Hervorgehoben

Nun, ich habe eine Website.

Update, 18.11.2019

Etwas weniger als ein halbes Jahr läuft jetzt mein Blog. Er ist technisch noch immer laienhaft, aber er tut das, was ich mir versprach: Er fasst meine Erlebnisse in diesem Auszeitjahr zusammen und bietet mir eine Plattform, Dinge zu dokumentieren und Ideen und Gedanken zu verschriftlichen.

Ob du selbst als Lehrer*in mit Sabbatical-Plänen nach Erfahrungsberichten suchst, ob du hier reingestolpert bist oder ob du mich persönlich kennst und gerade wissen möchtest, wo Achim steckt und was er treibt: Fühl dich eingeladen hier zu lesen. Wenn du’s gut findest, dann like es, sobald du online aktiv bist wirst du leider geil auf Clicks. Wenn du es noch besser oder ganz schrecklich findest, dann kommentiere es.

Inzwischen im Freistellungsjahr angekommen kann ich folgendes Zwischenfazit ziehen: Die beste Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe. Denn das eigene Leben ist tatsächlich ein sehr, sehr schöner Ort. Man neigt nur dazu, ihn im Alltag zu vergessen.

Originalpost, 20.07.2019

Eigentlich möchte ich dokumentieren, was mir dieses Jahr bringt.

Im Moment sitze ich aber eher da und versuche mich in die Gestaltung dieses Blogs einzulernen. Irgendwie ziemlich sperrig, und ich stehe ganz am Anfang. Im Grunde schreibe ich diesen Eintrag nur, weil mir das Tutorial hier vorschlägt, ich solle meinen ersten Blog-Content nun schreiben.

Und dabei hat mein Sabbathjahr noch gar nicht angefangen. Es ist einfach nur ein verdammt schwüler Juli-Sonntag,

Da ist er wieder, der ewigwährende Zwiespalt: Eigentlich strebt Mann (Mitte Vierzig, bindungslos, wills noch mal wissen) nach Selbstbestimmung und Selbstentfaltung, und stellt dann fest, dass er Dinge tut, weil es ihm eine Software empfiehlt.

Ob ich aus dieser Falle noch einmal entwischen kann? Erste Befürchtungen machen sich breit, zum Beispiel die: Ich sauge mir einen Text aus den Fingern, und mit einem Klick ist alles weg.

Es hilft nichts, Mann-der-es-wissen-will. Du musst es nun wagen abzuspeichern.

Tortuga (Update 12)

Oder: die Rückkehr zum Du

von Rainer-Maria Stiftelvischer

Unprofessionell und mit Hobbytechnik eingelesen von mir, mit Brüchen, Stockern, Akzent und Hasplern. Aber original. Sehr verschroben. Lustig gemeint.

T A U W E T T E R
F L U S S T Ä L E R
W Ä R M E Q U E L L E
W I N T E R S O N N E
S Ü D S T A U
H E C K E N R E I H E N
A B E N D W I E S E N (Das „Establishment“ im vorletzten Absatz ist natürlich ein „Etablissement“ …)
G I S C H T Z O N E
B R A N D U N G S Z O N E
S E T Z L I N G S F E L D E R
M O R G E N S T R A N D
S P A R G E L T R E I B E N
H O C H D R U C K S C H N E I S E
B I E N E N Z E I T

Zerbrochen

Es ist etwas zerbrochen in den letzten Wochen. Etwas, das schon sehr alt ist und das nicht so schnell zu reparieren sein wird. Etwas, das lange Jahre einfach zuverlässig jeden Tag funktioniert hat, das so notwendig zum Bewältigen des Alltags war, dass man seine Endlichkeit, die Möglichkeit, dass es eines Tages seinen Geist aufgeben würde, nicht einmal für erwägenswürdig hielt.

Ich rede von meinem Vertrauen in unser Gesellschaftssystem.

Szenenwechsel. Die Sonne lacht aus einem dunkelblauen Poesiehimmel als ich auf die Stuttgarter Liederhalle zusteuere. Es ist eine Woche zuvor, und ich gehe mit einer Mischung aus Vorfreude und schlechtem Gewissen. Ich habe in 30 Minuten einen Impftermin, und ich freue mich, weil ich ein kleines Stück Schutz vor dem Irrsinn unseres Systems erhoffe und ich schäme mich, weil ich vor meiner 70-jährigen Mutter den goldenen Schuss erhalten soll. Man hat die Liste für Lehrer*Innen in Baden-Württemberg geöffnet. Oha, überraschendes Verantwortungsgefühl meiner Dienstherrin? Nein. Der Astrazeneca-Impfstoff erwies sich als Ladenhüter und machte die Lagerräume voll, also Liste auf. Am Haupteingang ein mit Tesa angeklebter Druckerzettel, Zugang zum Impfzentrum um die Ecke. Könnte eine große Metapher für den Zustand des Systems Deutschland sein.

Ich wuchs auf im treuen Glauben an das glanzvolle Abendland. Der kapitalistische Westen hatte 1945 die Welt von der Geisel des Faschismus befreit, in einer beeindruckenden Demonstration von Schlagkraft und Stärke. Als ich 16 war fiel die Mauer und darüber hinaus der gesamte sogenannte sozialistische Ostblock. Wir Kapitalisten müssen gar nicht mit Krieg kommen, wir können totalitäre Diktaturen auch einfach aushungern und leistungsmäßig übertrumpfen, bis sie die weiße Fahne schwenken. So stark sind wir. So stark waren wir. Unser System, aufbauend auf den Ideen des Humanismus und der philosophischen Gedankenwelt des 18. und 19. Jahrhundert, zeigte sich überdeutlich anderen Konstrukten als überlegen.

Wir zahlen dafür ja auch einen Preis. Echte Gerechtigkeit sucht man im Westen oft vergebens, weil Geld die Moral hier immer aussticht. Wer nicht von Geburt an begünstigt ist, hat nur eine minimale Chance durch Intelligenz oder Leistung in die Riege der Elite aufzusteigen. Wir diskriminieren Frauen, Nichtweiße (und zu viele andere Marginalisierte, als dass dieser Absatz sie fassen könnte) unter dem Argument, dass sich eine gerechte Welt finanziell nicht lohnt. Wir zerstören den Planeten, weil die Jahresbilanz der Firma morgen wichtiger ist als die Zukunft der Kinder in der nächsten Woche. Aber im Vergleich zu Kommunismus und Faschismus sind wir eine A+++-Veranstaltung, für den Preis erhält man auch eine adäquate Leistung.

Oder? Oder? Oder nicht?

Wann haben wir angefangen, Menschen im Mittelmeer lieber ersaufen zu lassen, oder sie in Lagern auf dem Stand der 1920er-Jahre verrotten zu lassen, bevor sie neben uns am Grill voll Schnitzel und Smoked Chicken hocken?

Das Impfzentrum ist heute voller Lehrer*Innen, man erkennt das sofort an Kleidung, Frisur und Verhalten. Am Empfang, an dem meine Berechtigung und meine Dokumente geprüft werden, komme ich mir eher vor, als würde ich mich auf einem großen Medizinerkongress anmelden, was lustig ist, denn ich war ja noch nie auf einem. Man ist tatsächlich im Impfzentrum gut organisiert. Von Station zu Station werde ich mittels eines QR-Codes weitergereicht, das Ganze macht auf mich den Eindruck einer gut geölten Maschine. Ein netter Arzt führt mit mir ein kleines Anamnesegespräch, irgendwelche Allergien, ah so, nehmen Sie Abends bei Beschwerden eine Paracetamol oder Ibu. Dann sitze ich auch schon auf einem Stuhl vor etwas, das aussieht wie eine Reihe geräumiger Umkleidekabinen bei H&M.

Warum funktioniert das Große und Ganze trotz dieser durchaus positiven Eindrücke von der Impffront für mich nicht mehr? Versuch einer Erklärung. Die Corona-Krise ist die erste größere Staats- und Gesundheitskrise der BRD seit Gründung. Gut, es gab den Terror der RAF, es gab Tschernobyl, es gab die Ölkrise, aber im Vergleich dazu wie weitgehend Leben und Alltag der Bewohner*Innen Europas betroffen und bedroht sind, waren diese historischen Krisen „Kriselchen“, die Wenige unmittelbar betrafen und ausgewählte Einzelne erwischten. Man bedenke einmal, die RAF hätte innerhalb eines Jahres über 70.000 Menschen ermordet.

Nur so zum Vergleich.

Selbst meinen alten Impfpass habe ich wiedergefunden, der mich nun fast schon mein gesamtes Leben begleitet. Der Pieks, den mir eine ebenso sympathische junge Ärztin verpasst, ist kaum zu spüren. Selbstoffenbarung: Ich und Nadeln, wir haben kein gutes Verhältnis. Normalerweise starre ich beim Thema Spritzen unverwandt und ernst in die Ferne, darum bemüht meine männliche Tapferkeit nicht einzubüßen. Aber diesen Pieks, den will ich mir ganz genau ansehen, denn in der klaren Flüssigkeit in der Kanüle schwimmt nicht nur der Impfstoff von Astrazeneca, es schwimmt die Verheißung darin, dass mein altes, glücklicheres Leben eines Tages zurückkehren wird. Heute sehe ich zu, wie das Zeug in meine Vene gedrückt wird. Denn nichts will ich gerade mehr, als dass mein altes glücklicheres Leben eines Tages zurückkehrt. Möglichst bald.

Und damit kommen wir zurück zu meinem Grundproblem.

Es ist die erste Krise, in der es notwendig wäre, dass die Verantwortungsträger und die gewählten Repräsentant*Innen unseres Systems alte, hohle Verhaltensrituale ablegen, die Lage erkennen und prioritär Maßnahmen einleiten, unter Bündelung aller vorhandener Ressourcen, die das Problem lösen. So, wie man in den 40ern das Problem mit Hitler gelöst hatte. Mit Erfolg. Denn dass unsere gewählten Vertreter*Innen ein ernstes Problem für uns lösen – das können wir v e r d a m m t n o c h e i n s von ihnen erwarten. Das ist der A+++-Deal mit dem Kapitalismus.

Nur: Wir haben inzwischen 12 Monate Pandemie und bis jetzt blieb diese Selbstermächtigung unseres ökonomisch-politischen Apparates aus. Aus meiner Sicht komplett. Daten zur Lage werden ignoriert, physikalische Messwerte als Verhandlungsmasse angesehen, so wie man eben ein Abschlusspapier eines Koalitionstreffens hin- und herformuliert, Energie fließt in Presseerklärungen und Wahlmanöver, die Ämter beschäftigten sich damit, möglichst viel business as usual zu sichern, der Föderalismus fällt zurück ins 18. Jahrhundert, Ressourcen werden dahin verteilt, wohin sie die politische Parteienlandschaft ideologisch schieben möchte, und nicht dahin, wo die Brände zu löschen wären. Oder, um mal jemand zu zitieren, der Dinge kürzer als ich auf den Punkt bringt:

Mir ist inzwischen egal, ob eigentlich der kleinkleine Föderalismus, die bockige Ministerpräsidentenkonferenz, die bizarre Bürokratie, die kaputtgesparte Infrastruktur, die ständige Angst vor dem Geschrei Rechter und Rechtsextremer, die völlige Fehleinschätzung des Pandemieverlaufs, das parteipolitische Getöse zum allerfalschesten Zeitpunkt, der kreischende Schuldenbremsengeiz der GroKo oder das jahrzehntelange deutsche Digitalisierungsdebakel hinter diesem pandemischen Staatsversagen steckt.“

So Sascha Lobo im Spiegel am 03. März.

Selbst die Programme, auf die man sich als politisch-administrative Klasse noch einigen konnte, scheitern mit Pauken und Trompeten, man steckt die Arbeit in großmäulige PR-Ankündigungen und spart sie danach offensichtlich an den Fachleuten, die Projekte verwirklichen können. Impfstoffproduktion- und Beschaffung, Digitale Strukturen, Schnelltests, Umbau der Schulen im Sinne den Infektionsschutzes – überall tritt der erschütternde Irrsinn zu Tage, der sich in der öffentlichen Behauptung, man hätte etwas erreicht / würde morgen etwas erreichen hervortut, der dann aber im Faktencheck des nächsten Morgens als völliges Verfehlung der gesteckten Ziele demaskiert wird. Und dann? Repeat. Und Repeat. Und Repeat. Ohne Leistungszuwachs.

Ich frage mich zur Zeit: Was würde passieren, wenn eine noch ernstere Krise diesen Staat treffen würde? Wenn es noch ernster um Leben, Gesundheit und Besitz der Bürger*Innen stünde? Würde dann ein Ruck durch diese Klasse gehen, würden sie dann anfangen, nicht mehr politisch sondern leistungsorientiert zu denken? In der Geschichte der letzten 30 Jahre war die rhetorische Nebelkerze immer mehr wert als die konkrete Messung der erbrachten Leistung im Amt. Kann es sein, dass Leute, die in diesem System nach oben gespült wurden, gar nicht anders mehr können, als Dinge nicht auf die Reihe zu kriegen? Hätte man nicht spätestens bei Andi Scheuer merken müssen, dass es nicht mehr um tatsächlich Erreichtes geht, sondern um das sich an der Macht halten durch farbenfrohes Geschwätz?

Das sich an der Macht halten durch farbenfrohes Geschwätz.

Ich bin nun geimpft und sitze noch dreißig Minuten in einem Beobachtungsraum herum. Hier in der Liederhalle war ich beim letzten Mal zu einem Konzert. Wanda rockte das Haus, und obwohl die Stuttgarter Liederhalle ein völlig unrockbarer Klassik-Bunker ist, gelang es Marco Michael Wanda und seinen Jungs das spätestens im zweiten Teil zu drehen, obwohl die winzige Theater-Bar für jede Konzertgänger*in nur ein kleines 0,3-Bierchen ausgeben konnte. Bei Wanda ein Angriff auf das Musikkonzept. Vorband: Voodoo Jürgens. Sehr geil. Jetzt sitze ich am selben Ort und lese mir die Informationen zu meinem Impfstoff durch. Der Sanitäter am Ausgang sieht nicht so aus, als würden hier viele Leute nach der Impfung umkippen, eher wirkt er gelangweilt.

Ich will mein altes Leben zurück.

Ich fürchte, dieses System ist an einem Punkt angekommen, an dem man einfach nichts mehr hinkriegt, so lange man sich an den alten Leitlinien aus der schwarz-gelben Ära orientiert. Und man kann sich nicht umorientieren, weil man diese Leitlinien als Lebensader der eigenen politischen Karriere versteht. Und sowieso nur alle gemeinsam den Paradigmenwechsel einleiten könnten, und die, die von der anderen Partei, die wollen garantiert nicht. Und die Mittel sind sowieso komplett verteilt, für Veränderungen sieht man da keine Spielräume. Unter dieser Brille ist es wurscht, ob in Baltrum ein Deich bricht, die Covid-19-Krise das Land in die Dauer-Depression stürzt, eine resistente Milzbrandversion innerhalb von Tagen Millionen Deutsche dahin rafft oder die rote Armee mit Panzern durch die Uckermark braust: Unser System – die westlich-kapitalistische parlamentarische Demokratie – , das einmal Hitler und Stalin geschlagen hat, wäre in jedem Katastrophenfall nur zu Symbolpolitik und Presseerklärungen fähig. Der alte Deal, der A+++-Vertrag funktioniert nicht mehr, sobald die PR-Fassade der letzten Jahre unter dem Eindruck einer realen schwierigen Situation einbricht. Dahinter: Inhaltsleere und Handlungsunfähigkeit.

Nur damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin durchaus noch in der Lage als Landesbeamter meinen Dienst zu versehen. Ich bin ein glühender Verfechter unseres Grundgesetzes. Ich halte die humanistisch-emanzipatorischen Ideen der Aufklärung für eine der größten Fortschrittsleistungen der Menschheit und beklage es zutiefst, dass sie im gesellschaftlichen Entscheidungsprozess nur noch eine marginalisierte Rolle einnehmen. Unsere Verfassung und die Ideen dahinter wären wunderbar dazu in der Lage, einen Staat aufzubauen, der ein leuchtendes Vorbild in der Menschheitsgeschichte werden könnte, davon bin ich ernsthaft überzeugt. Ich will mehr BRD. Viel mehr. Aber das Personal, das im Moment auf Spitzenposten in Politik, Staat und Wirtschaft landet, ist alt, verschlissen und nicht in der Lage, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts irgend etwas Belastbares entgegen zu setzen. Sie kommen mental aus der träge-lethargischen Helmut-Kohl-Phase, die wie eine Betondecke dieses Land noch immer fesselt, und die eine Gegenbewegung zur Grundidee unseres Staates war, eine sehr erfolgreiche. Selbst wenn nicht noch korrupte Unappetitlichkeiten dazu kommen, wie in den letzten Wochen, zeigt sich, dass wir nur noch wenig von diesen Protagonisten erwarten können, sobald auf uns Schwierigkeiten zukommen..

Ich könnte dieser Ordnung unserer Welt sogar die Korruption, die Ungerechtigkeiten, die Arroganz gegenüber dem Rest der Welt besser verzeihen, wenn es wenigstens die Scheiße in einer Krise gebacken bekäme. Wenigstens nach sechs Monaten Lernphase. Oder neun. Aber: nein. Stattdessen setzen wir Grenzwerte hoch, das ist einfacher als das Problem anzugehen.

Tiefblau.

Als ich aus dem Beobachtungsraum gehe, scheint ein strahlendblauer Himmel auf das weiße Studierenden-Hochhaus gegenüber der Liederhalle. Mein Oberarm ziept ein wenig. Vor der Halle riecht es nach Vorfrühling, als ich mich auf dem Weg zur S-Bahn mache. Aber er weckt keine neue Hoffnung in mir.

Zwischen Januar und März habe ich meinen Glauben verloren. Er ist zerbrochen unter dem unleugbaren Druck der Fakten des kollektiven Führungs-Versagens. Und ich fürchte, das ist noch mehr Leuten passiert als nur bei mir. Es wird für kommende Generationen von Verantwortungsträgern, die unsere heutige Machtelite möglichst schnell als Konsequenz dieser bleiernen Monate in den Ruhestand schicken mögen, ziemlich schwer sein, diese Enttäuschung zu heilen.

ON der langen LINE

Die erste Staffel ist geschafft, die komplette Phase von Weihnachten bis Fasching wurden bei uns per Online-Tool Schule gemacht. Morgens länger schlafen, mit der Kaffee-Tasse ans Diensttablet gehen (hat auch nur ein paar Jahre gedauert, bis ich es dem Chef aus den Rippen argumentiert hatte), den Klassencall aufmachen, in der Arbeitsphase Kaffee nachholen oder mal schnell die Spülmaschine aufmachen, nach Unterrichtsende instant nach Hause kommen; Gar nicht mehr nach Hause kommen, weil der Beruf in den Safespace streamt, sich überlegen, wie man das Tablet dreht, damit der Stapel Reisetaschen und Schlafsäcke auf meinem Schrank sich nicht ins Bild wurschtelt, immer gleich ein Popup kriegen, wenn irgend jemand irgend etwas auf dem Herzen hat, einfache Erreichbarkeit heißt ja auch niedrige Hemmschwelle Bullshit zu schreiben.

Vielleicht sollte ich meine Gedanken zum Online-Lernen einmal etwas strukturieren, oder?

Zunächst: Ich verweigere mich Begrifflichkeitskriegen. Für viele mag das ein lustiger Zeitvertreib sein, ich habe irgendwann nach dem Ref gemerkt, dass immer alle drei Jahre neue Leute nachdrängen, die den bisher Rumhängenden mit neu ausgedachten Worten klarmachen, dass sie es im Seminar jetzt echt gelehrt bekommen haben, wie man den new Shit hier reinbringt, bis nach drei Jahren Leute dazukommen, die eben diesen bis-dato-Träger*Innen der Moderne klarmachen, dass sie sich von Anfang an geirrt haben, was man an den von ihnen ausgedachten Worten erkennt, und deswegen in ihrer Tätigkeit an der Schule viel falsch gemacht hätten – kurz gesagt: In meinem Leben gibt es Wichtigeres zu tun als diesem Kommen und Gehen zu folgen. Distanz-Unterricht, Online-Schule, Digitales Lernen, Netz-Teaching, Telekolleg III, Fernlernen, videogestütztes Bildungsangebot – all the same for me. Ich glaube ich werde ganz im Gegenteil versuchen „das Ding“ möglichst farbenfroh und abwechslungsreich zu bezeichnen, alleine im Hinblick auf die Formulierungsschönheit.

Style vor Theorie.

Kurz zu „uns“: Ich arbeite an einer Verbundsschule, frühere Gesamtschule, die Gemeinschaftsschule, Realschule und Gymnasium unter einem Dach vereint. Dort unterrichte ich Deutsch und Geschichte am Gymnasium, momentan Klassenstufen zwischen 6 und 11. Meine Erfahrungen beziehen sich also nur auf diesen konkreten Bildungsrahmen.

Erste Erkenntnis: es funktioniert. Einigermaßen. Ich finde, allen Unkenrufen von Rechts zum Trotz kann man mittels eines Videochats und einer Datencloud ordentliche Bildungsangebote machen, den Lehrplan weiterführen und inhaltliche Ziele und Kompetenzerwerb bei Schüler*Innen erreichen. Es ist natürlich kein 100-%-Ersatz für das Klassenzimmer – alle, die das denken, glauben wohl auch, ein Musikvideo sei das selbe wie ein Live-Konzert. Die Progression verläuft zudem distanziert langsamer. Aber insgesamt kann man so Schule machen und könnte es auch weiter machen, wenn die Gesellschaft in der Ruhe vor der Dritten Welle nicht komplett die Nerven verlöre, was sie wahrscheinlich gerade tut.

Fazit 1: Online-Stunden funktionieren. Prinzipiell. Irgendwie.

Allerdings funktionieren sie je nach Klasse und nach Gruppenphilosophie unterschiedlich gut. Das hängt meiner Erfahrung nach nicht einmal von der Altersgruppe ab. Die Mär, dass Unterstufenkinder mit digitalen Kommunikationsmitteln nicht klarkämen und die Oberstufe quasi instant auf die Distanzschule umschwenken kann – in meinem begrenzten Horizontrahmen tatsächlich nichts mehr als eine Mär. Die 6er können mit Feuer und Flamme die spartanische Gesellschaft diskutieren und erlernen, das Dritte Reich stößt in Klasse 9 auch distanziert auf breites Interesse. Meine 10er in Deutsch – ein Jahr älter – loosen während des Calls ab, ihre schriftlichen Texte sind aber weiterhin ganz gelungen.

Viel heftiger als die allgemeine Altersstruktur wirken sich individuelle Faktoren auf die persönliche Lernleistung aus. Wer sich jetzt organisieren kann und schon in der Lage ist, für sich selbst zu arbeiten, der kommt gut weiter. Wer regelmäßig den Stiefel der Lehrer*In in den Arsch brauchte, um sich zu bewegen, dem wird das Versumpfen auf dem Fleck leider ziemlich leicht gemacht. Letztendlich bin ich nur noch ein zweidimensionales Video aus Farbe und Lautsprechersound und habe damit viel weniger Zugriff auf die Kids, als im Klassenzimmer. Man kann mich emotional wie eine Instagram-Story abhandeln, die man sich aus unerfindlichen Gründen ansehen muss. Immerhin: ganz wenige Fälle tauchen überhaupt nicht zum Unterricht auf, die auch nur in vereinzelten Stunden. Dabei ist Schwänzen so leicht wie nie zuvor, wer „technische Probleme mit dem Internet“ vorschützt, kann von Seiten der Schule nicht überprüft werden.

Ein Knackpunkt scheint für mich das zu sein, was wir im Kollegium als „Kameradisziplin“ bezeichnen: Der Quantor, wie viel Prozent der Klasse sich mit eingeschalteter Kamera beteiligen bzw. hinter einer schwarzen Kachel unsichtbar werden. Bei Klassen, die sich selbst ins Gesicht sehen können, läuft der Unterricht lebhafter, schneller und konzentrierter ab, „blinde“ Klassen bleiben zäh und ohne Biss. Paradoxerweise wird immer wieder geraten, die Kameras auszustellen um Bandbreite zu sparen – nun gut, welche Bildungsqualität die Sparschule bietet, merken wir ja nicht erst seit dem Arbeiten im (unterentwickelten) Datennetz.

Fazit 2: Der Erfolg von Unterrichtsstunden hängt stärker von den Schüler*Innen ab als früher.

In der Gestaltung der 90-Minuten-Blöcke haben Gespräche mit diversen Klassen ergeben, dass eine Sequenzierung mit Eingangsimpulsen, Stoffwiederholung auf der einen Seite, Aufgabenbearbeitung alleine oder in Breakouträumen (mit eher mehr Zeit als früher) und abschließende Lösungsvergleiche mit Diskussion der Ergebnisse von vielen als ganz angenehm empfunden werden. Aufgaben außerhalb des Stundenplans werden laut den Schüler*Innen zur Zeit zu viele gestellt. Insgesamt versuche ich, auch aus Arbeitsbelastungsgründen, eher meinen bisherigen, gut erprobten Unterricht zu digitalisieren als alles über neue Online-Tools unter nicht-europäischem Geschäftsrecht laufen zu lassen. Das Einbinden von Videoimpulsen ist viel einfacher geworden und nützlich. Bilder sind nun plötzlich farbig(!). Noch immer halte ich das Anlegen einer papiernen Materialsammlung als Grundlage zum selbstständigen Lernen für effektiver, als eine Ordnerstruktur in einer Cloud, auch weil unser Gehirn seit 2 Millionen Jahren dreidimensionale, nichtleuchtende Objekte nachhaltiger wahrnimmt als Bildschirme. Schlagt mich ruhig, Digitalisierungselite.

Natürlich kann man alles über Padlet, Wikis, die-neue-App-für-MacOS-für-nur-7-€-kauft-euch-die-bis-Montag machen. Aber ich bin überzeugt, dass das konkrete Medium weniger Einfluss auf den Lernerfolg hat, als inhaltliche Didaktisierungsentscheidungen der Lehrkraft. Allerdings, und da sind wir wieder bei Punkt 2: Wer das Material einfach auf der Cloud liegen lässt, zum späteren Durchklicken, der lernt eventuell weniger gut.

Fazit 3: Man kann seinen Unterricht ganz gut digitalisieren.

Und ja: es gibt Schattenseiten des E-Learnings, die auch allen aufgrund der Endlos-Diskussion um die Schulöffnungen sehr bewusst sind. Es stimmt: Wir verlieren Schüler*Innen, die aufgrund ihrer privaten Situation ohnehin in einer schlechteren Startkategorie stecken, als Elisabeth und Joshua aus dem Doppelverdiener-Ingenieurs-Ärztin-Haushalt im Neubaugebiet. Ihnen mangelt es an technischen Möglichkeiten, an Unterstützung und eventuell haben sie dazu noch Probleme in ihrem Umfeld, die sie vom Lernen abhalten.

Das ist richtig.

Aber: Diese Kinder waren euch immer scheißegal. Seit ich Lehrer bin, waren sie euch scheißegal, zumindest in allen Farben des Spektrums ab Sozialdemokratie aufwärts. Diese Schüler*Innen wurden auch im Präsenzunterricht gnadenlos abgehängt, die Klassenlehrer*Innen haben versucht etwas zu bewegen, eventuell noch die Schulsozialarbeit, aber darüber hinaus hat sie diese Gesellschaft schon seit jeher auf einen Müllhaufen des Vergessens geworfen, wenn sie es nicht aus eigener Kraft durch ihre Schulkarriere geschafft haben.

Es gibt in der derzeitigen Öffnungsdiskussion keinen verlogeneren Diskurs, als um die „sozial benachteiligten Kinder.“ Denn, so prophezeie ich, sie werden, wenn diese Krise einmal ausgestanden ist, wieder keinerlei Rolle für irgendwelche Entscheidungen spielen, so wie Kinder und Bildungswesen die vergangenen 20 Jahre außerhalb von Presse-Blabla keinerlei Wichtigkeit in Entscheidungsprozessen hatten.

Entschuldigung, wenn ich mich hier etwas in Rage rede, aber die Bigotterie der Kultusminister*Innen und die der Eltern von Joshua und Elisabeth macht mich tatsächlich ziemlich wütend. Und die tatsächlich betroffenen Schüler*Innen immer und immer wieder als Öffnungsargument heran zu ziehen, stellt letztendlich nur einen weiteren Missbrauch dieser Gruppen durch privilegierte Schichten dar, einen weiteren Missbrauch von vielen. Ok, komm runter.

Fazit 4: Wir verlieren Menschen. Vor allem aber auch auf der Intensivstation.

Ein weiterer Wehmutstropfen ist, dass mein Unterricht an Big-Data hängt – eine Entscheidung, die viele meiner Kolleg*Innen feiern („aber es funktioniert!“), die ich aber digitalpolitisch als Katastrophe begreife. Ich, als Teil des Staates, verkaufe jeden Tag die Daten unserer Bürger*Innen an einen US-Konzern, der seine dadurch wachsende Marktmacht nutzt, um alle Versuche, öffentliche Daten unter öffentliche Kontrolle zu stellen, immer schwieriger zu machen.

Aber davon abgesehen könnte das Distanzlernen so weitergehen, finde ich. Vor dem Hintergrund der sich abspielenden weltweiten Katastrophe scheint mir der de facto vorliegende Verlust an Bildungsgeschwindigkeit und -mengen absolut vertretbar und das viel kleinere Übel zu sein. Nichts, was man nicht nach überstandener Krise nicht mit Zeit und Geld easy reparieren könnte.

Ich bin mir aber sicher, dass ich über kurz oder lang wieder im Klassenzimmer stehen muss. Zumindest für ein paar Wochen, bis die neuen Virusvarianten hierzulande so richtig reinkrachen und wir wieder in den Online-Unterricht gehen – nur diesmal unter weitaus unerfreulicheren Rahmenumständen.

Wenn Gesellschaften altern und sich ihr Blick nach vorne trübt, geraten sie oft in gefährliche Situationen.

Junge, schalt doch mal die Kiste aus

Ein Lebenstraum wird wahr. Meinem 14-jährigen, dümmeren Ich würde meine Lebenssituation wohl märchenhaft vorkommen. Frisch das Konfirmationsgeld für einen C64auf den Kopf gehaut, eine Kiste voll Spiele neben dem Floppydrive (1987 natürlich zu 100 % raubkopiert), und keiner zwingt einen rauszugehen, das Spielen für Schulwege zu unterbrechen oder kommt mit der noch unerträglicheren Aufforderung besorgter Elternteile ins Zimmer, sich gefälligst ein echtes Leben in der Frischluftwelt zu besorgen. Im Gegenteil – rausgehen ist nahezu verboten.

So sitze ich also mittlerweile tagelang vor der Kiste. Entweder a.) um zu arbeiten („Guten Morgen, na da sind ja schon einige im Call, schön.“) oder um b.) zu kommunizieren oder um c.) zu zocken. Vor allem Open-World-Spiele flimmern gerade stundenlang über meine Mattscheibe. Warum spiele ich nach einem Jahr Pandemie auf der Welt ausgerechnet so viele Open-World-Spiele?

Weil es im Grunde die Hölle ist, vor dem Internet zu versumpfen.

Hier, nimm das, vierzehnjähriges Ich! Dein Traumtagesablauf aus dem Jahre 1987, in Wirklichkeit nicht einmal halb so geil. Leider völlig ungeil. Wenn man die Stimmung auf Twitter und in den Feuilletons einfängt, dann merkt man, dass die Laune der Leute zunehmend mieser, düsterer, erschöpfter wird. Meine eigene mit eingeschlossen.

Ich habe seit heute angefangen, bei meinen Schüler*innen vor dem Distanzunterricht (so der Ministeriumssprech) eine kleine Umfrage zu machen. Mit folgender Fragestellung: „Nach einer Woche Schule zuhause: Was findet ihr anstrengender? Seid ihr Freitags nach einer Woche Präsenz fertiger oder nach einer Woche MS-Teams?“ Zwischen Klasse 8 und Klasse 11 ist das Ergebnis von heute relativ einhellig. Viele führen positiv an, dass längeres Ausschlafen, gesparte Anreisewege und die greifbare Nähe einer Küche durchaus den Schulalltag entspannen. Und trotzdem ist das ständige Sitzen vor der Kiste, das mühsamere Kontakthalten zu Lehrer*Innen und Klassenkamerad*Innen, das Sichten und Bearbeiten von Material für viele meiner Kids auslaugender und ermüdender, als das vergangene Schulleben in der Realität früher war.

Nicht falsch verstehen: Der Distanzunterricht ist in unserer Situation das einzig Richtige.

Aber wenn er uns etwas über den Lehrplan hinaus beibringt, dann das Zoom-Freund*Innen irgendwie blasser und dünner werden, als sie es im richtigen Leben waren. Dass die Unmittelbarkeit von Kontakten eben durch einen anderen Menschen, der im Grunde nur ein Video ist, eher unvollständig substituiert wird.

Viele Gesichter, die mich aus der Videotelefonie heraus anblicken, sind bleich und angestrengt. Mein eigenes auch, man sieht sich ja immer mit. Ein erstes Fazit nach einer Woche „Fernlernen“ (Ich beteilige mich nicht an dem Begriffekrieg, der immer wieder auf Twitter tobt und genau nur einen Begriff für diese Unterrichtsform als möglich in die Schlacht zieht. Ich nenne das Ding maximal abwechslungsreich. Aus Stilgründen):

Die erste Woche hat es ganz gut funktioniert. Klar, es kommt nicht so viel rüber wie im Klassenzimmer und man braucht mehr Zeit, um Lernziele zu erreichen. Aber viele Schüler*Innen waren motiviert, wollten mitarbeiten, das beste aus der Situation machen, etwas für Ihre Bildungsbiographie mitnehmen. Die meisten waren bereit das Material selbstständig zu bearbeiten oder in Auswertungsrunden ihre Ergebnisse einzubringen. Deutlich besser läuft es mit der Oberstufe, je weiter runter man sich in der SekI unterichtet, desto schwieriger wird es den Unterricht zusammen zu halten. Unser Tool lief meistens stabil und brach nie zusammen, aber auch die hochgelobte Microsoft-Server-Struktur geht immer wieder deutlich in die Knie und wird arschlangsam. Muss vermutlich die ganzen IP-Adressen und Kontakte regelmäßig in den Bundesstaat Seattle übertragen, das verbraucht Bandwidth. Datenschutz ade, bitte nicht öffentlich drüber reden. Aber insgesamt fand ich nach einer Woche, dass viel mehr Schule ging, als von den Präsenz-Nazis befürchtet.

Heute bröckelte es bereits deutlich. Ich schreibe das der Anstrengung zu.

Ich befürchte, dazu trägt nicht nur die auslaugende Anforderungsdichte des Videolernens bei, sondern auch die allgemeine Winterdepression, die Deutschland ergriffen hat. Die Hoffnung aus dem Spätsommer, dass ein klug agierender Regierungsapparat das Problem ganz gut in den Griff kriegt, hat sich deutlich sichtbar zerschlagen. Sowohl das „klug“ als auch der „Griff.“ Die Schwäche und die Unmöglichkeit, zielführenden Handlungswillen bei gewählten Vertreter*Innen zu erzeugen, hat sich seit November überdeutlich gezeigt. Das nimmt uns allen die Hoffnung auf ein schnelles und gutes Ende der Geschichte.

Historischer Exkurs (diesmal nicht erfunden, sondern wahr) über den kapitalistischen Staat. Als die USA 1941 überhastet durch den Angriff der Japaner auf Pearl Harbor in den Zweiten Weltkrieg eintreten müssen, ist die militärische Schlagkraft des Landes in einem desolaten Zustand. Die Armee lächerlich klein und veraltet bewaffnet, die Kriegsflotte zu großen Teilen ein rauchendes Wrack vor Hawaii, werden die Vereinigten Staaten als Machtfaktor von Hitler so wenig ernst genommen, dass er ihnen sofort den Krieg erklärt.

Never fuck with Capitalism, Adolf.

Innerhalb weniger Monate ziehen die US-Regierung und die amerikanischen Wirtschaft in entschlossener Einigkeit ein Rüstungsprogramm hoch, dass bei den Achsenmächten blanke Panik auslöst. Panzer, Bomber, Schiffe strömen in Fließbandarbeit aus Produktionsstätten, die wenige Wochen zuvor noch gar nicht da standen. Schnelle Adhoc-Werften spucken pro Tag 1,5 11.000-Tonnen-Schiffe aus, um das neu produzierte Kriegsmaterial effektiv auf die Kriegsschauplätze zu schippern. Der kapitalistische Riese, einmal im Krisenmodus, wird zur unaufhaltsamen Stahlwalze und fegt das Problem Hitler innerhalb weniger Jahre von der Weltkarte. Gut, die UdSSR machte als sozialistische Wirtschaft in etwa dasselbe und trägt eventuell zum gleichen Teil zur Schlagkraft der Alliierten bei, aber diese Geschichte wird in der westlichen Gesellschaft eher selten erzählt. Hier begründete sich ein Narrativ, das Narrativ von der Stärke der westlichen Welt.

Und heute sehen wir, dass dieses Narrativ, von dessen Nimbus die reichen Staaten der Welt noch immer zehren, eventuell 1941 Gültigkeit hatte, aber 2021 nicht mehr. Die USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich: tief verstrickt in der Abwärtsspirale der Pandemie. Maßnahmen und Lösungsversuche, halbherzig, lebensschwach und vielfach fehlerbehaftet.

Die Leistungsstärke eines asthmatischen Greises, der eine Lawine aufhalten muss.

Seit einem Jahr haben wir die Gesundheitsämter nicht in ein Instrument verwandeln können, das Inzidenzzahlen jenseits der 25 bewältigen kann. Heute faxten nicht mal mehr alle ihre Zahlen, Abbau statt Zuwachs. Die als Kraftanstrengung gedachte Impfkampagne versandet in anfälligen Logistikstrukturen und Beschaffungsproblemen. Unser Internet pfeift auf dem letzten Loch, wenn wir von zu Hause arbeiten wollen. Der Föderalismus erweist sich als peinlicher Zauderclub von Querschießern anstatt als entschlossenes Krisenmanagement. Ver- und Gebote werden erlassen, ohne dass die Behörden in der Lage sind, ihre Einhaltung effektiv einzufordern.

Geht es nur mir so, dass ich das Gefühl habe, ich sitze auf einem langsam zerbröckelnden Raumschiff, und die Kapitän*In versucht den Anschein aufreicht zu erhalten, dass die Mühle noch fliegt? Wo sind die handlungsstarken Kräfte der Marktwirtschaft, um aus dem nackten Boden funktionierende Krisenbewältigungsinstrumente zu stampfen?

Ich fürchte: im Märchenland. Katastrophe, wenn Marx am Ende wider Erwarten Recht behalten sollte.

Ein langer Weg nimmt dieser Text vom Online-Unterricht hin zum Eindruck der Apokalypse in Slomo. Aber dass wir alle so bleich sind, so dicke Augenringe haben, so angestrengt in unsere kleinen Kameralinsen zwinkern, dass wir am Tag so wenig lächeln, dass wir morgens Motivationsschwierigkeiten haben, obwohl wir länger schlafen als sonst im Leben; Dass meine Schüler*Innen einfach nicht glücklich wirken: Das liegt auch daran, dass offensichtlich unsere Notstromaggregate vor Jahren verscherbelt wurden, weil ihre Bevorratung keine Gewinne generierte.

Unsere Welt vergeht nicht im Knall, sondern mit langgezogenem Wimmern. Und ich sitze dabei vor der Kiste und zocke Open-World-Games.

Frohes Fest 3

Immerhin. Ein etwa zweiseitiges Antwortschreiben, eigens formuliert ohne vorformatierte PR-Sprechblöcke aus dem Pressesprecher*Innen-Phrasenordner, von der Hand des Geschäftsführers des Heilbades. Gut, man hätte auch meiner Mum direkt schreiben können, viel Zeit zu lesen hätte sie ja gehabt, aber irgendwie schien die Kommunikation mit mir wichtiger. Dennoch: So viel Mühe hatte ich mir gar nicht mehr erwartet. Wir wollen das mal honorieren. Da man mich herausgefordert hat, ich solle doch das Schreiben der Klinik veröffentlichen, falls ich es wagte, und weil ich ohnehin finde, dass das zu einem fairen Schlagabtausch dazugehört, poste ich es in Wortlaut nun hier auf dem Blog. Möge sich die geneigte Leser*in im Schweberaum zwischen den Texten den „tatsächlichen“ Sachverhalt im Interpretationsverfahren zusammenreimen..

Die Moor-Heilbad Buchau gGmbH schreibt mir also:

Sehr geehrter Herr Vetter,

Ihren Brief von „kurz vor Weihnachten 2020″ bezüglich des Reha-Aufenthaltes Ihrer Mutter bei uns in Bad Buchau habe ich erhalten. Ehrlicherweise bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll?

Sicherlich gelingt mir keine so pointierte Rückmeldung, wie Sie einiges zugespitzt auf den Punkt gebracht haben. Gleichzeitig möchte ich vieles darin nicht so stehen lassen, da es schlicht nicht der Wahrheit entspricht.

Zuallererst hoffen und wünschen wir, Ihrer Mutter geht es den Umständen entsprechend gut und sie konnte von der in der Tat etwas verkürzten Rehabilitationsmaßnahme profitieren. Bitte entrichten Sie ihr unsere allerbesten Genesungswünsche.

Vom Tod Ihres Vaters hat uns Ihre Mutter beim Kontakt in der obigen Sache berichtet. Auch im Gespräch mit uns war Ihre Mutter davon noch sehr betroffen. Uns hat dies alles nicht „kalt“ gelassen und mindestens genauso bewegt. Es liegt und lag uns fern, Ihrer Mutter in irgendeiner Weise zu schaden!

Sie schildern in Ihrem Schreiben von einer geänderten Vorgehensweise im Frühstücksraum am 14. Dezember. Dem ist nicht so. Im Gegensatz zu Ihrer Schule befinden sich in einer Rehabilitationseinrichtung (Kurkliniken existieren heute nicht mehr) mündige und erwachsene Bürgerinnen und Bürger in Form von uns anvertrauten Patienten. Alle diese Patientinnen und Patienten haben eigenständige Rechte und Pflichten. Alle Patientinnen und Patienten halten sich freiwillig und auf eigenen Wunsch in unserer Klinik auf. Keiner wird hier in unserem Hause zu etwas gezwungen oder genötigt (mit Ausnahme zur Einhaltung von Gesetzen und Verordnungen — wie überall im Leben). Diese Feststellung ist uns sehr wichtig.

Im Rahmen dieser Freiheitsrechte hat jeder Patient und jede Patientin das Recht, im Rahmen der aktuellen Coronaregeln, ihren Tisch und Platz im Speisesaal bei jeder Mahlzeit frei zu wählen. Eine feste Tischzuordnung gibt es schon lange nicht mehr und wird von den Patienten, die wir als Gäste behandeln, längst nicht mehr akzeptiert. Wenn Sie selbst Ihre eigene Erwartungshaltung spiegeln, können Sie das sicher gut nachvollziehen. Uns selbst als Klinik wäre eine feste und verlässliche Tischzuordnung viel lieber. Sie würde uns gerade in Coronazeiten vieles erleichtern. Das ist aber so einfach nicht umzusetzen und findet keine Akzeptanz der „Kunden“. Ihre Mutter hat den am fraglichen Tag genannten Tisch und Platz frei und selbstständig gewählt!

Dass sich die Tischnachbarin Ihrer Mutter zu diesem Zeitpunkt bereits an Covid 19 infiziert hatte, war sowohl der betroffenen Patientin als auch Ihrer Mutter als auch selbstverständlich uns nicht bekannt. Zur Nachverfolgung, wer wann mit wem am Tisch saß, gibt es ein Erfassungssystem. Dieses hat offensichtlich gut funktioniert, so dass wir eine mögliche Gefährdung Ihrer Mutter innerhalb von ganz kurzer Zeit identifizieren konnten.

Leider haben Sie in Ihrem Schreiben nicht erwähnt, dass wir unmittelbar nach Bekanntwerden der Infektion der Tischnachbarin auch Ihre Mutter getestet haben. Der Test war zu diesem Zeitpunkt (14.30 Uhr) negativ. Eine Ansteckung lag u.E. bei Ihrer Mutter nicht vor.

Woher die Ursprungspatientin die Infektion hat, ist nach wie vor unklar. Wenn sich alle Beteiligten an die vorgegebenen Coronaregeln und unser Hygienekonzept halten, ist eine Infektion ausgeschlossen. Wie oben bereits erwähnt, sind wir kein Gefängnis oder sonst irgendwie eine Verwahranstalt. Die Gesamtheit unserer Patientinnen und Patienten repräsentieren das Spiegelbild der Gesellschaft wieder. So haben auch wir ständig mit Patientinnen und Patienten zu kämpfen, die sich offen oder auch versteckt nicht an die Schutzmaßnahmen halten. Diese wenigen gefährden die Gesundheit aller Patienten. Die Identifikation derjenigen ist jedoch sehr schwierig. Bei Anwendungen und anderen offiziellen Anlässen sowie unangekündigten Kontrollen halten sich alle an die Spielregeln. Abends und nachts und insbesondere an Wochenenden ist bei manchen eine gewisse lasche Handhabung zu beklagen. Bitte schauen Sie gerne in die Medien, unter anderem auch das Fernsehen, und Sie erleben es tagtäglich. Dass das „Christkind“ das Virus mit in die Klinik gebracht hat, halten wir für nahezu ausgeschlossen. Vielmehr dürfte sich die Ursprungspatientin durch Nichteinhalten der Spielregeln infiziert haben. Dies wird natürlich und selbstverständlich von der betroffenen Person weit von sich gewiesen. Ein rechtsverbindlicher Nachweis unsererseits kann ebenfalls nicht geführt werden. Jedenfalls haben wir als Klinik alles unternommen, um Ihre Mutter so gut als möglich zu schützen. Das Fehlverhalten weniger Anderer ist in letzter Konsequenz jedoch nicht komplett zu verhindern.

Ausführlich widmen Sie sich dem Thema der Abholung durch Sie und warum dies überhaupt von uns zugelassen wurde. Wir können Ihnen nachweislich versichern, dass wir den Heimtransport Ihrer Mutter organisieren wollten und dies ausdrücklich angeboten haben. Ihre Mutter hat dies abgelehnt! Sie habe bereits ihren Sohn verständigt, der sie nach Hause bringen wird Darauf hat sie bestanden. Es lag und liegt uns fern, Ihre Mutter zu etwas zu zwingen, was sie absolut nicht haben möchte. Von einem zulassen oder anraten unsererseits, kann nicht die Rede sein. Vielmehr handelt es sich, wie bereits erwähnt, um den ausdrücklichen Wunsch Ihrer Mutter. Diesen haben wir respektiert.

Die Entscheidung, die Rehabilitationsmaßnahme zu beenden und die Entscheidung der Quarantäne für Ihre Mutter haben nicht wir von der Federseeklinik getroffen. Es handelt sich dabei um eine hoheitliche Maßnahme der Gesundheitsbehörden. Wir waren von diesem harten Einschnitt ebenso überrascht wie Sie und letztlich auch Ihre Mutter. Diese Entscheidung haben wir nicht zu vertreten. Auch hier erwecken Sie in Ihrem Schreiben einen anderen Eindruck.

Bitte lassen Sie uns, und vielleicht auch nicht ganz ernst gemeint, noch wenige letzte Sätze anfügen. Wir bedauern außerordentlich, dass aufgrund dieser Situation Ihre Mutter vielleicht Weihnachten nicht im gewohnten Umfeld verbringen kann. Das ist äußerst bedauerlich. Den Unterton in Ihrem Schreiben können wir allerdings nicht nachvollziehen. Im Gegensatz zu Ihnen als Lehrer verbringt der Unterzeichner, und mit ihm ca. 50-60 weitere Beschäftigte, seit Jahrzehnten jedes Weihnachten und jeden Heiligen Abend im Gesundheitszentrum Federsee. Auch wir wären sehr gerne, wie Sie auch, bei unseren Kindern und unseren Angehörigen. Dem ist aber nicht so. Wir leisten Dienst sowohl an Weihnachten, an Silvester und Neujahr und selbstverständlich an Ostern und Pfingsten. Sollten Sie vom Lehramt mal genug haben, dann dürfen Sie gerne mit uns tauschen und diese Tage bei uns als Mitarbeiter der Klinik verbringen. Sie sind herzlich willkommen!

Gerne erteilen wir Ihnen die Genehmigung, auch dieses Schreiben auf Ihrem Blog und gerne auch auf Twitter zu veröffentlichen – wenn Sie sich das trauen!

Abschließend wünschen wir Ihrer Mutter noch mal alles Gute und hoffen, wir konnten mit diesen Zeilen zu Ihren Eindrücken eine weitere Version hinzufügen. Auch Ihnen wünschen wir nun besinnliche Feiertage und ein gesundes neues Jahr.

Mit gesunden Grüßen vom Federsee

So der Geschäftführer der Moor-Heilbad Buchau gGmbH („Gemeinsam für Ihre Gesundheit). Damit legen wir das Thema hoffentlich zum Jahreswechsel ad acta und hoffen, dass meiner Mum weitere Klinikaufenthalte bis zur irgendwann eintretenden Impfung erspart bleiben. Bedanken möchte ich mich abschließend dann beim Verfasser des Schreibens – nicht unumwunden für den Inhalt, vor allem jedenfalls für die Mühe.

Aber immerhin.

Frohes Fest 2

Achim Vetter
Tannenbergstr. 88
70374 Stuttgart

An:

Federseeklinik
Am Kurpark 1
88422 Bad Buchau Stuttgart, kurz vor Weihnachten 2020

Liebe Federseeklinik in Bad Buchau,

dies ist ein Weihnachtsbrief. Ich schreibe ihn in Gedanken an meine Mutter, die in Ihrem Hause zu Gast war, vom 30. November bis zum 17. Dezember, ja, in der Adventszeit. Sie merken vielleicht an den Daten, dass ihr Aufenthalt für eine Reha-Behandlung nach einer Knie-OP in Ravensburg etwas verkürzt war, aber dazu gleich später mehr.

Meine Mutter hat kein leichtes Jahr hinter sich. Wir alle haben das ja vermutlich 2020 nicht – dazu aber auch gleich später mehr – aber meine Mutter verlor zusätzlich im August meinen Vater, Lungenkrebs, den Mann, mit dem Sie im Januar 50 Jahre verheiratet gewesen wäre und mit dem sie 49 Jahre lang Weihnachten feierte. Danach und nach der Pflege meines Vaters war ihr Knie im Eimer und sie konnte kaum noch gehen. So enschloss sie sich, trotz Covid-Krise, die ihr ärztlich empfohlene Knie-OP anzugehen. Möglicherweise war das ein Fehler.

Am 14. Dezember veränderten Sie offensichtlich einmalig Ihre bis dato festen Frühstücksgruppen. Als Lehrer weiß ich, dass wir Schulen den Auftrag haben, unsere einmal gebildeten Lernkohorten aus Infektionsschutzgründen keinesfalls zu vermischen, aber meine Mutter ist es gewohnt auf die Kompetenz von Ärzten und Fachpersonal zu setzen und stellte sich an diesem Morgen keine großen Fragen. Während des halbstündigen Frühstücks kam sie an einem Tisch mit einer ihr völlig fremden Dame zu sitzen, mit der sie gemeinsam ihre Mahlzeit einnahm.

Diese Dame hatte Covid-19.

Nun hatten Sie ja als verantwortungsvolle Klinik alle Patient*Innen vor dem Eintritt in ihr Haus zu einem Test verpflichtet und auch die Organisation Ihrer Kontaktzonen folgte einem genehmigten Hygienekonzept, da es ja unerlässlich wichtig ist, dass es in einer Klinik voll älterer und frisch operierter Menschen zu keiner Infektionskette kommt. Und natürlich können in der momentanen Lage viele Krankenhäuser mit überfüllten Intensivstationen und Notaufnahmen oft diese medizinisch gebotene Sicherheit nicht bieten, aber als Kurklinik haben Sie ja gottseidank diese Überforderungssituation ja auch gar nicht. Und irgendwie hat das Christkind dennoch irgendwie das Virus unter Ihre geschmackvolle Weihnachtsdeko gelegt.

Nachdem ich also zwei Tage später meine weinende Mutter frühzeitig aus Ihrer Klinik abholte – das Gesundheitsamt war übrigens verwundert, dass mir das von Ihrer Seite erlaubt wurde, bei den geltenden Vorgaben des RKI – nachdem also wir in der Wohnung meiner Mutter in Ulm wieder angelangt waren, wurde ihr telefonisch eine Quarantäne angewiesen, und zwar bis zum 26.12. um 0.00. Es war meiner Mutter durch die Behörden nur schwer zu vermitteln, warum ein Lehrer in Baden-Württemberg nach 90 Minuten mit zwei Infizierten in einem engen Raum voll mit Schüler*innen nach zwei Tagen wieder ins Klassenzimmer geschickt wurde, aber eine Witwe nach 30 Minuten mit einer Person volle 10 Tage in Ihre Wohnung im Hochhaus muss.

An dieser Stelle kommen wir zu Weihnachten, zu Heilig Abend, liebe Federseeklinik. Sicherlich sind Sie und Ihre Mitarbeiter froh, wenn Sie diesen Abend mit ihren Kindern und ihrer Kernfamilie verbringen können, nachdem Sie die Kontaktperson so schnell losbekommen haben. Nun, Sehen Sie, meine Mutter wird nun den Heilig Abend im Gegensatz zu den meisten von Ihnen alleine verbringen. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Es war sicherlich kein leichtes Jahr für Sie als Klinik, aber für meine Mutter schon gar nicht.

Weihnachten ist ja das Fest der menschlichen Zuneigung, der christlichen Tat, und ja, auch das Fest der Versöhnung. Den letzten Begriff möchte ich einer im katholischen Oberschwaben (wo ich lange Jahre unterrichtet habe) liegenden Klinik ganz besonders ans Herz legen. Meiner Mutter war es übrigens auf der Heimfahrt besonders wichtig, dass all die kleinen Schokoladentäfelchen, die sie zum Abschied noch für Pfleger*Innen und Personal in Ihrem Haus besorgt hatte, ihre Empfänger erreichen, sie legt auf derlei Anständigkeiten sehr viel Wert.

Ich finde, meine Mutter hat für all die seelischen Qualen, die aus ihrem Frühstücksraum resultieren, eine kleine Wiedergutmachung von Ihrer Seite verdient. Sie finden Sie unter folgender Postanschrift (müsste sich auch in Ihren Akten finden, aber für Ihre Bequemlichkeit):

U. Vetter

[…]

Nun, jetzt liegt es an Ihnen.

Gerne dürfen Sie mein Schreiben in Ihrem Haus verbreiten – falls Sie den Mut dazu fassen. Vielleicht erinnern sich ja noch einige an Frau Vetter. Sie finden diesen Brief auch auf meinem Blog (www.einjahrraus.org) und auf Twitter.

Mit diesen Gedanken, die vielleicht auch zur adventlichen Besinnung ihrer Klinikangehörigen führen, möchte ich nun meinen Weihnachtsbrief schließen. Ich wünsche allen Menschen in Ihrer Klinik weniger traurige Weihnachten, als sie unsere Familie haben wird.

Mit weihnachtlichen Grüßen

Ihr Achim Vetter

Frohes Fest

Ich kann nicht verstehen, warum Menschen den Dezember lieben. Ich hasse den Dezember. Der Dezember ist die hässliche entstellte Leiche des vergangenen Jahres, und selbst wenn es ein gutes Jahr war, ist der Dezember meistens hässlich. 2020 war kein gutes Jahr. Der Dezember ist der Selbstmördermonat, grau, dunkel, trist, an Schulen ganz besonders unerträglich, geprägt von Stress und Druck, Firmen peitschen irgendwie den Jahresabschluss durch, im Handel macht das Weihnachtsgeschäft aus Einkaufstraßen aufgestörte kommerzfixierte Ameisenhaufen. Der Dezember ist bei weitem der schlimmste Monat des Jahres.

Erzähl mir keiner was von Adventszeit.

Ich kann im Moment nicht in Worte fassen, wie unsagbar wütend ich bin, und an Worten besteht bei mir eigentlich kein Mangel. Wütend auf diese Klinik. Wütend auf eine Politik, die ihr Ohr lieber Vollidioten als Experten leiht und damit die desolate Situation im Infektionsgeschehen verantwortet. Wütend auf ein Schicksal, das gerade die, die 2020 besonders viel einstecken mussten, noch einmal in den Magen tritt. Wütend, dass es keinen interessiert.

Um es kurz zu machen: Meine Mutter muss auf behördliche Anweisung Heilig Abend alleine feiern. Na, sagen wir lieber „verbringen.“ Oder treffender „absitzen.“ Möge der 24. möglichst schnell vergehen.

Man sollte denken, dass edle Rehakliniken am See ein funktionierendes Hygienekonzept haben. Und vielleicht wäre ich gegenüber einem überforderten städtischen Krankenhaus mit einer überquellenden Intensivstation milder in meinem Urteil, aber wenn man im Foyer der Federseeklinik Bad Buchau steht, dann befindet man sich eher in einem hochpreisigen Architekturwettbewerb als in der optischen Repräsentanz der Gesundheitskrise.

Und in dieser idyllischen Kurklinik absolvierte meine Mutter bis gestern morgen eine Reha-Maßnahme nach einer Knie-Operation Ende November. Eben jene Frau, die im August nach 49 Jahren Ehe meinen Vater verlor, sich nun alleine in die Hände der Chirurgen gab, und hoffte, dass durch ein neues Kniegelenk ihr Leben wenigstens wieder ein bisschen besser wird.

Am 15.12. wies man meiner Mutter aus Gründen, die die Klinikleitung sicher irgendwie hatte, ein anderes Frühstückscluster als in den anderen Wochen zu, weil ja der Frühstücksraum des Klinikums es aus Infektionsschutzgründen erforderlich macht, dass die Patienten in drei Schichten essen. Während dieses Frühstücks setzte sie sich zu einer ihr bisher unbekannten Frau an den Tisch, der Abstand der Bestuhlung lag unter 2 Meter. Zum Essen legte sie ihre Maske ab.

Am 17.12., also gestern ruft mich meine Mutter Morgens weinend an. Man habe sie aus dem Frühstücksaal geholt, sie dürfe ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Die fremde Frau war infektiös. Ein Antigen-Schnelltest sei nach mündlichen Aussagen des Gesundheitsamts Biberach negativ verlaufen (gottseidank), man empfehle nun eine 10-tägige Quarantäne, über die aber aus Gründen, die sicherlich irgendwo bekannt sind, nur die Gesundheitsbehörde der Stadt Ulm entscheiden könne. Meine Mutter befürchtet 10 Tage in dem kleinen Patientenzimmer quarantiniert zu werden.

Eine Stunde später ruft mich die Schwester an, ich könne meine Mutter abholen, Reha-Maßnahmen wären ja nun ohnehin nicht mehr möglich. Gut, dass wir jetzt den Lockdown haben und dass Baden-Württemberg auch den Online-Unterricht bis auf die Abschlussklassen abgeschafft hat, dann kann ich mich nämlich jetzt, nachdem ich meinen 11ern per Microsoft Teams etwas über Oppostion im Vormärz erzählt habe, auf die zweieinhalbstündige Fahrt nach Bad Buchau am Federsee machen, um meine Mutter abzuholen. Irgendwie habe ich im Architekturpreisforum der Klinik das Gefühl, man ist froh, dass ich sie abhole.

In der Ulmer Wohnung meiner Eltern angekommen hört meine Mum pflichtbewusst erst einmal ihren AB ab. Neben telefonischen Knie-Genesungswünschen von Freunden meldet sich eine Dame im Auftrag der Stadt Ulm, die um einen dringenden Rückruf bietet. Diese Dame teilt meiner zunehmend traurigen und wütenden Mutter dann während des Rückrufs mit, dass ihre hiermit angeordnete Quarantäne am 26.12. um 00:00 Uhr endet.

Nein, da könne man bedauerlicherweise nicht machen. Ja, das mit dem Tod des Mannes täte ihr leid. Nein, sie müsse den Heiligen Abend „leider Gottes“ alleine verbringen. Nein, eine Verkürzung der Quarantäne durch Tests sei nicht vorgesehen. Sie wisse auch nicht, warum man Ihrem Sohn erlaubt hätte, sie abzuholen und mit ihr zwei Stunden im Auto zu sitzen. Sie wisse auch nicht, warum ihr Sohn zwei Tage nach 90 Minuten mit zwei infizierten Kindern in einem Raum sich wieder in ein Klassenzimmer habe stellen dürfen/müssen, aber sie müsse nach dem Kontakt während des Frühstücks jetzt in Quarantäne. Aber man solle doch lieber hoffen, dass sie nicht krank werde oder noch jemand anders aus der Familie eventuell anstecke. Als Idee: Man könne Heilig Abend ja auch über Zoom feiern. Und falls sie einen Garten vor dem Haus habe, dürfe sie sich in dem aufhalten.

Es ist Dezember und meine Eltern wohnen seit jeher im Hochhaus.

Ich glaube das steht im Handbuch für Psychologiestudent*Innen für den Fall, dass Menschen in seelischen Nöten sind. Erzähle ihnen „das sei leider halt so“ und male ihnen ein noch schlimmeres Szenario an die Wand. Das hilft ihnen erwiesenermaßen, dann geht es Ihnen gleich besser.

Wir stehen also in der nach vier Wochen wieder zum ersten Mal betretenen Wohnung meiner Mutter, sie mit Krücken und leerem Kühlschrank und eigentlich müsste ich sie jetzt sofort alleine lassen.

Am Arsch tue ich das.

Jetzt wird es kompliziert: ich unterstütze die Covid-Maßnahmen, finde, dass zu lasch und zu halbherzig reagiert wurde, dass das überhaupt der Grund ist, warum man das Land in diese beschissene Situation geritten hat, weil die Politik Partikularinteressen, Wirtschaftsverbände, Esotheriker und eine ethisch falsche Güterabwertung bediente, anstatt Verantwortung für ihre Wähler*innen zu übernehmen. Aber meine Mutter jetzt alleine lassen?

Am Arsch tue ich das.

Natürlich mache ich ihr erst einmal den Kühlschrank mit Lebensmitteln voll, und trage einen Kasten Sprudel aus dem Keller, in den sie ja jetzt nicht kommt, weil das Knie noch nicht ganz mitmacht, und sie in einem Hochhaus wohnt, und nicht die Wohnung verlassen darf.

Auf der Heimfahrt – ich muss mich sputen, dass ich es vor der Ausgangssperre schaffe – höre ich in den SWR-Nachrichten meinen ländlichen Sozialminister Weihnachten retten, einen gewissen Herrn Dr. Federle. Er stellt 80.000 Schnelltests zur Verfügung, damit sich Angehörige von Risikogruppen vor dem Fest testen lassen können. Er sagt folgenden Satz in die versammelte Presse: „Kein Mensch sollte das Weihnachtsfest einsam und alleine zu Hause verbringen müssen.“ Applaus.

Ich verwette schöne Körperteile darauf, dass das für meine Mutter nicht gelten wird.

Es ist jetzt 05:12 Uhr am 18.12., seit 4.00 konnte ich nicht mehr schlafen. Zuletzt ging mir das in der Nacht des Todes meines Vaters so. Ich weiß gar nicht auf wen ich alles gleichzeitig extrem wütend bin. Auf die Landespolitik, die monatelang gebremst und mit Menschenleben gepokert hat, und die aus meiner Sicht vor allem für die hohen Infektionszahlen die Verantwortung zu übernehmen hat, was sie aber nicht tut. Auf eine Schicki-Micki-Reha-Klinik, die keine überfüllte Notaufnahme oder Intensivmedizin hat, und es trotzdem nicht hinkriegt, ihr Haus Covid-19-frei zu halten. Auf ein System, das einer alten Frau, die 2020 schwer gebeutelt wurde, keine Lösung anzubieten hat.

Meiner Mutter wäre dieses Weihnachten sehr wichtig gewesen. Fick dich Dezember, verreck endlich.

Danke! Danke! Tod!

Seit die Lage zunehmend düsterer in der CORONAtion wird, grüßt mich meine Chefin seit neuestem immer handschriftlich. Sie dankt mir hinter ihren freundlichen Grüßen für mein unermüdliches Engagement, in dynamisch geschwungenen, königsblauen Lettern, mit Ausrufezeichen, und dass sie nicht noch ein Herzchen dazu malt, liegt nur daran, dass dieses Symbol niemand mit ihr verbinden würde.

Ich hingegen suche zunehmend unwohl nach einem Weg, das abzustellen, und ihr höflich und maßvoll, wie das Beamtenrecht mir vorschreibt, zu vermitteln, dass sie diese Dankesgrüße an mich bleiben lassen soll. Der Zynismus hinter der Grußfloskel greift mich zunehmend an, in dem Maße, wie ich dünnhäutiger werde, gegen die Schein- und Wunderwelt, in der die Kultusverwaltung vor sich hin schwebt, und den bitteren Zuständen draußen im Land, und ganz besonders in den Gängen meiner Schule.

Sagen wir mal so: Das Virus lernt bei uns fleißig mit.

Zum Beispiel in unserer Unterstufe. Meine Geschichtsklasse ist jetzt ganz oder teilweise das dritte Mal in Quarantäne, das verf***** dritte Mal seit September. Super-Spreader-Event im Oktober war wohl eine illegale Halloween-Party, die für einige der lieben Kleinen geschmissen wurde. Der aktuelle Lockdown für die Klasse stammt aus dem Sportunterricht, in dem nach wie vor ohne Maske herumgeturnt wird, wie auch, die Sportlehrer sollen offensichtlich 1,5 Meter Abstand sicherstellen. Ausfallen darf er natürlich nicht. Wenn Sportunterricht nicht mehr abgehalten würde, wohin käme dann unsere Gesellschaft – dann doch lieber Klimawandel, rechte Polizeichats und Amokfahrten durch Fußgängerzonen. Daher ab jetzt: Spazierengehen. Viele Sportkolleginnen haben angesichts der hohen Gefährdungslage die Schnauze voll und unternehmen in ihren Stunden Spaziergänge mit Maske als sichere Alternative. Mit Einverständnis der meisten Schülerinnen in den Klassen, die auch live zusehen können, wie immer mehr Leute mit einem positiven Test in der Tasche aufploppen.

Also ich hätte schon so um 1988 einen Spaziergang in Sport für die sichere und angenehme Alternative zum Kicken mit meinen völlige enthemmten und hirntoten Schulfreunden gehalten, aber gut, ich bin ja da auch ein fanatischer Einzelfall an Sport- und Ballfeindlichkeit.

Spazierengehen als sichere sportliche Tätigkeit

Zum Beispiel in meiner eigenen Klasse. Hier gibt es seit Donnerstag Gerüchte über eine Geburtstagsparty: mitten im Lockdown-Lite, ob geknutscht wurde weiß ich nicht, jedenfalls gab’s genug Kontakt für einen erfolgreichen Austausch. Zwei Schülerinnen sind jetzt positiv getestet, mal sehen ob es dabei bleibt. Dem Schicksal sei Dank ohne ernsthafte Symptome. Quarantäne gibt es ja nur noch für unmittelbare Nebensitzer, die ersten Eltern haben begonnen, ihre Kinder selbst erst mal vom Unterricht abzumelden, weil sie an den Maßnahmen des Gesundheitsamtes ernsthaft zweifeln. So langsam steckt Weihnachten seinen Kopf zur Tür herein, da wird man je näher das Fest rückt ja nervöser.

Jetzt könnte man sagen: HAM DIE DEN ARSCH OFFEN!?! MACHEN PARTY MITTEN IN DER SCHWERSTEN PANDEMIE SEIT GRÜNDUNG DER BRD! DIESE JUUUUGENDDD!

Aber wisst ihr was: Ich kanns ihnen gar nicht vorwerfen.

Wie will ich vor diesen jungen Menschen die Notwendigkeit des Regeln-Einhaltens, der Selbstbeschränkung begründen, wenn die Verantwortlichen für diese Regeln selbst bei jeder Gelegenheit Absprachen brechen und ihre selbst-gewichteten Motive in den Vordergrund rücken? Und das sind ja immerhin erwachsene (meistens sogar alte) Leute, die für ihre Verantwortungsposition in der momentanen Situation hoch bezahlt werden.

Ja ja, natürlich rede ich wieder von meiner Chefin, ihr erinnert euch: die mit dem großen Dank an mich, für mein unermüdliches Engagement. Kaum hatte IHR Chef, der Ministerpräsident (Ex-Lehrer, Pass-Grüner, Boomer) den Länder-Bund-Beschluss zu Weihnachtsferien ab dem 18.12. verkündet, kassierte Sie den Bund-Länder-Kompromiss, und legte fest, dass Baden-Württemberger bis zum 23. in die Schule zu gehen haben, zum Wohle der Kinder, des Landes, der rollenden Räder in den Daimler-Werken.

Um genau zu sein: Am 21. und 22.12. ist Schule freiwillig – außer natürlich für mich. Ich muss. Wer gewinnt durch diese Regelung: Die Baden-Württembergische Wirtschaft, die bis zur letzten Minute ihre alleinerziehenden Mütter ausbeuten kann. Damit da niemand noch notgedrungen Betreuungsurlaub einreichen muss. Zwei Tage vor Weihnachten!

Wer verliert: Ich.

Sowie alle meine Kolleg*innen, die sich jetzt alle nicht in ausreichende Selbstquarantäne begeben dürfen, im Grunde auf Weihnachten mit ihren Eltern besser verzichten sollen und den Wahnsinn, der momentan an den Bildungsanstalten im Land um sich greift, noch zwei Tage länger betreuen dürfen. Denn um etwas anderes als Betreuung geht es ja dem System schon lange nicht mehr, sonst hätte man diese digitalen Strukturen, von denen immer alle in Sonntagsreden und Interviews mit der WELT faseln, seit März mal schaffen können.

Und weil sich meine eigene Chefin keine fünf Minuten an eine Abmachung halten kann, ohne ihre eigene Agenda durchzusetzen, kann ich auch den Bürger*innen eigentlich nicht übelnehmen, dass sie den Verfassungsgrundsatz „gleiches Recht für alle“ beanspruchen. Wir dürfen auch querschießen. Also lüften wir in der Schule stur weiter, hoffen, dass es uns nicht erwischt und müssen uns von diversen föderalen Bildungsminister*innen anhören, dass Bildungsanstalten keine Infektionsschwerpunkte wären. Also mit meiner empirischen Erfahrung bisher geht das nicht einher, man kann nur mit Grausen ahnen, wie hoch die Dunkelziffer bei uns ist, wenn die Kids zwar infektiös sind, aber symptomfrei. Anyway: wir machen weiter, Entscheidungen, die schon im August falsch waren, muss man im Dezember eisern weiter durchziehen, denn sonst verliert man erst sein Gesicht, dann die Landtagswahl und am Ende noch das Selbstbild von sich als unfehlbarem Entscheidungspanzer.

Man muss dazu sagen, dass sich kurz nach der Verkündung ihrer Entscheidung – also wie immer gegenüber der Presse, das Informieren ihrer Schulen war gewohnt zweitrangig – ein kleines süddeutsches Shit-Störmle im Netz entwickelte, wo nicht nur Lehrer sondern auch zahlreiche Eltern ihrer absoluten Fassungslosigkeit ob der Beknacktheit der Regelung Ausdruck verliehen. So ein Shit-Störmle, dass sich das Ministerium erstmals bemüßigt fühlte 24 Stunden später ein You-Tube-Video mit einer Erklärungsbotschaft meiner Chefin nachzuschieben, das überhaupt erste Influencer-Video jemals von der Digitalisierungs-Kultusministerin schlechthin. Eine Erlösungsbotschaft wäre allen an Weihnachten lieber gewesen. Kommentare wurden vorsorglich deaktiviert, am Ende passiert sonst noch so etwas wie ein Dialog im Netz, aber den Like-Button konnte man nicht deaktivieren. Nur, dass kaum jemand auf den Like-Button drückte, sondern halt auf den anderen.

Während ich diese Zeilen schreibe steht der Beliebtheitsscore der Aufnahme bei 263 Likes und 4866 Dislikes.

Mein altes Mütterchen hat gerade ein neues Kniegelenk bekommen. Die Erholung läuft sehr gut, in der Reha besuchen darf ich sie nicht. zwischen dem 31.11. und dem 21.12. gibt es für uns nur Telefonkontakt. Weihnachten wäre das erste seit gefühlten Äonen ohne meinen im August verstorbenen Papa. Wenn ich alles richtig machen würde, dann säße ich nach dem 22.12. erst einmal 5 Tage in Selbstquarantäne. Echt: meine Mama alleine mit meinem Bruder und seinem Hund? Wegen meiner Chefin?

Bitte Chefin: Danken Sie mir nicht. Nie wieder für irgend etwas. Alles, was ich in meinem Job tue, tue ich für meine Schüler*innen, für Eltern, für meine Kolleg*innen, eventuell für die Grundideen dieses Staates, eventuell für eine bessere Zukunft und den Weltfrieden, aber, bei aller maßvoller beamtenrechtlicher Zurückhaltung: Nie, nie, nie wieder tue ich etwas für Sie, Chefin, zu dem man mich nicht zwingt.

Manchmal träume ich von meiner Chefin. Sie trägt einen russischen Stahlhelm und bellt Durchhalteparolen in ein altes Grundig-Standmikrofon, während um sie herum verängstigte Lakaien die dunkel verhängte Bühne blankscheuern. Darüber zieht eine endlose Reihe von großen Bomberflugzeugen mit dröhnenden Rotoren und beiderseits strömen Panzer vorbei, aus den Luken salutieren grinsende Skelette, bereit auch im Angesicht der Fakten den theoretischen Pandemieplan weiter stählern durchzuziehen, weil ihnen ja nichts mehr anderes übrigbleibt, nachdem sie schon alles verloren. Irgendwie hat da wohl Pink Floyd meinen Traum gestaltet.

Aus solchen Träumen erwache ich schweißgebadet und wünsche mir ernsthaft eine Merkeldiktatur.

So weit bin ich also.

Adendum, 06.12.:

Hohoho – Frohe Weihnachten allerseits! Hast du auch brav gelüftet?

Und heute morgen dann: so. Eine dunklerote Coronawarnapp. Warum bin ich so blöd, und schaue nicht vorher rein? Warum kommt die verdammte Push-Up vier (vier!) (VIIIIER!!!!) verdammte Tage nach der Begegnung? Warum stürzt das Handy beim zweiten Aufrufen der App komplett ab? Warum geben wir eine gewaltige Summe für diese Warn-App aus, und sie ist genau so scheiße und phoney wie jedes andere staatliche digitale Projekt in diesem Land? Ist das jetzt ein, coca-cola-rotes Nikolausgeschenk aus dem Militärstiefel über dem eiskalt gelüfteten Kamin?

OK, Antwort eins: Vermutlich wurde der positive Test einer meiner Schülerinnen erst heute morgen der App gemeldet. Zumindest das wirkt logisch. Das ändert aber nichts daran: ich bin scheiße-sauer auf die Bildungspolitik in meinem Bundesland und im kompletten Bundesgebiet angesichts des Infektionsgeschehens. Weil ich inzwischen den Eindruck habe, dass man uns bewusst gefährdet, um finanzielle Interessen zu befriedigen.

In Sachsen-Anhalt wurde ein Innenminister entlassen, weil er querschoss. Kann man das nicht insgesamt mit der gesamten Kultusminister*innen-Konferenz dann auch so machen? Und neue, junge, wissenschaftsorientierte Leute in den Bildungsbereich einsetzen? Die Empfehlungen des RKI nicht als ärgerliches Störfeuer betrachten? Ja? Ja? Können wir?

Steile These 1: Auch Frauen können in Leitungspositionen richtig schlecht sein.

Steile These 2: Wer das chemische Element Fe im Nachnamen führt, macht Ärger.

Willkommen auf der Großveranstaltung

Oh, die süßen Augusttage! Wer gedenkt ihrer nicht mit Wehmut, jener Zeit, als nirgendwo Inzidenzzahlen über 50 waren – außer ein Schlachthof leistete nebenan seinen wertvollen Beitrag zur deutschen Kultur und Ökonomie -, als alle Welt ein freies Europa genoss, in Urlaub fuhr, als man sich an der Ostsee und am Königssee um freie Slots am Parkplatzausgang schlug, als man das Gefühl hatte, der Virus sei auf dem Rückzug, weil man im Supermarkt Maske trägt.

Wie anders ist es heute im November! Das Herbstlaub rieselt auf ein verändertes Deutschland, die Welt hat sich weiter gedreht. Das Antlitz des Sommers, ich erkenne es nicht mehr in dir, Oh Germania!

Außer man blickt auf eine Kultusminister*in.

Denn dann ist das „Hygienekonzept,“ das man sich in den Hochsommertagen in einem großzügigen und umwälzgelüfteten Bürotrakt in der Landeshauptstadt zusammengereimt hat, nach wie vor dufte. Alles gilt nach wie vor: Schulen und Jugendliche übertragen das Virus so gut wie gar nicht, Lüften reicht, haltet eben in der Pause Abstand. So schreibt mir auch meine oberste Chefin, dass man angesichts der heftigen Diskussion um die Pandemiereaktion der deutschen Bildungsverantwortlichen aufgrund der überragenden Qualität der Regelungen vom ersten Schultag am Grundsätzlichen nichts verändern müsse.

Sie dankt mir dann noch handschriftlich (natürlich als PDF-JPG) für meinen unermüdlichen Einsatz.

Halt, Stop, tue man dem Baden-Württembergischen KuMi kein Unrecht! Immerhin die Maskenpflicht ist jetzt ja neu und doch eine deutliche Verbesserung des Infektionsschutz, oder?

Ja wäre sie, wenn bestimmte Gesundheitsämter nicht im Gegenzug angefangen hätten, bei Infektionsfällen in Klassen gar keine Quarantäne mehr auszusprechen. Oder genauer: Nur noch für die unmittelbaren Nebensitzer*innen der mit COVID-19 infizierten Schüler*in. Weil es trugen ja alle Maske.

Ich fürchte die beiden Effekte könnten sich negieren.

Damit kriegt man auch die unangenehmen Zahlen zu nicht im Präsenzunterricht lernenden Klassen oder zu gar wegen zu starkem Personalausfall geschlossenen Schulen in den Griff. Nix Salami-Lockdown, wir locken nur ausgesuchte Einzelschüler. Ein Schelm, wer da „cui bono“ denkt. Die Statistik sieht dann einfach in der dunkelroten Deutschlandkarte so viel schöner aus und man kann weiterhin behaupten, Schulen seien keine Corona-Hotspots. Auch wenn der Krisenstab seit Ende Oktober betont hat, dass man gar nicht mehr nachvollziehen kann, wo die Hotspots für unsere hohen Zahlen liegen. Auch wenn diverse Studien diesen ersten Eindruck der Wissenschaft aus dem Frühling inzwischen deutlich relativiert haben. Wir bleiben auf.

So gehe ich also ungeachtet der Zahlenlage jeden morgen pflichtbewusst auf eine Großveranstaltung mit 1600 Menschen unter einem Dach. Und dank der Maskenpflicht sind ja auch alle Klassen da. Die Schüler*innen gehen in der Pause brav auf Abstand, die 1,5 Meter halten wir alle penibel ein.

So jedenfalls in der Welt derer, die wenig über Kinder wissen.

Wenn eines einem Menschen zwischen 10 und 16 nicht anzutrainieren ist, dann ist es das Nicht-Berühren seiner Freundi*nnen. Im Gegenteil scheint in dieser finsteren Zeit die Sehnsucht nach Nähe und Anlehnung bei Jugendlichen noch höher geworden zu sein – wer möchte es ihnen verdenken? Und obwohl ich mich für einen ziemlich durchsetzungsstarken und konfliktbereiten Lehrer halte, sehe ich mich völlig außerstande, auf dem Pausenhof die Abstandregel durchzusetzen. Man muss froh sein, wenn man selbst 1,5 Meter menschenfreie Zone um sich herum schaffen kann. Ich kann ja die Regel immer nur einer Schüler*in verbal einprügeln. während die 300 anderen, die gerade in der Pause sind, wie immer schubsen, im Pulk stehen, sich anschreien (Jungs) oder Händchen halten (Mädchen). Weil sie die Regeln zwar kennen, aber auf keinen Fall akzeptieren.

Es ist darüber hinaus immens wichtig, dass die Schulen voll besetzt bleiben. Begründet wird das gerne mit schönen, überzeugenden Worten wie „Bildungsgerechtigkeit,“ „verfassungsgemäßes Recht auf Bildung“ oder mit dem „Kindeswohl.“ Wie immer wird eine Presseerklärung wahrer, je öfter man das Wort „Bildung“ und „Kind“ hineinschreibt.

Wahr ist aber auch: Neben fake-selbstständigen Schlachthofleibeigenen aus Osteuropa sind deutsche Mütter (Frau, Teilzeit) die billigsten Arbeitskräfte, die die gebeutelte deutsche Wirtschaft kriegen kann. Es wäre ja hoch ungünstig, wenn die Gesundheitsämter noch mehr Klassen als im Oktober ins Haus bannen würden – dann müsste da ja jemand daheim bleiben (also natürlich Sie, keinesfalls Er!) , der nicht im Betrieb auftauchen würde. Geht gar nicht!

Zumindest bis Klasse 8 oder so.

So pilgere ich also weiter auf meine Großveranstaltung bis das Christkind oder der Sensenmann kommt und hoffe einfach, dass ich Glück habe. Zwei Klassen habe ich schon, wo es grassiert, in einer sogar wiederholt. Gerüchteweise wegen einer Halloween-Party am 31.10. Ich muss also auf mein Glück, meine Alltagsmaske und mein winziges geöffnetes Fenster vertrauen, darauf, dass ich mich nicht bis Weihnachten infiziere. Ich glaube, mein Glück ist da vermutlich der Faktor mit der höchsten Schutzwirkung.

Immerhin: Wir dürfen jetzt, wenn die Stadt mitspielt, vielleicht schon am 18.12. dichtmachen. Damit man bis Heilig Abend sehen kann, ob man krank wird. Doof für Omi, wenn man symptomfrei bleibt und Omi nicht. In NRW wurde das offensichtlich verordnet, in BaWü darf man jetzt bewegliche Ferientage umverteilen. Die fehlen dann anderer Stelle im Kalender, aber vielleicht gibt’s ja bis dahin dat feine Stöffsche aus Mainz.

Bin ich mittlerweile schon verzweifelt genug, mal diesen russischen Impfstoff auszuprobieren?

four more years

Bei der Betitelung dieses Beitrags waren auch noch „Einer geht noch“ und „Oops – I did it again“ ganz hoch im Kurs, aber letztendlich, unter dem Eindruck der US-Wahl, wurde es diese Überschrift.

Um es kurz zu machen:

Letzte Woche habe ich einen neuen Antrag für ein Sabbath-Jahr eingereicht. Wer bitte schön sagt, dass man es akzeptieren muss, wenn einem das Schicksal in die Suppe spuckt, nur weil es das fucking Schicksal ist, und nicht der fette Typ im Comic-Con-T-Shirt auf dem Platz neben einem, dem man einfach den Löffel für eine solche Frechheit auf die Rübe klopfen würde?

Nun ja, streng genommen habe ich mir einfach eine neue Suppe bestellt. Die Metapher war aber eh scheiße.

Insgesamt habe ich in den ersten Wochen der Schule mal ein wenig die Einnahmen und Ersparnis-Situation hin- und hergerechnet, und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es mit dem 3/4-Modell einigermaßen schaffen könnte. Einfach wird das finanziell nicht, ein paar Luxusallüren sollte ich mir noch abschminken. Aber insgesamt hatte ich größere Skrupel, als mir die Frage kam, ob ich mich nicht so völlig von der Schule entwöhne, denn zum Abgewöhnen ist das Lehrerleben ja mittlerweile schnell mal.

Aber Skrupel sind nicht umsonst eine sehr kleine Gewichtseinheit, die auf Latein so viel wie „kleines, spitzes Steinchen“ heißt, man kann sie also leicht wegschieben. Jetzt bin ich also dieses Jahr voll dabei, habe dann drei Jahre voll dabei mit weniger Gehalt und dann ein neues ein Jahr raus, mit weniger Gehalt aber auch eben nicht dabei.

Entspannungsphase ich komme.

Lustigerweise musste ich das Freistellungsjahr erst über eine landeseigene Lehrer*innen-online-Verwaltungsplattform beantragen, dann das Dokument ausdrucken und in Papierform an meiner Dienststelle einreichen. Na ja, zum Thema „Digitalisierung als Fake im Bildungssystem“ habe ich jetzt wirklich schon oft was geschrieben.

Das heißt, dass ich im September 2024 51 Jahre alt bin und erst einmal frei. Ich möchte bis dahin gegen Covid-19 geimpft sein, immer noch gesund und weniger pessimistisch gestimmt als im Moment. Darüber hinaus wird mein zweites Sabbatical mit einer US-Wahl eingeleitet werden, eventuell erlebe ich da den Return of the big white Don. Wie scheiße wäre das: sein Freistellungsjahr mit einer Noch-einmal-Wahl von Trump anzutreten?

Huch, wollte ich nicht weniger pessimistisch leben? Blöde Veranlagung.

Jetzt haben wir aber den Fucker erst mal los, und Junge, was war das für eine Anstrengung, bis er endlich offiziell abgewählt war. Und es ist ja noch nicht vorbei. Ein Abgang mit Würde wäre wohl zu viel bei jemand erwartet, der erkannt hat, dass ohne Würde leben einen gut verdienen lässt. Gerade hat er zum Schluss noch seinen Verteidigungsminister geschasst. Das erinnert mich an Adolf Hitler, der auch noch munter kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin Generäle up- und degradierte. Im Fußball darf man ja auch drei Minuten vor Schlusspfiff noch mal wechseln.

Ist es eigentlich unsachlich Donald Trump mit Adolf Hitler gleichzusetzen? Und sei es auch nur in einem Teilaspekt? Am 9. November?

Ist es wohl. Mindestens so unssachlich, wie den April 1945 mit einem Bundesligakick zu vergleichen. Aber wäre ich ein sachlicher Typ, dann hätte ich vielleicht meine erste Million längst verdient.

Sehen wir für einmal aber heute den Lichtschimmer am Horizont: Joe Biden wird neuer US-Präsident, eventuell kein guter, aber zumindest keine Vollkatastrophe wie sein Vorgänger; Es gibt Hoffnung auf einen funktionierenden Impfstoff. Und ich kann, so das jüngst gern spuckende Schicksal will, in ein paar Jahren versuchen ein paar geplatzte Träume zurück zu holen. Meine Mutter bekommt demnächst ein neues Knie und kann dann vielleicht wieder laufen.

Ein Lichtschimmer am Horizont.

Oder vielleicht auch eine Feuerwalze die auf uns zurast. Wir werden sehen.