Hervorgehoben

Nun, ich habe eine Website.

Update, 18.11.2019

Etwas weniger als ein halbes Jahr läuft jetzt mein Blog. Er ist technisch noch immer laienhaft, aber er tut das, was ich mir versprach: Er fasst meine Erlebnisse in diesem Auszeitjahr zusammen und bietet mir eine Plattform, Dinge zu dokumentieren und Ideen und Gedanken zu verschriftlichen.

Ob du selbst als Lehrer*in mit Sabbatical-Plänen nach Erfahrungsberichten suchst, ob du hier reingestolpert bist oder ob du mich persönlich kennst und gerade wissen möchtest, wo Achim steckt und was er treibt: Fühl dich eingeladen hier zu lesen. Wenn du’s gut findest, dann like es, sobald du online aktiv bist wirst du leider geil auf Clicks. Wenn du es noch besser oder ganz schrecklich findest, dann kommentiere es.

Inzwischen im Freistellungsjahr angekommen kann ich folgendes Zwischenfazit ziehen: Die beste Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe. Denn das eigene Leben ist tatsächlich ein sehr, sehr schöner Ort. Man neigt nur dazu, ihn im Alltag zu vergessen.

Originalpost, 20.07.2019

Eigentlich möchte ich dokumentieren, was mir dieses Jahr bringt.

Im Moment sitze ich aber eher da und versuche mich in die Gestaltung dieses Blogs einzulernen. Irgendwie ziemlich sperrig, und ich stehe ganz am Anfang. Im Grunde schreibe ich diesen Eintrag nur, weil mir das Tutorial hier vorschlägt, ich solle meinen ersten Blog-Content nun schreiben.

Und dabei hat mein Sabbathjahr noch gar nicht angefangen. Es ist einfach nur ein verdammt schwüler Juli-Sonntag,

Da ist er wieder, der ewigwährende Zwiespalt: Eigentlich strebt Mann (Mitte Vierzig, bindungslos, wills noch mal wissen) nach Selbstbestimmung und Selbstentfaltung, und stellt dann fest, dass er Dinge tut, weil es ihm eine Software empfiehlt.

Ob ich aus dieser Falle noch einmal entwischen kann? Erste Befürchtungen machen sich breit, zum Beispiel die: Ich sauge mir einen Text aus den Fingern, und mit einem Klick ist alles weg.

Es hilft nichts, Mann-der-es-wissen-will. Du musst es nun wagen abzuspeichern.

Tortuga (Update 15)

Oder: die Rückkehr zum Du

von Rainer-Maria Stiftelvischer

Unprofessionell und mit Hobbytechnik eingelesen von mir, mit Brüchen, Stockern, Akzent und Hasplern. Aber original. Sehr verschroben. Lustig gemeint.

T A U W E T T E R
F L U S S T Ä L E R
W Ä R M E Q U E L L E
W I N T E R S O N N E
S Ü D S T A U
H E C K E N R E I H E N
A B E N D W I E S E N (Das „Establishment“ im vorletzten Absatz ist natürlich ein „Etablissement“ …)
G I S C H T Z O N E
B R A N D U N G S Z O N E
S E T Z L I N G S F E L D E R
M O R G E N S T R A N D
S P A R G E L T R E I B E N
H O C H D R U C K S C H N E I S E
B I E N E N Z E I T
P A L M E N G A R T E N
W O L K E N S C H A T T E N
S C H A F S K Ä L T E

Dialog mit dem Alghorithmus (Update 2)

Der dritte Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

oder sollte ich jetzt „liebes Telefónica-Germany-Team“ schreiben? Immerhin kennen wir uns jetzt schon eine ganze Zeit, wir haben eine Weile nett geplaudert. Nun ja, es war recht einseitig, die Redeanteile ungleich verteilt, aber irgendwie möchte ich mir einreden, dass ich Ihnen ein wenig nähergekommen bin.

Also dann mal ganz leger „hallo“ von mir.

Haben Sie eigentlich auch schon mal auf das 35. Foto einer Paella aus dem Urlaubrestaurant irgendwelcher Freunde gestarrt? Auf das xte witzig geschminkte Kind, an dessen Namen Sie sich eigentlich gar nicht mehr so recht erinnern können? Auf das vermeintlich amüsante Video vom Familienhund, der seinen eigenen Schwanz jagt? Manche Menschen verschicken mit ihrem Smartphone einfach alles, was in ihrem bei Licht betrachteten öden Leben irgendwie präsentabel wirkt, so unendlich gewöhnlich es auch ist. Man traut sich aber nie zu sagen: Bitte schick mir keine scheiß Fotos von deinem Blick vom Hotel mehr. Aus Nettigkeit. Geht’s Ihnen auch so?

Sie, also Ihre Firma, also auch Sie, der Sie vermutlich ein winziges Stück Code-Sequenz in einem massigen Skript sind, haben mir dazu verholfen, dass ich fast einen ganzen Monat all diese Selfies, weitergeleitete Ralf-Rute-Gag-Bildchen, lustigen da-dubbed-jemand-Star-Trek-mit-hessischer-Mundart-Videos nicht empfangen habe. Irgendwie haben Sie mir also ein unfreiwilliges Stück Handy-Fasten auferlegt, immerhin ein absoluter Mode-Trend der letzten Jahre, durchaus mit heilsamen Tendenzen, wie ich fand. Ich habe gelernt, dass die wirklich wichtigen Leute noch auf dem Festnetz anrufen (also die, denen ich auch wichtig bin), und dass der Rest der Whats-Apper-Nation irgendwie im Leben gar nicht so richtig fehlt.

Natürlich haben Sie das nicht aus therapeutischer Weisheit mit mir veranstaltet, sondern aus … wissen Sie eventuell gerade ein gutes Synonym für „Inkompetenz?“ Oder „Missorganisation?“ Ich bin ja um Worte manchmal nicht verlegen, aber dazu fällt mir jetzt grad nichts mehr ein.

Na ja, Sie wissen, was ich Ihnen sagen will.

Denn, bei aller Dankbarkeit für die Abkoppelung vom Netz, durch das Unvermögen, innerhalb eines erwartbaren Zeitraums eine SIM-Karte zu ersetzen, haben Sie mir auch noch andere, weniger angenehme Dinge beigebracht. Dass ich ohne Handy praktisch keine Überweisung mehr tätigen kann, außer ich gehe auf die Bank und zahle für Papier extra Gebüren. Oder dass keine Geschichte aus Schilda, kein brandtsches Narrenschiff, keine simplicistisches Possenstück auch nur annähernd erahnen lassen kann, wie Sie als Telefónica Germany so funktionieren. Oder halt auch nicht.

Na sei’s drum. Seit einer Woche bin ich wieder im Netz, und die Aktivierung der neuen SIM-Karte hat auch nur zu drei Sackgassen geführt und vier Stunden gedauert. Ich bin wohl selbst schuld, dass ich die super-geheime vierstellige Aktivierungs-Pin für die Spezial-SIM-Aktivierungs-Hotline nicht parat hatte, sondern nur meine super-geheime fünfstellige Telefon-Hotline-Pin, meine Kundenummer, die letzten vier Ziffern meines Bankkontos und dass Sie eine der wenigen Hotlines betreiben, an deren Ende man mit einem Herzinfarkt todesröchelnd liegen könnte, und der Computer würde den Anruf einfach kommentarlos abbrechen, ohne dass da mal einer nachfragt, was da los ist. Man kann die SIM übrigens auch über ihr geniales Online-Kunden-Portal aktivieren, allerdings nur, wenn man eine SMS empfangen kann. Das fand ich schade, da fingen Sie an sich in Ihren grotesken Gedankenschleifen zu wiederholen. Bis zu dem Zeitpunkt waren Sie wenigstens nicht langweilig. Und ich musste nur etwa 17-mal meine Handy-Nummer genervt in einen Hörer rotzen, bis ich einen Menschen sprechen könnte.

Top-Tipp: man kann seine SIM auch über die normale Hotline aktivieren lassen, aber das schreiben Sie nirgendwo hin, Sie Fuchs Sie.

Gut, ich bin wieder mobil online. Ich erkenne hiermit Ihr beharrliches Schweigen als Schuldeingeständnis an. Oder als Überforderung. Oder als Versuch, als komplettes Akronym dazustehen. Ich will eigentlich jetzt nicht „Akronym“ schreiben, aber ich bin ein höflicher Typ.

Aber nicht so höflich, dass ich Ihnen dankbar sein kann. Au contraire, mon frère. Sie haben mich mehr geärgert, als der Bundestagswahlkampf, und da waren immerhin Laschet, Scheuer und Merz als schwere Kaliber der Hirnrindenschmerzen unterwegs, aber die wischen Sie locker vom Schlachtfeld.

Na, stolz? Hoffentlich nicht.

Vielleicht gelingt es irgendeinem Menschen bei Ihnen ja doch noch, mir in angemessener Weise zu antworten. Nehmen Sie’s einfach als sportliche Duellforderung, aus Selbstrespekt. Immer nur einstecken und still halten müssen ist auf Dauer nicht gut. So bin ich auch zum Schreiben gekommen. Als Kunden haben Sie mich bei nächster Gelegenheit ohnehin los, vielleicht überdenke ich ja alles, wenn Sie ihr Verhalten an mich anpassen. Na, geködert?

Auch egal. Aus guter alter Tradition schicke ich diese E-Mail an ihre längst still gelegte Support-Adresse, drucke Sie nach dem Bouncen aus und lasse Sie ihnen per Brief zukommen, für die Mitarbeiter-Pinwand neben dem Brühautomaten. Man kann das auch noch mal in bunt lesen, falls die letzten Briefe verschütt gegangen sind – wie so einiges, wie so einiges – und zwar unter: http://www.einjahrraus.org.

Fuck, wir hatten fast so was wie eine Beziehung.

Mit Grüßen irgendeiner Gefühlslage ihrer Wahl

Achim Vetter, 6032003776

Der zweite Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

machen Sie sich manchmal Gedanken über Digitalisierung? Ich meine, was für eine Frage, schließlich sind Sie ja ein Telekommunikationsunternehmen und Internetprovider. Aber, so ernsthaft? Auch und vor allem über die crazy Seite der digitalen Arbeitsprozesse? Ja?

Vor einer Woche habe ich Ihnen zum ersten Mal geschrieben. Ich habe eine E-Mail verschickt, Sie nach dem Bouncen ausgedruckt und per Brief nach München weitergeleitet. Heute mache ich das wieder so. Warum ich mir diese absurde Mühe mache? Ich glaube, sie ist ein ganz gutes Symbol für meine Erfahrungen mit Ihrem Unternehmen, die ausgedruckte Email ist ja geradezu eine Art Meme für den Rückstand unserer Gesellschaft in digitalen Dingen. Womit ich auch schon wieder bei Ihnen wäre. Muss ich „Meme“ erklären? Einfach melden, ich versuch’s.

Geantwortet haben Sie mir noch nicht. Dabei habe ich Ihnen E-Mail, Festnetz und Postanschrift hinterlassen. Gerne hätte ich auch eine Mobilnummer angegeben, aber wenn Sie meinen Vorgängereintrag gelesen haben, dann wissen Sie, warum das eine böse ironische Anspielung ist.

Vielleicht antworten Sie mir auch nicht, weil Sie mit dieser Art der Kommunikation nicht besonders gut klarkommen. Sie bewegt sich außerhalb geschäftlicher Gepflogenheiten, ist nicht besonders seriös, und sehen Sie, auch darin sehe ich wiederum eine gelungene symbolische Ebene für die Behandlung von blau.de

Warum schreibe ich denn Ihnen schon wieder, hinein in eine stumme, anonyme Masse von Konzern, die sich nicht zu Mucksen traut? Nun ja, heute habe ich mich, trotz mittlerweile entstandenem aversivem Reiz, wieder dazu bemüßigt gefühlt, die blau.de-hotline anzurufen. Wieder finden Sie im ersten E-Mail-Brief dazu mehr Details.

Heute habe ich mich entschlossen, Ihrem Computer gar nichts zu sagen sondern den Hörer so lange einfach neben mich auf den Schreibtisch zu legen, bis sich jemand meldet. Spannend, der Computer liest mir dann die Datenschutzrichtlinien Ihres Unternehmens vor, aber alles in allem dauerte es nicht länger, bis sich der erste Mensch meldete. Uffz, immer ein schönes Gefühl, wenn man den Algorithmus hinter sich gelassen hat.

Geht’s Ihnen privat genauso?

Ich wünsche mir gerade, ich könnte Ihre Reaktionen beim Lesen meines Briefes an Sie sehen, das Gesicht von dem Menschen, der ihn als erstes öffnet. Irgendwo muss er ja letztendlich immer zum Vorschein kommen, der echte Mensch, oder?

Zurück zu meinem Anruf. Am Freitag den 03.09. hatten Sie mir versprochen, mir eine neue Telefonpin zu senden, damit ich eine neue SIM-Karte bestellen kann, und zwar bis zum 06.09., was sich nicht bewahrheitet hatte, weshalb ich am 07.09. noch einmal anrief, worauf mir versprochen wurde, bis zum 10.09. sei der PIN aber da, was sich nicht bewahrheitete, worauf ich heute wieder anrief. Crazy? Schon, oder?

Vielleicht ist das Problem, das ein digitales System kein Schreiben in einen Umschlag schieben kann.

Tatsächlich war der heutige Mitarbeiter am Telefon sehr freundlich und hilfsbereit. Zum ersten Mal bei blau.de. Halten Sie sich fest: In Ihrem System ist meine Adresse falsch hinterlegt – falsche Hausnummer – obwohl auf dem Anschreiben von 2012 noch die richtige Adresse steht.

An die falsche Adresse ist laut Ihrem Mitarbeiter tatsächlich am 10.09. ein Schreiben versendet worden. Moment mal blau.de – am 10.09.?!? Heißt das, ihr erster unverschämter Mitarbeiter vom 03.09. hat mich angelogen? Einen Kunden?

Entscheiden Sie selbst.

Nun also ist die richtige Hausnummer bei Ihnen eingepflegt, und weil ich es tatsächlich geschafft habe, das Begrüßungsschreiben von 2012 doch noch zu entdecken – damals noch abgeschickt aus Greifswald, erinnern Sie sich noch an die Zeit, blau.de? – konnte ich mich legitimieren und eine neue SIM-Karte bestellen.

Und jetzt kommt’s: Nach einer Adressänderung sind Sie nicht in der Lage zwei Wochen lang einen Brief zu verschicken.

Lesen Sie den Satz ruhig nochmal. Ich konnt’s auch nicht glauben.

Also dauert es stand heute bis mindestens Ende September, bis Sie in der Lage sind, mir eine Ersatzkarte zukommen zu lassen, wegen System und so. Kennen Sie den Spruch, Digitalität mache alles einfacher und schneller? Ja? Und, glauben Sie ihn noch? Sie als zentraler Player auf dem deutschen Onlinemarkt? Einmal ehrlich sein, kommen Sie!

Beim Daimler müssen sie gerade alle Einstellungen für ein Vierteljahr ruhen lassen, wegen Softwareumstellung. System und so.

Somit bin ich also, aufgrund Ihrer Prozessstrukturen, ziemlich genau einen Monat ohne mobile Konnektivität. Und es wird noch besser: Dass Sie mir für diesen Monat ohne Smartphone nichts berechnen, das hat der nette Herr jetzt beantragt. Ob es durchkommt, kann er nicht sagen.

Bitte nich.

Kennen Sie übrigens Ulf Poschardt? Wenn ja, dann haben Sie evtl. die Anspielung auf ein bekanntes Twitter-Meme verstanden und verstehen jetzt auch noch viel mehr von dem, was ich damit sagen will.

Machen kann ich ja eh nichts, also mache ich das Beste daraus. Ich lerne ohne Handy zu leben. Neulich stand ich an einer Münztelefonsäule, und Sie werden lachen: Die funktionieren noch. ich wünschte, ich könnte von Telefonica Germany dasselbe behaupten, ich kenne vor 100 Jahren versenkte Schlachtschiffe, auf denen sich noch mehr bewegt, als in Ihrem System. Und ich nutze dankbar die Gespräche mit Ihrem Support als kostenlosen Content-Generator für meine Online-Präsenz. Als nicht Betroffener ist die Posse vielleicht ganz hübsch zu lesen. Gibt sogar mehr Klicks, als das übliche Zeugs über den Ersten Weltkrieg und über die Schule, das ich so blogge. Win-Win-Situation oder Loose-Loose? Entscheiden Sie auch das selbst.

Nun ja, für heute ende ich, lieber unbekannter Mensch bei Telefonica Germany. Aber ich schätze, ich schreibe Ihnen wieder, auch wenn Sie eine totenstumme Wand ohne Regung bleiben werden, einfach, damit ich selbst nicht diesem Zustand zustimme.

Haben Sie eigentlich seit dem letzten E-Mail-Brief sich mal mit Kafka auseinandergesetzt? Wenn Sie nicht über meine SIM-Karte und den Monat, den Sie als Unternehmen brauchen, um einen Vorgang abzuschließen, sprechen möchten, dann vielleicht über Kafka? Ich mag diesen Autor gerne, außer ich stelle fest, dass ich in einer seiner ungesunden Fantasien leben muss.

Oder Sie erzählen mir sonst irgendwas. Geben Sie sich einen Ruck, treten Sie ein in eine Kommunikation, durchbrechen Sie Ihren Autismus, den Sie eventuell mit Professionalität verwechseln. Auf dem Totenbett wird es uns allen irgendwann einmal scheißegal sein, ob uns unser Arbeitgeber professionell fand oder nicht.

Wie immer können alle dieses Schreiben auch auf meinem Blog unter http://www.einjahrraus.org nachlesen. Dann müssen Sie den Zettel nicht kopieren und rumschicken, sondern können einfach den Link in Ihrem Konzern verteilen. Aber vielleicht ist Ihnen das auch ein bisschen zu schnell und zu digital für das Jahr 2021.

Es grüßt Sie unbekannterweise

Achim Vetter, 6032003776

P.S.: Verlieren Sie nie Ihr Smartphone. Nie.

Der erste Brief:

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?

Dialog mit dem Alghorithmus (Update 1)

Der zweite Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

machen Sie sich manchmal Gedanken über Digitalisierung? Ich meine, was für eine Frage, schließlich sind Sie ja ein Telekommunikationsunternehmen und Internetprovider. Aber, so ernsthaft? Auch und vor allem über die crazy Seite der digitalen Arbeitsprozesse? Ja?

Vor einer Woche habe ich Ihnen zum ersten Mal geschrieben. Ich habe eine E-Mail verschickt, Sie nach dem Bouncen ausgedruckt und per Brief nach München weitergeleitet. Heute mache ich das wieder so. Warum ich mir diese absurde Mühe mache? Ich glaube, sie ist ein ganz gutes Symbol für meine Erfahrungen mit Ihrem Unternehmen, die ausgedruckte Email ist ja geradezu eine Art Meme für den Rückstand unserer Gesellschaft in digitalen Dingen. Womit ich auch schon wieder bei Ihnen wäre. Muss ich „Meme“ erklären? Einfach melden, ich versuch’s.

Geantwortet haben Sie mir noch nicht. Dabei habe ich Ihnen E-Mail, Festnetz und Postanschrift hinterlassen. Gerne hätte ich auch eine Mobilnummer angegeben, aber wenn Sie meinen Vorgängereintrag gelesen haben, dann wissen Sie, warum das eine böse ironische Anspielung ist.

Vielleicht antworten Sie mir auch nicht, weil Sie mit dieser Art der Kommunikation nicht besonders gut klarkommen. Sie bewegt sich außerhalb geschäftlicher Gepflogenheiten, ist nicht besonders seriös, und sehen Sie, auch darin sehe ich wiederum eine gelungene symbolische Ebene für die Behandlung von blau.de

Warum schreibe ich denn Ihnen schon wieder, hinein in eine stumme, anonyme Masse von Konzern, die sich nicht zu Mucksen traut? Nun ja, heute habe ich mich, trotz mittlerweile entstandenem aversivem Reiz, wieder dazu bemüßigt gefühlt, die blau.de-hotline anzurufen. Wieder finden Sie im ersten E-Mail-Brief dazu mehr Details.

Heute habe ich mich entschlossen, Ihrem Computer gar nichts zu sagen sondern den Hörer so lange einfach neben mich auf den Schreibtisch zu legen, bis sich jemand meldet. Spannend, der Computer liest mir dann die Datenschutzrichtlinien Ihres Unternehmens vor, aber alles in allem dauerte es nicht länger, bis sich der erste Mensch meldete. Uffz, immer ein schönes Gefühl, wenn man den Algorithmus hinter sich gelassen hat.

Geht’s Ihnen privat genauso?

Ich wünsche mir gerade, ich könnte Ihre Reaktionen beim Lesen meines Briefes an Sie sehen, das Gesicht von dem Menschen, der ihn als erstes öffnet. Irgendwo muss er ja letztendlich immer zum Vorschein kommen, der echte Mensch, oder?

Zurück zu meinem Anruf. Am Freitag den 03.09. hatten Sie mir versprochen, mir eine neue Telefonpin zu senden, damit ich eine neue SIM-Karte bestellen kann, und zwar bis zum 06.09., was sich nicht bewahrheitet hatte, weshalb ich am 07.09. noch einmal anrief, worauf mir versprochen wurde, bis zum 10.09. sei der PIN aber da, was sich nicht bewahrheitete, worauf ich heute wieder anrief. Crazy? Schon, oder?

Vielleicht ist das Problem, das ein digitales System kein Schreiben in einen Umschlag schieben kann.

Tatsächlich war der heutige Mitarbeiter am Telefon sehr freundlich und hilfsbereit. Zum ersten Mal bei blau.de. Halten Sie sich fest: In Ihrem System ist meine Adresse falsch hinterlegt – falsche Hausnummer – obwohl auf dem Anschreiben von 2012 noch die richtige Adresse steht.

An die falsche Adresse ist laut Ihrem Mitarbeiter tatsächlich am 10.09. ein Schreiben versendet worden. Moment mal blau.de – am 10.09.?!? Heißt das, ihr erster unverschämter Mitarbeiter vom 03.09. hat mich angelogen? Einen Kunden?

Entscheiden Sie selbst.

Nun also ist die richtige Hausnummer bei Ihnen eingepflegt, und weil ich es tatsächlich geschafft habe, das Begrüßungsschreiben von 2012 doch noch zu entdecken – damals noch abgeschickt aus Greifswald, erinnern Sie sich noch an die Zeit, blau.de? – konnte ich mich legitimieren und eine neue SIM-Karte bestellen.

Und jetzt kommt’s: Nach einer Adressänderung sind Sie nicht in der Lage zwei Wochen lang einen Brief zu verschicken.

Lesen Sie den Satz ruhig nochmal. Ich konnt’s auch nicht glauben.

Also dauert es stand heute bis mindestens Ende September, bis Sie in der Lage sind, mir eine Ersatzkarte zukommen zu lassen, wegen System und so. Kennen Sie den Spruch, Digitalität mache alles einfacher und schneller? Ja? Und, glauben Sie ihn noch? Sie als zentraler Player auf dem deutschen Onlinemarkt? Einmal ehrlich sein, kommen Sie!

Beim Daimler müssen sie gerade alle Einstellungen für ein Vierteljahr ruhen lassen, wegen Softwareumstellung. System und so.

Somit bin ich also, aufgrund Ihrer Prozessstrukturen, ziemlich genau einen Monat ohne mobile Konnektivität. Und es wird noch besser: Dass Sie mir für diesen Monat ohne Smartphone nichts berechnen, das hat der nette Herr jetzt beantragt. Ob es durchkommt, kann er nicht sagen.

Bitte nich.

Kennen Sie übrigens Ulf Poschardt? Wenn ja, dann haben Sie evtl. die Anspielung auf ein bekanntes Twitter-Meme verstanden und verstehen jetzt auch noch viel mehr von dem, was ich damit sagen will.

Machen kann ich ja eh nichts, also mache ich das Beste daraus. Ich lerne ohne Handy zu leben. Neulich stand ich an einer Münztelefonsäule, und Sie werden lachen: Die funktionieren noch. ich wünschte, ich könnte von Telefonica Germany dasselbe behaupten, ich kenne vor 100 Jahren versenkte Schlachtschiffe, auf denen sich noch mehr bewegt, als in Ihrem System. Und ich nutze dankbar die Gespräche mit Ihrem Support als kostenlosen Content-Generator für meine Online-Präsenz. Als nicht Betroffener ist die Posse vielleicht ganz hübsch zu lesen. Gibt sogar mehr Klicks, als das übliche Zeugs über den Ersten Weltkrieg und über die Schule, das ich so blogge. Win-Win-Situation oder Loose-Loose? Entscheiden Sie auch das selbst.

Nun ja, für heute ende ich, lieber unbekannter Mensch bei Telefonica Germany. Aber ich schätze, ich schreibe Ihnen wieder, auch wenn Sie eine totenstumme Wand ohne Regung bleiben werden, einfach, damit ich selbst nicht diesem Zustand zustimme.

Haben Sie eigentlich seit dem letzten E-Mail-Brief sich mal mit Kafka auseinandergesetzt? Wenn Sie nicht über meine SIM-Karte und den Monat, den Sie als Unternehmen brauchen, um einen Vorgang abzuschließen, sprechen möchten, dann vielleicht über Kafka? Ich mag diesen Autor gerne, außer ich stelle fest, dass ich in einer seiner ungesunden Fantasien leben muss.

Oder Sie erzählen mir sonst irgendwas. Geben Sie sich einen Ruck, treten Sie ein in eine Kommunikation, durchbrechen Sie Ihren Autismus, den Sie eventuell mit Professionalität verwechseln. Auf dem Totenbett wird es uns allen irgendwann einmal scheißegal sein, ob uns unser Arbeitgeber professionell fand oder nicht.

Wie immer können alle dieses Schreiben auch auf meinem Blog unter http://www.einjahrraus.org nachlesen. Dann müssen Sie den Zettel nicht kopieren und rumschicken, sondern können einfach den Link in Ihrem Konzern verteilen. Aber vielleicht ist Ihnen das auch ein bisschen zu schnell und zu digital für das Jahr 2021.

Es grüßt Sie unbekannterweise

Achim Vetter, 6032003776

P.S.: Verlieren Sie nie Ihr Smartphone. Nie.

Der erste Brief:

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?

Dialog mit dem Alghorithmus

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?

Projekt Tischchen

Meine Familie altert und denkt aus diesen Gründen bereits jetzt ans Aufräumen. Auf diesem Weg ist schon eine formidable Plattensammlung mit Rock-Alben der 60er und 70er-Jahre in meinen Besitz übergegangen (sollte ich mal darüber bloggen?). Auf dem selben Weg kam so Anfang des Sommers eine Munitionskiste aus dem Ersten Weltkrieg in meine Wohnung.

Ist es wirklich eine Munitionskiste aus dieser Zeit? Stempel oder Beschriftungen waren auf dem Ding nicht zu entdecken. Die Familienlegende sagt allerdings klar ja. Sie stand früher auf der Bühne (für alle Preußen: dem Dachboden) und war da schon immer, der Opa, der im Krieg Lokomotive gefahren ist, hat das so erzählt (mein Uropa, nie kennengelernt) und deswegen werde das schon so sein. Ein Faktencheck im Internet bringt nicht viel hervor. Es gibt wenig Fotos von originalen deutschen Munitionskisten im Netz, die wenigen, die man findet, offenbaren eine gewisse Vielfalt an Formen und Bauweisen. Vermutlich machte das jede Patronenfabrik irgendwie nach Hausrezept. Von der prinzipiellen (ziemlich stabilen) Bauweise und vom Stil der Beschläge her könnte es jedenfalls sein, und wenn es mit der mündlich tradierten Provenienz zusammen geht – von mir aus.

Und eigentlich ist es auch egal, denn es ist in jedem Fall eine ziemlich stabile, alte Holzkiste mit schöner Patina. Dickes Holz. Was also fange ich damit an, sagte ich mir, als sie in meinem Wohnzimmer stand und mich gemütlich ankuckte. Ich könnte einfach einen der Kartons auf meiner Bühne (habe ich euch gerade erklärt) ausräumen und den Inhalt ab jetzt in einer stilvollen Kiste lagern. Aber dann steht sie eben wieder auf einem Dachboden rum – schade drum. Oder ich … verwandle sie in einen täglichen Gebrauchsgegenstand.

Mit eines der ersten Bastelprojekte in meiner kleinen Wohnung war ein Couchtischchen aus Weinkisten. Das war vor 10 Jahren mal in und die Dinger sind einfach miteinander zu kombinieren. Aber wirklich schön ist das Weinkistenholz nicht und na ja … man sieht sich satt nach ein paar tausend Abenden auf der Couch. Man könnte sich auch von dieser Konstruktion mal verabschieden.

Aus der Patronenkiste wird also mein neues Tischchen.

Erster Schritt: Die Kiste vorsichtig mit einem feuchten Lappen von Staub und Schmodder befreien und dann mit Antik-Möbelwachs schön eincremen. Das gefällt der Kiste und offenbart am Ende eine ganz hübsche Farbe und den Glanz des alten Holzes. Dann muss vor dem Schrauben erst einmal überlegt werden.

Der Bauplan war diesmal weniger Aufwand und Plan-Überarbeitungs-Schleifen als beim großen Wohnzimmer-Tisch in fünf Akten. Einzige Bedingung: An der historischen Kiste wird nicht rumgeschraubt oder rumgebohrt, sie soll einfach auf einen Rahmen stabil aufsitzen. Zunächst mal heißt das: Messen, messen, messen. Und surprise: Die Fabrikschreiner haben nicht ganz sauber gearbeitet, eine der aufgenagelten Querlatten auf dem Deckel ist nicht rechtwinklig sondern schief. Das macht es später schwieriger.

Der Plan
Das Material, frisch vom Anbieter

Ansonsten ist die Idee der Konstruktion denkbar einfach, unten kommt noch eine Platte rein, um die Fernsehzeitschrift abzulegen. Spaß, ich habe natürlich keine Fernsehzeitschrift, aber eine C64-Replica mit Joysticks, die muss da rein.

Wenn ich mich nicht verrechnet habe, dann müsste das ganze Gebalke aus zwei 7×7-Hobelbalken aus dem örtlichen Baumarkt zu zimmern sein und wie wunderbar ist es doch, dass mir der Baumarkt den Scheiß auch gleich auf Maß zusägen kann.

Und trotzdem verrechnet. Zweimal.

Der fertige Grundrahmen.

Zum einen habe ich den Bauholzmangel in Deutschland nicht bedacht. Die Balken in 7×7 gab es nur noch in teurer Douglasie, aber gut, wer selber baut spart eben kein Geld, so war das schon immer, und dann sieht das Holz eben ein wenig hochwertiger aus. Zum anderen hatte ich bei einem Balken nicht bedacht, dass das Sägeblatt immer einen Millimeter oder zwei wegnimmt, so dass am Schluss die Beine eben 29,7 cm wurden. Sei’s drum.

Das Zusammendübeln der Rahmen ging dann eigentlich recht flott, abgesehen davon, dass dicke Balken eben ein wenig widerständiger sind als dünne Latten. Gearbeitet habe ich wieder mit meiner bewährten Leim&Schrauben-Kombi. Zunächst dachte ich, dass der 7cm Querschnitt der Unterkonstruktion slightly overdone ist. Isser natürlich, keine Frage. Als es dann vor mir steht, finde ich, dass die Wuchtigkeit der Konstruktion eigentlich ganz gut zu der ebenfalls etwas wuchtigen Kiste passt.

Sie passt auch ziemlich genau rein. Uffz.

Farbe passt

Der Kontrast zwischen dem hellen Bauholz und der altersdunklen Kiste war aber eher unschön, also kommt eine dunkelbraune Lasur auf meinen Rahmen und nun ergibt das Ding farblich ein Ganzes. Am Ende blieb eine Frage allerdings stehen: Jetzt, nachdem ich extra darauf geachtet habe, dass der historischen Kiste kein Bohrer und keine Schraube zu nahe kommt – will ich wirklich auf der alten Oberfläche Biergläser und Chillischüsseln abstellen? Und kleckern?

Beide Teile getrennt und verheiratet.

Zugegeben: Die auf Maß gefertigte Plexiglasplatte war mit ca. 50 Euro nun wirklich nicht billig, vor allem wenn man die Kanten brechen lässt und die Ecken abrunden. Aber niemand will sich an einem Couchtisch den Oberschenkel aufreißen, ich auch nicht. An die durchsichtige Platte wurden einfach kleine Leisten geschraubt und zwar so, dass sie eng mit den Querlatten des Deckels abschließen. Das klemmte am Ende so gut, dass ich den Deckel hochklappen kann, ohne dass die Platte ins Rutschen kommt, man kann sie natürlich auch jederzeit abnehmen. In der Kiste selbst ist jede Menge Platz für Geraffel. Die Munition war ja gottseidank nicht mehr drin.

Ich mag mein neues Couchtischchen.

Innen nicht ganz so hübsch, aber praktisch.

Der alte Couchtisch hat sich wieder in vier Kisten verwandelt, die jetzt wiederum Kartons auf der Bühne ersetzen. Circle of Life.

Ehrliche Endkritik:

  • Obwohl ich mir beim Rahmen Bauen versucht habe Mühe zu geben, wackelt der Tisch, wenn ich auf eine Ecke drücke. Doof, aber so ist es nun eben.
  • Ich bin mir nicht sicher, ob die Designentscheidung, die Plexiglasplatte links und rechts überragen zu lassen, eine gute war: Zum einen wirkt das Möbelstück damit ein bisschen wie eine seltsame kubistische Pagode aus einem Space-Invader-Level …
  • Zum anderen dachte ich, eine 4-mm-Platte wäre steif genug; Im nachhinein würde ich 6 mm nehmen, obwohl das noch einmal teurer wäre. Aber die Ecken sind mir etwas zu wabbelig. Es ist jetzt nicht so, dass mir das Limo-Glas herunterrutscht, wenn ich es am Rand abstelle, aber insgesamt könnte die Deckplatte vom Feeling her steifer sein.
  • Zufrieden bin ich dennoch. Schließlich bin ich gelernter Deutschlehrer, wenn mir ein Schreiner eine schöne Kurzgeschichte einreicht, dann will ich da eigentlich auch nicht überkritisch sein. Und es war ein befriedigendes Gefühl, am ersten Abend meine Füße darauf abzulegen und auf meine Beamerleinwand zu kucken.
Und so mit Platte. Tadaaa!

Projekt Querschnitt (Update)

Neckarstraße, Urbanstraße und weiter nach Südwesten trinken.

Zwei auf dem Weg quer durch den Braukessel

Es gibt noch Achsen durch Großstädte, die abseits der hippen Partyzentren und gefönten Szene-Locations liegen, an denen man entlang noch eine gewisse Diversität und Originalität entdecken kann. Diese Achsen sind nicht hübsch, nicht designed und stellenweise nicht einmal renoviert, aber sie verströmen ein gewisses Feeling.

Mein sehr guter Freund und Tresenkumpel Ulrich, der sichtlich etwas angenervt davon war mit der usual crowd am usual spot zu enden, entwickelte im Sommer letzten Jahres das Projekt, sich an einer dieser Nebenachsen entlang zu trinken, immer ein Bier pro Kneipe, und dann zu sehen, wohin man kommt. Saugute Idee! Unsere Spur beginnt nicht unweit des Neckars und führt dann grob südwestlich einmal durch den Kessel.

Ich muss sagen, dass diese Entdeckungstour über Stuttgarts Barhocker abseits der ausgetretenen Pfade mir sehr große Freude bereitete. Auch wenn wir das Projekt immer nur mit einigem Abstand weiterverfolgen, führt es uns doch zu spannenden Entdeckungen und zu einem sicheren Kater am nächsten Morgen. Ich will die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, diese Sauftouren hier zu dokumentieren und einen völlig subjektiven alternativen Kneipenführer aufzulegen, zur gefälligen Beachtung von allen Stuttgartern und Gästen, die nach dem „echten“ Stuttgart abseits vom Hans-im-Glück-Brunnen suchen.

Die drei Regeln der Tour:

Erstens: In jeder Kneipe nur ein Bier

Zweitens: Wir nehmen jede Location, die von außen minimal akzeptabel wirkt (Gummiparagraph)

Drittens: Wenn wir besoffen sind gehen wir nach Hause.

Die erste Tour: September 2019, von den Mineralbädern zum Stöckachplatz

Station 1.1: Flora & Fauna, Schlosspark, ggü. Mineralbäder.

Als willkürlichen Startpunkt hatten wir uns kurz nach den Sommerferien das „Flora und Fauna“ ausgesucht, im Grunde nicht viel mehr als ein Pavillion gleich neben der U-Bahn-Haltstelle. Die Location ist etwas schwer zu beschreiben, es ist nicht ganz Biergarten, nicht ganz Lokal, nicht ganz Weggehszene, das Publikum ist für einen Biergarten zu jung und urban, der Bierfluss für ein Lokal zu üppig, für einen Szeneschuppen das Konzept zu unzeitgeistig. Der Laden war gut voll (ich glaube, es war ein Freitag), wir hatten uns über die Ferien nicht gesehen und viel zu quatschen. Also verstoßen wir gleich gegen Regel Eins: Pro Kneipe nur ein Bier! Wir trinken zwei, das geht im Flora und Fauna auch gut und wird sich noch rächen.

Station 1.2: Café Dream Bar, Neckarstraße

Ab hier begann sie, die ungeliebte Neckarstraße, das hässliche Entchen, das zum SWR-Gebäude und weiter führt, in dessen Mitte die Straßenbahn scheppert (In Stuttgart etwas großkotzig „U“ genannt) und der Verkehr sich schiebt. Wir folgen der Regel Nr. 2, bis jetzt kam auf dem ersten Kilometer nicht viel außer ein Thai-Restaurant und eine Shisha-Bar. Also landen wir im „Café Dream Bar“, einer Kneipe, die sicher eine ziemliche Tradition hat (rustikale schwäbische Wirtshausarchitektur), wenn auch eventuell nicht unter dem aktuellen Pächter. Sie ist noch nicht mal auf Google Maps verzeichnet, ungentrifizierter geht’s also nicht. Ulrich und ich steuern die Bar an, wie es sich für eine Kneipentour gehört, und werden sofort von dem unbestimmten Gefühl einer gewissen Exotik, einem Eindruck von kulturellem Exil umfasst. Die freundliche Dame hinter dem Tresen lächelt uns mit diesem Blick an, der sagt: „Ich weiß nicht, wie ihr euch hierher verirrt habt, aber schön, dass ihr uns gefunden habt.“ Während der dritten Halben an diesem Abend (es zeigt seine Wirkung) rätseln wir über den Standort der schmachtenden Musik aus dem Lautsprecher, der kehligen Sprache und der dunkelhaarigen Locken um uns. Schließlich beim Zahlen fragen wir mutig: und siehe da, die meisten hier sind Griechen, anscheinend aus der Ecke um Thessaloniki. Na, dass ich das nicht erkannt habe … Griechischer Wein 2019. Weiter geht’s, bei zwei Tresen können wir es nicht belassen, das wäre ein peinlicher Start.

Station 1.3: Bonnie & Clyde, Neckarstraße

Im Wissen, dass der nächste Humpen ziemlich sicher unser letzter für den Abschnitt sein wird, entdecken wir zwischen Metzstraße und Stöckach das „Bonnie & Clyde“, in der Kneipenszene offensichtlich kein gänzlich Unbekannter, für uns beide aber neu. Innendrin empfängt uns gepflegte alternative Atmosphäre, nicht Mainstream, aber unprätentiös. Den Zapfhahnturm bedecken Aufkleber diverser Bands, Spezialität sind hier anscheinend Burger, eine Schale mit Gummibärchen lädt zum nebenher futtern ein. Publikum wirkt sehr sympatisch, die Musikauswahl auch. Schade, dass wir schon so betrunken sind. Wir leeren unsere Krüge, zahlen und gehen heim. Ende Teil 1.

Die zweite Tour: Dezember 2019, vom Stöckachplatz zum Charlottenplatz

Station 2.1: Bonnie & Clyde, Neckarstraße

Am Sonntag vor Weihnachten gehen wir die Fortsetzung unseres Querschnitts an. Da wo man im Herbst aufgehört hat muss man im Winter wieder starten, so das eherne Gesetz der Kneipentour. Außerdem ist das Bonnie & Clyde auch nüchtern nochmal einen Besuch wert. Ambiente, Publikum, Musik – check. Bisher der schönste Tresen auf der Tour. Diesmal bleiben wir aber eisern bei der Regel – jeder Laden nur ein Bier. Man lernt aus seinen Fehlern und zieht hinaus in die vorweihnachtliche Kälte im Kessel. Ich bin mir sicher, der Winterabschnitt unseres Querschnitts wird uns relativ schnell wieder in irgend eine Location treiben, ab hier beginnt das thekentechnische Neuland.

Station 2.2: Super China & Pizza Service, Neckarstraße

„Kuck mal, das ist ja fast schon ein Späti!“ ruft Ulrich mit der tiefen inneren Liebe in der Stimme aus, die nur der Schwabe zustande bringt, wenn er etwas Berlinähnliches entdeckt. Tatsächlich offenbaren drei Kühlschränke und mehrere Regale ein relativ üppiges Getränke- und Süßkramangebot. Ich bin von den kalten Neonkacheln in dem Lieferdienstkabuff weniger überzeugt, aber Uli erinnert mich eisern an Regel Nummer 2. Also trinken wir zwei thailändische Nulldrei, während der etwas bullig wirkende Pizzaservicechef in einer nicht erkennbaren Sprache am Telefon auf seine Fahrer einbrüllt. Diesmal fragen wir nicht nach, es klingt ein wenig so als keifen Rote Khmer auf vermeintliche Feinde des Kommunismus ein. Gegen später kommt noch ein Typ mit Iro, südländischem Teint und Tarnfleck-Pulli dazu. Gemütliches Bier ist anders, aber mehr unprätentiöse Unverfälschtheit ist in Stuttgart vermutlich nicht zu bekommen. Alle wirken froh, als wir gehen.

Station 2.3: Kraftpaule, Kreuzung Neckarstraße/Heilmannstraße

Kontrastprogramm und Kulturschock in Megawattstärke. Der „Kraftpaule“ ist ein Craftbeer-Edelschuppen, der von unserem innigen Wunsch das Authentische zu finden nicht weiter weg sein könnte. Dafür sitzt man an der Bar gemütlicher als man im Pizzaspäti herumsteht und das Fräulein hinter der Theke ist sehr nett. Wir sind auch die einzigen, die an der Bar rumhängen, der Laden ist einigermaßen gefüllt, aber alle hocken gesittet an Designer-Bistrotischchen. Wir schlürfen ein Bier aus nem Cognag-Schwenker zu Cognac-Literpreisen und ich betone, wenn die Barfrau gerade nicht hinhört, sequenzergleich, wie sehr ich diese Craftbeer-Scheiße eigentlich verachte. Dafür ist das Zeug ziemlich stark, wir erreichen mit dem Kraftpaule das Stadium des Besoffenseins und ziehen zu unserer letzten Station für heute – wo immer sie liegen mag. Shit, das Craftbeer war tatsächlich lecker, so was Dummes.

Station 2.4: Goldmarx, Charlottenplatz

Die Urbanstraße ist ewig lang und führt an zahlreichen höheren Bildungsanstalten vorbei, was heißt, dass hier kein Geld zu holen ist, was sich in der Abwesenheit von Kneipen äußert. Uli erzählt mir von Erlebnissen auf der hiesigen Musikhochschule, eine private Weihnachtsfeier in einem beheizten Partyzelt winkt hastig ab, als wir zwei grinsende Gestalten durstig darauf zu wanken. Schließlich landen wir im „Goldmarx“ in der Unterführung am Charlottenplatz, in dem wir beide schon mal bei einem Konzert waren, mit angenehmen Erinnerungen an die Band und den Tischkicker. Das Goldmarx“ rangiert irgendwo zwischen Club und Veranstaltungsschuppen.

Am Eingang raunt Uli irgendetwas von „Holla ist da etwa Black Night?“, aber bevor ich das verarbeiten kann stehen wir vor dem Türsteher, der uns mitteilt, dass der Eintritt eigentlich 10 Euro ist, aber uns würde es nur noch zwei Euro kosten. Für beide.

Lachend bewerfen wir die Security mit zwei Euro (natürlich nur innerlich) und stehen dann – in der Black Night. Das ist wörtlich zu nehmen. Es gibt nämlich keine Weißen hier. Also, außer Ulrich und mich, alle anderen hier sind People of Colour. Als Resultat stehen wir beide als die weißesten Weißbrote, die jemals krustenfrei aus dem Ofen kamen, an der Bar und fühlen uns endlich einmal als Minderheit. Das ist heilsam. Die Stimmung scheint am Siedepunkt zu sein, alle rennen wild zu den dröhnenden Beats durch den Stagebereich, eine ganze Horde von DJs und MCs produziert einen echt tanzbaren Sound. Von Madagassen, Senegalesen bis Kariben scheint sich hier alles zu versammeln, was dunkle Hautfarbe hat. Punkt 12 – es ist ja Sonntag – macht das DJ-Team so plötzlich Schluss, als habe man der Veranstaltung dem Stecker gezogen. Bis Ulrich vom Klo zurückkommt ist der Laden wie leergefegt, wir kapieren plötzlich, warum man uns vor einer halben Stunde „nur noch“ einen neuen Heiermann abverlangte. Aber gut so: Denn wir sind wieder pegeltechnisch am Point oft Return und schlingern zur Haltestelle. Bis zur nächsten Tour.

Denn das kann noch nicht das Ende des Kessels sein! To be continued in 2020 …

Die 3. Tour: Juni 2020, vom Charlottenplatz bis zum Österreichischen Platz

Eine Corona-Krise später sitze ich wieder in der U-Bahn, um mit Expeditions-Compagniero Numero Uno unsere Entdeckungsfahrt fortzusetzen. Beim letzten Mal war alles vorweihnachtlich, jetzt ist Frühsommer, ausgebremst von den Maßnahmen. Die Regeln sind klar, die Ziele auch, wir wollen kneipologisches Neuland betreten, die ausgetretenen Weggeh-Pfade erweitern und ungehobene Perlen im Stuttgarter Tresenmeer entdecken. Die Kneipen haben längst wieder auf, unter etwas anderen Bedingungen als zuvor, aber sind wir ehrlich: nach einer Halben merkt man den Unterschied zu sonst gar nicht besonders.

Es ist ein schwüler und gewittriger Abend in der City. Uli bemerkte auf meine Regenwarnung hin, dass das ihm egal sei, so lange keine Pflastersteine durch die Luft flögen. Ach ja, da war ja noch was. Es ist genau eine Woche her, dass Stuttgart, in der Berichterstattung gerne mit der Journalismus-Phrase „beschaulich“ beschrieben, zum Epizentrum der auf keiner Seite ideologiefreien Diskussion um Gewalt in unserer Gesellschaft wurde. Die Bilder gingen durch die Republik, die Zahl der demolierten Innenstadt-Geschäfte war hoch.

Wir wollen es trotzdem wagen.

Exkurs, kann man auch überscrollen:

Warum Stuttgart? Warum die Landeshauptstadt mit den Geranienkästen, den gefegten Bürgersteigen und dem Ruf, das Langweiligste und Ödeste zu sein, was man je in einen Talkessel gebaut hat? „Wow, Stuttgart“ war auch meine erste Reaktion, bis mir klar wurde, dass man in dieser Stadt eine jahrzehntelange Geschichte von Gewalt, Hass und Aufruhr entdecken kann, wenn man nur hinter die „beschaulichen“ Fassaden blickt. Das ging nämlich schon los mit – Achtung, Trigger – „Stuttgart 21“, wo neben honorablen Umweltschutzorganisationen, und Leuten, die der Bahn ihren eigenen Wolkenschloss-Irrsinn richtig rechneten, plötzlich Rentner in teuren Outdoorjacken und mit hassverzerrten Gesichtern in den Demos auftauchten, die gegen „die da oben“ mehr hetzten als argumentierten. Wer erinnert sich noch, dass der Begriff des „Wutbürgers“, der nahtlos in den „besorgten Bürger,“ der Flüchtlingsbusse mit Steinen bewirft, überging, aus Stuttgart stammt? Wer erinnert sich noch an die Ereignisse vom Schlossgarten, den „schwarzen Donnerstag“ von 2010, als Opas Kastanien auf Polizisten schmissen und die ach so beschauliche schwäbische Polizei mit einer erschütternden Brutalität antwortete, die bundesweit für Diskussionen sorgte und für den Untergang eines sattelfesten CDU-Ministerpräsidenten?

Auch das ist Stuttgart. Stuttgart, die Stadt, in der ein Hells Angel 2011 einen SEK-Polizisten durch seine Wohnungstür erschießt und dafür einen Freispruch bekommt. Die Stuttgarter Spezialkräfte hatten sich beim Aufbrechen der Wohnungstür nämlich nicht zu erkennen gegeben.

Oder erst kürzlich: Stuttgart, der Cannstatter Wasen als Kulminationspunkt für die größte nationale Ansammlung von Corona-Skeptikern, Verschwörungs-Mythikern und Hetzvideo-Produzenten. Auch da, alle so: Krass Stuttgart. Und jetzt die Instagram-Videos der Aussschreitungen, ausgehend vom Schlossgarten. Das finden jetzt alle noch viel krasser als Rocker mit rauchenden Knarren, Rentner mit Straßenkämpfer-Attitüde, überbrutale Polizeikräfte oder rechtsradikale Grüppchen auf der Wasen-Demo. Warum eigentlich?

Wenn ich mir die Videos ansehe, dann sehe ich da auch meine Schüler. Klamotten, Geste, Haltung, das entspricht einer kleinen Gruppe (männlicher. Wiederhole: männlicher) Jugendlicher, die quer durch kulturelle Hintergründe und Schulabschlüsse hindurch nachts hinter der Schule herumhängen, aus Boom-Boxen inspirationslosen Trap-Rap hören und dazu Wodka, Red Bull und Härteres konsumieren. Kids, die keine Perspektive haben, die in ihren Klassen eine Sonderstellung einnehmen, die Gangster sein wollen, Kids, die keiner ernst nimmt, die jetzt endlich mal zeigen können, das man sie, als Gangster, ernst nehmen soll. Die sich seit zwei Monaten im Schlossgarten gegenseitig hochpuschen, weil in der Krise alle bedient wurden, nur die Jugend, die wurde vor lauter Sorge um die Alten vergessen.

Bullshit.

Am anderen Ende eine Polizei, bei der man sich nicht wundern muss, dass man seit 20 Jahren den Respekt verliert, in der Ausbilder seit 20 Jahren über den Qualitätsgrad der Berufseinsteiger jammern, weil kaum ein vernünftiger junger Mensch in den Verein will, die völlig kaputtgespart ist, in der man täglich neue rechtsradikale Netzwerke entdeckt (warum eigentlich nie Kommunisten, komisch …), die in Hamburg (aber es waren Berliner Polizist*innen) besoffen öffentlich kotzt und fickt, in Leipzig gestohlene Fahrräder heimlich auf Auktionen verkauft, um sich zu bereichern.

Und jetzt regen sich alle auf? Und jetzt sind alle wieder überrascht? Echt? Ihr Deppen.

Den das Böse, die Brutalität, das Verbrechen lauerte schon immer da, wo Geranienkästen besonders üppig, Hausfassaden besonders sauber, Rasenflächen besonders akkurat sind. Das wussten schon Agathe Christie und Alfred Hitchcock und daran hat sich noch nie etwas geändert. Natürlich ist Stuttgart für viel mehr Gewalt und Wahnsinn gut, als vermeintlich wildere Städte.

Exkursende. Uli und ich beschließen jedenfalls Königsstraße und Schlossplatz zu meiden, wir sind erstens schlecht im Wegrennen und zweitens hat noch nie jemand etwas Cooles in Schlossgarten und Königsstraße entdeckt und zwar schon vor den Krawallen nicht.

Station 3.1: Goldmarx, Charlottenplatz

It has to start where it ended und eine Bar direkt neben der U-Bahn ist ein sehr gut geeigneter Ort für beides. Welch ein Unterschied zum Dezember. Statt beatlastiger Rhythmen in einer dunklen Tanzbar wie beim letzten Mal haben sich Goldmarx und Universum nun zusammengetan und einen Outdoor-Ausschank unter dem U-Bahn-Stations-Dach organisiert. Da sitzt man recht gemütlich, wenn auch etwas biergartig-bunkermäßig. Es gibt Augustiner aus der Flasche und noch einen Platz an einem Tisch mit drei älteren Jungs, also älter im Sinne von meinem ältere-Jungs-Sein. Während wir trinken und labern versuche ich den Infektions-Nachverfolgungszettel auszufüllen und finde beim besten Willen keinen Hinweis auf die Tischnummer, für die es aber ein Formularfeld gibt. Die drei Jungs meinen es sei Tisch Nummer 11, also schreibe ich gleich mal mit dem Kuli eine große 11 auf den Biertisch. Erste Navigations-Entscheidung: Wir sollten die Hauptstätter Straße vermeiden, weil man die schon viel zu gut kennt. Außerdem versprechen das Bohnen- und Heustiegviertel auch in zweiter und dritter Reihe gute Treffer. Ich votiere dafür, Adresszettel und zwei Bierflaschen (von mir als „der ganze Scheiß“ pauschal verunglimpft) einfach auf dem Tisch stehen lassen, Uli, als moralischere Hälfte des Projekts, möchte sie persönlich zurückgeben. Dafür wird er von der Security angeschissen, weil er sich ohne Maske der Getränkeausgabe nähert. Als Ausgleich gibt es aber noch tatsächlich Pfand. Good Karma, bad Karma.

Station 3.2: Taverne Diogenes, Olgastraße

Nachdem wir eine Sushi-Bar, einen Italiener und einen Laden, der „Zauberlehrling“ heißt und Gentrifizierung blutet als nicht den Suchkriterien entsprechend abgelehnt haben, finden wir diesen entzückenden kleinen Griechen, der fast leer ist. Die Wirtin lässt uns auch gerne nur ein Bier trinken, weist uns aber daraufhin, dass es laut sein könnte. Damit meint sie die einzig anderen Gäste um halb 10 hier drin, drei Jungs um die vierzig, die ungemein angetrunken und witzig sind, und eine etwas jüngere Frau, die sich gleich mal entschuldigt. Die interessehalber studierte Speisekarte besteht aus 12 Vorspeisen, vier Hauptgerichten und Nachtisch, und damit sieht das alles hier ziemlich nach griechisch-griechisch und nicht schwäbisch-griechischer-Art aus. Ich beschließe, hier mal essen zu gehen. Am Ende nehmen wir gegen die Vorschriften noch einen kleinen Ouzo zu uns, das ist ein Regelbruch, aber die Erinnerung an gemeinsame Griechenland-Unternehmungen zwingen Uli und mich dazu. Der Ouzo ist hervorragend.

Station 3.3: Schwarz Weiß Bar, Wilhelmsstraße

Die Bar wirkt klein, ist aber draußen gut mit Gästen bestückt, die alle ganz angenehm wirken. Wir wagen es. Drinnen gibt es zur Zeit keinen Service, aber eine sehr freundliche Kellnerin meint, draußen würde der Hauseingang gleich frei werden. Alleine die Ausweitung des Servicebereichs auf die Treppe des nebenliegenden Hauseingangs strahlt so viel Sympatie aus, dass wir uns sofort für besagten Hauseingang bewerben. Die Marmortreppe ist genau breit genug für zwei Personen und sehr bequem. Die uns dargereichte Cocktailkarte triggert mit Gin-Ingwer-Kombinationen meinen übersensiblen Hipster-Alarm, aber selbstverständlich serviert man uns auch zwei proletarische Halbe, das mildert den Eindruck. Seltsam: Die Karren, die hier herumfahren, sind für die wenig glamoröse Wilhelmsstraße erstaunlich dick und protzig befelgt. Egal, die Bar bekommt das Prädikat „ziemlich sympathisch.“

Station 3.4: Le Petit Coq, Hauptstätterstraße

Als wir uns zu späterer Stunde aus unserem Hauseingang schälen ist uns beiden klar, dass die nächste Station wohl die letzte sein wird. Und wir landen, alle guten Vorsätze in den Wind schlagend, am Ende doch an der Hauptstätter Straße. Aber vor dem „Le Petit Coq“ (das man nur mit „kleiner Hahn“ übersetzen darf und mit nix anderem!) stehen zwei gewaltige alte Ohrensessel, die einfach danach schreien, hier bequem das letzte Bierchen des Abends zu zischen. Auch diese Bar ist zu klein für Innenservice, im Grunde besteht sie nur aus einem langen Tresen mit hübscher, wenn auch leicht prätentiöser Seidentapete. Wir ziehen ein erstes Fazit, die heutige Verlängerung des Querschnitts brachte uns durch die Bank gute, wenn für diesmal auch keine obskuren Funde. Und wo waren die Krawalle? Während wir das reflektieren zieht eine Karawane von 25 Jugendlichen die Hauptstätter Straße entlang und durch die Außenbestuhlung. Ich erkenne alle Schattierungen kultureller Diversität, einen verbindenden Grad an Berauschtheit und, das Seltsamste, wie wir beide feststellen: Sie wirken als hätten sie ein klares Ziel, auf das sie zusteuern. Ist dass die gefährliche Feierszene von Stuttgart?

Auf dem Weg zur U-Bahn biegen wir um eine Ecke und stehen vor zwei großen Polizeipferden mit gepanzerten Reitern. Der Moment wirkt wie eine Szene aus einem Mittelalterfilm, da ist sie also, die Problematik des Moments. Am nächsten Morgen meldet die Polizei dann auf Twitter: Die Nacht sei völlig ruhig verlaufen.

Teil 3 des Projekts abgeschlossen und immer noch in Stuttgart Mitte – es ist kein Ende in Sicht und das ist gar nicht schlimm.

Die 4. Tour: Juli 2021, vom Bohnenviertel und es bleibt auch im Bohnenviertel

Über ein Jahr dauert es, bis Uli und ich den Querstich wieder aufnehmen. Pandemiewellen bremsen uns aus, kein Mensch weiß, ob die Kneipen, die wir am Anfang unserer goldenen Linie aufgenommen haben, auch noch am Ende dieser Geschichte in vielen Kapiteln Bier ausschenken oder längst gestorben sind. Aber die Reise an sich steht natürlich immer im Vordergrund, die Regeln sind klar, die Sneaker geschnürt und das ÖPNV-Ticket bereit zum Stempeln. Und natürlich erweckt die bevorstehende Süd-West-Passage ganz besondere Vorfreude, denn wir durchstechen das Stuttgarter Bohnenviertel, wo sich alt-eingesessene Rotlicht-Szene, Rocker-Milieu und klebrige Früh-Gentrifizierung zu einer unnachahmlichen Melange verdichten.

Station 4.1: Home of Kebap, Esslinger Straße.

Jaja, ich weiß ja, ein Kebap-Schuppen, wie originell ihr zwei Trend-Scouts aus dem Bildungsbürger*Innen-Sumpf. Aber wir zwei hatten einfach vor der Tour Hunger, und das symbolische Wullenulldrei bekommt man auch hier. Man kann draußen auf Bierbänken herumlungern, mein Falafel-Teller ist ordentlich und man hat vollen Blick auf das Treiben entlang der Hauptstätter-Straße. Das Le Petit Coq hatte heute Ruhetag, deswegen können wir nicht da starten, wo alles vor einem Jahr endete, ob die beiden Ohrensessel noch auf der Straße stehen bleibt also ein Geheimnis. Es ist ein ziemlich frischer Sommerabend. Uli schwärmt vom Bohnenviertel und einem Pop-Up-Pub im Züblin-Parkhaus, den es geben soll. Ich finde es riecht schon wieder nach Hipster, komme aber trotzdem mit.

Station 4.2 KULTUR-KIOSK, Parkhaus Züblin, Lazarett-Straße.

Uli hatte völlig recht: This is as cool as Stuttgart gets. Also nicht sehr, aber im hiesigen Kehrwochen-Biotop mit Blumenkasten wirkt es als Kontrast noch einmal stärker . Der Kultur-Kiosk verkauft T-Shirts und Buttons, serviert kaltes Bier unter Parkhauspfeilern und ist mit Kunst-Veranstaltungs-Plakaten verziert. Zwei DJs legen auf, und zwar eine Musik, die ich trotz 57 Genre-Schubladen im Kopf nicht richtig einordnen kann. Irgend etwas mit grungigen Gitarrensounds und hymnischen Gesang in Hypnoschleife. Ein ganz junger Hund mag den Sound auch nicht und kläfft regelmäßig erfolglos den Innenraum an. Ich finde er soll nicht meckern. Kneipe mit Live-Platten-Onkeln sind so häufig nicht und das auch noch for free, das Bier ist kalt und schmeckt. Mögen Stuttgart solche Spots lange erhalten bleiben. Also kaufe ich einen Button. Vor uns liegt das Rotlicht-Viertel, wir hinterlassen Nachrichten, falls wir spurlos verschwinden sollten.

Station 4.3 Lieblingsmensch, Katharinenstraße

Weit kommen wir nicht. Das Lieblingsmensch gibt es anscheinend noch nicht so lange und es hat Bänke auf der Straße stehen. Die Regel sagt: wenn es beide akzeptabel finden, dann ist es ein Bier wert und so kommen wir draußen zu sitzen. Es ist inzwischen dunkel, die hochherrschaftliche Fassade der wilhelminischen Marienanstalt, einst Haushaltsschule für katholische Dienstmädchen, wird dramatisch angestrahlt. Man sitzt hier gut, die Bedienung ist nett, die Treppe zum Klo komplett silberfarben angesprüht. Auch sonst dämmert mir, begriffsstutzig wie ich bin, dass es hier nach Szenekneipe glitzert, und zwar in allen Farben. Andererseits erzählt man Uli, während ich das Glitzerklo besuche, dass der Laden irgendwie zum „Laufhaus“ obendrüber gehört, und ist das nicht ein Wort für „Bordell?“ Wir lassen uns nicht verwirren, wir haben jetzt drei Bier und finden es nett hier. Empfehlung, das Bohnenviertel offenbart uns cooles Zeug. Einen schaffen wir noch!

Station 4.4: FOU FOU, Cocktail- und Champagnerbar, Weberstraße

Wieder landen wir nach wenigen Schritten auf der nächsten Straßenbestuhlung. Nun ist die FouFou-Bar so wenig unentdecktes Juwel wie irgendetwas, aber der Blick von hier ist eine Station wert. Alles was aus der Leonhardstraße rausläuft oder die Weberstraße hochläuft hat man hier im Blick. Und was auf der Straße vorgeht, ist dann doch ziemlich bemerkenswert. Auf der Gasse patroulliert alle drei Minuten eine ältere Matrone im roten Oberteil und mit blondierter Hochsteckfrisur. Sie scheint so eine Art Wächterin oder Empfangsdame zu sein. Für was? Ich weiß es nicht, aber sie wirkt bedeutungsvoll. Ein völlig betrunkener Typ in einem violetten Balonseide-Anzug, der LL Cool J neidisch gemacht hätte, spricht sie an. Gemeinsam ziehen sie aus einer unauffällig am Rand geparkten Klappmülltonne eine Lidl-Gefriertüte, mit der die Jogginghose von dannen wankt. Ein blauweißer Polizeibus fährt langsam durch und taxiert die Lage. Aus der Leonhardstraße kommen drei ziemlich bullige bis übergewichtige Typen mit Sonnenbrillen und rasierten Schädeln. Sie checken die Lage links und rechts, es sieht nach Patrouille aus. Die Matrone ist verschwunden. Zwei Polizistinnen steigen aus der Wanne und beginnen, große Altpapiertonnen links und rechts der Straße zu untersuchen. Sie leuchten mit Taschenfunzeln hinein, man hat das Gefühl, das hier gerade ein großes Katz-und-Maus-Spiel läuft, das nur Eingeweihte durchsteigen. Die Polizei verschwindet, ohne fündig geworden zu sein. Der Betrunkene kehrt zurück, er trägt nun einen gelben Jogginganzug. Wozu der Tapetenwechsel? Die Lidl-Tüte hat er dabei, er wechselt einige Worte mit der Straßenwächterin, dann zieht er wieder mit Tüte ab.

Spannender kann man in Stuttgart nicht trinken.

Zwischendurch lernen wir einen ziemlich angeheitertern dreißigjährigen Hilti-Vertreter aus der Schweiz kennen, mit dem wir über Beziehungen und das Leben philosophieren. Und über die Schweiz. Warum er alleine Urlaub im Bohnenviertel macht, fragen wir nicht. Und damit endet auch die vierte Tour.

Werden wir es je aus dieser Kernschmelze des Stuttgarter Nachtlebens heraus schaffen und wieder einmal mehr Strecke machen? Beende ich diese Serie jemals, bevor ich zu alt werde? Werde ich irgendwann als Greis am anderen Kesselrand stehen und hinabbrüllen, dass ich es geschafft habe?

Wir werden sehen.

Old Shoe

Ja, das ist ein Song aus der Uralt-Polit-Satire „Wag the Dog.“ Aber er geht mir heute beim Tippen nicht aus dem Kopf. Folgendes ist nämlich passiert: Nach beinahe 10 Jahren waren meine grauen Canvas-Gummisohlen-Schnürschuhe (den Markennamen will ich irgendwie nicht schreiben, obwohl ihn sowieso jeder kennt) wirklich, wirklich heruntergelaufen, der Stoff am Übergang zur Sohle eingerissen. Also habe ich mir ein neues Paar besorgt, mehr oder weniger das selbe, das grau ist nur dunkler. Und, aus einer Laune heraus, stelle ich die beiden Latschen nebeneinander und knipse sie mit dem Handy, nach der Maxime: How-it-started-how-it’s-going. Und siehe da, es geht mir durch den Kopf:

Fuck, wie symbolisch.

Ich habe hier lange nicht mehr geschrieben und die Abstände werden immer länger. Das hat durchaus mit dem Schuhbild zu tun. Mir fehlt seit dem Winter häufig die Kraft, die Tastatur zur Hand zu nehmen und darauf tatsächlich so etwas wie einen überlegten Text zu schreiben. Ich habe mich viel beim sinnlos Herumhängen in meiner Freizeit erwischt, rausgehen möchte ich auch nicht wirklich, die Steam-Bibliothek wächst und füllt das Leben mit bunten Flimmerbildern.

Woran liegt’s? Hat er sich leer geschrieben, der Herr Blogger? Ich fürchte die Antwort läuft wieder einmal auf meine zwei Lieblingsthemen heraus: Schule und Pandemie. Das Leben aus mir herausgesaugt, die leere Hülle sitzt da und sucht nach You-Tube-Videos. Was ist da genau passiert? Und so schnell?

How it started.

Im September kam ich als neuer Mensch aus meinem Sabbatical zurück in meine Lehranstalt und stand zunächst vor einer Toilette. Mir ging es fantastisch. Ich war schlank, einigermaßen braun gebrannt und kräftig, entspannt, gesetzt, zehrte aus meinem inneren Pool und freute mich, wieder einmal Schüler*Innen zu sehen und ihnen etwas beizubringen. Sinnlos vor einem kaum frequentierten Mädchenklo herumzustehen, um zu überwachen, dass sich keine zwei Leute gleichzeitig darin aufhalten, empfand ich nichts mehr als amüsant.

How it’s going.

Im Juli schleppe ich mich mit starrem Blick aus dem Schulhaus und würde mich nicht umdrehen, wenn die baufällige Hütte hinter mir theatralisch zusammenbrechen würde. Ich fände es nur folgerichtig. Das erzeugte Bild wäre stimmiger, wenn ich abgemagert wäre, leider bin ich eher schwammiger geworden. Frustbiere. Ich will nur noch raus. In Ruhe gelassen werden, wie ein Tier, das man zu oft misshandelt hat. Noch nie habe ich mich derart in die Ferien gemogelt, die Luft war schon nach Pfingsten raus und ab da war nur noch Durchhalten angesagt bis die Rettung naht. Natürlich habe ich mich um meine Schüler*Innen gekümmert. Natürlich habe ich sinnvollen Unterricht abgehalten. Aber die Richtlinie war 2021 krass in Richtung Alles-was-dem-weiter-Überleben-dient verschoben. Tu, was getan werden muss, aber für Aufgaben darüber hinaus sind keine Ressourcen mehr abrufbar.

Ich frage mich ernsthaft, woran das liegt. Und weshalb ich ganz deutlich die Rückmeldung empfange, dass es fast allen Kolleg*Innen genau gleich geht. Denn – und jetzt kommt das Paradoxon – gearbeitet habe ich in diesem Schuljahr weniger als je zuvor mit einem vollen Deputat.

Das ist zunächst ein erklärungsbedürftiger Satz. Weggefallen sind zunächst mal viele Korrekturen, da wir in den Phasen über Inzidenzwert 35 die Schüler*Innen nicht unnötig in Räume pferchen wollten. In meinem Hauptfach habe ich nur halb so viele Aufsätze schreiben lassen, im Nebenfach war im zweiten Halbjahr darüber hinaus das Klausuren Schreiben ohnehin lange untersagt. In den allermeisten Geschichtsklassen gab es dieses Jahr nur mündliche Noten.

Ebenfalls weg fielen viele sogenannte „Hohlstunden“ und Fahrzeiten. In der Distanzphase war mein Weg aus der Arbeit hinein ins Private wahnsinnig kurz: Diensttablet aus, willkommen daheim. Was hing ich früher in meiner Schule herum und war bereit für irgendwelche anfallenden Aufgaben! Heimfahren lohnte sich damals oft nicht, in diesem Winter war ich aber ständig daheim, konnte später aus den Federn, hatte viel mehr Zeit für mich. Eigentlich müsste ich erholt sein wie ein Honigdachs.

Wahr ist leider: ich bin fertig.

Es kann also, conclusio eins, nicht an der hohen Arbeitsbelastung liegen. Übrigens gilt, so weit ich das beurteilen kann, das oben Gesagte ganz genau so für unsere Schüler*Innen. Weniger zu tun an der Schule als sonst, dennoch tief im mentalen Keller. Was ist aber sonst mit uns passiert, wenn es doch weniger zu tun gab als früher?

Ich behaupte: Die Überlastung war mentaler Art. Wir, die vielen Menschen die täglich ins Bildungssystem wanken, sind nicht überanstrengt, sondern bis zum Umfallen frustriert. Unserer Arbeit wurde der Sinn genommen.

Wenn wir eines deutlich in dieser Krise gesehen haben, dann dass Bildung und die damit beschäftigen Menschen – Lehrer*wie Schüler*Innen – absolut keine Rolle spielen, außer die, dass sie nicht zu Hause bleiben dürfen. Und dass wir andererseits als Betroffene keinerlei Anstrengung wert sind. Von Anfang an blieb es für uns bei Lüftungstheorien und Abstandsregeln, erst als die Infektionszahlen katastrophal wurden, haben die Verantwortlichen zähneknirschend reagiert. Ein paar Masken wurden verteilt, davon viele von zweifelhafter Qualität.

Was wir zu Hauf von euch bekommen haben, sind kurzfristigste Anweisungen. „Fahren auf Sicht“ hieß für die Schulverwaltung nicht, dass man seltener auf die Karte blickt oder gerade mal 50 Meter vorausschaut, es hieß: „Wenn etwas vor dem Kühlergrill auftaucht dann belle ich hektisch ein paar Befehle und lasse andere mal machen.“ Und man fühlte sich am Ende der Befehlskette auf dem Narrenschiff blöderweise immer verantwortlich, diesen Irrsinn in der Organisation eines großen und relevanten gesellschaftlichen Bereiches irgendwie umzusetzen und ihn Schüler*Innen und Eltern zu vermitteln.

Eine typische Seite Verordnungsblabla aus dem Kultusministerium endet mit einem „ich weiß dass wir den Schulen gerade sehr viel zumuten“ und einem schalen und verlogenen Apell an das Wir-Gefühl, aus dem man sich schon selbst aber lange verabschiedet hat. Am schlimmsten ist aber dieses zynische Bedanken.

Dieses Gefühl alleine und unter der festen Prämisse, dass man keinerlei Unterstützung erwarten darf – das laugt mich aus und ich habe den Eindruck es geht vielen so. Deswegen ist mein Seelentier in den Sommerferien 2021 ein zerknautschter, abgerissener Latschen.

Nur um das zu betonen: Unser strukturelles Verlassenwerden durch die Verantwortlichen hat nichts im Geringsten mit Parteiausrichtungen zu tun. Gestern hat die grün-schwarze Mehrheit im Landtag gegen Luftfilterprogramme gestimmt, geplante Entlastungsstunden für Schulleitungen wurden von der neuen grünen Bildungsministerin mit als erstes weg gespart.

Unter der Brille ist es für mich auch völlig wurscht, wenn Laschet im Herbst gewinnt.

Die Gerechtigkeit des Lehrers* unter besonderer Berücksichtigung des Retweets

Auf Twitter gibt es einen neuen Trend. Simpel, wenig Aufwand, viele garantierte Retweets und Klicks, geht so: Ich fotografiere als Elter* ein Arbeitsblatt/eine Klassenarbeit meines Kindes, auf dem/der ich irgend etwas bemäkele. Häufig zu Recht. Korrekturfehler, falsche Informationen oder missverständliche Formulierungen kommen ja durchaus vor. Manchmal tut’s auch eine aus dem Kontext gerissene Verfälschung der Zusammenhänge, mach das ruhig, das haut vermutlich hin, du musst nehmen, was die Schule an Gelegenheiten zum öffentlich Werden bietet. Knall das in ein soziales Netzwerk mit hoher Erregungsfrequenz, verknüpft mit der scheinheiligen Bitte um Beurteilung oder Hilfe, formuliere es gerne als „einfache“ Frage, ob man das als Lehrer*In so sagen/bepunkten dürfe. Und dann warte ab auf wieviel K’s Herzchen von empörten Leidensgenoss*Innen du so kommst.

Funktioniert sehr zuverlässig.

Die Gerechtigkeit der Schule liegt den Bürger*Innen im Netz sehr am Herzen. Das merkt man an der sich dann entfalteten Diskussion. Übrigens ist Bürger*Innen an dieser Stelle ganz sozial gemeint und nicht als Rechtsbegriff, die Art der Kommentare, die Orthografie, die benutzten Worte lassen auf eine zutiefst bürgerliche Fanbase dieser „Darf-die-Lehrerin-das-mit-meinem-Kind-machen?“-Rituale schließen. Aber nicht täuschen lassen. Nur weil „Die_Marieke_vom_Dorf“ oder „Kaffeemax“ vermutlich aus einem Reiheneckhäuschen mit einem teuren Smartphone in der Hand twittern, kommt der Hass in den Postings trotzdem von der Straße. Die Entlassung der betreffenden Lehrkraft aufgrund der Bepunktung einer Grundschul-Matheaufgabe zu fordern gehört noch zu den kontrollierten Reaktionen der Bubble.

Gerechtigkeit an den Schulen ist unseren Bürger*Innen wichtig. Extrem.

Vor allem wenn es um Jettes Matheaufgabe oder Hendriks Arbeitsblätter geht. Also innerhalb der eigenen saturierten Schicht. An anderer Stelle wird das Thema Bildungsgerechtigkeit von Max und Marieke auf Twitter eher achselzuckend behandelt. Zum Beispiel hier:

Die Geschichte von Frieder und Annabella.

Frieder und Annabella sitzen in der selben Klassenstufe, bei den Kleinen am Gymnasium. Ihre Lebenswelten könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Man sieht das schon am Outfit und das ist nur die unterste Stufe der Trennungslinien zwischen Frieder und Annabella. Frieder kommt meistens im selben T-Shirt und in einer etwas beuligen grauen Jogginghose. Er ist leider ein bisschen dick, vielleicht von Tiefkühlpizzen und den gut-und-günstig-Chips. Man schaut nicht so genau darauf, was er sich aus dem Kühlschrank holt, wenn er alleine ist. Annabella ist selten alleine, das wäre aus der Sicht ihrer Eltern zu gefährlich. Ihr rosa Kapuzenpulli prunkt mit einer sehr stylishen Marke aus dem Netz, aber sie trägt ihn nur heute und vielleicht im Herbst wieder, dazwischen trägt sie ihre anderen Outfits. Annabella ist schlank und sportlich, wird sehr bewusst aus dem Sortiment des Wochenmarkts und des Hofladens im Nachbarort ernährt. Für Biosteaks und Obst ohne Chemie fährt der Vater gerne mit dem SUV ein paar Kilometer am Wochenende.

Frieders Mutter geht zu Fuß zum Aldi, manchmal fährt sie eine Freundin aus dem Block nebenan mit ihrem alten Corsa, wenn sie viel zu schleppen hat. Zum Einkaufen kommt sie eigentlich nur am Wochenende, Wochentags ist sie arbeiten, dann ist Frieder alleine in der Wohnung. Frieder ist inzwischen alt genug, um zu begreifen, dass er arm ist. Weil er etwas dick ist und immer das Gleiche anhat und manchmal morgens ungeduscht in die Schule geschickt wird, sitzt er alleine. Das Verhältnis zu seiner überforderten Mutter ist nicht immer ganz einfach.

Annabella liebt ihre Eltern und die lieben Annabella über alles. Nicht nur auf Sport und Ernährung wird geachtet, sondern auch auf musische Bildung – den Schulen kann man das ja nicht überlassen. Also geht sie nicht nur zwei mal die Woche auf den Reiterhof, sondern auch zur Klavierstunde. Groß weiter gekommen auf dem Instrument ist sie seit der vierten Klasse zwar nicht, aber das Piano im Wohnzimmer macht sich gut, und Annabellas Übungsgestümper ist dann auch wieder nicht so schlimm. Frieder macht keinen Sport, die Vereinsgebühren sind nicht drin. Man könnte Hilfen beim Amt beantragen, aber seine Mutter ist dafür halb zu stolz und halb zu apathisch, und das Amt zu kompliziert in seinen Beantragungsformalien. Aber Frieder hat eine Playstation und wenn die weggeschlossen wird, dann kann er immer noch nachts auf dem Handy zocken.

In einem ist aber Frieder Annabella voraus. Annabella ist nämlich ziemlich dumm.

Das darf man als Lehrer über Kinder nicht schreiben, aber so würde es Frieder ausdrücken und es wäre ziemlich wahr. Annabellas intellektuelle Veranlagung ist in der Tat gering und eingewickelt in ihren kostspieligen Kokon muss sie auch ihren Kopf nie anstrengen und entwickeln. Den Kopf machen sich ja Mum und Dad für sie. Sie beteiligt sich zwar eifrig und selbstbewusst an den Themen, versteht aber wenig und ihre Schlussfolgerungen sind so unbedarft und unlogisch, dass es den Lehrer*Innen Schwierigkeiten macht, zu erkennen, wo ihre Denkfehler eigentlich anfangen. Frieder hingegen ist schlau. Er durchblickt Dinge und kann logische Verknüpfungen bilden. Wenn man ihm einen Text vorlegt, dann durchsteigt er ihn, falls man ihn zum Bearbeiten der Aufgaben bewegen kann. Das geht nur an guten Tagen.

Natürlich hat Frieder große Lücken.

Er kann sich nicht zum Hausaufgaben machen motivieren und hat bei den Aufgaben zu Hause keine Unterstützung. Es ist allen ziemlich egal, ob er sie erledigt oder nicht, das ist bei einem Zwölfjährigen nie gut. Er müsste sich auch erst eine Ecke am überladenen Küchentisch freiräumen oder er beugt sich über den niedrigen Couchtisch vor dem Fernseher. Unbequem. Annabella hat einen schönen Schreibtisch aus Echtholz. Wegen dieser Unterschiede lernt Frieder auch nicht auf Klausuren. Er weiß im Grunde gar nicht, wie man lernt. Annabella hingegen muss ihre Hausaufgaben und Lernaufschriebe regelmäßig Abends vorzeigen, sie wird dann ausgiebig gelobt. Deswegen schreibt sie trotz fehlender Durchsicht auf die Zusammenhänge des Stoffs immer noch Zweibisdreier. Das wird sich ab Klasse 9 ändern, wenn der Anspruch anzieht, aber dann wird für sie eine teure Nachhilfeschule bereitstehen. Frieder schreibt konsequent Fünfer. Er lernt nicht, hat auch keinen nachhaltigen Wissensschatz bisher aufgebaut, er ist eben in der Situation schlau, kann aber nichts weiter Entferntes abrufen.

Frieder wird dieses Jahr sitzenbleiben und dann auf die Realschule gehen. Es ist kaum möglich, dass er seine Wissenslücken noch aufholt, nicht bei seinen Begleitumständen. Die 26K Likes unter dem Korrekturlink fragen an dieser Stelle natürlich unisono und anklagend, was die verantwortliche Lehrerin denn bitte gegen Frieders Schulversagen unternommen habe!1! Natürlich gab es zahlreiche Gespräche mit der Mutter und Frieder, eines sogar nach dem Sommer noch life von Angesicht zu Angesicht, aber Hilfeangebote für sie und Frieder z.B. von unserer Schulsozialarbeit oder der schulpsychologischen Beratungstelle des Kreises, wollte sie nicht annehmen. Man kann auch mit einem Realschulabaschluss etwas aufbauen.

Stolz und Apathie.

Annabella wird Abi machen und in der Welt etwas werden. Was aus Frieder werden wird, ist eine spannende Frage.

Wer sich über Ungerechtigkeit im Schulsystem virtuell aufregt, der fokusiert sich auf einzelne Iphone-Fotos von Klassenarbeiten und Arbeitsblättern. Die bürgerliche Masse versteht ein falsche Mathebepunktung, das soziale System hingegen ist ihr zu abstrakt und als Profiteur der Verhältnisse zudem unangenehm. Und der Hashtag erreicht nach vier Stunden die Trends, dann sehen alle, wie recht wir Empörten mit unserer Wut doch haben. Das ist doch wichtig1!1

Frieder wird von niemanden für wichtig gehalten. Er wird aussortiert, obwohl er intelligent ist, denn wo würde Annabella hinkommen, wenn Unterschichtkinder plötzlich in einigen Jahren Annabellas sozialer Klasse die gut bezahlten Stellen wegnehmen? Die sind für mittelmäßige Menschen aus der gehobenen Mittelschicht reserviert, nicht für Frieders oder Gültazes oder Wladimirs. Die gehören an eine Supermarktkasse.

Ihr jämmerlichen Existenzen.

À la prochaine

Vorspiel: This is just a Test.

Das Testzentrum ist in einer Shisha-Bar. Einer fucking Shisha-Bar.

Ok, ich dramatisiere. Die Bar in der Theodor-Heuss-Straße ist von jenem Typus, der mit weißen Wodka- und Whiskey-Labels auf schwarzem Hochglanzplastik um Kunden buhlt und unter der Theke eine dunkelblaue LED-Leiste leuchten hat, überhaupt gehören LEDs zum Kernkonzept dieser Art von Kneipe, vermutlich dazuhin dünne Happy-Hour-Cocktails aus der Top-10 der allseits bekannten Mixgetränke. Eine Shisha kann man vermutlich aber, das muss ich fairerweise wohl hinzufügen, hier nicht bestellen. Wie gesagt, „Sisha-Bar“ hört sich eben witziger an. Normalerweise würde ich trotzdem nicht reingehen, sondern in Stuttgart darauf setzen, irgend etwas Cooleres zu entdecken. Aber heute muss ich rein.

Ich benötige einen negativen PCR-Test. Als zweifach Geimpfter.

Als mir als Solidaritätsverweigerer von der Bundesregierung meine Impfprivilegien auf einem goldenen Tablett vorgelegt wurden, ergriff ich die erste Gelegenheit, bei der ich nicht mehr zwei Wochen lang nach Rückkehr in Isolation müsste, und buchte eine Ferienwohnung in Frankreich. Selbes Konzept wie immer.

Nur, dass den Franzosen meine Impfprivilegien scheißegal sind. Macron ist neo-liberal, und wie alle aus dieser politischen Nische verortet er Probleme gerne jenseits der Grenze, bevor es irgendein linker Gutmensch in den Produktionshallen der heimischen Wirtschaft verortet. Jeder, der nach Frankreich einreist (natürlich Berufspendler und Warentransporteure ausgenommen – die sind ja Teil der Wirtschaft) benötigt einen negativen PCR-Test, egal wie oft er schon geimpft wurde.

Also stehe ich am Samstag Morgen in der Schlange vor der Shisha-Bar (ihr wisst, es ist eine leicht andere Art Bar) um mich testen zu lassen, vor mir eine Familie (hat wohl ebenfalls Reisepläne), hinter mir zwei junge Frauen mit goldenen Handtaschen an farbig passenden Metallketten (Termin-Shopping-Vieh, kostenloser Schnelltest). Der Test kostet mich 79 €, ich verbuche es unter sonstige Reisekosten. Bis jetzt war ja 2021 ziemlich billig. Die Shisha-Bar (ja, keine Shishas, schwachbrüstige Longdrinks, ich weiß) nennt sich „Testzentrum Stuttgart-Esslingen“, ihr Logo ist ein Coronavirus in Nationalfarben.

Kannste dir nicht ausdenken.

Oder vielleicht konnte man sich schon, wenn man bedenkt, dass hinter der Strategie „Testen statt schließen“ unsere Taskforce Jens Scheuer und Andi Spahn steckt, die Projektmanager des Vertrauens für konservative Regierungsparteien. Vielleicht ist die Kneipe deshalb so ganz in schwarz gehalten. Jedenfalls lasse ich mir ein Wattestäbchen in den Rachen rammen, würge ein paar Mal unflätig und spaziere dann aus der Pinte. Wenigstens ’n Caipi obendrauf hätte für das Geld ja drin sein können. Das Testergebnis kommt am Sonntag Abend, ein bisschen ungeschickt, dass ich da bei lieben alten Freunden in Freiburg sitze. Aber irgendwie kommt das schon in meine Reisetasche.

Übrigens: Fickt den Mythos von der Informationsgesellschaft. Es ist schlechterdings unmöglich im gesamten WorldWideWeb herauszufinden, ob der negative Test für die französischen Behörden in Papierform mitgeführt werden muss, oder ob er auch elektronisch akzeptiert wird. Keine offizielle Stelle gibt Hinweise auf die vorgeschriebene Form. Schließlich finde ich ein Deutsch-Französisches-Freundschaftsforum, in dem irgend jemand schreibt, vor ein paar Tagen hätten die Flics auf dem Parkplatz vor’m Cora in Straßburg auch ein Dokument auf dem Handy akzeptiert.

Ein Nachbar meiner Freiburger Freunde druckt Abends die beiden Seiten für mich aus. Jetzt brauche ich nur noch eine „Declaration de Honeur“, dass ich kein Fieber habe und auch keinen außergewöhnlichen Durchfall. Ich suche nach dem Feld, wo ich ankreuzen muss, dass ich weder Millionenboni für windige Maskendeals erhalten habe noch in Asserbaidschan auf Kosten der dortigen Regierung zwei Wochen in einem Luxusresort residiere, bis mir einfällt, dass das ja die deutsche Ehrenerklärung für Abgeordnete einer Law-and-Order-Partei ist.

France, ich komme!

Tag 1 – nichts Los auf le Mont

Als ich morgens um 6.00 über den Rhein fahre, bin ich mutterseelenallein. Kein Auto vor mir, keines hinter mir, die Maisonne lacht über dem Grenzfluss, so dass man sofort „der Rhein von oben“ für den SWR drehen will. Niemand hält mich an der Grenze auf. Nie – m a n d . Da ist wirklich niemand. Ich kann mich nicht so recht über meine Rückkehr nach Frankreich und das tolle Wetter freuen, ich denke über 79 Euro nach und was man sich dafür hätte Geiles kaufen können.

Ich bin ein Kleingeist.

Einmal durch das Elsass gurken, dann durch Lunéville gurken und weiter Richtung Pont-à-Mousson. Auf dieser Strecke bin ich mautfrei unterwegs (Na ja, einmal gibt’s nen Tunnel, der 6 Euro kostet), aber auch ziemlich langsam. Dörfer, Traktoren und französische Rentner in Kleinwagen verschwören sich gegen mich. Hinter Lunéville werde ich geblitzt. Kommt auf die Liste der „sonstigen Reisekosten“, bekomme ich wenigstens mal wieder Post aus Paris. Frankreich hat eine sehr gut zentral verwaltete Bußgeldstelle, wieder ein Punkt, an dem der Föderalismus klar verliert.

Es ist kurz nach 9.00 als ich meine schwarze Hausmeisterkutsche am Le Mont auf halbem Weg am Feldrand abstelle. Alles ist wie immer. Sonne-Feld-Wald-Fuchs-Hase. Wie es immer so war. Nur dass ich diese Ausflüge so beschissen vermisst habe, noch mehr, als ich Konzerte und Kneipen vermisse. Während bei Tönnies und bei Onkel Ottmars Spargelplantage die Wirtschaft ungestört weiterlief, mussten wir die Pandemie mit Beschnitten im Privatleben runterfahren. Räder müssen rollen für das BIP, nur meine durften halt deswegen nicht rollen, die trugen zu wenig zum Volkseinkommen bei.

Ich bin sehr glücklich, als ich meine lange vernachlässigten Outdoor-Stiefel schnüre.

Der Le Mont ist ein langgestreckter Ost-West-Höhenrücken zwischen dem Bois Brûlé und dem Montsec. Im Bois Brûlé gibt’s wie an anderer Stelle beschrieben viele Zünder, auf dem Montsec steht heute das prominenteste amerikanische Kriegsdenkmal (obwohl er 1918 zunächst von französischen Kolonialsoldaten besetzt wurde, talking `bout Marginalisierung). Der Le Mont war eigentlich ein Paradebeispiel für einen wirklich glücklich angelegten Frontabschnitt. An seinem steilen Südhang konnte man Gräben und Maschinengewehrnester anlegen, um den einige Kilometer südlich im Flachland herumhängenden Franzmann einzuschüchtern, hinter seinem steilen Nordhang saß man beschusssicher im Ruhelager.

Der Montsec wurde nie erstürmt, sondern aufgegeben, weil der amerikanische Powerblitz von Norden und von Süden den Frontbogen von St. Mihiel abschnürte und man einer Einkesselung in die unattraktive Fratze blickte. Weltkriegsforen in den Untiefen des Netzes sprechen von beeindruckenden Grabensystemen, zahlreichen Betonbauten und einem ausgedehnten Stollennetz.

Das ist nicht ganz falsch. Aber der Wald wirkt doch sehr aufgeräumt. Das, was mich interessiert, das hinterlassene menschliche Zeugnis, die leere Flasche, das Stück Stiefel, die fallen gelassene Patrone, nichts davon sehe ich auf meiner Tour. Dafür ist das Tierleben aktiv und sagt hallo. Aus einem Stolleneingang springt ein panischer kleiner Fuchs hervor und erschreckt mich zu Tode. Vor einem anderen bröckeligen Loch im Hang flattert eine nervöse Fledermaus auf und ab, in brennender Sorge, ich könnte ihre Schlafhöhle betreten. Ich bin nett und lasse es bleiben. Gegen später schnürt noch ein Reh etwas hektisch über meinen Weg, aber na ja, Rehe, Rehe sind für den Wald das, was Zeichensetzungsfehler in Aufsätzen sind: eigentlich immer vorhanden.

Ansonsten finde ich in den tiefen Gräben nur ein paar Scherben und eine Schrappnellkugel auf dem Weg. Aber der steile Wald ist als Gelände anstrengend wie Harry und ich bin diese Art von Tag einfach nicht mehr gewohnt. Verdammtes Versumpfen auf dem Gaming-Chair! Als ich gegen vier wieder am Auto bin, fühle ich mich fertig wie Schnitzel, außerdem meldet sich meine Gräserallergie.

Trotzdem – schöner Tag, ich hatte dich vermisst.

Nun sitze ich bei Claude in der Einliegerwohnung. Claude hat offensichtlich einen Verleih für Hebebühnen, lebt alleine in einem alten Haus in Lacroix-sur-Meuse und vermietet eine günstige Ferienbleibe. Leider ohne WiFi, obwohl ich dachte, ich hätte es auf der Homepage gesehen. Zu faul, um mit dem Handy nachzukucken, ist jetzt ohnehin nicht mehr zu ändern. Dafür ist Claude sehr nett und kommunikativ, gibt gute Tips über den Ersten Weltkrieg in der Gegend, schade, dass ich so wenig davon gut verstehe.

Morgen geht es in meine Lieblingsecke: Die Argonnen.

Tag 2: Der Horror in den Argonnen.

Ich stehe am jenseitigen Ufer des Baches und starre auf die Hänge gegenüber. Fassungslos. Ich kann kaum glauben, was ich da sehe.

Die Argonnen sehen in Teilen wieder so aus wie 1915.

Nackte weiße Kalkbrocken bilden eine mondartige Landschaft am Abhang, dazwischen sind die Reste der alten Linien und Krater zu erahnen. Der ONF hat die toten Stämme abgeräumt, bevor sie umfallen und man sie gar nicht mehr zu Geld machen kann. Einige überlebende Bäume recken anklagend ihre dünne Stämme in den Himmel. Nackte, tote Erde, knochenbleich, wenn jetzt Einschläge hochspritzen würden, es wäre nicht unpassend.

1915 revisited

Nur, dass diesmal nicht der Krieg die Bergrücken mit Verwüstung überzieht, sondern der Klimawandel. Schon auf der Herfahrt, über die Varenner Straße, blickte ich fassungslos auf den Skelettwald, der sich da (noch) in die Höhe reckt. Lauter braune, tote Stämme, kilometerlang, ein kleiner Vorgeschmack auf das Schicksal der meisten europäischen Nadelwälder in der nächsten Zeit. Ich erinnere mich wie ich vor vier Jahren durch diesen Wald ging, vom aufgegebenen deutschen Regimentsfriedhof hin zu den Betontrümmern der „Blinkanlage Walhalla.“ Satte, grüne Moosmatten in einem traumhaft hohen Fichtenwald. Vermutlich waren die Bäume schon damals todkrank, nur ich als Bodenkucker und Laie konnte es nicht sehen. Jetzt ist es unübersehbar, in der Phalanx der Fichtenleichen steht kein lebendiger Baum mehr, Dürre und Borkenkäfer haben einen Leichenwald produziert. Die Sonne knallt auf die freigelegen bröckelnden Betonmauern des bisher eingewachsenen Weltkriegsfriedhofs. Wie passend, wie metaphorisch.

Wie erschütternd.

Willkommen im Knochenwald

Der Klimawandel ist eine feine Sache, wenn man ihn aus den Medien heraus konsumiert. Ein paar Fridays-for-Future-Tweets da, ein paar Nachrichten von der Polarstern hier, eine statistische Kurve in der Tagesschau, pünktlich zum Abendbrot. Wenn man direkt vor der Klimakatastrophe steht, von Angesicht zu Angesicht – nun, cette une chose différente.

Ob auf den nackten Kalkböden jemals wieder etwas Vergleichbares wachsen wird, wie die mächtigen Argonnenwälder? Wie lange wird es dauern, bis der Friedhof wieder von Wald umgeben ist? Wir haben die Argonnenwälder der Zukunft geraubt, wir haben sie denen geraubt, die heute Kinder sind, wir haben sie verheizt im Namen der Braunkohlereviere und der SUV-Designer, zwei Kinder, Loft, Stuttgart-Ost. Waren es die Arbeitsplätze, war es die Dividende für Daimler-Aktionäre wert, dass diese Wälder nun Geschichte sind? Steht ihrem Verlust ein einigermaßen fairer Gewinn für die Leute gegenüber, die möglichst langen und ungebremsten CO2-Ausstoß wollen?

Zynische Frage, natürlich wird der Clusterfuck, der über die junge Generation hereinbricht, nicht einen Hauch vom erwirtschafteten Gegenwert der Industrie ausgeglichen. Wir haben unschätzbare Werte für einen monetären Furz in der Quartalsbilanz eines Dax-Konzern verzockt. Aber die Rendite holen sich die Herren im Anzug heute, das Drecksleben hat ja später ihre Enkel*In und nicht sie. Hoffen sie. Da zögert man nicht, wen kratzt, was in zwei Jahren ist.

Ich bin, wie ihr seht, ernsthaft geschockt.

Wenn die Forstbehörde so einen toten Wald wegräumt, dann nimmt sie dafür schweres Gerät. Es muss ja schnell gehen, jeder Tag kostet, nur das beste System ist rentabel schnell beim Arbeiten. Acht Reifen in Mannsgröße, die sich 40/50 cm in den Boden eingraben, automatische Baumernter, geländegängig, kommen überallhin, räumen Bäume effektiv und in Reihe ab, Entastungsautomatik.

Die halbautomatischen Monsterernter fahren an alle Stellen des Hanges, alle 10 Meter zieht sich eine tiefe Schneise den Berg hoch. Interessant, was der Baggerreifen so alles aus dem Boden wühlen: natürlich 1000 rostige Splitter, Stacheldrahtstücke, leere Granatenhüllen, eine einsame deutsche Patrone.

Archäologie und Umweltschutz

Man könnte das auch als die Zerstörung von Bodendenkmälern bezeichnen, aber wer denkt bei der momentanen Bauholzknappheit schon an Archäologie. Einmal stehe ich vor einem Loch, das entstand, als sich der Bagger direkt durch den alten Unterstand für die Soldaten fräste. Zufall, das Bodendenkmal war halt im Weg. Einige Flaschenscherben und Stacheldraht zeugen davon, eine undefinierbare Metallscheibe, eine Koppelriemenschnalle und ein flachgerollter Gasmaskenfilter. Ein wenig, wie wenn man eine sehr große und kräftige Harke durch ein keltisches Hügelgrab zieht.

Wenigstens haben sie offensichtlich diesmal die hochgewühlten scharfen Blindgänger nicht einfach liegen lassen, wie auf dem Toten Mann im letzten Jahr.

Irgendwann in den 2000ern verglich jemand für das Schlachtfeld von Verdun die Bodendenkmalkarte aus den 30er-Jahren mit dem aktuell noch vorzufindenden Stand. Er stellte in seiner Forschungsarbeit fest, dass in 80 Jahren Forstwirtschaft ca. 70 % der menschengemachten Bodenstrukturen durch Waldarbeiten eingeebnet wurden. Daraufhin wurden Schutzzonen für die letzten paar Kilometer Grabenrest von Verdun ausgerufen. In den Argonnen ist man noch nicht so weit.

Ich bin wütend und frustriert. Vielleicht gibt es ja keine andere Möglichkeit, vielleicht muss man das borkenkäferwimmelnde Totholz in aller Hast herausholen, um (noch) Schlimmeres zu verhindern. Aber wohin ich blicke sehe ich sinnlose Zerstörung von Natur- und Kulturschätzen, die den Menschen nach mir gehört hätten. Wir rauben sie ihnen, wegen Geld.

Wegen fucking Geld.

Ich könnte jetzt noch viel schreiben über den heutigen Tag, über das alte Lager in der Schlucht, das ich finde, mit seinen Flaschen, mit seinen verzierten Gusseisernen Öfen, wie ich ein Zigarettenetui (den Messingrahmen) im Flussbett entdecke oder ein Stück Flaschenscherbe auf dem noch deutlich lesbar „Maggi Würze“ steht; Ich hatte durchaus meine schönen Sachensucher-Momente heute. Was bleibt sind aber die Eindrücke von der gnadenlosen Misshandlung eines meiner Lieblingsorte.

Ich zeige daher einfach noch ein paar Bilder und dann ist gut.

Tag 3: Ravin de lai Fuont

Was für ein seltsamer Name für einen äußerst malerischen Ort. Zwischen der Höhe 304 und der Kraterkette von Vauquois verläuft im rückwärtigen Argonnengebiet ein breites Wiesental, gesäumt von flachen Hügel-Ketten, fast genau in Ost-West-Richtung. In seiner Mitte plätschert ein kleiner Bach, ohne die Weidezäune könnte man fast die Gefährten des Ringes in einer langen Drohnenfahrt hindurch ziehen lassen.

Wären nicht am Nordrand die vielen Gräben und Bunker.

Entlang der Ravin basteln die Deutschen ihre dritte oder vierte Verteidigungslinie. Die wievieltegenau weiß der Teufel die OHL. Sie haben dafür lange Zeit, also wird betoniert und gebuddelt was geht. Irgendwann im Oktober 1918 kommt die amerikanische Maas-Argonnen-Offensive, die zwar nicht so geil läuft wie die Beseitigung des Frontbogens von St.-Mihiel, aber die Front weit nach Norden drückt. Übrigens ist diese heute fast völlig vergessene Offensive die längste und verlustreichste Schlacht der US-Geschichte, sowohl Gettysburg als auch die Strände der Normandie müssen sich hinten an stellen. Die Ravin mit dem unübersetzbaren Namen findet ein paar Mal in den US-Regimentsgeschichten Erwähnung, wegen der großen Schwierigkeiten durch zahlreiche Maschinengewehrnester, die einzeln von den Amerikanern flankiert werden mussten. Nach zwei Tagen war die Sache durch und man zog weiter Richtung Montfaucon.

Bunkerturtle

Der Spot ist bis heute als Schlachtfeld weitgehend vergessen. Geblieben sind zahlreiche Gräben, Artillerie-Stellungen und betonierte Anlagen, häufige Wellbrechröhren führen schräg in die Erde, die darunter liegenden Räume im Kalk sind allerdings konsequent eingestürzt. Wenn man mit offenen Augen durchgeht, dann braucht man einen halben Tag die Schlucht hinauf, und den anderen halben wieder zurück.

Ich finde eine hübsche kleine Flasche (Medizin?). Ansonsten ist hier wohl aufgeräumt worden, der damals sicher üppig gezogene Stacheldraht ist fast komplett futsch. Es ist sehr heiß und ich merke am ganzen Körper die beiden vorherigen Tage. ich bin nicht mehr so fit, wie vor einem Jahr, wie auch, wenn durch Kampfzonen kriechen die einzige aktiv ausgeübte Sportart ist. Nach dem Mittagsvesper schlafe ich auf einem Bunkerdach im Sitzen ein, bis mir ein kleiner Ast auf den Kopf fällt und mich weckt.

Kein Witz.

Auf dem Rückweg entdecke ich die Holzfäller, der Südrand ist Nadelwald, wird gerade abgeräumt. Motorsäge, Motorsäge, Baumernter, Traktor, Ratatatatata. Das bleibt also ein Leitthema.

Tag 4: Wo die Wege Geschichten erzählen.

Es ist gut, dass mich so gut wie nie jemand auf meinen Exkursionen beobachten kann, mangels anderer Menschen um mich rum. Wenn der Holzfäller-Traktor an mir vorbeifährt ändere ich schnell mein Verhalten zu normaler Wanderer, aber sonst muss ich einen lustigen Anblick bieten. Im Schneckengang, die Augen fest auf den Quadratmeter Boden vor mir fixiert, ein Kilometer dauert so eine Stunde. Jetzt habe ich es ins Internet herausgeschrien, kann mir nicht all zu peinlich sein.

Es ist ein hochinteressanter, sehr langsamer Kilometer.

Ich bin wieder auf dem Toten Mann unterwegs, die Ecke, wo es dermaßen knallte, dass der Erdboden zu einem Gutteil aus Zivilisationsresten besteht. Ich bin inzwischen geübt darin, auf Farbunterschiede anzuspringen. Rostbraun, in 99 % aller Fälle ein Granatsplitter, manche sind Armlang. Zu 1 % ein interessantes anderes Objekt. Blaugrau, Blei, zu 99 % Schrapnellkugeln, lustige kleine Metallmurmeln und eine perfide Massenvernichtungswaffe, manche noch perfekt rund, manche bis zur Unkenntlichkeit deformiert. Grünlich: Kupfer und Messing, meistens Splitter vom Führungsband der Granaten, gelegentlich Patronen oder deren Hülsen, manchmal etwas sehr Interessantes.

Was kreucht und fleucht am Wegesrand?

Heute ist das ekelhafteste Wetter der Welt: Dampfbad. Schon um 8.00 Uhr dünsten die Wälder und Wiesen vor sich hin, so dass einem am frühen Morgen der Schweiß unterm Mützenband quillt. Die Stechmücken drehen völlig durch, wer auch immer dachte, die Biester kommen aus dem Sumpf, der ist noch nie durch einen feuchten Buchenwald mit Unterholz geschlichen. Wenn die Sonne zwischen den dicken Quellwolken herausbricht, dann kommt sie als gnadenlose Lasersonne zum Vorschein, die neue Wasserwolken aus dem klatschnassen Schwamm der Erde kocht. Einmal verlaufe ich mich und gehe durch eine hohe Wiese weiter. Schwerer Fehler, danach bin ich bis zum Oberschenkel geduscht.

Das Schlachtfeld ist am besten im Winter zu besuchen. Die warme Jahreszeit ist komplett scheiße. Nicht nur Hitze und Insekten (Zeckendreckskackrotzviecher) machen mir meine Obsession schwer. Dornenranken sind eine allgegenwärtige Pest, Unterholz und Laub, das den Blick verstellt. Am liebsten bin ich hier an einem klaren, schneefreien Januartag. Aber ich muss nehmen, was ich kriegen kann, wer weiß, ob ich im kommenden Winter hierher darf.

Irgendwann erwische ich das Stück Weg, das für die riesigen Holzlaster verbreitert wurde – oh, habe ich vergessen zu erwähnen, dass sie die toten Wälder wegräumen? Die Planierraupe hat hier rechts am Weg die Deckerdschicht aufgetürmt, bis zu einem Meter hoch lockerer Kalkboden. Ich bin hin und hergerissen. Einerseits wird hier ein Quadratkilometer Erdbefund durcheinandergewirbelt und für immer zerstört. Wärs ein militariageiler Holländer mit Metallsonde gewesen, wäre weniger kaputt und es eine Straftat. Andererseits legt die Holzindustrie hier tausende Objekte frei, die sonst meinem Auge verborgen geblieben wären.

Ich sammele die interessantesten auf, immer wenn ich drei bis fünf in der Hand habe, lege ich auf einem der zahlreichen Baumstümpfe am Wegesrand damit eine kleine Installation an. Vielleicht kommt in ein paar Tagen ja noch jemand durch, der kein Forstamtsmitarbeiter ist.

Ich schleiche durchs größte Freilichtmuseum der Welt und bin sein allmächtiger Kurator.

Irgendwie macht mich das glücklich. Alle Fragen – Corona, Schule, das restliche Jahr – treten in den Hintergrund, sind quasi wie weggeblasen, wenn ich einen Zünder aus dem Boden kratze und den Kalkdreck abwische. Warum bin ich bei so was so entspannt, wie sonst nie? Ich bin einfach seltsam, thats it. Seltsam und Happy.

Als ich am Spätnachmittag völlig durchgeschwitzt am altgedienten Auto ankomme, donnert es vernehmlich und dicke schwarze Wolken wallen über der Maas. Mehr Feuchtigkeit für die Waschküche. Das einzige, was nach so einem Tag hilft, ist umziehen. Ich hab gerade die Schuhe halb auf, da geht die Welt unter. Fluchend kicke ich die völlig verschlammten Stiefel unter den Wagen, haue die Beifahrertür zu und versuche mich in meinem Auto in eine saubere Hose und ein nicht völlig nassgeschwitztes T-Shirt zu zwängen.

Danach ist mir unverständlich, wie man in Autos Sex haben kann.

Im strömenden Regen fahre ich los und brumme die einsame Landstraße hinab. Im Dorf Marre fällt mir auf, woran ich seit 20 Minuten nicht mehr gedacht habe: Meine schlammigen Stiefel. Sie liegen immer noch auf dem Waldweg, völlig eingeregnet. Sie waren erstens keine billigen, zweitens quasi das letzte Geburtstagsgeschenk meines Papas. Also umdrehen, zurück, die inzwischen völlig versifften Stiefel, die ich wenigstens nicht überrollt habe, aufsammeln.

Der Zeitverlust macht nix. Als ich eine halbe Stunde später im Riesensupermarkt in Verdun meine Vorräte an Orangina, Crème Brûlée und Camerbert aufstocke, sind alle Kunden auf eine halbe Stunde im Einkaufszentrum gefangen, weil es so schüttet, dass sich niemand auf den Parkplatz traut.

Klimawandel ist, wenn sich Dürre und Flut verbünden, um die Menschheit zurückzukorrigieren.

Tortuga (Update 13)

Oder: die Rückkehr zum Du

von Rainer-Maria Stiftelvischer

Unprofessionell und mit Hobbytechnik eingelesen von mir, mit Brüchen, Stockern, Akzent und Hasplern. Aber original. Sehr verschroben. Lustig gemeint.

T A U W E T T E R
F L U S S T Ä L E R
W Ä R M E Q U E L L E
W I N T E R S O N N E
S Ü D S T A U
H E C K E N R E I H E N
A B E N D W I E S E N (Das „Establishment“ im vorletzten Absatz ist natürlich ein „Etablissement“ …)
G I S C H T Z O N E
B R A N D U N G S Z O N E
S E T Z L I N G S F E L D E R
M O R G E N S T R A N D
S P A R G E L T R E I B E N
H O C H D R U C K S C H N E I S E
B I E N E N Z E I T
P A L M E N G A R T E N