Hervorgehoben

Nun, ich habe eine Website.

Update, 18.11.2019

Etwas weniger als ein halbes Jahr läuft jetzt mein Blog. Er ist technisch noch immer laienhaft, aber er tut das, was ich mir versprach: Er fasst meine Erlebnisse in diesem Auszeitjahr zusammen und bietet mir eine Plattform, Dinge zu dokumentieren und Ideen und Gedanken zu verschriftlichen.

Ob du selbst als Lehrer*in mit Sabbatical-Plänen nach Erfahrungsberichten suchst, ob du hier reingestolpert bist oder ob du mich persönlich kennst und gerade wissen möchtest, wo Achim steckt und was er treibt: Fühl dich eingeladen hier zu lesen. Wenn du’s gut findest, dann like es, sobald du online aktiv bist wirst du leider geil auf Clicks. Wenn du es noch besser oder ganz schrecklich findest, dann kommentiere es.

Inzwischen im Freistellungsjahr angekommen kann ich folgendes Zwischenfazit ziehen: Die beste Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe. Denn das eigene Leben ist tatsächlich ein sehr, sehr schöner Ort. Man neigt nur dazu, ihn im Alltag zu vergessen.

Originalpost, 20.07.2019

Eigentlich möchte ich dokumentieren, was mir dieses Jahr bringt.

Im Moment sitze ich aber eher da und versuche mich in die Gestaltung dieses Blogs einzulernen. Irgendwie ziemlich sperrig, und ich stehe ganz am Anfang. Im Grunde schreibe ich diesen Eintrag nur, weil mir das Tutorial hier vorschlägt, ich solle meinen ersten Blog-Content nun schreiben.

Und dabei hat mein Sabbathjahr noch gar nicht angefangen. Es ist einfach nur ein verdammt schwüler Juli-Sonntag,

Da ist er wieder, der ewigwährende Zwiespalt: Eigentlich strebt Mann (Mitte Vierzig, bindungslos, wills noch mal wissen) nach Selbstbestimmung und Selbstentfaltung, und stellt dann fest, dass er Dinge tut, weil es ihm eine Software empfiehlt.

Ob ich aus dieser Falle noch einmal entwischen kann? Erste Befürchtungen machen sich breit, zum Beispiel die: Ich sauge mir einen Text aus den Fingern, und mit einem Klick ist alles weg.

Es hilft nichts, Mann-der-es-wissen-will. Du musst es nun wagen abzuspeichern.

Ich werde vielleicht demnächst scheiße.

Das Durchschnittsalter ist 68,9 Jahre. Die Jüngste im Bunde ist mit 40 Jahren eine Strafrechtlerin, der Alterspräsident Martin Walser kommt mit stolzen 95 Jahren daher, und ja, wenn man so rechnet, dann wurden vorgestern vom hohen Thron von 1930 zusammengesammelten Lebensjahren herab die sozialen Medien in Aufregung versetzt.

Einige Blätter schrieben von „Intellektuellen“, die seriöseren nannten die Unterzeichner’Innen „Prominente,“ was wesentlich präziser ist. Ein konservativer Kabarettist, eine Ex-Grüne, eine Prenzelberg-Autorin, ein egomanischer Schauspieler. Gemeinsamkeit: Alle finden den Krieg schlimm. Alle finden, dass die Ukrainer durchs beharrliche Widerstand-Leisten, das Ganze noch verschlimmern. Besser, die kapitulieren. Alle wollen, dass bloß keine militärische Hilfe gegen Russland läuft, weil sonst steht’s übel um Deutschland.

Alle sind irgendwie alt.

Dass der offene Brief, erschienen in der Hauspostille der geschlechtsidentitär gefestigten älteren Bürgersfrau (der „Emma“), ein Unding gegenüber den Menschen in der Ukraine ist, haben inzwischen andere auf klügere und feinsinnigere Weise, als ich es könnte, entlarvt. Der Schrieb, und damit komme ich zum Thema, ist auch weniger ein Zeugnis des durch den neuen russischen Faschismus ausgelösten Zeitenbruch, als viel mehr eines für die Befindlichkeitslage der alten BRD. Ein peinliches Psychogramm meines Landes, wie es jenseits von Geldsorgen und faltenfreien Gesichtszügen aussieht.

Alte Menschen, die sich verzweifelt an die Trümmer einer von der Zeit zerschlagenen Epoche klammern, in der irrsinnigen Hoffnung, man könne sie kitten.

Szenenwechsel, Straßenbahn in Stuttgart. Zwei Menschen – beide nicht allzu alt – sitzen entgegen der Vorschrift ohne Maske da und lassen sich auch von den Mitfahrenden nicht zum Tragen derselben bewegen. Sollen von meiner Seite her den Noro-Virus fangen und statt in der U auf der Schüssel hocken! Der Fahrer sitzt hermetisch abgeschirmt hinter einer vermutlich kugelsicheren Scheibe. Beim Umsteigen entdecke ich einen älteren Typen in einer Uniformweste auf der „Begleiter öffentlicher Nahverkehr“ (oder so ähnlich) steht und spreche ihn auf das Problem an.

Nein, das sehe man ja jetzt nicht mehr so eng wie letztes Jahr
Ja, sicher sei das eine gesetzliche Vorschrift, aber das sehe man alles jetzt nicht mehr so eng.
Ja, aber eigentlich sei er auch gar nicht beim VVS sondern von der DB.
Ja klar sei er Nahverkehrsbegleiter, aber trotzdem.
Ja, das Problem sei nämlich, dass Deutschland nicht mehr richtig deutsch sei, so wie früher, da läge doch der Hund begraben.

An dieser Stelle breche ich das Gespräch ab. Auch weil euer Angestellter nach Alkohol roch, liebe DB-AG. Aber vor allem wegen Rechtsextremismus.

15 Minuten sitze ich in einem Wartezimmer, ein junges Mädchen wird aufgerufen. Sie hat – etwas undurchdacht – dicke Kopfhörer auf und hört zunächst ihrem Namen nicht, bis die Arzthelferin insistiert. Gegenüber sitzt ein Greis mit Gehstock und ruft völlig uneingeladen und im breitesten schwäbisch in die Runde: „Isch doch klar, dass die nix hert, mit ihre Kopfherer und dem fedda Arsch!“ (Sagt mir in den Kommentaren, falls ich das ins Schriftdeutsche übersetzen muss). Einige lachen. Ich verdrehe die Augen, sage aber nichts.

Bis heute hasse ich mich dafür.

Warum fehlt mir bei derart spontanen Übergriffigkeiten aus dem Mund von welkem Fleisch der Mut und die Schlagfertigkeit? Irgend etwas wie „Wenn man aussieht, wie ein brüchiger Schuh aus dem 12. Jahrhundert, den man aus einer Sickergrube kratzt, dann sollte man andere Menschen nicht aufgrund ihres Körpers herabsetzen!“ Vielleicht auch einfach nur kürzer „Opa, Reichsparteitag ist vorbei.“ Oder wenigstens irgendwas.

Was haben der offene Brief aus den Resten der Bonner Republik, mein rechtsradikaler DB-Beschäftigter und das alte Ferkel beim Arzt mit der momentanen Weltlage zu tun?

Sie scheinen mir alles Symptome für eine Krankheit, die dem Planeten Fieber macht und damit auch das gesamte globale System in eine tiefe Krise stürzt: Die Gerontokratie, die Terrorherrschaft der Greis*Innen, die jungen Menschen Zukunft und Lebensqualität wegfrisst. Dass nichts gegen den Klimawandel getan wurde, bis er laut jüngstem IPCC-Bericht kaum noch abzumildern ist, dass man jahrzehntelange mit einem belligerenten Diktator günstige Lieferverträge abschloss, der letztendlich die Existenzberechtigung Westeuropas bestreitet, dass man Corona einfach auf gut Glück frei rennen lässt, dass man mit dem Starrsinn eines todkranken Familenpatriarchen an Mechanismen festhält, die längst vom Fluss der Zeit ad absurdum geführt wurden: zum größten Teil das Werk von alten, mächtigen Menschen, die sich gegen den Eintritt der Realität in ihre Ideologie wehren.

„Wenn du dich auf eines verlassen kannst, dann darauf dass die Welt jeden Tag ein bisschen beschissener wird,“ schrieb jemand in meinem Twitter-Feed vor einigen Tagen.

Mir macht diese Erkenntnis sorgen. Weltgeschichtlich und persönlich. Ich werde nächsten Monat 49 Jahre alt (ging irgendwie schnell). Viele sagen, ich hätte mich ganz gut gehalten, ich versuche, am Puls der Zeit zu bleiben, höre aktuelle Musik, versuche nicht den Anschluss an die Gegenwart zu verlieren. Was aber, wenn scheiße Werden im Alter eine Zwangsläufigkeit ist?

Also, auch für mich?

Was aber, wenn all die Walsers, Meys, Vollmers, Kluges, Nuhrs, Dresens nicht einfach persönlich einen an der Banane haben, sondern wir alle kleine missgünstige Wunschträumer werden, wenn die Welt nicht mehr der unserer Jugend entspricht, und wir dann zu fatalen, für andere verheerende Fehleinschätzungen der Lage kommen, zudem am Machthebel sitzend, die wir im Grunde nur aus Selbstsucht, Megalomanie und eigener Ehrenkäsigkeit treffen? Gegen die vernünftigeren und klügeren Ideen der kommenden Generation, die wir aber mit unseren altbackenen Illusionen in den Abgrund der Geschichte reißen?

Was, wenn ich auch so werde?

An alle, die mich kennen: Weist mich rechtzeitig darauf hin. Ich möchte kein beschissener alter Mensch werden, der es nicht mehr blickt, aber noch immer den Diskurs bestimmen will.

Viele haben geschrieben, Ranga Yogeshwar hätte sie am meisten enttäuscht. Bei mir ist es Gerhard Polt und die Biermösel Blosn.

Schämt euch.

Super Sonic Boom

Gestern, an einem sonnigen Freitagnachmittag. Ich sitze mit einer lieben FreundinslashKollegin an meinem Wohnzimmertisch und wir arbeiten gemeinsam an unserem Kulturprojekt. Dann, gegen 13.30, ein heftiger Knall und gleich danach ein etwas milderer; meine Fensterscheiben zittern kurz. Wir schrecken hoch. Marina, jünger als ich, fragt beunruhigt, mehr als Ausdruck des Schrecks: Was war das? Ich sage ein Wort, dass ich schon lange nicht mehr benutzen musste: Überschallknall. Wir öffnen das Fenster, ich höre den Jetantrieb aus der Ferne. Genau, (nur) ein Überschallknall.

Ich muss vier oder fünf sein. Meine Mama steht vor mir und erklärt mir ruhig und eindringlich, was ein Überschallknall ist. Dass er von sehr schnellen Düsenjägern verursacht wird, dass man davor aber keine Angst haben muss, weil er einem nichts tut. Auch so ein altertümliches Wort „Düsenjäger,“ ein Relikt aus einem früheren Krieg, in dem Kampfflugzeuge in der Regel mit Propellern angetrieben wurden. Im Hof, wenn wir mit den anderen Kindern spielen, gibt es oft den Überschallknall. Immer wenn die Bundeswehr oder die Amerikaner üben. Was sie genau üben, das begreife ich nicht so recht. Das Kinderspiel der vielen Gleichaltrigen aus dem Block verstummt bei dem lauten Knall immer kurz und wird dann wieder aufgenommen. Einmal, einige Jahre später, rast der graue Kampfjet direkt über den Wohnblock, wir können die Maschine von unten ganz genau, wenn auch nur für einen Wimpernschlag sehen. Alle Kinder schreien. Aus Angst. Im Jubel. Vor Staunen.

Ich habe lange die Düsenjäger nicht mehr gehört. Gestern zum ersten Mal wieder bewusst und unmittelbar versetzt es mich zurück in meine Kindheit, in den Kalten Krieg. Die Jüngeren hierzulande kennen das gar nicht, es gibt in Stuttgart an diesem Freitag viele Anrufe bei der Polizei. Auf Twitter und den Lokalnachrichten wird schnell reagiert, beruhigt, erklärt. Die Nachrichten vermelden, der Kampfjet hätte nichts mit dem Ukrainekrieg zu tun gehabt.

Natürlich hat er. Es wird wieder geübt. Im Tiefflug.

Meine Mama erklärt mir auch, was die Sirene macht. Sie sitzt auf dem Dach des rechten Wohnblocks, ein grauer Stahlpilz mit einem dünnen Stengel. Einmal im Jahr ist Probealarm, und meine Mutter versucht mir die Angst vor dem grauenhaften Geräusch zu nehmen, dass dann der Stahlpilz erzeugt. Das Auf- und Abheulen ist der Warnton. Ein langer gleichmäßiger Ton ist Entwarnung. Glaube ich. Ich habe das Geräusch viele Jahrzehnte nicht mehr gehört, ich könnte heute googlen, welche Töne was bedeuten.

Ich will es aber nicht.

Ich werde deutlich vorgewarnt durch meine Eltern, wenn ein Probealarm ansteht, damit ich nicht so viel Angst habe. Was da genau geprobt wird, ich verstehe es nicht ganz, aber es hört sich rein akustisch schlimm an. Also stehe ich da im Hof, versuche tapfer zu sein, halte mir die Ohren zu und kneife die Augen zusammen und sage mir, es ist nicht schlimm, es ist nur ein Probealarm, es geht gleich vorbei. Aber der Probealarm geht ewig, denn er arbeitet sich durch vier oder fünf Signalfolgen.

Ein Freund hat kleine Plastiksoldaten, für den Sandkasten im Hof. Ich darf nur Playmobil und Lego haben, deshalb sind die kleinen Plastiksoldaten für mich ein Sehnsuchtsspielzeug. Es gibt knallgrüne, das sind die Amerikaner, unsere Freunde. Es gibt rotbraune Russen, von denen erzählt auch der Opa manchmal, das sind Feinde. Und es gibt graue, das ist die Wehrmacht, zu wem die gehört weiß ich nicht, aber auch die hat irgendwas mit dem Opa und seinen Geschichten aus dem Krieg zu tun. Mein Opa ist ganz sicher ein Held, der Überschallknall kann mir nichts tun, da muss ich keine Angst haben, heute ist wieder Probealarm, Achim, da musst du keine Angst kriegen.

Gestern habe ich zum ersten Mal wieder einen Überschallknall gehört.

Ich stelle mir seitdem vor, was es in mir auslösen würde, wenn plötzlich im Viertel die Sirenen anfangen zu heulen. In meiner Erinnerung habe ich das Geräusch ganz deutlich im Ohr. Jetzt verstehe ich es aber. Und es macht mir Angst, weil der Sinn hinter dem bösartigen, verzweifelten Schreien des monströsen grauen Pilzes auf dem Dach noch viel beängstigender ist, als der Sound für mich als Kleinkind war.

Die Bundeswehr kriegt hundert Milliarden. Der Bildungssektor wird also viele Jahre weiter vernachlässigt werden. Ich frage mich, was uns funktionierende Kampfhelikopter angesichts des Sinns hinter dem bösen, grauen Heulen nützen würden.

In ukrainischen Städten heulen die Sirenen jetzt schon jede Nacht, während ein bösartiger, unberechenbarer Autokrat zivile Wohnviertel mit thermobarischen Raketen angreift und er von unserem Heizungsgeld Panzer in Richtung eines souveränen, demokratischen Staates ausschickt, jedenfalls demokratischer als das Putin-Regime. Auch ukrainische Kinder haben sicher Angst vor den Sirenen, aber vor allem, weil danach tatsächliche Geschosse einschlagen, töten, zerstören, terrorisieren.

Jeder Cent, den wir Putin bezahlt haben, ist eine Waffe, die sich gegen uns richtet. Jeder Cent ist ein Angriff auf die demokratische Idee und die Menschlichkeit. Bis jetzt konnten wir uns rausreden, dass wir das alles nicht geahnt hätten. Es ist wie immer eine schwache Ausrede, die komplette Dummheit der Verantwortlichen im Nachhinein aufdeckt, aber immerhin gibt es noch eine Ausrede. Ab jetzt wissen wir, dass diese faschistoide Diktatur keinen Cent mehr bekommen darf, der ohnehin nur in Waffen gegen die Menschenrechte gesteckt werden wird.

Ich habe zwei Tage nach dem Überfall meine Heizung abgestellt und werfe sie nur noch an, wenn Gäste kommen. Lieber friere ich mich durch einen grauen, kalten Vorfrühling als dass ich noch einmal in meinem Leben die Sirenen heulen hören muss.

Ich habe Angst. Aber keinen Zentimeter dem Faschismus.

Erkranktes System

Ein offener Brief an meine oberste Dienstherrin

Sehr geehrte Frau Ministerin Schopper,

diese Worte richten sich in erster Linie an Sie als Verantwortliche vor Ort, sie können aber stellvertretend auf alle Mitglieder der KMK übertragen werden, an alle Priens, Ernsts, Piazolos, Holters, die seit zwei Jahren den Infektionsschutz an Schulen – nicht betreiben. Aufgrund der mir auferlegten Verpflichtung zu maßvollen Äußerung als Landesbeamter werde ich mich Ihnen gegenüber gemäßigter und höflicher Worte bedienen, die Sie aber bitte rein als meine dienstliche Pflicht auffassen, nicht aber mit einem tatsächlichen menschlichen Respekt und Wertschätzung gegenüber ihrer Amtsführung verwechseln. Hierzu bieten Sie nämlich keinerlei Anlass, den müsste man sich durch verantwortungsvolle und kompetente Politik verdienen.

Am 03. Februar 2022 bin ich an COVID-19 erkrankt. Trotz aller Schutzmaßnahmen von meiner Seite. Trotz allem, was ich versuchte. Ich habe mich schnellstmöglich Impfen und Boostern lassen, im Dienst von jeher eine ffp2-Maske getragen. Eine ordentliche und gut sitzende, nicht den billigen, schlecht geschnittenen Schrott den ihr Amt in infamöser Zusammenarbeit mit dem hiesigen Sozialministerium für uns beschaffen ließ, ein weiteres Indiz dafür, dass es im Kompetenzbereich des Bevölkerungsschutzes in beiden Ministerien deutliche Mängel gibt.

Ich habe mich trotz meiner Versuche, mich vor einer Infektion zu schützen, infiziert.

Meiner Versuche – von Ihrer Seite blieb ein wirkungsvoller Infektionsschutz stets (man möchte meinen gezielt) aus. Seit Pandemiebeginn werden wir mit Lüftungsanweisungen und herbeigeschwurbelten Masken-auf-Masken-ab-Regelwechseln abgespeist, die meistens den medizinischen Empfehlungen in der aktuellen Infektionslage entgegenstehen. Ihre Verordnungen werden inzwischen mit resigniertem Gelächter begrüßt – ich weiß nicht ob sie das ahnen oder diesen Gedanken als Selbstschutz der eigenen Amtskonstruktion lieber verdrängen.

Ich bin nun also infiziert, nach bald zwei Jahren Pandemiemanagement ohne medizinische Expertise. Es begann mit einem morgendlichen Kratzen im Hals. Nach der vierten Stunde an diesem Donnerstag – Geschichte Klasse 12 – war mir klar, dass ich extrem schnell etwas ausbrüte. Heißer Kopf, Halsschmerzen, Unwohlsein. Schnellstmöglich nach Hause. Bereits zu diesem Zeitpunkt ahnte ich, dass es wohl die Scheiß-Seuche sein müsste, angesichts der raschen Entwicklung meiner Symptome. Zwei Schnelltest aus Schulbeständen zeigten zunächst ein negatives Resultat, worauf ich doch wieder auf die Theorie einer üblichen Erkältung verfiel. Erst spät am Donnerstag-Abend – zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 38,8 Fieber und heftige Kopfschmerzen – zeigte sich eine blasse rote Linie, nur im hellen Licht sichtbar, auf dem Kästchen. Ab da war klar, was ohnehin schon lange klar war. Klar war auch, dass ich schon lange unentdeckt infektiös für andere durch unsere Schulgemeinschaft gerannt bin.

Zweifeln Sie eigentlich manchmal an ihrer brillianten Teststrategie? Ist Ironie noch in Ordnung? Zweifeln Sie überhaupt bei sich im Haus?

Am Mittwoch der vor meiner Infektion liegenden Woche hatte ich im Rahmen einer Gesprächsrunde zwischen Personalrät*Innen und Mitarbeiter*Innen des Regierungspräsidium Stuttgarts versucht, dem Amtszimmerbereich zu erklären, was den Schulen bisher angetan wurde. Weil ich dachte: „Die verstehen das bisher gar nicht, sie würden es sonst nicht tun.“ Ich schilderte die grauen Gesichter der jungen Menschen, die um sich greifende Depression, die Angst vor der Infektion, das ständige Leben mit Furcht, weil man weiß, dass über all um einen Menschen dicht an dicht sitzen, die mit einem potentiell tödlichen Virus infiziert sind. Man ließ mich höflich ausreden.

In der Folge erklärte mir ein alter, weißhaariger Mann, dass wir alle durch schwierige Zeiten gehen und dass ich mir sicher sein könne, dass jede Entscheidung bezüglich der Schulen eine verantwortungsvolle Einzelfallentscheidung darstelle, in jedem Fall eine Einzelfallentscheidung, zum Besten aller Beteiligten im Fall, wir müssten nun zusammenstehen, verantwortungsvoll, zum Besten aller Beteiligten, in Einzelfällen.

Sie verstanden es nicht.

Von Verantwortung kann ich bei Ihnen und den Ihnen unterstellten Entscheidungsträgern keine Spur erkennen. Ihre Verantwortung wäre es, mich als Landesbeamten vor der Infektion mit einer potentiell tödlichen Krankheit zu schützen. Ihre Verantwortung wäre es, Kinder und Jugendliche, sowie deren Familien, vor einer potentiell Langzeitschäden erzeugenden Krankheit zu schützen.

Sie aber pferchen uns zusammen. Mit Schnelltests, die die meisten Infektionen nicht oder viel zu spät entdecken und einem Lüftungskonzept, das angesichts der Verhältnisse an Schulen, schon immer hochgradig lächerlich und entlarvend war.

Frau Schopper, stehen bei Ihnen im Haus Luftfilter herum? Und: Wie sehr schämen Sie sich dafür?

Drei Tage nach meinen ersten Symptomen klang das Fieber wenigstens tagsüber ab und kam Abends heftig wieder. Mein PCR-Test am Freitag-Abend blieb vier Tage lang unbearbeitet, weil Land und Bund mit Ansage – wie schon so oft – nicht auf errechnete Entwicklungen reagieren wollten. Die Inzidenz in der Altersgruppe der jungen Menschen geht in der Omikronwelle durch die Decke, die KMK-Vorsitzende faselt von Lockerungen und handwedelt versterbende Kinder als Bagatellvorkommnisse aus der Diskussion. Junge Menschen, die sich gegen den von Ihnen betriebenen Wahnsinn organisieren, werden ignoriert und in Talkshows verunglimpft. Täglich erkranken wir in den Schulen, während Sie nichts Relevantes dagegen tun. Wollen?

Warum musste ich unbedingt erkranken? Was bringt das Ihnen? Dem System? Der Gesellschaft, oder was alte weiße Menschen in Amtszimmern dafür halten? Ich sehe keinen Mehrwert für uns in Ihrem passiven Laufen lassen der Infizierung breiter Bevölkerkungskreise über den Hotspot Schule. Ist das praktizierter Sadismus? Macht es Ihnen Spaß, wenn wir Beamt*Innen, Schüler*Innen, ganze Familien an diesem Virus erkranken?

Ich verstehe Sie nicht. Geld kann es doch nicht sein. Oder? Oder?

Mittlerweile (der zweite Krankheits-Samstag) hat sich meine Covid-Infektion in eine heftige Verschleimung der Bronchen umgewandelt. Mein Husten ist bellend und gequält, seit heute – Tag 9 – wird er etwas besser. Ich bin Asthmatiker und habe Angst, dass etwas in meiner Lunge bleibt, mir die Fitness raubt, die Luft zum Atmen. Ich war früher gerne mal aktiv im Freien unterwegs.

Sie in Ihrer Verantwortung für die Ereignisse drücken uns diese Luft zum Leben ab. Warum? Warum tun Sie das?

Sie traten einmal als GRÜNE an. Ich kann ihr Handeln, das jedem humanistischen Ideal widerspricht, beim besten Willen nicht mit den Sonntagsreden Ihrer Partei in Einklang bringen. Warum tun Sie das? Warum tun Sie das uns an?

Das Gesundheitsamt hat sich bei mir nie gemeldet, meine Kontakte, die ich infiziert haben könnte, sind wohl für das Handling der Lage uninteressant. Nein, natürlich sind sie nicht uninteressant, aber auf Entwicklungen im Infektionsgeschehen gezielt zu reagieren, ist möglicherweise zu anstrengend geworden. Und 200 Tote am Tag sind aus der Sicht der herrschenden Gesundheitspolitik wohl kein schlechter Preis. Die meisten sind ja alt und vorerkrankt, können also weg. Oder jung, dann stirbt man eben „mit,“ aber gottseidank nicht „an.“

Ist Sarkasmus eigentlich ok?

Wie immer werden Sie nicht antworten. Alleine, weil Ihre PR-Abteilung Ihnen dazu rät. Wie immer werden Sie sich hinter Ihren großzügigen Amtszimmern, Ihren beschlusslosen Online-Konferenzen mit den Kolleg*Innen anderer Länder, Ihren von Steuergeldern angeschafften Luftfiltern verstecken und in Ihren Gedanken Wortblasen über verantwortungsvolle Einzelfallentscheidungen aufsteigen lassen.

Nur wir, wir an der Infektionsfront, wir erkranken massenhaft. Wir sind kein Einzelfall. Und Sie treffen Entscheidungen, die uns schaden.

Frau Schopper, als meine Dienstherrin rufe ich Ihnen zu: Drehen Sie endlich Ihren Pandemiekurs in die Richtung, die Virologen empfehlen. Hören Sie auf, sich mit Schwurblerinitiativen zu treffen. Verhindern Sie, dass es noch mehr Leuten ergeht, wie es mir seit 9 Tagen ergeht. Es wäre Ihre Pflicht.

Hochachtungsvoll mit höflichen Grüßen

Achim Vetter

Impfschluss in Bad Cannstatt

Ein offener Brief an meine Stadt und den hiesigen Sozialminister

Update, 28.11.: Seit gestern bin ich geboostert. Hurra. Letztendlich nicht durch ein kommunales oder staatliches Angebot, sondern von einem Orthopäden am Schulstandort, der seine Praxis in ein Impfzentrum verwandelt hat. 300 Impfungen pro Tag anstatt Knie und Schulter. Darüber hinaus wurden alle Einnahmen der gestrigen Impfaktion an Waisenhäuser an Myanmar gespendet. Es gibt sie doch, die verantwortliche Einzelinitiative. Erfahren habe ich von der Praxis über Flüsterpropaganda im Lehrerzimmer. DDR reloaded, wer weiß, wo man was kriegen kann. Den Tausenden anderen, die letzte Woche nach Hause geschickt wurden, hilft mein persönliches Glück aber nicht.

New Orleans, 2005, Hurricane Katrina hat die US-Ostküste verwüstet. Tausende Häuser stehen unter Wasser. Vor dem Superdome, dem Football-Stadion der Metropole, spielen sich apokalyptische Szenen ab, während sich Tausende von Verzweifelten in eine Schlange stellen, die zu den letzten Evakuierungsbussen führt. Zwischen den Menschenmassen, die ungläubgig auf die wenigen Busse starren, die ihr Gouverneur für die Vielen auftreiben konnten, bewegen sich zwei überforderte Polizistinnen auf und ab. Die Aufgabe, die Menschenmenge in geordnete Bahnen zu lenken, oder auch nur abzuschätzen, wie viele in einen Bus kommen, wächst ihnen definitiv mit jeder Minute mehr über den Kopf. Absperrbänder, Informationsschilder, Ordner – Fehlanzeige.

Oh, Shit, es ist ja gar nicht 2005, sondern 2021.

Und es ist auch gar nicht New Orleans – was haben wir damals über den unfähigen Ami den Kopf geschüttelt, Sie auch, oder? – es ist der Bahnhof Bad Cannstatt im November. Keine Flut, eine Pandemie. Und ich werde auch nicht zurück in das Stadion getrieben, sondern ich nehme resigniert meinen Roller und fahre nach Hause.

Warum bin ich überhaupt hier? Verzweifelte Hoffnung könnte man es nennen. Letzte Reste von Gutgläubigkeit, dass die verantwortlichen Kräfte schon die Situation nicht ganz aus den Augen verloren haben. Wir Narren! „Mobiles Impfangebot – ohne Termin! Impfteam in der Busbucht am Bahnhof, 24.11.2021, 17.00 – 22.20 Uhr.“ Müssen Sie auch ein bisschen hysterisch Lachen, beim nochmal drüber lesen?

Um 17:40, gut eine halbe Stunde nach dem offiziellen Startschuss, beginnt die entnervte Polizei die verbliebenen 80 % der Schlange wegzuschicken, bzw. ihnen freundlich zu sagen, dass sie chancenlos sind. „Ich kann es leider nicht ändern“, Standartsätze aus der Kommunikationsteamausbildung, Standartreaktionen bei den Betoffenen, frustriertes Abziehen. Wieder ein Stück Hoffnung in die Verantwortlichen weniger, dass man noch irgendwas im Griff hat.

Symbolbild – gilt für alle Tage der Liste

Natürlich war es nicht meine erste Wahl, mich im November Nachts bei -2 Grad vor den Bahnhof zu stellen und den Autoverkehr zu behindern. Natürlich wäre es meine erste Wahl, so geboostert zu werden, wie ich geimpft wurde: In einem wirklich sehr gut organisierten Impfzentrum in der Liederhalle , mit einem festen Termin, der zwar nicht einfach zu bekommen war, aber zuverlässig stattfand. Jetzt wird stattdessen ein großes Glücksspiel, eine Lotterie, ein „rette-sich-wer-kann“-Szenario für die Bevölkerung aufgezogen – ist das wirklich billiger so? Jetzt, im November, stehe ich zwischen einer – für die Verantwortlichen eventuell „überraschend“ aufgetauchten -Baustelle, den schmutzigen Warnbaken am Straßenrand und dem Ostausgang des Bahnhofes, dort wo sich normalerweise die nicht so glanzvolle Seite Bad-Cannstatts auf einen Sixpack trifft, die man jetzt für die „Impfaktion“ verjagt hat, die eigentlich, um 17.40 Uhr auch schon wieder beendet ist, zumindest für die meisten Leute in der Schlange.

Deutschland, immer noch in den Kreisen der Oberenzehnprozent eines „der reichsten Länder der Welt“, ist an der Basis ein Schwellenland geworden, mit deutlichen Anzeichen eines „broken states.“

Meine erste Wahl wäre es natürlich gewesen, einen Termin zu buchen. Und tatsächlich: Die Stadt Stuttgart hat eine schöne Liste mit lauter Stellen, bei denen keine Termine mehr zu bekommen sind, ins Netz gestellt und auch hier kann man sich anschauen, wo man in Stuttgart sich demnächst nicht boostern lassen kann.

Bis Februar.

Ich stehe jeden Tag im Klassenzimmer, in dem Infektionsschwerpunkt der vierten Welle, ja genau, keiner hat’s geahnt, der Schule. Geschützt werde ich von meinem Arbeitgeber nicht, er setzt seit einem Jahr auf billige OP-Masken und geöffnete Fenster. Ich darf mich regelmäßig testen – dann weiß ich wenigstens, ab wann ich es habe. Am 19. November wäre meine Zweitimpfung ein halbes Jahr her gewesen.

Wenn Sie bis jetzt drangeblieben sind, dann fragen sie sich sicherlich, was ich von den zuständigen Stellen fordere. Und wissen Sie was: Das muss ich Ihnen gar nicht erzählen, denn es liegt völlig auf der Hand, was notwendig wäre, jeder mit fünf Pfennig Menschenverstand kann es einigermaßen erschätzen.

Ich bin eher gespannt, was Sie auf die Frage, die diese Missstände aufwerfen antworten würden?

„Wir wurden überrascht!“ Das?

Halten Sie das für eine akzeptable Antwort, in Ihrer Position? Mit all der Verantwortung in der momentanen Situation des Landes? Oder ist das einfach Ihr Kommunikationstraining, so wie bei den beiden bedauernswerten Polizistinnen heute Abend?

Was 2021 verspielt wurde, wird nur durch 10 Jahre gute Entscheidungen zu reparieren sein. Tragen Sie morgen früh einen kleinen Teil dazu bei, und bauen Sie auf Teufel komm raus und um den Preis hoher Schulden unbedingt die Impfangebote aus. Es ist tatsächlich eine Frage von Leben und Tod. Und nicht von Haushaltsdebatten.

So sieht sie aus, die Lage in einer deutschen Landeshauptstadt

Ich bin ein höflicher Mensch. Ich beschimpfe sie nicht, sondern bleibe im Rahmen der respektvollen Kommunikation. Falls das aus Ihrer Sicht eine Antwort verdient hat: Nur zu. Adresse siehe Briefkopf.

In der Spirale

Ich bin zu müde.

Zu müde um zu schreiben, zu müde um zu bloggen, zu müde um diesen ganzen Wahnsinn noch ätzend, empört oder ironisch zu kommentieren.

Ich stehe jeden Morgen auf, schleppe mich ins Lehrerzimmer (In Landschulen ganz bewusst ohne *In), halte meine Stunden, versuche für meine Schüler*Innen ein guter Lehrer zu sein.

Der Rest kann mich mal.

Was hatten wir alle im September Hoffnung, oder? „Politikwechsel.“ Politikwechsel my ass. Die Liste, was die kommende Regierung alles nicht verändern will, scheint der Schwerpunkt des Koalitionsvertrags zu werden. Wer hätte gedacht, dass Lindners Flachwitz „es ist besser nicht zu regieren“ generell gemeint war und nicht bezogen auf die damalige Situation? Wer hätte gedacht, dass ich eine Partei wähle, bei der ich eigentlich schon davon ausging, dass sie mich auf ganzer Linie enttäuschen wird?

Wir haben mittlerweile im Landkreis eine Inzidenz von ca. 350 (In einer Schule bitte mit zwei multiplizieren) und die Pandemie der Ungeimpften darf fröhlich um mich herum hüpfen und mir demnächst bald im dritten Jahr das Leben versauen. Die amtierende Regierung schaltet währenddessen immer mehr auf ein „aber wir können doch gar nix dagegen machen“ als Kommunikationsstrategie um.

Vielleicht haben sie ja Recht. Das wäre das Schlimmste. Vielleicht hat Europa endgültig den Status der Handlungsunfähigkeit erreicht, wir leben von der Restarroganz, die wir aus unserer vermeintlich glorreichen Kulturgeschichte ziehen, so wie ein spätantiker Römer immer noch davon überzeugt war die Sonne der Kultur zu sein, während längst die Vandalen in Rom das Sagen hatten. Und wir überdecken mit diesem Dogma von der ersten Welt die Tatsache, dass unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik längst gar nicht mehr auf Krisen und Probleme reagieren kann, sondern nur noch drüber reden und wortreich weiter auf den Abgrund zuschlittern.

Nehmen wir nur mal das Beispiel einer grünen Kultusministerin, die es schafft, noch katastrophaler, grausamer und verantwortungsloser zu verwalten, als eine extrem unbeliebte konservative Vorgängerin. Wie hält man sich selbst aus, ohne aus seiner eigenen Partei auszutreten?

Ist ja nicht mein Problem.

Ich möchte euch von einer fantastischen Gruppe Menschen erzählen, ziemlich jung, sie treffen sich einmal in der Woche in einem miefigen, heruntergekommenen Musiksaal der genau den Zustand des Bildungssystems verbildlicht, durch das sie sich seit ca. 10 Jahren schleppen. Sie versuchen dort eine Eigenproduktion zu erarbeiten, ein Bühnenprogramm für den Sommer, diesmal alles „from scratch“, ohne Stückvorlage.

Die Leute da sind wirklich großartig. Klug, witzig, kreativ, mutig. Warum sind die Leute über 40, die unser Land zum Stillstand hin verwalten, nicht auch so? Es gibt doch so Menschen offensichtlich?

Wir hätten im Juni eine große Einweihung bei uns am Standort zu feiern, vielleicht schreibe ich da ein andermal drüber, im Moment ist das im Grunde genau so scheißegal wie die täglich düstere Situation für die Menschen im Gesundheitssystem, und die interessiert ja schließlich auch keine Sau. Jedenfalls: Dafür entwickeln die Kids diese Produktion. Ich bin Teil des AG-Leitungs-Teams.

Ich mache das ja schon eine ganz Weile in meinem Berufsleben. Für Uneingeweihte: Man improvisiert bei so was relativ viele Szenen. In all den Jahren, vor diesem düsteren Herbst hier, waren diese Improvisationen echt witzig: Parodien, schnelle Gags, abgedrehte Karikaturen, immer auf der Suche nach einem guten Lacher. So war Theater-AG 2015. Oder 2008. Oder 2018.

Das Furchtbare: So ist es nicht mehr. Was meine Kids heute auf den dreckigen Teppich im Musiksaal, den wir Bühne nennen, zaubern, ist eine Sammlung düsterer und berührender Szenen und Themen, gespielt mit großem Talent, feinsinniger Beobachtungsgabe und tiefem Sinn für das Emotionale. Wir haben inzwischen alles in unserem Stück: Alkoholismus, Missbrauch, Mobbing, Weglaufen, Armut, Drogenmissbrauch (sorry, doppelt sich mit Alkoholismus), Krankheit, dem Vermieter ausgeliefert sein, Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung – you name it. Die Generation von 2021 schafft es, diese Themen nicht albern oder satirisch aufzuarbeiten, sondern mit dem großen Ernst von Leuten, die Wissen, dass diese Themen das Zentrum ihrer Generation darstellen.

Als Betroffene.

Wir proben das und entwickeln ein Stück, während wir zusehen, wie draußen die Zahlen explodieren, ohne dass die Verantwortlichen etwas anderes tun, als die Pandemie zu befeuern und dafür andere Verantwortliche zu suchen. Wir tun dies, während eine kleine Minderheit von Radikalen und esoterischen Irren die Mehrheit in diesem Land terrorisiert und einen Einfluss auf die Richtlinien des vernunftgeleiteten Handelns entwickelt, den ich nie geahnt hätte in einem von der Aufklärung geprägten Land. Wir tun dies, während die Schulleitung Drohbriefe erhält, die mit „SHAEF“ unterzeichnet werden.

Wir tun dies in der Erwartung, dass unser Stück nicht vollendet wird, weil das erste was man im Namen der effektlosen Symbolpolitik canceln wird, wenn das große Sterben wieder beginnt, werden die AGs an den Schulen sein.

Ich bin jetzt ja so langsam ein älterer Mann. Ich hatte meine guten Zeiten. Es geht ja eigentlich nicht mehr um mich.

Aber das, was meine Generation und die, die zehn Jahre älter sind als ich, dieser kommenden Generation antun, ist eine unanständige Abkehr von der Verantwortung für die Zukunft, die in Europa eigentlich keinen Raum zur Entfaltung hätte bekommen sollen.

All die Laschets, Lindners, Schoppers und Spahns, und ja auch die Göhring-Eckarts, die Mockridges, die Prechts, die Schwarzers, die Kretschmanns, die Streecks, die Reichelts, die Wagenknechts und die Boufiers, die Klöckners, die Brinkhaus‘, die Joops, die Heidenreichs und auch die Liefers‘, die jetzt dieses Land als Karikatur einer Elite prägen: Diese Jugend hat euch nicht verdient. Oder sie verdiente zumindest, dass ihr euer Denken und Handeln der aktuellen Lage anpasst.

Aber wir alle wissen: Das werden sie nicht machen.

Und wir sind zu müde, um weiter gegen die fehlerhafte Konstruktion dieser Weltordnung anzukämpfen. Also sitzen wir weiter jeden Dienstag im ranzigen Musiksaal, entwerfen ein Stück, für eine Zukunft, die höchst zweifelhaft ist, während draußen die Blaulichter flackern.

Tortuga (Update 16)

Oder: die Rückkehr zum Du

von Rainer-Maria Stiftelvischer

Unprofessionell und mit Hobbytechnik eingelesen von mir, mit Brüchen, Stockern, Akzent und Hasplern. Aber original. Sehr verschroben. Lustig gemeint.

T A U W E T T E R
F L U S S T Ä L E R
W Ä R M E Q U E L L E
W I N T E R S O N N E
S Ü D S T A U
H E C K E N R E I H E N
A B E N D W I E S E N (Das „Establishment“ im vorletzten Absatz ist natürlich ein „Etablissement“ …)
G I S C H T Z O N E
B R A N D U N G S Z O N E
S E T Z L I N G S F E L D E R
M O R G E N S T R A N D
S P A R G E L T R E I B E N
H O C H D R U C K S C H N E I S E
B I E N E N Z E I T
P A L M E N G A R T E N
W O L K E N S C H A T T E N
S C H A F S K Ä L T E
Z I M T I N S E L N

Dialog mit dem Alghorithmus (Update 2)

Der dritte Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

oder sollte ich jetzt „liebes Telefónica-Germany-Team“ schreiben? Immerhin kennen wir uns jetzt schon eine ganze Zeit, wir haben eine Weile nett geplaudert. Nun ja, es war recht einseitig, die Redeanteile ungleich verteilt, aber irgendwie möchte ich mir einreden, dass ich Ihnen ein wenig nähergekommen bin.

Also dann mal ganz leger „hallo“ von mir.

Haben Sie eigentlich auch schon mal auf das 35. Foto einer Paella aus dem Urlaubrestaurant irgendwelcher Freunde gestarrt? Auf das xte witzig geschminkte Kind, an dessen Namen Sie sich eigentlich gar nicht mehr so recht erinnern können? Auf das vermeintlich amüsante Video vom Familienhund, der seinen eigenen Schwanz jagt? Manche Menschen verschicken mit ihrem Smartphone einfach alles, was in ihrem bei Licht betrachteten öden Leben irgendwie präsentabel wirkt, so unendlich gewöhnlich es auch ist. Man traut sich aber nie zu sagen: Bitte schick mir keine scheiß Fotos von deinem Blick vom Hotel mehr. Aus Nettigkeit. Geht’s Ihnen auch so?

Sie, also Ihre Firma, also auch Sie, der Sie vermutlich ein winziges Stück Code-Sequenz in einem massigen Skript sind, haben mir dazu verholfen, dass ich fast einen ganzen Monat all diese Selfies, weitergeleitete Ralf-Rute-Gag-Bildchen, lustigen da-dubbed-jemand-Star-Trek-mit-hessischer-Mundart-Videos nicht empfangen habe. Irgendwie haben Sie mir also ein unfreiwilliges Stück Handy-Fasten auferlegt, immerhin ein absoluter Mode-Trend der letzten Jahre, durchaus mit heilsamen Tendenzen, wie ich fand. Ich habe gelernt, dass die wirklich wichtigen Leute noch auf dem Festnetz anrufen (also die, denen ich auch wichtig bin), und dass der Rest der Whats-Apper-Nation irgendwie im Leben gar nicht so richtig fehlt.

Natürlich haben Sie das nicht aus therapeutischer Weisheit mit mir veranstaltet, sondern aus … wissen Sie eventuell gerade ein gutes Synonym für „Inkompetenz?“ Oder „Missorganisation?“ Ich bin ja um Worte manchmal nicht verlegen, aber dazu fällt mir jetzt grad nichts mehr ein.

Na ja, Sie wissen, was ich Ihnen sagen will.

Denn, bei aller Dankbarkeit für die Abkoppelung vom Netz, durch das Unvermögen, innerhalb eines erwartbaren Zeitraums eine SIM-Karte zu ersetzen, haben Sie mir auch noch andere, weniger angenehme Dinge beigebracht. Dass ich ohne Handy praktisch keine Überweisung mehr tätigen kann, außer ich gehe auf die Bank und zahle für Papier extra Gebüren. Oder dass keine Geschichte aus Schilda, kein brandtsches Narrenschiff, keine simplicistisches Possenstück auch nur annähernd erahnen lassen kann, wie Sie als Telefónica Germany so funktionieren. Oder halt auch nicht.

Na sei’s drum. Seit einer Woche bin ich wieder im Netz, und die Aktivierung der neuen SIM-Karte hat auch nur zu drei Sackgassen geführt und vier Stunden gedauert. Ich bin wohl selbst schuld, dass ich die super-geheime vierstellige Aktivierungs-Pin für die Spezial-SIM-Aktivierungs-Hotline nicht parat hatte, sondern nur meine super-geheime fünfstellige Telefon-Hotline-Pin, meine Kundenummer, die letzten vier Ziffern meines Bankkontos und dass Sie eine der wenigen Hotlines betreiben, an deren Ende man mit einem Herzinfarkt todesröchelnd liegen könnte, und der Computer würde den Anruf einfach kommentarlos abbrechen, ohne dass da mal einer nachfragt, was da los ist. Man kann die SIM übrigens auch über ihr geniales Online-Kunden-Portal aktivieren, allerdings nur, wenn man eine SMS empfangen kann. Das fand ich schade, da fingen Sie an sich in Ihren grotesken Gedankenschleifen zu wiederholen. Bis zu dem Zeitpunkt waren Sie wenigstens nicht langweilig. Und ich musste nur etwa 17-mal meine Handy-Nummer genervt in einen Hörer rotzen, bis ich einen Menschen sprechen könnte.

Top-Tipp: man kann seine SIM auch über die normale Hotline aktivieren lassen, aber das schreiben Sie nirgendwo hin, Sie Fuchs Sie.

Gut, ich bin wieder mobil online. Ich erkenne hiermit Ihr beharrliches Schweigen als Schuldeingeständnis an. Oder als Überforderung. Oder als Versuch, als komplettes Akronym dazustehen. Ich will eigentlich jetzt nicht „Akronym“ schreiben, aber ich bin ein höflicher Typ.

Aber nicht so höflich, dass ich Ihnen dankbar sein kann. Au contraire, mon frère. Sie haben mich mehr geärgert, als der Bundestagswahlkampf, und da waren immerhin Laschet, Scheuer und Merz als schwere Kaliber der Hirnrindenschmerzen unterwegs, aber die wischen Sie locker vom Schlachtfeld.

Na, stolz? Hoffentlich nicht.

Vielleicht gelingt es irgendeinem Menschen bei Ihnen ja doch noch, mir in angemessener Weise zu antworten. Nehmen Sie’s einfach als sportliche Duellforderung, aus Selbstrespekt. Immer nur einstecken und still halten müssen ist auf Dauer nicht gut. So bin ich auch zum Schreiben gekommen. Als Kunden haben Sie mich bei nächster Gelegenheit ohnehin los, vielleicht überdenke ich ja alles, wenn Sie ihr Verhalten an mich anpassen. Na, geködert?

Auch egal. Aus guter alter Tradition schicke ich diese E-Mail an ihre längst still gelegte Support-Adresse, drucke Sie nach dem Bouncen aus und lasse Sie ihnen per Brief zukommen, für die Mitarbeiter-Pinwand neben dem Brühautomaten. Man kann das auch noch mal in bunt lesen, falls die letzten Briefe verschütt gegangen sind – wie so einiges, wie so einiges – und zwar unter: http://www.einjahrraus.org.

Fuck, wir hatten fast so was wie eine Beziehung.

Mit Grüßen irgendeiner Gefühlslage ihrer Wahl

Achim Vetter, 6032003776

Der zweite Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

machen Sie sich manchmal Gedanken über Digitalisierung? Ich meine, was für eine Frage, schließlich sind Sie ja ein Telekommunikationsunternehmen und Internetprovider. Aber, so ernsthaft? Auch und vor allem über die crazy Seite der digitalen Arbeitsprozesse? Ja?

Vor einer Woche habe ich Ihnen zum ersten Mal geschrieben. Ich habe eine E-Mail verschickt, Sie nach dem Bouncen ausgedruckt und per Brief nach München weitergeleitet. Heute mache ich das wieder so. Warum ich mir diese absurde Mühe mache? Ich glaube, sie ist ein ganz gutes Symbol für meine Erfahrungen mit Ihrem Unternehmen, die ausgedruckte Email ist ja geradezu eine Art Meme für den Rückstand unserer Gesellschaft in digitalen Dingen. Womit ich auch schon wieder bei Ihnen wäre. Muss ich „Meme“ erklären? Einfach melden, ich versuch’s.

Geantwortet haben Sie mir noch nicht. Dabei habe ich Ihnen E-Mail, Festnetz und Postanschrift hinterlassen. Gerne hätte ich auch eine Mobilnummer angegeben, aber wenn Sie meinen Vorgängereintrag gelesen haben, dann wissen Sie, warum das eine böse ironische Anspielung ist.

Vielleicht antworten Sie mir auch nicht, weil Sie mit dieser Art der Kommunikation nicht besonders gut klarkommen. Sie bewegt sich außerhalb geschäftlicher Gepflogenheiten, ist nicht besonders seriös, und sehen Sie, auch darin sehe ich wiederum eine gelungene symbolische Ebene für die Behandlung von blau.de

Warum schreibe ich denn Ihnen schon wieder, hinein in eine stumme, anonyme Masse von Konzern, die sich nicht zu Mucksen traut? Nun ja, heute habe ich mich, trotz mittlerweile entstandenem aversivem Reiz, wieder dazu bemüßigt gefühlt, die blau.de-hotline anzurufen. Wieder finden Sie im ersten E-Mail-Brief dazu mehr Details.

Heute habe ich mich entschlossen, Ihrem Computer gar nichts zu sagen sondern den Hörer so lange einfach neben mich auf den Schreibtisch zu legen, bis sich jemand meldet. Spannend, der Computer liest mir dann die Datenschutzrichtlinien Ihres Unternehmens vor, aber alles in allem dauerte es nicht länger, bis sich der erste Mensch meldete. Uffz, immer ein schönes Gefühl, wenn man den Algorithmus hinter sich gelassen hat.

Geht’s Ihnen privat genauso?

Ich wünsche mir gerade, ich könnte Ihre Reaktionen beim Lesen meines Briefes an Sie sehen, das Gesicht von dem Menschen, der ihn als erstes öffnet. Irgendwo muss er ja letztendlich immer zum Vorschein kommen, der echte Mensch, oder?

Zurück zu meinem Anruf. Am Freitag den 03.09. hatten Sie mir versprochen, mir eine neue Telefonpin zu senden, damit ich eine neue SIM-Karte bestellen kann, und zwar bis zum 06.09., was sich nicht bewahrheitet hatte, weshalb ich am 07.09. noch einmal anrief, worauf mir versprochen wurde, bis zum 10.09. sei der PIN aber da, was sich nicht bewahrheitete, worauf ich heute wieder anrief. Crazy? Schon, oder?

Vielleicht ist das Problem, das ein digitales System kein Schreiben in einen Umschlag schieben kann.

Tatsächlich war der heutige Mitarbeiter am Telefon sehr freundlich und hilfsbereit. Zum ersten Mal bei blau.de. Halten Sie sich fest: In Ihrem System ist meine Adresse falsch hinterlegt – falsche Hausnummer – obwohl auf dem Anschreiben von 2012 noch die richtige Adresse steht.

An die falsche Adresse ist laut Ihrem Mitarbeiter tatsächlich am 10.09. ein Schreiben versendet worden. Moment mal blau.de – am 10.09.?!? Heißt das, ihr erster unverschämter Mitarbeiter vom 03.09. hat mich angelogen? Einen Kunden?

Entscheiden Sie selbst.

Nun also ist die richtige Hausnummer bei Ihnen eingepflegt, und weil ich es tatsächlich geschafft habe, das Begrüßungsschreiben von 2012 doch noch zu entdecken – damals noch abgeschickt aus Greifswald, erinnern Sie sich noch an die Zeit, blau.de? – konnte ich mich legitimieren und eine neue SIM-Karte bestellen.

Und jetzt kommt’s: Nach einer Adressänderung sind Sie nicht in der Lage zwei Wochen lang einen Brief zu verschicken.

Lesen Sie den Satz ruhig nochmal. Ich konnt’s auch nicht glauben.

Also dauert es stand heute bis mindestens Ende September, bis Sie in der Lage sind, mir eine Ersatzkarte zukommen zu lassen, wegen System und so. Kennen Sie den Spruch, Digitalität mache alles einfacher und schneller? Ja? Und, glauben Sie ihn noch? Sie als zentraler Player auf dem deutschen Onlinemarkt? Einmal ehrlich sein, kommen Sie!

Beim Daimler müssen sie gerade alle Einstellungen für ein Vierteljahr ruhen lassen, wegen Softwareumstellung. System und so.

Somit bin ich also, aufgrund Ihrer Prozessstrukturen, ziemlich genau einen Monat ohne mobile Konnektivität. Und es wird noch besser: Dass Sie mir für diesen Monat ohne Smartphone nichts berechnen, das hat der nette Herr jetzt beantragt. Ob es durchkommt, kann er nicht sagen.

Bitte nich.

Kennen Sie übrigens Ulf Poschardt? Wenn ja, dann haben Sie evtl. die Anspielung auf ein bekanntes Twitter-Meme verstanden und verstehen jetzt auch noch viel mehr von dem, was ich damit sagen will.

Machen kann ich ja eh nichts, also mache ich das Beste daraus. Ich lerne ohne Handy zu leben. Neulich stand ich an einer Münztelefonsäule, und Sie werden lachen: Die funktionieren noch. ich wünschte, ich könnte von Telefonica Germany dasselbe behaupten, ich kenne vor 100 Jahren versenkte Schlachtschiffe, auf denen sich noch mehr bewegt, als in Ihrem System. Und ich nutze dankbar die Gespräche mit Ihrem Support als kostenlosen Content-Generator für meine Online-Präsenz. Als nicht Betroffener ist die Posse vielleicht ganz hübsch zu lesen. Gibt sogar mehr Klicks, als das übliche Zeugs über den Ersten Weltkrieg und über die Schule, das ich so blogge. Win-Win-Situation oder Loose-Loose? Entscheiden Sie auch das selbst.

Nun ja, für heute ende ich, lieber unbekannter Mensch bei Telefonica Germany. Aber ich schätze, ich schreibe Ihnen wieder, auch wenn Sie eine totenstumme Wand ohne Regung bleiben werden, einfach, damit ich selbst nicht diesem Zustand zustimme.

Haben Sie eigentlich seit dem letzten E-Mail-Brief sich mal mit Kafka auseinandergesetzt? Wenn Sie nicht über meine SIM-Karte und den Monat, den Sie als Unternehmen brauchen, um einen Vorgang abzuschließen, sprechen möchten, dann vielleicht über Kafka? Ich mag diesen Autor gerne, außer ich stelle fest, dass ich in einer seiner ungesunden Fantasien leben muss.

Oder Sie erzählen mir sonst irgendwas. Geben Sie sich einen Ruck, treten Sie ein in eine Kommunikation, durchbrechen Sie Ihren Autismus, den Sie eventuell mit Professionalität verwechseln. Auf dem Totenbett wird es uns allen irgendwann einmal scheißegal sein, ob uns unser Arbeitgeber professionell fand oder nicht.

Wie immer können alle dieses Schreiben auch auf meinem Blog unter http://www.einjahrraus.org nachlesen. Dann müssen Sie den Zettel nicht kopieren und rumschicken, sondern können einfach den Link in Ihrem Konzern verteilen. Aber vielleicht ist Ihnen das auch ein bisschen zu schnell und zu digital für das Jahr 2021.

Es grüßt Sie unbekannterweise

Achim Vetter, 6032003776

P.S.: Verlieren Sie nie Ihr Smartphone. Nie.

Der erste Brief:

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?

Dialog mit dem Alghorithmus (Update 1)

Der zweite Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

machen Sie sich manchmal Gedanken über Digitalisierung? Ich meine, was für eine Frage, schließlich sind Sie ja ein Telekommunikationsunternehmen und Internetprovider. Aber, so ernsthaft? Auch und vor allem über die crazy Seite der digitalen Arbeitsprozesse? Ja?

Vor einer Woche habe ich Ihnen zum ersten Mal geschrieben. Ich habe eine E-Mail verschickt, Sie nach dem Bouncen ausgedruckt und per Brief nach München weitergeleitet. Heute mache ich das wieder so. Warum ich mir diese absurde Mühe mache? Ich glaube, sie ist ein ganz gutes Symbol für meine Erfahrungen mit Ihrem Unternehmen, die ausgedruckte Email ist ja geradezu eine Art Meme für den Rückstand unserer Gesellschaft in digitalen Dingen. Womit ich auch schon wieder bei Ihnen wäre. Muss ich „Meme“ erklären? Einfach melden, ich versuch’s.

Geantwortet haben Sie mir noch nicht. Dabei habe ich Ihnen E-Mail, Festnetz und Postanschrift hinterlassen. Gerne hätte ich auch eine Mobilnummer angegeben, aber wenn Sie meinen Vorgängereintrag gelesen haben, dann wissen Sie, warum das eine böse ironische Anspielung ist.

Vielleicht antworten Sie mir auch nicht, weil Sie mit dieser Art der Kommunikation nicht besonders gut klarkommen. Sie bewegt sich außerhalb geschäftlicher Gepflogenheiten, ist nicht besonders seriös, und sehen Sie, auch darin sehe ich wiederum eine gelungene symbolische Ebene für die Behandlung von blau.de

Warum schreibe ich denn Ihnen schon wieder, hinein in eine stumme, anonyme Masse von Konzern, die sich nicht zu Mucksen traut? Nun ja, heute habe ich mich, trotz mittlerweile entstandenem aversivem Reiz, wieder dazu bemüßigt gefühlt, die blau.de-hotline anzurufen. Wieder finden Sie im ersten E-Mail-Brief dazu mehr Details.

Heute habe ich mich entschlossen, Ihrem Computer gar nichts zu sagen sondern den Hörer so lange einfach neben mich auf den Schreibtisch zu legen, bis sich jemand meldet. Spannend, der Computer liest mir dann die Datenschutzrichtlinien Ihres Unternehmens vor, aber alles in allem dauerte es nicht länger, bis sich der erste Mensch meldete. Uffz, immer ein schönes Gefühl, wenn man den Algorithmus hinter sich gelassen hat.

Geht’s Ihnen privat genauso?

Ich wünsche mir gerade, ich könnte Ihre Reaktionen beim Lesen meines Briefes an Sie sehen, das Gesicht von dem Menschen, der ihn als erstes öffnet. Irgendwo muss er ja letztendlich immer zum Vorschein kommen, der echte Mensch, oder?

Zurück zu meinem Anruf. Am Freitag den 03.09. hatten Sie mir versprochen, mir eine neue Telefonpin zu senden, damit ich eine neue SIM-Karte bestellen kann, und zwar bis zum 06.09., was sich nicht bewahrheitet hatte, weshalb ich am 07.09. noch einmal anrief, worauf mir versprochen wurde, bis zum 10.09. sei der PIN aber da, was sich nicht bewahrheitete, worauf ich heute wieder anrief. Crazy? Schon, oder?

Vielleicht ist das Problem, das ein digitales System kein Schreiben in einen Umschlag schieben kann.

Tatsächlich war der heutige Mitarbeiter am Telefon sehr freundlich und hilfsbereit. Zum ersten Mal bei blau.de. Halten Sie sich fest: In Ihrem System ist meine Adresse falsch hinterlegt – falsche Hausnummer – obwohl auf dem Anschreiben von 2012 noch die richtige Adresse steht.

An die falsche Adresse ist laut Ihrem Mitarbeiter tatsächlich am 10.09. ein Schreiben versendet worden. Moment mal blau.de – am 10.09.?!? Heißt das, ihr erster unverschämter Mitarbeiter vom 03.09. hat mich angelogen? Einen Kunden?

Entscheiden Sie selbst.

Nun also ist die richtige Hausnummer bei Ihnen eingepflegt, und weil ich es tatsächlich geschafft habe, das Begrüßungsschreiben von 2012 doch noch zu entdecken – damals noch abgeschickt aus Greifswald, erinnern Sie sich noch an die Zeit, blau.de? – konnte ich mich legitimieren und eine neue SIM-Karte bestellen.

Und jetzt kommt’s: Nach einer Adressänderung sind Sie nicht in der Lage zwei Wochen lang einen Brief zu verschicken.

Lesen Sie den Satz ruhig nochmal. Ich konnt’s auch nicht glauben.

Also dauert es stand heute bis mindestens Ende September, bis Sie in der Lage sind, mir eine Ersatzkarte zukommen zu lassen, wegen System und so. Kennen Sie den Spruch, Digitalität mache alles einfacher und schneller? Ja? Und, glauben Sie ihn noch? Sie als zentraler Player auf dem deutschen Onlinemarkt? Einmal ehrlich sein, kommen Sie!

Beim Daimler müssen sie gerade alle Einstellungen für ein Vierteljahr ruhen lassen, wegen Softwareumstellung. System und so.

Somit bin ich also, aufgrund Ihrer Prozessstrukturen, ziemlich genau einen Monat ohne mobile Konnektivität. Und es wird noch besser: Dass Sie mir für diesen Monat ohne Smartphone nichts berechnen, das hat der nette Herr jetzt beantragt. Ob es durchkommt, kann er nicht sagen.

Bitte nich.

Kennen Sie übrigens Ulf Poschardt? Wenn ja, dann haben Sie evtl. die Anspielung auf ein bekanntes Twitter-Meme verstanden und verstehen jetzt auch noch viel mehr von dem, was ich damit sagen will.

Machen kann ich ja eh nichts, also mache ich das Beste daraus. Ich lerne ohne Handy zu leben. Neulich stand ich an einer Münztelefonsäule, und Sie werden lachen: Die funktionieren noch. ich wünschte, ich könnte von Telefonica Germany dasselbe behaupten, ich kenne vor 100 Jahren versenkte Schlachtschiffe, auf denen sich noch mehr bewegt, als in Ihrem System. Und ich nutze dankbar die Gespräche mit Ihrem Support als kostenlosen Content-Generator für meine Online-Präsenz. Als nicht Betroffener ist die Posse vielleicht ganz hübsch zu lesen. Gibt sogar mehr Klicks, als das übliche Zeugs über den Ersten Weltkrieg und über die Schule, das ich so blogge. Win-Win-Situation oder Loose-Loose? Entscheiden Sie auch das selbst.

Nun ja, für heute ende ich, lieber unbekannter Mensch bei Telefonica Germany. Aber ich schätze, ich schreibe Ihnen wieder, auch wenn Sie eine totenstumme Wand ohne Regung bleiben werden, einfach, damit ich selbst nicht diesem Zustand zustimme.

Haben Sie eigentlich seit dem letzten E-Mail-Brief sich mal mit Kafka auseinandergesetzt? Wenn Sie nicht über meine SIM-Karte und den Monat, den Sie als Unternehmen brauchen, um einen Vorgang abzuschließen, sprechen möchten, dann vielleicht über Kafka? Ich mag diesen Autor gerne, außer ich stelle fest, dass ich in einer seiner ungesunden Fantasien leben muss.

Oder Sie erzählen mir sonst irgendwas. Geben Sie sich einen Ruck, treten Sie ein in eine Kommunikation, durchbrechen Sie Ihren Autismus, den Sie eventuell mit Professionalität verwechseln. Auf dem Totenbett wird es uns allen irgendwann einmal scheißegal sein, ob uns unser Arbeitgeber professionell fand oder nicht.

Wie immer können alle dieses Schreiben auch auf meinem Blog unter http://www.einjahrraus.org nachlesen. Dann müssen Sie den Zettel nicht kopieren und rumschicken, sondern können einfach den Link in Ihrem Konzern verteilen. Aber vielleicht ist Ihnen das auch ein bisschen zu schnell und zu digital für das Jahr 2021.

Es grüßt Sie unbekannterweise

Achim Vetter, 6032003776

P.S.: Verlieren Sie nie Ihr Smartphone. Nie.

Der erste Brief:

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?

Dialog mit dem Alghorithmus

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?

Projekt Tischchen

Meine Familie altert und denkt aus diesen Gründen bereits jetzt ans Aufräumen. Auf diesem Weg ist schon eine formidable Plattensammlung mit Rock-Alben der 60er und 70er-Jahre in meinen Besitz übergegangen (sollte ich mal darüber bloggen?). Auf dem selben Weg kam so Anfang des Sommers eine Munitionskiste aus dem Ersten Weltkrieg in meine Wohnung.

Ist es wirklich eine Munitionskiste aus dieser Zeit? Stempel oder Beschriftungen waren auf dem Ding nicht zu entdecken. Die Familienlegende sagt allerdings klar ja. Sie stand früher auf der Bühne (für alle Preußen: dem Dachboden) und war da schon immer, der Opa, der im Krieg Lokomotive gefahren ist, hat das so erzählt (mein Uropa, nie kennengelernt) und deswegen werde das schon so sein. Ein Faktencheck im Internet bringt nicht viel hervor. Es gibt wenig Fotos von originalen deutschen Munitionskisten im Netz, die wenigen, die man findet, offenbaren eine gewisse Vielfalt an Formen und Bauweisen. Vermutlich machte das jede Patronenfabrik irgendwie nach Hausrezept. Von der prinzipiellen (ziemlich stabilen) Bauweise und vom Stil der Beschläge her könnte es jedenfalls sein, und wenn es mit der mündlich tradierten Provenienz zusammen geht – von mir aus.

Und eigentlich ist es auch egal, denn es ist in jedem Fall eine ziemlich stabile, alte Holzkiste mit schöner Patina. Dickes Holz. Was also fange ich damit an, sagte ich mir, als sie in meinem Wohnzimmer stand und mich gemütlich ankuckte. Ich könnte einfach einen der Kartons auf meiner Bühne (habe ich euch gerade erklärt) ausräumen und den Inhalt ab jetzt in einer stilvollen Kiste lagern. Aber dann steht sie eben wieder auf einem Dachboden rum – schade drum. Oder ich … verwandle sie in einen täglichen Gebrauchsgegenstand.

Mit eines der ersten Bastelprojekte in meiner kleinen Wohnung war ein Couchtischchen aus Weinkisten. Das war vor 10 Jahren mal in und die Dinger sind einfach miteinander zu kombinieren. Aber wirklich schön ist das Weinkistenholz nicht und na ja … man sieht sich satt nach ein paar tausend Abenden auf der Couch. Man könnte sich auch von dieser Konstruktion mal verabschieden.

Aus der Patronenkiste wird also mein neues Tischchen.

Erster Schritt: Die Kiste vorsichtig mit einem feuchten Lappen von Staub und Schmodder befreien und dann mit Antik-Möbelwachs schön eincremen. Das gefällt der Kiste und offenbart am Ende eine ganz hübsche Farbe und den Glanz des alten Holzes. Dann muss vor dem Schrauben erst einmal überlegt werden.

Der Bauplan war diesmal weniger Aufwand und Plan-Überarbeitungs-Schleifen als beim großen Wohnzimmer-Tisch in fünf Akten. Einzige Bedingung: An der historischen Kiste wird nicht rumgeschraubt oder rumgebohrt, sie soll einfach auf einen Rahmen stabil aufsitzen. Zunächst mal heißt das: Messen, messen, messen. Und surprise: Die Fabrikschreiner haben nicht ganz sauber gearbeitet, eine der aufgenagelten Querlatten auf dem Deckel ist nicht rechtwinklig sondern schief. Das macht es später schwieriger.

Der Plan
Das Material, frisch vom Anbieter

Ansonsten ist die Idee der Konstruktion denkbar einfach, unten kommt noch eine Platte rein, um die Fernsehzeitschrift abzulegen. Spaß, ich habe natürlich keine Fernsehzeitschrift, aber eine C64-Replica mit Joysticks, die muss da rein.

Wenn ich mich nicht verrechnet habe, dann müsste das ganze Gebalke aus zwei 7×7-Hobelbalken aus dem örtlichen Baumarkt zu zimmern sein und wie wunderbar ist es doch, dass mir der Baumarkt den Scheiß auch gleich auf Maß zusägen kann.

Und trotzdem verrechnet. Zweimal.

Der fertige Grundrahmen.

Zum einen habe ich den Bauholzmangel in Deutschland nicht bedacht. Die Balken in 7×7 gab es nur noch in teurer Douglasie, aber gut, wer selber baut spart eben kein Geld, so war das schon immer, und dann sieht das Holz eben ein wenig hochwertiger aus. Zum anderen hatte ich bei einem Balken nicht bedacht, dass das Sägeblatt immer einen Millimeter oder zwei wegnimmt, so dass am Schluss die Beine eben 29,7 cm wurden. Sei’s drum.

Das Zusammendübeln der Rahmen ging dann eigentlich recht flott, abgesehen davon, dass dicke Balken eben ein wenig widerständiger sind als dünne Latten. Gearbeitet habe ich wieder mit meiner bewährten Leim&Schrauben-Kombi. Zunächst dachte ich, dass der 7cm Querschnitt der Unterkonstruktion slightly overdone ist. Isser natürlich, keine Frage. Als es dann vor mir steht, finde ich, dass die Wuchtigkeit der Konstruktion eigentlich ganz gut zu der ebenfalls etwas wuchtigen Kiste passt.

Sie passt auch ziemlich genau rein. Uffz.

Farbe passt

Der Kontrast zwischen dem hellen Bauholz und der altersdunklen Kiste war aber eher unschön, also kommt eine dunkelbraune Lasur auf meinen Rahmen und nun ergibt das Ding farblich ein Ganzes. Am Ende blieb eine Frage allerdings stehen: Jetzt, nachdem ich extra darauf geachtet habe, dass der historischen Kiste kein Bohrer und keine Schraube zu nahe kommt – will ich wirklich auf der alten Oberfläche Biergläser und Chillischüsseln abstellen? Und kleckern?

Beide Teile getrennt und verheiratet.

Zugegeben: Die auf Maß gefertigte Plexiglasplatte war mit ca. 50 Euro nun wirklich nicht billig, vor allem wenn man die Kanten brechen lässt und die Ecken abrunden. Aber niemand will sich an einem Couchtisch den Oberschenkel aufreißen, ich auch nicht. An die durchsichtige Platte wurden einfach kleine Leisten geschraubt und zwar so, dass sie eng mit den Querlatten des Deckels abschließen. Das klemmte am Ende so gut, dass ich den Deckel hochklappen kann, ohne dass die Platte ins Rutschen kommt, man kann sie natürlich auch jederzeit abnehmen. In der Kiste selbst ist jede Menge Platz für Geraffel. Die Munition war ja gottseidank nicht mehr drin.

Ich mag mein neues Couchtischchen.

Innen nicht ganz so hübsch, aber praktisch.

Der alte Couchtisch hat sich wieder in vier Kisten verwandelt, die jetzt wiederum Kartons auf der Bühne ersetzen. Circle of Life.

Ehrliche Endkritik:

  • Obwohl ich mir beim Rahmen Bauen versucht habe Mühe zu geben, wackelt der Tisch, wenn ich auf eine Ecke drücke. Doof, aber so ist es nun eben.
  • Ich bin mir nicht sicher, ob die Designentscheidung, die Plexiglasplatte links und rechts überragen zu lassen, eine gute war: Zum einen wirkt das Möbelstück damit ein bisschen wie eine seltsame kubistische Pagode aus einem Space-Invader-Level …
  • Zum anderen dachte ich, eine 4-mm-Platte wäre steif genug; Im nachhinein würde ich 6 mm nehmen, obwohl das noch einmal teurer wäre. Aber die Ecken sind mir etwas zu wabbelig. Es ist jetzt nicht so, dass mir das Limo-Glas herunterrutscht, wenn ich es am Rand abstelle, aber insgesamt könnte die Deckplatte vom Feeling her steifer sein.
  • Zufrieden bin ich dennoch. Schließlich bin ich gelernter Deutschlehrer, wenn mir ein Schreiner eine schöne Kurzgeschichte einreicht, dann will ich da eigentlich auch nicht überkritisch sein. Und es war ein befriedigendes Gefühl, am ersten Abend meine Füße darauf abzulegen und auf meine Beamerleinwand zu kucken.
Und so mit Platte. Tadaaa!