Hervorgehoben

Nun, ich habe eine Website.

Update, 18.11.2019

Etwas weniger als ein halbes Jahr läuft jetzt mein Blog. Er ist technisch noch immer laienhaft, aber er tut das, was ich mir versprach: Er fasst meine Erlebnisse in diesem Auszeitjahr zusammen und bietet mir eine Plattform, Dinge zu dokumentieren und Ideen und Gedanken zu verschriftlichen.

Ob du selbst als Lehrer*in mit Sabbatical-Plänen nach Erfahrungsberichten suchst, ob du hier reingestolpert bist oder ob du mich persönlich kennst und gerade wissen möchtest, wo Achim steckt und was er treibt: Fühl dich eingeladen hier zu lesen. Wenn du’s gut findest, dann like es, sobald du online aktiv bist wirst du leider geil auf Clicks. Wenn du es noch besser oder ganz schrecklich findest, dann kommentiere es.

Inzwischen im Freistellungsjahr angekommen kann ich folgendes Zwischenfazit ziehen: Die beste Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe. Denn das eigene Leben ist tatsächlich ein sehr, sehr schöner Ort. Man neigt nur dazu, ihn im Alltag zu vergessen.

Originalpost, 20.07.2019

Eigentlich möchte ich dokumentieren, was mir dieses Jahr bringt.

Im Moment sitze ich aber eher da und versuche mich in die Gestaltung dieses Blogs einzulernen. Irgendwie ziemlich sperrig, und ich stehe ganz am Anfang. Im Grunde schreibe ich diesen Eintrag nur, weil mir das Tutorial hier vorschlägt, ich solle meinen ersten Blog-Content nun schreiben.

Und dabei hat mein Sabbathjahr noch gar nicht angefangen. Es ist einfach nur ein verdammt schwüler Juli-Sonntag,

Da ist er wieder, der ewigwährende Zwiespalt: Eigentlich strebt Mann (Mitte Vierzig, bindungslos, wills noch mal wissen) nach Selbstbestimmung und Selbstentfaltung, und stellt dann fest, dass er Dinge tut, weil es ihm eine Software empfiehlt.

Ob ich aus dieser Falle noch einmal entwischen kann? Erste Befürchtungen machen sich breit, zum Beispiel die: Ich sauge mir einen Text aus den Fingern, und mit einem Klick ist alles weg.

Es hilft nichts, Mann-der-es-wissen-will. Du musst es nun wagen abzuspeichern.

Old Shoe

Ja, das ist ein Song aus der Uralt-Polit-Satire „Wag the Dog.“ Aber er geht mir heute beim Tippen nicht aus dem Kopf. Folgendes ist nämlich passiert: Nach beinahe 10 Jahren waren meine grauen Canvas-Gummisohlen-Schnürschuhe (den Markennamen will ich irgendwie nicht schreiben, obwohl ihn sowieso jeder kennt) wirklich, wirklich heruntergelaufen, der Stoff am Übergang zur Sohle eingerissen. Also habe ich mir ein neues Paar besorgt, mehr oder weniger das selbe, das grau ist nur dunkler. Und, aus einer Laune heraus, stelle ich die beiden Latschen nebeneinander und knipse sie mit dem Handy, nach der Maxime: How-it-started-how-it’s-going. Und siehe da, es geht mir durch den Kopf:

Fuck, wie symbolisch.

Ich habe hier lange nicht mehr geschrieben und die Abstände werden immer länger. Das hat durchaus mit dem Schuhbild zu tun. Mir fehlt seit dem Winter häufig die Kraft, die Tastatur zur Hand zu nehmen und darauf tatsächlich so etwas wie einen überlegten Text zu schreiben. Ich habe mich viel beim sinnlos Herumhängen in meiner Freizeit erwischt, rausgehen möchte ich auch nicht wirklich, die Steam-Bibliothek wächst und füllt das Leben mit bunten Flimmerbildern.

Woran liegt’s? Hat er sich leer geschrieben, der Herr Blogger? Ich fürchte die Antwort läuft wieder einmal auf meine zwei Lieblingsthemen heraus: Schule und Pandemie. Das Leben aus mir herausgesaugt, die leere Hülle sitzt da und sucht nach You-Tube-Videos. Was ist da genau passiert? Und so schnell?

How it started.

Im September kam ich als neuer Mensch aus meinem Sabbatical zurück in meine Lehranstalt und stand zunächst vor einer Toilette. Mir ging es fantastisch. Ich war schlank, einigermaßen braun gebrannt und kräftig, entspannt, gesetzt, zehrte aus meinem inneren Pool und freute mich, wieder einmal Schüler*Innen zu sehen und ihnen etwas beizubringen. Sinnlos vor einem kaum frequentierten Mädchenklo herumzustehen, um zu überwachen, dass sich keine zwei Leute gleichzeitig darin aufhalten, empfand ich nichts mehr als amüsant.

How it’s going.

Im Juli schleppe ich mich mit starrem Blick aus dem Schulhaus und würde mich nicht umdrehen, wenn die baufällige Hütte hinter mir theatralisch zusammenbrechen würde. Ich fände es nur folgerichtig. Das erzeugte Bild wäre stimmiger, wenn ich abgemagert wäre, leider bin ich eher schwammiger geworden. Frustbiere. Ich will nur noch raus. In Ruhe gelassen werden, wie ein Tier, das man zu oft misshandelt hat. Noch nie habe ich mich derart in die Ferien gemogelt, die Luft war schon nach Pfingsten raus und ab da war nur noch Durchhalten angesagt bis die Rettung naht. Natürlich habe ich mich um meine Schüler*Innen gekümmert. Natürlich habe ich sinnvollen Unterricht abgehalten. Aber die Richtlinie war 2021 krass in Richtung Alles-was-dem-weiter-Überleben-dient verschoben. Tu, was getan werden muss, aber für Aufgaben darüber hinaus sind keine Ressourcen mehr abrufbar.

Ich frage mich ernsthaft, woran das liegt. Und weshalb ich ganz deutlich die Rückmeldung empfange, dass es fast allen Kolleg*Innen genau gleich geht. Denn – und jetzt kommt das Paradoxon – gearbeitet habe ich in diesem Schuljahr weniger als je zuvor mit einem vollen Deputat.

Das ist zunächst ein erklärungsbedürftiger Satz. Weggefallen sind zunächst mal viele Korrekturen, da wir in den Phasen über Inzidenzwert 35 die Schüler*Innen nicht unnötig in Räume pferchen wollten. In meinem Hauptfach habe ich nur halb so viele Aufsätze schreiben lassen, im Nebenfach war im zweiten Halbjahr darüber hinaus das Klausuren Schreiben ohnehin lange untersagt. In den allermeisten Geschichtsklassen gab es dieses Jahr nur mündliche Noten.

Ebenfalls weg fielen viele sogenannte „Hohlstunden“ und Fahrzeiten. In der Distanzphase war mein Weg aus der Arbeit hinein ins Private wahnsinnig kurz: Diensttablet aus, willkommen daheim. Was hing ich früher in meiner Schule herum und war bereit für irgendwelche anfallenden Aufgaben! Heimfahren lohnte sich damals oft nicht, in diesem Winter war ich aber ständig daheim, konnte später aus den Federn, hatte viel mehr Zeit für mich. Eigentlich müsste ich erholt sein wie ein Honigdachs.

Wahr ist leider: ich bin fertig.

Es kann also, conclusio eins, nicht an der hohen Arbeitsbelastung liegen. Übrigens gilt, so weit ich das beurteilen kann, das oben Gesagte ganz genau so für unsere Schüler*Innen. Weniger zu tun an der Schule als sonst, dennoch tief im mentalen Keller. Was ist aber sonst mit uns passiert, wenn es doch weniger zu tun gab als früher?

Ich behaupte: Die Überlastung war mentaler Art. Wir, die vielen Menschen die täglich ins Bildungssystem wanken, sind nicht überanstrengt, sondern bis zum Umfallen frustriert. Unserer Arbeit wurde der Sinn genommen.

Wenn wir eines deutlich in dieser Krise gesehen haben, dann dass Bildung und die damit beschäftigen Menschen – Lehrer*wie Schüler*Innen – absolut keine Rolle spielen, außer die, dass sie nicht zu Hause bleiben dürfen. Und dass wir andererseits als Betroffene keinerlei Anstrengung wert sind. Von Anfang an blieb es für uns bei Lüftungstheorien und Abstandsregeln, erst als die Infektionszahlen katastrophal wurden, haben die Verantwortlichen zähneknirschend reagiert. Ein paar Masken wurden verteilt, davon viele von zweifelhafter Qualität.

Was wir zu Hauf von euch bekommen haben, sind kurzfristigste Anweisungen. „Fahren auf Sicht“ hieß für die Schulverwaltung nicht, dass man seltener auf die Karte blickt oder gerade mal 50 Meter vorausschaut, es hieß: „Wenn etwas vor dem Kühlergrill auftaucht dann belle ich hektisch ein paar Befehle und lasse andere mal machen.“ Und man fühlte sich am Ende der Befehlskette auf dem Narrenschiff blöderweise immer verantwortlich, diesen Irrsinn in der Organisation eines großen und relevanten gesellschaftlichen Bereiches irgendwie umzusetzen und ihn Schüler*Innen und Eltern zu vermitteln.

Eine typische Seite Verordnungsblabla aus dem Kultusministerium endet mit einem „ich weiß dass wir den Schulen gerade sehr viel zumuten“ und einem schalen und verlogenen Apell an das Wir-Gefühl, aus dem man sich schon selbst aber lange verabschiedet hat. Am schlimmsten ist aber dieses zynische Bedanken.

Dieses Gefühl alleine und unter der festen Prämisse, dass man keinerlei Unterstützung erwarten darf – das laugt mich aus und ich habe den Eindruck es geht vielen so. Deswegen ist mein Seelentier in den Sommerferien 2021 ein zerknautschter, abgerissener Latschen.

Nur um das zu betonen: Unser strukturelles Verlassenwerden durch die Verantwortlichen hat nichts im Geringsten mit Parteiausrichtungen zu tun. Gestern hat die grün-schwarze Mehrheit im Landtag gegen Luftfilterprogramme gestimmt, geplante Entlastungsstunden für Schulleitungen wurden von der neuen grünen Bildungsministerin mit als erstes weg gespart.

Unter der Brille ist es für mich auch völlig wurscht, wenn Laschet im Herbst gewinnt.

Die Gerechtigkeit des Lehrers* unter besonderer Berücksichtigung des Retweets

Auf Twitter gibt es einen neuen Trend. Simpel, wenig Aufwand, viele garantierte Retweets und Klicks, geht so: Ich fotografiere als Elter* ein Arbeitsblatt/eine Klassenarbeit meines Kindes, auf dem/der ich irgend etwas bemäkele. Häufig zu Recht. Korrekturfehler, falsche Informationen oder missverständliche Formulierungen kommen ja durchaus vor. Manchmal tut’s auch eine aus dem Kontext gerissene Verfälschung der Zusammenhänge, mach das ruhig, das haut vermutlich hin, du musst nehmen, was die Schule an Gelegenheiten zum öffentlich Werden bietet. Knall das in ein soziales Netzwerk mit hoher Erregungsfrequenz, verknüpft mit der scheinheiligen Bitte um Beurteilung oder Hilfe, formuliere es gerne als „einfache“ Frage, ob man das als Lehrer*In so sagen/bepunkten dürfe. Und dann warte ab auf wieviel K’s Herzchen von empörten Leidensgenoss*Innen du so kommst.

Funktioniert sehr zuverlässig.

Die Gerechtigkeit der Schule liegt den Bürger*Innen im Netz sehr am Herzen. Das merkt man an der sich dann entfalteten Diskussion. Übrigens ist Bürger*Innen an dieser Stelle ganz sozial gemeint und nicht als Rechtsbegriff, die Art der Kommentare, die Orthografie, die benutzten Worte lassen auf eine zutiefst bürgerliche Fanbase dieser „Darf-die-Lehrerin-das-mit-meinem-Kind-machen?“-Rituale schließen. Aber nicht täuschen lassen. Nur weil „Die_Marieke_vom_Dorf“ oder „Kaffeemax“ vermutlich aus einem Reiheneckhäuschen mit einem teuren Smartphone in der Hand twittern, kommt der Hass in den Postings trotzdem von der Straße. Die Entlassung der betreffenden Lehrkraft aufgrund der Bepunktung einer Grundschul-Matheaufgabe zu fordern gehört noch zu den kontrollierten Reaktionen der Bubble.

Gerechtigkeit an den Schulen ist unseren Bürger*Innen wichtig. Extrem.

Vor allem wenn es um Jettes Matheaufgabe oder Hendriks Arbeitsblätter geht. Also innerhalb der eigenen saturierten Schicht. An anderer Stelle wird das Thema Bildungsgerechtigkeit von Max und Marieke auf Twitter eher achselzuckend behandelt. Zum Beispiel hier:

Die Geschichte von Frieder und Annabella.

Frieder und Annabella sitzen in der selben Klassenstufe, bei den Kleinen am Gymnasium. Ihre Lebenswelten könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Man sieht das schon am Outfit und das ist nur die unterste Stufe der Trennungslinien zwischen Frieder und Annabella. Frieder kommt meistens im selben T-Shirt und in einer etwas beuligen grauen Jogginghose. Er ist leider ein bisschen dick, vielleicht von Tiefkühlpizzen und den gut-und-günstig-Chips. Man schaut nicht so genau darauf, was er sich aus dem Kühlschrank holt, wenn er alleine ist. Annabella ist selten alleine, das wäre aus der Sicht ihrer Eltern zu gefährlich. Ihr rosa Kapuzenpulli prunkt mit einer sehr stylishen Marke aus dem Netz, aber sie trägt ihn nur heute und vielleicht im Herbst wieder, dazwischen trägt sie ihre anderen Outfits. Annabella ist schlank und sportlich, wird sehr bewusst aus dem Sortiment des Wochenmarkts und des Hofladens im Nachbarort ernährt. Für Biosteaks und Obst ohne Chemie fährt der Vater gerne mit dem SUV ein paar Kilometer am Wochenende.

Frieders Mutter geht zu Fuß zum Aldi, manchmal fährt sie eine Freundin aus dem Block nebenan mit ihrem alten Corsa, wenn sie viel zu schleppen hat. Zum Einkaufen kommt sie eigentlich nur am Wochenende, Wochentags ist sie arbeiten, dann ist Frieder alleine in der Wohnung. Frieder ist inzwischen alt genug, um zu begreifen, dass er arm ist. Weil er etwas dick ist und immer das Gleiche anhat und manchmal morgens ungeduscht in die Schule geschickt wird, sitzt er alleine. Das Verhältnis zu seiner überforderten Mutter ist nicht immer ganz einfach.

Annabella liebt ihre Eltern und die lieben Annabella über alles. Nicht nur auf Sport und Ernährung wird geachtet, sondern auch auf musische Bildung – den Schulen kann man das ja nicht überlassen. Also geht sie nicht nur zwei mal die Woche auf den Reiterhof, sondern auch zur Klavierstunde. Groß weiter gekommen auf dem Instrument ist sie seit der vierten Klasse zwar nicht, aber das Piano im Wohnzimmer macht sich gut, und Annabellas Übungsgestümper ist dann auch wieder nicht so schlimm. Frieder macht keinen Sport, die Vereinsgebühren sind nicht drin. Man könnte Hilfen beim Amt beantragen, aber seine Mutter ist dafür halb zu stolz und halb zu apathisch, und das Amt zu kompliziert in seinen Beantragungsformalien. Aber Frieder hat eine Playstation und wenn die weggeschlossen wird, dann kann er immer noch nachts auf dem Handy zocken.

In einem ist aber Frieder Annabella voraus. Annabella ist nämlich ziemlich dumm.

Das darf man als Lehrer über Kinder nicht schreiben, aber so würde es Frieder ausdrücken und es wäre ziemlich wahr. Annabellas intellektuelle Veranlagung ist in der Tat gering und eingewickelt in ihren kostspieligen Kokon muss sie auch ihren Kopf nie anstrengen und entwickeln. Den Kopf machen sich ja Mum und Dad für sie. Sie beteiligt sich zwar eifrig und selbstbewusst an den Themen, versteht aber wenig und ihre Schlussfolgerungen sind so unbedarft und unlogisch, dass es den Lehrer*Innen Schwierigkeiten macht, zu erkennen, wo ihre Denkfehler eigentlich anfangen. Frieder hingegen ist schlau. Er durchblickt Dinge und kann logische Verknüpfungen bilden. Wenn man ihm einen Text vorlegt, dann durchsteigt er ihn, falls man ihn zum Bearbeiten der Aufgaben bewegen kann. Das geht nur an guten Tagen.

Natürlich hat Frieder große Lücken.

Er kann sich nicht zum Hausaufgaben machen motivieren und hat bei den Aufgaben zu Hause keine Unterstützung. Es ist allen ziemlich egal, ob er sie erledigt oder nicht, das ist bei einem Zwölfjährigen nie gut. Er müsste sich auch erst eine Ecke am überladenen Küchentisch freiräumen oder er beugt sich über den niedrigen Couchtisch vor dem Fernseher. Unbequem. Annabella hat einen schönen Schreibtisch aus Echtholz. Wegen dieser Unterschiede lernt Frieder auch nicht auf Klausuren. Er weiß im Grunde gar nicht, wie man lernt. Annabella hingegen muss ihre Hausaufgaben und Lernaufschriebe regelmäßig Abends vorzeigen, sie wird dann ausgiebig gelobt. Deswegen schreibt sie trotz fehlender Durchsicht auf die Zusammenhänge des Stoffs immer noch Zweibisdreier. Das wird sich ab Klasse 9 ändern, wenn der Anspruch anzieht, aber dann wird für sie eine teure Nachhilfeschule bereitstehen. Frieder schreibt konsequent Fünfer. Er lernt nicht, hat auch keinen nachhaltigen Wissensschatz bisher aufgebaut, er ist eben in der Situation schlau, kann aber nichts weiter Entferntes abrufen.

Frieder wird dieses Jahr sitzenbleiben und dann auf die Realschule gehen. Es ist kaum möglich, dass er seine Wissenslücken noch aufholt, nicht bei seinen Begleitumständen. Die 26K Likes unter dem Korrekturlink fragen an dieser Stelle natürlich unisono und anklagend, was die verantwortliche Lehrerin denn bitte gegen Frieders Schulversagen unternommen habe!1! Natürlich gab es zahlreiche Gespräche mit der Mutter und Frieder, eines sogar nach dem Sommer noch life von Angesicht zu Angesicht, aber Hilfeangebote für sie und Frieder z.B. von unserer Schulsozialarbeit oder der schulpsychologischen Beratungstelle des Kreises, wollte sie nicht annehmen. Man kann auch mit einem Realschulabaschluss etwas aufbauen.

Stolz und Apathie.

Annabella wird Abi machen und in der Welt etwas werden. Was aus Frieder werden wird, ist eine spannende Frage.

Wer sich über Ungerechtigkeit im Schulsystem virtuell aufregt, der fokusiert sich auf einzelne Iphone-Fotos von Klassenarbeiten und Arbeitsblättern. Die bürgerliche Masse versteht ein falsche Mathebepunktung, das soziale System hingegen ist ihr zu abstrakt und als Profiteur der Verhältnisse zudem unangenehm. Und der Hashtag erreicht nach vier Stunden die Trends, dann sehen alle, wie recht wir Empörten mit unserer Wut doch haben. Das ist doch wichtig1!1

Frieder wird von niemanden für wichtig gehalten. Er wird aussortiert, obwohl er intelligent ist, denn wo würde Annabella hinkommen, wenn Unterschichtkinder plötzlich in einigen Jahren Annabellas sozialer Klasse die gut bezahlten Stellen wegnehmen? Die sind für mittelmäßige Menschen aus der gehobenen Mittelschicht reserviert, nicht für Frieders oder Gültazes oder Wladimirs. Die gehören an eine Supermarktkasse.

Ihr jämmerlichen Existenzen.

À la prochaine

Vorspiel: This is just a Test.

Das Testzentrum ist in einer Shisha-Bar. Einer fucking Shisha-Bar.

Ok, ich dramatisiere. Die Bar in der Theodor-Heuss-Straße ist von jenem Typus, der mit weißen Wodka- und Whiskey-Labels auf schwarzem Hochglanzplastik um Kunden buhlt und unter der Theke eine dunkelblaue LED-Leiste leuchten hat, überhaupt gehören LEDs zum Kernkonzept dieser Art von Kneipe, vermutlich dazuhin dünne Happy-Hour-Cocktails aus der Top-10 der allseits bekannten Mixgetränke. Eine Shisha kann man vermutlich aber, das muss ich fairerweise wohl hinzufügen, hier nicht bestellen. Wie gesagt, „Sisha-Bar“ hört sich eben witziger an. Normalerweise würde ich trotzdem nicht reingehen, sondern in Stuttgart darauf setzen, irgend etwas Cooleres zu entdecken. Aber heute muss ich rein.

Ich benötige einen negativen PCR-Test. Als zweifach Geimpfter.

Als mir als Solidaritätsverweigerer von der Bundesregierung meine Impfprivilegien auf einem goldenen Tablett vorgelegt wurden, ergriff ich die erste Gelegenheit, bei der ich nicht mehr zwei Wochen lang nach Rückkehr in Isolation müsste, und buchte eine Ferienwohnung in Frankreich. Selbes Konzept wie immer.

Nur, dass den Franzosen meine Impfprivilegien scheißegal sind. Macron ist neo-liberal, und wie alle aus dieser politischen Nische verortet er Probleme gerne jenseits der Grenze, bevor es irgendein linker Gutmensch in den Produktionshallen der heimischen Wirtschaft verortet. Jeder, der nach Frankreich einreist (natürlich Berufspendler und Warentransporteure ausgenommen – die sind ja Teil der Wirtschaft) benötigt einen negativen PCR-Test, egal wie oft er schon geimpft wurde.

Also stehe ich am Samstag Morgen in der Schlange vor der Shisha-Bar (ihr wisst, es ist eine leicht andere Art Bar) um mich testen zu lassen, vor mir eine Familie (hat wohl ebenfalls Reisepläne), hinter mir zwei junge Frauen mit goldenen Handtaschen an farbig passenden Metallketten (Termin-Shopping-Vieh, kostenloser Schnelltest). Der Test kostet mich 79 €, ich verbuche es unter sonstige Reisekosten. Bis jetzt war ja 2021 ziemlich billig. Die Shisha-Bar (ja, keine Shishas, schwachbrüstige Longdrinks, ich weiß) nennt sich „Testzentrum Stuttgart-Esslingen“, ihr Logo ist ein Coronavirus in Nationalfarben.

Kannste dir nicht ausdenken.

Oder vielleicht konnte man sich schon, wenn man bedenkt, dass hinter der Strategie „Testen statt schließen“ unsere Taskforce Jens Scheuer und Andi Spahn steckt, die Projektmanager des Vertrauens für konservative Regierungsparteien. Vielleicht ist die Kneipe deshalb so ganz in schwarz gehalten. Jedenfalls lasse ich mir ein Wattestäbchen in den Rachen rammen, würge ein paar Mal unflätig und spaziere dann aus der Pinte. Wenigstens ’n Caipi obendrauf hätte für das Geld ja drin sein können. Das Testergebnis kommt am Sonntag Abend, ein bisschen ungeschickt, dass ich da bei lieben alten Freunden in Freiburg sitze. Aber irgendwie kommt das schon in meine Reisetasche.

Übrigens: Fickt den Mythos von der Informationsgesellschaft. Es ist schlechterdings unmöglich im gesamten WorldWideWeb herauszufinden, ob der negative Test für die französischen Behörden in Papierform mitgeführt werden muss, oder ob er auch elektronisch akzeptiert wird. Keine offizielle Stelle gibt Hinweise auf die vorgeschriebene Form. Schließlich finde ich ein Deutsch-Französisches-Freundschaftsforum, in dem irgend jemand schreibt, vor ein paar Tagen hätten die Flics auf dem Parkplatz vor’m Cora in Straßburg auch ein Dokument auf dem Handy akzeptiert.

Ein Nachbar meiner Freiburger Freunde druckt Abends die beiden Seiten für mich aus. Jetzt brauche ich nur noch eine „Declaration de Honeur“, dass ich kein Fieber habe und auch keinen außergewöhnlichen Durchfall. Ich suche nach dem Feld, wo ich ankreuzen muss, dass ich weder Millionenboni für windige Maskendeals erhalten habe noch in Asserbaidschan auf Kosten der dortigen Regierung zwei Wochen in einem Luxusresort residiere, bis mir einfällt, dass das ja die deutsche Ehrenerklärung für Abgeordnete einer Law-and-Order-Partei ist.

France, ich komme!

Tag 1 – nichts Los auf le Mont

Als ich morgens um 6.00 über den Rhein fahre, bin ich mutterseelenallein. Kein Auto vor mir, keines hinter mir, die Maisonne lacht über dem Grenzfluss, so dass man sofort „der Rhein von oben“ für den SWR drehen will. Niemand hält mich an der Grenze auf. Nie – m a n d . Da ist wirklich niemand. Ich kann mich nicht so recht über meine Rückkehr nach Frankreich und das tolle Wetter freuen, ich denke über 79 Euro nach und was man sich dafür hätte Geiles kaufen können.

Ich bin ein Kleingeist.

Einmal durch das Elsass gurken, dann durch Lunéville gurken und weiter Richtung Pont-à-Mousson. Auf dieser Strecke bin ich mautfrei unterwegs (Na ja, einmal gibt’s nen Tunnel, der 6 Euro kostet), aber auch ziemlich langsam. Dörfer, Traktoren und französische Rentner in Kleinwagen verschwören sich gegen mich. Hinter Lunéville werde ich geblitzt. Kommt auf die Liste der „sonstigen Reisekosten“, bekomme ich wenigstens mal wieder Post aus Paris. Frankreich hat eine sehr gut zentral verwaltete Bußgeldstelle, wieder ein Punkt, an dem der Föderalismus klar verliert.

Es ist kurz nach 9.00 als ich meine schwarze Hausmeisterkutsche am Le Mont auf halbem Weg am Feldrand abstelle. Alles ist wie immer. Sonne-Feld-Wald-Fuchs-Hase. Wie es immer so war. Nur dass ich diese Ausflüge so beschissen vermisst habe, noch mehr, als ich Konzerte und Kneipen vermisse. Während bei Tönnies und bei Onkel Ottmars Spargelplantage die Wirtschaft ungestört weiterlief, mussten wir die Pandemie mit Beschnitten im Privatleben runterfahren. Räder müssen rollen für das BIP, nur meine durften halt deswegen nicht rollen, die trugen zu wenig zum Volkseinkommen bei.

Ich bin sehr glücklich, als ich meine lange vernachlässigten Outdoor-Stiefel schnüre.

Der Le Mont ist ein langgestreckter Ost-West-Höhenrücken zwischen dem Bois Brûlé und dem Montsec. Im Bois Brûlé gibt’s wie an anderer Stelle beschrieben viele Zünder, auf dem Montsec steht heute das prominenteste amerikanische Kriegsdenkmal (obwohl er 1918 zunächst von französischen Kolonialsoldaten besetzt wurde, talking `bout Marginalisierung). Der Le Mont war eigentlich ein Paradebeispiel für einen wirklich glücklich angelegten Frontabschnitt. An seinem steilen Südhang konnte man Gräben und Maschinengewehrnester anlegen, um den einige Kilometer südlich im Flachland herumhängenden Franzmann einzuschüchtern, hinter seinem steilen Nordhang saß man beschusssicher im Ruhelager.

Der Montsec wurde nie erstürmt, sondern aufgegeben, weil der amerikanische Powerblitz von Norden und von Süden den Frontbogen von St. Mihiel abschnürte und man einer Einkesselung in die unattraktive Fratze blickte. Weltkriegsforen in den Untiefen des Netzes sprechen von beeindruckenden Grabensystemen, zahlreichen Betonbauten und einem ausgedehnten Stollennetz.

Das ist nicht ganz falsch. Aber der Wald wirkt doch sehr aufgeräumt. Das, was mich interessiert, das hinterlassene menschliche Zeugnis, die leere Flasche, das Stück Stiefel, die fallen gelassene Patrone, nichts davon sehe ich auf meiner Tour. Dafür ist das Tierleben aktiv und sagt hallo. Aus einem Stolleneingang springt ein panischer kleiner Fuchs hervor und erschreckt mich zu Tode. Vor einem anderen bröckeligen Loch im Hang flattert eine nervöse Fledermaus auf und ab, in brennender Sorge, ich könnte ihre Schlafhöhle betreten. Ich bin nett und lasse es bleiben. Gegen später schnürt noch ein Reh etwas hektisch über meinen Weg, aber na ja, Rehe, Rehe sind für den Wald das, was Zeichensetzungsfehler in Aufsätzen sind: eigentlich immer vorhanden.

Ansonsten finde ich in den tiefen Gräben nur ein paar Scherben und eine Schrappnellkugel auf dem Weg. Aber der steile Wald ist als Gelände anstrengend wie Harry und ich bin diese Art von Tag einfach nicht mehr gewohnt. Verdammtes Versumpfen auf dem Gaming-Chair! Als ich gegen vier wieder am Auto bin, fühle ich mich fertig wie Schnitzel, außerdem meldet sich meine Gräserallergie.

Trotzdem – schöner Tag, ich hatte dich vermisst.

Nun sitze ich bei Claude in der Einliegerwohnung. Claude hat offensichtlich einen Verleih für Hebebühnen, lebt alleine in einem alten Haus in Lacroix-sur-Meuse und vermietet eine günstige Ferienbleibe. Leider ohne WiFi, obwohl ich dachte, ich hätte es auf der Homepage gesehen. Zu faul, um mit dem Handy nachzukucken, ist jetzt ohnehin nicht mehr zu ändern. Dafür ist Claude sehr nett und kommunikativ, gibt gute Tips über den Ersten Weltkrieg in der Gegend, schade, dass ich so wenig davon gut verstehe.

Morgen geht es in meine Lieblingsecke: Die Argonnen.

Tag 2: Der Horror in den Argonnen.

Ich stehe am jenseitigen Ufer des Baches und starre auf die Hänge gegenüber. Fassungslos. Ich kann kaum glauben, was ich da sehe.

Die Argonnen sehen in Teilen wieder so aus wie 1915.

Nackte weiße Kalkbrocken bilden eine mondartige Landschaft am Abhang, dazwischen sind die Reste der alten Linien und Krater zu erahnen. Der ONF hat die toten Stämme abgeräumt, bevor sie umfallen und man sie gar nicht mehr zu Geld machen kann. Einige überlebende Bäume recken anklagend ihre dünne Stämme in den Himmel. Nackte, tote Erde, knochenbleich, wenn jetzt Einschläge hochspritzen würden, es wäre nicht unpassend.

1915 revisited

Nur, dass diesmal nicht der Krieg die Bergrücken mit Verwüstung überzieht, sondern der Klimawandel. Schon auf der Herfahrt, über die Varenner Straße, blickte ich fassungslos auf den Skelettwald, der sich da (noch) in die Höhe reckt. Lauter braune, tote Stämme, kilometerlang, ein kleiner Vorgeschmack auf das Schicksal der meisten europäischen Nadelwälder in der nächsten Zeit. Ich erinnere mich wie ich vor vier Jahren durch diesen Wald ging, vom aufgegebenen deutschen Regimentsfriedhof hin zu den Betontrümmern der „Blinkanlage Walhalla.“ Satte, grüne Moosmatten in einem traumhaft hohen Fichtenwald. Vermutlich waren die Bäume schon damals todkrank, nur ich als Bodenkucker und Laie konnte es nicht sehen. Jetzt ist es unübersehbar, in der Phalanx der Fichtenleichen steht kein lebendiger Baum mehr, Dürre und Borkenkäfer haben einen Leichenwald produziert. Die Sonne knallt auf die freigelegen bröckelnden Betonmauern des bisher eingewachsenen Weltkriegsfriedhofs. Wie passend, wie metaphorisch.

Wie erschütternd.

Willkommen im Knochenwald

Der Klimawandel ist eine feine Sache, wenn man ihn aus den Medien heraus konsumiert. Ein paar Fridays-for-Future-Tweets da, ein paar Nachrichten von der Polarstern hier, eine statistische Kurve in der Tagesschau, pünktlich zum Abendbrot. Wenn man direkt vor der Klimakatastrophe steht, von Angesicht zu Angesicht – nun, cette une chose différente.

Ob auf den nackten Kalkböden jemals wieder etwas Vergleichbares wachsen wird, wie die mächtigen Argonnenwälder? Wie lange wird es dauern, bis der Friedhof wieder von Wald umgeben ist? Wir haben die Argonnenwälder der Zukunft geraubt, wir haben sie denen geraubt, die heute Kinder sind, wir haben sie verheizt im Namen der Braunkohlereviere und der SUV-Designer, zwei Kinder, Loft, Stuttgart-Ost. Waren es die Arbeitsplätze, war es die Dividende für Daimler-Aktionäre wert, dass diese Wälder nun Geschichte sind? Steht ihrem Verlust ein einigermaßen fairer Gewinn für die Leute gegenüber, die möglichst langen und ungebremsten CO2-Ausstoß wollen?

Zynische Frage, natürlich wird der Clusterfuck, der über die junge Generation hereinbricht, nicht einen Hauch vom erwirtschafteten Gegenwert der Industrie ausgeglichen. Wir haben unschätzbare Werte für einen monetären Furz in der Quartalsbilanz eines Dax-Konzern verzockt. Aber die Rendite holen sich die Herren im Anzug heute, das Drecksleben hat ja später ihre Enkel*In und nicht sie. Hoffen sie. Da zögert man nicht, wen kratzt, was in zwei Jahren ist.

Ich bin, wie ihr seht, ernsthaft geschockt.

Wenn die Forstbehörde so einen toten Wald wegräumt, dann nimmt sie dafür schweres Gerät. Es muss ja schnell gehen, jeder Tag kostet, nur das beste System ist rentabel schnell beim Arbeiten. Acht Reifen in Mannsgröße, die sich 40/50 cm in den Boden eingraben, automatische Baumernter, geländegängig, kommen überallhin, räumen Bäume effektiv und in Reihe ab, Entastungsautomatik.

Die halbautomatischen Monsterernter fahren an alle Stellen des Hanges, alle 10 Meter zieht sich eine tiefe Schneise den Berg hoch. Interessant, was der Baggerreifen so alles aus dem Boden wühlen: natürlich 1000 rostige Splitter, Stacheldrahtstücke, leere Granatenhüllen, eine einsame deutsche Patrone.

Archäologie und Umweltschutz

Man könnte das auch als die Zerstörung von Bodendenkmälern bezeichnen, aber wer denkt bei der momentanen Bauholzknappheit schon an Archäologie. Einmal stehe ich vor einem Loch, das entstand, als sich der Bagger direkt durch den alten Unterstand für die Soldaten fräste. Zufall, das Bodendenkmal war halt im Weg. Einige Flaschenscherben und Stacheldraht zeugen davon, eine undefinierbare Metallscheibe, eine Koppelriemenschnalle und ein flachgerollter Gasmaskenfilter. Ein wenig, wie wenn man eine sehr große und kräftige Harke durch ein keltisches Hügelgrab zieht.

Wenigstens haben sie offensichtlich diesmal die hochgewühlten scharfen Blindgänger nicht einfach liegen lassen, wie auf dem Toten Mann im letzten Jahr.

Irgendwann in den 2000ern verglich jemand für das Schlachtfeld von Verdun die Bodendenkmalkarte aus den 30er-Jahren mit dem aktuell noch vorzufindenden Stand. Er stellte in seiner Forschungsarbeit fest, dass in 80 Jahren Forstwirtschaft ca. 70 % der menschengemachten Bodenstrukturen durch Waldarbeiten eingeebnet wurden. Daraufhin wurden Schutzzonen für die letzten paar Kilometer Grabenrest von Verdun ausgerufen. In den Argonnen ist man noch nicht so weit.

Ich bin wütend und frustriert. Vielleicht gibt es ja keine andere Möglichkeit, vielleicht muss man das borkenkäferwimmelnde Totholz in aller Hast herausholen, um (noch) Schlimmeres zu verhindern. Aber wohin ich blicke sehe ich sinnlose Zerstörung von Natur- und Kulturschätzen, die den Menschen nach mir gehört hätten. Wir rauben sie ihnen, wegen Geld.

Wegen fucking Geld.

Ich könnte jetzt noch viel schreiben über den heutigen Tag, über das alte Lager in der Schlucht, das ich finde, mit seinen Flaschen, mit seinen verzierten Gusseisernen Öfen, wie ich ein Zigarettenetui (den Messingrahmen) im Flussbett entdecke oder ein Stück Flaschenscherbe auf dem noch deutlich lesbar „Maggi Würze“ steht; Ich hatte durchaus meine schönen Sachensucher-Momente heute. Was bleibt sind aber die Eindrücke von der gnadenlosen Misshandlung eines meiner Lieblingsorte.

Ich zeige daher einfach noch ein paar Bilder und dann ist gut.

Tag 3: Ravin de lai Fuont

Was für ein seltsamer Name für einen äußerst malerischen Ort. Zwischen der Höhe 304 und der Kraterkette von Vauquois verläuft im rückwärtigen Argonnengebiet ein breites Wiesental, gesäumt von flachen Hügel-Ketten, fast genau in Ost-West-Richtung. In seiner Mitte plätschert ein kleiner Bach, ohne die Weidezäune könnte man fast die Gefährten des Ringes in einer langen Drohnenfahrt hindurch ziehen lassen.

Wären nicht am Nordrand die vielen Gräben und Bunker.

Entlang der Ravin basteln die Deutschen ihre dritte oder vierte Verteidigungslinie. Die wievieltegenau weiß der Teufel die OHL. Sie haben dafür lange Zeit, also wird betoniert und gebuddelt was geht. Irgendwann im Oktober 1918 kommt die amerikanische Maas-Argonnen-Offensive, die zwar nicht so geil läuft wie die Beseitigung des Frontbogens von St.-Mihiel, aber die Front weit nach Norden drückt. Übrigens ist diese heute fast völlig vergessene Offensive die längste und verlustreichste Schlacht der US-Geschichte, sowohl Gettysburg als auch die Strände der Normandie müssen sich hinten an stellen. Die Ravin mit dem unübersetzbaren Namen findet ein paar Mal in den US-Regimentsgeschichten Erwähnung, wegen der großen Schwierigkeiten durch zahlreiche Maschinengewehrnester, die einzeln von den Amerikanern flankiert werden mussten. Nach zwei Tagen war die Sache durch und man zog weiter Richtung Montfaucon.

Bunkerturtle

Der Spot ist bis heute als Schlachtfeld weitgehend vergessen. Geblieben sind zahlreiche Gräben, Artillerie-Stellungen und betonierte Anlagen, häufige Wellbrechröhren führen schräg in die Erde, die darunter liegenden Räume im Kalk sind allerdings konsequent eingestürzt. Wenn man mit offenen Augen durchgeht, dann braucht man einen halben Tag die Schlucht hinauf, und den anderen halben wieder zurück.

Ich finde eine hübsche kleine Flasche (Medizin?). Ansonsten ist hier wohl aufgeräumt worden, der damals sicher üppig gezogene Stacheldraht ist fast komplett futsch. Es ist sehr heiß und ich merke am ganzen Körper die beiden vorherigen Tage. ich bin nicht mehr so fit, wie vor einem Jahr, wie auch, wenn durch Kampfzonen kriechen die einzige aktiv ausgeübte Sportart ist. Nach dem Mittagsvesper schlafe ich auf einem Bunkerdach im Sitzen ein, bis mir ein kleiner Ast auf den Kopf fällt und mich weckt.

Kein Witz.

Auf dem Rückweg entdecke ich die Holzfäller, der Südrand ist Nadelwald, wird gerade abgeräumt. Motorsäge, Motorsäge, Baumernter, Traktor, Ratatatatata. Das bleibt also ein Leitthema.

Tag 4: Wo die Wege Geschichten erzählen.

Es ist gut, dass mich so gut wie nie jemand auf meinen Exkursionen beobachten kann, mangels anderer Menschen um mich rum. Wenn der Holzfäller-Traktor an mir vorbeifährt ändere ich schnell mein Verhalten zu normaler Wanderer, aber sonst muss ich einen lustigen Anblick bieten. Im Schneckengang, die Augen fest auf den Quadratmeter Boden vor mir fixiert, ein Kilometer dauert so eine Stunde. Jetzt habe ich es ins Internet herausgeschrien, kann mir nicht all zu peinlich sein.

Es ist ein hochinteressanter, sehr langsamer Kilometer.

Ich bin wieder auf dem Toten Mann unterwegs, die Ecke, wo es dermaßen knallte, dass der Erdboden zu einem Gutteil aus Zivilisationsresten besteht. Ich bin inzwischen geübt darin, auf Farbunterschiede anzuspringen. Rostbraun, in 99 % aller Fälle ein Granatsplitter, manche sind Armlang. Zu 1 % ein interessantes anderes Objekt. Blaugrau, Blei, zu 99 % Schrapnellkugeln, lustige kleine Metallmurmeln und eine perfide Massenvernichtungswaffe, manche noch perfekt rund, manche bis zur Unkenntlichkeit deformiert. Grünlich: Kupfer und Messing, meistens Splitter vom Führungsband der Granaten, gelegentlich Patronen oder deren Hülsen, manchmal etwas sehr Interessantes.

Was kreucht und fleucht am Wegesrand?

Heute ist das ekelhafteste Wetter der Welt: Dampfbad. Schon um 8.00 Uhr dünsten die Wälder und Wiesen vor sich hin, so dass einem am frühen Morgen der Schweiß unterm Mützenband quillt. Die Stechmücken drehen völlig durch, wer auch immer dachte, die Biester kommen aus dem Sumpf, der ist noch nie durch einen feuchten Buchenwald mit Unterholz geschlichen. Wenn die Sonne zwischen den dicken Quellwolken herausbricht, dann kommt sie als gnadenlose Lasersonne zum Vorschein, die neue Wasserwolken aus dem klatschnassen Schwamm der Erde kocht. Einmal verlaufe ich mich und gehe durch eine hohe Wiese weiter. Schwerer Fehler, danach bin ich bis zum Oberschenkel geduscht.

Das Schlachtfeld ist am besten im Winter zu besuchen. Die warme Jahreszeit ist komplett scheiße. Nicht nur Hitze und Insekten (Zeckendreckskackrotzviecher) machen mir meine Obsession schwer. Dornenranken sind eine allgegenwärtige Pest, Unterholz und Laub, das den Blick verstellt. Am liebsten bin ich hier an einem klaren, schneefreien Januartag. Aber ich muss nehmen, was ich kriegen kann, wer weiß, ob ich im kommenden Winter hierher darf.

Irgendwann erwische ich das Stück Weg, das für die riesigen Holzlaster verbreitert wurde – oh, habe ich vergessen zu erwähnen, dass sie die toten Wälder wegräumen? Die Planierraupe hat hier rechts am Weg die Deckerdschicht aufgetürmt, bis zu einem Meter hoch lockerer Kalkboden. Ich bin hin und hergerissen. Einerseits wird hier ein Quadratkilometer Erdbefund durcheinandergewirbelt und für immer zerstört. Wärs ein militariageiler Holländer mit Metallsonde gewesen, wäre weniger kaputt und es eine Straftat. Andererseits legt die Holzindustrie hier tausende Objekte frei, die sonst meinem Auge verborgen geblieben wären.

Ich sammele die interessantesten auf, immer wenn ich drei bis fünf in der Hand habe, lege ich auf einem der zahlreichen Baumstümpfe am Wegesrand damit eine kleine Installation an. Vielleicht kommt in ein paar Tagen ja noch jemand durch, der kein Forstamtsmitarbeiter ist.

Ich schleiche durchs größte Freilichtmuseum der Welt und bin sein allmächtiger Kurator.

Irgendwie macht mich das glücklich. Alle Fragen – Corona, Schule, das restliche Jahr – treten in den Hintergrund, sind quasi wie weggeblasen, wenn ich einen Zünder aus dem Boden kratze und den Kalkdreck abwische. Warum bin ich bei so was so entspannt, wie sonst nie? Ich bin einfach seltsam, thats it. Seltsam und Happy.

Als ich am Spätnachmittag völlig durchgeschwitzt am altgedienten Auto ankomme, donnert es vernehmlich und dicke schwarze Wolken wallen über der Maas. Mehr Feuchtigkeit für die Waschküche. Das einzige, was nach so einem Tag hilft, ist umziehen. Ich hab gerade die Schuhe halb auf, da geht die Welt unter. Fluchend kicke ich die völlig verschlammten Stiefel unter den Wagen, haue die Beifahrertür zu und versuche mich in meinem Auto in eine saubere Hose und ein nicht völlig nassgeschwitztes T-Shirt zu zwängen.

Danach ist mir unverständlich, wie man in Autos Sex haben kann.

Im strömenden Regen fahre ich los und brumme die einsame Landstraße hinab. Im Dorf Marre fällt mir auf, woran ich seit 20 Minuten nicht mehr gedacht habe: Meine schlammigen Stiefel. Sie liegen immer noch auf dem Waldweg, völlig eingeregnet. Sie waren erstens keine billigen, zweitens quasi das letzte Geburtstagsgeschenk meines Papas. Also umdrehen, zurück, die inzwischen völlig versifften Stiefel, die ich wenigstens nicht überrollt habe, aufsammeln.

Der Zeitverlust macht nix. Als ich eine halbe Stunde später im Riesensupermarkt in Verdun meine Vorräte an Orangina, Crème Brûlée und Camerbert aufstocke, sind alle Kunden auf eine halbe Stunde im Einkaufszentrum gefangen, weil es so schüttet, dass sich niemand auf den Parkplatz traut.

Klimawandel ist, wenn sich Dürre und Flut verbünden, um die Menschheit zurückzukorrigieren.

Tortuga (Update 13)

Oder: die Rückkehr zum Du

von Rainer-Maria Stiftelvischer

Unprofessionell und mit Hobbytechnik eingelesen von mir, mit Brüchen, Stockern, Akzent und Hasplern. Aber original. Sehr verschroben. Lustig gemeint.

T A U W E T T E R
F L U S S T Ä L E R
W Ä R M E Q U E L L E
W I N T E R S O N N E
S Ü D S T A U
H E C K E N R E I H E N
A B E N D W I E S E N (Das „Establishment“ im vorletzten Absatz ist natürlich ein „Etablissement“ …)
G I S C H T Z O N E
B R A N D U N G S Z O N E
S E T Z L I N G S F E L D E R
M O R G E N S T R A N D
S P A R G E L T R E I B E N
H O C H D R U C K S C H N E I S E
B I E N E N Z E I T
P A L M E N G A R T E N

Gespräch mit der Führung

Letztens, man glaubt es kaum, gerate ich in die Situation tatsächlich nahezu privat einige Worte mit der Führung zu wechseln. Also, mit einem kleinen Teil davon, denn meine Führung ist ein gewaltiger Apparat, bestehend aus vielen kleinen Rädchen, und die obersten Rädchen sind selbst den unteren nur vage bekannt, so dass das Gericht aus unendlich vielen Räumen und Gängen besteht, die selbst …

Ihr seht, ich bin gleich bei Kafka.

Ich sage jetzt nicht, um welches Rädchen es sich handelte, ich möchte niemand bloßstellen. In meinem Fall ist leider die Auswahl an plausiblen Kontaktstellen nicht all zu groß, ich wage aber zu Bedenken zu geben, dass im Fall des schulischen Bereichs momentan nicht nur der Bildungsapparat in Frage kommt, sondern auch das baden-württembergische Staatsministerium, das Sozialministerium oder das Gesundheitsministerium. Wie bekomme ich diesen Kafka-Tonfall wieder los?

Ich möchte jetzt auch nicht sagen, dass die betreffende Person, weiß, weiblich und älter war, weil ich es erneut hasse, wenn Klischees so geritten werden, und dann auch noch von der Realität. Ich behaupte also – fälschlicherweise versteht sich – dass ich zufälliger Weise mit Herrn Dugong aus Vietnam, 25 Jahre alt, an einem virtuellen Mittagstisch zu sitzen kam.

Der virtuelle Mittagstisch ist übrigens keine Falschbehauptung.

Der erste Kontakt war einseitig. Herr Dugong loggte sich in den virtuellen Break-Out-Raum einer Fachschulung ein, öffnete Mikrofon und Kamera und begann vor seinem Mikrofon mit dem Papier herumzurascheln. Ich hatte mir gerade einen Teller vegetarischer Bolognese vom Vorabend erwärmt und kam mit einer Cola-Dose an mein Dienstgerät zurück, als ich somit auf meine Führung traf. Herr Dugong war, während ich interessiert meine erste Gabel Nudeln wickelte, weiter mit seinen Papieren beschäftigt. Dann klingelte sein Telefon.

Erst als er sich mit „Dugong, Ministerium der Führung“ meldete, war mir letztendlich klar, dass ich es in der Tat mit unserer Führung zu tun hatte. Herr Dugong begann mit der unbekannten Person am anderen Ende einen strittigen Rechtsfall zu erörtern, sich offensichtlich nicht bewusst, dass er das Gespräch gleichzeitig ins virtuelle Netz streamte.

Als guter Beamter schaltete ich mich jetzt doch ein, ich weiß, welchen hohen Stellenwert der Datenschutz in meinem Bundesland genießt. Meinen Mund voller Nudeln hinab schluckend öffnete ich mein eigenes Mikrofon und wies fürsorglich Herrn Dugong auf sein geöffnetes Mikro hin. Er zuckte und stellt sich auf stumm.

Herr Dugong schien durch diesen Akt der guten Beamtenschaft – man stelle sich vor, ich hätte meiner Führung noch länger beim Arbeiten zugehört – eine mir gewogene Haltung einzunehmen. Jedenfalls – ich hatte gerade den zu meinen Spaghetti gehörenden Salat beendet – wandte er mir seine Aufmerksamkeit nach dem Diensttelefonat zu. Wir waren die beiden einzigen im Break-Out-Room, die nun Kamera und Mikro auf hatten, so dass eine nahezu private Atmosphäre entstand, ein Zusammentreffen mit der Führung, dass nur in seltensten Fällen erreicht werden kann.

Ich habe immer noch diesen ekelhaften Kafka-Tonfall.

Herr Dugong eröffnete unser Gespräch mit der Bemerkung, dass man innerhalb der Führung nicht mit dem hier in der Gewerkschafts-Konferenz eingesetzten Tool arbeite, und man sich somit erst wieder erneut in die Bedienung der Plattform einlernen müsse. Ich hingegen, als Lehrer, sei ja sicherlich mit der Plattform einigermaßen vertraut. Meine Entgegnung, dass dem nicht so sei, weil sich meine Schulleitung für die Plattform eines großen amerikanischen Unternehmens entschieden hätte, stieß auf hochgezogene Augenbrauen. Herr Dugong war überrascht, gab aber zu, dass dies wohl die best- funktionierende Alternative sei, wenn auch datenschutzrechtlich eventuell herausfordernd. Aber ich würde ja wohl nicht unbedingt im Videocall die Namen meiner Schüler*Innen nennen, nicht wahr?

Noch grübelnd, wie ein Unterricht ohne persönliche Ansprache der Teilnehmenden wohl ablaufen könnte – mit Tarnnamen? – , wandte ich ein, dass es ja vor allem um die Übertragung von IP-Adressen und Account-Informationen auf Server außerhalb der EU-Rechtsbestimmungen gehe. Herr Dugong von meiner Führung wirkte von dieser Erhellung der Rechtslage erneut ernsthaft überrascht.

Ich hatte gerade die Führung über die gültige Datenschutzgrundverordnung belehrt.

Entflammt von meinem vermeintlichen Erfolg gegenüber der Führung, entwarf ich weiterhin in einem Anfall von Kühnheit folgende Utopie: Hätte man vor einem Jahr, am Anfang der Pandemie, eine europäische Softwareschmiede mit der Entwicklung einer Lernplattform beauftragt, gar noch auf Open-Source-Basis, dann hätte man nun eine DSGVO-konforme Software, die in allen Funktionen ebenso zuverlässig wäre wie die momentan genutzte US-amerikanische Datenkrake.

Mein Gegenüber, wandte ein, dass vor einem Jahr ja kein Mensch hätte ahnen könne, dass die Pandemie so lange anhalten würde, sondern dass alle Welt ja geglaubt habe, die Sache sei in sechs Wochen ausgestanden. Wie hätte man da Dinge für die Zukunft vorbereiten sollen?

In diesem Moment wurde mir klar, dass hier zwei Welten gerade miteinander in Kommunikation eintraten, die sich fremder nicht sein könnten, ja dass Herr Dugong und ich geradezu auf zwei fernen Planeten existierten, getrennt von Staubgürteln und Sonnenwinden, in völlig unterschiedlichen Biosphären, sogar ausgestattet mit anderen Sinnesorganen und Nervenknoten, aber verbunden durch die Magie des Internets. Ich versuchte, mit meiner Welt in die Welt der Führung einzudringen, mir des Wahnsinns meines Planes wohl bewusst, und zwar mit folgendem Argument:

Tatsächlich hätten viele Virologen, zum Beispiel ein gewisser Herr Drosten, bereits vor einem Jahr mitgeteilt, dass die Pandemie sehr lange gehen werde.

Ja, da hätte es aber auch andere gegeben. Meinungen gäbe es immer viele, zu allen möglichen Dingen. Und letztendlich sage ja dann der Führung niemand aus der Wissenschaft, wie man die Organisation der Pandemie genau umsetzen solle.

Ich versuchte wieder, aufgrund des überaus privaten Charakters des digitalen Essens, eine Einwendung gegenüber meiner Führung zu machen, in dem ich in den virtuellen Raum warf, dass Wissenschaft nicht beliebige Meinung sei, sondern beweisbar, empirisch belegt und mit mathematischen Erkenntnis-Verfahren gesegnet. Und auf dieser Grundlage hätten eine große Zahl von Expert*Innen genaue und übereinstimmende Vorschläge zur Eindämmung der Pandemie abgegeben.

Herr Dugong schien langsam etwas unwohl zu werden. War ich etwa gar nicht auf Seiten der Führung, wie meine schnelle Warnung ob seiner Achtlosigkeit ihn zunächst hatte vermuten lassen? Er verlegte sich auf einen Seitenpfad des Gespräches, wich also dem Disens zwischen meiner Postion der Prognostizierbarkeit und Expertengewichtung und seiner der Meinungskakophonie und der überraschenden Wendung der Geschichte aus. Wichtig sei ja nun, dass wir alle gemeinsam die Hygienemaßnahmen weiterhin gut umsetzten, sie würden uns ja Sicherheit gewähren.

In diesem Moment – dem Schicksal mag dank, muss ich sagen, sonst wäre es eventuell an diesem Punkt zu verbaler Gewalt gekommen – griff die Tagungsleitung ein und bat uns wieder ins Plenum. Einen persönlichen Kontakt zwischen mit und Herrn Dugong gab es danach nicht mehr, ich sah ihn noch in seinem „Workshop“ bei dem verzweifelten Versuch, mit Hilfe der Tagungs-IT seine Präsentationsfolien in das Tool einzupflegen. Wenn es nicht gehe, dann sei das auch nicht so wichtig. Später las er uns die Briefe und Verordnungen seines Vorgesetzten vor, die wir in den letzten Wochen per Email erhalten hatten, und paraphrasierte die einzelnen Absätze noch einmal in einfacher Sprache.

Ich bekomme den ganzen Artikel über beim besten Willen Kafka nicht aus meiner Syntax.

Dieses Gespräch zwischen Spiegelei und Teflonpfanne, zwischen Lipophil und Hydrophil, zwischen Seegraswiese und Latschenkiefer offenbarte mir etwas, was ich bisher nicht ahnte, und das mir zeigte, dass unsere Situation viel schlimmer ist, als ich bisher befürchtet hatte. Was passiert psychisch mit einem Pessimisten, der es gewohnt ist oft Recht zu haben mit seinen geringen Erwartungen, wenn einen das Schicksal rechts überholt?

An diesem Nachmittag lernte ich also unsere Führung näher kennen, und es war gleichsam verblüffend und desillusionierend, in einer Art und Weise, die einem alle Hoffnung für die Zukunft raubt. Die Führung, das waren keine skrupellosen Misanthropen mit einem Masterplan für die Großfinanz, um deren Reichtum auf Kosten unserer Gesundheit abzusichern; Die Führung war eine etwas hilflose ältere Frau, die auf ihrem Posten verloren herumirrte und Schwierigkeiten hatte, die schöne neue Welt zu verstehen – die digitale und die analoge gleichermaßen.

Wir

sind

verloren.

Zerbrochen

Es ist etwas zerbrochen in den letzten Wochen. Etwas, das schon sehr alt ist und das nicht so schnell zu reparieren sein wird. Etwas, das lange Jahre einfach zuverlässig jeden Tag funktioniert hat, das so notwendig zum Bewältigen des Alltags war, dass man seine Endlichkeit, die Möglichkeit, dass es eines Tages seinen Geist aufgeben würde, nicht einmal für erwägenswürdig hielt.

Ich rede von meinem Vertrauen in unser Gesellschaftssystem.

Szenenwechsel. Die Sonne lacht aus einem dunkelblauen Poesiehimmel als ich auf die Stuttgarter Liederhalle zusteuere. Es ist eine Woche zuvor, und ich gehe mit einer Mischung aus Vorfreude und schlechtem Gewissen. Ich habe in 30 Minuten einen Impftermin, und ich freue mich, weil ich ein kleines Stück Schutz vor dem Irrsinn unseres Systems erhoffe und ich schäme mich, weil ich vor meiner 70-jährigen Mutter den goldenen Schuss erhalten soll. Man hat die Liste für Lehrer*Innen in Baden-Württemberg geöffnet. Oha, überraschendes Verantwortungsgefühl meiner Dienstherrin? Nein. Der Astrazeneca-Impfstoff erwies sich als Ladenhüter und machte die Lagerräume voll, also Liste auf. Am Haupteingang ein mit Tesa angeklebter Druckerzettel, Zugang zum Impfzentrum um die Ecke. Könnte eine große Metapher für den Zustand des Systems Deutschland sein.

Ich wuchs auf im treuen Glauben an das glanzvolle Abendland. Der kapitalistische Westen hatte 1945 die Welt von der Geisel des Faschismus befreit, in einer beeindruckenden Demonstration von Schlagkraft und Stärke. Als ich 16 war fiel die Mauer und darüber hinaus der gesamte sogenannte sozialistische Ostblock. Wir Kapitalisten müssen gar nicht mit Krieg kommen, wir können totalitäre Diktaturen auch einfach aushungern und leistungsmäßig übertrumpfen, bis sie die weiße Fahne schwenken. So stark sind wir. So stark waren wir. Unser System, aufbauend auf den Ideen des Humanismus und der philosophischen Gedankenwelt des 18. und 19. Jahrhundert, zeigte sich überdeutlich anderen Konstrukten als überlegen.

Wir zahlen dafür ja auch einen Preis. Echte Gerechtigkeit sucht man im Westen oft vergebens, weil Geld die Moral hier immer aussticht. Wer nicht von Geburt an begünstigt ist, hat nur eine minimale Chance durch Intelligenz oder Leistung in die Riege der Elite aufzusteigen. Wir diskriminieren Frauen, Nichtweiße (und zu viele andere Marginalisierte, als dass dieser Absatz sie fassen könnte) unter dem Argument, dass sich eine gerechte Welt finanziell nicht lohnt. Wir zerstören den Planeten, weil die Jahresbilanz der Firma morgen wichtiger ist als die Zukunft der Kinder in der nächsten Woche. Aber im Vergleich zu Kommunismus und Faschismus sind wir eine A+++-Veranstaltung, für den Preis erhält man auch eine adäquate Leistung.

Oder? Oder? Oder nicht?

Wann haben wir angefangen, Menschen im Mittelmeer lieber ersaufen zu lassen, oder sie in Lagern auf dem Stand der 1920er-Jahre verrotten zu lassen, bevor sie neben uns am Grill voll Schnitzel und Smoked Chicken hocken?

Das Impfzentrum ist heute voller Lehrer*Innen, man erkennt das sofort an Kleidung, Frisur und Verhalten. Am Empfang, an dem meine Berechtigung und meine Dokumente geprüft werden, komme ich mir eher vor, als würde ich mich auf einem großen Medizinerkongress anmelden, was lustig ist, denn ich war ja noch nie auf einem. Man ist tatsächlich im Impfzentrum gut organisiert. Von Station zu Station werde ich mittels eines QR-Codes weitergereicht, das Ganze macht auf mich den Eindruck einer gut geölten Maschine. Ein netter Arzt führt mit mir ein kleines Anamnesegespräch, irgendwelche Allergien, ah so, nehmen Sie Abends bei Beschwerden eine Paracetamol oder Ibu. Dann sitze ich auch schon auf einem Stuhl vor etwas, das aussieht wie eine Reihe geräumiger Umkleidekabinen bei H&M.

Warum funktioniert das Große und Ganze trotz dieser durchaus positiven Eindrücke von der Impffront für mich nicht mehr? Versuch einer Erklärung. Die Corona-Krise ist die erste größere Staats- und Gesundheitskrise der BRD seit Gründung. Gut, es gab den Terror der RAF, es gab Tschernobyl, es gab die Ölkrise, aber im Vergleich dazu wie weitgehend Leben und Alltag der Bewohner*Innen Europas betroffen und bedroht sind, waren diese historischen Krisen „Kriselchen“, die Wenige unmittelbar betrafen und ausgewählte Einzelne erwischten. Man bedenke einmal, die RAF hätte innerhalb eines Jahres über 70.000 Menschen ermordet.

Nur so zum Vergleich.

Selbst meinen alten Impfpass habe ich wiedergefunden, der mich nun fast schon mein gesamtes Leben begleitet. Der Pieks, den mir eine ebenso sympathische junge Ärztin verpasst, ist kaum zu spüren. Selbstoffenbarung: Ich und Nadeln, wir haben kein gutes Verhältnis. Normalerweise starre ich beim Thema Spritzen unverwandt und ernst in die Ferne, darum bemüht meine männliche Tapferkeit nicht einzubüßen. Aber diesen Pieks, den will ich mir ganz genau ansehen, denn in der klaren Flüssigkeit in der Kanüle schwimmt nicht nur der Impfstoff von Astrazeneca, es schwimmt die Verheißung darin, dass mein altes, glücklicheres Leben eines Tages zurückkehren wird. Heute sehe ich zu, wie das Zeug in meine Vene gedrückt wird. Denn nichts will ich gerade mehr, als dass mein altes glücklicheres Leben eines Tages zurückkehrt. Möglichst bald.

Und damit kommen wir zurück zu meinem Grundproblem.

Es ist die erste Krise, in der es notwendig wäre, dass die Verantwortungsträger und die gewählten Repräsentant*Innen unseres Systems alte, hohle Verhaltensrituale ablegen, die Lage erkennen und prioritär Maßnahmen einleiten, unter Bündelung aller vorhandener Ressourcen, die das Problem lösen. So, wie man in den 40ern das Problem mit Hitler gelöst hatte. Mit Erfolg. Denn dass unsere gewählten Vertreter*Innen ein ernstes Problem für uns lösen – das können wir v e r d a m m t n o c h e i n s von ihnen erwarten. Das ist der A+++-Deal mit dem Kapitalismus.

Nur: Wir haben inzwischen 12 Monate Pandemie und bis jetzt blieb diese Selbstermächtigung unseres ökonomisch-politischen Apparates aus. Aus meiner Sicht komplett. Daten zur Lage werden ignoriert, physikalische Messwerte als Verhandlungsmasse angesehen, so wie man eben ein Abschlusspapier eines Koalitionstreffens hin- und herformuliert, Energie fließt in Presseerklärungen und Wahlmanöver, die Ämter beschäftigten sich damit, möglichst viel business as usual zu sichern, der Föderalismus fällt zurück ins 18. Jahrhundert, Ressourcen werden dahin verteilt, wohin sie die politische Parteienlandschaft ideologisch schieben möchte, und nicht dahin, wo die Brände zu löschen wären. Oder, um mal jemand zu zitieren, der Dinge kürzer als ich auf den Punkt bringt:

Mir ist inzwischen egal, ob eigentlich der kleinkleine Föderalismus, die bockige Ministerpräsidentenkonferenz, die bizarre Bürokratie, die kaputtgesparte Infrastruktur, die ständige Angst vor dem Geschrei Rechter und Rechtsextremer, die völlige Fehleinschätzung des Pandemieverlaufs, das parteipolitische Getöse zum allerfalschesten Zeitpunkt, der kreischende Schuldenbremsengeiz der GroKo oder das jahrzehntelange deutsche Digitalisierungsdebakel hinter diesem pandemischen Staatsversagen steckt.“

So Sascha Lobo im Spiegel am 03. März.

Selbst die Programme, auf die man sich als politisch-administrative Klasse noch einigen konnte, scheitern mit Pauken und Trompeten, man steckt die Arbeit in großmäulige PR-Ankündigungen und spart sie danach offensichtlich an den Fachleuten, die Projekte verwirklichen können. Impfstoffproduktion- und Beschaffung, Digitale Strukturen, Schnelltests, Umbau der Schulen im Sinne den Infektionsschutzes – überall tritt der erschütternde Irrsinn zu Tage, der sich in der öffentlichen Behauptung, man hätte etwas erreicht / würde morgen etwas erreichen hervortut, der dann aber im Faktencheck des nächsten Morgens als völliges Verfehlung der gesteckten Ziele demaskiert wird. Und dann? Repeat. Und Repeat. Und Repeat. Ohne Leistungszuwachs.

Ich frage mich zur Zeit: Was würde passieren, wenn eine noch ernstere Krise diesen Staat treffen würde? Wenn es noch ernster um Leben, Gesundheit und Besitz der Bürger*Innen stünde? Würde dann ein Ruck durch diese Klasse gehen, würden sie dann anfangen, nicht mehr politisch sondern leistungsorientiert zu denken? In der Geschichte der letzten 30 Jahre war die rhetorische Nebelkerze immer mehr wert als die konkrete Messung der erbrachten Leistung im Amt. Kann es sein, dass Leute, die in diesem System nach oben gespült wurden, gar nicht anders mehr können, als Dinge nicht auf die Reihe zu kriegen? Hätte man nicht spätestens bei Andi Scheuer merken müssen, dass es nicht mehr um tatsächlich Erreichtes geht, sondern um das sich an der Macht halten durch farbenfrohes Geschwätz?

Das sich an der Macht halten durch farbenfrohes Geschwätz.

Ich bin nun geimpft und sitze noch dreißig Minuten in einem Beobachtungsraum herum. Hier in der Liederhalle war ich beim letzten Mal zu einem Konzert. Wanda rockte das Haus, und obwohl die Stuttgarter Liederhalle ein völlig unrockbarer Klassik-Bunker ist, gelang es Marco Michael Wanda und seinen Jungs das spätestens im zweiten Teil zu drehen, obwohl die winzige Theater-Bar für jede Konzertgänger*in nur ein kleines 0,3-Bierchen ausgeben konnte. Bei Wanda ein Angriff auf das Musikkonzept. Vorband: Voodoo Jürgens. Sehr geil. Jetzt sitze ich am selben Ort und lese mir die Informationen zu meinem Impfstoff durch. Der Sanitäter am Ausgang sieht nicht so aus, als würden hier viele Leute nach der Impfung umkippen, eher wirkt er gelangweilt.

Ich will mein altes Leben zurück.

Ich fürchte, dieses System ist an einem Punkt angekommen, an dem man einfach nichts mehr hinkriegt, so lange man sich an den alten Leitlinien aus der schwarz-gelben Ära orientiert. Und man kann sich nicht umorientieren, weil man diese Leitlinien als Lebensader der eigenen politischen Karriere versteht. Und sowieso nur alle gemeinsam den Paradigmenwechsel einleiten könnten, und die, die von der anderen Partei, die wollen garantiert nicht. Und die Mittel sind sowieso komplett verteilt, für Veränderungen sieht man da keine Spielräume. Unter dieser Brille ist es wurscht, ob in Baltrum ein Deich bricht, die Covid-19-Krise das Land in die Dauer-Depression stürzt, eine resistente Milzbrandversion innerhalb von Tagen Millionen Deutsche dahin rafft oder die rote Armee mit Panzern durch die Uckermark braust: Unser System – die westlich-kapitalistische parlamentarische Demokratie – , das einmal Hitler und Stalin geschlagen hat, wäre in jedem Katastrophenfall nur zu Symbolpolitik und Presseerklärungen fähig. Der alte Deal, der A+++-Vertrag funktioniert nicht mehr, sobald die PR-Fassade der letzten Jahre unter dem Eindruck einer realen schwierigen Situation einbricht. Dahinter: Inhaltsleere und Handlungsunfähigkeit.

Nur damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin durchaus noch in der Lage als Landesbeamter meinen Dienst zu versehen. Ich bin ein glühender Verfechter unseres Grundgesetzes. Ich halte die humanistisch-emanzipatorischen Ideen der Aufklärung für eine der größten Fortschrittsleistungen der Menschheit und beklage es zutiefst, dass sie im gesellschaftlichen Entscheidungsprozess nur noch eine marginalisierte Rolle einnehmen. Unsere Verfassung und die Ideen dahinter wären wunderbar dazu in der Lage, einen Staat aufzubauen, der ein leuchtendes Vorbild in der Menschheitsgeschichte werden könnte, davon bin ich ernsthaft überzeugt. Ich will mehr BRD. Viel mehr. Aber das Personal, das im Moment auf Spitzenposten in Politik, Staat und Wirtschaft landet, ist alt, verschlissen und nicht in der Lage, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts irgend etwas Belastbares entgegen zu setzen. Sie kommen mental aus der träge-lethargischen Helmut-Kohl-Phase, die wie eine Betondecke dieses Land noch immer fesselt, und die eine Gegenbewegung zur Grundidee unseres Staates war, eine sehr erfolgreiche. Selbst wenn nicht noch korrupte Unappetitlichkeiten dazu kommen, wie in den letzten Wochen, zeigt sich, dass wir nur noch wenig von diesen Protagonisten erwarten können, sobald auf uns Schwierigkeiten zukommen..

Ich könnte dieser Ordnung unserer Welt sogar die Korruption, die Ungerechtigkeiten, die Arroganz gegenüber dem Rest der Welt besser verzeihen, wenn es wenigstens die Scheiße in einer Krise gebacken bekäme. Wenigstens nach sechs Monaten Lernphase. Oder neun. Aber: nein. Stattdessen setzen wir Grenzwerte hoch, das ist einfacher als das Problem anzugehen.

Tiefblau.

Als ich aus dem Beobachtungsraum gehe, scheint ein strahlendblauer Himmel auf das weiße Studierenden-Hochhaus gegenüber der Liederhalle. Mein Oberarm ziept ein wenig. Vor der Halle riecht es nach Vorfrühling, als ich mich auf dem Weg zur S-Bahn mache. Aber er weckt keine neue Hoffnung in mir.

Zwischen Januar und März habe ich meinen Glauben verloren. Er ist zerbrochen unter dem unleugbaren Druck der Fakten des kollektiven Führungs-Versagens. Und ich fürchte, das ist noch mehr Leuten passiert als nur bei mir. Es wird für kommende Generationen von Verantwortungsträgern, die unsere heutige Machtelite möglichst schnell als Konsequenz dieser bleiernen Monate in den Ruhestand schicken mögen, ziemlich schwer sein, diese Enttäuschung zu heilen.

ON der langen LINE

Die erste Staffel ist geschafft, die komplette Phase von Weihnachten bis Fasching wurden bei uns per Online-Tool Schule gemacht. Morgens länger schlafen, mit der Kaffee-Tasse ans Diensttablet gehen (hat auch nur ein paar Jahre gedauert, bis ich es dem Chef aus den Rippen argumentiert hatte), den Klassencall aufmachen, in der Arbeitsphase Kaffee nachholen oder mal schnell die Spülmaschine aufmachen, nach Unterrichtsende instant nach Hause kommen; Gar nicht mehr nach Hause kommen, weil der Beruf in den Safespace streamt, sich überlegen, wie man das Tablet dreht, damit der Stapel Reisetaschen und Schlafsäcke auf meinem Schrank sich nicht ins Bild wurschtelt, immer gleich ein Popup kriegen, wenn irgend jemand irgend etwas auf dem Herzen hat, einfache Erreichbarkeit heißt ja auch niedrige Hemmschwelle Bullshit zu schreiben.

Vielleicht sollte ich meine Gedanken zum Online-Lernen einmal etwas strukturieren, oder?

Zunächst: Ich verweigere mich Begrifflichkeitskriegen. Für viele mag das ein lustiger Zeitvertreib sein, ich habe irgendwann nach dem Ref gemerkt, dass immer alle drei Jahre neue Leute nachdrängen, die den bisher Rumhängenden mit neu ausgedachten Worten klarmachen, dass sie es im Seminar jetzt echt gelehrt bekommen haben, wie man den new Shit hier reinbringt, bis nach drei Jahren Leute dazukommen, die eben diesen bis-dato-Träger*Innen der Moderne klarmachen, dass sie sich von Anfang an geirrt haben, was man an den von ihnen ausgedachten Worten erkennt, und deswegen in ihrer Tätigkeit an der Schule viel falsch gemacht hätten – kurz gesagt: In meinem Leben gibt es Wichtigeres zu tun als diesem Kommen und Gehen zu folgen. Distanz-Unterricht, Online-Schule, Digitales Lernen, Netz-Teaching, Telekolleg III, Fernlernen, videogestütztes Bildungsangebot – all the same for me. Ich glaube ich werde ganz im Gegenteil versuchen „das Ding“ möglichst farbenfroh und abwechslungsreich zu bezeichnen, alleine im Hinblick auf die Formulierungsschönheit.

Style vor Theorie.

Kurz zu „uns“: Ich arbeite an einer Verbundsschule, frühere Gesamtschule, die Gemeinschaftsschule, Realschule und Gymnasium unter einem Dach vereint. Dort unterrichte ich Deutsch und Geschichte am Gymnasium, momentan Klassenstufen zwischen 6 und 11. Meine Erfahrungen beziehen sich also nur auf diesen konkreten Bildungsrahmen.

Erste Erkenntnis: es funktioniert. Einigermaßen. Ich finde, allen Unkenrufen von Rechts zum Trotz kann man mittels eines Videochats und einer Datencloud ordentliche Bildungsangebote machen, den Lehrplan weiterführen und inhaltliche Ziele und Kompetenzerwerb bei Schüler*Innen erreichen. Es ist natürlich kein 100-%-Ersatz für das Klassenzimmer – alle, die das denken, glauben wohl auch, ein Musikvideo sei das selbe wie ein Live-Konzert. Die Progression verläuft zudem distanziert langsamer. Aber insgesamt kann man so Schule machen und könnte es auch weiter machen, wenn die Gesellschaft in der Ruhe vor der Dritten Welle nicht komplett die Nerven verlöre, was sie wahrscheinlich gerade tut.

Fazit 1: Online-Stunden funktionieren. Prinzipiell. Irgendwie.

Allerdings funktionieren sie je nach Klasse und nach Gruppenphilosophie unterschiedlich gut. Das hängt meiner Erfahrung nach nicht einmal von der Altersgruppe ab. Die Mär, dass Unterstufenkinder mit digitalen Kommunikationsmitteln nicht klarkämen und die Oberstufe quasi instant auf die Distanzschule umschwenken kann – in meinem begrenzten Horizontrahmen tatsächlich nichts mehr als eine Mär. Die 6er können mit Feuer und Flamme die spartanische Gesellschaft diskutieren und erlernen, das Dritte Reich stößt in Klasse 9 auch distanziert auf breites Interesse. Meine 10er in Deutsch – ein Jahr älter – loosen während des Calls ab, ihre schriftlichen Texte sind aber weiterhin ganz gelungen.

Viel heftiger als die allgemeine Altersstruktur wirken sich individuelle Faktoren auf die persönliche Lernleistung aus. Wer sich jetzt organisieren kann und schon in der Lage ist, für sich selbst zu arbeiten, der kommt gut weiter. Wer regelmäßig den Stiefel der Lehrer*In in den Arsch brauchte, um sich zu bewegen, dem wird das Versumpfen auf dem Fleck leider ziemlich leicht gemacht. Letztendlich bin ich nur noch ein zweidimensionales Video aus Farbe und Lautsprechersound und habe damit viel weniger Zugriff auf die Kids, als im Klassenzimmer. Man kann mich emotional wie eine Instagram-Story abhandeln, die man sich aus unerfindlichen Gründen ansehen muss. Immerhin: ganz wenige Fälle tauchen überhaupt nicht zum Unterricht auf, die auch nur in vereinzelten Stunden. Dabei ist Schwänzen so leicht wie nie zuvor, wer „technische Probleme mit dem Internet“ vorschützt, kann von Seiten der Schule nicht überprüft werden.

Ein Knackpunkt scheint für mich das zu sein, was wir im Kollegium als „Kameradisziplin“ bezeichnen: Der Quantor, wie viel Prozent der Klasse sich mit eingeschalteter Kamera beteiligen bzw. hinter einer schwarzen Kachel unsichtbar werden. Bei Klassen, die sich selbst ins Gesicht sehen können, läuft der Unterricht lebhafter, schneller und konzentrierter ab, „blinde“ Klassen bleiben zäh und ohne Biss. Paradoxerweise wird immer wieder geraten, die Kameras auszustellen um Bandbreite zu sparen – nun gut, welche Bildungsqualität die Sparschule bietet, merken wir ja nicht erst seit dem Arbeiten im (unterentwickelten) Datennetz.

Fazit 2: Der Erfolg von Unterrichtsstunden hängt stärker von den Schüler*Innen ab als früher.

In der Gestaltung der 90-Minuten-Blöcke haben Gespräche mit diversen Klassen ergeben, dass eine Sequenzierung mit Eingangsimpulsen, Stoffwiederholung auf der einen Seite, Aufgabenbearbeitung alleine oder in Breakouträumen (mit eher mehr Zeit als früher) und abschließende Lösungsvergleiche mit Diskussion der Ergebnisse von vielen als ganz angenehm empfunden werden. Aufgaben außerhalb des Stundenplans werden laut den Schüler*Innen zur Zeit zu viele gestellt. Insgesamt versuche ich, auch aus Arbeitsbelastungsgründen, eher meinen bisherigen, gut erprobten Unterricht zu digitalisieren als alles über neue Online-Tools unter nicht-europäischem Geschäftsrecht laufen zu lassen. Das Einbinden von Videoimpulsen ist viel einfacher geworden und nützlich. Bilder sind nun plötzlich farbig(!). Noch immer halte ich das Anlegen einer papiernen Materialsammlung als Grundlage zum selbstständigen Lernen für effektiver, als eine Ordnerstruktur in einer Cloud, auch weil unser Gehirn seit 2 Millionen Jahren dreidimensionale, nichtleuchtende Objekte nachhaltiger wahrnimmt als Bildschirme. Schlagt mich ruhig, Digitalisierungselite.

Natürlich kann man alles über Padlet, Wikis, die-neue-App-für-MacOS-für-nur-7-€-kauft-euch-die-bis-Montag machen. Aber ich bin überzeugt, dass das konkrete Medium weniger Einfluss auf den Lernerfolg hat, als inhaltliche Didaktisierungsentscheidungen der Lehrkraft. Allerdings, und da sind wir wieder bei Punkt 2: Wer das Material einfach auf der Cloud liegen lässt, zum späteren Durchklicken, der lernt eventuell weniger gut.

Fazit 3: Man kann seinen Unterricht ganz gut digitalisieren.

Und ja: es gibt Schattenseiten des E-Learnings, die auch allen aufgrund der Endlos-Diskussion um die Schulöffnungen sehr bewusst sind. Es stimmt: Wir verlieren Schüler*Innen, die aufgrund ihrer privaten Situation ohnehin in einer schlechteren Startkategorie stecken, als Elisabeth und Joshua aus dem Doppelverdiener-Ingenieurs-Ärztin-Haushalt im Neubaugebiet. Ihnen mangelt es an technischen Möglichkeiten, an Unterstützung und eventuell haben sie dazu noch Probleme in ihrem Umfeld, die sie vom Lernen abhalten.

Das ist richtig.

Aber: Diese Kinder waren euch immer scheißegal. Seit ich Lehrer bin, waren sie euch scheißegal, zumindest in allen Farben des Spektrums ab Sozialdemokratie aufwärts. Diese Schüler*Innen wurden auch im Präsenzunterricht gnadenlos abgehängt, die Klassenlehrer*Innen haben versucht etwas zu bewegen, eventuell noch die Schulsozialarbeit, aber darüber hinaus hat sie diese Gesellschaft schon seit jeher auf einen Müllhaufen des Vergessens geworfen, wenn sie es nicht aus eigener Kraft durch ihre Schulkarriere geschafft haben.

Es gibt in der derzeitigen Öffnungsdiskussion keinen verlogeneren Diskurs, als um die „sozial benachteiligten Kinder.“ Denn, so prophezeie ich, sie werden, wenn diese Krise einmal ausgestanden ist, wieder keinerlei Rolle für irgendwelche Entscheidungen spielen, so wie Kinder und Bildungswesen die vergangenen 20 Jahre außerhalb von Presse-Blabla keinerlei Wichtigkeit in Entscheidungsprozessen hatten.

Entschuldigung, wenn ich mich hier etwas in Rage rede, aber die Bigotterie der Kultusminister*Innen und die der Eltern von Joshua und Elisabeth macht mich tatsächlich ziemlich wütend. Und die tatsächlich betroffenen Schüler*Innen immer und immer wieder als Öffnungsargument heran zu ziehen, stellt letztendlich nur einen weiteren Missbrauch dieser Gruppen durch privilegierte Schichten dar, einen weiteren Missbrauch von vielen. Ok, komm runter.

Fazit 4: Wir verlieren Menschen. Vor allem aber auch auf der Intensivstation.

Ein weiterer Wehmutstropfen ist, dass mein Unterricht an Big-Data hängt – eine Entscheidung, die viele meiner Kolleg*Innen feiern („aber es funktioniert!“), die ich aber digitalpolitisch als Katastrophe begreife. Ich, als Teil des Staates, verkaufe jeden Tag die Daten unserer Bürger*Innen an einen US-Konzern, der seine dadurch wachsende Marktmacht nutzt, um alle Versuche, öffentliche Daten unter öffentliche Kontrolle zu stellen, immer schwieriger zu machen.

Aber davon abgesehen könnte das Distanzlernen so weitergehen, finde ich. Vor dem Hintergrund der sich abspielenden weltweiten Katastrophe scheint mir der de facto vorliegende Verlust an Bildungsgeschwindigkeit und -mengen absolut vertretbar und das viel kleinere Übel zu sein. Nichts, was man nicht nach überstandener Krise nicht mit Zeit und Geld easy reparieren könnte.

Ich bin mir aber sicher, dass ich über kurz oder lang wieder im Klassenzimmer stehen muss. Zumindest für ein paar Wochen, bis die neuen Virusvarianten hierzulande so richtig reinkrachen und wir wieder in den Online-Unterricht gehen – nur diesmal unter weitaus unerfreulicheren Rahmenumständen.

Wenn Gesellschaften altern und sich ihr Blick nach vorne trübt, geraten sie oft in gefährliche Situationen.

Junge, schalt doch mal die Kiste aus

Ein Lebenstraum wird wahr. Meinem 14-jährigen, dümmeren Ich würde meine Lebenssituation wohl märchenhaft vorkommen. Frisch das Konfirmationsgeld für einen C64auf den Kopf gehaut, eine Kiste voll Spiele neben dem Floppydrive (1987 natürlich zu 100 % raubkopiert), und keiner zwingt einen rauszugehen, das Spielen für Schulwege zu unterbrechen oder kommt mit der noch unerträglicheren Aufforderung besorgter Elternteile ins Zimmer, sich gefälligst ein echtes Leben in der Frischluftwelt zu besorgen. Im Gegenteil – rausgehen ist nahezu verboten.

So sitze ich also mittlerweile tagelang vor der Kiste. Entweder a.) um zu arbeiten („Guten Morgen, na da sind ja schon einige im Call, schön.“) oder um b.) zu kommunizieren oder um c.) zu zocken. Vor allem Open-World-Spiele flimmern gerade stundenlang über meine Mattscheibe. Warum spiele ich nach einem Jahr Pandemie auf der Welt ausgerechnet so viele Open-World-Spiele?

Weil es im Grunde die Hölle ist, vor dem Internet zu versumpfen.

Hier, nimm das, vierzehnjähriges Ich! Dein Traumtagesablauf aus dem Jahre 1987, in Wirklichkeit nicht einmal halb so geil. Leider völlig ungeil. Wenn man die Stimmung auf Twitter und in den Feuilletons einfängt, dann merkt man, dass die Laune der Leute zunehmend mieser, düsterer, erschöpfter wird. Meine eigene mit eingeschlossen.

Ich habe seit heute angefangen, bei meinen Schüler*innen vor dem Distanzunterricht (so der Ministeriumssprech) eine kleine Umfrage zu machen. Mit folgender Fragestellung: „Nach einer Woche Schule zuhause: Was findet ihr anstrengender? Seid ihr Freitags nach einer Woche Präsenz fertiger oder nach einer Woche MS-Teams?“ Zwischen Klasse 8 und Klasse 11 ist das Ergebnis von heute relativ einhellig. Viele führen positiv an, dass längeres Ausschlafen, gesparte Anreisewege und die greifbare Nähe einer Küche durchaus den Schulalltag entspannen. Und trotzdem ist das ständige Sitzen vor der Kiste, das mühsamere Kontakthalten zu Lehrer*Innen und Klassenkamerad*Innen, das Sichten und Bearbeiten von Material für viele meiner Kids auslaugender und ermüdender, als das vergangene Schulleben in der Realität früher war.

Nicht falsch verstehen: Der Distanzunterricht ist in unserer Situation das einzig Richtige.

Aber wenn er uns etwas über den Lehrplan hinaus beibringt, dann das Zoom-Freund*Innen irgendwie blasser und dünner werden, als sie es im richtigen Leben waren. Dass die Unmittelbarkeit von Kontakten eben durch einen anderen Menschen, der im Grunde nur ein Video ist, eher unvollständig substituiert wird.

Viele Gesichter, die mich aus der Videotelefonie heraus anblicken, sind bleich und angestrengt. Mein eigenes auch, man sieht sich ja immer mit. Ein erstes Fazit nach einer Woche „Fernlernen“ (Ich beteilige mich nicht an dem Begriffekrieg, der immer wieder auf Twitter tobt und genau nur einen Begriff für diese Unterrichtsform als möglich in die Schlacht zieht. Ich nenne das Ding maximal abwechslungsreich. Aus Stilgründen):

Die erste Woche hat es ganz gut funktioniert. Klar, es kommt nicht so viel rüber wie im Klassenzimmer und man braucht mehr Zeit, um Lernziele zu erreichen. Aber viele Schüler*Innen waren motiviert, wollten mitarbeiten, das beste aus der Situation machen, etwas für Ihre Bildungsbiographie mitnehmen. Die meisten waren bereit das Material selbstständig zu bearbeiten oder in Auswertungsrunden ihre Ergebnisse einzubringen. Deutlich besser läuft es mit der Oberstufe, je weiter runter man sich in der SekI unterichtet, desto schwieriger wird es den Unterricht zusammen zu halten. Unser Tool lief meistens stabil und brach nie zusammen, aber auch die hochgelobte Microsoft-Server-Struktur geht immer wieder deutlich in die Knie und wird arschlangsam. Muss vermutlich die ganzen IP-Adressen und Kontakte regelmäßig in den Bundesstaat Seattle übertragen, das verbraucht Bandwidth. Datenschutz ade, bitte nicht öffentlich drüber reden. Aber insgesamt fand ich nach einer Woche, dass viel mehr Schule ging, als von den Präsenz-Nazis befürchtet.

Heute bröckelte es bereits deutlich. Ich schreibe das der Anstrengung zu.

Ich befürchte, dazu trägt nicht nur die auslaugende Anforderungsdichte des Videolernens bei, sondern auch die allgemeine Winterdepression, die Deutschland ergriffen hat. Die Hoffnung aus dem Spätsommer, dass ein klug agierender Regierungsapparat das Problem ganz gut in den Griff kriegt, hat sich deutlich sichtbar zerschlagen. Sowohl das „klug“ als auch der „Griff.“ Die Schwäche und die Unmöglichkeit, zielführenden Handlungswillen bei gewählten Vertreter*Innen zu erzeugen, hat sich seit November überdeutlich gezeigt. Das nimmt uns allen die Hoffnung auf ein schnelles und gutes Ende der Geschichte.

Historischer Exkurs (diesmal nicht erfunden, sondern wahr) über den kapitalistischen Staat. Als die USA 1941 überhastet durch den Angriff der Japaner auf Pearl Harbor in den Zweiten Weltkrieg eintreten müssen, ist die militärische Schlagkraft des Landes in einem desolaten Zustand. Die Armee lächerlich klein und veraltet bewaffnet, die Kriegsflotte zu großen Teilen ein rauchendes Wrack vor Hawaii, werden die Vereinigten Staaten als Machtfaktor von Hitler so wenig ernst genommen, dass er ihnen sofort den Krieg erklärt.

Never fuck with Capitalism, Adolf.

Innerhalb weniger Monate ziehen die US-Regierung und die amerikanischen Wirtschaft in entschlossener Einigkeit ein Rüstungsprogramm hoch, dass bei den Achsenmächten blanke Panik auslöst. Panzer, Bomber, Schiffe strömen in Fließbandarbeit aus Produktionsstätten, die wenige Wochen zuvor noch gar nicht da standen. Schnelle Adhoc-Werften spucken pro Tag 1,5 11.000-Tonnen-Schiffe aus, um das neu produzierte Kriegsmaterial effektiv auf die Kriegsschauplätze zu schippern. Der kapitalistische Riese, einmal im Krisenmodus, wird zur unaufhaltsamen Stahlwalze und fegt das Problem Hitler innerhalb weniger Jahre von der Weltkarte. Gut, die UdSSR machte als sozialistische Wirtschaft in etwa dasselbe und trägt eventuell zum gleichen Teil zur Schlagkraft der Alliierten bei, aber diese Geschichte wird in der westlichen Gesellschaft eher selten erzählt. Hier begründete sich ein Narrativ, das Narrativ von der Stärke der westlichen Welt.

Und heute sehen wir, dass dieses Narrativ, von dessen Nimbus die reichen Staaten der Welt noch immer zehren, eventuell 1941 Gültigkeit hatte, aber 2021 nicht mehr. Die USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich: tief verstrickt in der Abwärtsspirale der Pandemie. Maßnahmen und Lösungsversuche, halbherzig, lebensschwach und vielfach fehlerbehaftet.

Die Leistungsstärke eines asthmatischen Greises, der eine Lawine aufhalten muss.

Seit einem Jahr haben wir die Gesundheitsämter nicht in ein Instrument verwandeln können, das Inzidenzzahlen jenseits der 25 bewältigen kann. Heute faxten nicht mal mehr alle ihre Zahlen, Abbau statt Zuwachs. Die als Kraftanstrengung gedachte Impfkampagne versandet in anfälligen Logistikstrukturen und Beschaffungsproblemen. Unser Internet pfeift auf dem letzten Loch, wenn wir von zu Hause arbeiten wollen. Der Föderalismus erweist sich als peinlicher Zauderclub von Querschießern anstatt als entschlossenes Krisenmanagement. Ver- und Gebote werden erlassen, ohne dass die Behörden in der Lage sind, ihre Einhaltung effektiv einzufordern.

Geht es nur mir so, dass ich das Gefühl habe, ich sitze auf einem langsam zerbröckelnden Raumschiff, und die Kapitän*In versucht den Anschein aufreicht zu erhalten, dass die Mühle noch fliegt? Wo sind die handlungsstarken Kräfte der Marktwirtschaft, um aus dem nackten Boden funktionierende Krisenbewältigungsinstrumente zu stampfen?

Ich fürchte: im Märchenland. Katastrophe, wenn Marx am Ende wider Erwarten Recht behalten sollte.

Ein langer Weg nimmt dieser Text vom Online-Unterricht hin zum Eindruck der Apokalypse in Slomo. Aber dass wir alle so bleich sind, so dicke Augenringe haben, so angestrengt in unsere kleinen Kameralinsen zwinkern, dass wir am Tag so wenig lächeln, dass wir morgens Motivationsschwierigkeiten haben, obwohl wir länger schlafen als sonst im Leben; Dass meine Schüler*Innen einfach nicht glücklich wirken: Das liegt auch daran, dass offensichtlich unsere Notstromaggregate vor Jahren verscherbelt wurden, weil ihre Bevorratung keine Gewinne generierte.

Unsere Welt vergeht nicht im Knall, sondern mit langgezogenem Wimmern. Und ich sitze dabei vor der Kiste und zocke Open-World-Games.

Frohes Fest 3

Immerhin. Ein etwa zweiseitiges Antwortschreiben, eigens formuliert ohne vorformatierte PR-Sprechblöcke aus dem Pressesprecher*Innen-Phrasenordner, von der Hand des Geschäftsführers des Heilbades. Gut, man hätte auch meiner Mum direkt schreiben können, viel Zeit zu lesen hätte sie ja gehabt, aber irgendwie schien die Kommunikation mit mir wichtiger. Dennoch: So viel Mühe hatte ich mir gar nicht mehr erwartet. Wir wollen das mal honorieren. Da man mich herausgefordert hat, ich solle doch das Schreiben der Klinik veröffentlichen, falls ich es wagte, und weil ich ohnehin finde, dass das zu einem fairen Schlagabtausch dazugehört, poste ich es in Wortlaut nun hier auf dem Blog. Möge sich die geneigte Leser*in im Schweberaum zwischen den Texten den „tatsächlichen“ Sachverhalt im Interpretationsverfahren zusammenreimen..

Die Moor-Heilbad Buchau gGmbH schreibt mir also:

Sehr geehrter Herr Vetter,

Ihren Brief von „kurz vor Weihnachten 2020″ bezüglich des Reha-Aufenthaltes Ihrer Mutter bei uns in Bad Buchau habe ich erhalten. Ehrlicherweise bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll?

Sicherlich gelingt mir keine so pointierte Rückmeldung, wie Sie einiges zugespitzt auf den Punkt gebracht haben. Gleichzeitig möchte ich vieles darin nicht so stehen lassen, da es schlicht nicht der Wahrheit entspricht.

Zuallererst hoffen und wünschen wir, Ihrer Mutter geht es den Umständen entsprechend gut und sie konnte von der in der Tat etwas verkürzten Rehabilitationsmaßnahme profitieren. Bitte entrichten Sie ihr unsere allerbesten Genesungswünsche.

Vom Tod Ihres Vaters hat uns Ihre Mutter beim Kontakt in der obigen Sache berichtet. Auch im Gespräch mit uns war Ihre Mutter davon noch sehr betroffen. Uns hat dies alles nicht „kalt“ gelassen und mindestens genauso bewegt. Es liegt und lag uns fern, Ihrer Mutter in irgendeiner Weise zu schaden!

Sie schildern in Ihrem Schreiben von einer geänderten Vorgehensweise im Frühstücksraum am 14. Dezember. Dem ist nicht so. Im Gegensatz zu Ihrer Schule befinden sich in einer Rehabilitationseinrichtung (Kurkliniken existieren heute nicht mehr) mündige und erwachsene Bürgerinnen und Bürger in Form von uns anvertrauten Patienten. Alle diese Patientinnen und Patienten haben eigenständige Rechte und Pflichten. Alle Patientinnen und Patienten halten sich freiwillig und auf eigenen Wunsch in unserer Klinik auf. Keiner wird hier in unserem Hause zu etwas gezwungen oder genötigt (mit Ausnahme zur Einhaltung von Gesetzen und Verordnungen — wie überall im Leben). Diese Feststellung ist uns sehr wichtig.

Im Rahmen dieser Freiheitsrechte hat jeder Patient und jede Patientin das Recht, im Rahmen der aktuellen Coronaregeln, ihren Tisch und Platz im Speisesaal bei jeder Mahlzeit frei zu wählen. Eine feste Tischzuordnung gibt es schon lange nicht mehr und wird von den Patienten, die wir als Gäste behandeln, längst nicht mehr akzeptiert. Wenn Sie selbst Ihre eigene Erwartungshaltung spiegeln, können Sie das sicher gut nachvollziehen. Uns selbst als Klinik wäre eine feste und verlässliche Tischzuordnung viel lieber. Sie würde uns gerade in Coronazeiten vieles erleichtern. Das ist aber so einfach nicht umzusetzen und findet keine Akzeptanz der „Kunden“. Ihre Mutter hat den am fraglichen Tag genannten Tisch und Platz frei und selbstständig gewählt!

Dass sich die Tischnachbarin Ihrer Mutter zu diesem Zeitpunkt bereits an Covid 19 infiziert hatte, war sowohl der betroffenen Patientin als auch Ihrer Mutter als auch selbstverständlich uns nicht bekannt. Zur Nachverfolgung, wer wann mit wem am Tisch saß, gibt es ein Erfassungssystem. Dieses hat offensichtlich gut funktioniert, so dass wir eine mögliche Gefährdung Ihrer Mutter innerhalb von ganz kurzer Zeit identifizieren konnten.

Leider haben Sie in Ihrem Schreiben nicht erwähnt, dass wir unmittelbar nach Bekanntwerden der Infektion der Tischnachbarin auch Ihre Mutter getestet haben. Der Test war zu diesem Zeitpunkt (14.30 Uhr) negativ. Eine Ansteckung lag u.E. bei Ihrer Mutter nicht vor.

Woher die Ursprungspatientin die Infektion hat, ist nach wie vor unklar. Wenn sich alle Beteiligten an die vorgegebenen Coronaregeln und unser Hygienekonzept halten, ist eine Infektion ausgeschlossen. Wie oben bereits erwähnt, sind wir kein Gefängnis oder sonst irgendwie eine Verwahranstalt. Die Gesamtheit unserer Patientinnen und Patienten repräsentieren das Spiegelbild der Gesellschaft wieder. So haben auch wir ständig mit Patientinnen und Patienten zu kämpfen, die sich offen oder auch versteckt nicht an die Schutzmaßnahmen halten. Diese wenigen gefährden die Gesundheit aller Patienten. Die Identifikation derjenigen ist jedoch sehr schwierig. Bei Anwendungen und anderen offiziellen Anlässen sowie unangekündigten Kontrollen halten sich alle an die Spielregeln. Abends und nachts und insbesondere an Wochenenden ist bei manchen eine gewisse lasche Handhabung zu beklagen. Bitte schauen Sie gerne in die Medien, unter anderem auch das Fernsehen, und Sie erleben es tagtäglich. Dass das „Christkind“ das Virus mit in die Klinik gebracht hat, halten wir für nahezu ausgeschlossen. Vielmehr dürfte sich die Ursprungspatientin durch Nichteinhalten der Spielregeln infiziert haben. Dies wird natürlich und selbstverständlich von der betroffenen Person weit von sich gewiesen. Ein rechtsverbindlicher Nachweis unsererseits kann ebenfalls nicht geführt werden. Jedenfalls haben wir als Klinik alles unternommen, um Ihre Mutter so gut als möglich zu schützen. Das Fehlverhalten weniger Anderer ist in letzter Konsequenz jedoch nicht komplett zu verhindern.

Ausführlich widmen Sie sich dem Thema der Abholung durch Sie und warum dies überhaupt von uns zugelassen wurde. Wir können Ihnen nachweislich versichern, dass wir den Heimtransport Ihrer Mutter organisieren wollten und dies ausdrücklich angeboten haben. Ihre Mutter hat dies abgelehnt! Sie habe bereits ihren Sohn verständigt, der sie nach Hause bringen wird Darauf hat sie bestanden. Es lag und liegt uns fern, Ihre Mutter zu etwas zu zwingen, was sie absolut nicht haben möchte. Von einem zulassen oder anraten unsererseits, kann nicht die Rede sein. Vielmehr handelt es sich, wie bereits erwähnt, um den ausdrücklichen Wunsch Ihrer Mutter. Diesen haben wir respektiert.

Die Entscheidung, die Rehabilitationsmaßnahme zu beenden und die Entscheidung der Quarantäne für Ihre Mutter haben nicht wir von der Federseeklinik getroffen. Es handelt sich dabei um eine hoheitliche Maßnahme der Gesundheitsbehörden. Wir waren von diesem harten Einschnitt ebenso überrascht wie Sie und letztlich auch Ihre Mutter. Diese Entscheidung haben wir nicht zu vertreten. Auch hier erwecken Sie in Ihrem Schreiben einen anderen Eindruck.

Bitte lassen Sie uns, und vielleicht auch nicht ganz ernst gemeint, noch wenige letzte Sätze anfügen. Wir bedauern außerordentlich, dass aufgrund dieser Situation Ihre Mutter vielleicht Weihnachten nicht im gewohnten Umfeld verbringen kann. Das ist äußerst bedauerlich. Den Unterton in Ihrem Schreiben können wir allerdings nicht nachvollziehen. Im Gegensatz zu Ihnen als Lehrer verbringt der Unterzeichner, und mit ihm ca. 50-60 weitere Beschäftigte, seit Jahrzehnten jedes Weihnachten und jeden Heiligen Abend im Gesundheitszentrum Federsee. Auch wir wären sehr gerne, wie Sie auch, bei unseren Kindern und unseren Angehörigen. Dem ist aber nicht so. Wir leisten Dienst sowohl an Weihnachten, an Silvester und Neujahr und selbstverständlich an Ostern und Pfingsten. Sollten Sie vom Lehramt mal genug haben, dann dürfen Sie gerne mit uns tauschen und diese Tage bei uns als Mitarbeiter der Klinik verbringen. Sie sind herzlich willkommen!

Gerne erteilen wir Ihnen die Genehmigung, auch dieses Schreiben auf Ihrem Blog und gerne auch auf Twitter zu veröffentlichen – wenn Sie sich das trauen!

Abschließend wünschen wir Ihrer Mutter noch mal alles Gute und hoffen, wir konnten mit diesen Zeilen zu Ihren Eindrücken eine weitere Version hinzufügen. Auch Ihnen wünschen wir nun besinnliche Feiertage und ein gesundes neues Jahr.

Mit gesunden Grüßen vom Federsee

So der Geschäftführer der Moor-Heilbad Buchau gGmbH („Gemeinsam für Ihre Gesundheit). Damit legen wir das Thema hoffentlich zum Jahreswechsel ad acta und hoffen, dass meiner Mum weitere Klinikaufenthalte bis zur irgendwann eintretenden Impfung erspart bleiben. Bedanken möchte ich mich abschließend dann beim Verfasser des Schreibens – nicht unumwunden für den Inhalt, vor allem jedenfalls für die Mühe.

Aber immerhin.

Frohes Fest 2

Achim Vetter
Tannenbergstr. 88
70374 Stuttgart

An:

Federseeklinik
Am Kurpark 1
88422 Bad Buchau Stuttgart, kurz vor Weihnachten 2020

Liebe Federseeklinik in Bad Buchau,

dies ist ein Weihnachtsbrief. Ich schreibe ihn in Gedanken an meine Mutter, die in Ihrem Hause zu Gast war, vom 30. November bis zum 17. Dezember, ja, in der Adventszeit. Sie merken vielleicht an den Daten, dass ihr Aufenthalt für eine Reha-Behandlung nach einer Knie-OP in Ravensburg etwas verkürzt war, aber dazu gleich später mehr.

Meine Mutter hat kein leichtes Jahr hinter sich. Wir alle haben das ja vermutlich 2020 nicht – dazu aber auch gleich später mehr – aber meine Mutter verlor zusätzlich im August meinen Vater, Lungenkrebs, den Mann, mit dem Sie im Januar 50 Jahre verheiratet gewesen wäre und mit dem sie 49 Jahre lang Weihnachten feierte. Danach und nach der Pflege meines Vaters war ihr Knie im Eimer und sie konnte kaum noch gehen. So enschloss sie sich, trotz Covid-Krise, die ihr ärztlich empfohlene Knie-OP anzugehen. Möglicherweise war das ein Fehler.

Am 14. Dezember veränderten Sie offensichtlich einmalig Ihre bis dato festen Frühstücksgruppen. Als Lehrer weiß ich, dass wir Schulen den Auftrag haben, unsere einmal gebildeten Lernkohorten aus Infektionsschutzgründen keinesfalls zu vermischen, aber meine Mutter ist es gewohnt auf die Kompetenz von Ärzten und Fachpersonal zu setzen und stellte sich an diesem Morgen keine großen Fragen. Während des halbstündigen Frühstücks kam sie an einem Tisch mit einer ihr völlig fremden Dame zu sitzen, mit der sie gemeinsam ihre Mahlzeit einnahm.

Diese Dame hatte Covid-19.

Nun hatten Sie ja als verantwortungsvolle Klinik alle Patient*Innen vor dem Eintritt in ihr Haus zu einem Test verpflichtet und auch die Organisation Ihrer Kontaktzonen folgte einem genehmigten Hygienekonzept, da es ja unerlässlich wichtig ist, dass es in einer Klinik voll älterer und frisch operierter Menschen zu keiner Infektionskette kommt. Und natürlich können in der momentanen Lage viele Krankenhäuser mit überfüllten Intensivstationen und Notaufnahmen oft diese medizinisch gebotene Sicherheit nicht bieten, aber als Kurklinik haben Sie ja gottseidank diese Überforderungssituation ja auch gar nicht. Und irgendwie hat das Christkind dennoch irgendwie das Virus unter Ihre geschmackvolle Weihnachtsdeko gelegt.

Nachdem ich also zwei Tage später meine weinende Mutter frühzeitig aus Ihrer Klinik abholte – das Gesundheitsamt war übrigens verwundert, dass mir das von Ihrer Seite erlaubt wurde, bei den geltenden Vorgaben des RKI – nachdem also wir in der Wohnung meiner Mutter in Ulm wieder angelangt waren, wurde ihr telefonisch eine Quarantäne angewiesen, und zwar bis zum 26.12. um 0.00. Es war meiner Mutter durch die Behörden nur schwer zu vermitteln, warum ein Lehrer in Baden-Württemberg nach 90 Minuten mit zwei Infizierten in einem engen Raum voll mit Schüler*innen nach zwei Tagen wieder ins Klassenzimmer geschickt wurde, aber eine Witwe nach 30 Minuten mit einer Person volle 10 Tage in Ihre Wohnung im Hochhaus muss.

An dieser Stelle kommen wir zu Weihnachten, zu Heilig Abend, liebe Federseeklinik. Sicherlich sind Sie und Ihre Mitarbeiter froh, wenn Sie diesen Abend mit ihren Kindern und ihrer Kernfamilie verbringen können, nachdem Sie die Kontaktperson so schnell losbekommen haben. Nun, Sehen Sie, meine Mutter wird nun den Heilig Abend im Gegensatz zu den meisten von Ihnen alleine verbringen. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Es war sicherlich kein leichtes Jahr für Sie als Klinik, aber für meine Mutter schon gar nicht.

Weihnachten ist ja das Fest der menschlichen Zuneigung, der christlichen Tat, und ja, auch das Fest der Versöhnung. Den letzten Begriff möchte ich einer im katholischen Oberschwaben (wo ich lange Jahre unterrichtet habe) liegenden Klinik ganz besonders ans Herz legen. Meiner Mutter war es übrigens auf der Heimfahrt besonders wichtig, dass all die kleinen Schokoladentäfelchen, die sie zum Abschied noch für Pfleger*Innen und Personal in Ihrem Haus besorgt hatte, ihre Empfänger erreichen, sie legt auf derlei Anständigkeiten sehr viel Wert.

Ich finde, meine Mutter hat für all die seelischen Qualen, die aus ihrem Frühstücksraum resultieren, eine kleine Wiedergutmachung von Ihrer Seite verdient. Sie finden Sie unter folgender Postanschrift (müsste sich auch in Ihren Akten finden, aber für Ihre Bequemlichkeit):

U. Vetter

[…]

Nun, jetzt liegt es an Ihnen.

Gerne dürfen Sie mein Schreiben in Ihrem Haus verbreiten – falls Sie den Mut dazu fassen. Vielleicht erinnern sich ja noch einige an Frau Vetter. Sie finden diesen Brief auch auf meinem Blog (www.einjahrraus.org) und auf Twitter.

Mit diesen Gedanken, die vielleicht auch zur adventlichen Besinnung ihrer Klinikangehörigen führen, möchte ich nun meinen Weihnachtsbrief schließen. Ich wünsche allen Menschen in Ihrer Klinik weniger traurige Weihnachten, als sie unsere Familie haben wird.

Mit weihnachtlichen Grüßen

Ihr Achim Vetter