Projekt Querschnitt (Update)

Neckarstraße, Urbanstraße und weiter nach Südwesten trinken.

Zwei auf dem Weg quer durch den Braukessel

Es gibt noch Achsen durch Großstädte, die abseits der hippen Partyzentren und gefönten Szene-Locations liegen, an denen man entlang noch eine gewisse Diversität und Originalität entdecken kann. Diese Achsen sind nicht hübsch, nicht designed und stellenweise nicht einmal renoviert, aber sie verströmen ein gewisses Feeling.

Mein sehr guter Freund und Tresenkumpel Ulrich, der sichtlich etwas angenervt davon war mit der usual crowd am usual spot zu enden, entwickelte im Sommer letzten Jahres das Projekt, sich an einer dieser Nebenachsen entlang zu trinken, immer ein Bier pro Kneipe, und dann zu sehen, wohin man kommt. Saugute Idee! Unsere Spur beginnt nicht unweit des Neckars und führt dann grob südwestlich einmal durch den Kessel.

Ich muss sagen, dass diese Entdeckungstour über Stuttgarts Barhocker abseits der ausgetretenen Pfade mir sehr große Freude bereitete. Auch wenn wir das Projekt immer nur mit einigem Abstand weiterverfolgen, führt es uns doch zu spannenden Entdeckungen und zu einem sicheren Kater am nächsten Morgen. Ich will die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, diese Sauftouren hier zu dokumentieren und einen völlig subjektiven alternativen Kneipenführer aufzulegen, zur gefälligen Beachtung von allen Stuttgartern und Gästen, die nach dem „echten“ Stuttgart abseits vom Hans-im-Glück-Brunnen suchen.

Die drei Regeln der Tour:

Erstens: In jeder Kneipe nur ein Bier

Zweitens: Wir nehmen jede Location, die von außen minimal akzeptabel wirkt (Gummiparagraph)

Drittens: Wenn wir besoffen sind gehen wir nach Hause.

Die erste Tour: September 2019, von den Mineralbädern zum Stöckachplatz

Station 1.1: Flora & Fauna, Schlosspark, ggü. Mineralbäder.

Als willkürlichen Startpunkt hatten wir uns kurz nach den Sommerferien das „Flora und Fauna“ ausgesucht, im Grunde nicht viel mehr als ein Pavillion gleich neben der U-Bahn-Haltstelle. Die Location ist etwas schwer zu beschreiben, es ist nicht ganz Biergarten, nicht ganz Lokal, nicht ganz Weggehszene, das Publikum ist für einen Biergarten zu jung und urban, der Bierfluss für ein Lokal zu üppig, für einen Szeneschuppen das Konzept zu unzeitgeistig. Der Laden war gut voll (ich glaube, es war ein Freitag), wir hatten uns über die Ferien nicht gesehen und viel zu quatschen. Also verstoßen wir gleich gegen Regel Eins: Pro Kneipe nur ein Bier! Wir trinken zwei, das geht im Flora und Fauna auch gut und wird sich noch rächen.

Station 1.2: Café Dream Bar, Neckarstraße

Ab hier begann sie, die ungeliebte Neckarstraße, das hässliche Entchen, das zum SWR-Gebäude und weiter führt, in dessen Mitte die Straßenbahn scheppert (In Stuttgart etwas großkotzig „U“ genannt) und der Verkehr sich schiebt. Wir folgen der Regel Nr. 2, bis jetzt kam auf dem ersten Kilometer nicht viel außer ein Thai-Restaurant und eine Shisha-Bar. Also landen wir im „Café Dream Bar“, einer Kneipe, die sicher eine ziemliche Tradition hat (rustikale schwäbische Wirtshausarchitektur), wenn auch eventuell nicht unter dem aktuellen Pächter. Sie ist noch nicht mal auf Google Maps verzeichnet, ungentrifizierter geht’s also nicht. Ulrich und ich steuern die Bar an, wie es sich für eine Kneipentour gehört, und werden sofort von dem unbestimmten Gefühl einer gewissen Exotik, einem Eindruck von kulturellem Exil umfasst. Die freundliche Dame hinter dem Tresen lächelt uns mit diesem Blick an, der sagt: „Ich weiß nicht, wie ihr euch hierher verirrt habt, aber schön, dass ihr uns gefunden habt.“ Während der dritten Halben an diesem Abend (es zeigt seine Wirkung) rätseln wir über den Standort der schmachtenden Musik aus dem Lautsprecher, der kehligen Sprache und der dunkelhaarigen Locken um uns. Schließlich beim Zahlen fragen wir mutig: und siehe da, die meisten hier sind Griechen, anscheinend aus der Ecke um Thessaloniki. Na, dass ich das nicht erkannt habe … Griechischer Wein 2019. Weiter geht’s, bei zwei Tresen können wir es nicht belassen, das wäre ein peinlicher Start.

Station 1.3: Bonnie & Clyde, Neckarstraße

Im Wissen, dass der nächste Humpen ziemlich sicher unser letzter für den Abschnitt sein wird, entdecken wir zwischen Metzstraße und Stöckach das „Bonnie & Clyde“, in der Kneipenszene offensichtlich kein gänzlich Unbekannter, für uns beide aber neu. Innendrin empfängt uns gepflegte alternative Atmosphäre, nicht Mainstream, aber unprätentiös. Den Zapfhahnturm bedecken Aufkleber diverser Bands, Spezialität sind hier anscheinend Burger, eine Schale mit Gummibärchen lädt zum nebenher futtern ein. Publikum wirkt sehr sympatisch, die Musikauswahl auch. Schade, dass wir schon so betrunken sind. Wir leeren unsere Krüge, zahlen und gehen heim. Ende Teil 1.

Die zweite Tour: Dezember 2019, vom Stöckachplatz zum Charlottenplatz

Station 2.1: Bonnie & Clyde, Neckarstraße

Am Sonntag vor Weihnachten gehen wir die Fortsetzung unseres Querschnitts an. Da wo man im Herbst aufgehört hat muss man im Winter wieder starten, so das eherne Gesetz der Kneipentour. Außerdem ist das Bonnie & Clyde auch nüchtern nochmal einen Besuch wert. Ambiente, Publikum, Musik – check. Bisher der schönste Tresen auf der Tour. Diesmal bleiben wir aber eisern bei der Regel – jeder Laden nur ein Bier. Man lernt aus seinen Fehlern und zieht hinaus in die vorweihnachtliche Kälte im Kessel. Ich bin mir sicher, der Winterabschnitt unseres Querschnitts wird uns relativ schnell wieder in irgend eine Location treiben, ab hier beginnt das thekentechnische Neuland.

Station 2.2: Super China & Pizza Service, Neckarstraße

„Kuck mal, das ist ja fast schon ein Späti!“ ruft Ulrich mit der tiefen inneren Liebe in der Stimme aus, die nur der Schwabe zustande bringt, wenn er etwas Berlinähnliches entdeckt. Tatsächlich offenbaren drei Kühlschränke und mehrere Regale ein relativ üppiges Getränke- und Süßkramangebot. Ich bin von den kalten Neonkacheln in dem Lieferdienstkabuff weniger überzeugt, aber Uli erinnert mich eisern an Regel Nummer 2. Also trinken wir zwei thailändische Nulldrei, während der etwas bullig wirkende Pizzaservicechef in einer nicht erkennbaren Sprache am Telefon auf seine Fahrer einbrüllt. Diesmal fragen wir nicht nach, es klingt ein wenig so als keifen Rote Khmer auf vermeintliche Feinde des Kommunismus ein. Gegen später kommt noch ein Typ mit Iro, südländischem Teint und Tarnfleck-Pulli dazu. Gemütliches Bier ist anders, aber mehr unprätentiöse Unverfälschtheit ist in Stuttgart vermutlich nicht zu bekommen. Alle wirken froh, als wir gehen.

Station 2.3: Kraftpaule, Kreuzung Neckarstraße/Heilmannstraße

Kontrastprogramm und Kulturschock in Megawattstärke. Der „Kraftpaule“ ist ein Craftbeer-Edelschuppen, der von unserem innigen Wunsch das Authentische zu finden nicht weiter weg sein könnte. Dafür sitzt man an der Bar gemütlicher als man im Pizzaspäti herumsteht und das Fräulein hinter der Theke ist sehr nett. Wir sind auch die einzigen, die an der Bar rumhängen, der Laden ist einigermaßen gefüllt, aber alle hocken gesittet an Designer-Bistrotischchen. Wir schlürfen ein Bier aus nem Cognag-Schwenker zu Cognac-Literpreisen und ich betone, wenn die Barfrau gerade nicht hinhört, sequenzergleich, wie sehr ich diese Craftbeer-Scheiße eigentlich verachte. Dafür ist das Zeug ziemlich stark, wir erreichen mit dem Kraftpaule das Stadium des Besoffenseins und ziehen zu unserer letzten Station für heute – wo immer sie liegen mag. Shit, das Craftbeer war tatsächlich lecker, so was Dummes.

Station 2.4: Goldmarx, Charlottenplatz

Die Urbanstraße ist ewig lang und führt an zahlreichen höheren Bildungsanstalten vorbei, was heißt, dass hier kein Geld zu holen ist, was sich in der Abwesenheit von Kneipen äußert. Uli erzählt mir von Erlebnissen auf der hiesigen Musikhochschule, eine private Weihnachtsfeier in einem beheizten Partyzelt winkt hastig ab, als wir zwei grinsende Gestalten durstig darauf zu wanken. Schließlich landen wir im „Goldmarx“ in der Unterführung am Charlottenplatz, in dem wir beide schon mal bei einem Konzert waren, mit angenehmen Erinnerungen an die Band und den Tischkicker. Das Goldmarx“ rangiert irgendwo zwischen Club und Veranstaltungsschuppen.

Am Eingang raunt Uli irgendetwas von „Holla ist da etwa Black Night?“, aber bevor ich das verarbeiten kann stehen wir vor dem Türsteher, der uns mitteilt, dass der Eintritt eigentlich 10 Euro ist, aber uns würde es nur noch zwei Euro kosten. Für beide.

Lachend bewerfen wir die Security mit zwei Euro (natürlich nur innerlich) und stehen dann – in der Black Night. Das ist wörtlich zu nehmen. Es gibt nämlich keine Weißen hier. Also, außer Ulrich und mich, alle anderen hier sind People of Colour. Als Resultat stehen wir beide als die weißesten Weißbrote, die jemals krustenfrei aus dem Ofen kamen, an der Bar und fühlen uns endlich einmal als Minderheit. Das ist heilsam. Die Stimmung scheint am Siedepunkt zu sein, alle rennen wild zu den dröhnenden Beats durch den Stagebereich, eine ganze Horde von DJs und MCs produziert einen echt tanzbaren Sound. Von Madagassen, Senegalesen bis Kariben scheint sich hier alles zu versammeln, was dunkle Hautfarbe hat. Punkt 12 – es ist ja Sonntag – macht das DJ-Team so plötzlich Schluss, als habe man der Veranstaltung dem Stecker gezogen. Bis Ulrich vom Klo zurückkommt ist der Laden wie leergefegt, wir kapieren plötzlich, warum man uns vor einer halben Stunde „nur noch“ einen neuen Heiermann abverlangte. Aber gut so: Denn wir sind wieder pegeltechnisch am Point oft Return und schlingern zur Haltestelle. Bis zur nächsten Tour.

Denn das kann noch nicht das Ende des Kessels sein! To be continued in 2020 …

Die 3. Tour: Juni 2020, vom Charlottenplatz bis zum Österreichischen Platz

Eine Corona-Krise später sitze ich wieder in der U-Bahn, um mit Expeditions-Compagniero Numero Uno unsere Entdeckungsfahrt fortzusetzen. Beim letzten Mal war alles vorweihnachtlich, jetzt ist Frühsommer, ausgebremst von den Maßnahmen. Die Regeln sind klar, die Ziele auch, wir wollen kneipologisches Neuland betreten, die ausgetretenen Weggeh-Pfade erweitern und ungehobene Perlen im Stuttgarter Tresenmeer entdecken. Die Kneipen haben längst wieder auf, unter etwas anderen Bedingungen als zuvor, aber sind wir ehrlich: nach einer Halben merkt man den Unterschied zu sonst gar nicht besonders.

Es ist ein schwüler und gewittriger Abend in der City. Uli bemerkte auf meine Regenwarnung hin, dass das ihm egal sei, so lange keine Pflastersteine durch die Luft flögen. Ach ja, da war ja noch was. Es ist genau eine Woche her, dass Stuttgart, in der Berichterstattung gerne mit der Journalismus-Phrase „beschaulich“ beschrieben, zum Epizentrum der auf keiner Seite ideologiefreien Diskussion um Gewalt in unserer Gesellschaft wurde. Die Bilder gingen durch die Republik, die Zahl der demolierten Innenstadt-Geschäfte war hoch.

Wir wollen es trotzdem wagen.

Exkurs, kann man auch überscrollen:

Warum Stuttgart? Warum die Landeshauptstadt mit den Geranienkästen, den gefegten Bürgersteigen und dem Ruf, das Langweiligste und Ödeste zu sein, was man je in einen Talkessel gebaut hat? „Wow, Stuttgart“ war auch meine erste Reaktion, bis mir klar wurde, dass man in dieser Stadt eine jahrzehntelange Geschichte von Gewalt, Hass und Aufruhr entdecken kann, wenn man nur hinter die „beschaulichen“ Fassaden blickt. Das ging nämlich schon los mit – Achtung, Trigger – „Stuttgart 21“, wo neben honorablen Umweltschutzorganisationen, und Leuten, die der Bahn ihren eigenen Wolkenschloss-Irrsinn richtig rechneten, plötzlich Rentner in teuren Outdoorjacken und mit hassverzerrten Gesichtern in den Demos auftauchten, die gegen „die da oben“ mehr hetzten als argumentierten. Wer erinnert sich noch, dass der Begriff des „Wutbürgers“, der nahtlos in den „besorgten Bürger,“ der Flüchtlingsbusse mit Steinen bewirft, überging, aus Stuttgart stammt? Wer erinnert sich noch an die Ereignisse vom Schlossgarten, den „schwarzen Donnerstag“ von 2010, als Opas Kastanien auf Polizisten schmissen und die ach so beschauliche schwäbische Polizei mit einer erschütternden Brutalität antwortete, die bundesweit für Diskussionen sorgte und für den Untergang eines sattelfesten CDU-Ministerpräsidenten?

Auch das ist Stuttgart. Stuttgart, die Stadt, in der ein Hells Angel 2011 einen SEK-Polizisten durch seine Wohnungstür erschießt und dafür einen Freispruch bekommt. Die Stuttgarter Spezialkräfte hatten sich beim Aufbrechen der Wohnungstür nämlich nicht zu erkennen gegeben.

Oder erst kürzlich: Stuttgart, der Cannstatter Wasen als Kulminationspunkt für die größte nationale Ansammlung von Corona-Skeptikern, Verschwörungs-Mythikern und Hetzvideo-Produzenten. Auch da, alle so: Krass Stuttgart. Und jetzt die Instagram-Videos der Aussschreitungen, ausgehend vom Schlossgarten. Das finden jetzt alle noch viel krasser als Rocker mit rauchenden Knarren, Rentner mit Straßenkämpfer-Attitüde, überbrutale Polizeikräfte oder rechtsradikale Grüppchen auf der Wasen-Demo. Warum eigentlich?

Wenn ich mir die Videos ansehe, dann sehe ich da auch meine Schüler. Klamotten, Geste, Haltung, das entspricht einer kleinen Gruppe (männlicher. Wiederhole: männlicher) Jugendlicher, die quer durch kulturelle Hintergründe und Schulabschlüsse hindurch nachts hinter der Schule herumhängen, aus Boom-Boxen inspirationslosen Trap-Rap hören und dazu Wodka, Red Bull und Härteres konsumieren. Kids, die keine Perspektive haben, die in ihren Klassen eine Sonderstellung einnehmen, die Gangster sein wollen, Kids, die keiner ernst nimmt, die jetzt endlich mal zeigen können, das man sie, als Gangster, ernst nehmen soll. Die sich seit zwei Monaten im Schlossgarten gegenseitig hochpuschen, weil in der Krise alle bedient wurden, nur die Jugend, die wurde vor lauter Sorge um die Alten vergessen.

Bullshit.

Am anderen Ende eine Polizei, bei der man sich nicht wundern muss, dass man seit 20 Jahren den Respekt verliert, in der Ausbilder seit 20 Jahren über den Qualitätsgrad der Berufseinsteiger jammern, weil kaum ein vernünftiger junger Mensch in den Verein will, die völlig kaputtgespart ist, in der man täglich neue rechtsradikale Netzwerke entdeckt (warum eigentlich nie Kommunisten, komisch …), die in Hamburg (aber es waren Berliner Polizist*innen) besoffen öffentlich kotzt und fickt, in Leipzig gestohlene Fahrräder heimlich auf Auktionen verkauft, um sich zu bereichern.

Und jetzt regen sich alle auf? Und jetzt sind alle wieder überrascht? Echt? Ihr Deppen.

Den das Böse, die Brutalität, das Verbrechen lauerte schon immer da, wo Geranienkästen besonders üppig, Hausfassaden besonders sauber, Rasenflächen besonders akkurat sind. Das wussten schon Agathe Christie und Alfred Hitchcock und daran hat sich noch nie etwas geändert. Natürlich ist Stuttgart für viel mehr Gewalt und Wahnsinn gut, als vermeintlich wildere Städte.

Exkursende. Uli und ich beschließen jedenfalls Königsstraße und Schlossplatz zu meiden, wir sind erstens schlecht im Wegrennen und zweitens hat noch nie jemand etwas Cooles in Schlossgarten und Königsstraße entdeckt und zwar schon vor den Krawallen nicht.

Station 3.1: Goldmarx, Charlottenplatz

It has to start where it ended und eine Bar direkt neben der U-Bahn ist ein sehr gut geeigneter Ort für beides. Welch ein Unterschied zum Dezember. Statt beatlastiger Rhythmen in einer dunklen Tanzbar wie beim letzten Mal haben sich Goldmarx und Universum nun zusammengetan und einen Outdoor-Ausschank unter dem U-Bahn-Stations-Dach organisiert. Da sitzt man recht gemütlich, wenn auch etwas biergartig-bunkermäßig. Es gibt Augustiner aus der Flasche und noch einen Platz an einem Tisch mit drei älteren Jungs, also älter im Sinne von meinem ältere-Jungs-Sein. Während wir trinken und labern versuche ich den Infektions-Nachverfolgungszettel auszufüllen und finde beim besten Willen keinen Hinweis auf die Tischnummer, für die es aber ein Formularfeld gibt. Die drei Jungs meinen es sei Tisch Nummer 11, also schreibe ich gleich mal mit dem Kuli eine große 11 auf den Biertisch. Erste Navigations-Entscheidung: Wir sollten die Hauptstätter Straße vermeiden, weil man die schon viel zu gut kennt. Außerdem versprechen das Bohnen- und Heustiegviertel auch in zweiter und dritter Reihe gute Treffer. Ich votiere dafür, Adresszettel und zwei Bierflaschen (von mir als „der ganze Scheiß“ pauschal verunglimpft) einfach auf dem Tisch stehen lassen, Uli, als moralischere Hälfte des Projekts, möchte sie persönlich zurückgeben. Dafür wird er von der Security angeschissen, weil er sich ohne Maske der Getränkeausgabe nähert. Als Ausgleich gibt es aber noch tatsächlich Pfand. Good Karma, bad Karma.

Station 3.2: Taverne Diogenes, Olgastraße

Nachdem wir eine Sushi-Bar, einen Italiener und einen Laden, der „Zauberlehrling“ heißt und Gentrifizierung blutet als nicht den Suchkriterien entsprechend abgelehnt haben, finden wir diesen entzückenden kleinen Griechen, der fast leer ist. Die Wirtin lässt uns auch gerne nur ein Bier trinken, weist uns aber daraufhin, dass es laut sein könnte. Damit meint sie die einzig anderen Gäste um halb 10 hier drin, drei Jungs um die vierzig, die ungemein angetrunken und witzig sind, und eine etwas jüngere Frau, die sich gleich mal entschuldigt. Die interessehalber studierte Speisekarte besteht aus 12 Vorspeisen, vier Hauptgerichten und Nachtisch, und damit sieht das alles hier ziemlich nach griechisch-griechisch und nicht schwäbisch-griechischer-Art aus. Ich beschließe, hier mal essen zu gehen. Am Ende nehmen wir gegen die Vorschriften noch einen kleinen Ouzo zu uns, das ist ein Regelbruch, aber die Erinnerung an gemeinsame Griechenland-Unternehmungen zwingen Uli und mich dazu. Der Ouzo ist hervorragend.

Station 3.3: Schwarz Weiß Bar, Wilhelmsstraße

Die Bar wirkt klein, ist aber draußen gut mit Gästen bestückt, die alle ganz angenehm wirken. Wir wagen es. Drinnen gibt es zur Zeit keinen Service, aber eine sehr freundliche Kellnerin meint, draußen würde der Hauseingang gleich frei werden. Alleine die Ausweitung des Servicebereichs auf die Treppe des nebenliegenden Hauseingangs strahlt so viel Sympatie aus, dass wir uns sofort für besagten Hauseingang bewerben. Die Marmortreppe ist genau breit genug für zwei Personen und sehr bequem. Die uns dargereichte Cocktailkarte triggert mit Gin-Ingwer-Kombinationen meinen übersensiblen Hipster-Alarm, aber selbstverständlich serviert man uns auch zwei proletarische Halbe, das mildert den Eindruck. Seltsam: Die Karren, die hier herumfahren, sind für die wenig glamoröse Wilhelmsstraße erstaunlich dick und protzig befelgt. Egal, die Bar bekommt das Prädikat „ziemlich sympathisch.“

Station 3.4: Le Petit Coq, Hauptstätterstraße

Als wir uns zu späterer Stunde aus unserem Hauseingang schälen ist uns beiden klar, dass die nächste Station wohl die letzte sein wird. Und wir landen, alle guten Vorsätze in den Wind schlagend, am Ende doch an der Hauptstätter Straße. Aber vor dem „Le Petit Coq“ (das man nur mit „kleiner Hahn“ übersetzen darf und mit nix anderem!) stehen zwei gewaltige alte Ohrensessel, die einfach danach schreien, hier bequem das letzte Bierchen des Abends zu zischen. Auch diese Bar ist zu klein für Innenservice, im Grunde besteht sie nur aus einem langen Tresen mit hübscher, wenn auch leicht prätentiöser Seidentapete. Wir ziehen ein erstes Fazit, die heutige Verlängerung des Querschnitts brachte uns durch die Bank gute, wenn für diesmal auch keine obskuren Funde. Und wo waren die Krawalle? Während wir das reflektieren zieht eine Karawane von 25 Jugendlichen die Hauptstätter Straße entlang und durch die Außenbestuhlung. Ich erkenne alle Schattierungen kultureller Diversität, einen verbindenden Grad an Berauschtheit und, das Seltsamste, wie wir beide feststellen: Sie wirken als hätten sie ein klares Ziel, auf das sie zusteuern. Ist dass die gefährliche Feierszene von Stuttgart?

Auf dem Weg zur U-Bahn biegen wir um eine Ecke und stehen vor zwei großen Polizeipferden mit gepanzerten Reitern. Der Moment wirkt wie eine Szene aus einem Mittelalterfilm, da ist sie also, die Problematik des Moments. Am nächsten Morgen meldet die Polizei dann auf Twitter: Die Nacht sei völlig ruhig verlaufen.

Teil 3 des Projekts abgeschlossen und immer noch in Stuttgart Mitte – es ist kein Ende in Sicht und das ist gar nicht schlimm.

Wenn du bis unten liest wirst du eine Höhle voller Leichen sehen.

Tag 1: Keine Schärpe an der Grenze

Es ist totenstill auf der Straße, als ich die letzte Proviantkiste in den Kofferraum wuchte. Aber 4.00 an einem Montag ist ja auch nicht unbedingt die Zeit für meine Nachbarn. Klammheimlich werde ich mich jetzt davon schleichen. Aber dreieinhalb Monate Bad Cannstatt waren jetzt auch genug.

Ich weiß, dass es etwas peinlich ist, gleich zum frühest möglichen Termin den Abflug zu machen. Aber ich muss einfach wieder raus.

Die Straßen wie leergefegt, auf der Autobahn spielen die LKWs mit sich alleine Überholspielchen. Dann kommt der große Moment. Ausfahrt Iffezheim, hier ist der Grenzübergang. Ob ich wirklich rüber komme? Ich werde ein wenig aufgeregt.

Vor der Rheinbrücke ist noch ein Schild, das von mir will, dass ich 10 Kmh fahre, weil gleich eine Polizeikontrolle kommt. Nur: da kommt nix. Sie sind tatsächlich weg. Und dann bin ich drüben. Einfach so. Keine jubelnde Menschenmenge schwenkt Europafahnen, kein Gehupe und auf Kofferraumhauben-Getrommel wie 89, kein französischer Grenzbürgermeister begrüßt mich als ersten deutschen Touristen seit Beginn der Krise, ich bekomme von niemand eine blau-weiß-rote Schärpe umgehängt, nicht mal ein Kaffee und ein Croissant ist drin.

Als wär sie nie dicht gewesen.

Trotz dem etwas enttäuschenden Wiedervereinigungsfest mit den besten Freunden, die wir Deutschen auf der Welt haben, macht sich gute Laune bei mir breit. Der seit Stuttgart beharrlich herumsprühende Nieselregen macht sich dünn, dafür kommt kurz vor Luneville Morgensonne. So ist’s schön.

8.00, im Bois Brulé über Apremoint-la-Foret scheint die Sonne durch das morgentliche Vögel-Konzert. Hier, im Frontbogen von St. Mihiel habe ich im Februar die letzte Station gemacht, jetzt bin ich wieder da. Deutsche und Franzosen saßen hier im Wald extrem dicht aufeinander, was den Grabenkrieg nicht angenehmer machte (scheiß Euphemismus). Die Deutschen fanden es beruhigend, ihre Gräben möglichst dicke auszubetonieren, was die Haltbarkeit der Verteidigungsstellungen bis heute ziemlich erhöht hat. Ein gutes Beispiel, dass technische Überlegenheit nicht unbedingt Kriegssieger macht. Dort, wo das Niemandsland am schmalsten war, stand ein altes Wegekreuz zwischen den Frontlinien, das Croix de Redoutes. Es wurde symbolisch.

Der Zünder vom Februar ist weg.

Die Forstverwaltung hat irgendwann im Winter den Wald um das Croix komplett abholzen lassen und das alte Grabensystem von Unterholz befreit. Jetzt, im Juni, wuchert es wieder fröhlich nach, aber dennoch kann man auf einer großen Fläche das System der Verteidigungs- und Laufgräben ziemlich gut begehen. Im Februar habe ich hier einen ziemlich fetten Granatenzünder* gefunden und auf dem Zementsockel des Gedenkreuzes abgelegt. Ich möchte nachsehen, ob er noch da liegt.

Reste des Drahtverhaus

*(Der Zündkopf selbst ist weitgehend ungefährlich, wenn keine Granate mit Sprengstoff an ihm dranhängt, den er zünden könnte. Nur, falls sich hier jemand Sorgen macht.)

Er ist weg. Jemand hat jetzt wohl einen Zünder auf seinem Kaminsims stehen.

Mittagszeit, tiefer in den Wäldern. Die Hügel und Schluchten im Wald haben die Geographie des Schlachtfeldes genau so bestimmt, wie das Schlachtfeld seine heutige Geographie prägt. Ich sitze in den hinteren französischen Linien an einer alten Mörserstellung und esse Käse, Möhren und Tiroler Schüttelbrot. Obwohl ich einen halben Liter Bio-Cola hinterher leere, spüre ich, dass ich seit halb vier Uhr morgens wach bin. Ich klemme den Rucksack hinter mir an den Baum und mache die Augen zu.

Ich wache auf, weil es hinter mir im Gebüsch knackt. Aber nichts zeigt sich. Eine halbe Stunde habe ich im Wald gedöst, die Sonne blinzelt durch die Blätter, die Vögel machen noch immer einen Lärm, dass sich Engelschöre anstrengen müssten, um sie zu übertrumpfen.

Das Leben ist schön. So schön wie es früher war.

Seltsame Pilze sprießen in diesen Wäldern ….

17.00. Ich komme wieder am Auto an, nachdem ich mich den ganzen Nachmittag in den Stellungen und Stollen herumgetrieben habe. An einer Sausuhle habe ich zwei fette Zünder gefunden, die die Wildschweine aus dem Dreck gewühlt haben. Ich habe sie daneben auf einen Baumstumpf gestellt und fotografiert, mal sehen, ob sie wieder jemand mitnimmt. Apremont scheint eine Zünder-Goldgrube zu sein.

Am Parkplatz stehen nun am Spätnachmittag zwei ziemlich große Wohnmobile und ein Multivan, aus dem zwei Franzosen Mountainbikes wuchten. Jetzt endlich kommt die Begrüßung, einer der Biker erkennt mein Nummernschild und fragt ob ich Deutscher bin. Er kann ein paar Brocken Deutsch, in etwa so gut, wie ich Französisch spreche. Ja Bier. Habe ich im Kofferraum von la voiture.

Wir lachen viel. Ein wenig so wie Leute, die sich eine Weile aus den Augen verloren hatten.

Abends koche ich Spaghetti in der Ferienwohnung. Wenn nicht ein paar Leute mit Masken unterwegs wären, dann könnte Covid 19 auch ein böser Traum gewesen sein.

Tag 2: Das G3 beim Volksbund

Am zweiten Tag ist der nördliche Rand des Schlachtfeldes mein Ziel, der mit dem Bois de Caures und dem Bois d’Ailly schon die letzten Male von mir erkundet wurde. Östlich von Brabant sur Meuse zeigt die alte Grabenkarte eine stark verbunkerte Anhöhe, ich will mal sehen, was davon heute noch übrig ist.

Oh schönes Frankreich

An einem Feldweg stelle ich morgens den Opel ab. Unter mir liegt die Maasebene, Korngelb, von Dörfern mit Kirchtürmen durchbrochen. Links davon das Schlachtfeld, eine dunkelgrüne Baummasse, die deutlich zeigt, dass menschliches Leben seit 1918 auf diesen Höhen nicht mehr möglich ist. Dahin zieht es mich. Zunächst stoße ich allerdings auf einen großen Bus des ONF (Office national des forêts), der vor rot-weißem Flatterband drei kaffeetrinkende junge Männer im Abiturientenalter beherbergt, die mich gespannt beäugen. Auf meine unbeholfene Frage, ob der Waldweg gesperrt sei, erklären sie mir wortreich und typisch französisch hastig etwas über „grapot(s)“, eine Vokabel, die mir leider fehlt. Angesichts meiner Verwirrung weichen sie auf „Grenouille“ aus, ein Wort, das ich kenne, so heißt die Hauptfigur aus Süßkinds „Parfum“ und es bedeutet „Frosch.“ Die Herren bilden also eine Art Jungkrötenwache im Wald, was mir kein schlechter Job zu sein scheint. Ich jedoch, als fußläufiger Wanderer, darf passieren. Ich habe kurz den Drang, scherzhaft einzuwerfen, dass ich nicht gedenke, eine irgendwie geartete Gefahr für die Frösche zu werden, aber meine Sprachkenntnisse lassen diesen Satz nicht zu, ohnehin könnte man mir bei näherem Nachdenken vorwerfen, dass das einer jener frankophoben Froschfresserscherze wäre, über den man 1916 im deutschen Teil des Schützengrabens recht dreckig gelacht hätte. Vielleicht ganz gut. dass ich den Witz nicht formulieren kann, sei’s drum, ich darf passieren. In den Pfützen auf dem Waldweg flitzen in der Tat zahlreiche Minikröten herum, wenn ich mich nähere.

Der Betonkäsekuchen, wirkt in Wirklichkeit größer

Tatsächlich ist der Hügel, den ich ansteuere, mit alten Stellungen übersäht, leider jedoch von dem bewachsen, was ich für mich als „niedrigen Scheißwald“ definiert habe: eine unterholzreiche, von Jungbäumen durchsetzte Gehölzhölle, durch die man nur mit hoher Kraftanstrengung kommt. Außerdem wirkt der Wald wie leergeräumt, selbst die allgegenwärtigen Weinflaschen oder Granatenhülsen fehlen. Schließlich stehe ich vor einer riesigen, halbrunden Betonform, deren Decke herabgebrochen ist. Sie wirkt ein wenig wie ein hundert Jahre alter Käsekuchen im Gigantenformat. Sieht aus, als hätten die Deutschen hier ein großes Geschütz installiert, daneben steht noch ein halbrunder betonierter Munitionsbunker voll rostiger Konservenbüchsen. Seine Decke beginnt einzustürzen.

Es wird immer schwüler an diesem Morgen. An einem Abhang mache ich Mittag, vor mir zerbrochene Weinflaschen, einige Rinderknochen, ein rostiges Ofenrohr. Sieht nach Feldküche aus, hier ist es wohl passend sein Vesper zu verzehren.

Richtig geraten. Dopp.Z stand für „Doppelzünder“

Bei jedem Schritt im Wald fliehen Dutzende von Jagdspinnen mit dickem, hellgrauen Hinterleib, es muss hier hunderte pro Quadratmeter geben. Mann könnte sie für eine große Spinnenherde halten, wenn man nicht wüsste, dass Spinnen nicht in Herden leben. Der Himmel zieht zu, die Schwüle wird unerträglich. An einem Hang finde ich mitten auf dem Weg einen sehr gut erhaltenen Zünder, nur seine Nase ist ein bisschen vom Aufprall eingedrückt. Sowohl die Entfernungsskala als auch die Aufschrifft „Dopp Z95“ ist perfekt zu lesen, es klingt einigermaßen Deutsch. Es sieht so aus, als hätten ihn Wildschweine aus dem Wegboden gewühlt.

Was ist der seltsame Zusammenhang zwischen Wildschweinen und Geschosszündern?

Der Wald hier bleibt schwierig, man sieht vom Weg aus, keinen Meter hinein. Eigentlich ist der Sommer die schlechteste Zeit, um die Schlachtfelder zu begehen. Der Sommer hat 7 Gründe, warum man lieber im Winter hier her kommen sollte:

  1. Zecken
  2. Zecken
  3. Brombeerranken
  4. Brennnesseln
  5. Stechmücken
  6. heiß, scheißheiß
  7. Unterholz und Laub
Einst ein Suppenteller in einem Bauerndorf. Jetzt Kriegstrümmer.

Gegen 15.00 treiben mich dumpfes Donnergrollen und dicke Tropfen Richtung Auto. Eigentlich ist es zu früh für die Ferienwohnung. Ich beschließe auf dem Weg nach Verdun beim zerstörten Dorf Haumont-près-Samogneux halt zu machen, einem Ort, durch den ich im Februar nur durchgefahren bin. 2014 wurde das 1916 in der Offensive komplett zerschossene Bauerndorf vom Unterholz befreit und mit Gedenktafeln erfahrbar gemacht. Vor jedem Schutthügel, der einmal ein Haus war, stehen die Namen der Bewohner auf einer Tafel, manchmal lebensgroße Fotografien als Aufsteller. Hinter dem Ort rieselt eine Quelle die Schlucht hinab und dort, in den flachen Wasserläufen, liegen die Reste einer Gemeinde: Ziegeltrümmer, halbe Teller, Stacheldraht, Tonscherben, eine rostige deutsche Stielhandgranate. Haumont-près-Samogneux fließt buchstäblich den Abhang hinab, jedes Jahr, jede Schneeschmelze ein paar Dutzend Meter mehr, im wahrsten Sinne liquidiert vom Krieg. Trauriges Symbol für die Bedeutungslosigkeit der zivilen Existenz im Angesicht der uniformierten Militärlogik.

Plötzlich donnert ein grauer Helikopter im Tiefflug heran und schwebt minutenlang über der Gedenkkapelle am Hang. Während ich verwirrt durch die Äste auf das Fluggerät starre rieseln aus den Bäumen die vom Rotorenwind losgerissenen Blätter auf mich herab. Was will die Maschine hier? Französische Armee? Warum steht das Teil über mir in der Luft?

Die Situation ist sureal.

Als ich gegen 17.00 wieder ins Auto steige, springt ein Rehbock zwischen den nun wieder stillen Schutthügeln hervor und hetzt über die ehemalige Dorfstraße.

Abends im Restaurant direkt an der Maas. Ich bin mittlerweile nicht mehr der einzige Deutsche hier, am Nebentisch speisen zwei ältere Bundeswehroffiziere, miteinander streng per Sie, aber weltbildlich ganz intim. Der eine, etwas ältere, trägt eine Kargohose aus grauem Wildleder. Er ist Landesvorsitzender des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, welchen Bundeslandes erwähnt er nicht. Sein Thema sind Waffen. Das neue G36, das sage ihm nichts. „Aber das G3, das kann ich noch im Schlaf zusammenbauen. Wenn jemals was los sein sollte, dann würde ich immer fragen: habt ihr nicht noch so’n G3 für mich?“

Während ich meinen Salat mit Ziegenkäse kaue, frage ich mich, was der ältere Herr sich unter „was los sein“ vorstellt. Der Russe greift an? Flüchtlinge drücken einen Grenzzaun ein? Linke Demonstranten schmeißen Kolonialdenkmäler in die Elbe?

Hoffentlich haben die kein G3 für ihn.

Sein Gegenüber, etwa in den mittleren 40ern, ist frisch geschieden. Beide versuchen sich gegenseitig im Bundeswehr-Insider-Wissen zu übertrumpfen. Wie viele Generalsstellen es wohl mittlerweile gäbe (offensichtlich über 200. Wow.) Ab wann man offiziell als „Veteran“ in der Bundeswehrverwaltung geführt werde. Was bei einem Gebirgsjäger-Teambildungs-Lehrgang in Sonthofen gelehrt werde.

Ich stelle mir vor, wie diese beiden offensichtlich für einander geschaffenen Menschen im Hotel zu späterer Stunde übereinander herfallen werden, und sich zärtlich dabei Kaliberstärken, Magazingrößen, Mündungsgeschwindigkeiten und effektive Reichweiten ins Ohr flüstern, um ihre Erregung beim Liebesakt zu steigern. Bin ich krank? Oder die?

Am Ende geht es mir wie Jan Delay im Song „Kartoffel.“ Man kann seinem eigenen Deutschsein nicht entkommen. Aber wenn man Landsleute im Ausland trifft, schämt man sich immer.

Tag 3: Flaschendrehen in Ruhestellung

Was schallt am Waldbach da? Jagdklang naht, trara! (Theaterleute schmunzeln hier)
Rinderknochen aus der Suppe

Auf die heutige Exkursion in die Argonnen habe ich mich schon ganz besonders gefreut, nicht nur, weil ich die Argonnen außerordentlich schön finde, sondern auch, weil ich an eine Entdeckung aus dem Winter anknüpfen will, die ich aber damals erst am späten Nachmittag gemacht habe und nicht mehr ganz weiter verfolgen konnte.

Ein Stiefelsohleneisen – Reitstiefel?

Wenn man einem bestimmten Waldbächlein folgt, kommt man bald in ein tief eingeschnittenes Waldtal, durch dass sich das Wasser des Bachs schlängelt. Im Januar war der Bach ganz schön aktiv, jetzt im Juni führt er kaum Wasser. In die recht hohen beschusssicheren Hänge haben die Deutschen vor 100 Jahren ihre Infrastruktur zur Versorgung der Argonnenfront gepflanzt: Unterstände, Lager, Verbandsplätze, Verpflegungsstellen.

Champs de bouteille

Es ist noch verdammt viel übrig.

Sie quillen förmlich aus den alten Unterständen

Schon der Bachgrund offenbart wenn man ihn aufmerksam mustert zahlreiche Fundstücke, ganz offensichtlich unzählige Flaschenstücke oder auch ganze Weinflaschen; Keramikscherben, Porzelanisolatoren (offensichtlich gab’s Strom), gelegentliche entschärfte Hülsen oder auch vereinzelt noch scharfe Granaten; Patronen, Rinderknochen, Zinkblech, Steingutbruch. Unübersehbar sind jedoch riesige Flaschenhalden, die sich um die alten Feldküchen auftürmen. Hunderte, eventuell Tausende liegen im Wald.

Viele sind noch intakt; Viele durch Frost, Felsstürze und umfallende Bäume in Scherben. Mitnehmen an einen besseren Ort darf man sie aber nach französischem Recht nicht. Kümmern tut sich um diese Relikte auch niemand. Man müsste sie also im Wald in Scherben gehen lassen, in hundert Jahren findet man dann keine ganzen mehr, sondern nur noch ihre dicken Scherben. Aber die Archäologen wollen das offensichtlich so.

Das Unternehmen J.A. Gilka residierte in der Schützenstr. 9 in Berlin-Mitte und war bekannt für Kümmel.
Sieht so aus als hätte jemand schon sortiert.

Obwohl der Wald vieles längst überwuchert hat, stößt man im Tal mit jedem Schritt auf die Hinterlassenschaft der Soldaten. Hier in diesem Tal lebten sie; ein paar Kilometer weiter im Grabengewirr starben sie.

Der Wetterbericht war für heute reichlich schlecht. Den ganzen Morgen glaube ich noch an mein Glück, denn es tröpfelt nur ganz leicht. Mittagessen kann ich am Rand des Bachtales sogar komplett trocken einnehmen. Danach geht es aber los, und man kann es leider nicht anders sagen: es pisst aus Eimern. So, dass ich diesen riesigen Regenumhang aus dem Rucksack krame und darunter aussehe wie eine schwarze Horrorgestalt. Er hilft ein bisschen.

So will man mich nicht treffen ,,,,

Gegen 14.00 macht es dann keinen Sinn mehr. Ein völlig zugeregneter Wald ist wie Wandern auf einem tropfnassen Riesenschwamm. Gräser, Büsche, Äste geben die Feuchtigkeit gnadenlos an dich ab. Die Nässe kriecht die Hosenbeine hinauf. Meine schon wieder ziemlich heruntergerockten Wanderstiefel halten einen Tritt in den Bach noch immer ganz gut durch, aber nach drei Minuten Regenwiese schwimmen sie. Das Wasser quetscht sich bei jedem Schritt durch meine klatschnassen Socken. Schweren Herzens aber feuchten Arsches wende ich mich Richtung Auto und schlage mich zurück nach Verdun. Im Kofferraum liegen wohltuend trockene Klamotten, das Wasser, dass ich aus meinen Socke wringe, ist angenehm körperwarm.

Auf dem Weg komme ich bei Vienne-le-chateau am deutschen Soldatenfriedhof vorbei, endlose schweigende graue Kreuzreihen im düsteren Regen. Hatte einer, der hier vergraben wurde, mal eine der Weinflaschen in der Hand, die ich heute gesehen habe?

Einige Kilometer weiter, am südlichen Rand der Front, liegen bei La Harazee ihre französischen Altersgenossen und geben genau das selbe traurige Bild ab, nur mit weißen Kreuzen. Das bleibt bis zum Schluss von deiner Individualität und über dein Ende im Dreck hinaus: deine Nationalität. Kalkweiß oder Aschegrau, das unterscheidet dich immer noch, denn staatliche Ordnung muss sein. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Und wenn sie bei deinem Kadaver nichts mehr finden, was deine Nationalität erraten lässt, Erkennungsmarke perdu, keinen Helm, kein Gewehrmodell, kein Koppelschloss, keine charakteristische geformte Handgranate, dann raten sie von der Position deiner Überreste ausgehend, ob du zu den Grauen oder zu den Weißen gelegt werden musst.

Keine Fraternisierung mit dem Feind, auch als Knochenhaufen bitte nicht.

Jetzt trocknen in meiner Wohnung diverse Outdoorklamotten und es müffelt etwas. Heute abend gibt es Bratkartoffeln mit Munsterkäse und Spiegelei. Nahrhaft, fettreich, deftig. Wenn ich Wein in der Wohnung hätte würde ich mir sogar im Gedenken an die champs de bouteille einen aufmachen. So muss es eben Bier tun. Ich denke, die kalkweißen oder aschgrauen Jungs finden Bier durchaus auch angemessen.

Tag 4: Bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit auf dem Weg

Am sogenannten „Toten Mann“ war ich schon lange nicht mehr, zumindest nicht direkt um die Höhe herum. Einer der Kulminationspunkte des Gemetzels, mir zu bekannt, zu frequentiert, zu touristisch.

Habe mich geirrt.

Auf den militärischen Karten ist der etwas gruslige benannte Hügel, der übrigens schon vor 1914 so hieß, zweckdienlich als „Höhe 304“ verzeichnet, wobei die Zahl für die Höhenmeter steht. Messungen nach 1918 ergaben allerdings nur eine Höhe von 297 Metern, was entweder heißt, dass die Vorkriegsgeometer ganz unglaubliche Luschen gewesen sein müssen oder dass der Hügel um sieben Meter im Krieg geschrumpft ist. Das Letztere ist der Fall, eine beachtliche Kulturleistung und durchaus charakteristisch für unsere Rasse, dass wir es schaffen, sieben Meter Berg durch kontinuierlichen irrsinnigen Granatenbeschuss zu Staub im Wind zu pulverisieren.

10.000 junge Männer verloren auf diesem Pickel von Anhöhe ihr Leben für Volk, Vaterland und nationalistischen Irrsinn. Umgerechnet etwa 360 Abitursklassen. Dafür setzte man ihnen nach 1918 eines der grusligsten Denkmäler der Geschichte: einen fahneschwenkenden Leichnam aus Marmor.

Was drei Meter Waldweg so alles hergeben …?

Ausgehend von diesem Punkt steige ich gegen 9.00 aus dem Auto und versuche mich in den Wald zu schlagen, um die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Auf einem Schild wird mir geraten, unbedingt auf den Wegen zu bleiben und ich hätte es beherzigen müssen. Zum einen lese ich die Grabenkarte von 1917 völlig falsch und gerate in ein überwuchertes Seitental ohne jede Stellungen; zum anderen entdecke ich eine Stunde später, dass die Kieswege hier dermaßen spannend und fundreich sind, dass sie den Begeher mit Artefakten aus dem Krieg zuscheißen – völlig.

Weg mit Knalleffekt. Die leere Hülse kommt von mir, als Warnung.

Dazu muss man nahe mit der Nase am Boden gehen, was von Außen sicherlich ziemlich lustig aussieht, aber in der Regel sind ja andere Menschen bei meinen Exkursionen der absolute Ausnahmefall. Wer im weißen Kies ein entsprechend geschultes Auge hat, der könnte auf etwa einen Kilometer mehrere Dutzend Kilogramm Granatsplitter aus dem Weg pulen. Vom kleinsten Eisenkörnchen bis zum unterarmlangen Monster. Dazwischen finden sich die losgesprengten Zündköpfe – aus weicherem Messing, daher meist unversehrt, weil der Stahlkörper des Geschosses zerreißt, bevor das Messing kaputt geht – und zahllose kleine Bleikugeln aus einer ganz besonders sympathischen Erfindung der Kriegskunst, dem Schrappnell oder der Kartätsche, eine Art Bleikugelspuckergranate, die Menschen in blutige Klumpen verwandelt.

Auf dem Toten Mann ging es dermaßen ab, dass sich die Hölle selbst in die Hose gemacht hätte.

Als ich auf einen breiteren Weg in Ost-West-Richtung abbiege freue ich mich sehr nach einigen Metern eine Gewehrkugel zu erblicken – im Vergleich zu den Tonnen von Granatsplittern eher ein seltener Fund. Dann blicke ich auf und sehe, dass der gesamte Wanderweg mit bläulich oxidierter Infanteriemunition übersäht ist. Alles französisches Kaliber, leicht an der bauchigen Patrone zu erkennen. Eine ganze Kiste Munition liegt auf dem Weg zerstreut und wirkt, als hätte der gestrige Starkregen die einzelnen Patronen die Steigung herunter gespült.

Gut, dass die Urlauberfamilien mit den Kindern auf den Wegen geblieben sind.

Viel mehr fällt dir dazu nicht ein? Nö.

Die Kleinen hätten ja das Spielen mit Munition völlig verpasst. Ich werde von einem Anflug humanistischer Kitschigkeit überwältigt und lege das Wort „Paix“ mit Patronen auf einem großen Kalkstein aus. Blau auf weiß, wenn jetzt noch einer drüberblutet, haben wir die Trikolore.

X marks the Gewehrgranate.

Die nächste Überraschung: auf dem Weg liegt ein bisschen weiter, ein nahezu völlig im Kies vergrabenes leichtes Artilleriegeschoss, natürlich scharf, das beliebte All-Star-Kaliber beider Seiten: 75 mm. Gut dass sich das Rostbraun klar vom weißen Kies abhebt, könnte sonst jemand drauf treten. Aber es wird noch schöner: 100 Meter weiter prangt im Aushub des Wegesrandes eine Gewehrgranate, klein, leicht zu übersehen, und als Blindgänger so bösartig, dass sich die 7,5 cm Granate von gerade eben vor ihr fürchtet.

So langsam wird mir klar, was hier am Weg passiert ist, denn er wirkt auch so neu. Das Ganze hat mit dem Holzpreis zu tun. Die Wälder auf dem Schlachtfeld sind reif. Die meisten wurden zwischen 1927 und 1933 aufgeforstet, also nahezu hundert Jahre alte Bäume, ganz schön viel Kohle pro Quadratkilometer. Dazu kommt der Klimawandel: Trockenheit, Hitze und Borkenkäfer töten die Tannen und Fichten zur Zeit rasend schnell und einmal tot und morsch taugen sie nur noch für Pellets.

Also muss das Holz raus.

Eine Art … Karabinerhaken?

Wie aber gelangt die Holzwirtschaft an die Ressourcen? Leider nur über Wege, und zwar über breite Wege. Man könnte jetzt sorgfältig die Umgebung der bestehenden Forst- und Wanderwege mit Detektoren und Entschärfungsteams absuchen und den ganzen gefährlichen Mist erst mal rausmachen. Oder man spart als Gemeinde Zeit und Geld und lässt ein paar dicke Planierraupen über die Strecke rauschen. Die verbreiteren das Ganze so, dass auch zwei monströse Sechsachs-Holzlaster nebeneinander ins Herz des Schlachtfeldes brausen können. Natürlich schieben die Planierraupen dabei auch links und rechts etwa einen Meter Schlachtfeld ab und vor sicher her und türmen es zu einer dicken Böschung auf. Aus der kuckt dann alles Mögliche heraus: spannende Dinge und explosive Dinge. Wird schon schiefgehen. Natürlich geht auch viel an archölogischen Befunden unter der Raupenkette einfach kaputt. Aber Hauptsache keiner nimmt was mit.

Noch ein Knallbonbon vom Raupenbagger.

Mir beschert diese ökonomische Taktik eine Vielzahl von Einblicken in die Kämpfe, ohne dass ich mich für diesmal durch zeckenverseuchte Unterholzhöllen quälen muss. Ich hoffe aber immer noch inständig, dass Familie Kowalski aus Gladbach mit der Gewehrgranate keinen Quatsch macht. Oder zumindest die Eltern das Ding vor dem achtjährigen Jerome entdecken. Ich habe aus Vorsicht mal hinter dem übelsten Knallzeug zwei Wurzel X-förmig in den weichen Aushub gerammt. Damit niemand unbeholfen darüber stolpert, der Gedanke macht mir irgendwie Sorgen.

Sicher ist sicher.

Tag 5: Das Widerlichste, das ich je gesehen habe

Josh der Frosch hat sein Bajonett verloren. Jetzt muss der kleine Jerome aus Gladbach ihm durch das Granattrichterquiz helfen, dann bekommt die ganze Familie verbilligten Eintritt ins Beinhaus. Hätte ich mir besser nicht ausdenken können, ist aber ein echter Versuch, kindgerechten Schlachtfeldtourismus zu unterstützen. Ich fürchte, es blieb beim Versuch. Ist Josh Franzose oder Deutscher?

Kein Witz: Josh braucht sein Bajonett

Die Ferienwohnung wieder aus- und aufzuräumen hatte länger gedauert, als gedacht, so dass ich erst gegen 9:30 im Tranchée de Calonne stehe. Die nördliche Flankenstellung am Frontbogen von St. Mihiel hatte unter Soldaten keinen guten Ruf, weshalb sich beide Seiten im dichten Wald recht tief in die Erde verbuddelt hatten. Nachdem sich Franzosen und Deutsche vier jahre an der einsamen Straße (die heutige D331) ohne echtes Ergebnis blutig beharkt hatten, wischten die Amerikaner im September 1918 den Frontbogen in 48 Stunden weg.

Not machte erfinderisch und die Not war groß.

Meine Exkursion steht heute unter keinem guten Stern. Zuerst parke ich den Wagen eine Kreuzung zu früh, merke es aber zu spät, und spaziere so eine Stunde weit hinter der Front herum und wundere mich, warum meine Schützengrabekarte nicht mit der Realität übereinstimmt. Wenigstens entdecke ich so einen coolen Selbstbau-Ofen aus dem Grabenimpro-Baukasten der französischen Poilus. Dann verwechsele ich Osten und Westen und gehe einen Kilometer gerade in die falsche Richtung. Schließlich bekomme ich inneren Orientierungssinn, Klugheit und Karte wieder in Einklang und … stolpere in das Widerlichste, das ich je gesehen habe.

An einer rückwärtigen Hügelstellung erhebt sich ein ziemlich massives Erdwerk mit meterhohen Wänden. An der Seite gibt es einen Stolleneingang, noch sehr gut erhalten, so hoch und breit, dass man ohne Probleme ein totes Wildschwein hinein werfen kann.

Wie komme ich auf diesen makabren Vergleich?

So: Als ich den Kopf in den Bunker strecke fällt mir als erstes ein Wildschweinschädel auf. Knochen von Tieren finde ich häufiger mal in alten Unterständen, sie scheinen sich dort zum Sterben zurückzuziehen. Dann entdecke ich noch einen. Und einen Hirschschädel daneben. Und Beinknochen. Schulterblätter. Rippen. Da sind ganze Tiere. Ihre Reste. War das ein Fuchs?

Das Foto gibt nur einen schwachen Eindruck, Zum Glück.

Ich stehe in einer Kadaverhöhle. Gottseidank ist gerade keine Jagdsaison und die meisten Tiere sind stark verwest, nur noch Knochen. Wenn die Höhle mit frischen Tierleichen gefüllt ist, muss der Gestank unerträglich sein. Der Boden ist mit einer dicken Schicht verwesender Tierhaare bedeckt, die aus den Häuten gefallen sind. Das Leichenfeld erstreckt sich noch um die Ecke, tiefer in den Stollen hinein.

Ich versuche zu realisieren, was ich sehe.

Dann realisiere ich es. Ich schieße schnell ein (leider sehr unscharfes) Foto, und flüchte in die frische Luft. Schlecht wird mir erst hinterher, als ich die Bilder im Kopf Revue passieren lasse und darüber nachdenke, in was für einer Verwesungsorgie ich gerade gestanden bin. Zwar in dicken Schuhen, mit Kappe, Handschuhen, Jacke, aber doch mitten drin. Diese Schweine.

Ich zähle ein paar Dinge jetzt zusammen, und somit bleibt der Hintergrund dieser Killing Fields für Jagdwild im letzten Sinne Spekulation. Aber vor etwa zwei Jahren kam ich im Dezember in der selben Ecke, einige Kilometer weiter nördlich, an einer Jagdhütte der staatlichen Forstbehörde vorbei. Direkt dahinter die Trichter und Gräben der deutschen zweiten Linie. Auch diese Gräben waren voller Tierschädel. Und Fell.

Wer erschießt Tiere, um sie danach einfach in den Wald zum Vergammeln zu werfen?

Es gibt seit Jahren das Gerücht, dass Wildbret aus der roten Zone so hoch mit Giftrückständen aus dem Krieg belastet ist, dass man es eigentlich nicht essen darf. Kann Spuren von Sprengstoff und Senfgas enthalten und ist ab 200 Gramm Wildschweingulasch krebserregend. Weiterhin hört man (und erlebt es im Herbst in diesen Wäldern auch), dass dennoch Wild geschossen wird und auf dem europäischen Wildfleischmarkt landet. So ein Forengerücht aus obskuren Weltkriegsforen.

Keine, keine waidmännische Idee der westlichen Welt aber kann es rechtfertigen, die Kadaver der erlegten Tiere einfach irgendwo hin zu schmeißen und sie verfaulen zu lassen. Selbst wenn man aufgrund irgend einer forstwirtschaftlichen Doktrin das Fleisch nicht verwerten, aber auf das Totschießen auch nicht verzichten kann, so gibt es in zivilisierten Ländern Tierverwertungsanstalten, die Körper entsorgen. Aber in ein Loch im Wald schmeißen, das hat kein Lebewesen verdient, liebe Jäger. Wo bleibt euer Respekt vor der Natur. Oder der Respekt vor den Poilus, die in diesem Dreckloch von Krieg vier Jahre saßen, Frankreich verteidigten, die man immer noch gerne auf Stelltafeln zu Helden macht, die diesen Stollen gruben, um dem deutschen Granatenhagel zu entgehen. Ehrt man ihr Andenken, indem man ihre Unterstände zum Mülleimer für überschüssige Jagderfolge macht?

Ihr seid das Widerlichste, dem man je eine Flinte in die Hand gedrückt hat. Möge euch der Gott der Wälder mit andauernder Ladehemmung in Waffe und Hose strafen.

Nachdem ich mir nun das von der Seele geschrieben habe, wurde mein Tag besser. Ich finde mein Auto, fahre an die richtige Stelle, bekomme mein Mittagessen herunter. Am Nachmittag finde ich eine kleine, enge Schlucht, in die einiges heruntergefallen ist. Ein ziemlich großer Kochkessel, ein vollständig erhaltener Grabenschild, darüber thront ein offener Bunker, in dem sogar noch die Halterung für das MG 08/15 erhalten ist. (Wer jetzt findet, dass das ein ziemlich lustiger Name für ein Maschinengewehr ist, der google mal die Herkunft des Ausdrucks, etwas sei „08/15“)

Gerade als ich in der Schlucht herumstreune raschelt es links von mir. Ein Rehkitz stakst unbeholfen und mit einem ängstlichen Blick auf mich den Hang hinauf. Ein Rehkitz! Das erste, das ich in freier Wildbahn sehe. Sofort überkommt mich Reue. „Ich wollte dich nicht stören, hätte ich gewusst, dass du hier auf die Mama wartest, wäre ich woanders hin.„, so führe ich das innere Zwiegespräch mit dem kleinen Tier. Ganz schön weich, für einen alten Zyniker. Darüber hinaus wundere ich mich, ich dachte immer Kitze lägen im hohen Gras, an Waldrändern, auf Blumenwiesen, und in dem feuchten Loch hier gibt es eigentlich nur viele junge Bäume. Aber vor allem ein Gedanke drängte sich mir auf.

Wer bringt es fertig, auf so etwas zu schießen?

Rainy Days

Viel zu viele Tage, seit das alles losging.

Man hat das Gefühl, dass sich viel normalisiert. Obwohl natürlich weder das Virus aus der Welt ist noch der Impfstoff einsatzbereit, fängt an vielen Ecken und Enden das Otto-Normal-Deutschland wieder zu atmen an. Leute schicken Bilder aus dem Ostsee-Urlaub, man trifft sich im Restaurant, die erste Meldung der Tagesschau ist nicht immer automatisch corona-bezogen. Die Kanzlerin schätzt die Lage als so weit im Griff ein, dass jetzt die kleinen Provinzfürst*innen auch mal ein bisschen mit Corona spielen dürfen und den guten alten heiligen römischen Flickenteppich deutscher Nationen in gewohnter Weise (Profilneu)Rosen treiben lassen.

Nur im Bereich der Kultur, da ist alles beim Alten. Kulturbetriebe, und nicht Schlachthöfe, scheinen die gefährlichsten Hotspots in einer Pandemie zu sein bzw. die Luxuskirsche auf dem Kuchen, auf die man noch lange verzichten kann, bevor nicht die Mehlschicht aus Dieselindustrie, Gastronomie und Ganztagsbetreuung wieder fest verbacken und tragfähig wirkt. Seit einiger Zeit dürfte man wieder proben, lange hat man aber hier in meiner Ecke darauf gewartet, dass irgend jemand die Hygienebedingungen für solche Aktivitäten mal definiert. Seit gestern sind sie raus: Bei Proben für Aufführungen haben Theater einen Abstand von 6 Metern auf der Bühne zwischen Akteuren einzuhalten, für jedes Ensemblemitglied sei ein Platzbedarf von 20 Quadratmetern im Haus einzuplanen.

Na, dann führen wir doch mal einen unserer größten Kulturschätze auf, war ja lange genug dunkel im Zimmer unserer Dichter und Denker*innen: „Die Räuber“ von einem Akzentgenossen Namens Schiller gilt ja geradezu als Gründungsstück unseres Nationalgedankens.

Maximilian, regierender Graf von Moor 20m2
Seine Söhne:
Karl 20m2
Franz 20m2
Amalia von Edelreich 20m2
Libertiner, nachher Banditen
Spiegelberg 20m2
Schweizer 20m2
Grimm 20m2
Razmann 20m2
Schufterle 20m2
Roller 20m2
Kosinsky 20m2
Schwarz 20m2
Hermann, Bastard von einem Edelmann 20m2
Daniel, Hausknecht des Grafen von Moor 20m2
Pastor Moser 20m2
Ein Pater 20m2
Räuberbande & Nebenpersonen 60m2 (wir haben beschlossen, dass drei Komparsen für die Darstellung dieser Rollen reichen müssen)

Macht einen Platzbedarf von 380 m2 für die Proben und Aufführungen unseres imaginären Theaters, wohlgemerkt hinter der Bühne, denn im Zuschauersaal oder im Foyer halten sich Schauspieler*innen ja normalerweise nicht auf. Zum Höhepunkt der Handlung, im 5. Akt, haben wir alle 12 Personen auf der Bühne, mit 6 Meter Abstand zu allen anderen Akteuren sollten wir mit einer 216 m2 großen Bühne also einigermaßen hinkommen. Natürlich dürfen alle Morde im Stück aus den erwähnten Gründen nur mit Schusswaffen geschehen, Erwürgen und Erdolchen ist streng zu unterbinden. Wir könnten jetzt natürlich verschiedene Gebote der Verordnung lockerer nehmen, wenn wir auf „expressives“ Sprechen verzichten. Wie sehr man aber lockern dürfte und ab wie viel Dezibel jemand expressiv spricht, dafür fehlen natürlich konkrete Anhaltspunkte. Leider spielen wir ein Stück voller Stürmer und Dränger, die sind oft laut und emotional.

Update: Verdammt, ich habe die Applausordnung am Ende vergessen! Wie konnte mir das nur passieren. Da müsste ich natürlich alle Akteure im Stück in einer Reihe aufstellen, mit Abstand, das macht also eine notwendige vordere Bühnenkante von 114 Metern. Und dann jubelt das Publikum womöglich auch noch. Expressiv. Also lieber doch nicht aufführen.

Schade.

Fassungslos macht mich nicht die Tatsache, dass die Betriebserlaubnis für Bühnen von jeglichem konkreten Handeln eines Theaters so weit entfernt ist, wie eine Chromosomenstudie von einem Sexualakt, sondern dass man tatsächlich irgendwo irgendjemand einige Tage bezahlt hat, um das alles auszuformulieren. Man hätte die Person einfach kurz in zwei Minuten „Sprechtheater geht halt einfach nicht!“ tippen lassen können und ihn die restliche Zeit die Toiletten im Stuttgarter Staatstheater desinfizieren lassen können oder in einen Zuschauerraum Plexiglaswände schrauben. Damit wäre seine Entlohnung wenigstens einem gesellschaftlich sinnvollen Zwecke zugeführt.

Warum gehe ich automatisch davon aus, dass realitätsferner Wahnsinn von einem Mann stammen muss?

Vielleicht weil einem die Welt das vorlebt. Bolsonaro, Johnson, Putin, Trump sind leuchtende Zeichen, dass Realitätsbeugung und Faktenignoranz mit männlichen Genomen und ergrautem Haar einher zu gehen zu scheinen. Eventuell Jean-Marie le Pen könnte man als Ausnahme von der Regel unter diese Kerle einreihen. Natürlich ist es gefährlich gegen die Herrschaft der rassistisch-militaristischen alten Männer zu demonstrieren, immerhin könnte sich so der Virus wieder schneller verbreiten. Allerdings ist es eventuell noch viel gefährlicher, eine dunkle Hautfarbe zu haben. Oder diese Leute noch mehr Wahlerfolge einfahren zu lassen.

Ich persönlich habe viel mehr Angst vor Rechtspoulisten als vor dem Virus.

Denn ich befürchte, auch aus der Erfahrung der Geschichte heraus, dass diese Männer in viel kürzerer Zeit viel mehr Menschen umbringen können, als das Virus. Wir können es uns gar nicht leisten, ihre Gewalt, ihren Rassismus, ihren Hass auf Homosexuelle, ihren religiös verbrämten Irrationalismus, ihre strukturelle Verlogenheit, ihren Antihumanismus, ihre Verbrämung jeder menschenfreundlichen Handlung als „linksradikal“ unwidersprochen zu lassen und nein, Solidaritätsbanner auf der Homepage werden sie nicht groß aufhalten. Leider.

Wir leben in einer Zeit, in der unsere kulturelle Identität aus Webergrill, Dieselprämie und Geisterspielen besteht. Alles gedanklich Tiefere, das Deutsche sein, Europäer*in sein, ausmacht, ist uns eine verzichtbare Kirsche auf einem recht drögen Kuchen. Wir leben in einer Zeit, in der diese höhere Tiefe unseres kulturellen Erbes unsere einzige und schärfste Waffe gegen genau diese Typen wäre, die die Welt immer in ein Trümmerfeld verwandeln werden, wenn man ihnen die Steuerräder überlässt. Zeit, dass die schweigende Mehrheit der Anständigen ihre Stimme erhebt.

Auf der angenehmen Seite des Lebens habe ich endlich den Gaming-Table eingeweiht, und es funktionierte ganz wunderbar. Ich habe mich nicht mal gefragt, ob jetzt drei Haushalte in einer privaten Wohnung eigentlich wieder drin sind oder nicht. Wir waren jedenfalls weniger als 10. Auf der Bühne liegt jetzt schon seit letzter Woche der neue Tanzboden, eigentlich ist das Ding für eine Amateurarbeit ganz schick geworden. Das neue Material scheint etwas empfindlich zu sein, leider. Aber insgesamt kann ich jetzt von mir sagen, dass ich einmal im Leben eigenhändig eine Theaterbühne gebaut habe, und jetzt ist sie fertig. Und ich habe mir todesmutig für nächste Woche eine Ferienwohnung in Verdun genommen. Weil Mitte Mai mir mein Innenminister versprochen hatte, dass er mit seinen europäischen Amtskollegen eine Grenzöffnung zum 15.06. schon aushandeln werde.

Um diese Ankündigung ist es still geworden.

Wirklich, wirklich ankotzen würde es mich, wenn ich auch im Sommer hier in Kartoffelland herumhängen müsste. Und ich verstehe wieder nicht, warum jeder Deutsche Strand wieder aufmachen durfte, jeder Freizeitpark eine Sondergenehmigung hat, jede Spielhalle in geschlossenen Räumen den Rubel rollen lässt, aber die Idee von Europa nach wie vor darnieder liegt. Denn das Problem liegt ja nicht im Grenzübertritt, sondern wie man im Land verhindert, dass sich die Touris zusammenballen und expressiv miteinander Sprechen.

Mit mir hätte man da kein Problem. Ich würde da rumhängen wo keiner ist und hätte vermutlich in dieser Woche sogar eher weniger Sozialkontakte als hier. Sogar deutlich weniger. Aber vermutlich darf ich schon wieder mal eine Buchung stornieren.

Macht also Ischgl dicht, aber die Grenze auf.

Update 2: Es sieht im Moment in den Nachrichten so aus, als könnte ich am Montag über den Rhein rüber. Ein offenes Europa haben sie nicht hinbekommen, aber immerhin: Frankreich ist im Paket mit dabei. Ürra!

Update 3: Gerade gibt es unendliche Verwirrung im Netz, ob die Grenzen jetzt irgendwann am 15. Juni aufgemacht werden oder doch erst am 16.06. um 00.01. Verschiedene Portale melden Verschiedenes, fröhliches Terminkuddelmuddel zwischen journalistischen und staatlichen Plattformen, europäisches Krisenmanagement in einer Präzsion und mit dem Willen zur Gemeinsamkeit, wie man es kennt. Aber sicher ist es für die Reproduktionszahl von entscheidender Bedeutung, ob nun die Reisefreiheit 24 Stunden später oder früher wieder hergestellt wird. Diverse Anrainer-Gemeinden in Baden wollen jedenfalls auf alle Fälle am Montag schon mal feiern, mit Maskenpflicht und selbst mitgebrachten Getränken. Bin gespannt wie die Polizisten auf beiden Seiten dieser bekackten imaginären Linie durch unsere Landkarte auf die heranziehenden Festzüge am 15.06. reagieren. Eventuell ja wie am griechisch-türkischen Menschenfangzaun? Ach, nee, sind ja meistens Weiße, auf die darf man ja nicht einfach schießen um Grenzen zu verteidigen …

Muss ich erwähnen, dass mich das Hin und Her ankotzt? Nee, muss ich nicht.

Update 4: Jetzt also doch. Nachdem sich alle Beteiligten offenbar noch einmal darüber unterhalten haben, was sie mit dem Ausdruck „Grenzkontrollen bis zum 15. Juni“ denn os genau meinten, scheint die Grenze nach Frankreich in beide Richtungen ab Mitternacht auf. Uffz, das war ja schwierig. Na dann, Auto ist gepackt. Endlich wieder raus.

Ba-Ba-Ba Bye Corona! (..?)

Tag 73 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 65 nach der Schließung der Clubs, Tag 69 nach der Schließung der Grenzen.

Ich glaube es nicht. Ich stehe in der Königsstraße und sie wimmelt von Leuten. „Wie im Frieden …“ geht mir durch den Kopf, so Vierzigerjahre-Aussprüche setzen sich in einem Hinstorikerhirn irgendwie mit der Zeit fest. Es ist ein unglaublich schwüler Freitag Nachmittag in der Stuttgarter Innenstadt, die Menschen wimmeln mit Einkaufs- und Eiscremetüten durcheinander, dicht an dicht, kein Polizeihubschrauber schwebt darüber, um mit Megafon und Tränengaspistole die Masse auseinander zu treiben. Abstandsregel Ade.

Für eine Sekunde habe ich das Gefühl, die Pandemie sei nur ein böser Traum gewesen oder ein schlechtes Open-World-Szenario.

Dann fällt mir auf, dass das Ameisengewühl vor den Läden seine Maske aufzieht, weil man ja sonst nicht hinein darf, und es dort im Vergleich zur Straße relativ leer bleibt. Ah, doch, es war Realität. Auch im Schlossgarten, den ich als nächstes durchquere, das selbe unwirkliche Bild: alles sieht aus wie im Mai 2019, Leute liegen auf der Wiese, trinken Sixpacks, Hunde rennen umher, Radfahrer klingeln sich herrisch durch die Massen, Frisbees fliegen … Ich bin verabredet zum ersten Restaurantbesuch seit die Ankunft die Seuche in mein Bewusstsein drang und ich finde den Anblick atemberaubend. Irgend etwas zwischen völligem Wahnsinn und Befreiung.

Ein paar Dinge im Infektionsgeschehen gehen ja schon länger über mein sehr eingrenzbares naturwissenschaftliches Weltbild: Warum höllenländliche Fuchs-und-Hase-Landkreise wie Greiz oder Reutlingen auf der Infektionskarte dunkelrot sind und dichtgepackte Großstädte gerade mal hellgrau, dafür haben eventuell die Virologen eine Erklärung, ich aber nicht. Müsste nicht die höhere Dichte an Menschen pro Quadratkilometer zu mehr Infektionen mit schwerem Verlauf führen? Auch andere Fragen kommen in den letzten Tagen auf. Warum müssen Theater noch geschlossen sein, aber Indoor-Spielplätze haben irgendwo in Deutschland auf? Warum hat NRW Bayern als unsympathischstes Bundesland abgelöst, was ist aus dem alten Ruhrpott-Charme geworden? Warum haben die Deutschen am Anfang der Krise auf Balkonen geklatscht und Regenbogen in die Fenster geklebt, und jetzt, wo es besser wird, klicken sie auf Ken-Jebsen-Videos? Warum ist die Königsstraße auf, aber die Grenze immer noch dicht? Warum spuckt die Infektionsstatistik für Großbritannien gestern keinen Wert aus, war das Fax kaputt? Wieso ging mein Sabbatical so grausam schief? Will mir einen höhere Macht sagen, dass ich meinen Platz im Hamsterrad nicht zu verlassen habe? Warum müssen die Kellner im Café A Masken tragen, in Café B offensichtlich nicht?

Fragen. Wozu überhaupt. Hinnehmen wäre schmerzfreier.

Eventuell setzt sich der Trend der letzten paar Jahre, als Teil des Rechtsstaat gegen das geltende Recht mit einem Schulterzucken zu verstoßen, jetzt ja bis nach unten fort. Wenn Alexander Bellen in Österreich bis weit über die Sperrstunde hinaus in der Wirtschaft hocken bleibt, wenn dieser Kumpel von Boris Johnson mit Coronainfektion ausgedehnte Englandreisen unternimmt, wenn Christian Lindner weißrussische Diktatorenfreunde vor Luxusrestaurants ohne Maske umarmt, wenn das Luftfahrtbundesamt anstatt EU-Fluggastrechte durchzusetzen lieber auf Kommunikationsverbote für Mitarbeiter setzt, wenn der Baden-Württembergische Datenschutzbeauftragte vor vier Wochen schreibt, man würde Office 365 gerade prüfen, aber danach nie wieder etwas unternimmt, dann finde ich die Schlussfolgerung, dass ich mich als einfacher Bürger auch an den ganzen Scheiß nicht mehr halten muss, leider naheliegend.

Fische stinken immer vom Kopf her und die Welt fühlt sich gerade ein wenig an wie eine vergessene Kiste voll Beifang.

Gar nicht stinken tun ein paar Stunden später meine ersten in der Wirtschaft bestellten Kässpätzle seit dem Lockdown, es fehlt nur ein wenig Salz, aber hey: draußen, an einem Gasthaus-Tisch sitzen, in den Abend blicken, neues Bier bestellen, Passierenden hinterher schauen – wie ist das schön. Was habe ich das vermisst. So, dass ich das mit den Bieren gleich ein wenig übertreibe, und dann gibt diese Kellnerin, die jemand am Tisch vom Studium her bekannt ist, auch noch Schnäpse aus. Danach war ich wohl ziemlich lustig.

Na, wenigstens das mal wieder. Ansonsten ist nämlich meine Grundstimmung nach wie vor eher gedrückt und vom Gefühl des Verlustes geprägt. Die kostbar und hart angesparte Zeit, sie rinnt mir unwiederbringlich durch die Finger, und das macht mich fertig. Wenn es gut läuft, schaffe ich es mich abzulenken, zum Beispiel mit dem Bau eines neuen Gamingrechners. Aber immer dann im Leben, wenn ich gegen Dinge machtlos bin, werde ich wütend und frustriert, und gerade kann ich halt mit allen Mitteln, die mir so einfallen, wenig an der mauen Lage ändern. Und daran, dass sich für mich Deutschland wie ein Gefängnis anfühlt, obwohl es natürlich keins ist.

Ich neige überhaupt nicht zu depressiven Stimmungen, aber ich war ihnen nie näher.

Überhaupt: erinnert ihr euch noch? Erinnert ihr euch noch, als auf Twitter pro Tag sieben symbolische Solidaritätsaktionen auf Balkonen organisiert wurden? Wie drei mal in der Woche im Briefkasten ein Zettel von jemand lag, der für einen Einkaufen gehen wolle, im Fall dass man alt und alleinstehend sei? Als wir im Supermarkt beängstigt auf leere Nudel- und Klorollenregale starrten? Als Politik und Föderalismus aus purer Ernstheit der Lage sich einigermaßen einig waren? Als sie kurz auf Wissenschaftler hörten? Als man ständig mit Leuten skypte? Als man in den Wald zum Spazieren ging, weil man Angst vor einem Lockdown wie in Italien hatte? Als einem die Leere, und nicht die Vollgepacktheit der Einkaufsstraßen unwirklich vorkam? Als alle Promis tägliche You-Tube-Features online stellten? Kommt einem lange her vor, oder?

Jetzt ist fast alles wieder beim Alten, was auch vor der Krise schon richtig schlecht war: Die EU hat wenig Relevanz, asoziale Konservative machen nationale Politik gegen das Gemeinschaftswohl, sowohl Kultur als auch Bildung haben Prio 798 auf der Liste (Fußball Prio 2) und fette Diesel-SUVs bleiben das, was halbautomatische Sturmgewehre in den USA sind: eine gefährliche Religion, der aber alle wichtigen Leute anhängen. Über dem Ganzen schwebt das Damoklesschwert der zweiten Welle, an die viele nicht mehr glauben, die aber wohl verheerend wäre, wenn sie käme. Ob sich die Politik ein zweites Mal gegen die Forderungen der Wirtschaft, alles aufzulassen, stemmen könnte? Weg mit diesen finsteren Szenarien, sehen wir die positive Seiten der Dinge: ich habe wieder einen Haarschnitt, einen neuen Gamingrechner und ich war mal wieder Essen.

Klinge ich etwa bitter?

Cannstatt als Gehege

Tag 66 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 58 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 63 nach der Schließung der Grenzen, Tag 61 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 54 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln, Tag 28 nach der Wiederöffnung der kleinen Geschäfte, Tag 12 nach der kleinen Lockerungswelle.

Echt? Schon so viele Tage?

Ich habe lange nicht mehr geschrieben, sondern nur … ein paar seltsame Texte eingelesen. Es gibt ja auch nichts mehr zu erzählen, nichts, was man nicht schon erzählt hätte. Schwupp, schon sitze ich vor der Tastatur und sinniere eine Minute lang, wie ich nun weiter schreiben soll. Sieht man dem Blog später nicht an, ist aber so passiert.

Das Schlimme ist, dass sich in unseren Leben nicht mehr viel ereignet.

Noch immer gammele ich in der Woche viel in Arbeitsklamotten im verwaisten Bühnenraum des KKT herum und bastle an der gewaltigen Aktion „Bühne-neu“ herum. Es ist ziemlich weit gediehen, die Deckplatten liegen nun auf den Unterbalken und sind fest, die neue Bühne ist tatsächlich sehr, sehr leise geworden. Jetzt kommt der neue Tanzboden darauf, dazu braucht man aber mindestens zwei Bastler. Weil ich offensichtlich in meinem Leben noch nicht genug schraube, oder zu große Dinge, habe ich mir nebenher die Komponenten für einen neuen Zocker-Rechner bestellt und schraube die jetzt, wenn ich daheim bin, auch zusammen. Stilsicheres Gehäuse, das vorgeschlagene aus schwarzem Plastik war aus, für ein paar Euro mehr gab es den Bruder in grau und mit Sichtscheibe. Allerdings stellte sich heraus, dass „grau“ gebürsteter Stahl bedeutet und das Sichtfenster aus echtem Glas ist. Damit ist die Optik des neuen Datenknechtes ziemlich edel, sein Gewicht allerdings beachtlich. Das wird kein Schlepptop, gut dass die Zeiten der LAN-Parties vorbei sind, wo man den Rechner noch regelmäßig in einen Kofferraum wuchten musste.

Schade, dass die Zeiten der LAN-Partys vorbei sind. Reisefreiheit und Veranstaltungen.

Die nächste gute Nachricht: Nächste Woche darf ich zum Friseur. Juhu! Irgendwie erinnert das an Omas Kriegsgeschichten (die sie nie erzählte, weil sie ja pro-Nazi war, aber dennoch): Der Friseurbesuch und die erste Badewanne nach dem Einmarsch der Amerikaner waren wohl echte Höhepunkte. Wir fühlen’s nun ein wenig nach.

Das Leben in Bad Cannstatt hat übrigens einige Vorteile: ziemlich gut funktionierender multikultureller Stadtteil, schöne Lage zwischen Neckarufer und Kesselblick, so etwas wie ein Rest Altstadt im ansonsten schön B17-geglätteten Stuttgart-Zentrum. Bad Cannstatt („Bäd Cänstatt“, „Bi-Szi“, „Kann“) hat aber einen schweren Nachteil, sozusagen einen Nachteil von quadratmeilengroßen Ausmaßen: Den Wasen.

Ursprünglich im 19. Jahrhundert eine Wiese am Neckar, von irgendeinem progressiven Jungkönig der Württemberger dazu ausersehen, zur Behebung der Hungersnöte Anfang des 19. Jahrhunderts als Ort für landwirtschaftliche Lehrveranstaltungen für rückständige schwäbische Bauern zu dienen, heute eine große planierte und gekieste Wunde im Stadtgebiet. Ich glaube die Planung seit den frühen 80ern sieht vor, dass der Wasen eine Art Quarantänezone für den gefährlich dummen Teil der Bevölkerung im Umkreis von 100 km ist.

Sehen kann man das zweimal im Jahr, im Herbst beim klassischen „Wasen“ (Mir ganget auf dr Waasa, komsch mit? Mir hend an Disch em Zelt!“), und, weil das verdiensttechnisch für Wirte und Schausteller eine gute zweite Jahreshälfte bedeutet, beim sogenannten „Frühlingsfes(ch)t.“ Rituell aufgerichtet, als unwiderstehliches Signal an die Herde der austauschbaren Existenzen in den umliegenden Dörfern, werden ein bis zwei weithin sichtbare Riesenräder, und dann strömen sie mit der S-Bahn aus den Landgemeinden ins Zentrum der Nation, die Vollidiot*innen von nah und noch leider nicht weit genug. Erkennbar am Karoshirt und am Polyester-Dirndl, damit beim Herumtanzen auf der Bierbank die Möpse heraushüpfen können. Weiß der Stoiber, wer irgendwann um 1995 herum angefangen hat, den Wasen mit dem Oktoberfest zu verwechseln, bei den Mid-Twenties im kaufmännischen Gewerbe aus den Landgemeinden ist pseudo-alpenländisches Outfit jetzt inzwischen „Tradition.“ Das Alpenland als Gegenkonzept zum Abendland. Sie haben einen Platz „im Zelt“, dort herrscht Trinkzwang, sie sind zwei Stunden später rotzebesoffen, kacken sich bewusstlos in die Trachtenhose, Kotzen die Kiesflächen voll oder versuchen der massenhaft eingesetzten Security vor den Zelten auf die Fresse zu hauen. Nach Einbruch der Dunkelheit heulen auf dem Festplatz permanent die Sirenen der Rettungsfahrzeuge. Die Karohemd-Dirndl-Menschen verseuchen leider Cannstadt, bis sie die S-Bahn wieder mit vollgekotzten Zügen, in denen randalliert wird, auf ihre Dörfer außerhalb des Kessels fährt.

OK, der Wasen ist immer noch ein Versammlungsort für rückständige schwäbische Bauern.

(Sorry an alle klugen und kultivierten Landwirt*innen da draußen.)

Neuerdings bricht eine neue Welle der eingehegten Deppen über mein schönes Viertel herein: Der Wasen als coronasicherer Ort für Gegendemos. Es ist mir ernsthaft peinlich, dass die größte Versammlung dieser Spezies in Deutschland mit dem Namen meines Wohnorts verbunden ist. Die Bilder von gestern können einen gruseln: Schwäbelnde Wutbürger, die vor 10 Jahren noch gegen Stuttgart 21 protestiert haben, Alien-Überzeugte und knallharte Nazis gröhlen zu einem Stelldichein der Deutschen You-Tube-Verschwörungstheoretiker*innen. Man muss nicht Heinrich Heine sein, um die Ironie mitzubekommen, dass ausgerechnet Hardcore-Rechtsextreme plötzlich für Freiheit und Bürgerrechte demonstrieren. Spätestens an der Stelle sollte denkenden und/oder nicht-extremistischen Demonstrationsteilnehmer*innen auffallen, dass mit dem Publikum bei den Protesten etwas nicht in Ordnung ist. Wenn man sie jetzt noch alle zum Bier trinken zwingen würde, dann wären diese Demos ein Zombieapokalypse-Zerrbild der Wasensaison. Ohne Trachten, dafür mit Handgranaten-T-shirts.

Zugegeben: Ja, ich habe meine Probleme damit, wie schnell unsere Freiheiten cancelbar waren / offensichtlich sind.

Aber diese unheilige Allianz von allem, was Deutschland zu einem zweifelhaften Identitätskonstrukt macht, ist fast noch schlimmer als die Seuche an sich. Ende der Solidarität, die Anfangs der Krise herbei geredet wurde, jetzt zeigt sich, dass diese Gesellschaft nie zerissener und gespaltener war, als 2020. Die Gegenbewegung zur europäischen Geistesgeschichte ist ungebrochen, riesig und aktiv, die barbarischen Horden kommen eben nicht aus den Tiefen der östlichen Steppe, sondern schon immer aus dem Rems-Murr-Kreis oder ähnlichen Neubausiedlungsflächen.

Sorry Rems-Murr-Kreis.

So, und nun? Man kann ja nicht mal mehr vor seinen Zeitgenossen fliehen, wie noch Anfangs des Jahres. Man kann nur da sitzen und den Kopf schütteln. Sobald die Zahlen es zulassen, braucht dieser Kontinent Gegendemos für Demokratie, Europa und Humanistische Ideale.

Aber wie immer wird die schweigende, nicht-radikale Masse zuhause sitzen bleiben und lieber auf Netflix die nächste Staffel von „The Mandalorian“ weiter schauen.

Ja! Ja! Ja! (Nein)

Tag 46 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 38 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 43 nach der Schließung der Grenzen, Tag 41 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 34 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln, Tag 8 nach der Wiederöffnung der kleinen Geschäfte.

Ich stehe vor einem weißen Berg, dem legendären Kilimandscharo, dem sagenhaften Cibola mit seinen goldenen Dächern, dem Moby Dick der Corona-Krise: vor mir im Supermarkt türmen sich gigantische Paletten, Frachtgutmengen, LKW-Ladungen von … Klopapier. Die Hamsterkrise ist vorbei, die Begegnung mit dem überreichlichen Toilettenbedarfs-Angebot hat etwas Beruhigendes, Normalisierendes. Im Regal gibt’s noch mehr. Wir wussten immer, dass unsere Produktionskapazitäten sich nicht durch ein paar Kaufrausch-Gorillas in die Knie zwingen lassen. Alles eine Frage der Zeit, bis wir die Panik-Raffer wieder einholen, jetzt gibt’s wieder Kack-Pappe in der Familienpackung und im Sonderangebot, auch die Hefe wird bald zurückkehren. Juhu.

ich wünsche mir ein bisschen bei dem Anblick, dass sich all die Mitbürger, die vor vier Wochen Klopapier, Nudeln und Flüssigseife in Einkaufswagen geschmissen haben, als wären es Banknotenbündel, sich noch ziemlich lange echt dumm und zurückgeblieben fühlen. Am besten ihr ganzes restliches Leben lang. Meinen vor geraumer Zeit ergatterten Vier-Rollen-Vorrat habe ich jedenfalls noch nicht angebrochen, ich lebe noch immer von der letzten Rolle Vorkrisenpapier.

Wo ist dieser Monat hin? Was war mit dem April? Er schlich sich mit der monotonen Eintönigkeit eines langjährigen Zuchthausinsassen durch mein Leben, unauffällig, wie einer, der lebenslänglich sitzt, und der den Wärtern beim im Kreis Schlurfen über den Gefängnishof gar nicht mehr auffällt. Es war doch erst kürzlich der erste, an dem die üblichen Netz-Aprilscherze fast allesamt abgesagt wurden, jetzt ist gleich schon Tag der Arbeit. Ohne Arbeit für viele. Die Ausgangsbeschränkungen halten schon gefühlt ewig an, deshalb rast unsere Lebenszeit unbemerkt an uns vorbei. Und zieht sich dabei.

Gefühlt war der ganze April ein einziger Sonnennachmittag. Gärten und Wälder trocken wie ein in der Wüste verschollener Trinker. Der Klimawandel lässt sich nicht aufhalten, er verwandelt norddeutsche Moore in Asche und brandenburgische Äcker in Staubwolken. Vor einem Jahr haben die Klagen der Agrarwirtschaft bei genau der selben Wetterlage die Nachrichten bis zum Rand gefüllt, im Moment ist die „Dürrekatastrophe“ in der Landwirtschaft und der Natur eine Fußnote. Die Legende vom Frosch auf der Herdplatte trifft halt leider bei unserer Spezies voll und ganz zu, weil die Erwärmung der Erde Millionen Leute über Jahre verteilt töten wird, und das Virus eben in ein paar Tagen, haben wir vor dem einen Angst und dem anderen eben nicht, so einfach ist der Mensch, Bildung hin oder her, gegen seine psychologische Programmierung kann er eben nicht an, dann heißt’s halt sterben. Oder auf Ziegen und Hirse umstellen, lieber brandenburgischer Großbauer.

Täglich rauschen die selben Durchsagen durch Politik und Medien. Sie sind für alle zum liebgewordenen Ritual geworden, das gibt Halt in unsicheren Zeiten: Die Krise dauert noch ewig, die zweite Welle wird womöglich schlimmer, wer zu schnell lockert riskiert alles, wir können unsere Politik nicht nur den Virologen überlassen, die wirtschaftlichen Kosten sind höher als der Verlust an Menschenleben, denkt denn keiner an die Kinder, öffnet endlich die Kitas, seid nicht zu vorschnell, Masken können Infektionsrisiken senken, selbstgenähte Masken sind ohne messbare Wirkung, Masken mit FFP-Klassifizierung sind bevölkerungsdeckend nicht zu besorgen, es gibt keine Maskenpflicht nur eine Mund-Nase-Bedeckungspflicht, es gibt keinen Lockdown nur eine Ausgangsbeschränkung, Modell Schweden, Anti-Modell USA, Modell USA, Anti-Modell Schweden, Donald Trump und Desinfektionsmittelspritzen, der Föderalismus lässt grüßen, Fußball ist wichtig für die Menschen in Deutschland, Armin Laschet, Armin Laschet, Armin Laschet.

Ich kann’s kaum noch hören und greife mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden nach jeder Brexit-Berichterstattung, die ich kriegen kann.

Ach ja, der jüngste Spiegel hat sich auf Lehrer eingeschossen, die mit den aktuellen Widersprüchen zwischen Verordnungslage und Online-Zwang hadern. Sie sind nun, kurz zusammengefasst, technikfeindliche „Luschen“, die sich hinter dem „Datenschutz verstecken“ und ihre Beamtengehälter faul verprassen. Ich finde dafür darf man ruhigen Gewissens die jüngste technikfeindliche Printausgabe der Bild-Zeitung-mit-Spiegel-Logo zusammenrollen und sie den betreffenden Journalist*innen dreimal hart auf den Kopf hauen. Politisch motivierte Dummheit darf auch mal wehtun, vor allem, wenn man sie verschriftlicht und veröffentlicht.

Was mich durch die Tage rettet ist die ehrenamtliche Arbeit im KKT, die mir beinahe einen geregelten Berufsalltag verschafft. Das Projekt, die Bühne ein bisschen gegen Schall zu dämmen, hat sich in eine Großbaustelle verwandelt. Ich bin froh drum. So kann ich an den meisten Tagen gegen 9.30 Uhr ins KKT rollern, bekomme einen Kaffee und dann geht es an Kreissäge, Trennscheibe oder Akkuschrauber. Ich habe nette Menschen um mich, eine FFP-klassifizierte Staubschutzmaske griffbereit und eine Flex in der Hand. Das bringt mich bis jetzt ganz gut durch diese Zeit, von mir aus kann der Neuaufbau der Bühne noch bis August dauern. Denn das Epic Empires wurde jetzt auch abgesagt, nix mit LARP 2020.

Letzte Woche bin ich auf dem Weg den Kessel runter vom Tretroller gestürzt. Jetzt habe ich ein blaues Knie und eine kaum noch spürbare Rippenprellung. Mitte vierzig vom Roller stürzen und einfach weiterfahren können ist ein beruhigendes Gefühl.

Wenn ich nicht Balken zusäge dann zocke ich mich Abends durch den neuesten Teil der Metro-Reihe und bekomme feuchte Augen, wenn ich durch postapokalyptische Wolga-Dörfer ziehe und englisches Voice-Acting mit russischem Akzent höre. Am Freitag wäre mein Ticket von Kasan nach St-Petersburg gültig gewesen, mein Visum läuft im Mai ab. Iskender schreibt mir, die Suche wäre auf staatliche Anweisung hin abgeblasen, sie versuchen es jetzt auf August zu verschieben. Lustig, wenn der russische Staat etwas per Anweisung verbietet, hört sich das für uns hier immer irgendwie undemokratisch an, oder?

Im August hätte ich noch Zeit. Falls die Krise je endet.

Ein Gedanke geht mir seit dem Wochenende immer wieder durch den Kopf. Werden nach dieser bitteren Zeit die Alten den Jungen ein bisschen dankbar sein? Ich meine, die Jugend verzichtet gerade der älteren Generation zuliebe auf ziemlich viel: z. B. Bildung, Jobs und Demonstrationsrecht. Wird der weißhaarige Wasserkopf unserer Bevölkerung nach der COVID-19-Krise in seinem Altersstarrsinn ein wenig zurückstecken? Werden die Alten der Zukunft Europas beim Thema Diesel, CO2, Immigration und Internet-Urheberrecht endlich mal entgegenkommen, weil diese Generation jetzt auf noch mehr verzichtet, als sie ohnehin für den Wohlstand der gegenwärtigen Alten zukünftig schon verzichten muss, um schwerpunktmäßig den Alten das Leben zu retten? Oder wird das Gezeter, das Gekeife, das AfD-Gewähle, sobald man den Impfstoff in der Vene hat, einfach wieder aufgenommen?

Ich bin in meiner Erwartungshaltung bezüglich der Dankbarkeit von etablierten Gruppen ja immer pessimistisch. Preisfrage: Was sind fünf graumelierte, weißhäutige, ältere Männer und eine Frau? Antwort: eine Krisen-Expertenkommission. Das *innen kann man sich hier sparen.

P.S.: Beim Bildbearbeiten merke ich: Der Klopapierberg kommt aus Italien. Irgendwie ironisch.

Galleonen ohne Quadcore

Tag 39 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 38 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 36 nach der Schließung der Grenzen, Tag 34 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 27 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln, Tag 1 nach der Wiederöffnung der kleinen Geschäfte.

Letzte Woche klingelt mein Festnetz. Es ist das Forstverwaltungsamt Nordwürttemberg, ein junger Mann mit afrikanischem Akzent, ein Herr Mowambo, er versucht mich seit Tagen dringend zu erreichen. Erst befürchte ich meine spontane Reaktivierung zur Verteidigung des Vaterlandes, aber dann ist es nur ein fehlender Antrag.

Der obige Absatz ist aus Gründen der Erträglichkeit gelogen. Es war natürlich nicht das Forstverwaltungsamt, sondern meine personalführende Dienstbehörde. Und die Staatdiener*in am anderen Ende war nicht männlich, nicht jung und der Nachname und der deutliche Akzent machten einen Migrationshintergrund eher unwahrscheinlich. Leider. Aber da ich Klischees verabscheue, noch dazu wenn sie politisch unkorrekt sind, und es noch mehr verabscheue, wenn Menschen ein Klischee erfüllen, möchte ich im Interesse der ideengeschichtlichen Bloghygiene weiter lügen, in der Gestalt, es habe sich um das Forstverwaltungsamt, genauer gesagt, um einen jungen Deutsch-Afrikaner mit Namen Mowambo gehandelt.

Herr Mowambo stellte fest, dass mein Stellenwirksamer Änderungsantrag („Stewi“) zur Wiederaufnahme meines Dienstes im September noch fehle, genauer gesagt der Umfang meiner Wiederbeschäftigung. Ob ich den bitte ganz schnell unter folgender Adresse einstellen könne? Ja, auch wenn sich an meinem Wunsch nach Vollbeschäftigung seit 2006 nichts geändert habe, mein Freistellungsjahr sei ja bereits eine relevante Änderung, also müsse ich meinen ununterbrochen gültigen Wunsch nach voller Beschäftigung ganz schnell neu äußern. Seit Januar.

Während dieser Erklärung hatte ich bereits das mir genannte Internetportal geöffnet und versucht mich einzuloggen. Herr Mowambo schien diese Geschwindigkeit meiner Reaktion etwas aus dem Konzept zu bringen. Da meinen Versuchen, Zugang zum Online-Antragsportal zu erhalten, kein Erfolg beschienen war, erkundigte ich mich übermotiviert, seit wann das Portal denn in dieser Form bestehe, ob ich beim Launch bereits eine offizielle Dienstadresse besessen habe, oder ob die Behörde by default alle Beschäftigten als User angelegt habe, denn weder meine Dienst-Email noch meine Privatadresse führten zu einem Login.

Ich hätte wohl die Wendung „by default“ nicht verwenden sollen. Ich glaube, ab da war Herr Mowambo überfordert. Ich könne ihm ja auch einfach schnell eine Email mit meinem Wunschdeputat schicken. Tout suite, sehr gerne, aber: formlos? Oder sei ein amtliches Formular für Herrn Mowambos weiteren Arbeitsprozess unabdingbar? An dieser Stelle beginnt mir Herr Mowambo zu erklären, was eine Email ist. Ich frage mich kurz, ob es nun sehr unverschämt wäre, Herrn Mowambo im Gegenzug zu erklären, dass das Wort „Systemadministrator“ sich vom griechischen „aus mehreren Teilen bestehend“ und dem lateinischen Verb für „ausführen“ ableitet, und beantworte meine eigene Frage mit „Ja.“ Immerhin ist das Forstwirtschaftsamt Nordwürttemberg eine vorgesetzte Dienstbehörde. Stattdessen hake ich nach: Genügt die Email formlos? Ja, in dieser Notsituation (ich vermute Herr Mowambo verknüpft meinen Fall mit der herrschenden Pandemie) sei sicherlich ein formloser Antrag zunächst einmal ausreichend. Während ich das Gespräch höflich beende, tippe ich schon eine Email mit folgendem Kerninhalt: Ich – wieder – 25 – Stunden.

Ich verwette eine Tasse Lumbumba darauf, dass das Webformular nicht nachgefordert werden wird.

Dieser kleine Zwischenfall scheint mir wahnsinnig typisch dafür zu sein, wie gerade mit der Idee der Digitalisierung des Staates (und der Schule) umgegangen wird. Als Schlagwort, als hölzerner Pappkamerad, schön bunt angemalt, aber ohne Substanz und Leben. Weil das System selbst von Menschen gelebt wird, die einfach keinen Fuß in die digitale Welt bekommen oder sie nie wirklich betreten wollten.

Ich habe schon an anderer Stelle über diesen grotesken Spagat zwischen politischer Reklame und faktischer Inhaltsleere in diesem Bereich geschrieben. Aber gerade die Coronakrise mit ihrer endlosen Beleuchtung von Online-Unterricht bringt mich dazu, den dummen Witz, der dahinter steckt, immer wieder zu wälzen, und einfach nicht zu verstehen, warum eine Gesellschaft diese Widersprüche nicht aufdeckt, ja nicht einmal ent-deckt. Jeder nimmt das Gelaber für bare Münze.

Ich rede nicht von dem jetzt wirklich sehr, sehr oft journalistisch nacherzählten Narrativ, dass nichts den persönlichen Kontakt ersetzen könne oder dass E-Learning ein Privileg für reiche Kinder sei. Das ist trivial, das ist einleuchtend, das ist völlig richtig, dass haben wir jetzt auch so langsam verstanden. Ändern wird es hier sowieso keiner, zu teuer.

Ich rede von dem unglaublichen Paradigmenwechsel der letzten Wochen, der die Gestalter von digitalen Möglichkeiten im Staat eigentlich unangenehmen Fragen aussetzen müsste. Oder kurz: Wie man eigene jahrelange Prinzipien im Handstreich für irrelevant und Fake entlarven kann, ohne dass jemand im Publikum zuckt.

Zu verklausuliert? Machen wir’s konkret. Sehen wir uns die digitale Welt einer Schule vor dem März 2020 an: DSGVO, blablabla, bloß-kein-nicht-EU-Server, blablabla, Genehmigung-der-Eltern-aber-schriftlich, blablabla, auch-eine-IP-Adresse-ist-personenbezogener-Datensatz, blablabla, Datenschutz-ist-europäisches-Menschenrecht, blablabla, leider-Fall-für-die-Staatsanwaltschaft, blablabla, Verfahrensverzeichnis, blablabla, Strafen bis zu 200.000 €, blablablbalbla Genehmigung-zur-Nutzung-eines-privaten-Datenverarbeitungsendgerätes-zu-dienstlichen-Zwecken, blubber, blablablblblbla, bbll lmaa.

Ich kann hunderte Verordnungsseiten aus dem Leitzordner hinter mir ziehen, die dieses, nun im Nachhinein (entschuldigung) „Geseier“, in Endlosigkeit reproduzieren. Bis hin zu dem Ergebnis, dass eigentlich digital in der Schule gar nix ging oder nur mit absurd hohem Verwaltungs- und Dokumentation-Aufwand.

Sehen wir uns die digitale Bildungs-Welt im April 2020, wenige Wochen später an: Tausende Lehrer*innen skypen mit ihren Schüler*innen. Ja richtig, in Sperrschrift: S k y p e. M i c r o s o f t. Nix-EU-Server. Unzählige Whatsapp-Gruppen für den Online-Schulbetrieb schießen aus dem Boden. Haben die alle notwendigen Genehmigungen? Ach so, ist ja egal, die Verordnungslage verböte ja ein Facebook-Produkt eigentlich in jedem Fall. „Verböte:“ Der Konjuktiv als handlungsleitendes Element. Schulleiter twittern stolz, sie hätten nun einen MS-Classroom eingerichtet. Vollzugsmeldungslust einer Dienststellenleitung, stolz verkündet, ab jetzt für immer jederzeit im Netz nachlesbar und beweiskräftig gesichert, für die Klageschrift des Anwalts. MS. Classroom. Meine armen arbeitenden Kolleg*innen mussten heute eine MS-Teams-Fortbildung über sich ergehen lassen. Und ganz sicher sind die Millionen Smartphones, Tablets, Macbooks, Laptops und Desktop-PCs, die jetzt aus Privatwohnungen heraus von den Kolleg*innen eingesetzt werden, auch mit allem Drum und Dran beim Land als astreine Dienstrechner registriert. Logo. Sicher. Rechtlich sauber.

Und die Datenschutzbehörden? Sind auf dem Rückzug. Na ja, nennen wir’s ungeordneter Zusammenbruch. Die Hamburger Datenschutzbehörde bezog medial Riesenprügel, weil sie Whatsapp im Schuleinsatz verboten haben soll. Die zwangsweise eingespielten Daten der Bürger*innen seien auf der Plattform wohl eher nicht so sicher. Nein, war nur ein Vorschlag an die Schulen. Ein bescheidener Hinweis. Ein unsachgemäßer Zwischenruf einer bis dato wichtigen Behörde. Aber das ist vorbei. Tut uns sehr leid.

Nicht falsch verstehen: Die Quasi-Einschränkung der digitalen Bürger*innenrechte von Schüler*innen und Schülern ist im Kanon der anderen Beschränkungen in dieser Notsituation nur ein kleines Zwischenspiel auf dem Proszenium der eigentlichen Hauptbühne. Und dass die DSGVO, und alles, was damit kam, die großen Konzerne und Geheimdienste beim Ausspionieren nie auch nur kratzte, dafür aber Vereine und Schulen vor unlösbare Aufgaben stellte, auch das ist leider wohl wahr. Und machte das Gesetzeswerk schon von Anfang an zweifelhaft und realitätsfremd.

Was mich fertig macht ist, dass ein System, dass seit 2016 unermüdlich den Datenschutzvorschriftklepper geritten hat, das Millionen in Gesetzgebungsverfahren, Fortbildungsveranstaltungen und Powerpointpräsentationen gesteckt hat, nun einfach so tut, als habe es das alles nie gegeben.

Da kann man schon mal den Respekt verlieren.

Wenigstens hätte man die DSGVO, den „Netzbrief 2018“ und wie der Schotter alles hieß offiziell für die Zeit der Schulschließungen aussetzen können. Zur Rettung der eigenen Würde. Und wenn man ein bisschen im Netz herumgooglet (ich glaube so viel digitale Welt schafft auch Herr Mowambo) stellt man fest, dass das bayerische Kultusministerium auf seiner Homepage das andeutungsweise tut. Sehr schwammig und undeutlich.

Nur nebenbei: NRW nervt als Bundesland gerade mehr als Bayern. Hätte ich vorher auch nicht geglaubt.

Gerade war in der Tagesschau ein junger Chemie-Doktorant zu sehen, dessen Promotion irgendwie in Richtung digitaler Chemieunterricht gehen soll. Er frohlockte. Natürlich sei die jetzige Situation für die Student*innen keine gute, aber wenigstens könne er nun diverse Dinge ausprobieren. „Ohne dass ich mich an alle Regeln halten muss.“ Vielleicht meinte er auch nur Sicherheitsregeln bei explosiven oder giftigen Gemischen. Aber es schien mir trotzdem ein passender Kommentar zur neuen digitalen Großwetterlage.

Warum habe ich Idiot bis jetzt versucht die Regeln ernstzunehmen? Und: muss ich das in Zukunft auch bei den geltenden Regelungen zu Geschwindigkeitsbegrenzungen, Drogenhandel und Banküberfällen nicht mehr tun? Oder ist das genau so relativ und situative Verhandlungsmasse wie das Thema Datenschutz an Schulen? Also Drogenhandel und Bankraub wären zumindest finanziell attraktiv.

Ich befürchte, dass wir aus der Krise mit einem gefallenen Datenschutz gehen werden, aber mit funktionierenden automatischen Uploadfiltern. Schöne neue Welt.

Aber: es gibt noch ein größeres Problem. Die Forstverwaltungsämter und unsere 16 Staatsekretariate für Waldwesen, ja sogar das Bundesministerium der staatlichen Holzwirtschaft bestehen, so fürchte ich, aus ziemlich vielen Herrn Mowambos. Die Email kann man mit dieser Frontmannschaft tadellos erklären. Alle danach erfolgten Entwicklungen sind aber eventuell für das Gros des Offizierskorps im mausgrauen Kostüm schwierig zu durchdringen.

Das Projekt „Digitalisierung der Schule“ (vielleicht das Staates) ist das Projekt, einen viktorianischen Dampfer zu digitalisieren, dessen Achterkajüte von einer barocken Galleone stammt und zu dessen Durchführung keine Mittel bereitgestellt wurden. Nach der Rettung der Wirtschaft noch viel weniger als je zuvor. Prophezeiung Ende.

Eine Stuttgarter Schule bittet gerade übrigens händeringend um die Spende von gebrauchten Laptops für ihre Schüler*innen. Damit die online lernen können. Wenn Sie einen übrig haben: Spenden sie ruhig. An diesem Widerspruch wird sich vermutlich nichts mehr ändern, bis das Barock in Pension geht und das 19. Jahrhundert die Brücke an sich reißt.

In einem Land vor unserer Zeit

Tag 33 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 32 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 30 nach der Schließung der Grenzen, Tag 28 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 21 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Langsam dümpelt das Vorschiff auf der schwachen Dünung. Hinter mir blubbert grollend der Motor, während ich auf den sandigen Grund der Bucht starre, um eventuelle gefährliche Felsen auszurufen. Das Wasser ist glasklar, man erkennt Sandflächen, Seegrasflecken, rotgraue Steine. Auf meinem Nacken brennt die griechische Sonne, während ich mich mit einer Hand an der Saling festhalte, mit der anderen startbereit die Ankerfernbedienung halte. Vom Land weht ein leichter Wind, er trägt einen Duft nach Piniennadeln, heißen Steinen und warmen Stränden herüber. Meine Lippen schmecken nach Salz. Ich drehe mich zum Skipper am Steuer um und brülle durch den Motor und den schwachen Wind: „Wieviel Kette!?“ Stumm hebt er drei Finger in die Höhe. 30 Meter. Das Kommando „Anker raus“ fällt, die Winde springt auf meinen Knopfdruck mit elektrischem Surren an, die Stahlkette klickert und rasselt, während sie dem Anker folgend ins Wasser der kleinen Bucht rauscht. Noch ein paar Meter. Noch ein paar Meter. Stop. Langsam treibt die Yacht zurück und zieht den Anker straff. Ich stelle den Fuß auf die steif gezogene Kette, prüfe ob der Anker slipt, aber alles bleibt stramm und ohne Erschütterung. „Hält!“. Der Motor verstummt. Plötzlich fällt unendliche Ruhe über das Schiff her, eine Möwe schreit über dem Wasser, Wellen klatschen an bewachsene Steine. Schnell zurück in den Schatten des Sonnensegels über dem Cockpit. Dort gibt es gleich Ankerbier und Nüsschen.

Mir wird unter dem Parka warm, als ich den Hang durch den Wald erklimme. Ich weiche den größeren, stark bremsenden Ansammlungen von Brombeerranken und jungen Bäumen aus und plane eine möglichst gut ersteigbare Schlangenlinie durch den Abhang. Unter meinen ziemlich schmutzigen Wanderstiefeln rascheln trockene Blätter, ab und zu kullern weiße Kalkbrocken unter meinen Sohlen hinweg und rutschen in das kleine Bachtal hinter mir. Dann erreiche ich die obere Kante und ziehe mich an einer jungen, gerade austreibenden Buche nach oben. Noch etwa hundert Meter, dann beginnt laut Karte die vorderste Linie der alten Gräben. Salzige Tropfen stehen unter dem Schweißband meiner Kappe, ich mache den Reißverschluss vom Parka auf und wuchte den Rucksack von der Schulter. Ein Schluck Wasser. Für einen Moment ist da nur das Pochen meines Herzens, während die Früh-Frühjahrs-Sonne durch die hohen Bäume der Argonnen fällt und vor mir lange Schatten auf die trockenen Fichtennadeln zeichnet. Dann erreicht mich die Stimme der tiefen, einsamen Wälder, das leichte Rauschen der Wipfel im Wind, das Konzert zum Winterende, das zahlreiche Vögel aufführen, das nahe Krächzen einer Krähe auf irgendeinem Baum. Das Wasser schmeckt sehr kühl. Ich schnalle den Rucksack wieder fest und gehe weiter. Dann, vor mir ein Knacken, ich zucke. Drei große Rehe springen in etwa 20 Metern Entfernung aus einem Dickicht und flüchten mit wippenden, weißen Schwänzchen. Ich lächele über unsere beiderseitige Schreckhaftigkeit.

Augustsonne, wenigstens gemildert von gelegentlichen Wolken. Der Schweiß läuft mir unter dem Gambeson wie ein kleiner Bach den Rücken herunter. Der schwere Eisenhut hält die Sonne ab, wiegt aber auch gefühlt so viel wie ein Kasten mit Bier. Der Weibel hält eine seiner kleinen, üblichen Ansprachen, ich mache brav mit und juble mit den anderen an den richtigen Stellen. Wir stehen in einer Reihe vor unserer Holzpalisade und warten darauf, dass die letzten Nachzügler eintreffen und es endlich losgeht. Leute aus 16 Bundesländern um mich herum spielen Knechtcharaktere in 32 unwahrscheinlichen deutschen Dialekten. Dann kommt der Befehl zum Aufbruch. Wir bilden Dreierreihen und stapfen auf Ledersohlen über die ansteigende Graswiese hoch zur Straße, die Hellebarden geschultert. An der Straße angekommen stimmen Leute vorne ein Landsknechtlied an. Reihe für Reihe fällt ein, und singt etwas kurzatmig vom Marschieren mit. Links und Rechts von mir sind Menschen sehr nahe, sie riechen ein wenig nach Schweiß und geölten Rüstungsteilen. Wunderbare Vollidioten mit einem wunderbar idiotischen Hobby. Nie war das Leben freier.

Ich blicke am Ostersonntag aus meinem Küchenfenster auf den vor dem Haus parkenden Rettungswagen. Die Sonne strahlt durch unsere Ost-West-Häuserreihe. Zwei Nächte habe ich den Nachbarn unter mir husten gehört, jetzt wird er abgeholt. Etwas ideenlos blicke ich auf die drei Osternester für meinen Bruder und meine beiden Eltern auf meinem nagelneuen, weiß lackierten Wohnzimmertisch. Dann gehe ich erst einmal duschen und mich umziehen. Der letzte Kontakt zu meinem armen Nachbarn ist 5 Tage her, ein kurzes Gespräch vor der Haustür mit gutem Abstand – waren das jetzt zwei Meter oder eher einer? Ich trockne mich ab, mache die Haare und schlüpfe in die zurecht gelegten Klamotten, zum Oster-Kurzbesuch mal ein etwas besseres Hemd. Draußen scheppert die Doppeltüre des Krankenwagen zu. Ich hole die aus meinem Werkzeug stammende Staubschutzmaske hervor, die ich schon vor Tagen in eine Schublade ausgelagert habe, und lege sie neben die Osternester. Der Wagen vor unserem Haus springt an und fährt davon, ohne Horn, das ist an einem frühen Ostersonntag-Morgen in einem ruhigen Wohngebiet auch nicht nötig. Ich starre auf drei Osternester, mein Hemd, die Maske. Ich greife zum Hörer: „Mama, ich komm heute wohl doch nicht …“

Mein altes Leben fängt an sich weit zurückliegend anzufühlen. Der Nacken ist wieder ganz gut. Die Wälder der Argonnen, die Berge des Elsass, die Buchten Griechenlands sind mittlerweile Orte so fern und unerreichbar wie Madeira oder Kasan. Alles, was nicht in Gehweite liegt, ist für uns fern. Ich checke im Netz, ob irgend etwas in der Nähe Kuchen auf die Straße verkauft, online-Rollenspiel fühlt sich inzwischen an wie ein echtes Treffen mit Freunden. Tage in der CORONAtion ziehen recht gleichförmig dahin, meine Wohnung ist meine Welt.

Ich möchte mein altes Leben zurück.

Tastaturnacken als Volkskrankheit

Tag 27 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 26 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 24 nach der Schließung der Grenzen, Tag 22 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 15 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Hinter mir liegt ein ganz normales Coronawochenende. In Borderlands habe ich mich mittlerweile an den Endgamecontent heran geballert und kann mich vor goldenen Waffen, Schilden und Granatenmods kaum noch retten. Daneben gibt es in Battlefield 5 die weekly challenges, die ich meistens abklappere, um am Ende der Season die exklusive Skin freizuschalten. Warum mich als 46-jährigen Mann die Aussicht motiviert, als kleine Japanerin mit zwei Katanas und einem Sonnenbannerstirnband über ein virtuelles Schlachtfeld zu flitzen, weiß der Henker. Oder ein Psychoanalytiker. Die abstrusesten Goals erspare ich mir, verstehe aber nun, warum plötzlich so viele Spieler in kleinen Booten auf dem Wasser sitzen und versuchen, auf dem Land einen Feind zu treffen (sie sind dabei leichte Beute für alle Waffengattungen) oder Flugzeuge seit Kurzem bemüht sind, Gegner zu rammen anstatt sie zu bombardieren, was das Flugzeug schonen würde. Zum Entspannen zwischen dem ganzen Gezocke gibt’s diverse Streamer, die ich mir immer wieder anschaue, Leute die klugen oder witzigen Content ins Netz stellen, um die Krise wenigstens nicht langweilig werden zu lassen. Dazwischen ist noch Online-Pen-und-Paper, wo ich zwischen zwei Monitoren switchen muss, denn auf dem Laptop läuft der Videochat und auf dem großen Rechner die Tabletop-Software. Letztendlich war dann noch meine erste Zoom-Geburtstagsparty, nein, nicht meine, aber in der Konstellation über die Republik hinweg wären die Gäste nie in einem nicht-virtuellen Raum zusammen gekommen. Ein bisschen habe ich auch geschrieben. Und der Blog, ja richtig.

Um es kurz zu machen: Eigentlich hing ich Freitag, Samstag und Sonntag nur vor dem Rechner.

Der Montag morgen empfing mich mit Schwung und Elan – bis ich unter der Dusche stand und dieses extrem unangenehme Ziehen am linken Halsmuskel begann. Gegen Mittag war es so schlimm, dass ich anfing, den ersten Freunden davon zu erzählen. Ich erhalte Yoga-Tipps und die Empfehlung, Wärme auf die Stelle auszuüben. In dem Moment, als ich mit einer zusammengerollten Decke und einem Geschichtslexikon als Nackenklotz auf dem Parkett liegend versuche, die Übungen einer hübschen aber samtweichgespülten Online-Yoga-Lehrerin nachzumachen, weiß ich, dass ich ein Verspannungsproblem habe. Geht ja wohl bis morgen wieder weg, denke ich.

Am Morgen ist es tatsächlich besser – etwa 15 Minuten. Gegen halb neun google ich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach einem Orthopäden in der Nähe. Ich bekomme dem Schicksal sei Dank umgehend einen Termin und humpele mit steifem Oberkörper als Zombie aus der S-Bahn über die Straße. Eine Straße ist echt scheiß-unangenehm, wenn man den Kopf nicht drehen kann. Der Arzt diagnostiziert eine typische Verkrampfung, zuppelt und zappelt an diversen Gliedmaßen, versucht meinen Nacken knacken zu lassen, der nicht knacken will, und spickt mich mit Nadeln. Ich hasse Nadeln, wenn sie im Körper landen.

Allerdings ist es danach wirklich etwas besser. Jetzt habe ich zwei lange Spaziergänge gemacht, mir auf einer Bank im Kurpark mittels Handykamera versucht, ein Wärmepflaster auf den Halsmuskel zu kleben (Teilerfolg), bin an der frischen Luft herumgelaufen (ein paar 100 Meter sogar tatsächlich gelaufen – das schlechte Gewissen) und habe auf Ratschlag meines schwäbelnden Orthopäden „heiße Wickel“ angewendet.

Und ich soll nicht so viel zocken, sagt mein Arzt.

Wer hat eigentlich darüber Statistik geführt, wieviele Tastaturnacken, Bildschirmrücken und Gamepaddaumen diese Krise bereits gefordert hat? Sind wir ehrlich, das Netz ist zur Zeit die einzige Quelle, aus der etwas anderes an Input kommt, als die eigene Wohnung bietet. Ich kann unmöglich der einzige mit dem Problem sein! Der Lockdown rettet mich vor Covid-19, aber ich zahle dafür einen Preis.

Vor 10 Jahren wäre mir / meinem Körper das nicht passiert.

Alt werden ist scheiße. Auf der nationalen Krisenebene haben wir es heute wiederholt mit einer flacheren Infektionskurve als in den vergangenen Tagen zu tun. Das ist zunächst mal schön. Im etwa gleichen Maße, wie Deutschland seine Curve flatten konnte, erheben sich nun die Stimmen, die Lockerungen der Maßnahmen fordern. Armin Laschet, im Maßnahmenverkünden mittlerweile Markus Söder hoffnungslos unterlegen, versucht sich seit neuestem über Exit-Pläne wieder mehr in die Wahrnehmung der Masse zu schieben. Es ist schön zu beobachten, dass auch der wirtschaftsliberale Flügel unserer Nation die Aufhebung der Maßnahmen unter dem Argument fordert, man müsse nun Schaden von „der Gesellschaft“ abwenden. Offensichtlich ist die Hochzeit des Neoliberalismus vorbei, in der man alles unter dem Gesichtspunkt der Schädlichkeit für „die Wirtschaft“ bewerten konnte. Jetzt müssen sie „Gesellschaft“ sagen, wenn sie „Wirtschaft“ meinen. Aber vermutlich waren beide Begriffe für diese Stimmen im Meinungspluralismus ohnehin immer deckungsgleich. Es bleibt spannend: einerseits nimmt der Druck für den Exit täglich zu, andererseits warnen Experten vor dem Beispiel Spanien, wo abflachende Kurven sich als trügerisch erwiesen, und die nächste Infektionswelle bereits wieder rollt.

Die ethischen Fragen sind auch nicht ohne: Ist es gerechtfertigt zum Schutz von älteren, schwer kranken Menschen, die statistisch ohnehin bald sterben würden, zahlreiche Familien in die Erwerbslosigkeit zu steuern? Ist das nicht genau die Gruppe Menschen, in der die populistische Botschaft, Politik dürfe mit „linkem“ Humanismus nichts zu tun haben, auf besonders fruchtbaren Boden fiel?

Kurz bevor die Coronakrise in Deutschland so richtig auf den Ventilator klatschte, saß ich an einem Montagmorgen im Auto auf der langen Fahrt von Norddeutschland ins schöne Schwaben. Für gewöhnlich höre ich auf diesen Fahrten Deutschlandfunk, weil dort nicht Max Giesinger nervt und die Reportagen was taugen. Gegen 10 bestand das Programm aus einer Radiodiskussion zur Situation an der türkisch-griechischen Grenze mit Call-In durch interessierte Zuschauer. Alle hineinrufenden Zuschauer an diesem Morgen waren männlich, hatten vom Alter brüchige Stimmen und bedienten die ganze Twitter-Palette der AfD, ohne dass sich der Moderator bemüßigt fühlte, irgend etwas richtig zu stellen. Einer der gegen jede Hilfe für Geflüchtete anhetzenden Senioren brachte sein Weltbild folgendermaßen zusammengefasst auf den Punkt: Es sei eine deutsche Krankheit, die Politik mit der Humanität zu vermischen, und leider täten das ja nicht mehr nur die Grünen, sondern mittlerweile seien auch die Volksparteien vom schädlichen Gift der Humanität infiziert.

Sollte man diesen alten Herren jetzt nicht beim Wort nehmen?

Von Covid-19 sind vor allem ältere Männer schwer betroffen. Wir würden uns eine Menge Rentenzahlungen sparen, AfD und CDU müssten in ihrer Schwerpunktgeneration ein paar Verluste verkraften und Fridays for Future hätte ein paar Klimarettungsgegner weniger. Viele freie Wohnungen bedeuten Entspannung auf dem Mietenmarkt. Ein lebender Rentner kostet unsere Gesellschaft deutlich mehr, als ein lebender Flüchtling.

Ja ja, natürlich sind diese Gedanken ungeheuerlich und nicht ganz ernst gemeint. Ja ja, man kann nicht eine ganze Generation in Geiselhaft nehmen, nur weil sich eine große Portion in Richtung rechter Flügel aufgemacht hat. Ja ja, es sind auch junge Menschen von Covid-19 betroffen, und Frauen, und die Frauen der Schimpf-Opas rufen so gut wie nie in diesen Radiosendungen an, um ins Telefon zu geifern, das ist vor allem eine Montag-Morgen-Beschäftigung für weißhaarige Männer. Und letztendlich rettet es keinen Flüchtling, wenn wir jetzt diese alten Leute opfern. Und da ist immer noch das arme Klinikpersonal, das traumatisiert werden würde.

Ja ja, ihr habt ja Recht. Und ich bin ja selbst auch nur ein mies gelaunter alternder Mann mit Schmerzen in der Schulter. Aber so als Gedankenspiel …

Die Kneipen offen und alles voller junger Leute. Schöne neue Welt.

Schnaps, Schokolade und Zigaretten

Tag 24 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 23 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 21 nach der Schließung der Grenzen, Tag 19 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 13 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Ok, ich habe wieder Klopapier. Momentaner Stand: sieben Rollen. Yay!

Letzten Dienstag dachte ich kurz, die Hamsterkrise habe sich entschärft, denn es gelang mir im Supermarkt nicht nur zwei Tüten H-Milch zu ergattern, sondern auch einen Viererpack Klopapier. Es lagen noch 5-6 Packungen im ansonsten leeren Regal. Als ich in einem leichten Euphoriezustand der Kassiererin meine Freude über die normalisierenden Verhältnisse ausrücke, antwortet sie mit einem leicht sarkastischen Lächeln: „Na ja, wir haben heute morgen eine Lieferung erhalten. War aber nicht viel.“

Dienstag morgen, gegen halb elf, und die Klopapier-Lieferung geht schon wieder zuneige.

Was mir als Historiker auffällt ist, dass der Deutsche kein überlebensfähiger Organismus ist. Wie der Nationalsozialismus diesen Volksgenossen zur überlegenen Spezies hochbeten konnte, ist mir angesichts des Klopapier-Regals schleierhaft. Mehr noch, es scheint, als wären zahlreiche Lektionen aus den Jahren um 1918 und 1945 wieder in Vergessenheit geraten.

Was den Deutschen durch die Versorgungskrisen brachte, waren immer Schnaps, Schokolade und Zigaretten.

Die Verdreifachung meiner Vorräte, festgehalten im Bild.

Und heute? Wischpapier. Nudeln. Und sogar Toastbrot. Leute, es gibt nichts Verderblicheres und Nährstoffärmeres als Toastbrot. Reiskekse vielleicht noch. Damit überlebt ihr keine Woche. Der Deutsche: Vom Aussterben bedroht, nicht wegen „Islamisierung“ und Emanzipation, wie die Partei mit dem „A“ als Stempel auf der Stirn suggeriert, sondern durch die fixe Volksidee, Klopapier sei die passende Survival-Ausrüstung für einen Endzeitfilm.

Mit Schnaps, Schokolade und Zigaretten konnte man sich im Zusammenbruch des Systems – und sind wir ehrlich, die Hamsterer erwarten dieses Ereignis mit perverser Sehnsucht – immer alles besorgen, ja Schnaps, Schokolade und Zigaretten waren gerade zu die Ersatzwährung in den Zeiten der deutschen Apokalypse. Na gut, auch Auto- und Fahrradreifen gehörten in diese Kategorie, aber die sind schwerer zu lagern.

Habe das Blogschreiben kurz unterbrochen, um Schnaps, Schokolade und Zigaretten auf die Einkaufsliste zu setzen.

Falls die völlige Apokalypse ausbleibt (ich glaube, das wird so sein), kriege ich den Schnaps und die Schoki schon irgendwie weg und die Kippen kann ich den zahlreichen rauchenden Lehrer*innen, die ich kenne, schenken.

Verlassen wir ein wenig diese zynische Witzelei hier, sie klingt ein wenig bitter. Inzwischen stellt sich in der Krise bei mir so etwas wie Alltag ein. Wach werden, Tee kochen, neueste Zahlen checken, Online-Zeitung checken, schauen ob ein paar Leute, denen ich folge, was Neues gepostet haben. Duschen, Was anderes anziehen, als ich zum Schlafen trage. Dann Planung: Was tue ich heute? Haushalt? Zocken? Schreiben? Herumbasteln? Online-Rollenspiel vorbereiten? Damit füllt sich der Tag. Zwischendurch kleine Mittagsmahlzeit, Abends was Ordentliches kochen, Tagesschau. Danach dann erstaunlich oft Videochats mit diversen Gruppen mit diversen Aktivitäten. Einmal die Woche einkaufen.

Oder ich werkel im KKT an Wänden, Böden und Bühne, dann flitze ich gegen 9:30 auf dem Tretroller den Kesselhang hinab und bekomme im KKT-Büro meinen ersten Kaffee. Diese Tage sind dann erfrischende Ausflüge in die Welt der konkreten Materie – mit Menschenkontakt ohne Bildschirmeinsatz, Essensaufnahme in Gesellschaft und körperlicher Arbeit. Nächste Woche steht die Schalldämmung der Unterbühne an, habe ich auch noch nie gemacht, das wird schön. Falls man bis dahin nicht auch das Ehrenamt, wenn es nicht im Gesundheitsdienst stattfindet, als Maßnahme verbieten wird.

Ich habe gestern zum ersten Mal in meinem Leben einen Mitgliedsantrag in einem Verein ausgefüllt und abgeschickt. Wenigstens das hat mein Sabbathjahr gebracht, aber ich finde den Laden sympathisch und unterstützenswert. Dumm gelaufen.

04.04.2020, 9:47: 91.159 Infizierte, 1.275 Tote, 24.575 Gesundete

Von offizieller Seite erhält man nicht viele Aussagen dazu, wie lange wir mit dem neuen Deutschland noch rechnen müssen. Alles, was dazu verlautbart wird, bezieht sich in der Regel auf mangelnde sichere Datengrundlagen oder die ausstehende Evaluation von Maßnahmen. Das Maximum an Vorbereitung der Bevölkerung auf das Kommende ist meistens der Satz, man sei noch „ganz am Anfang“ der Pandemie. Wenn man mal ein wenig Rechenmodelle von Wissenschaftlern und Instituten recherchiert, dann kann man durchaus auf dieser Grundlage zu weiteren Schlüssen kommen, aber zu keinen schönen. Es ist utopisch, dass nach Ostern Deutschland wieder aufmacht. Es ist utopisch zu glauben, man könne Schulen und Freizeitaktivitäten bereits in vier Wochen wieder anlaufen lassen. Dieser Zustand wird so noch sehr lange dauern. Sehr lange.

Mittlerweile gibt es deutlichen Druck im öffentlichen Diskurs, die Maßnahmen zu lockern, vor allem von Seiten der Wirtschaft, aber auch von Bildungspolitikern. Wenn man den viel zitierten Zustand der „Herdenimunität“ von 60 – 70 % der Deutschen erreichen will, dann dauert der Lockdown je nach imunisierter Dunkelziffer auf dieser Reproduktionsrate noch ein bis zwei Jahre. Bei dem, was wir heute über das Virus annehmen. Das würde unsere Gesellschaft, unsere Ökonomie, unser System wohl tatsächlich nicht aushalten können. Die andere Lösung ist, die Reproduktionsrate so zu drücken, dass die Verbreitung des Erregers nahezu zum Erliegen kommt. Modell Wuhan. Die dritte Strategie wäre, die Schleusen zu öffnen und Leichensäcke zu stapeln. Schnell vorbei, viele, viele Tote, womöglich auch die eigenen Eltern.

Modell New York und New York ist erst am Anfang.

Keine schönen Aussichten. Vielleicht will deshalb keiner öffentlich Aussichten diskutieren. Aber man sollte dringend. Denn was mir im Diskurs gerade schmerzlich fehlt, ist die Überlegung, wie man nach dieser Geschichte wieder zurückkommt zu dem, was wir einmal waren. Ob wir wieder sein wollen, was wir einmal waren. Ich fände die Rückkehr des gewohnten Europas extrem wichtig, wir benötigen dringend einen Fahrplan zurück zur freiheitlich-demokratischen Bürgergemeinschaft. Wann immer man den nun starten könnte. Aber gerade die EU erweist sich in dieser Situation als besonders schwach und einflusslos, sie ist geradezu innerhalb von Tagen zu einer zweiten UNO geworden, in der eine hilflose Vorsitzende mit Föhnfrisur es nicht schafft, die Krise wegzulächeln.

Puuuuh, es ist besser sich auf den momentanen Tag zu konzentrieren als in die Zukunft zu blicken. Ich habe ein kleines Schreibprojekt begonnen. Mal sehen, ob ich mich traue, Teile davon mal in den Blog zu stellen. Es ist ziemlich verschroben.

Bis dahin bleibe ich ein alternder Typ ohne Rolemodel, aber mit sieben Rollen Klopapier.

Damit komme ich eine Weile klar.