. Die Anlage war einmal ziemlich groß. Im ersten Weltkrieg dann zerschossen, wurde sie 50 Jahre vom Wald am Chemin de Dames überwuchert, bis die Ruinen auf private Initative eines damals im Felde stehenden Pastors in den 1960ern freigelegt wurden. Jetzt sind sie von grünen Wiesen im Wald umgeben, ergänzt um Picknick-Tische, Spielplatz und Busparkplatz. Nur zahlreiche Warnschilder vor dem in jüngster Zeit prominent gewordenen Eichenspinner stören das Idyll etwas.

Bei einer kurzen Exkursion in den Wald hinter der Abtei finde ich zahlreiche Granattrichter, einige von beängstigender Größe, außer die alltäglichen rostigen Splitter aber nichts weiter Interessantes. Gegen 11.00 stehe ich am nun ziemlich vollen Ruinen-Parkplatz. Ich möchte mich noch waschen und duschen bevor ich zur Führung fahre, hier wäre das aber irgendwie doof. Also los, nächster Waldweg, Oscar abstellen, Waschwasser warm machen. Als ich meinen Oberkörper einseife tröddeln im Zeitlupentempo drei historische Mopeds durch und glotzen. Na Super. Als ich meine Haare abschwenke, biegen zwei Rennradfahrer auf den Waldweg ab und drücken sich an Oscar vorbei. Was wollen die mit ihren Kinderreifen auf dem Waldweg? Als ich die Socken wieder anziehe ertönt aus Richtung Wald das bedrohlich näherkommende Tuckern eines Traktors. Ich lasse resigniert den Kopf hängen.

No rest for the wicked.

Die Caverne du Dragon, auf deutschen Karten als „Creuse-Höhle“ verzeichnet, war ein unterirdischer Kreidesteinbruch aus dem 18. Jahrhundert. Er lag tief unter der Erde und seine weiten Kavernen und Hallen boten einen idealen Schutzraum. Bis 1917 besetzten die Deutschen die Höhle. Dann war die Höhle wochenlag ein lichtloses Schlachtfeld auf engstem Raum, bis die Franzosen den Feind verdrängt hatten. Beide Seiten haben zahlreiche Spuren und Relikte hinterlassen. Der begehbare Bereich ist recht groß und die Führung geht etwas schnell. Gerne hätte ich die Dinge in den Vitrinen noch ein wenig eingehender gemustert. Für das Museum und den Ort an sich gibt es eine klare Empfehlung, als Lehrer bekommt man sogar ermäßigten Eintritt.

Gegen Nachmittag fahre ich den Damenweg entlang, jene einsame, etwa 40 Kilometer lange Landstraße, an der entlang sich so heftige Kämpfe entwickelten. Heiße Sommerlandschaft, weite Felder, wenig Bäume. Gelegentlich ein Denkmal, ein Soldatenfriedhof, ein zerschossenes Fort. Mein Ziel ist die Somme, und damit der Bereich, der vor allem im damaligen Commonwealth einen hohen Platz in der Gedenkkultur einnimmt. An St. Quentin vorbei will ich nach Peronne, wo das einzige Museum der Westfront steht, das von Historikern aus drei Nationen konzipiert wurde.

Ich habe heute kein Glück.

Das „Historial de la Grande Guerre“ ist bis September wegen Renovierungsarbeiten im Innenhof geschlossen. Wer schließ ein Museum in der Hochsaison? Offensichtlich konnte die Renovierung nicht bis Oktober warten.

Dafür ist Peronne, obwohl größtenteils nach dem Krieg wieder aufgebaut, ein echt nettes Städtchen. Wohin soll ich auch sonst? Der Nordteil der alten Linie ist deutlich anders als der mir sehr gut bekannte Süden, hier gibt es keine einsamen Schluchten und Waldflächen, hier gibt es vor allem Felder und kleine Wäldchen. In den Argonnen muss ich nur in den Wald laufen und stolpere über Gräben. Aber was mache ich hier?

Ich beschließe Abends kräftig die englischen Feldkarten zu studieren, um mir ein paar Ziele zu erarbeiten. Ich verbringe den Nachmittag in Peronne. In der großen Kirche übt jemand Orgel. Er übt tatsächlich, dennoch ist der Klang des riesigen Instruments sehr beeindruckend. Übrigens ein Nachbau eines Originals von ca. 1830, das – wie könnte es anders sein – im ersten Weltkrieg zerstört wurde. Ich trinke ein Bier in einer Bar. Gehe am Kanal spazieren. Esse zwischen Holländern in einem Restaurant.

Am Abend finde ich über die Wildcamper-App doch noch einen abgeschiedenen Stellplatz, eine Art riesige Picknick-Area unter alten Bäumen, von hohen Hecken umzäunt. Direkt am Kanal, hoffentlich nicht so mückenbelastet. Auf der Wiese rennen Kaninchen herum. Es ist jetzt 21.15 und bis jetzt ist noch kein anderes Campingmobil hier aufgetaucht.

So, jetzt aber Kartenstudium!

21.22. Ein Wohnmobil taucht auf. Seufz. Die Kaninchen müssen vorher ähnlich reagiert haben, als ich angerollt kam.

30.07.2020: Arras, Somme

Die Sonne brennt gnadenlos auf die fast baumlose Landschaft, nur hin und wieder stecken winzige Wäldchen in der gelbbraunen Felderlandschaft, deren Blätter im grellen Licht fast schwarz wirken. Auf der Bundesstraße schieben sich endlos Autos und Lastkraftwagen aneinander vorbei, dahinter rattern unablässig die Dieselmotoren der über die Felder schwankenden Traktoren. Hin und wieder unterbrechen Gedenkstelen, Mahnmale und Soldatenfriedhöfe die Eintönigkeit.

Das Schlachtfeld an der Somme ist gar nicht mal so geil.

Das liegt daran, dass es nicht mehr existiert, oder besser gesagt unter einer gewaltigen Agrarlandschaft verschwunden ist. Hier findet man fast nichts mehr. Zumindest nicht ohne archäologische Grabung.

Heute war ein ereignisreicher Tag mit vielen Stationen aber mit ziemlichen Enttäuschungen.

Am morgen beginne ich bei Frise mit der Erkundung der Linien. Die dort eher marschlandartige Somme beschriebt einen malerischen Bogen und wird von Höhenzügen gerahmt, von denen man einen sehr schönen Blick auf die Landschaft hat. Natürlich waren sie umkämpft, unter anderem diente Otto Dix auf diesen Hügeln. Ein gut gemachter, aber aprupt endender naturkundlicher Wanderweg führt dort entlang, man sieht noch die Spuren von Kratern und Gräben. Außer den Vertiefungen in der Erde ist aber nichts mehr zu finden.

Ich versuche es auf einem frisch abgeernteten Feld. Und ja: Man entdeckt den sogenannten „Iron Harvest,“ die Splitter und die rostigen Klumpen im Erdreich. Aber nichts sonst. Ein paar winzige Glasscherben. Höhepunkt: Eine halbe, übel zerquetschte Patronenhülse, vermutlich eine Deutsche. 100 Jahre Pflugscharen haben nicht viel übrig gelassen, zumindest nicht an der Oberfläche.

Iron Harvest

Gegen Mittag fahre ich nach Albert, meine Karte verspricht mir dort das „Musee del la Somme 1916.“ Die Location ist interessant. Die Alberter haben in den 30ern, in weiser Voraussicht, dass es das noch nicht wahr mit den Deutschen, weitläufige Luftschutztunnel unter ihrer Stadt angelegt. Heute beherbergen sie ein „Museum“, das eher eine Mischung aus einer Geschichtsstunde und einer Puppengeisterbahn ist. Jedenfalls gibt es wieder viel Gerät zu sehen. Wenigstens bin ich der einzige Besucher.

Gegen Spätnachmittag gebe ich der Somme eine letzte Chance. Am 01. Juli 1916 startete eine Offensive, die als der blutigste Tag der britischen Geschichte legendär werden sollte. Nach einem mehrtägigen Trommelfeuer auf die deutschen Linien stiegen zehntausende Briten aus ihren Gräben und schritten auf den Feind zu. Die meisten davon starben in der ersten Stunde. Ein solches Großereignis muss Spuren hinterlassen haben!

Spürchen.

Man findet nur noch Splitter auf Feldern. Fast. Wenn man in die kleinen Wäldchen zwischen den Äckern geht, die eigentlich alle Privatland sind, dann tauchen sie plötzlich aus dem Nebel der Geschichte auf: Krater, Gräben, Stellungen. Manchmal eine Flasche. Oder ein „Schweineschwanz.“ Zwischen all dem Müll der Landwirtschaft.

Dieses Autowrack mit Bakelitlenkrad kommt aus einer späteren Periode. Es liegt trotzdem im Miniwald rum.

Das Problem ist, dass alles mit Erde zugedeckt und durchgerecht wurde. Und manchmal findet man sehr gruslige Dinge auf dem Privatland. Seltsame Fallen oder fallenähnliche Konstruktionen. Eine Art Holzkiste aus Ästen voller toter Hühner – schon Tage toter Hühner. Irgendwann habe ich Schiss, entdeckt zu werden und will nur noch zum Bus. Denn hier ist man nie allein. Überall sind Straßen, brausen Autos, kurven Mähdrescher umher. Der Kontrast zu den Wäldern und Hügeln im Südosten könnte nicht größer sein.

Gegen Abend fahre ich nach Vimy, einem Dörfchen nicht weit von Arras. Es liegt auf einer langgezogenen Anhöhe, war Teil der Frontlinie und wurde von Kanadiern erstürmt. Den Kanadiern gehört deshalb das Stück Land am Rande des Dörfchens und sie haben dort eine Gedenkstätte.

Die Kanadier haben echt den Arsch offen.

Bei all den 500+ Denkmälern, die ich zum Thema erster Weltkrieg gesehen habe, ist mir nie ein derartiger Gigantismus und Überhöhungswille vor Augen gekommen, Das Beinhaus neben dem Douaumont ist im Vergleich niedrig und zurückhaltend. Was für eine Monstrosität von Denkmal. Das Schlachtfeld wurde peinlichst genau gesäubert, und mit sanften Gras bepflanzt – sauber, hygienisch, kein hässliches rostige Metall stört die Ästhetik. Überall sind Warnschilder, bei denen ein Elsässer oder Argonner laut lachen würde.

Es sieht aus, als hätten Daisy Duck und Donald Trump gemeinsam ein Stück Westfornt nach ihren ästhetischen Prinzipien umgestaltet.

Ich bin frustriert. Das Erlebnis, dass ich von den Maashöhen und aus den Vogesen kenne, scheint hier nicht möglich. Und ich fürchte, das wird von hier bis zur Küste nicht anders werden.

31.07.2020, Flandern, Niemandsland zwischen Frankreich und Belgien

Ach, traurige Somme, trauriges Flandern! Immerzu braust der Verkehr über die flachen Ebenen, die Abraumhalden stellen die höchsten Punkte dar. Eine gnadenlose Sonne von einem gnadenlosen Himmel versengt dich und taucht dich in deine Nationalfarben: Gelbbraun, Schwarz und Weißblau.

Ich schreibe heute nichts über die vergeblichen Versuche, im Wald bei Vimy irgend etwas zu entdecken, nichts über ewige Gondelleien über schlecht ausgeschilderte Landstraßen, deprimierende Straßendörfer, unendlich lang, unendlich tot, geschlossene Rolläden an 365 Tagen, nichts über den heißesten Tag des Jahres in einer Landschaft ohne Schatten.

Ich schreibe über zwei tolle Dinge hier, die aber vergessen und missachtet sind.

Hinter Vimy steht das Memorial de Fraternisation. Es ist all den Punkten in der Chronologie des ersten Weltkrieges gewidmet, an denen Soldaten ihre Befehle missachtet haben und sich mit der anderen Seite verbrüderten. Seien es die inzwischen verfilmten Weihnachtsfrieden, sei es das berühmte englisch-deutsche Fußballspiel. Es ist ein kleines Memorial neben einem großen britischen Friedhof und es ist ganz neu. Die Welt hat 100 Jahre gebraucht, um den Befehlsverweigerern von 1914-1918 eine kleine Ecke zuzusprechen. Ein französischer Dichter hatte nach einem solchen Erlebnis geschrieben, dass er sich Wünsche, dass diesen Gesten der Menschlichkeit im Artois, wo er sie erlebte, ein Denkmal gesetzt werde. Francois Hollande hat diesen Wunsch 100 Jahre später erfüllt.

Immer wenn ich Zeugnisse dieser seltenen Episoden der humanen Kontaktaufnahme lese oder sehe, werden mir die Augen ein wenig feucht. Da ist dieses Foto von einem deutschen Offizier mit Pickelhaube, der etwas unbeholfen durch den Schnee stapft und einen jämmerlichen kleinen Tannenbaum schwenkt, aber mit diesem Weihnachtsmanngrinsen. Immer, wenn ich ihn sehe, dann kann ich ihn förmlich hören:

„Nich schießen Kameraden, bin nur icke, ick bin alleene und unbewaffnet. Wir ham euch sing hören, und zwar dat Lied von der „Heiljen Nacht“, wusstet ihr das det eijentlich Deutsch is? Na ja, jenau jenommen österreichisch, aba wat solls. Dachten uns, wir bringen euch det Bäumchen hier. Oder kommt doch jleich rüber zu unserm Jraben. Dann könn wa die englischen Worte ooch bessa verstehen. Und dann sing wer’s euch nochmal auf Deutsch. Wat haste da, Tommy? Krismes-Pudding? Ja klar nehm ik den an, senkju, senkju. Hier, ditte sind Plätzchen, von mener Frau. Nimm ruich. So, denn kommt doch mal rüwa. Na Heinrich, wat hast du von deim Tommy bekommen? Englische Zigaretten? Und, sinn se bessa als unsre? Dacht ik mir … Ne, Fritzen, du kannst doch dem Englända nicht dene Erkennungsmaake schenken! Hasste nix andres da? Ne deutsche Bibel? Ja warum nich, der kennt den Text doch eh in seiner eijen Sprache. Kiek mal, Herrmann, die ham nen Mundharmonikaspiela. Det war aba en trauriges Lied, det sie jespielt haben. Awa schön. Jetzt muss ik heul’n. Hol ma die Quetschkommode aus’m Unterstand ruf, Kurti. So, Jungens, wat könn wa dreistimmich? Am Brunn‘ vor dem Tore? Na denn ma los Kurti, zähl mal schön ein …“

Ich habe das Gefühl, dass kaum jemand am Denkmal der Verbrüderung anhält.

In Fromelles, ganz nahe bei Belgien, steht ein ziemlich neues Museum. Ich war auf diesem Tripp in einigen obskuren und schrägen Museen. Das hier ist gut.

Die Schlacht von Fromelles dauerte nur 12 Stunden und war eine Katastrophe. 2000 Australier und 1000 Engländer starben in einer Juninacht 1916, ich glaube etwas weniger Deutsche. Der Angriff der Commonwealthtruppen war ein Fiasko, aufgebaut auf idiotischen Prämissen, durchgeführt von unfähigen Kommandeuren. Bis zum Abend besetzen die Australier einen Teil der vordersten Linie der bayerischen Regimenter. Irgenwann nach Mitternacht holen die Deutschen sich ihre Gräben zurück. Der Kampf tobt bis zum Morgengrauen mit Gewehrkolben und Messern. Dann schleppen sich die Überlebenden Entente-Truppen in Ihre Ausgangslinie zurück. Noch tagelang bergen sie todesmutig verletzte Australier aus dem Niemandland.

Vielleicht sprach jahrzehntelang niemand von diesem Tag, weil er ein Fiasko war. Hätten die Australier den deutschen Höhenrücken eingenommen, vielleicht hätte man auch hier einen 50 Meter hohen kanadischen Doppelpenis in den Himmel gestellt. Aber Verlierer können ja keine Helden sein.

In den frühen 2000ern wurden in einem Wäldchen am Dorfrand von Fromelle 250 vermisste Australier entdeckt, die die Deutschen dort 1916 ehrenvoll bestattet hatten, nachdem sie die Toten am nächsten Morgen aus ihren Gräben und Stacheldrahtwällen gezogen hatten. Danach hatte man das Massengrab einfach vergessen. Bis heute konnten 140 davon identifiziert werden. Das Museum erzählt ihre Geschichte, ziemlich modern, ziemlich gut. Am Ende blickt man aus einem Fenster auf einen Friedhof mit 250 weißen Gräbern. Da zerdrücke ich dann schon wieder ein Tränchen.

Wenn man am Denkmal für die Australier, mitten zwischen den Bunkern der ehemaligen Deutschen ersten Linie, die Feldraine abgeht, dann erzählen die Äcker dort Geschichten. Eine Patronenhülse, eine Bleiplombe, eine Schnapsflaschenscherbe, ein Munitionskistengriff. Hier sind die Felder noch nicht so steril wie an der Somme.

Direkt am Dorfrand, versteckt in einem Naturschutzgebiet, liegt ein ziemlich großer Kommandobunker. Auch da bin ich alleine, ich war allerdings nicht der erste mickrig gewachsene Deutsche an diesem Ort. Hitler war in diesem Bunker, zwei Mal. Zuerst im Krieg, dort war er Meldegänger. Hätten ihn nur die Australier erwischt, das wäre besser gewesen. 1940 kam er wieder, er ließ sich nach dem Sieg über Frankreich extra zu diesem Bunker bei Fromelle im Nirgendwo fahren, um seine Kriegsheldenlegende zu stricken. Als ich mich auf den Weg mache, befürchte ich kurz irgendwelche Neonnazis dort abhängen zu sehen oder Hakenkreuzgeschmier. Nichts davon. Der Bunker liegt völlig unprätentiös in einem banalen Maisfeld.

Gut so.

Führerbunker, Beta-Version

Jetzt stehe ich auf einem Kiesparkplatz zwischen Waldrand und Villensiedlung. Es ist höllenschwül. Immer wieder bläst ein heftiger Wind. Abendessen: Rosmarinkartoffeln mit Gurkensalat und Munsterkäse.

Morgen fahre ich nach Ypern und hocke mich in ein Kaffee. Internet.

Oh ja, ich bin von einer Biene gestochen worden. Nicht schlimm, war schon in der Apotheke, und habe dort nach „etwas“ verlangt „das gegen das Insekt hilft, das den Honig macht.“

Mein Französisch ist immer für einen Lacher gut.