Hervorgehoben

Nun, ich habe eine Website.

Update, 18.11.2019

Etwas weniger als ein halbes Jahr läuft jetzt mein Blog. Er ist technisch noch immer laienhaft, aber er tut das, was ich mir versprach: Er fasst meine Erlebnisse in diesem Auszeitjahr zusammen und bietet mir eine Plattform, Dinge zu dokumentieren und Ideen und Gedanken zu verschriftlichen.

Ob du selbst als Lehrer*in mit Sabbatical-Plänen nach Erfahrungsberichten suchst, ob du hier reingestolpert bist oder ob du mich persönlich kennst und gerade wissen möchtest, wo Achim steckt und was er treibt: Fühl dich eingeladen hier zu lesen. Wenn du’s gut findest, dann like es, sobald du online aktiv bist wirst du leider geil auf Clicks. Wenn du es noch besser oder ganz schrecklich findest, dann kommentiere es.

Inzwischen im Freistellungsjahr angekommen kann ich folgendes Zwischenfazit ziehen: Die beste Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe. Denn das eigene Leben ist tatsächlich ein sehr, sehr schöner Ort. Man neigt nur dazu, ihn im Alltag zu vergessen.

Originalpost, 20.07.2019

Eigentlich möchte ich dokumentieren, was mir dieses Jahr bringt.

Im Moment sitze ich aber eher da und versuche mich in die Gestaltung dieses Blogs einzulernen. Irgendwie ziemlich sperrig, und ich stehe ganz am Anfang. Im Grunde schreibe ich diesen Eintrag nur, weil mir das Tutorial hier vorschlägt, ich solle meinen ersten Blog-Content nun schreiben.

Und dabei hat mein Sabbathjahr noch gar nicht angefangen. Es ist einfach nur ein verdammt schwüler Juli-Sonntag,

Da ist er wieder, der ewigwährende Zwiespalt: Eigentlich strebt Mann (Mitte Vierzig, bindungslos, wills noch mal wissen) nach Selbstbestimmung und Selbstentfaltung, und stellt dann fest, dass er Dinge tut, weil es ihm eine Software empfiehlt.

Ob ich aus dieser Falle noch einmal entwischen kann? Erste Befürchtungen machen sich breit, zum Beispiel die: Ich sauge mir einen Text aus den Fingern, und mit einem Klick ist alles weg.

Es hilft nichts, Mann-der-es-wissen-will. Du musst es nun wagen abzuspeichern.

Projekt Querschnitt (Update)

Neckarstraße, Urbanstraße und weiter nach Südwesten trinken.

Zwei auf dem Weg quer durch den Braukessel

Es gibt noch Achsen durch Großstädte, die abseits der hippen Partyzentren und gefönten Szene-Locations liegen, an denen man entlang noch eine gewisse Diversität und Originalität entdecken kann. Diese Achsen sind nicht hübsch, nicht designed und stellenweise nicht einmal renoviert, aber sie verströmen ein gewisses Feeling.

Mein sehr guter Freund und Tresenkumpel Ulrich, der sichtlich etwas angenervt davon war mit der usual crowd am usual spot zu enden, entwickelte im Sommer letzten Jahres das Projekt, sich an einer dieser Nebenachsen entlang zu trinken, immer ein Bier pro Kneipe, und dann zu sehen, wohin man kommt. Saugute Idee! Unsere Spur beginnt nicht unweit des Neckars und führt dann grob südwestlich einmal durch den Kessel.

Ich muss sagen, dass diese Entdeckungstour über Stuttgarts Barhocker abseits der ausgetretenen Pfade mir sehr große Freude bereitete. Auch wenn wir das Projekt immer nur mit einigem Abstand weiterverfolgen, führt es uns doch zu spannenden Entdeckungen und zu einem sicheren Kater am nächsten Morgen. Ich will die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, diese Sauftouren hier zu dokumentieren und einen völlig subjektiven alternativen Kneipenführer aufzulegen, zur gefälligen Beachtung von allen Stuttgartern und Gästen, die nach dem „echten“ Stuttgart abseits vom Hans-im-Glück-Brunnen suchen.

Die drei Regeln der Tour:

Erstens: In jeder Kneipe nur ein Bier

Zweitens: Wir nehmen jede Location, die von außen minimal akzeptabel wirkt (Gummiparagraph)

Drittens: Wenn wir besoffen sind gehen wir nach Hause.

Die erste Tour: September 2019, von den Mineralbädern zum Stöckachplatz

Station 1.1: Flora & Fauna, Schlosspark, ggü. Mineralbäder.

Als willkürlichen Startpunkt hatten wir uns kurz nach den Sommerferien das „Flora und Fauna“ ausgesucht, im Grunde nicht viel mehr als ein Pavillion gleich neben der U-Bahn-Haltstelle. Die Location ist etwas schwer zu beschreiben, es ist nicht ganz Biergarten, nicht ganz Lokal, nicht ganz Weggehszene, das Publikum ist für einen Biergarten zu jung und urban, der Bierfluss für ein Lokal zu üppig, für einen Szeneschuppen das Konzept zu unzeitgeistig. Der Laden war gut voll (ich glaube, es war ein Freitag), wir hatten uns über die Ferien nicht gesehen und viel zu quatschen. Also verstoßen wir gleich gegen Regel Eins: Pro Kneipe nur ein Bier! Wir trinken zwei, das geht im Flora und Fauna auch gut und wird sich noch rächen.

Station 1.2: Café Dream Bar, Neckarstraße

Ab hier begann sie, die ungeliebte Neckarstraße, das hässliche Entchen, das zum SWR-Gebäude und weiter führt, in dessen Mitte die Straßenbahn scheppert (In Stuttgart etwas großkotzig „U“ genannt) und der Verkehr sich schiebt. Wir folgen der Regel Nr. 2, bis jetzt kam auf dem ersten Kilometer nicht viel außer ein Thai-Restaurant und eine Shisha-Bar. Also landen wir im „Café Dream Bar“, einer Kneipe, die sicher eine ziemliche Tradition hat (rustikale schwäbische Wirtshausarchitektur), wenn auch eventuell nicht unter dem aktuellen Pächter. Sie ist noch nicht mal auf Google Maps verzeichnet, ungentrifizierter geht’s also nicht. Ulrich und ich steuern die Bar an, wie es sich für eine Kneipentour gehört, und werden sofort von dem unbestimmten Gefühl einer gewissen Exotik, einem Eindruck von kulturellem Exil umfasst. Die freundliche Dame hinter dem Tresen lächelt uns mit diesem Blick an, der sagt: „Ich weiß nicht, wie ihr euch hierher verirrt habt, aber schön, dass ihr uns gefunden habt.“ Während der dritten Halben an diesem Abend (es zeigt seine Wirkung) rätseln wir über den Standort der schmachtenden Musik aus dem Lautsprecher, der kehligen Sprache und der dunkelhaarigen Locken um uns. Schließlich beim Zahlen fragen wir mutig: und siehe da, die meisten hier sind Griechen, anscheinend aus der Ecke um Thessaloniki. Na, dass ich das nicht erkannt habe … Griechischer Wein 2019. Weiter geht’s, bei zwei Tresen können wir es nicht belassen, das wäre ein peinlicher Start.

Station 1.3: Bonnie & Clyde, Neckarstraße

Im Wissen, dass der nächste Humpen ziemlich sicher unser letzter für den Abschnitt sein wird, entdecken wir zwischen Metzstraße und Stöckach das „Bonnie & Clyde“, in der Kneipenszene offensichtlich kein gänzlich Unbekannter, für uns beide aber neu. Innendrin empfängt uns gepflegte alternative Atmosphäre, nicht Mainstream, aber unprätentiös. Den Zapfhahnturm bedecken Aufkleber diverser Bands, Spezialität sind hier anscheinend Burger, eine Schale mit Gummibärchen lädt zum nebenher futtern ein. Publikum wirkt sehr sympatisch, die Musikauswahl auch. Schade, dass wir schon so betrunken sind. Wir leeren unsere Krüge, zahlen und gehen heim. Ende Teil 1.

Die zweite Tour: Dezember 2019, vom Stöckachplatz zum Charlottenplatz

Station 2.1: Bonnie & Clyde, Neckarstraße

Am Sonntag vor Weihnachten gehen wir die Fortsetzung unseres Querschnitts an. Da wo man im Herbst aufgehört hat muss man im Winter wieder starten, so das eherne Gesetz der Kneipentour. Außerdem ist das Bonnie & Clyde auch nüchtern nochmal einen Besuch wert. Ambiente, Publikum, Musik – check. Bisher der schönste Tresen auf der Tour. Diesmal bleiben wir aber eisern bei der Regel – jeder Laden nur ein Bier. Man lernt aus seinen Fehlern und zieht hinaus in die vorweihnachtliche Kälte im Kessel. Ich bin mir sicher, der Winterabschnitt unseres Querschnitts wird uns relativ schnell wieder in irgend eine Location treiben, ab hier beginnt das thekentechnische Neuland.

Station 2.2: Super China & Pizza Service, Neckarstraße

„Kuck mal, das ist ja fast schon ein Späti!“ ruft Ulrich mit der tiefen inneren Liebe in der Stimme aus, die nur der Schwabe zustande bringt, wenn er etwas Berlinähnliches entdeckt. Tatsächlich offenbaren drei Kühlschränke und mehrere Regale ein relativ üppiges Getränke- und Süßkramangebot. Ich bin von den kalten Neonkacheln in dem Lieferdienstkabuff weniger überzeugt, aber Uli erinnert mich eisern an Regel Nummer 2. Also trinken wir zwei thailändische Nulldrei, während der etwas bullig wirkende Pizzaservicechef in einer nicht erkennbaren Sprache am Telefon auf seine Fahrer einbrüllt. Diesmal fragen wir nicht nach, es klingt ein wenig so als keifen Rote Khmer auf vermeintliche Feinde des Kommunismus ein. Gegen später kommt noch ein Typ mit Iro, südländischem Teint und Tarnfleck-Pulli dazu. Gemütliches Bier ist anders, aber mehr unprätentiöse Unverfälschtheit ist in Stuttgart vermutlich nicht zu bekommen. Alle wirken froh, als wir gehen.

Station 2.3: Kraftpaule, Kreuzung Neckarstraße/Heilmannstraße

Kontrastprogramm und Kulturschock in Megawattstärke. Der „Kraftpaule“ ist ein Craftbeer-Edelschuppen, der von unserem innigen Wunsch das Authentische zu finden nicht weiter weg sein könnte. Dafür sitzt man an der Bar gemütlicher als man im Pizzaspäti herumsteht und das Fräulein hinter der Theke ist sehr nett. Wir sind auch die einzigen, die an der Bar rumhängen, der Laden ist einigermaßen gefüllt, aber alle hocken gesittet an Designer-Bistrotischchen. Wir schlürfen ein Bier aus nem Cognag-Schwenker zu Cognac-Literpreisen und ich betone, wenn die Barfrau gerade nicht hinhört, sequenzergleich, wie sehr ich diese Craftbeer-Scheiße eigentlich verachte. Dafür ist das Zeug ziemlich stark, wir erreichen mit dem Kraftpaule das Stadium des Besoffenseins und ziehen zu unserer letzten Station für heute – wo immer sie liegen mag. Shit, das Craftbeer war tatsächlich lecker, so was Dummes.

Station 2.4: Goldmarx, Charlottenplatz

Die Urbanstraße ist ewig lang und führt an zahlreichen höheren Bildungsanstalten vorbei, was heißt, dass hier kein Geld zu holen ist, was sich in der Abwesenheit von Kneipen äußert. Uli erzählt mir von Erlebnissen auf der hiesigen Musikhochschule, eine private Weihnachtsfeier in einem beheizten Partyzelt winkt hastig ab, als wir zwei grinsende Gestalten durstig darauf zu wanken. Schließlich landen wir im „Goldmarx“ in der Unterführung am Charlottenplatz, in dem wir beide schon mal bei einem Konzert waren, mit angenehmen Erinnerungen an die Band und den Tischkicker. Das Goldmarx“ rangiert irgendwo zwischen Club und Veranstaltungsschuppen.

Am Eingang raunt Uli irgendetwas von „Holla ist da etwa Black Night?“, aber bevor ich das verarbeiten kann stehen wir vor dem Türsteher, der uns mitteilt, dass der Eintritt eigentlich 10 Euro ist, aber uns würde es nur noch zwei Euro kosten. Für beide.

Lachend bewerfen wir die Security mit zwei Euro (natürlich nur innerlich) und stehen dann – in der Black Night. Das ist wörtlich zu nehmen. Es gibt nämlich keine Weißen hier. Also, außer Ulrich und mich, alle anderen hier sind People of Colour. Als Resultat stehen wir beide als die weißesten Weißbrote, die jemals krustenfrei aus dem Ofen kamen, an der Bar und fühlen uns endlich einmal als Minderheit. Das ist heilsam. Die Stimmung scheint am Siedepunkt zu sein, alle rennen wild zu den dröhnenden Beats durch den Stagebereich, eine ganze Horde von DJs und MCs produziert einen echt tanzbaren Sound. Von Madagassen, Senegalesen bis Kariben scheint sich hier alles zu versammeln, was dunkle Hautfarbe hat. Punkt 12 – es ist ja Sonntag – macht das DJ-Team so plötzlich Schluss, als habe man der Veranstaltung dem Stecker gezogen. Bis Ulrich vom Klo zurückkommt ist der Laden wie leergefegt, wir kapieren plötzlich, warum man uns vor einer halben Stunde „nur noch“ einen neuen Heiermann abverlangte. Aber gut so: Denn wir sind wieder pegeltechnisch am Point oft Return und schlingern zur Haltestelle. Bis zur nächsten Tour.

Denn das kann noch nicht das Ende des Kessels sein! To be continued in 2020 …

Die 3. Tour: Juni 2020, vom Charlottenplatz bis zum Österreichischen Platz

Eine Corona-Krise später sitze ich wieder in der U-Bahn, um mit Expeditions-Compagniero Numero Uno unsere Entdeckungsfahrt fortzusetzen. Beim letzten Mal war alles vorweihnachtlich, jetzt ist Frühsommer, ausgebremst von den Maßnahmen. Die Regeln sind klar, die Ziele auch, wir wollen kneipologisches Neuland betreten, die ausgetretenen Weggeh-Pfade erweitern und ungehobene Perlen im Stuttgarter Tresenmeer entdecken. Die Kneipen haben längst wieder auf, unter etwas anderen Bedingungen als zuvor, aber sind wir ehrlich: nach einer Halben merkt man den Unterschied zu sonst gar nicht besonders.

Es ist ein schwüler und gewittriger Abend in der City. Uli bemerkte auf meine Regenwarnung hin, dass das ihm egal sei, so lange keine Pflastersteine durch die Luft flögen. Ach ja, da war ja noch was. Es ist genau eine Woche her, dass Stuttgart, in der Berichterstattung gerne mit der Journalismus-Phrase „beschaulich“ beschrieben, zum Epizentrum der auf keiner Seite ideologiefreien Diskussion um Gewalt in unserer Gesellschaft wurde. Die Bilder gingen durch die Republik, die Zahl der demolierten Innenstadt-Geschäfte war hoch.

Wir wollen es trotzdem wagen.

Exkurs, kann man auch überscrollen:

Warum Stuttgart? Warum die Landeshauptstadt mit den Geranienkästen, den gefegten Bürgersteigen und dem Ruf, das Langweiligste und Ödeste zu sein, was man je in einen Talkessel gebaut hat? „Wow, Stuttgart“ war auch meine erste Reaktion, bis mir klar wurde, dass man in dieser Stadt eine jahrzehntelange Geschichte von Gewalt, Hass und Aufruhr entdecken kann, wenn man nur hinter die „beschaulichen“ Fassaden blickt. Das ging nämlich schon los mit – Achtung, Trigger – „Stuttgart 21“, wo neben honorablen Umweltschutzorganisationen, und Leuten, die der Bahn ihren eigenen Wolkenschloss-Irrsinn richtig rechneten, plötzlich Rentner in teuren Outdoorjacken und mit hassverzerrten Gesichtern in den Demos auftauchten, die gegen „die da oben“ mehr hetzten als argumentierten. Wer erinnert sich noch, dass der Begriff des „Wutbürgers“, der nahtlos in den „besorgten Bürger,“ der Flüchtlingsbusse mit Steinen bewirft, überging, aus Stuttgart stammt? Wer erinnert sich noch an die Ereignisse vom Schlossgarten, den „schwarzen Donnerstag“ von 2010, als Opas Kastanien auf Polizisten schmissen und die ach so beschauliche schwäbische Polizei mit einer erschütternden Brutalität antwortete, die bundesweit für Diskussionen sorgte und für den Untergang eines sattelfesten CDU-Ministerpräsidenten?

Auch das ist Stuttgart. Stuttgart, die Stadt, in der ein Hells Angel 2011 einen SEK-Polizisten durch seine Wohnungstür erschießt und dafür einen Freispruch bekommt. Die Stuttgarter Spezialkräfte hatten sich beim Aufbrechen der Wohnungstür nämlich nicht zu erkennen gegeben.

Oder erst kürzlich: Stuttgart, der Cannstatter Wasen als Kulminationspunkt für die größte nationale Ansammlung von Corona-Skeptikern, Verschwörungs-Mythikern und Hetzvideo-Produzenten. Auch da, alle so: Krass Stuttgart. Und jetzt die Instagram-Videos der Aussschreitungen, ausgehend vom Schlossgarten. Das finden jetzt alle noch viel krasser als Rocker mit rauchenden Knarren, Rentner mit Straßenkämpfer-Attitüde, überbrutale Polizeikräfte oder rechtsradikale Grüppchen auf der Wasen-Demo. Warum eigentlich?

Wenn ich mir die Videos ansehe, dann sehe ich da auch meine Schüler. Klamotten, Geste, Haltung, das entspricht einer kleinen Gruppe (männlicher. Wiederhole: männlicher) Jugendlicher, die quer durch kulturelle Hintergründe und Schulabschlüsse hindurch nachts hinter der Schule herumhängen, aus Boom-Boxen inspirationslosen Trap-Rap hören und dazu Wodka, Red Bull und Härteres konsumieren. Kids, die keine Perspektive haben, die in ihren Klassen eine Sonderstellung einnehmen, die Gangster sein wollen, Kids, die keiner ernst nimmt, die jetzt endlich mal zeigen können, das man sie, als Gangster, ernst nehmen soll. Die sich seit zwei Monaten im Schlossgarten gegenseitig hochpuschen, weil in der Krise alle bedient wurden, nur die Jugend, die wurde vor lauter Sorge um die Alten vergessen.

Bullshit.

Am anderen Ende eine Polizei, bei der man sich nicht wundern muss, dass man seit 20 Jahren den Respekt verliert, in der Ausbilder seit 20 Jahren über den Qualitätsgrad der Berufseinsteiger jammern, weil kaum ein vernünftiger junger Mensch in den Verein will, die völlig kaputtgespart ist, in der man täglich neue rechtsradikale Netzwerke entdeckt (warum eigentlich nie Kommunisten, komisch …), die in Hamburg (aber es waren Berliner Polizist*innen) besoffen öffentlich kotzt und fickt, in Leipzig gestohlene Fahrräder heimlich auf Auktionen verkauft, um sich zu bereichern.

Und jetzt regen sich alle auf? Und jetzt sind alle wieder überrascht? Echt? Ihr Deppen.

Den das Böse, die Brutalität, das Verbrechen lauerte schon immer da, wo Geranienkästen besonders üppig, Hausfassaden besonders sauber, Rasenflächen besonders akkurat sind. Das wussten schon Agathe Christie und Alfred Hitchcock und daran hat sich noch nie etwas geändert. Natürlich ist Stuttgart für viel mehr Gewalt und Wahnsinn gut, als vermeintlich wildere Städte.

Exkursende. Uli und ich beschließen jedenfalls Königsstraße und Schlossplatz zu meiden, wir sind erstens schlecht im Wegrennen und zweitens hat noch nie jemand etwas Cooles in Schlossgarten und Königsstraße entdeckt und zwar schon vor den Krawallen nicht.

Station 3.1: Goldmarx, Charlottenplatz

It has to start where it ended und eine Bar direkt neben der U-Bahn ist ein sehr gut geeigneter Ort für beides. Welch ein Unterschied zum Dezember. Statt beatlastiger Rhythmen in einer dunklen Tanzbar wie beim letzten Mal haben sich Goldmarx und Universum nun zusammengetan und einen Outdoor-Ausschank unter dem U-Bahn-Stations-Dach organisiert. Da sitzt man recht gemütlich, wenn auch etwas biergartig-bunkermäßig. Es gibt Augustiner aus der Flasche und noch einen Platz an einem Tisch mit drei älteren Jungs, also älter im Sinne von meinem ältere-Jungs-Sein. Während wir trinken und labern versuche ich den Infektions-Nachverfolgungszettel auszufüllen und finde beim besten Willen keinen Hinweis auf die Tischnummer, für die es aber ein Formularfeld gibt. Die drei Jungs meinen es sei Tisch Nummer 11, also schreibe ich gleich mal mit dem Kuli eine große 11 auf den Biertisch. Erste Navigations-Entscheidung: Wir sollten die Hauptstätter Straße vermeiden, weil man die schon viel zu gut kennt. Außerdem versprechen das Bohnen- und Heustiegviertel auch in zweiter und dritter Reihe gute Treffer. Ich votiere dafür, Adresszettel und zwei Bierflaschen (von mir als „der ganze Scheiß“ pauschal verunglimpft) einfach auf dem Tisch stehen lassen, Uli, als moralischere Hälfte des Projekts, möchte sie persönlich zurückgeben. Dafür wird er von der Security angeschissen, weil er sich ohne Maske der Getränkeausgabe nähert. Als Ausgleich gibt es aber noch tatsächlich Pfand. Good Karma, bad Karma.

Station 3.2: Taverne Diogenes, Olgastraße

Nachdem wir eine Sushi-Bar, einen Italiener und einen Laden, der „Zauberlehrling“ heißt und Gentrifizierung blutet als nicht den Suchkriterien entsprechend abgelehnt haben, finden wir diesen entzückenden kleinen Griechen, der fast leer ist. Die Wirtin lässt uns auch gerne nur ein Bier trinken, weist uns aber daraufhin, dass es laut sein könnte. Damit meint sie die einzig anderen Gäste um halb 10 hier drin, drei Jungs um die vierzig, die ungemein angetrunken und witzig sind, und eine etwas jüngere Frau, die sich gleich mal entschuldigt. Die interessehalber studierte Speisekarte besteht aus 12 Vorspeisen, vier Hauptgerichten und Nachtisch, und damit sieht das alles hier ziemlich nach griechisch-griechisch und nicht schwäbisch-griechischer-Art aus. Ich beschließe, hier mal essen zu gehen. Am Ende nehmen wir gegen die Vorschriften noch einen kleinen Ouzo zu uns, das ist ein Regelbruch, aber die Erinnerung an gemeinsame Griechenland-Unternehmungen zwingen Uli und mich dazu. Der Ouzo ist hervorragend.

Station 3.3: Schwarz Weiß Bar, Wilhelmsstraße

Die Bar wirkt klein, ist aber draußen gut mit Gästen bestückt, die alle ganz angenehm wirken. Wir wagen es. Drinnen gibt es zur Zeit keinen Service, aber eine sehr freundliche Kellnerin meint, draußen würde der Hauseingang gleich frei werden. Alleine die Ausweitung des Servicebereichs auf die Treppe des nebenliegenden Hauseingangs strahlt so viel Sympatie aus, dass wir uns sofort für besagten Hauseingang bewerben. Die Marmortreppe ist genau breit genug für zwei Personen und sehr bequem. Die uns dargereichte Cocktailkarte triggert mit Gin-Ingwer-Kombinationen meinen übersensiblen Hipster-Alarm, aber selbstverständlich serviert man uns auch zwei proletarische Halbe, das mildert den Eindruck. Seltsam: Die Karren, die hier herumfahren, sind für die wenig glamoröse Wilhelmsstraße erstaunlich dick und protzig befelgt. Egal, die Bar bekommt das Prädikat „ziemlich sympathisch.“

Station 3.4: Le Petit Coq, Hauptstätterstraße

Als wir uns zu späterer Stunde aus unserem Hauseingang schälen ist uns beiden klar, dass die nächste Station wohl die letzte sein wird. Und wir landen, alle guten Vorsätze in den Wind schlagend, am Ende doch an der Hauptstätter Straße. Aber vor dem „Le Petit Coq“ (das man nur mit „kleiner Hahn“ übersetzen darf und mit nix anderem!) stehen zwei gewaltige alte Ohrensessel, die einfach danach schreien, hier bequem das letzte Bierchen des Abends zu zischen. Auch diese Bar ist zu klein für Innenservice, im Grunde besteht sie nur aus einem langen Tresen mit hübscher, wenn auch leicht prätentiöser Seidentapete. Wir ziehen ein erstes Fazit, die heutige Verlängerung des Querschnitts brachte uns durch die Bank gute, wenn für diesmal auch keine obskuren Funde. Und wo waren die Krawalle? Während wir das reflektieren zieht eine Karawane von 25 Jugendlichen die Hauptstätter Straße entlang und durch die Außenbestuhlung. Ich erkenne alle Schattierungen kultureller Diversität, einen verbindenden Grad an Berauschtheit und, das Seltsamste, wie wir beide feststellen: Sie wirken als hätten sie ein klares Ziel, auf das sie zusteuern. Ist dass die gefährliche Feierszene von Stuttgart?

Auf dem Weg zur U-Bahn biegen wir um eine Ecke und stehen vor zwei großen Polizeipferden mit gepanzerten Reitern. Der Moment wirkt wie eine Szene aus einem Mittelalterfilm, da ist sie also, die Problematik des Moments. Am nächsten Morgen meldet die Polizei dann auf Twitter: Die Nacht sei völlig ruhig verlaufen.

Teil 3 des Projekts abgeschlossen und immer noch in Stuttgart Mitte – es ist kein Ende in Sicht und das ist gar nicht schlimm.

Die 4. Tour: Juli 2021, vom Bohnenviertel und es bleibt auch im Bohnenviertel

Über ein Jahr dauert es, bis Uli und ich den Querstich wieder aufnehmen. Pandemiewellen bremsen uns aus, kein Mensch weiß, ob die Kneipen, die wir am Anfang unserer goldenen Linie aufgenommen haben, auch noch am Ende dieser Geschichte in vielen Kapiteln Bier ausschenken oder längst gestorben sind. Aber die Reise an sich steht natürlich immer im Vordergrund, die Regeln sind klar, die Sneaker geschnürt und das ÖPNV-Ticket bereit zum Stempeln. Und natürlich erweckt die bevorstehende Süd-West-Passage ganz besondere Vorfreude, denn wir durchstechen das Stuttgarter Bohnenviertel, wo sich alt-eingesessene Rotlicht-Szene, Rocker-Milieu und klebrige Früh-Gentrifizierung zu einer unnachahmlichen Melange verdichten.

Station 4.1: Home of Kebap, Esslinger Straße.

Jaja, ich weiß ja, ein Kebap-Schuppen, wie originell ihr zwei Trend-Scouts aus dem Bildungsbürger*Innen-Sumpf. Aber wir zwei hatten einfach vor der Tour Hunger, und das symbolische Wullenulldrei bekommt man auch hier. Man kann draußen auf Bierbänken herumlungern, mein Falafel-Teller ist ordentlich und man hat vollen Blick auf das Treiben entlang der Hauptstätter-Straße. Das Le Petit Coq hatte heute Ruhetag, deswegen können wir nicht da starten, wo alles vor einem Jahr endete, ob die beiden Ohrensessel noch auf der Straße stehen bleibt also ein Geheimnis. Es ist ein ziemlich frischer Sommerabend. Uli schwärmt vom Bohnenviertel und einem Pop-Up-Pub im Züblin-Parkhaus, den es geben soll. Ich finde es riecht schon wieder nach Hipster, komme aber trotzdem mit.

Station 4.2 KULTUR-KIOSK, Parkhaus Züblin, Lazarett-Straße.

Uli hatte völlig recht: This is as cool as Stuttgart gets. Also nicht sehr, aber im hiesigen Kehrwochen-Biotop mit Blumenkasten wirkt es als Kontrast noch einmal stärker . Der Kultur-Kiosk verkauft T-Shirts und Buttons, serviert kaltes Bier unter Parkhauspfeilern und ist mit Kunst-Veranstaltungs-Plakaten verziert. Zwei DJs legen auf, und zwar eine Musik, die ich trotz 57 Genre-Schubladen im Kopf nicht richtig einordnen kann. Irgend etwas mit grungigen Gitarrensounds und hymnischen Gesang in Hypnoschleife. Ein ganz junger Hund mag den Sound auch nicht und kläfft regelmäßig erfolglos den Innenraum an. Ich finde er soll nicht meckern. Kneipe mit Live-Platten-Onkeln sind so häufig nicht und das auch noch for free, das Bier ist kalt und schmeckt. Mögen Stuttgart solche Spots lange erhalten bleiben. Also kaufe ich einen Button. Vor uns liegt das Rotlicht-Viertel, wir hinterlassen Nachrichten, falls wir spurlos verschwinden sollten.

Station 4.3 Lieblingsmensch, Katharinenstraße

Weit kommen wir nicht. Das Lieblingsmensch gibt es anscheinend noch nicht so lange und es hat Bänke auf der Straße stehen. Die Regel sagt: wenn es beide akzeptabel finden, dann ist es ein Bier wert und so kommen wir draußen zu sitzen. Es ist inzwischen dunkel, die hochherrschaftliche Fassade der wilhelminischen Marienanstalt, einst Haushaltsschule für katholische Dienstmädchen, wird dramatisch angestrahlt. Man sitzt hier gut, die Bedienung ist nett, die Treppe zum Klo komplett silberfarben angesprüht. Auch sonst dämmert mir, begriffsstutzig wie ich bin, dass es hier nach Szenekneipe glitzert, und zwar in allen Farben. Andererseits erzählt man Uli, während ich das Glitzerklo besuche, dass der Laden irgendwie zum „Laufhaus“ obendrüber gehört, und ist das nicht ein Wort für „Bordell?“ Wir lassen uns nicht verwirren, wir haben jetzt drei Bier und finden es nett hier. Empfehlung, das Bohnenviertel offenbart uns cooles Zeug. Einen schaffen wir noch!

Station 4.4: FOU FOU, Cocktail- und Champagnerbar, Weberstraße

Wieder landen wir nach wenigen Schritten auf der nächsten Straßenbestuhlung. Nun ist die FouFou-Bar so wenig unentdecktes Juwel wie irgendetwas, aber der Blick von hier ist eine Station wert. Alles was aus der Leonhardstraße rausläuft oder die Weberstraße hochläuft hat man hier im Blick. Und was auf der Straße vorgeht, ist dann doch ziemlich bemerkenswert. Auf der Gasse patroulliert alle drei Minuten eine ältere Matrone im roten Oberteil und mit blondierter Hochsteckfrisur. Sie scheint so eine Art Wächterin oder Empfangsdame zu sein. Für was? Ich weiß es nicht, aber sie wirkt bedeutungsvoll. Ein völlig betrunkener Typ in einem violetten Balonseide-Anzug, der LL Cool J neidisch gemacht hätte, spricht sie an. Gemeinsam ziehen sie aus einer unauffällig am Rand geparkten Klappmülltonne eine Lidl-Gefriertüte, mit der die Jogginghose von dannen wankt. Ein blauweißer Polizeibus fährt langsam durch und taxiert die Lage. Aus der Leonhardstraße kommen drei ziemlich bullige bis übergewichtige Typen mit Sonnenbrillen und rasierten Schädeln. Sie checken die Lage links und rechts, es sieht nach Patrouille aus. Die Matrone ist verschwunden. Zwei Polizistinnen steigen aus der Wanne und beginnen, große Altpapiertonnen links und rechts der Straße zu untersuchen. Sie leuchten mit Taschenfunzeln hinein, man hat das Gefühl, das hier gerade ein großes Katz-und-Maus-Spiel läuft, das nur Eingeweihte durchsteigen. Die Polizei verschwindet, ohne fündig geworden zu sein. Der Betrunkene kehrt zurück, er trägt nun einen gelben Jogginganzug. Wozu der Tapetenwechsel? Die Lidl-Tüte hat er dabei, er wechselt einige Worte mit der Straßenwächterin, dann zieht er wieder mit Tüte ab.

Spannender kann man in Stuttgart nicht trinken.

Zwischendurch lernen wir einen ziemlich angeheitertern dreißigjährigen Hilti-Vertreter aus der Schweiz kennen, mit dem wir über Beziehungen und das Leben philosophieren. Und über die Schweiz. Warum er alleine Urlaub im Bohnenviertel macht, fragen wir nicht. Und damit endet auch die vierte Tour.

Werden wir es je aus dieser Kernschmelze des Stuttgarter Nachtlebens heraus schaffen und wieder einmal mehr Strecke machen? Beende ich diese Serie jemals, bevor ich zu alt werde? Werde ich irgendwann als Greis am anderen Kesselrand stehen und hinabbrüllen, dass ich es geschafft habe?

Wir werden sehen.

Die 5. Tour: Juni 2022, raus aus der bürgerlichen Mitte!

Wieder braucht es fast ein Jahr bis das Projekt Querschnitt wieder losgeht! Mehrere Termine platzen und es braucht einen erstaunlichen Planungsaufwand, aber dann, in den Pfingstferien gelingt der Schuss! … Schnitt!

Und wir stehen auch nur vier Minuten auf dem selben Bahnsteig (Stadtmitte), bis jeder merkt, dass der andere schon da ist. Aber dann ..! Aber dann ..! Aber dann … machen wir vorher einen Zwischenstopp bei …

Station 5.0: Imbiss Beirut am Josef-Hirn-Platz

Denn ich muss noch etwas essen und Uli hat schon zuhause. Das nächste offene und nicht völlig überfüllte Schnellrestaurant ist ein libanesischer Imbiss, der völlig unprätentiös daher kommt und gerade deshalb eine schöne Abwechslung zu all den veganen Suppen-Küchen und Lifestyle-Foodtruck-Konzepten ist. Ich bestelle mir scharfe Kartoffeln mit Salat und Humus und bin sehr angetan. Richtig scharf sind sie nicht, eher lecker abgewürzt, aber ich bin ein großer Fan der Knoblauchsoße. Meine Umwelt ab jetzt auch. Uli ist ein bisschen enttäuscht, dass sein Schwarztee aus England und nicht aus dem nahen Osten ist, dafür soll er lecker gewesen sein. Und weitere Abzüge in der Projektnote: Es gibt kein Bier auf Hawai! Also im Imbiss. Im Nachhinein war das aber wohl auch gut so, und wir müssen schnell weiter, denn eine der heilgen Regeln des Querschnitts besagt: Es beginnt wieder da wo es endete, der Kreis muss sich schließen, die Reinkarnation erneut beginnen.

Auf ins fucking Bohnenviertel.

Station 5.1: FOU FOU, Cocktail- und Champagnerbar, Weberstraße

Noch immer romantisch zwischen Sexwork-Angeboten und Weggehszene gelegen gibt es nach wie vor im FOU FOU lauschige Sitzplätze draußen unter einem dicken alten Baum. Erinnerungen werden wach: Plastiktüten, die verschwörerisch Hände wechseln, Polizist*Innen die Mülltonnen (und davon gibts hier außergewöhnlich viele) durchleuchten, Bier … Ja, Bier! Heute eher alles nicht (zu früh?) und überhaupt ist die Welt wieder einmal ein Stück schlechter geworden, denn das Bier gibt es hier nur in 0.33-Fläschchen und ich weiß beim besten Willen nicht, warum sich eine bayerische Brauerei (Ja, Bayreuther, ich meine dich, genau dich!!!) diese Erniedrigung antut. Klar, aus lukrativen Gründen heraus, aber diese Selbstverzwergung der süddeutschen Trinkkultur ist ein Angriff auf mein Identitätskonstrukt. Deshalb schnell weiter, raus aus dem Bermuda-Dreieck hier am Stadtzentrum. Spoiler: Wir kommen nicht weit.

Station 5.2: Bistro Einstein, Wilhelmsplatz

Das Bistro Einstein ist ein französisches Bistro, trotz des deutsch-jüdisch-amerikanischen Namensgeber, und es meint das ernst. Ich bestelle mir ein Kwak – ja gut, das ist ein belgisches Bier, aber in Ostfrankreich, wo ich echt viel rumhänge , gibt es das tatsächlich fast in jedem Restaurant. Uli trinkt 1664, das ist jetzt das original französische Exemplar, ungleich dünner als mein Bier. Wieder bleiben wir bei 0.33, dafür hat mein Kwak auch über 8 % und gilt damit auf der Warsteinerskala als 0,66. Und auch hier sitzt man sehr nett draußen an der Straße, der Verkehr tost um einen herum und erstaunlich viele Leute rennen mit Pizzaschachteln vorbei. Entweder gibt es um die Ecke den besten Teigfladen-To-Go des Kessels oder die hiesige Szene hat sich von Tüten in Mülltonnen auf Drogenpizza (Lambock!11) umgestellt. Zum Inneren des Bistro kann ich nichts sagen, denn auf Toilette musste ich nicht, aber ich hätte nun echt Lust hier mal französisch zu brunchen. Weiter treibt uns der Entdeckerdrang in die anbrechende Dunkelheit, ab jetzt die Schlosserstraße hinauf.

Station 5.3: Makamba, Schlosserstraße

Kurzer Disput der Uneinigkeit zwischen mir und dem treuesten aller Projektpartner: Hatten wir uns mal darauf geeinigt, dass wir Restaurants links liegen lassen dürfen, oder muss man ein afrikanisches Speiselokal mitnehmen, wenn es nicht völlig inakzeptabel wirkt? Uli setzt sich mit einer sehr wörtlichen Auslegung des § 2 unserer Lex Cervisia durch und wir landen im Makamba, eines zu diesem Zeitpunkt sehr leeren Restaurants. Fast ein wenig traurig wirkt der einzig belegte Tisch – offensichtlich die Familie des Wirtes. Aber sehr freundlich wird uns gesagt, natürlich könnten wir hier ein Bierchen trinken, und wir landen an einem Fenstertisch mit einem sehr lokalen Hofbräu-Pils. Die Einrichtung hier ist sorgfältig afrikanisches Dekor über einem Grundstock an altdeutscher Wirtshaustradition. Stilbildend: Sitzbänke in Eiche dunkel, mit Zebrastoff neu aufgepolstert. Der Laden ist recht groß und ich nehme mir einmal mehr vor, hier mal zu essen, das wirkt alles ganz vielversprechend. Etwas später kommen noch zwei junge Frauen herein, die wirklich auch Essgäste sind, wir nehmen das als Anlass zu zahlen und uns zu verdrücken.

Station 5.4: Hanky Panky, Schlosserstraße

Die erste echte Entdeckung – Das Hanky Panky. Kennt geneigte Leser*In folgendes Science-Fiction-Fantasy-Szenario? Eine Bar dient als Raum-Zeit-Maschine und könnte eigentlich zu jeder Zeit in jedem Universum existieren, man betritt sie z.B. im Jahr 1996 in Minneapolis, trinkt einen Longdrink, verlässt sie und steht plötzlich im Tokyo des Jahres 2033. So ist das Hanky Panky.

Um einmal weniger meta zu werden, wenn ich über Bars philosophiere: Die Bar befindet sich in einem edel hergerichteten Tonnengewölbe und strahlt sofort etwas Hochklassiges aus. Eine freundliche Host setzt uns, auch die Preise auf der Karte sind eher obere Liga. Neben uns sitzen vier Amerikaner in mittleren Jahren, möglicherweise sind wir heute Abend hier die einzigen, die in Landessprache miteinander reden. Wir brechen sofort die heilige Regel eins: Hier könnte man zwar ein Bier bestellen, aber cool wäre es nicht. Also zwei Moscow Mules. Aha, jetzt geht das über den Haufen Werfen der Projekt-Gesetze also ganz easy, was? Die beiden Cocktail sind sehr gut gemixt und werden elegant angerichtet, ich wünschte, ich wäre im Smoking unterwegs und nicht in einem Zombiefilm-T-Shirt. Hab aber gar keinen Smoking. Als wir die Treppe wieder hochstolpern, ist es spät und der Asphalt schon etwas weich unter den Sneakern, aber wir sind noch unternehmungslustig!

Station 5.5: Galerie Kernweine, Cottastraße

Am Ende habe ich den ganzen Abend nicht begriffen, dass das tatsächlich eine Kunst-Galerie war. Es ist aber auch eine sehr, sehr coole Kneipe und man serviert Schwabenbräu in der Bügelflasche. Pluspunkt. Die Räumlichkeiten schreien gerade zu „Gewerbliche Räume für kulturelle Nutzung!“ und ich würde wie immer gerne wissen, welche Firma hier einmal ansässig war, aber ich finde es nicht heraus. Einrichtung: zweckmäßig-cool. Wir sind schnell echte Fans.

Wir diskutieren über unsere Biere hinweg, was noch weniger dazu geeignet ist, irgend etwas Relevantes für die Menschheit zu bewegen: Kunst oder Kommunalpolitik. Ich bin Team-Pro-Kunst, Uli Pro-Kommunalpolitik, wir finden keinen Kompromiss, aber deswegen führt man ja auch keine Bierdiskussion. Gegen später irre ich durch sehr, sehr geile Kellergewölbe auf der Suche nach dem Abtritt, einer ebenso verwirrten, jungen und ebenso bierseeligen Frau folgend, die sich sicher war, es hätte hier unten mal einen Durchgang zum Klo gegeben. Wir sind uns nicht ganz einig, wer hier wem gerade den Weg weist, aber ich verrate schon einmal die Lösung: Toilette auf dem Innenhof, leider nach 23.00 kein Service mehr draußen. Als ich aus den Eingeweiden der Galerie wieder auftauche, teilt mir Uli mit, dass wir alle S-Bahnen, die noch nach Hause fahren würden, verpasst haben. Holy Moly, ist das spät geworden. Wir zahlen, machen uns auf zum Taxi-Stand, Uli wird heute Nacht mit meiner Couch vorlieb nehmen müssen (sie ist aber sehr bequem).

Alter, 5 Stationen! Da glost wohl noch ein Funken Glut unter der Asche. Das war auch definitiv die bisher teuerste Runde, aber …

… wir sind endlich raus aus der Mitte.

Ich werde vielleicht demnächst scheiße.

Das Durchschnittsalter ist 68,9 Jahre. Die Jüngste im Bunde ist mit 40 Jahren eine Strafrechtlerin, der Alterspräsident Martin Walser kommt mit stolzen 95 Jahren daher, und ja, wenn man so rechnet, dann wurden vorgestern vom hohen Thron von 1930 zusammengesammelten Lebensjahren herab die sozialen Medien in Aufregung versetzt.

Einige Blätter schrieben von „Intellektuellen“, die seriöseren nannten die Unterzeichner’Innen „Prominente,“ was wesentlich präziser ist. Ein konservativer Kabarettist, eine Ex-Grüne, eine Prenzelberg-Autorin, ein egomanischer Schauspieler. Gemeinsamkeit: Alle finden den Krieg schlimm. Alle finden, dass die Ukrainer durchs beharrliche Widerstand-Leisten, das Ganze noch verschlimmern. Besser, die kapitulieren. Alle wollen, dass bloß keine militärische Hilfe gegen Russland läuft, weil sonst steht’s übel um Deutschland.

Alle sind irgendwie alt.

Dass der offene Brief, erschienen in der Hauspostille der geschlechtsidentitär gefestigten älteren Bürgersfrau (der „Emma“), ein Unding gegenüber den Menschen in der Ukraine ist, haben inzwischen andere auf klügere und feinsinnigere Weise, als ich es könnte, entlarvt. Der Schrieb, und damit komme ich zum Thema, ist auch weniger ein Zeugnis des durch den neuen russischen Faschismus ausgelösten Zeitenbruch, als viel mehr eines für die Befindlichkeitslage der alten BRD. Ein peinliches Psychogramm meines Landes, wie es jenseits von Geldsorgen und faltenfreien Gesichtszügen aussieht.

Alte Menschen, die sich verzweifelt an die Trümmer einer von der Zeit zerschlagenen Epoche klammern, in der irrsinnigen Hoffnung, man könne sie kitten.

Szenenwechsel, Straßenbahn in Stuttgart. Zwei Menschen – beide nicht allzu alt – sitzen entgegen der Vorschrift ohne Maske da und lassen sich auch von den Mitfahrenden nicht zum Tragen derselben bewegen. Sollen von meiner Seite her den Noro-Virus fangen und statt in der U auf der Schüssel hocken! Der Fahrer sitzt hermetisch abgeschirmt hinter einer vermutlich kugelsicheren Scheibe. Beim Umsteigen entdecke ich einen älteren Typen in einer Uniformweste auf der „Begleiter öffentlicher Nahverkehr“ (oder so ähnlich) steht und spreche ihn auf das Problem an.

Nein, das sehe man ja jetzt nicht mehr so eng wie letztes Jahr
Ja, sicher sei das eine gesetzliche Vorschrift, aber das sehe man alles jetzt nicht mehr so eng.
Ja, aber eigentlich sei er auch gar nicht beim VVS sondern von der DB.
Ja klar sei er Nahverkehrsbegleiter, aber trotzdem.
Ja, das Problem sei nämlich, dass Deutschland nicht mehr richtig deutsch sei, so wie früher, da läge doch der Hund begraben.

An dieser Stelle breche ich das Gespräch ab. Auch weil euer Angestellter nach Alkohol roch, liebe DB-AG. Aber vor allem wegen Rechtsextremismus.

15 Minuten sitze ich in einem Wartezimmer, ein junges Mädchen wird aufgerufen. Sie hat – etwas undurchdacht – dicke Kopfhörer auf und hört zunächst ihrem Namen nicht, bis die Arzthelferin insistiert. Gegenüber sitzt ein Greis mit Gehstock und ruft völlig uneingeladen und im breitesten schwäbisch in die Runde: „Isch doch klar, dass die nix hert, mit ihre Kopfherer und dem fedda Arsch!“ (Sagt mir in den Kommentaren, falls ich das ins Schriftdeutsche übersetzen muss). Einige lachen. Ich verdrehe die Augen, sage aber nichts.

Bis heute hasse ich mich dafür.

Warum fehlt mir bei derart spontanen Übergriffigkeiten aus dem Mund von welkem Fleisch der Mut und die Schlagfertigkeit? Irgend etwas wie „Wenn man aussieht, wie ein brüchiger Schuh aus dem 12. Jahrhundert, den man aus einer Sickergrube kratzt, dann sollte man andere Menschen nicht aufgrund ihres Körpers herabsetzen!“ Vielleicht auch einfach nur kürzer „Opa, Reichsparteitag ist vorbei.“ Oder wenigstens irgendwas.

Was haben der offene Brief aus den Resten der Bonner Republik, mein rechtsradikaler DB-Beschäftigter und das alte Ferkel beim Arzt mit der momentanen Weltlage zu tun?

Sie scheinen mir alles Symptome für eine Krankheit, die dem Planeten Fieber macht und damit auch das gesamte globale System in eine tiefe Krise stürzt: Die Gerontokratie, die Terrorherrschaft der Greis*Innen, die jungen Menschen Zukunft und Lebensqualität wegfrisst. Dass nichts gegen den Klimawandel getan wurde, bis er laut jüngstem IPCC-Bericht kaum noch abzumildern ist, dass man jahrzehntelange mit einem belligerenten Diktator günstige Lieferverträge abschloss, der letztendlich die Existenzberechtigung Westeuropas bestreitet, dass man Corona einfach auf gut Glück frei rennen lässt, dass man mit dem Starrsinn eines todkranken Familenpatriarchen an Mechanismen festhält, die längst vom Fluss der Zeit ad absurdum geführt wurden: zum größten Teil das Werk von alten, mächtigen Menschen, die sich gegen den Eintritt der Realität in ihre Ideologie wehren.

„Wenn du dich auf eines verlassen kannst, dann darauf dass die Welt jeden Tag ein bisschen beschissener wird,“ schrieb jemand in meinem Twitter-Feed vor einigen Tagen.

Mir macht diese Erkenntnis sorgen. Weltgeschichtlich und persönlich. Ich werde nächsten Monat 49 Jahre alt (ging irgendwie schnell). Viele sagen, ich hätte mich ganz gut gehalten, ich versuche, am Puls der Zeit zu bleiben, höre aktuelle Musik, versuche nicht den Anschluss an die Gegenwart zu verlieren. Was aber, wenn scheiße Werden im Alter eine Zwangsläufigkeit ist?

Also, auch für mich?

Was aber, wenn all die Walsers, Meys, Vollmers, Kluges, Nuhrs, Dresens nicht einfach persönlich einen an der Banane haben, sondern wir alle kleine missgünstige Wunschträumer werden, wenn die Welt nicht mehr der unserer Jugend entspricht, und wir dann zu fatalen, für andere verheerende Fehleinschätzungen der Lage kommen, zudem am Machthebel sitzend, die wir im Grunde nur aus Selbstsucht, Megalomanie und eigener Ehrenkäsigkeit treffen? Gegen die vernünftigeren und klügeren Ideen der kommenden Generation, die wir aber mit unseren altbackenen Illusionen in den Abgrund der Geschichte reißen?

Was, wenn ich auch so werde?

An alle, die mich kennen: Weist mich rechtzeitig darauf hin. Ich möchte kein beschissener alter Mensch werden, der es nicht mehr blickt, aber noch immer den Diskurs bestimmen will.

Viele haben geschrieben, Ranga Yogeshwar hätte sie am meisten enttäuscht. Bei mir ist es Gerhard Polt und die Biermösel Blosn.

Schämt euch.

Super Sonic Boom

Gestern, an einem sonnigen Freitagnachmittag. Ich sitze mit einer lieben FreundinslashKollegin an meinem Wohnzimmertisch und wir arbeiten gemeinsam an unserem Kulturprojekt. Dann, gegen 13.30, ein heftiger Knall und gleich danach ein etwas milderer; meine Fensterscheiben zittern kurz. Wir schrecken hoch. Marina, jünger als ich, fragt beunruhigt, mehr als Ausdruck des Schrecks: Was war das? Ich sage ein Wort, dass ich schon lange nicht mehr benutzen musste: Überschallknall. Wir öffnen das Fenster, ich höre den Jetantrieb aus der Ferne. Genau, (nur) ein Überschallknall.

Ich muss vier oder fünf sein. Meine Mama steht vor mir und erklärt mir ruhig und eindringlich, was ein Überschallknall ist. Dass er von sehr schnellen Düsenjägern verursacht wird, dass man davor aber keine Angst haben muss, weil er einem nichts tut. Auch so ein altertümliches Wort „Düsenjäger,“ ein Relikt aus einem früheren Krieg, in dem Kampfflugzeuge in der Regel mit Propellern angetrieben wurden. Im Hof, wenn wir mit den anderen Kindern spielen, gibt es oft den Überschallknall. Immer wenn die Bundeswehr oder die Amerikaner üben. Was sie genau üben, das begreife ich nicht so recht. Das Kinderspiel der vielen Gleichaltrigen aus dem Block verstummt bei dem lauten Knall immer kurz und wird dann wieder aufgenommen. Einmal, einige Jahre später, rast der graue Kampfjet direkt über den Wohnblock, wir können die Maschine von unten ganz genau, wenn auch nur für einen Wimpernschlag sehen. Alle Kinder schreien. Aus Angst. Im Jubel. Vor Staunen.

Ich habe lange die Düsenjäger nicht mehr gehört. Gestern zum ersten Mal wieder bewusst und unmittelbar versetzt es mich zurück in meine Kindheit, in den Kalten Krieg. Die Jüngeren hierzulande kennen das gar nicht, es gibt in Stuttgart an diesem Freitag viele Anrufe bei der Polizei. Auf Twitter und den Lokalnachrichten wird schnell reagiert, beruhigt, erklärt. Die Nachrichten vermelden, der Kampfjet hätte nichts mit dem Ukrainekrieg zu tun gehabt.

Natürlich hat er. Es wird wieder geübt. Im Tiefflug.

Meine Mama erklärt mir auch, was die Sirene macht. Sie sitzt auf dem Dach des rechten Wohnblocks, ein grauer Stahlpilz mit einem dünnen Stengel. Einmal im Jahr ist Probealarm, und meine Mutter versucht mir die Angst vor dem grauenhaften Geräusch zu nehmen, dass dann der Stahlpilz erzeugt. Das Auf- und Abheulen ist der Warnton. Ein langer gleichmäßiger Ton ist Entwarnung. Glaube ich. Ich habe das Geräusch viele Jahrzehnte nicht mehr gehört, ich könnte heute googlen, welche Töne was bedeuten.

Ich will es aber nicht.

Ich werde deutlich vorgewarnt durch meine Eltern, wenn ein Probealarm ansteht, damit ich nicht so viel Angst habe. Was da genau geprobt wird, ich verstehe es nicht ganz, aber es hört sich rein akustisch schlimm an. Also stehe ich da im Hof, versuche tapfer zu sein, halte mir die Ohren zu und kneife die Augen zusammen und sage mir, es ist nicht schlimm, es ist nur ein Probealarm, es geht gleich vorbei. Aber der Probealarm geht ewig, denn er arbeitet sich durch vier oder fünf Signalfolgen.

Ein Freund hat kleine Plastiksoldaten, für den Sandkasten im Hof. Ich darf nur Playmobil und Lego haben, deshalb sind die kleinen Plastiksoldaten für mich ein Sehnsuchtsspielzeug. Es gibt knallgrüne, das sind die Amerikaner, unsere Freunde. Es gibt rotbraune Russen, von denen erzählt auch der Opa manchmal, das sind Feinde. Und es gibt graue, das ist die Wehrmacht, zu wem die gehört weiß ich nicht, aber auch die hat irgendwas mit dem Opa und seinen Geschichten aus dem Krieg zu tun. Mein Opa ist ganz sicher ein Held, der Überschallknall kann mir nichts tun, da muss ich keine Angst haben, heute ist wieder Probealarm, Achim, da musst du keine Angst kriegen.

Gestern habe ich zum ersten Mal wieder einen Überschallknall gehört.

Ich stelle mir seitdem vor, was es in mir auslösen würde, wenn plötzlich im Viertel die Sirenen anfangen zu heulen. In meiner Erinnerung habe ich das Geräusch ganz deutlich im Ohr. Jetzt verstehe ich es aber. Und es macht mir Angst, weil der Sinn hinter dem bösartigen, verzweifelten Schreien des monströsen grauen Pilzes auf dem Dach noch viel beängstigender ist, als der Sound für mich als Kleinkind war.

Die Bundeswehr kriegt hundert Milliarden. Der Bildungssektor wird also viele Jahre weiter vernachlässigt werden. Ich frage mich, was uns funktionierende Kampfhelikopter angesichts des Sinns hinter dem bösen, grauen Heulen nützen würden.

In ukrainischen Städten heulen die Sirenen jetzt schon jede Nacht, während ein bösartiger, unberechenbarer Autokrat zivile Wohnviertel mit thermobarischen Raketen angreift und er von unserem Heizungsgeld Panzer in Richtung eines souveränen, demokratischen Staates ausschickt, jedenfalls demokratischer als das Putin-Regime. Auch ukrainische Kinder haben sicher Angst vor den Sirenen, aber vor allem, weil danach tatsächliche Geschosse einschlagen, töten, zerstören, terrorisieren.

Jeder Cent, den wir Putin bezahlt haben, ist eine Waffe, die sich gegen uns richtet. Jeder Cent ist ein Angriff auf die demokratische Idee und die Menschlichkeit. Bis jetzt konnten wir uns rausreden, dass wir das alles nicht geahnt hätten. Es ist wie immer eine schwache Ausrede, die komplette Dummheit der Verantwortlichen im Nachhinein aufdeckt, aber immerhin gibt es noch eine Ausrede. Ab jetzt wissen wir, dass diese faschistoide Diktatur keinen Cent mehr bekommen darf, der ohnehin nur in Waffen gegen die Menschenrechte gesteckt werden wird.

Ich habe zwei Tage nach dem Überfall meine Heizung abgestellt und werfe sie nur noch an, wenn Gäste kommen. Lieber friere ich mich durch einen grauen, kalten Vorfrühling als dass ich noch einmal in meinem Leben die Sirenen heulen hören muss.

Ich habe Angst. Aber keinen Zentimeter dem Faschismus.

Erkranktes System

Ein offener Brief an meine oberste Dienstherrin

Sehr geehrte Frau Ministerin Schopper,

diese Worte richten sich in erster Linie an Sie als Verantwortliche vor Ort, sie können aber stellvertretend auf alle Mitglieder der KMK übertragen werden, an alle Priens, Ernsts, Piazolos, Holters, die seit zwei Jahren den Infektionsschutz an Schulen – nicht betreiben. Aufgrund der mir auferlegten Verpflichtung zu maßvollen Äußerung als Landesbeamter werde ich mich Ihnen gegenüber gemäßigter und höflicher Worte bedienen, die Sie aber bitte rein als meine dienstliche Pflicht auffassen, nicht aber mit einem tatsächlichen menschlichen Respekt und Wertschätzung gegenüber ihrer Amtsführung verwechseln. Hierzu bieten Sie nämlich keinerlei Anlass, den müsste man sich durch verantwortungsvolle und kompetente Politik verdienen.

Am 03. Februar 2022 bin ich an COVID-19 erkrankt. Trotz aller Schutzmaßnahmen von meiner Seite. Trotz allem, was ich versuchte. Ich habe mich schnellstmöglich Impfen und Boostern lassen, im Dienst von jeher eine ffp2-Maske getragen. Eine ordentliche und gut sitzende, nicht den billigen, schlecht geschnittenen Schrott den ihr Amt in infamöser Zusammenarbeit mit dem hiesigen Sozialministerium für uns beschaffen ließ, ein weiteres Indiz dafür, dass es im Kompetenzbereich des Bevölkerungsschutzes in beiden Ministerien deutliche Mängel gibt.

Ich habe mich trotz meiner Versuche, mich vor einer Infektion zu schützen, infiziert.

Meiner Versuche – von Ihrer Seite blieb ein wirkungsvoller Infektionsschutz stets (man möchte meinen gezielt) aus. Seit Pandemiebeginn werden wir mit Lüftungsanweisungen und herbeigeschwurbelten Masken-auf-Masken-ab-Regelwechseln abgespeist, die meistens den medizinischen Empfehlungen in der aktuellen Infektionslage entgegenstehen. Ihre Verordnungen werden inzwischen mit resigniertem Gelächter begrüßt – ich weiß nicht ob sie das ahnen oder diesen Gedanken als Selbstschutz der eigenen Amtskonstruktion lieber verdrängen.

Ich bin nun also infiziert, nach bald zwei Jahren Pandemiemanagement ohne medizinische Expertise. Es begann mit einem morgendlichen Kratzen im Hals. Nach der vierten Stunde an diesem Donnerstag – Geschichte Klasse 12 – war mir klar, dass ich extrem schnell etwas ausbrüte. Heißer Kopf, Halsschmerzen, Unwohlsein. Schnellstmöglich nach Hause. Bereits zu diesem Zeitpunkt ahnte ich, dass es wohl die Scheiß-Seuche sein müsste, angesichts der raschen Entwicklung meiner Symptome. Zwei Schnelltest aus Schulbeständen zeigten zunächst ein negatives Resultat, worauf ich doch wieder auf die Theorie einer üblichen Erkältung verfiel. Erst spät am Donnerstag-Abend – zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 38,8 Fieber und heftige Kopfschmerzen – zeigte sich eine blasse rote Linie, nur im hellen Licht sichtbar, auf dem Kästchen. Ab da war klar, was ohnehin schon lange klar war. Klar war auch, dass ich schon lange unentdeckt infektiös für andere durch unsere Schulgemeinschaft gerannt bin.

Zweifeln Sie eigentlich manchmal an ihrer brillianten Teststrategie? Ist Ironie noch in Ordnung? Zweifeln Sie überhaupt bei sich im Haus?

Am Mittwoch der vor meiner Infektion liegenden Woche hatte ich im Rahmen einer Gesprächsrunde zwischen Personalrät*Innen und Mitarbeiter*Innen des Regierungspräsidium Stuttgarts versucht, dem Amtszimmerbereich zu erklären, was den Schulen bisher angetan wurde. Weil ich dachte: „Die verstehen das bisher gar nicht, sie würden es sonst nicht tun.“ Ich schilderte die grauen Gesichter der jungen Menschen, die um sich greifende Depression, die Angst vor der Infektion, das ständige Leben mit Furcht, weil man weiß, dass über all um einen Menschen dicht an dicht sitzen, die mit einem potentiell tödlichen Virus infiziert sind. Man ließ mich höflich ausreden.

In der Folge erklärte mir ein alter, weißhaariger Mann, dass wir alle durch schwierige Zeiten gehen und dass ich mir sicher sein könne, dass jede Entscheidung bezüglich der Schulen eine verantwortungsvolle Einzelfallentscheidung darstelle, in jedem Fall eine Einzelfallentscheidung, zum Besten aller Beteiligten im Fall, wir müssten nun zusammenstehen, verantwortungsvoll, zum Besten aller Beteiligten, in Einzelfällen.

Sie verstanden es nicht.

Von Verantwortung kann ich bei Ihnen und den Ihnen unterstellten Entscheidungsträgern keine Spur erkennen. Ihre Verantwortung wäre es, mich als Landesbeamten vor der Infektion mit einer potentiell tödlichen Krankheit zu schützen. Ihre Verantwortung wäre es, Kinder und Jugendliche, sowie deren Familien, vor einer potentiell Langzeitschäden erzeugenden Krankheit zu schützen.

Sie aber pferchen uns zusammen. Mit Schnelltests, die die meisten Infektionen nicht oder viel zu spät entdecken und einem Lüftungskonzept, das angesichts der Verhältnisse an Schulen, schon immer hochgradig lächerlich und entlarvend war.

Frau Schopper, stehen bei Ihnen im Haus Luftfilter herum? Und: Wie sehr schämen Sie sich dafür?

Drei Tage nach meinen ersten Symptomen klang das Fieber wenigstens tagsüber ab und kam Abends heftig wieder. Mein PCR-Test am Freitag-Abend blieb vier Tage lang unbearbeitet, weil Land und Bund mit Ansage – wie schon so oft – nicht auf errechnete Entwicklungen reagieren wollten. Die Inzidenz in der Altersgruppe der jungen Menschen geht in der Omikronwelle durch die Decke, die KMK-Vorsitzende faselt von Lockerungen und handwedelt versterbende Kinder als Bagatellvorkommnisse aus der Diskussion. Junge Menschen, die sich gegen den von Ihnen betriebenen Wahnsinn organisieren, werden ignoriert und in Talkshows verunglimpft. Täglich erkranken wir in den Schulen, während Sie nichts Relevantes dagegen tun. Wollen?

Warum musste ich unbedingt erkranken? Was bringt das Ihnen? Dem System? Der Gesellschaft, oder was alte weiße Menschen in Amtszimmern dafür halten? Ich sehe keinen Mehrwert für uns in Ihrem passiven Laufen lassen der Infizierung breiter Bevölkerkungskreise über den Hotspot Schule. Ist das praktizierter Sadismus? Macht es Ihnen Spaß, wenn wir Beamt*Innen, Schüler*Innen, ganze Familien an diesem Virus erkranken?

Ich verstehe Sie nicht. Geld kann es doch nicht sein. Oder? Oder?

Mittlerweile (der zweite Krankheits-Samstag) hat sich meine Covid-Infektion in eine heftige Verschleimung der Bronchen umgewandelt. Mein Husten ist bellend und gequält, seit heute – Tag 9 – wird er etwas besser. Ich bin Asthmatiker und habe Angst, dass etwas in meiner Lunge bleibt, mir die Fitness raubt, die Luft zum Atmen. Ich war früher gerne mal aktiv im Freien unterwegs.

Sie in Ihrer Verantwortung für die Ereignisse drücken uns diese Luft zum Leben ab. Warum? Warum tun Sie das?

Sie traten einmal als GRÜNE an. Ich kann ihr Handeln, das jedem humanistischen Ideal widerspricht, beim besten Willen nicht mit den Sonntagsreden Ihrer Partei in Einklang bringen. Warum tun Sie das? Warum tun Sie das uns an?

Das Gesundheitsamt hat sich bei mir nie gemeldet, meine Kontakte, die ich infiziert haben könnte, sind wohl für das Handling der Lage uninteressant. Nein, natürlich sind sie nicht uninteressant, aber auf Entwicklungen im Infektionsgeschehen gezielt zu reagieren, ist möglicherweise zu anstrengend geworden. Und 200 Tote am Tag sind aus der Sicht der herrschenden Gesundheitspolitik wohl kein schlechter Preis. Die meisten sind ja alt und vorerkrankt, können also weg. Oder jung, dann stirbt man eben „mit,“ aber gottseidank nicht „an.“

Ist Sarkasmus eigentlich ok?

Wie immer werden Sie nicht antworten. Alleine, weil Ihre PR-Abteilung Ihnen dazu rät. Wie immer werden Sie sich hinter Ihren großzügigen Amtszimmern, Ihren beschlusslosen Online-Konferenzen mit den Kolleg*Innen anderer Länder, Ihren von Steuergeldern angeschafften Luftfiltern verstecken und in Ihren Gedanken Wortblasen über verantwortungsvolle Einzelfallentscheidungen aufsteigen lassen.

Nur wir, wir an der Infektionsfront, wir erkranken massenhaft. Wir sind kein Einzelfall. Und Sie treffen Entscheidungen, die uns schaden.

Frau Schopper, als meine Dienstherrin rufe ich Ihnen zu: Drehen Sie endlich Ihren Pandemiekurs in die Richtung, die Virologen empfehlen. Hören Sie auf, sich mit Schwurblerinitiativen zu treffen. Verhindern Sie, dass es noch mehr Leuten ergeht, wie es mir seit 9 Tagen ergeht. Es wäre Ihre Pflicht.

Hochachtungsvoll mit höflichen Grüßen

Achim Vetter

Impfschluss in Bad Cannstatt

Ein offener Brief an meine Stadt und den hiesigen Sozialminister

Update, 28.11.: Seit gestern bin ich geboostert. Hurra. Letztendlich nicht durch ein kommunales oder staatliches Angebot, sondern von einem Orthopäden am Schulstandort, der seine Praxis in ein Impfzentrum verwandelt hat. 300 Impfungen pro Tag anstatt Knie und Schulter. Darüber hinaus wurden alle Einnahmen der gestrigen Impfaktion an Waisenhäuser an Myanmar gespendet. Es gibt sie doch, die verantwortliche Einzelinitiative. Erfahren habe ich von der Praxis über Flüsterpropaganda im Lehrerzimmer. DDR reloaded, wer weiß, wo man was kriegen kann. Den Tausenden anderen, die letzte Woche nach Hause geschickt wurden, hilft mein persönliches Glück aber nicht.

New Orleans, 2005, Hurricane Katrina hat die US-Ostküste verwüstet. Tausende Häuser stehen unter Wasser. Vor dem Superdome, dem Football-Stadion der Metropole, spielen sich apokalyptische Szenen ab, während sich Tausende von Verzweifelten in eine Schlange stellen, die zu den letzten Evakuierungsbussen führt. Zwischen den Menschenmassen, die ungläubgig auf die wenigen Busse starren, die ihr Gouverneur für die Vielen auftreiben konnten, bewegen sich zwei überforderte Polizistinnen auf und ab. Die Aufgabe, die Menschenmenge in geordnete Bahnen zu lenken, oder auch nur abzuschätzen, wie viele in einen Bus kommen, wächst ihnen definitiv mit jeder Minute mehr über den Kopf. Absperrbänder, Informationsschilder, Ordner – Fehlanzeige.

Oh, Shit, es ist ja gar nicht 2005, sondern 2021.

Und es ist auch gar nicht New Orleans – was haben wir damals über den unfähigen Ami den Kopf geschüttelt, Sie auch, oder? – es ist der Bahnhof Bad Cannstatt im November. Keine Flut, eine Pandemie. Und ich werde auch nicht zurück in das Stadion getrieben, sondern ich nehme resigniert meinen Roller und fahre nach Hause.

Warum bin ich überhaupt hier? Verzweifelte Hoffnung könnte man es nennen. Letzte Reste von Gutgläubigkeit, dass die verantwortlichen Kräfte schon die Situation nicht ganz aus den Augen verloren haben. Wir Narren! „Mobiles Impfangebot – ohne Termin! Impfteam in der Busbucht am Bahnhof, 24.11.2021, 17.00 – 22.20 Uhr.“ Müssen Sie auch ein bisschen hysterisch Lachen, beim nochmal drüber lesen?

Um 17:40, gut eine halbe Stunde nach dem offiziellen Startschuss, beginnt die entnervte Polizei die verbliebenen 80 % der Schlange wegzuschicken, bzw. ihnen freundlich zu sagen, dass sie chancenlos sind. „Ich kann es leider nicht ändern“, Standartsätze aus der Kommunikationsteamausbildung, Standartreaktionen bei den Betoffenen, frustriertes Abziehen. Wieder ein Stück Hoffnung in die Verantwortlichen weniger, dass man noch irgendwas im Griff hat.

Symbolbild – gilt für alle Tage der Liste

Natürlich war es nicht meine erste Wahl, mich im November Nachts bei -2 Grad vor den Bahnhof zu stellen und den Autoverkehr zu behindern. Natürlich wäre es meine erste Wahl, so geboostert zu werden, wie ich geimpft wurde: In einem wirklich sehr gut organisierten Impfzentrum in der Liederhalle , mit einem festen Termin, der zwar nicht einfach zu bekommen war, aber zuverlässig stattfand. Jetzt wird stattdessen ein großes Glücksspiel, eine Lotterie, ein „rette-sich-wer-kann“-Szenario für die Bevölkerung aufgezogen – ist das wirklich billiger so? Jetzt, im November, stehe ich zwischen einer – für die Verantwortlichen eventuell „überraschend“ aufgetauchten -Baustelle, den schmutzigen Warnbaken am Straßenrand und dem Ostausgang des Bahnhofes, dort wo sich normalerweise die nicht so glanzvolle Seite Bad-Cannstatts auf einen Sixpack trifft, die man jetzt für die „Impfaktion“ verjagt hat, die eigentlich, um 17.40 Uhr auch schon wieder beendet ist, zumindest für die meisten Leute in der Schlange.

Deutschland, immer noch in den Kreisen der Oberenzehnprozent eines „der reichsten Länder der Welt“, ist an der Basis ein Schwellenland geworden, mit deutlichen Anzeichen eines „broken states.“

Meine erste Wahl wäre es natürlich gewesen, einen Termin zu buchen. Und tatsächlich: Die Stadt Stuttgart hat eine schöne Liste mit lauter Stellen, bei denen keine Termine mehr zu bekommen sind, ins Netz gestellt und auch hier kann man sich anschauen, wo man in Stuttgart sich demnächst nicht boostern lassen kann.

Bis Februar.

Ich stehe jeden Tag im Klassenzimmer, in dem Infektionsschwerpunkt der vierten Welle, ja genau, keiner hat’s geahnt, der Schule. Geschützt werde ich von meinem Arbeitgeber nicht, er setzt seit einem Jahr auf billige OP-Masken und geöffnete Fenster. Ich darf mich regelmäßig testen – dann weiß ich wenigstens, ab wann ich es habe. Am 19. November wäre meine Zweitimpfung ein halbes Jahr her gewesen.

Wenn Sie bis jetzt drangeblieben sind, dann fragen sie sich sicherlich, was ich von den zuständigen Stellen fordere. Und wissen Sie was: Das muss ich Ihnen gar nicht erzählen, denn es liegt völlig auf der Hand, was notwendig wäre, jeder mit fünf Pfennig Menschenverstand kann es einigermaßen erschätzen.

Ich bin eher gespannt, was Sie auf die Frage, die diese Missstände aufwerfen antworten würden?

„Wir wurden überrascht!“ Das?

Halten Sie das für eine akzeptable Antwort, in Ihrer Position? Mit all der Verantwortung in der momentanen Situation des Landes? Oder ist das einfach Ihr Kommunikationstraining, so wie bei den beiden bedauernswerten Polizistinnen heute Abend?

Was 2021 verspielt wurde, wird nur durch 10 Jahre gute Entscheidungen zu reparieren sein. Tragen Sie morgen früh einen kleinen Teil dazu bei, und bauen Sie auf Teufel komm raus und um den Preis hoher Schulden unbedingt die Impfangebote aus. Es ist tatsächlich eine Frage von Leben und Tod. Und nicht von Haushaltsdebatten.

So sieht sie aus, die Lage in einer deutschen Landeshauptstadt

Ich bin ein höflicher Mensch. Ich beschimpfe sie nicht, sondern bleibe im Rahmen der respektvollen Kommunikation. Falls das aus Ihrer Sicht eine Antwort verdient hat: Nur zu. Adresse siehe Briefkopf.

In der Spirale

Ich bin zu müde.

Zu müde um zu schreiben, zu müde um zu bloggen, zu müde um diesen ganzen Wahnsinn noch ätzend, empört oder ironisch zu kommentieren.

Ich stehe jeden Morgen auf, schleppe mich ins Lehrerzimmer (In Landschulen ganz bewusst ohne *In), halte meine Stunden, versuche für meine Schüler*Innen ein guter Lehrer zu sein.

Der Rest kann mich mal.

Was hatten wir alle im September Hoffnung, oder? „Politikwechsel.“ Politikwechsel my ass. Die Liste, was die kommende Regierung alles nicht verändern will, scheint der Schwerpunkt des Koalitionsvertrags zu werden. Wer hätte gedacht, dass Lindners Flachwitz „es ist besser nicht zu regieren“ generell gemeint war und nicht bezogen auf die damalige Situation? Wer hätte gedacht, dass ich eine Partei wähle, bei der ich eigentlich schon davon ausging, dass sie mich auf ganzer Linie enttäuschen wird?

Wir haben mittlerweile im Landkreis eine Inzidenz von ca. 350 (In einer Schule bitte mit zwei multiplizieren) und die Pandemie der Ungeimpften darf fröhlich um mich herum hüpfen und mir demnächst bald im dritten Jahr das Leben versauen. Die amtierende Regierung schaltet währenddessen immer mehr auf ein „aber wir können doch gar nix dagegen machen“ als Kommunikationsstrategie um.

Vielleicht haben sie ja Recht. Das wäre das Schlimmste. Vielleicht hat Europa endgültig den Status der Handlungsunfähigkeit erreicht, wir leben von der Restarroganz, die wir aus unserer vermeintlich glorreichen Kulturgeschichte ziehen, so wie ein spätantiker Römer immer noch davon überzeugt war die Sonne der Kultur zu sein, während längst die Vandalen in Rom das Sagen hatten. Und wir überdecken mit diesem Dogma von der ersten Welt die Tatsache, dass unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik längst gar nicht mehr auf Krisen und Probleme reagieren kann, sondern nur noch drüber reden und wortreich weiter auf den Abgrund zuschlittern.

Nehmen wir nur mal das Beispiel einer grünen Kultusministerin, die es schafft, noch katastrophaler, grausamer und verantwortungsloser zu verwalten, als eine extrem unbeliebte konservative Vorgängerin. Wie hält man sich selbst aus, ohne aus seiner eigenen Partei auszutreten?

Ist ja nicht mein Problem.

Ich möchte euch von einer fantastischen Gruppe Menschen erzählen, ziemlich jung, sie treffen sich einmal in der Woche in einem miefigen, heruntergekommenen Musiksaal der genau den Zustand des Bildungssystems verbildlicht, durch das sie sich seit ca. 10 Jahren schleppen. Sie versuchen dort eine Eigenproduktion zu erarbeiten, ein Bühnenprogramm für den Sommer, diesmal alles „from scratch“, ohne Stückvorlage.

Die Leute da sind wirklich großartig. Klug, witzig, kreativ, mutig. Warum sind die Leute über 40, die unser Land zum Stillstand hin verwalten, nicht auch so? Es gibt doch so Menschen offensichtlich?

Wir hätten im Juni eine große Einweihung bei uns am Standort zu feiern, vielleicht schreibe ich da ein andermal drüber, im Moment ist das im Grunde genau so scheißegal wie die täglich düstere Situation für die Menschen im Gesundheitssystem, und die interessiert ja schließlich auch keine Sau. Jedenfalls: Dafür entwickeln die Kids diese Produktion. Ich bin Teil des AG-Leitungs-Teams.

Ich mache das ja schon eine ganz Weile in meinem Berufsleben. Für Uneingeweihte: Man improvisiert bei so was relativ viele Szenen. In all den Jahren, vor diesem düsteren Herbst hier, waren diese Improvisationen echt witzig: Parodien, schnelle Gags, abgedrehte Karikaturen, immer auf der Suche nach einem guten Lacher. So war Theater-AG 2015. Oder 2008. Oder 2018.

Das Furchtbare: So ist es nicht mehr. Was meine Kids heute auf den dreckigen Teppich im Musiksaal, den wir Bühne nennen, zaubern, ist eine Sammlung düsterer und berührender Szenen und Themen, gespielt mit großem Talent, feinsinniger Beobachtungsgabe und tiefem Sinn für das Emotionale. Wir haben inzwischen alles in unserem Stück: Alkoholismus, Missbrauch, Mobbing, Weglaufen, Armut, Drogenmissbrauch (sorry, doppelt sich mit Alkoholismus), Krankheit, dem Vermieter ausgeliefert sein, Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung – you name it. Die Generation von 2021 schafft es, diese Themen nicht albern oder satirisch aufzuarbeiten, sondern mit dem großen Ernst von Leuten, die Wissen, dass diese Themen das Zentrum ihrer Generation darstellen.

Als Betroffene.

Wir proben das und entwickeln ein Stück, während wir zusehen, wie draußen die Zahlen explodieren, ohne dass die Verantwortlichen etwas anderes tun, als die Pandemie zu befeuern und dafür andere Verantwortliche zu suchen. Wir tun dies, während eine kleine Minderheit von Radikalen und esoterischen Irren die Mehrheit in diesem Land terrorisiert und einen Einfluss auf die Richtlinien des vernunftgeleiteten Handelns entwickelt, den ich nie geahnt hätte in einem von der Aufklärung geprägten Land. Wir tun dies, während die Schulleitung Drohbriefe erhält, die mit „SHAEF“ unterzeichnet werden.

Wir tun dies in der Erwartung, dass unser Stück nicht vollendet wird, weil das erste was man im Namen der effektlosen Symbolpolitik canceln wird, wenn das große Sterben wieder beginnt, werden die AGs an den Schulen sein.

Ich bin jetzt ja so langsam ein älterer Mann. Ich hatte meine guten Zeiten. Es geht ja eigentlich nicht mehr um mich.

Aber das, was meine Generation und die, die zehn Jahre älter sind als ich, dieser kommenden Generation antun, ist eine unanständige Abkehr von der Verantwortung für die Zukunft, die in Europa eigentlich keinen Raum zur Entfaltung hätte bekommen sollen.

All die Laschets, Lindners, Schoppers und Spahns, und ja auch die Göhring-Eckarts, die Mockridges, die Prechts, die Schwarzers, die Kretschmanns, die Streecks, die Reichelts, die Wagenknechts und die Boufiers, die Klöckners, die Brinkhaus‘, die Joops, die Heidenreichs und auch die Liefers‘, die jetzt dieses Land als Karikatur einer Elite prägen: Diese Jugend hat euch nicht verdient. Oder sie verdiente zumindest, dass ihr euer Denken und Handeln der aktuellen Lage anpasst.

Aber wir alle wissen: Das werden sie nicht machen.

Und wir sind zu müde, um weiter gegen die fehlerhafte Konstruktion dieser Weltordnung anzukämpfen. Also sitzen wir weiter jeden Dienstag im ranzigen Musiksaal, entwerfen ein Stück, für eine Zukunft, die höchst zweifelhaft ist, während draußen die Blaulichter flackern.

Tortuga (Update 16)

Oder: die Rückkehr zum Du

von Rainer-Maria Stiftelvischer

Unprofessionell und mit Hobbytechnik eingelesen von mir, mit Brüchen, Stockern, Akzent und Hasplern. Aber original. Sehr verschroben. Lustig gemeint.

T A U W E T T E R
F L U S S T Ä L E R
W Ä R M E Q U E L L E
W I N T E R S O N N E
S Ü D S T A U
H E C K E N R E I H E N
A B E N D W I E S E N (Das „Establishment“ im vorletzten Absatz ist natürlich ein „Etablissement“ …)
G I S C H T Z O N E
B R A N D U N G S Z O N E
S E T Z L I N G S F E L D E R
M O R G E N S T R A N D
S P A R G E L T R E I B E N
H O C H D R U C K S C H N E I S E
B I E N E N Z E I T
P A L M E N G A R T E N
W O L K E N S C H A T T E N
S C H A F S K Ä L T E
Z I M T I N S E L N

Dialog mit dem Alghorithmus (Update 2)

Der dritte Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

oder sollte ich jetzt „liebes Telefónica-Germany-Team“ schreiben? Immerhin kennen wir uns jetzt schon eine ganze Zeit, wir haben eine Weile nett geplaudert. Nun ja, es war recht einseitig, die Redeanteile ungleich verteilt, aber irgendwie möchte ich mir einreden, dass ich Ihnen ein wenig nähergekommen bin.

Also dann mal ganz leger „hallo“ von mir.

Haben Sie eigentlich auch schon mal auf das 35. Foto einer Paella aus dem Urlaubrestaurant irgendwelcher Freunde gestarrt? Auf das xte witzig geschminkte Kind, an dessen Namen Sie sich eigentlich gar nicht mehr so recht erinnern können? Auf das vermeintlich amüsante Video vom Familienhund, der seinen eigenen Schwanz jagt? Manche Menschen verschicken mit ihrem Smartphone einfach alles, was in ihrem bei Licht betrachteten öden Leben irgendwie präsentabel wirkt, so unendlich gewöhnlich es auch ist. Man traut sich aber nie zu sagen: Bitte schick mir keine scheiß Fotos von deinem Blick vom Hotel mehr. Aus Nettigkeit. Geht’s Ihnen auch so?

Sie, also Ihre Firma, also auch Sie, der Sie vermutlich ein winziges Stück Code-Sequenz in einem massigen Skript sind, haben mir dazu verholfen, dass ich fast einen ganzen Monat all diese Selfies, weitergeleitete Ralf-Rute-Gag-Bildchen, lustigen da-dubbed-jemand-Star-Trek-mit-hessischer-Mundart-Videos nicht empfangen habe. Irgendwie haben Sie mir also ein unfreiwilliges Stück Handy-Fasten auferlegt, immerhin ein absoluter Mode-Trend der letzten Jahre, durchaus mit heilsamen Tendenzen, wie ich fand. Ich habe gelernt, dass die wirklich wichtigen Leute noch auf dem Festnetz anrufen (also die, denen ich auch wichtig bin), und dass der Rest der Whats-Apper-Nation irgendwie im Leben gar nicht so richtig fehlt.

Natürlich haben Sie das nicht aus therapeutischer Weisheit mit mir veranstaltet, sondern aus … wissen Sie eventuell gerade ein gutes Synonym für „Inkompetenz?“ Oder „Missorganisation?“ Ich bin ja um Worte manchmal nicht verlegen, aber dazu fällt mir jetzt grad nichts mehr ein.

Na ja, Sie wissen, was ich Ihnen sagen will.

Denn, bei aller Dankbarkeit für die Abkoppelung vom Netz, durch das Unvermögen, innerhalb eines erwartbaren Zeitraums eine SIM-Karte zu ersetzen, haben Sie mir auch noch andere, weniger angenehme Dinge beigebracht. Dass ich ohne Handy praktisch keine Überweisung mehr tätigen kann, außer ich gehe auf die Bank und zahle für Papier extra Gebüren. Oder dass keine Geschichte aus Schilda, kein brandtsches Narrenschiff, keine simplicistisches Possenstück auch nur annähernd erahnen lassen kann, wie Sie als Telefónica Germany so funktionieren. Oder halt auch nicht.

Na sei’s drum. Seit einer Woche bin ich wieder im Netz, und die Aktivierung der neuen SIM-Karte hat auch nur zu drei Sackgassen geführt und vier Stunden gedauert. Ich bin wohl selbst schuld, dass ich die super-geheime vierstellige Aktivierungs-Pin für die Spezial-SIM-Aktivierungs-Hotline nicht parat hatte, sondern nur meine super-geheime fünfstellige Telefon-Hotline-Pin, meine Kundenummer, die letzten vier Ziffern meines Bankkontos und dass Sie eine der wenigen Hotlines betreiben, an deren Ende man mit einem Herzinfarkt todesröchelnd liegen könnte, und der Computer würde den Anruf einfach kommentarlos abbrechen, ohne dass da mal einer nachfragt, was da los ist. Man kann die SIM übrigens auch über ihr geniales Online-Kunden-Portal aktivieren, allerdings nur, wenn man eine SMS empfangen kann. Das fand ich schade, da fingen Sie an sich in Ihren grotesken Gedankenschleifen zu wiederholen. Bis zu dem Zeitpunkt waren Sie wenigstens nicht langweilig. Und ich musste nur etwa 17-mal meine Handy-Nummer genervt in einen Hörer rotzen, bis ich einen Menschen sprechen könnte.

Top-Tipp: man kann seine SIM auch über die normale Hotline aktivieren lassen, aber das schreiben Sie nirgendwo hin, Sie Fuchs Sie.

Gut, ich bin wieder mobil online. Ich erkenne hiermit Ihr beharrliches Schweigen als Schuldeingeständnis an. Oder als Überforderung. Oder als Versuch, als komplettes Akronym dazustehen. Ich will eigentlich jetzt nicht „Akronym“ schreiben, aber ich bin ein höflicher Typ.

Aber nicht so höflich, dass ich Ihnen dankbar sein kann. Au contraire, mon frère. Sie haben mich mehr geärgert, als der Bundestagswahlkampf, und da waren immerhin Laschet, Scheuer und Merz als schwere Kaliber der Hirnrindenschmerzen unterwegs, aber die wischen Sie locker vom Schlachtfeld.

Na, stolz? Hoffentlich nicht.

Vielleicht gelingt es irgendeinem Menschen bei Ihnen ja doch noch, mir in angemessener Weise zu antworten. Nehmen Sie’s einfach als sportliche Duellforderung, aus Selbstrespekt. Immer nur einstecken und still halten müssen ist auf Dauer nicht gut. So bin ich auch zum Schreiben gekommen. Als Kunden haben Sie mich bei nächster Gelegenheit ohnehin los, vielleicht überdenke ich ja alles, wenn Sie ihr Verhalten an mich anpassen. Na, geködert?

Auch egal. Aus guter alter Tradition schicke ich diese E-Mail an ihre längst still gelegte Support-Adresse, drucke Sie nach dem Bouncen aus und lasse Sie ihnen per Brief zukommen, für die Mitarbeiter-Pinwand neben dem Brühautomaten. Man kann das auch noch mal in bunt lesen, falls die letzten Briefe verschütt gegangen sind – wie so einiges, wie so einiges – und zwar unter: http://www.einjahrraus.org.

Fuck, wir hatten fast so was wie eine Beziehung.

Mit Grüßen irgendeiner Gefühlslage ihrer Wahl

Achim Vetter, 6032003776

Der zweite Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

machen Sie sich manchmal Gedanken über Digitalisierung? Ich meine, was für eine Frage, schließlich sind Sie ja ein Telekommunikationsunternehmen und Internetprovider. Aber, so ernsthaft? Auch und vor allem über die crazy Seite der digitalen Arbeitsprozesse? Ja?

Vor einer Woche habe ich Ihnen zum ersten Mal geschrieben. Ich habe eine E-Mail verschickt, Sie nach dem Bouncen ausgedruckt und per Brief nach München weitergeleitet. Heute mache ich das wieder so. Warum ich mir diese absurde Mühe mache? Ich glaube, sie ist ein ganz gutes Symbol für meine Erfahrungen mit Ihrem Unternehmen, die ausgedruckte Email ist ja geradezu eine Art Meme für den Rückstand unserer Gesellschaft in digitalen Dingen. Womit ich auch schon wieder bei Ihnen wäre. Muss ich „Meme“ erklären? Einfach melden, ich versuch’s.

Geantwortet haben Sie mir noch nicht. Dabei habe ich Ihnen E-Mail, Festnetz und Postanschrift hinterlassen. Gerne hätte ich auch eine Mobilnummer angegeben, aber wenn Sie meinen Vorgängereintrag gelesen haben, dann wissen Sie, warum das eine böse ironische Anspielung ist.

Vielleicht antworten Sie mir auch nicht, weil Sie mit dieser Art der Kommunikation nicht besonders gut klarkommen. Sie bewegt sich außerhalb geschäftlicher Gepflogenheiten, ist nicht besonders seriös, und sehen Sie, auch darin sehe ich wiederum eine gelungene symbolische Ebene für die Behandlung von blau.de

Warum schreibe ich denn Ihnen schon wieder, hinein in eine stumme, anonyme Masse von Konzern, die sich nicht zu Mucksen traut? Nun ja, heute habe ich mich, trotz mittlerweile entstandenem aversivem Reiz, wieder dazu bemüßigt gefühlt, die blau.de-hotline anzurufen. Wieder finden Sie im ersten E-Mail-Brief dazu mehr Details.

Heute habe ich mich entschlossen, Ihrem Computer gar nichts zu sagen sondern den Hörer so lange einfach neben mich auf den Schreibtisch zu legen, bis sich jemand meldet. Spannend, der Computer liest mir dann die Datenschutzrichtlinien Ihres Unternehmens vor, aber alles in allem dauerte es nicht länger, bis sich der erste Mensch meldete. Uffz, immer ein schönes Gefühl, wenn man den Algorithmus hinter sich gelassen hat.

Geht’s Ihnen privat genauso?

Ich wünsche mir gerade, ich könnte Ihre Reaktionen beim Lesen meines Briefes an Sie sehen, das Gesicht von dem Menschen, der ihn als erstes öffnet. Irgendwo muss er ja letztendlich immer zum Vorschein kommen, der echte Mensch, oder?

Zurück zu meinem Anruf. Am Freitag den 03.09. hatten Sie mir versprochen, mir eine neue Telefonpin zu senden, damit ich eine neue SIM-Karte bestellen kann, und zwar bis zum 06.09., was sich nicht bewahrheitet hatte, weshalb ich am 07.09. noch einmal anrief, worauf mir versprochen wurde, bis zum 10.09. sei der PIN aber da, was sich nicht bewahrheitete, worauf ich heute wieder anrief. Crazy? Schon, oder?

Vielleicht ist das Problem, das ein digitales System kein Schreiben in einen Umschlag schieben kann.

Tatsächlich war der heutige Mitarbeiter am Telefon sehr freundlich und hilfsbereit. Zum ersten Mal bei blau.de. Halten Sie sich fest: In Ihrem System ist meine Adresse falsch hinterlegt – falsche Hausnummer – obwohl auf dem Anschreiben von 2012 noch die richtige Adresse steht.

An die falsche Adresse ist laut Ihrem Mitarbeiter tatsächlich am 10.09. ein Schreiben versendet worden. Moment mal blau.de – am 10.09.?!? Heißt das, ihr erster unverschämter Mitarbeiter vom 03.09. hat mich angelogen? Einen Kunden?

Entscheiden Sie selbst.

Nun also ist die richtige Hausnummer bei Ihnen eingepflegt, und weil ich es tatsächlich geschafft habe, das Begrüßungsschreiben von 2012 doch noch zu entdecken – damals noch abgeschickt aus Greifswald, erinnern Sie sich noch an die Zeit, blau.de? – konnte ich mich legitimieren und eine neue SIM-Karte bestellen.

Und jetzt kommt’s: Nach einer Adressänderung sind Sie nicht in der Lage zwei Wochen lang einen Brief zu verschicken.

Lesen Sie den Satz ruhig nochmal. Ich konnt’s auch nicht glauben.

Also dauert es stand heute bis mindestens Ende September, bis Sie in der Lage sind, mir eine Ersatzkarte zukommen zu lassen, wegen System und so. Kennen Sie den Spruch, Digitalität mache alles einfacher und schneller? Ja? Und, glauben Sie ihn noch? Sie als zentraler Player auf dem deutschen Onlinemarkt? Einmal ehrlich sein, kommen Sie!

Beim Daimler müssen sie gerade alle Einstellungen für ein Vierteljahr ruhen lassen, wegen Softwareumstellung. System und so.

Somit bin ich also, aufgrund Ihrer Prozessstrukturen, ziemlich genau einen Monat ohne mobile Konnektivität. Und es wird noch besser: Dass Sie mir für diesen Monat ohne Smartphone nichts berechnen, das hat der nette Herr jetzt beantragt. Ob es durchkommt, kann er nicht sagen.

Bitte nich.

Kennen Sie übrigens Ulf Poschardt? Wenn ja, dann haben Sie evtl. die Anspielung auf ein bekanntes Twitter-Meme verstanden und verstehen jetzt auch noch viel mehr von dem, was ich damit sagen will.

Machen kann ich ja eh nichts, also mache ich das Beste daraus. Ich lerne ohne Handy zu leben. Neulich stand ich an einer Münztelefonsäule, und Sie werden lachen: Die funktionieren noch. ich wünschte, ich könnte von Telefonica Germany dasselbe behaupten, ich kenne vor 100 Jahren versenkte Schlachtschiffe, auf denen sich noch mehr bewegt, als in Ihrem System. Und ich nutze dankbar die Gespräche mit Ihrem Support als kostenlosen Content-Generator für meine Online-Präsenz. Als nicht Betroffener ist die Posse vielleicht ganz hübsch zu lesen. Gibt sogar mehr Klicks, als das übliche Zeugs über den Ersten Weltkrieg und über die Schule, das ich so blogge. Win-Win-Situation oder Loose-Loose? Entscheiden Sie auch das selbst.

Nun ja, für heute ende ich, lieber unbekannter Mensch bei Telefonica Germany. Aber ich schätze, ich schreibe Ihnen wieder, auch wenn Sie eine totenstumme Wand ohne Regung bleiben werden, einfach, damit ich selbst nicht diesem Zustand zustimme.

Haben Sie eigentlich seit dem letzten E-Mail-Brief sich mal mit Kafka auseinandergesetzt? Wenn Sie nicht über meine SIM-Karte und den Monat, den Sie als Unternehmen brauchen, um einen Vorgang abzuschließen, sprechen möchten, dann vielleicht über Kafka? Ich mag diesen Autor gerne, außer ich stelle fest, dass ich in einer seiner ungesunden Fantasien leben muss.

Oder Sie erzählen mir sonst irgendwas. Geben Sie sich einen Ruck, treten Sie ein in eine Kommunikation, durchbrechen Sie Ihren Autismus, den Sie eventuell mit Professionalität verwechseln. Auf dem Totenbett wird es uns allen irgendwann einmal scheißegal sein, ob uns unser Arbeitgeber professionell fand oder nicht.

Wie immer können alle dieses Schreiben auch auf meinem Blog unter http://www.einjahrraus.org nachlesen. Dann müssen Sie den Zettel nicht kopieren und rumschicken, sondern können einfach den Link in Ihrem Konzern verteilen. Aber vielleicht ist Ihnen das auch ein bisschen zu schnell und zu digital für das Jahr 2021.

Es grüßt Sie unbekannterweise

Achim Vetter, 6032003776

P.S.: Verlieren Sie nie Ihr Smartphone. Nie.

Der erste Brief:

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?

Dialog mit dem Alghorithmus (Update 1)

Der zweite Brief

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

machen Sie sich manchmal Gedanken über Digitalisierung? Ich meine, was für eine Frage, schließlich sind Sie ja ein Telekommunikationsunternehmen und Internetprovider. Aber, so ernsthaft? Auch und vor allem über die crazy Seite der digitalen Arbeitsprozesse? Ja?

Vor einer Woche habe ich Ihnen zum ersten Mal geschrieben. Ich habe eine E-Mail verschickt, Sie nach dem Bouncen ausgedruckt und per Brief nach München weitergeleitet. Heute mache ich das wieder so. Warum ich mir diese absurde Mühe mache? Ich glaube, sie ist ein ganz gutes Symbol für meine Erfahrungen mit Ihrem Unternehmen, die ausgedruckte Email ist ja geradezu eine Art Meme für den Rückstand unserer Gesellschaft in digitalen Dingen. Womit ich auch schon wieder bei Ihnen wäre. Muss ich „Meme“ erklären? Einfach melden, ich versuch’s.

Geantwortet haben Sie mir noch nicht. Dabei habe ich Ihnen E-Mail, Festnetz und Postanschrift hinterlassen. Gerne hätte ich auch eine Mobilnummer angegeben, aber wenn Sie meinen Vorgängereintrag gelesen haben, dann wissen Sie, warum das eine böse ironische Anspielung ist.

Vielleicht antworten Sie mir auch nicht, weil Sie mit dieser Art der Kommunikation nicht besonders gut klarkommen. Sie bewegt sich außerhalb geschäftlicher Gepflogenheiten, ist nicht besonders seriös, und sehen Sie, auch darin sehe ich wiederum eine gelungene symbolische Ebene für die Behandlung von blau.de

Warum schreibe ich denn Ihnen schon wieder, hinein in eine stumme, anonyme Masse von Konzern, die sich nicht zu Mucksen traut? Nun ja, heute habe ich mich, trotz mittlerweile entstandenem aversivem Reiz, wieder dazu bemüßigt gefühlt, die blau.de-hotline anzurufen. Wieder finden Sie im ersten E-Mail-Brief dazu mehr Details.

Heute habe ich mich entschlossen, Ihrem Computer gar nichts zu sagen sondern den Hörer so lange einfach neben mich auf den Schreibtisch zu legen, bis sich jemand meldet. Spannend, der Computer liest mir dann die Datenschutzrichtlinien Ihres Unternehmens vor, aber alles in allem dauerte es nicht länger, bis sich der erste Mensch meldete. Uffz, immer ein schönes Gefühl, wenn man den Algorithmus hinter sich gelassen hat.

Geht’s Ihnen privat genauso?

Ich wünsche mir gerade, ich könnte Ihre Reaktionen beim Lesen meines Briefes an Sie sehen, das Gesicht von dem Menschen, der ihn als erstes öffnet. Irgendwo muss er ja letztendlich immer zum Vorschein kommen, der echte Mensch, oder?

Zurück zu meinem Anruf. Am Freitag den 03.09. hatten Sie mir versprochen, mir eine neue Telefonpin zu senden, damit ich eine neue SIM-Karte bestellen kann, und zwar bis zum 06.09., was sich nicht bewahrheitet hatte, weshalb ich am 07.09. noch einmal anrief, worauf mir versprochen wurde, bis zum 10.09. sei der PIN aber da, was sich nicht bewahrheitete, worauf ich heute wieder anrief. Crazy? Schon, oder?

Vielleicht ist das Problem, das ein digitales System kein Schreiben in einen Umschlag schieben kann.

Tatsächlich war der heutige Mitarbeiter am Telefon sehr freundlich und hilfsbereit. Zum ersten Mal bei blau.de. Halten Sie sich fest: In Ihrem System ist meine Adresse falsch hinterlegt – falsche Hausnummer – obwohl auf dem Anschreiben von 2012 noch die richtige Adresse steht.

An die falsche Adresse ist laut Ihrem Mitarbeiter tatsächlich am 10.09. ein Schreiben versendet worden. Moment mal blau.de – am 10.09.?!? Heißt das, ihr erster unverschämter Mitarbeiter vom 03.09. hat mich angelogen? Einen Kunden?

Entscheiden Sie selbst.

Nun also ist die richtige Hausnummer bei Ihnen eingepflegt, und weil ich es tatsächlich geschafft habe, das Begrüßungsschreiben von 2012 doch noch zu entdecken – damals noch abgeschickt aus Greifswald, erinnern Sie sich noch an die Zeit, blau.de? – konnte ich mich legitimieren und eine neue SIM-Karte bestellen.

Und jetzt kommt’s: Nach einer Adressänderung sind Sie nicht in der Lage zwei Wochen lang einen Brief zu verschicken.

Lesen Sie den Satz ruhig nochmal. Ich konnt’s auch nicht glauben.

Also dauert es stand heute bis mindestens Ende September, bis Sie in der Lage sind, mir eine Ersatzkarte zukommen zu lassen, wegen System und so. Kennen Sie den Spruch, Digitalität mache alles einfacher und schneller? Ja? Und, glauben Sie ihn noch? Sie als zentraler Player auf dem deutschen Onlinemarkt? Einmal ehrlich sein, kommen Sie!

Beim Daimler müssen sie gerade alle Einstellungen für ein Vierteljahr ruhen lassen, wegen Softwareumstellung. System und so.

Somit bin ich also, aufgrund Ihrer Prozessstrukturen, ziemlich genau einen Monat ohne mobile Konnektivität. Und es wird noch besser: Dass Sie mir für diesen Monat ohne Smartphone nichts berechnen, das hat der nette Herr jetzt beantragt. Ob es durchkommt, kann er nicht sagen.

Bitte nich.

Kennen Sie übrigens Ulf Poschardt? Wenn ja, dann haben Sie evtl. die Anspielung auf ein bekanntes Twitter-Meme verstanden und verstehen jetzt auch noch viel mehr von dem, was ich damit sagen will.

Machen kann ich ja eh nichts, also mache ich das Beste daraus. Ich lerne ohne Handy zu leben. Neulich stand ich an einer Münztelefonsäule, und Sie werden lachen: Die funktionieren noch. ich wünschte, ich könnte von Telefonica Germany dasselbe behaupten, ich kenne vor 100 Jahren versenkte Schlachtschiffe, auf denen sich noch mehr bewegt, als in Ihrem System. Und ich nutze dankbar die Gespräche mit Ihrem Support als kostenlosen Content-Generator für meine Online-Präsenz. Als nicht Betroffener ist die Posse vielleicht ganz hübsch zu lesen. Gibt sogar mehr Klicks, als das übliche Zeugs über den Ersten Weltkrieg und über die Schule, das ich so blogge. Win-Win-Situation oder Loose-Loose? Entscheiden Sie auch das selbst.

Nun ja, für heute ende ich, lieber unbekannter Mensch bei Telefonica Germany. Aber ich schätze, ich schreibe Ihnen wieder, auch wenn Sie eine totenstumme Wand ohne Regung bleiben werden, einfach, damit ich selbst nicht diesem Zustand zustimme.

Haben Sie eigentlich seit dem letzten E-Mail-Brief sich mal mit Kafka auseinandergesetzt? Wenn Sie nicht über meine SIM-Karte und den Monat, den Sie als Unternehmen brauchen, um einen Vorgang abzuschließen, sprechen möchten, dann vielleicht über Kafka? Ich mag diesen Autor gerne, außer ich stelle fest, dass ich in einer seiner ungesunden Fantasien leben muss.

Oder Sie erzählen mir sonst irgendwas. Geben Sie sich einen Ruck, treten Sie ein in eine Kommunikation, durchbrechen Sie Ihren Autismus, den Sie eventuell mit Professionalität verwechseln. Auf dem Totenbett wird es uns allen irgendwann einmal scheißegal sein, ob uns unser Arbeitgeber professionell fand oder nicht.

Wie immer können alle dieses Schreiben auch auf meinem Blog unter http://www.einjahrraus.org nachlesen. Dann müssen Sie den Zettel nicht kopieren und rumschicken, sondern können einfach den Link in Ihrem Konzern verteilen. Aber vielleicht ist Ihnen das auch ein bisschen zu schnell und zu digital für das Jahr 2021.

Es grüßt Sie unbekannterweise

Achim Vetter, 6032003776

P.S.: Verlieren Sie nie Ihr Smartphone. Nie.

Der erste Brief:

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?

Dialog mit dem Alghorithmus

An: service@blau.de

Betreff: Vertragskonto 6032003776; Unendliche Verwaltungszeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

da ich auf ihrem Webauftritt keine Beschwerdestelle finden konnte, richte ich mein Anliegen direkt an die Impressumadresse mit Bitte um Weiterleitung.

Die kurze Vorgeschichte:

Am Freitag, den 03. September 2021 habe ich mein Handy im Wald verloren.

Die lange Folgegeschichte mit Ihrem Unternehmen, bis jetzt ohne Abschluss:

Die Sperrung meiner verlustigten SIM-Karte ging am folgenden frühen Abend problemlos mit meiner Rufnummer und meinem Geburtsdatum.

Der folgende Anruf bei Ihrer Hotline zur Neubestellung meiner SIM-Karte war mit der unerfreulichste, die ich je mit einem Kundenberater hatte. Das lag nicht daran, dass er mir nicht helfen konnte, sondern an seinem aggressiven Kommunikationsverhalten mit grußlosem Auflegen mitten im Gespräch. Ich würde als Kunde nicht so mit meinem Vertragsanbieter umgehen, aber umgekehrt ..? Echt jetzt?

Hintergrund unseres Dissens: Vor fünf Jahren müssen Sie mir irgendwann einmal eine 4-stellige Hotline-Pin zugeschickt haben, bei Vertragsabschluss. Das Schreiben ist in meinen Unterlagen nicht aufzufinden, aber sie sind sich sicher, dass es damals passiert sein muss. Nur wenn ich diese Pin aufsagen kann, können Sie mir im Gegenzug eine Ersatz-SIM-Karte an meine Adresse schicken lassen. Aber Sie können jederzeit an genau die selbe Adresse eine neue, geheime, persönliche Telefon-Service-Pin schicken, nur eben ohne Karte.

Der unverschämte Mitarbeiter Ihrer Firma sagte mir am 03.09. die neue Pin wäre innerhalb zweier Tage da. Dann könnte ich einen zweiten Brief mit einer neuen SIM-Karte bestellen.

Am 07.09.2021 hänge ich wieder in Ihrer Warteschleife, denn es kam nie ein Brief. Der neue, etwas freundlichere Mitarbeiter sagt, der Brief sei abgeschickt worden, er käme spätestens am Freitag an, also am 10.09. in Stuttgart an. Dann könne ich einen SIM-Karten-Ersatz bestellen.

Bin ich übermisstrauisch, wenn ich mich frage, warum die Deutsche Post plötzlich Transportzeiten von 7 Tagen hat? Hatte da Weselsky seine Hände im Spiel?

Schneller wäre es natürlich über mein Kundenkonto gegangen, aber auch das habe ich fünf Jahre nicht genutzt – wozu auch, Sie buchten pünktlich ab – und ein Konto anlegen kann ich nur über eine Bestätigungs-SMS, aber mein Handy ist am 03.04. ja gestorben, so dass ich keine SMS mehr empfangen kann, vielleicht noch über sehr lange Zeit nicht, wegen blau.de -also ja im Grunde Telefonica Germany aka O2 – und der fehlenden Hotline-Pin.

Kennen Sie Franz Kafka?

Nun bin ich also nicht sehr optimistisch, bis Freitag tatsächlich postalisch etwas von Ihnen zu hören. Ohnehin bin ich ehrlich gesagt, und das wird sich auch in den vorhergegangenen Sätzen nicht ganz verhehlen lassen, wenn Sie aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, etwas von meiner Behandlung als langjähriger Kunde enttäuscht.

Falls diese Zeilen jemals ein echter Mensch im biologischen Sinne liest.

Jetzt frage ich Sie: Was können Sie als Service tun, um mich als Kunde wieder zufrieden zu stimmen? Im Moment wollen Sie nämlich nicht wissen, wie viele Sterne von fünf Sie auf meiner Alltime-List noch bekommen würden.

Falls Sie diese Email verlegen sollten ist Sie auf jeden Fall auch auf meinem Blog (https://einjahrraus.org) öffentlich einsehbar.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ich jemals wieder von blau.de höre. Also in dieser Sache, die Abbuchung klappt sicher weiter zuverlässig.

Mit besten Grüßen

6032003776
(Achim Vetter)

Oh, es kam ja schon eine Antwort:

Kennen Sie Kafka?