In einem Land vor unserer Zeit

Tag 33 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 32 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 30 nach der Schließung der Grenzen, Tag 28 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 21 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Langsam dümpelt das Vorschiff auf der schwachen Dünung. Hinter mir blubbert grollend der Motor, während ich auf den sandigen Grund der Bucht starre, um eventuelle gefährliche Felsen auszurufen. Das Wasser ist glasklar, man erkennt Sandflächen, Seegrasflecken, rotgraue Steine. Auf meinem Nacken brennt die griechische Sonne, während ich mich mit einer Hand an der Saling festhalte, mit der anderen startbereit die Ankerfernbedienung halte. Vom Land weht ein leichter Wind, er trägt einen Duft nach Piniennadeln, heißen Steinen und warmen Stränden herüber. Meine Lippen schmecken nach Salz. Ich drehe mich zum Skipper am Steuer um und brülle durch den Motor und den schwachen Wind: „Wieviel Kette!?“ Stumm hebt er drei Finger in die Höhe. 30 Meter. Das Kommando „Anker raus“ fällt, die Winde springt auf meinen Knopfdruck mit elektrischem Surren an, die Stahlkette klickert und rasselt, während sie dem Anker folgend ins Wasser der kleinen Bucht rauscht. Noch ein paar Meter. Noch ein paar Meter. Stop. Langsam treibt die Yacht zurück und zieht den Anker straff. Ich stelle den Fuß auf die steif gezogene Kette, prüfe ob der Anker slipt, aber alles bleibt stramm und ohne Erschütterung. „Hält!“. Der Motor verstummt. Plötzlich fällt unendliche Ruhe über das Schiff her, eine Möwe schreit über dem Wasser, Wellen klatschen an bewachsene Steine. Schnell zurück in den Schatten des Sonnensegels über dem Cockpit. Dort gibt es gleich Ankerbier und Nüsschen.

Mir wird unter dem Parka warm, als ich den Hang durch den Wald erklimme. Ich weiche den größeren, stark bremsenden Ansammlungen von Brombeerranken und jungen Bäumen aus und plane eine möglichst gut ersteigbare Schlangenlinie durch den Abhang. Unter meinen ziemlich schmutzigen Wanderstiefeln rascheln trockene Blätter, ab und zu kullern weiße Kalkbrocken unter meinen Sohlen hinweg und rutschen in das kleine Bachtal hinter mir. Dann erreiche ich die obere Kante und ziehe mich an einer jungen, gerade austreibenden Buche nach oben. Noch etwa hundert Meter, dann beginnt laut Karte die vorderste Linie der alten Gräben. Salzige Tropfen stehen unter dem Schweißband meiner Kappe, ich mache den Reißverschluss vom Parka auf und wuchte den Rucksack von der Schulter. Ein Schluck Wasser. Für einen Moment ist da nur das Pochen meines Herzens, während die Früh-Frühjahrs-Sonne durch die hohen Bäume der Argonnen fällt und vor mir lange Schatten auf die trockenen Fichtennadeln zeichnet. Dann erreicht mich die Stimme der tiefen, einsamen Wälder, das leichte Rauschen der Wipfel im Wind, das Konzert zum Winterende, das zahlreiche Vögel aufführen, das nahe Krächzen einer Krähe auf irgendeinem Baum. Das Wasser schmeckt sehr kühl. Ich schnalle den Rucksack wieder fest und gehe weiter. Dann, vor mir ein Knacken, ich zucke. Drei große Rehe springen in etwa 20 Metern Entfernung aus einem Dickicht und flüchten mit wippenden, weißen Schwänzchen. Ich lächele über unsere beiderseitige Schreckhaftigkeit.

Augustsonne, wenigstens gemildert von gelegentlichen Wolken. Der Schweiß läuft mir unter dem Gambeson wie ein kleiner Bach den Rücken herunter. Der schwere Eisenhut hält die Sonne ab, wiegt aber auch gefühlt so viel wie ein Kasten mit Bier. Der Weibel hält eine seiner kleinen, üblichen Ansprachen, ich mache brav mit und juble mit den anderen an den richtigen Stellen. Wir stehen in einer Reihe vor unserer Holzpalisade und warten darauf, dass die letzten Nachzügler eintreffen und es endlich losgeht. Leute aus 16 Bundesländern um mich herum spielen Knechtcharaktere in 32 unwahrscheinlichen deutschen Dialekten. Dann kommt der Befehl zum Aufbruch. Wir bilden Dreierreihen und stapfen auf Ledersohlen über die ansteigende Graswiese hoch zur Straße, die Hellebarden geschultert. An der Straße angekommen stimmen Leute vorne ein Landsknechtlied an. Reihe für Reihe fällt ein, und singt etwas kurzatmig vom Marschieren mit. Links und Rechts von mir sind Menschen sehr nahe, sie riechen ein wenig nach Schweiß und geölten Rüstungsteilen. Wunderbare Vollidioten mit einem wunderbar idiotischen Hobby. Nie war das Leben freier.

Ich blicke am Ostersonntag aus meinem Küchenfenster auf den vor dem Haus parkenden Rettungswagen. Die Sonne strahlt durch unsere Ost-West-Häuserreihe. Zwei Nächte habe ich den Nachbarn unter mir husten gehört, jetzt wird er abgeholt. Etwas ideenlos blicke ich auf die drei Osternester für meinen Bruder und meine beiden Eltern auf meinem nagelneuen, weiß lackierten Wohnzimmertisch. Dann gehe ich erst einmal duschen und mich umziehen. Der letzte Kontakt zu meinem armen Nachbarn ist 5 Tage her, ein kurzes Gespräch vor der Haustür mit gutem Abstand – waren das jetzt zwei Meter oder eher einer? Ich trockne mich ab, mache die Haare und schlüpfe in die zurecht gelegten Klamotten, zum Oster-Kurzbesuch mal ein etwas besseres Hemd. Draußen scheppert die Doppeltüre des Krankenwagen zu. Ich hole die aus meinem Werkzeug stammende Staubschutzmaske hervor, die ich schon vor Tagen in eine Schublade ausgelagert habe, und lege sie neben die Osternester. Der Wagen vor unserem Haus springt an und fährt davon, ohne Horn, das ist an einem frühen Ostersonntag-Morgen in einem ruhigen Wohngebiet auch nicht nötig. Ich starre auf drei Osternester, mein Hemd, die Maske. Ich greife zum Hörer: „Mama, ich komm heute wohl doch nicht …“

Mein altes Leben fängt an sich weit zurückliegend anzufühlen. Der Nacken ist wieder ganz gut. Die Wälder der Argonnen, die Berge des Elsass, die Buchten Griechenlands sind mittlerweile Orte so fern und unerreichbar wie Madeira oder Kasan. Alles, was nicht in Gehweite liegt, ist für uns fern. Ich checke im Netz, ob irgend etwas in der Nähe Kuchen auf die Straße verkauft, online-Rollenspiel fühlt sich inzwischen an wie ein echtes Treffen mit Freunden. Tage in der CORONAtion ziehen recht gleichförmig dahin, meine Wohnung ist meine Welt.

Ich möchte mein altes Leben zurück.

Tastaturnacken als Volkskrankheit

Tag 27 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 26 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 24 nach der Schließung der Grenzen, Tag 22 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 15 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Hinter mir liegt ein ganz normales Coronawochenende. In Borderlands habe ich mich mittlerweile an den Endgamecontent heran geballert und kann mich vor goldenen Waffen, Schilden und Granatenmods kaum noch retten. Daneben gibt es in Battlefield 5 die weekly challenges, die ich meistens abklappere, um am Ende der Season die exklusive Skin freizuschalten. Warum mich als 46-jährigen Mann die Aussicht motiviert, als kleine Japanerin mit zwei Katanas und einem Sonnenbannerstirnband über ein virtuelles Schlachtfeld zu flitzen, weiß der Henker. Oder ein Psychoanalytiker. Die abstrusesten Goals erspare ich mir, verstehe aber nun, warum plötzlich so viele Spieler in kleinen Booten auf dem Wasser sitzen und versuchen, auf dem Land einen Feind zu treffen (sie sind dabei leichte Beute für alle Waffengattungen) oder Flugzeuge seit Kurzem bemüht sind, Gegner zu rammen anstatt sie zu bombardieren, was das Flugzeug schonen würde. Zum Entspannen zwischen dem ganzen Gezocke gibt’s diverse Streamer, die ich mir immer wieder anschaue, Leute die klugen oder witzigen Content ins Netz stellen, um die Krise wenigstens nicht langweilig werden zu lassen. Dazwischen ist noch Online-Pen-und-Paper, wo ich zwischen zwei Monitoren switchen muss, denn auf dem Laptop läuft der Videochat und auf dem großen Rechner die Tabletop-Software. Letztendlich war dann noch meine erste Zoom-Geburtstagsparty, nein, nicht meine, aber in der Konstellation über die Republik hinweg wären die Gäste nie in einem nicht-virtuellen Raum zusammen gekommen. Ein bisschen habe ich auch geschrieben. Und der Blog, ja richtig.

Um es kurz zu machen: Eigentlich hing ich Freitag, Samstag und Sonntag nur vor dem Rechner.

Der Montag morgen empfing mich mit Schwung und Elan – bis ich unter der Dusche stand und dieses extrem unangenehme Ziehen am linken Halsmuskel begann. Gegen Mittag war es so schlimm, dass ich anfing, den ersten Freunden davon zu erzählen. Ich erhalte Yoga-Tipps und die Empfehlung, Wärme auf die Stelle auszuüben. In dem Moment, als ich mit einer zusammengerollten Decke und einem Geschichtslexikon als Nackenklotz auf dem Parkett liegend versuche, die Übungen einer hübschen aber samtweichgespülten Online-Yoga-Lehrerin nachzumachen, weiß ich, dass ich ein Verspannungsproblem habe. Geht ja wohl bis morgen wieder weg, denke ich.

Am Morgen ist es tatsächlich besser – etwa 15 Minuten. Gegen halb neun google ich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach einem Orthopäden in der Nähe. Ich bekomme dem Schicksal sei Dank umgehend einen Termin und humpele mit steifem Oberkörper als Zombie aus der S-Bahn über die Straße. Eine Straße ist echt scheiß-unangenehm, wenn man den Kopf nicht drehen kann. Der Arzt diagnostiziert eine typische Verkrampfung, zuppelt und zappelt an diversen Gliedmaßen, versucht meinen Nacken knacken zu lassen, der nicht knacken will, und spickt mich mit Nadeln. Ich hasse Nadeln, wenn sie im Körper landen.

Allerdings ist es danach wirklich etwas besser. Jetzt habe ich zwei lange Spaziergänge gemacht, mir auf einer Bank im Kurpark mittels Handykamera versucht, ein Wärmepflaster auf den Halsmuskel zu kleben (Teilerfolg), bin an der frischen Luft herumgelaufen (ein paar 100 Meter sogar tatsächlich gelaufen – das schlechte Gewissen) und habe auf Ratschlag meines schwäbelnden Orthopäden „heiße Wickel“ angewendet.

Und ich soll nicht so viel zocken, sagt mein Arzt.

Wer hat eigentlich darüber Statistik geführt, wieviele Tastaturnacken, Bildschirmrücken und Gamepaddaumen diese Krise bereits gefordert hat? Sind wir ehrlich, das Netz ist zur Zeit die einzige Quelle, aus der etwas anderes an Input kommt, als die eigene Wohnung bietet. Ich kann unmöglich der einzige mit dem Problem sein! Der Lockdown rettet mich vor Covid-19, aber ich zahle dafür einen Preis.

Vor 10 Jahren wäre mir / meinem Körper das nicht passiert.

Alt werden ist scheiße. Auf der nationalen Krisenebene haben wir es heute wiederholt mit einer flacheren Infektionskurve als in den vergangenen Tagen zu tun. Das ist zunächst mal schön. Im etwa gleichen Maße, wie Deutschland seine Curve flatten konnte, erheben sich nun die Stimmen, die Lockerungen der Maßnahmen fordern. Armin Laschet, im Maßnahmenverkünden mittlerweile Markus Söder hoffnungslos unterlegen, versucht sich seit neuestem über Exit-Pläne wieder mehr in die Wahrnehmung der Masse zu schieben. Es ist schön zu beobachten, dass auch der wirtschaftsliberale Flügel unserer Nation die Aufhebung der Maßnahmen unter dem Argument fordert, man müsse nun Schaden von „der Gesellschaft“ abwenden. Offensichtlich ist die Hochzeit des Neoliberalismus vorbei, in der man alles unter dem Gesichtspunkt der Schädlichkeit für „die Wirtschaft“ bewerten konnte. Jetzt müssen sie „Gesellschaft“ sagen, wenn sie „Wirtschaft“ meinen. Aber vermutlich waren beide Begriffe für diese Stimmen im Meinungspluralismus ohnehin immer deckungsgleich. Es bleibt spannend: einerseits nimmt der Druck für den Exit täglich zu, andererseits warnen Experten vor dem Beispiel Spanien, wo abflachende Kurven sich als trügerisch erwiesen, und die nächste Infektionswelle bereits wieder rollt.

Die ethischen Fragen sind auch nicht ohne: Ist es gerechtfertigt zum Schutz von älteren, schwer kranken Menschen, die statistisch ohnehin bald sterben würden, zahlreiche Familien in die Erwerbslosigkeit zu steuern? Ist das nicht genau die Gruppe Menschen, in der die populistische Botschaft, Politik dürfe mit „linkem“ Humanismus nichts zu tun haben, auf besonders fruchtbaren Boden fiel?

Kurz bevor die Coronakrise in Deutschland so richtig auf den Ventilator klatschte, saß ich an einem Montagmorgen im Auto auf der langen Fahrt von Norddeutschland ins schöne Schwaben. Für gewöhnlich höre ich auf diesen Fahrten Deutschlandfunk, weil dort nicht Max Giesinger nervt und die Reportagen was taugen. Gegen 10 bestand das Programm aus einer Radiodiskussion zur Situation an der türkisch-griechischen Grenze mit Call-In durch interessierte Zuschauer. Alle hineinrufenden Zuschauer an diesem Morgen waren männlich, hatten vom Alter brüchige Stimmen und bedienten die ganze Twitter-Palette der AfD, ohne dass sich der Moderator bemüßigt fühlte, irgend etwas richtig zu stellen. Einer der gegen jede Hilfe für Geflüchtete anhetzenden Senioren brachte sein Weltbild folgendermaßen zusammengefasst auf den Punkt: Es sei eine deutsche Krankheit, die Politik mit der Humanität zu vermischen, und leider täten das ja nicht mehr nur die Grünen, sondern mittlerweile seien auch die Volksparteien vom schädlichen Gift der Humanität infiziert.

Sollte man diesen alten Herren jetzt nicht beim Wort nehmen?

Von Covid-19 sind vor allem ältere Männer schwer betroffen. Wir würden uns eine Menge Rentenzahlungen sparen, AfD und CDU müssten in ihrer Schwerpunktgeneration ein paar Verluste verkraften und Fridays for Future hätte ein paar Klimarettungsgegner weniger. Viele freie Wohnungen bedeuten Entspannung auf dem Mietenmarkt. Ein lebender Rentner kostet unsere Gesellschaft deutlich mehr, als ein lebender Flüchtling.

Ja ja, natürlich sind diese Gedanken ungeheuerlich und nicht ganz ernst gemeint. Ja ja, man kann nicht eine ganze Generation in Geiselhaft nehmen, nur weil sich eine große Portion in Richtung rechter Flügel aufgemacht hat. Ja ja, es sind auch junge Menschen von Covid-19 betroffen, und Frauen, und die Frauen der Schimpf-Opas rufen so gut wie nie in diesen Radiosendungen an, um ins Telefon zu geifern, das ist vor allem eine Montag-Morgen-Beschäftigung für weißhaarige Männer. Und letztendlich rettet es keinen Flüchtling, wenn wir jetzt diese alten Leute opfern. Und da ist immer noch das arme Klinikpersonal, das traumatisiert werden würde.

Ja ja, ihr habt ja Recht. Und ich bin ja selbst auch nur ein mies gelaunter alternder Mann mit Schmerzen in der Schulter. Aber so als Gedankenspiel …

Die Kneipen offen und alles voller junger Leute. Schöne neue Welt.

Schnaps, Schokolade und Zigaretten

Tag 24 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 23 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 21 nach der Schließung der Grenzen, Tag 19 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 13 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Ok, ich habe wieder Klopapier. Momentaner Stand: sieben Rollen. Yay!

Letzten Dienstag dachte ich kurz, die Hamsterkrise habe sich entschärft, denn es gelang mir im Supermarkt nicht nur zwei Tüten H-Milch zu ergattern, sondern auch einen Viererpack Klopapier. Es lagen noch 5-6 Packungen im ansonsten leeren Regal. Als ich in einem leichten Euphoriezustand der Kassiererin meine Freude über die normalisierenden Verhältnisse ausrücke, antwortet sie mit einem leicht sarkastischen Lächeln: „Na ja, wir haben heute morgen eine Lieferung erhalten. War aber nicht viel.“

Dienstag morgen, gegen halb elf, und die Klopapier-Lieferung geht schon wieder zuneige.

Was mir als Historiker auffällt ist, dass der Deutsche kein überlebensfähiger Organismus ist. Wie der Nationalsozialismus diesen Volksgenossen zur überlegenen Spezies hochbeten konnte, ist mir angesichts des Klopapier-Regals schleierhaft. Mehr noch, es scheint, als wären zahlreiche Lektionen aus den Jahren um 1918 und 1945 wieder in Vergessenheit geraten.

Was den Deutschen durch die Versorgungskrisen brachte, waren immer Schnaps, Schokolade und Zigaretten.

Die Verdreifachung meiner Vorräte, festgehalten im Bild.

Und heute? Wischpapier. Nudeln. Und sogar Toastbrot. Leute, es gibt nichts Verderblicheres und Nährstoffärmeres als Toastbrot. Reiskekse vielleicht noch. Damit überlebt ihr keine Woche. Der Deutsche: Vom Aussterben bedroht, nicht wegen „Islamisierung“ und Emanzipation, wie die Partei mit dem „A“ als Stempel auf der Stirn suggeriert, sondern durch die fixe Volksidee, Klopapier sei die passende Survival-Ausrüstung für einen Endzeitfilm.

Mit Schnaps, Schokolade und Zigaretten konnte man sich im Zusammenbruch des Systems – und sind wir ehrlich, die Hamsterer erwarten dieses Ereignis mit perverser Sehnsucht – immer alles besorgen, ja Schnaps, Schokolade und Zigaretten waren gerade zu die Ersatzwährung in den Zeiten der deutschen Apokalypse. Na gut, auch Auto- und Fahrradreifen gehörten in diese Kategorie, aber die sind schwerer zu lagern.

Habe das Blogschreiben kurz unterbrochen, um Schnaps, Schokolade und Zigaretten auf die Einkaufsliste zu setzen.

Falls die völlige Apokalypse ausbleibt (ich glaube, das wird so sein), kriege ich den Schnaps und die Schoki schon irgendwie weg und die Kippen kann ich den zahlreichen rauchenden Lehrer*innen, die ich kenne, schenken.

Verlassen wir ein wenig diese zynische Witzelei hier, sie klingt ein wenig bitter. Inzwischen stellt sich in der Krise bei mir so etwas wie Alltag ein. Wach werden, Tee kochen, neueste Zahlen checken, Online-Zeitung checken, schauen ob ein paar Leute, denen ich folge, was Neues gepostet haben. Duschen, Was anderes anziehen, als ich zum Schlafen trage. Dann Planung: Was tue ich heute? Haushalt? Zocken? Schreiben? Herumbasteln? Online-Rollenspiel vorbereiten? Damit füllt sich der Tag. Zwischendurch kleine Mittagsmahlzeit, Abends was Ordentliches kochen, Tagesschau. Danach dann erstaunlich oft Videochats mit diversen Gruppen mit diversen Aktivitäten. Einmal die Woche einkaufen.

Oder ich werkel im KKT an Wänden, Böden und Bühne, dann flitze ich gegen 9:30 auf dem Tretroller den Kesselhang hinab und bekomme im KKT-Büro meinen ersten Kaffee. Diese Tage sind dann erfrischende Ausflüge in die Welt der konkreten Materie – mit Menschenkontakt ohne Bildschirmeinsatz, Essensaufnahme in Gesellschaft und körperlicher Arbeit. Nächste Woche steht die Schalldämmung der Unterbühne an, habe ich auch noch nie gemacht, das wird schön. Falls man bis dahin nicht auch das Ehrenamt, wenn es nicht im Gesundheitsdienst stattfindet, als Maßnahme verbieten wird.

Ich habe gestern zum ersten Mal in meinem Leben einen Mitgliedsantrag in einem Verein ausgefüllt und abgeschickt. Wenigstens das hat mein Sabbathjahr gebracht, aber ich finde den Laden sympathisch und unterstützenswert. Dumm gelaufen.

04.04.2020, 9:47: 91.159 Infizierte, 1.275 Tote, 24.575 Gesundete

Von offizieller Seite erhält man nicht viele Aussagen dazu, wie lange wir mit dem neuen Deutschland noch rechnen müssen. Alles, was dazu verlautbart wird, bezieht sich in der Regel auf mangelnde sichere Datengrundlagen oder die ausstehende Evaluation von Maßnahmen. Das Maximum an Vorbereitung der Bevölkerung auf das Kommende ist meistens der Satz, man sei noch „ganz am Anfang“ der Pandemie. Wenn man mal ein wenig Rechenmodelle von Wissenschaftlern und Instituten recherchiert, dann kann man durchaus auf dieser Grundlage zu weiteren Schlüssen kommen, aber zu keinen schönen. Es ist utopisch, dass nach Ostern Deutschland wieder aufmacht. Es ist utopisch zu glauben, man könne Schulen und Freizeitaktivitäten bereits in vier Wochen wieder anlaufen lassen. Dieser Zustand wird so noch sehr lange dauern. Sehr lange.

Mittlerweile gibt es deutlichen Druck im öffentlichen Diskurs, die Maßnahmen zu lockern, vor allem von Seiten der Wirtschaft, aber auch von Bildungspolitikern. Wenn man den viel zitierten Zustand der „Herdenimunität“ von 60 – 70 % der Deutschen erreichen will, dann dauert der Lockdown je nach imunisierter Dunkelziffer auf dieser Reproduktionsrate noch ein bis zwei Jahre. Bei dem, was wir heute über das Virus annehmen. Das würde unsere Gesellschaft, unsere Ökonomie, unser System wohl tatsächlich nicht aushalten können. Die andere Lösung ist, die Reproduktionsrate so zu drücken, dass die Verbreitung des Erregers nahezu zum Erliegen kommt. Modell Wuhan. Die dritte Strategie wäre, die Schleusen zu öffnen und Leichensäcke zu stapeln. Schnell vorbei, viele, viele Tote, womöglich auch die eigenen Eltern.

Modell New York und New York ist erst am Anfang.

Keine schönen Aussichten. Vielleicht will deshalb keiner öffentlich Aussichten diskutieren. Aber man sollte dringend. Denn was mir im Diskurs gerade schmerzlich fehlt, ist die Überlegung, wie man nach dieser Geschichte wieder zurückkommt zu dem, was wir einmal waren. Ob wir wieder sein wollen, was wir einmal waren. Ich fände die Rückkehr des gewohnten Europas extrem wichtig, wir benötigen dringend einen Fahrplan zurück zur freiheitlich-demokratischen Bürgergemeinschaft. Wann immer man den nun starten könnte. Aber gerade die EU erweist sich in dieser Situation als besonders schwach und einflusslos, sie ist geradezu innerhalb von Tagen zu einer zweiten UNO geworden, in der eine hilflose Vorsitzende mit Föhnfrisur es nicht schafft, die Krise wegzulächeln.

Puuuuh, es ist besser sich auf den momentanen Tag zu konzentrieren als in die Zukunft zu blicken. Ich habe ein kleines Schreibprojekt begonnen. Mal sehen, ob ich mich traue, Teile davon mal in den Blog zu stellen. Es ist ziemlich verschroben.

Bis dahin bleibe ich ein alternder Typ ohne Rolemodel, aber mit sieben Rollen Klopapier.

Damit komme ich eine Weile klar.

Zoom! Zwitscher! Telegram!

Tag 17 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 16 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 14 nach der Schließung der Grenzen, Tag 13 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 6 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Mein Leben hat sich quasi virtualisiert. Die Anzahl der gleichzeitig nebenher laufenden digitalen Kommunikationsinstrumente auf allen Ebenen des Rezeptionsdreiecks ist ungleich höher als in Friedenszeiten. Mittlerweile beende ich, wenn ich am Rechner gerade nicht gestört werden will, diverse Hintergrundprozesse von „Hallo-hier-bin-ich“-Programmen. Discord empfinde ich als besonders aufdringliches Exemplar seiner Gattung, das sich bei jedem Hochfahren in den Vordergrund spielt und diverse Gamingmäuse von mir bestätigt haben will. Ja, ich weiß dass ich die Startup-Routine von Windows bearbeiten kann, aber ich finde es befriedigender, das Programm noch während des gierigen Nachfragens mit Hundeblick über den Taskmanager zu erschießen.

Mittlerweile spiele ich per Videochat Rollenspiel (2x), per Netz Koop-Games und habe einen Online-Literaturlesekreis (der hoffentlich noch lange lebt, weil er sehr schön ist). Battlefield hat jeden Donnerstag neue wöchentliche Challenges der aktuellen Season, Jimmy Fallon streamt täglich seine Late Night Show aus dem Wohnzimmer, der Rolling Stone stellt jeden Tag ein Quarantäne-Konzert von bekannten Musiker*innen online, Jan Böhmermann twittert alles zur Krise was klug und/oder witzig ist, archive.org hat mittlerweile 20.000 alte VHS-Kassetten digitalisiert und bietet von Disney-Zeichentrick-Klassikern bis hin zu obskursten Videos glänzende Nerdunterhaltung.

Manchmal glaube ich, dass mein Leben nur noch ein extrem detaillierter Walking-Simulator ist, der eine Lehrerwohnung echt gut in der Unreal-Engine nachgebaut hat. Oder eine weitere seltsame Wendung in der Stanley-Parable. Ok, ich kann schmecken und riechen, das spricht dagegen, dass ich einfach nur Mitte März vergessen habe, die Oculus-Rift abzulegen.

Ich muss morgen wohl dringend mal spazieren gehen.

Man muss natürlich gestehen, dass der Kontakt zu Freunden im Videochat einigermaßen das echte Treffen ersetzt. Natürlich bleibt er ein etwas hilfloser Ersatz. Aber er hilft, sich nicht ganz aus der Welt gefallen zu fühlen.

Ausgleich besorge ich mir beim KKT, das beschlossen hat die Schließung des Spielbetriebs für diverse Renovierungsarbeiten zu nutzen. Wege für ehrenamtliche Tätigkeiten darf man offensichtlich noch zurücklegen. Mein neuestes Werk ist ein neuer Kloboden (lies und sprich: Klo-Boden) aus blauer Kunststofffarbe (drei ef!), der eigentlich ganz hübsch geworden ist. Kloboden kleistern statt Kreml kucken. Super gelaufen.

Ich sollte nicht klagen. Es gibt Leute, die wirklich in der Scheiße stecken. Das betrifft vor allem zahlreiche Künstler*innen, deren verzweifelte Anrufe ich im KKT mit einem Ohr mitbekomme, und die über 300 Euro Soforthilfe froh sind, weil man damit den Kühlschrank erst mal wieder auffüllen kann. Ein wenig zerreißen mir diese Zustände das Herz. Noch übler dran sind diverse deutsche Segler*innen im Ausland, vor allem die, die in der Karibik gestrandet sind, so paradox sich das anhört. In vielen Staaten dürfen sie als Deutsche nicht an Land gehen, auch nicht um sich zu versorgen und im Mai beginnt die potentiell für Yachten tödliche Hurricane-Saison. Flüge zurück gibt es keine, dazu müsste man darüber hinaus das Schiff aufgeben, die Rücksegelung über den Altlantik ist hoch gefährlich, weil man keine Crew einfliegen darf und mit der seglerischen Aufgabe alleine wäre. Während der Deutsche Pauschalurlauber aus seiner Beton-Bumsburg von der Regierung medienwirksam ausgeflogen wird, sitzen diese Leute also wirklich in der Falle. Die Betroffenen haben eine Petition gestartet, die man hier unterstützen kann. 700 Unterstütz*innen in 5 Tagen heißen aber wohl tatsächlich, dass diese Leute der Welt ziemlich egal sind. Wenn ihr helfen wollt: unterzeichnet und teilt die Petition.

Wieder kein fröhlicher Eintrag. Mist.

Probieren wir’s damit:

Du weißt, dass du am Hüttenkoller leidest, wenn …

… du deinen Freunden beim Videochat Chips anbietest.
… du in Betracht ziehst, ein Onlinetutorial für Haareschneiden anzusehen.
… du dich freust, wenn der Boden endlich wieder eingestaubt ist.
… du neuerdings gerne mit den AfD-Nachbarn von Nebenan plauderst.
… der wöchentliche Einkauf bei Rewe nach Freiheit schmeckt.
… eine Schlafanzughose dich kleidungstechnisch durch den Tag bringt.
… du das Gefühl kriegst, von gutem Wetter verspottet zu werden.
… du deinem Staubsaugroboter einen Namen gibst und ihm eine Schüssel mit Milch vorsetzt.
… du auf Youtube nach „corona funny video“ suchst.
… du Freunde um einen pflegeintensiven Garten vor dem Haus neuerdings beneidest.
… du Kinder hast und es nach zwei Tagen bereust jemals diese „Schließt-die-Schulen“-Petitionen gezeichnet zu haben
… du Pressekonferenzen mit Markus Söder plötzlich interessant findest.
… du dir einen Essensplan für die ganze Woche machst und deine Mahlzeiten jeden Tag fünf Minuten auf der Uhr weiter nach vorne wandern.

Wenn alles nicht mehr hilft, kann man sich ja momentan immer noch den Battle zwischen Markus Söder, Armin Laschet und Jens Spahn betrachten, die gegenseitig versuchen als starker Mann aus der Krise hervorzugehen. Popcorn muss jeder selbst mitbringen. Nur wer täglich Maßnahmen vorzuweisen hat, wird am Ende als Sieger der Volksgunst aus der Arena laufen. Ich denke daran, eine Art Punktesystem für die drei zu entwickeln und daraus ein Beat’em up zu basteln. Sperrung einer Kreisstadt: 300 Battlepoints! Maßnahmenkatalog mit Geldbußen: 450 Battlepoints! Jens Spahn kann auch nach Wochen noch keine Schutzausrüstung liefern: – 399 Battlepoints! Jens Spahn ist von einem Meldesystem per Fax aus den Landkreisen abhängig: SÖDER WINS! Get ready for Round 2!“

28.03.2020, 17:08: 53.380 Infizierte, 399 Tote, 6.658 Gesundete.

Hmmm – Zynismus macht die Welt irgendwie nicht heiterer. Na ja, am Ende kommen wir da irgendwie wieder raus. (Also vermutlich fast alle von uns.) Und mein Gott, wird sich dieser erste Tag in Freiheit geil anfühlen. Ich will mich dann unmittelbar mit Leuten zusammenrotten und in der Öffentlichkeit tanzen.

Der schönste Tag des Jahres steht eigentlich jetzt schon fest.

Mit dem Distancing auf Du und Du

Tag 12 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 11 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 9 nach der Schließung der Grenzen, Tag 8 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 1 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Im Moment bin ich nicht mehr groß in der Lage, auf das Schicksal zu fluchen. Der Mensch beginnt sich in den absonderlichsten Situationen zu arrangieren und richtet sich irgendwie ein. Ich schätze mal, das macht uns zur dominanten Spezies auf diesem Planeten.

Natürlich gleich nach dem Virus.

Heute bin ich schon zum zweiten Mal zu einer kleinen Wanderung auf dem Kappelberg aufgebrochen. Früher hätte man mich mit der Aussicht, sinnlos doof einige Stunden durch ein Stück Landschaft zu laufen, ohne Spurensucher-Background, zu einem freundlichen „Nein, Danke“ verleitet. Plötzlich möchte ich die wenigen Dinge, die man außerhalb des Hauses noch tun kann, möglichst genießen, bevor sie eventuell auch noch in der Versenkung verschwinden.

Ich habe dabei mindestens fünf Minuten ein ziemlich unaufmerksames Eichhörnchen beobachtet, dass mich einfach nicht wahrgenommen hat. Von wegen „die übermenschlichen Sinne der Tiere.“ Ich musste nur mucksmäuschenstill auf dem Weg stehen bleiben, und das kleine Rotpüschel wieselte kontinuierlich weiter in meine Richtung, Nase dicht am Boden. Am Schluss saß es zwei Meter über mir auf einem Ast und stieß diese keckernden, glucksenden Rufe aus, die man nur selten von Eichhörnchen zu hören bekommt. Wieso designed die Natur etwas, das in jedem Aspekt so unglaublich niedlich ist, wie das Eichhörnchen, und andererseits dieses blöde Virus? Soll das eine Art Balance sein? Ich könnte nur mit niedlich super.

Man arrangiert sich. Gestern Abend habe ich zum (fast) ersten mal per Skype Rollenspiel betrieben, mit meinen alten Ravensburger Nasen. Es war schön die Leute zu sehen, auch weil man weiß, dass man sich lange nicht mehr im echten Leben zu Gesicht bekommen wird. Wir gehen stark davon aus, dass unser geplantes Treffen im Mai nicht möglich sein wird. Der Stream hatte diverse Probleme, vermutlich weil jetzt jeden Abend halb Deutschland im Netz Filme zieht und Videochats macht. Aber insgesamt ging es und es war möglich, einen unterhaltsamen Rollenspiel-Abend zu verbringen. Mittlerweile habe ich schon die zweite Online-Runde mit den Leuten von der Heinz-Con verabredet, so lange das Netz läuft, ist man nicht alleine.

Physical Distancing statt Social Distancing.

Überhaupt laufen mittlerweile alle Medien-Kanäle hier auf Hochtouren. Auf dem Rechner sind Skype, Discord und Telegram installiert, das Handy scheppert über Whatsapp und Threema. Das Netz ersetzt zunehmend das frühere reale Leben, Freunde werden zu pixeligen Bildern, zu Kontaktanfragen, zu hastig getippten Kurzbotschaften. Stundenweise artet das Einlaufen von Nachrichten auf allen Kanälen fast in Stress aus. Eine gute Freundin beeumelt sich im Chat, weil ich ihr schreibe: „Von all meinen digitalen Peripheriegeräten ist das Handy das langsamste und dümmste.“ Ich finde das eigentlich nen ganz ordentlichen Satz von mir. Ich weiß nicht, was daran so komisch war.

It’s funny cause it’s true.

Hauptsache man hat noch was zu lachen. Ansonsten renoviere ich viel im Kulturverein. Auch da ist natürlich alles abgesagt, aber als Verein mit städtischem Zuschuss ist die Lage nicht ganz so bedrohlich wie für ein Theater. Ich habe schon den neuen Putz an den neuen Türen geweißelt und eine Treppenhauswand in beruhigendem hellgrün gestrichen. Diese Woche mache ich einen Toilettenboden neu (sind keine Fließen, sondern irgend eine Gummifarbe) und wenn die Krise noch lange geht, dann gibt’s noch eine Hintertreppe, die man komplett renovieren könnte. Falls man ehrenamtliches Handwerkeln nicht auch noch untersagt.

23.03.2020, 20:57: 27.289 Infizierte, 115 Tote, 422 Gesundete.

Momentan steigen die Infiziertenzahlen wieder langsamer. Kann mir jemand erklären, warum die John-Hopkins-Universität grob 5.000 Infizierte mehr meldet, als das Robert-Koch-Institut? Auch das weckt nicht gerade Vertrauen. Bis 60-70 % der Deutschen die Krankheit durch haben, das geht dann wohl noch ein bisschen. Länger. Als ihr alle glaubt.

Das Flugbuchungsportal schreibt mir, dass meine Fluggesellschaft nun den Flug am 20. April gecancelled hätte, man würde mir den Betrag gutschreiben, gesonderte Email folgt demnächst. Ich frage mich, ob ich eine Gutschrift aus Mitleid mit der wirtschaftlichen Lage des Flugbuchungsportals akzeptieren soll, oder Schritte in den Weg leiten, damit ich den nicht ganz billigen Flug nach Moskau ausgezahlt bekomme. Andererseits: Wenn die pleite gehen, ist meine Gutschrift vermutlich nichts mehr wert. Außerdem sind Flugbuchungsportale ja auch keine sibirischen Tiger, die für die Welt ein Verlust wären.

Etwas Sorgen macht mir der Zustand der Welt nach der Krise. Also: der mögliche Zustand. Eine Freundin schickt mir ein extrem optimistisches Video eines Wiener Zukunftsforschungsinstituts. Nach der Pandemie werden die Rechten besiegt sein, der CO2-Verbrauch im Griff und die Digitalisierung vollzogen. Der 8 Minuten-Film ist durchzogen mit Stock-Videos von glücklichen Menschen auf Hausdächern, mit optimistischen Elektrobeats unterlegt und von einem sympathischen jungen Schauspieler durchmoderiert. Was dazu führt, dass ich ihm nicht ganz glaube. Ein bisschen wirkt es wie Werbung für Handytarife.

Ich bin gespannt, wo wir / wo ich / wo die Welt in einer Woche, in 10 Wochen, in einem Jahr stehen wird. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass seit 1989/1990 kein solcher Epochenumbruch stattgefunden hat. Hoffentlich bricht es mal wieder ins besser-als-zuvor um.

Tatsächlich aber denke ich: Das wird spannend.

Kornwestheim schlägt Fellbach

Tag 7 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 6 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 4 nach der Schließung der Grenzen, Tag 3 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind.

Noch können wir uns frei bewegen. Genießen wir zumindest das Gefühl, auch wenn ich mich selbst ziemlich an das Haus binden werde. Gestern konnte ich die Hamsterprobleme in den Geschäften mit eigenen Augen und einem leichten Gruseln bestaunen. Auf meinem Zettel standen betont nur die Dinge, die auch in normalen Zeiten fällig geworden wären. Erster Eindruck im Laden: Es gibt genug Zeug zu kaufen. Aber bestimmte Regale sind entsetzlich leer.

Wenn man im Kapitalismus aufgewachsen ist, dann verinnerlicht man das Gesetz von Angebot und Nachfrage, und auch den Teil des Gesetzes, der besagt, dass man Nachfrage beim Kunden erzeugen kann und muss. Mit Werbung und mit einem breiten, attraktiven Angebot. Von allem. Ich kann mich nicht erinnern, jemals auf ein leeres Wurstdosenregal geblickt zu haben. Aber nur die billigen. Die Luxus-Biodosen vom regionalen Anbieter gab’s noch. Halt, doch: Als 1984 Tschernobyl in die Luft flog, da war Milchpulver und Dosennahrung plötzlich knapp. Aber damals ging ich noch nicht selbst in den Supermarkt. Seitdem ist es ein allgemein erwartetes Zeichen der westlichen Welt, dass die Märkte prall gefüllt sind mit einem äußerst breiten Angebot.

Im Moment verfüge ich noch über 3,5 Rollen Klopapier.

Heute sieht es im Laden ein wenig aus, wie in der DDR. Es gibt immer genug, um auf seinen Kalorienbedarf zu kommen, aber man weiß ganz genau, was man mit ziemlicher Sicherheit nicht bekommen wird. Private Seilschaften geben Nachbarn und Freunden Bescheid, wenn es irgendwo unerwartet wieder Südfrüchte Klopapier gibt. Heute mit Whatsap, in der DDR schickte man damals einfach jemand auf Rundreise durch den Bekanntenkreis. Was haben wir uns über dieses Wirtschaftssystem in der Wendezeit lustig gemacht. Klar, dass die Ossis nie Pfirsiche kriegten, bei ihrem völlig bekloppten Wirtschaftssystem. Heute habe ich das Gefühl: Eine Hamsterkrise bring unsere Lieferketten auf den selben Stand, mit anderen Warengruppen.

Gestern versuchte ich aufgrund meiner Erfahrungen im Supermarkt den Lifestream von Julia Klöckner zu verfolgen, scheiterte aber nach 5 Minuten an der Modulation und Rhetorik unserer Ministerin. Ich konnte mich nicht lange genug geistig wach halten. Aber immerhin bekam ich mit, dass die Versorgung mit Kartoffeln gesichert sei, so die Ministerin.

Gute alte Deutsche Traditionen.

„Drohn unsere Feinde noch so viel
Uns mit der Hungersnot Graus
Wir machen die letzte Kartoffel mobil,
Wir Deutschen, wir halten es aus.“

Obiges kleine Propagandegedicht aus dem Jahr 1917, sollte wohl Zuversicht verbreiten: Die Kartoffel ist uns sicher. Vermutlich ist es wohl das misslungenste Kriegspropaganda-Plakat aus Deutscher Hand, das ich kenne. Wenn nun schon die Kartoffeln in den Krieg müssen … das weckte wenig Zuversicht im dritten Kriegsjahr. Übrigens, die Produktion von Kartoffeln war die einzige Agrarleistung, die die NSDAP in ihrer dreizehnjährigen Herrschaft tatsächlich einigermaßen (sehr moderat) steigern konnte. Und wie schallt es so schön in den Nostalgiedokus zum Alltag in der DDR: „Kartöffln hamwer imma gehobt.“ Kartoffelsicherheit ist also unser Signature-Move wenn die Schiffe Lecks bekommen. Kein Spitzname auf uns ist daher passender als „du Kartoffel.“

Mein Problem sind allerdings nicht Kartoffeln, sondern Papiertaschentücher.

Als ich gestern einkaufen ging, hatte ich noch zwei Päckchen im Haus. Als Hausstauballergiker schniefe ich immer ein wenig herum. Taschentücher sind für mich schon irgendwie Komfortzone und die meisten meiner Freunde wissen, dass ich in meiner linken Gesäßtasche nie das Handy, aber immer Taschentücher stecken habe. Taschentücher gab’s gestern nicht mehr. Auch keine Küchenrolle. Die Irren, die jetzt das Einkaufsverhalten der Deutschen dominieren, nehmen das offensichtlich als Ersatz zum Arsch abwischen, falls die 116 Rollen Klopapier in ihren Wohnungen alle werden.

Nach dem Supermarkt fahre ich also zum Drogeriemarkt eine Gemeinde weiter, in einer seltsamen Mischung aus Katastrophentourismus, Zeit-hab-ich-eh und dem festen Willen, auch am Wochenende noch etwas zu schneuzen zu haben. Natürlich bestätigen sich meine Erwartungen. Keine Taschentücher in der Drogeriemarktkette. Nebenan ein Supermarkt: Keine, ich wiederhole; KEINE Taschentücher. Konsterniert fahre ich nach Hause. Der Kapitalismus ist offensichtlich angreifbarer, als er bisher von sich selbst glaubte.

Vor einigen Stunden haben wir den 10.000 bestätigten Infektionsfall hierzulande gemeldet bekommen. Der Ton der Durchsagen wird ernster. Gerade werden in leeren Hallen Notversorgungszentren hochgezogen. Wow. Im Januar haben die Nachrichten-Kommentator*innen das, als es die Chinesen anfingen, noch mit süffisantem Tonfall als Kennzeichen des schlechten Krisenmanagement des chinesischen Apparats angesehen. Der süffisante Tonfall ist jetzt weg. Nun haben wir den zunehmend düsteren Tonfall, man schwört die Bevölkerung darauf ein, dass es bitter wird. Das Robert-Koch-Institut gibt bekannt, dass in zwei bis drei Monaten 10 Millionen Infizierte möglich sein könnten. Auf den Nachrichtenseiten häufen sich inzwischen Berichte von teilweise schwer kranken Leuten, die ihre absurd anmutende Odyssee durch die lokalen Gesundheitssysteme erzählen, um sich auf den Erreger testen zu lassen. Irgendwie zwischen Schilda und Kafka werden sie mit hohem Fieber im Kreis herumgeschickt, Hausarzt, Krankenhaus, Gesundheitsamt, Corona-Zentrum, Hausarzt. Auch in der Pressekonferenz des Instituts werden Bürgermeister*innen und Landrät*innen eindrücklich aufgefordert, die Gesundheitsämter in die Lage zu versetzen, den Erfordernissen der Situation nachzukommen. Die Regierung beweist inzwischen Handlungsfähigkeit, aber die lokalen Behörden scheinen teilweise noch nicht in der Lage zu sein, sich in die Handlungsfähigkeit einzureihen. Das war vor fünf Wochen, als es nur um Anträge, Strafzettel und Baugenehmigungen ging, nicht so tragisch. Jetzt ist es das. Und brandgefährlich.

Am Nachmittag gestern treffe ich mich mit engen Freunden. Man soll ja nicht, aber wir alle haben Sorge, dass man sich lange nicht mehr sieht. Und Freunde machen tatsächlich, dass dieses Gefühl in einem echt seltsamen Film zu sein, ein wenig weg geht. Meine Freunde wetten mit mir, dass man in Kornwestheim noch Taschentücher bekommt. Sie haben Mitleid mit meiner Krise. Ich halte dagegen. Beweise liefern nur die Praxis. Erster Halt, Drogeriemarkt, die selbe Kette wie in Fellbach: Keine Seife, keine Beef-Jerkeys, keine Taschentücher. Daneben: Der Supermarkt: Keine Taschentücher. Aber ich erstehe eine Dose gefüllter Weinblätter. Weil ich’s zum Abendessen lecker fände. Schon triumphiere ich. Der letzte Versuch: Gegenüber ist ein edler Bio-Markt. Und hier: tatsächlich, es gibt noch Taschentücher. Ich widerstehe dem Hamsterdrang, kaufe eine 15er-Packung, betont so wie immer. Weil ich den Hamstern in unser Mitte, Nein, nicht Corona, aber explosionsartigen Dünnschiss bis zum Ende der Krise wünsche.

Kornwestheim 1, Fellbach 0

Der Moderator Jan Böhmermann hat zu Anfang der Hamsterkäufe geäußert, dass beim irrationalen Raffen eventuell eine soziale Komponente zu beobachten sei. Discounter seien heftiger geplündert als teure Anbieter. Da könnte was dran sein, wenn ich meine zugegebenermaßen sehr stichprobenartige Einkaufserlebnisse vergleiche. Böhmermann wurde übrigens für diese Aussage im Netz von Rechten heftig angegriffen. Egal, wir haben andere Probleme, oder?

Das ist bis jetzt ein sehr negativer Eintrag. Es tut mir auch leid, der alte Witz ist weg oder er ist sehr giftig geworden. Es entspricht leider gerade meinem Gefühl. Bis jetzt ging es mir in meinem Freistellungsjahr „fantastisch“, das war völlig ernst gemeint. Gerade fühle ich mich bedrückt und wenig optimistisch.

Heute Abend spricht die Kanzlerin zur Nation. Zum ersten Mal außerhalb von Neujahr.

Kommen wir zu positiven Dingen in diesen Zeiten. Was im Netz gerade passiert, zeigt, dass so etwas wie eine digitale Gesellschaft wächst. Social Distancing über Social Media. Viele Podcaster*innen und Bloger*innen erhöhen ihre Sendefrequenz, um Kontakt, Community und Unterhaltung in der selbst zu gestaltenden Isolation zu bieten. Zahlreiche Künstler*innen aus E und U bieten mangels anderer Möglichkeiten Live-Lesungen, streamen Konzerte oder sind anderweitig öffentlich aktiv. In allen Städten ploppen Freiwilligen-Börsen auf. Möglicherweise ist dieses Online-Netz der Solidarität unter Mitbürgern etwas, was man vorsichtig als Chance aus der Krise bewerten kann. Natürlich muss man nur fünf Minuten Facebook und YouTube-Kommentare aus der Ecke der Hassschergen konsumieren, um mit dem Zweifeln anzufangen, aber für den Moment braucht dieser Blog Optimismus.

Mitmachen ist die Devise. Konsumieren können wir schon gut, aber beim Kommentieren, Content Produzieren, selber aktiv Werden hat der Deutsche im Netz noch große Hemmschwellen. Aber Leute, geht wenigstens in die Lifestreams, macht euch sichtbar, meldet euch auf Freiwilligen-Portalen an. Vermutlich kommen auf jede alleinstehende Oma ohne Kinder diverse hilfswillige Home-Office-Menschen, aber eine Äußerung der Solidarität ist nie vergebens. Und spendet oder crowdfundet die zahlreichen Künstler*innen, die jetzt der Privatinsolvenz ins Gesicht blicken. Um die wird man sich nach der Krise als letztes kümmern. (ok, gut, das stimmt nicht: als vorletztes. Ein Platz vor den Flüchtlingen.) Aber diese Gruppe, der unsere Gesellschaft ganz besonders viel zu verdanken hat, benötigt am dringendsten den Support der zivilen Gemeinschaft. (Stimmt nicht: Am dringendsten brauchen den die Leute im Gesundheitssystem, von denen alle Rettung erhoffen. Aber gleich danach: die Kulturschaffenden.)

Soviel für heute. Bin gespannt, ob meine Kanzlerin mir nachher Optimismus vermittelt.

Surrealer Frühling

Ereignisse rollen manchmal heran wie Diesellokomotiven aus einem Raum-Zeit-Loch. Man sieht sie nicht, bis sie über einem sind. Die Politik handelt mittlerweile ununter-brochen in der Krise, aber uns vorbereitet hat sie nicht. Tag 5 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 4 seit der Schließung aller Kneipen und Clubs in Stuttgart. Weitere Abschaltungen des bisherigen Lebens sind nach dem aktuellen Stand der Stunde wahrscheinlich. Der Blick in die von Märzsonne überflutete Vorfrühlingslandschaft wirkt plötzlich unreal, wie eine schlechte Kulisse für das falsche Theaterstück, deplaziert.

Zeit, dem Blog eine neue Kategorie zu geben.

Unter CORONAtion werde ich in den nächsten Tagen und Wochen versuchen, diese völlig abgefahrene Situation festzuhalten. Warum? Ich fürchte ich habe ohnehin nichts anderes zu tun.

Heute Morgen schnüre ich Wanderstiefel und schmeiße Käsestückchen und Gurkensticks in den kleinen Rucksack (natürlich in ner Dose, klar). Die Sonne lacht und ich möchte unbedingt noch einmal die Freiheit der Natur genießen, bevor das eventuell auch noch außerhalb meiner Möglichkeiten steht. Beim Bäcker auf der anderen Straßenseite kaufe ich zwei Brezeln. Das fühlt sich noch normal an, fast.

Die Welt wird surreal.

Ich und die Verkäuferin wünschen uns mit ungewöhnlicher Herzlichkeit in der Stimme „noch einen schönen Tag.“

Mein Plan: Eine große Runde laufen, von Stuttgart Rotenberg nach Esslingen und zurück. Noch einmal den Wald genießen, den ich in den letzten Jahren so lieben gelernt habe, auch wenn der Schurwald im Vergleich zu meinen französischen Wäldern ein von Nordic-Walking-Wegen und Mountainbike-Trails durchzogener Zivilisationswald ist, in dem man sich kaum verlieren kann. Aber die Grenze nach Frankreich ist seit heute morgen dicht. Komisch, viele Male bin ich jetzt gedankenlos über den Rhein bei Iffezheim gefahren, die völlig natürliche Freiheit eines Europäers. Seit heute: abgesagt. Es gruselt einen.

Die Coronakrise hätte man schon lange sehen können, zumindest die Wissenschaft sagt das. Die Politik ließ es jetzt lange einfach laufen, ganz normale Faschingsferien mit Skispaß in Südtirol und Karnevalsknutscherei im Rheinland. Danach war plötzlich Polen offen und hektischer Aktionismus brach aus, Versuche, die Schieflage bei den Infektionszahlen wieder einzufangen. Was mich besonders frustriert ist, dass Covid-19 jetzt eventuell die meisten Pläne und Ideen für das zweite Halbjahr meiner Freistellung versenken wird. Ob ich in vier Wochen nach Russland fliegen werde, ist mehr als fraglich, genauer gesagt ziemlich unwahrscheinlich. „Kann man nix machen, ist halt jetzt so.“, werden die meisten darauf reflexartig antworten.

Stimmt, du hast Recht. Die eigene Handlungsunfähigkeit macht ja das Problem so frustrierend.

Am Parkplatz Egelseer Heide bin ich morgens um 9.00 noch fast alleine. Ich biege in den Schurwald ein und wende mich nach Süden, Richtung Esslingen. Die Sonne lacht aus einem wolkenlosen Himmel, die Vögel machen in den Bäumen ein Konzert, als müssten sie Steine schmelzen. Ich weiß natürlich auf einer kognitiven Ebene, dass diese Lieder knallharte Paarungs- und Revierkämpfe sind, bei denen die Tiere bis zur völligen Erschöpfung gegeneinander ansingen. Trotzdem: Unwirklich. Oder andersrum: so sieht doch die eigentliche Realität aus, oder? Ein etwas verdattertes Eichhörnchen bleibt ungewöhnlich lange auf dem Kiesweg hocken, als ich mich nähere. Eventuell gerade erst aufgewacht. Oder krank. Es fällt einem gerade schwer, das Motiv aus dem Kopf zu kriegen. Kurz vor der Waldschenke „7 Linden“ (geschlossen, nicht ungewöhnlich, es ist Montag Morgen) bekomme ich Gesellschaft, ein Vater rennt mit seinem Kind durch den Wald und lässt es „das Grüffelo“ suchen. Ich fürchte, die Erwartungen des etwa Fünfjährigen werden schwer enttäuscht. Das lärmende Paar bewegt sich eine ganze Weile parallel zu meinem Pfad, dann kreuzen sich unsere Wege. „Guten Morgen“ sage ich betont freundlich. Der Vater starrt mich an, als wäre ich der erste Zombie der kommenden Walking-Dead-Folge oder ein nackter Pädophiler mit einer Kettensäge unterm Arm. Er sagt nichts und geht schnell weiter.

Doch nicht alles so wie sonst in Deutschland.

Die Bank ist unverändert, unser Weltbild nicht.

Vielleicht sehe ich mit der Schiebermütze und der Sonnenbrille auch einfach nur zu sehr aus wie Xavier Naidoo. Vielleicht ist das auch diese zutiefst US-amerikanische Familien-Bunker-Mentalität, die unsere Begegnung färbt. Egal. An der Katarinenlinde lese ich interessiert die Marshall-Plan-Plakette am Esslinger Wasserreservoir. Und schaue ein wenig von einer Bank über den Stuttgarter Kessel. Prächtiges Wetter. Surreal. Da unten ist eingeschränkter Alltag. Der Alltag der Bank ist unberührt.

In meinem Leben habe ich bisher nur eine Sache gehabt, die gleichsam strange, unwirklich, aufgeführt wirkte, wie dieser Montag. Selbst die Öffnung der Mauer im November 1989 fühlte sich zwar irreal an, aber eben als Jubeltaumel. Das ist was anderes. Aber als ich 2001 an einem Septembertag mit einem Korb voll Wäsche bei meiner Kommilitonin Sandra in der Wohnung stehe (sie ließ mich zum Ende des Studiums hin immer ihre Waschmaschine benutzen) und auf die Bilder der in sich zusammenbrechenden Twintowers starre, das war ein ähnliches Gefühl von „Das gibt’s doch gar nicht.“ Nur war das ein Paukenschlag, ein hochkrasser Moment, und keine wochenlange Krise im Kriechgang. Sehen wir der Sache ins Auge: So etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt.

Bei Esslingen wird der Schurwald scheiße. Entlang einer riesigen Tennisanlage biege ich falsch ab und stehe irgendwann an der Stettener Straße, die sich durch das Waldgebiet schneidet. Links und rechts kein Fußweg zu erkennen. Ich schlage mich eine Weile an einem kilometerlangen Maschendrahtzaun entlang, hinter dem ein offenes Gelände mit gelegentlichen Lüftungsschächten liegt. Entweder ist das wieder die Esslinger Wasserversorgung oder ein geheimer Regierungsbunker für die Apokalypse. Der Wald ist völlig zugemüllt: Plastikflaschen, Fetzen von blauen Müllsäcken, rostige Rohrstücke, eine zerbrochene Steckdosenfassung. Das kann nicht alles aus vorbeirasenden Autos geworfen worden sein, irgendjemand kippt hier auf riesigen Distanzen Müll aus. Ich passiere eine Baustofffirma, einen Recyclinghof, einen Steinbruch und eine Schützengilde. Deutscher Industrieforst, hier ist nichts mehr von romantischer Walddichtung. Hinter dem Schießplatz kann ich durch die Weinberge wieder nach Norden abbiegen, zurück Richtung Ausgangspunkt der Wanderung. Es geht an einer Kleingartenanlage vorbei, in einem Garten steht ein weißhaariger Mann mit Karohemd und einer Pflanzschaufel. Im Vorbeigehen sage ich freundlich und süddeutsch „Grüß Gott“, der Rentner dreht sich wortlos um und nimmt vier Schritte Abstand.

Nein. Nicht alles so wie sonst.

Wissenschaftler sagen, dass die Krise sich locker bis Juni oder August erstecken könnte. Wissenschaftler sagen, ein Impfstoff dauere ein Jahr, nicht nur die Entwicklung, vor allem das behördliche Genehmigungsverfahren. Wissenschaftler sagen, dass die Welle, die wir jetzt sehen, die Leute seien, die sich vor 10 Tagen infiziert hätten, in den Ferien, in Köln, im Berghain. Wissenschaftler sagen, dass man die jetzigen Maßnahmen 10 Tage lang abwarten müsse, ob sie wirksam greifen, denn so lange dauere die Inkubationszeit. 10 Tage auf dem Jetzt-Stand abwarten, das macht wenigstens ein bisschen Hoffnung die eigene Lebensgestaltung betreffend.

Seit Samstag läuft auf meinem Rechner der Folding@home-Client. Ein bisschen was gegen das Virus kann ich tatsächlich tun, auch wenn ich nicht ganz verstehe, wie genau die Analyse des „Foldings“ von Eiweißmolekülen bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19 hilft. Aber wenn die Forscher in Stanford gerne meine ungenutzte Rechnerkapazität nutzen wollen, um komplexe Simulationen in einer dezentralen Computer-Cloud durchzuführen, dann ist das genau die Art von Digitalität, die uns durch diese schwere Zeit bringen könnte. Und ungenutzte Rechenpower hat der Gaming-Rechner ja häufig übrig. Vielleicht ja auch dein neues MacBook, liebe Leser*in.

Der Wald wird besser. Ich setze mich gegen 12 auf einen Stapel frisch gefällter Bäume und öffne die Vesperbüchse. Ich habe festgestellt, dass ich gerne auf Baumstämmen herumhocke, eventuell war ich in einer früheren Existenz mal ein Auerhahn. Am Kernenturm angekommen stelle ich mit großer Freude fest, dass der Albvereinskiosk geöffnet hat und Bier verkauft. Normalität! Ich erstehe ein Radler und setze mich in die mittlerweile ganz schön warme Frühlingssonne. Ich checke Spiegel-Online, hätte es bleiben lassen sollen. Die Bundesregierung kündigt die Schließung aller nicht systemwichtigen Läden an. Nix mit Wirksamkeit abwarten.

Ich kann es nicht einschätzen: Ist die Welt so bedroht, dass es keine andere Wahl gibt, als die Spirale der ungewöhnlichen Maßnahmen täglich hochzudrehen? Liegt es daran, dass die Umfragen ergeben, dass die Bevölkerung immer den/diejenigen favorisiert, der/die die weitestgehenden Maßnahmen erlässt, weil sie sich davon die starke Führungspersönlichkeit erhofft, die/der sie rettet? Sitze ich schon übermorgen auf Wochen in meiner Wohnung fest, und starre vom Fenster aus auf Bundeswehr-Patrouillen?

Meine Freiheit im Rahmen der westlichen Rechtsordnung war mir immer das höchste Gut. Mir wurde als Kind in der Schule beigebracht, dass diese Freiheit unser Ideal gegen die minderwertigere Weltordnung des Kommunismus darstelle. Es ist erschreckend, wie schnell dieses Gut verschwindet. Ich muss im nächsten Jahr aufhören, meinen Schülern Bullshit zu erzählen. Als es an der griechisch-türkischen Grenze losging mit der Aussetzung von Rechten, da war das weit weg. Jetzt kriecht es einem in den Nacken.

Normalität.

Ich steige mit der halben Radlerflasche auf den Kernenturm und blicke auf das weite Umland. Bombastisches Wetter, klare Sicht. Unwirklich. Ein junger Typ kommt nach einigen Minuten hinzu, wir unterhalten uns eine Weile sehr angeregt und nett. Student in einer Verbindung, keine schlagende, keine Burschenschaft, eine singende Verbindung, ja auch viele Frauen. Singen finde ich sympathisch. Er schreibt gerade seine Bachelor-Arbeit in Philosophie. Wollte heute auch auf alle Fälle wandern, ob man es von hier in einer Stunde bis Esslingen schafft? Locker. Ja, der Kiosk ist offen. Klasse, oder?

Ein Gespräch lang Normalität. Aber wir halten auf der Turmkrone zwei Meter Abstand.

Unsere Lebensweise an der Spitze der globalen Nahrungskette ist offensichtlich sehr zerbrechlich. Wir brauchen eventuell erst eine pandemische Krise, um das zu begreifen. Ich fürchte nur, dass diese Erfahrung und die Kosten der Corona-Krise alle anderen Krisen und Probleme unserer Gesellschaft negieren und aus dem Bewusstsein wischen werden. Klima retten, Humanitäre Grundsätze, Partnerschaftlichkeit in Europa: Können wir uns ab jetzt alles nicht mehr leisten. Der Nationalstaat richtet es doch besser, so wie 1914 oder 1933.

Tatsächlich habe ich vor dieser Idee in den Köpfen mehr Angst als vor einer Infektion mit dem Virus.

Das sollten wir alle, sie könnte weitaus tödlicher sein.

Ich gehe zurück. Ungefähr an der Stelle, wo ich am Morgen Distanz-Daddy und Grüffelo getroffen habe, kommt mir eine Mutter mit Kleinkind entgegen. Deja vu, kenn ich doch schon. Aber ich irre. Sie ist blond, der Kleine ist hellbraun und interessiert sich brennend für die Pferdeäpfel auf dem Kiesweg. Die Mutter versucht ihn mit Engelszungen davon zu überzeugen, dass es keine gute Idee ist, in Pferdekacke herumzustochern.

Als ich die beiden passiere, wirft sie mir ein sehr, sehr freundliches „Hallo“ entgegen.

Projekt Tisch – Enddate

Viel mehr Zeit floss in dieses Möbelstück als zunächst erwartet. Auch nachdem der Baukörper an sich fertig war, habe ich immer wieder Bastelzeit und letzte Addons in das Ding gesteckt. Ja, das war’s schon alles wert, denn ich bin der stolze Papa eines Tisches, der zwar an manchen Stellen nicht so hübsch ist und etwas zurückgeblieben, wenn man die Tische anderer Väter betrachtet, aber ich liebe ihn trotzdem, denn er ist von mir.

Vom schlechten Schreiner zum schlechten Elektriker.

Das Testbuild für den Sound. Klein, schlank, harfenlastig.

Zunächst einmal war das Thema Sound an der Reihe – Licht war ja schon drin. Im Elektrobastlerfachmarkt der großen, bekannten Marke kann man stundenlang herumsuchen (was wohl wie zusammenpasst?) und letztendlich kehre ich von dieser Einkaufstour mit zwei kleinen Breitband-Einbaulautsprechern zurück und diversen Kabeln und Steckern. Ziel: aus dem Möbel läuft nur ein dünner Eurostecker und die ganze Schwachstromelektrik von Licht und Sound wird über einen USB-Ladestecker versorgt, der auch noch eine freie Buchse für das Smartphone des Spielleiters zur Verfügung stellt. Allerdings finde ich die Rolle mit Lautsprecherkabel, die seit 15 Jahren irgendwo in meinen Materialkisten schimmeln muss, nicht mehr, so dass ich für den nächsten Tag gleich Baumarkt einplanen muss, was sowieso auf der Agenda steht, weil ich eine Lochsäge für die Speaker besorgen muss, die die passende Größe hat.

Bei der Testinstallation der Komponenten überfällt mich gleich der nächste Schreck: Der kleine chinesische Bluetooth-Miniverstärker läuft gar nicht über USB sondern über einen fetten 12 Volt Euro-Stecker, der aber jetzt gar nicht mehr in das schlanke Verkabelungskonzept passt. Dem heiligen Sankt Tesla sei Dank gibt es über das Netz auch USB-Stecker, die mit passendem Aufsatz 12 Volt und steht-auf-dem-alten-Stecker-drauf Ampere liefern, so dass der Verstärker eigentlich den Unterschied gar nicht merken sollte. Auf „Bestellen“ klicken, nächster Morgen Baumarkt, große Lochsäge und Kabel kaufen.

Dicke Löcher bohren ist ein echtes Arschloch.

Das Loch, dass mich echt ins Schwitzen brachte. Eins von zweien.

Das Sägen der Lautsprecherfassungen war ein Alptraum. Eventuell hätte man die vorher in ein LIEGENDES Brett bohren sollen, aber da hatte ich eben die passenden Durchmesser für die Speaker nicht. Bei wagrechtem Bohren verkantet sich die Lochsäge heftig bei der kleinsten Schräglage, auch wenn man sorgfältig mit einem normalen Spiralbohrer Führungslöcher gesetzt hat. Das gibt jedesmal einen heftigen, äußerst unangenehmen Schlag des Akkuschraubergriffs gegen das Handgelenk, so dass man das einfach nicht haben will, auch weil man Angst um seinen Tisch bekommt. Wenigstens bin ich so schlau, meine Riesenlöcher von zwei Seiten zu fräsen, so dass diesmal nicht viel ausreist. Als beide Löcher gebohrt sind und die Lautsprecher einigermaßen sitzen bin ich unendlich erleichtert, wenn auch schweißgebadet.

Erste positive Überraschung: Die beiden Minispeaker, die jeweils unter 10 Euro kosteten, haben einen ganz ordentlichen Klang, wenn sie erst mal im Holz sitzen. Schon bemerkenswert, was heutzutage kleine Lautsprecher so drauf haben. Negative Überraschung: Der Mini-Bluetooth-Verstärker spielt beim Aktivieren jedesmal einen unangenehm lauten Takt Harfengeklimper ab, der wohl dem durchschnittlichen Chinesen sagen soll: Ich bin an. Mir sagt er nur: Die Ohren tun weh. Und man kann diese Funktion weder abstellen, noch funktioniert in dem Moment der Lautstärkeregler. Shit. Aber deswegen nen anderen Verstärker kaufen und Mr. Wirtschaftssonderzone in den Müll zu kicken wäre auch nicht mehr zeitgemäß.

Gar nicht mal so scheiße verlegt. Aber eine furchtbare Aufgabe: Kabelkacke.

Dann kommt der Teil, der mir am meisten götterlästerliche Flucherei entlockt, und wer die vorherigen Bauberichte gelesen hat weiß: Das Fluchen kam schon ein paar Mal vor. Aber nichts war nervenzehrender als das saubere Verlegen der Kabel, besonders der Boxenkabel. Vor allem, weil das ein verf***** Gefummel mit winzigen Kabelklemmen und winzigen Schräubchen ist, und ich bin dann doch wohl mehr so der Grobmotoriker. Teilweise arbeite ich unter dem Tisch liegend, Hände über dem Kopf, immer die Angst im Nacken, dass mir der Akkuschrauber auf die Visage klatsch. Am Ende liegen die Kabel gar nicht so übel, zumindest auf den ersten Blick, aber es kostete mich mehr Nerven als die kompletten Holzarbeiten. Der Verstärker bekommt eine kleine Schiebehalterung aus Plastik-U-Profilen (Baumarkt), in die er sehr gut passt; Aux-Eingang und USB-Schnittstelle zeigen zum Spielleiter, so gehört sich das. Spontan entschließe ich mich vor den Speakerrücken und Kabeln aus dem Restholz noch ein Verblendungsbrett reinzubasteln, einfach weil ich Angst habe, wenn das Zeug offen unter der Tischplatte liegt. Irgendwann rammt sonst jemand in der Spielaufregung einen frisch gespitzten Bleistift von hinten in die Lautsprecher, und dann muss ich weinen und auf der Straße Hundewelpen durch die Luft treten, das will keiner, besser schnell eine Schutzvorrichtung hochziehen.

Sieht aus wie eine griechische Versorgungssäule an einer Inselmarina, ist aber mein linkes Tischbein samt Stromversorgung.

Erstaunlich lange kann man damit zubringen, eine zweite, ähnliche Halterung für die nicht ganz so gut passende USB-Buchse zu basteln. Verzweifelt lange. Zwei Konstruktionsideen scheitern an der

A. Mangelnden Existenz von tauglichen, kurzen Schrauben.

B. Mangelnden Existenz eines Klebstoffes in meinem Haushalt, der haltbar Plastik mit Holz verbindet; sowohl Holzleim, üblicher Haushaltskleber als auch ein Glasklebstoff versagen. Ja ich weiß, ihr kennt einen Spezialklebstoff, der das macht, aber an dem Nachmittag hatte ich den halt grad nicht da.

Die dritte Revision der Konstruktionsidee funktionierte dann, aber bis dahin hasse ich bereits diesen USB-Stecker gründlich und abgrundtief.

Drei mehrstündige Bastelsitzungen stecke ich in den Kabel-Licht-Ton-Klimbatsch. Am Ende habe ich, wenn ich den Sound ganz hochfahre, den Deckel über dem Kasten schließe und das LED-Band mit einem der fünf „blinke-extrem-wild-und-verrückt„-Knöpfe auf der Fernbedienung zum extrem wild und verrückt Blinken bringe, eine veritable Großraumdisko für Kakerlaken gebaut. Auch die Fernbedienung bekommt eine kleine Ablagerung, diesmal nicht aus U-Profilen sondern aus Sperrholzwinkelleisten aus-woher-wohl-Baumarkt. Aber mit Holz arbeitet es sich so viel schöner.

Danach ruht mein Projekt mehrere Wochen und ich verbringe Zeit in Frankreich und hinterm Nerddeich. Aber Anfang März will ich es endlich zu Ende bringen. Nur noch schnell ’ne Unterlage in den Kasten, damit die Kakerlaken nicht auf dem nackten Holz tanzen müssen, das geht sicher ganz fix, ein-zwei Stündchen oder so.

Inzwischen weiß ich, dass nichts, aber auch nichts schnell gehen wird.

Alleine die Wahl eines Materials kostet mich Ewigkeiten. In zwei Baumärkten durchstöbere ich Teppich-, Matten- und Folien-Abteilungen, denke eine ganze Weile über Kunstrasen-Teppich nach (Dankedankedanke, dass ich davon abkam – „Fußballtisch“), schwanke zwischen PVC und Hartschaum, stelle fest, dass es die meisten Sachen nicht in der notwendigen Breite meines Innenraumes gibt (64 cm, diese Zahl werde ich nie wieder vergessen). Am Ende ist alles zu dick oder zu dünn, zu weich oder zu hart.

Ich mag die Farbe. Die Blase links unten ist leider im Material. Is jetzt auch egal.

Ich nehme letztendlich hellgrünes Kunstleder, das gibt es einigermaßen günstig in den Untiefen der elektronischen Bucht. Es kommt sehr flott bei mir an – toll. Damit ist es aber leider noch nicht getan. Obwohl ich mit der angestrengten Konzentration eines verunsicherten Bombenentschärfers extrem genau messe und so langsam und konzentriert meine Bleistift-Linie auf dem Material schneide wie nur möglich, passt die Matte eben doch nicht ganz exakt und es spickelt am Rand weiße Holzplatte heraus. Weiß der Deibel warum. Unschön.

Spontan entschließe ich mich seufzend den Übergang zwischen Matte und Kastenwand mit einer Leiste zu verblenden. Viertelrundstäbe gibt es ja im … BAUMARKT. Also losfahren, kaufen, weiß lackieren – gut, dass ich die zweite Lackdose noch habe. Wie klebe ich im nächsten Schritt die grüne Matte auf das Holz? Als ich vor fünf Jahren die Filzeinlage von Ur-Opas Protz-Schreibtisch erneuert habe, habe ich Knochenleim genommen, so wie damals der Schreiner im Jahr 1909 das auch gemacht hatte. Das hat gut funktioniert, von den Leimperlen habe ich noch über und ich mag so alte Techniken, auch wenn das Einweichen und Aufkochen des Leims aufwendiger ist, als ne weiße Tube aufzuschrauben. Außerdem kann ich bei Klebekatastrophen den Knochenleim wieder anwärmen und er löst sich.

(Allerdings hält Knochenleim das Kunstleder gar nicht so toll fest wie damals den Filz. Na ja)

Damit sehe ich das Ende des Projekts greifbar vor mir schweben. Nur noch die weiß lackierten Leisten zusägen und … Heiliger Sankt Gerung! Wie mache ich bei einem Viertelrunden Profil denn einen 45-Grad-Schnitt so dass es in den Ecken nahtlos passt?
Um ehrlich zu antworten: die Lösung habe ich nicht gefunden. Die Ecken sehen gar nicht gut aus und passen auch nur mit Gefeile. Für solche Aufgaben bin ich einfach zu dumm und lese lieber ein bisschen Nietzsche oder Kafka, das schafft mein Gehirn gerade noch so. Aber runde Leisten verbinden? Brainfuck. Egal, Endspurt ist Endspurt, die Leisten werden nur mit wenigen kurzen Schrauben fixiert, so dass man sie wieder leicht lösen kann wenn man an die Belagmatte will, außerdem müssen sie ja nix halten.

Blick aus der Kakerlakenperspektive, jetzt mit umlaufender Leiste. Im Hintergrund Nerdscheiße.

Was aber nun, fragt sich das Beamtenkind und der Schwabe tief in mir drin, was aber nun hat mich denn das günstige Selbstbauschnäppchen aus dem Werkzeugkoffer gekostet? Youtube ist voll von Videos mit Titeln wie: Du wirst es NICHT GLAUBEN! Genialer DIY-Gaming-Table für UNTER 200 EURO !!!! Ähmmm – glaubt’s tatsächlich nicht. Hier die wahre Wahrheit: Das Holz ist der kleinste Teil der Kosten.

  • 08.10. Mini-Bluetooth-Verstärker 18,81 €
  • 10.10. LED-Streifen 11,99 €
  • 11.02. Rahmenbretter, Glattkantbretter, Leimholz 96,54 €
  • 11.02. div. Schrauben, Schraubzwingen, Abdeckplane 93,05 €
  • 12.02. Acryllack 1, Leimholz, Multiplexplatte 58,78 €
  • 14.02. Acryllack 2, Filzgleiter 16,28 €
  • 15.02. Holzleiste 5,58 €
  • 17.02. Lautsprecher, Eurokabel, USB-Anschluss, etc. 34,44 €
  • 18.02. Lochsäge, Kabelkanal, Lautsprecherkabel, etc. 40,42 €
  • 24.02. USB-Kabel 12 V 8,69 €
  • 03.03. Kunstleder 19,88 €
  • 03.03. Winkelleisten 2,45 €
  • 11.03 Modellbauleisten 9,54 €

416,45 €

Wenn man noch das Material bedenkt, das einfach bei mir so rumlag, dann kann man nochmal nen Hunni draufpacken. Wenn man dann noch meine Arbeitszeit mit dem Mindestlohn vergüten würde, dann … dann ist es immer noch ein SCHEISSGEILER TISCH, ALTER !111!

Aber am Ende … am Ende war Zeit und Geld tatsächlich völlig egal. Denn am Ende … am Ende stehe ich davor und weiß nicht genau, was ich machen soll, jetzt nachdem er wirklich-wirklich fertig-fertig ist, der Tisch. Dääääär Tischschschsch. Nochmal tanzen? Nochmal Whiskey saufen? Unentschlossen räume ich zuerst einmal Werkzeug und Müll weg. Und nu?

Ich nehme nach reiflicher Ratlosigkeit drei zwanzigseitige Würfel in die Hand, schüttele sie klackernd und lasse sie über die nagelneue grüne Matte rollen. Ein Geräusch wie aus dem Rollenspielerhimmel ertönt. Voll. Sonor. Nach (Kunst)Leder auf Holz.

5 – 17 – 17.

Ich weiß nicht, was die Zahlen mir sagen sollen. Aber wenn ich einstmals Richtung Himmel schwebe und nicht Richtung Hölle (Fluchen, Selbstverliebtheit, Misanthropie), dann will ich keine Engelsgesänge, keine Kristallschalenklänge und bitte, bitte keine Harfenakkorde von einer asiatischen Platine. Ich will dieses himmlische Klackern und dieses fette Abrollgeräusch. 1-1-1 und ab ins Paradies. 5 – 17 – 17: was will mir mein Tisch damit sagen?

Egal. Ich lächele zutiefst befriedigt dabei. Das Ding kann von der Bucket List.

Update 14.03., 17.10: Der verdammte Verstärker checkt es doch! Nach einigen Tests bemerkte ich immer wieder kurze Soundabbrüche, nur Sekundenbruchteile, aber störend. Dachte zuerst das Mini-Ding hätte einen Schaden. Mit dem Original-Netzkabel läuft er aber sauber durch. Irgendwie ist trotz gleicher technischer Angaben die Versorgung mit dem USB-Ersatzkabel nicht ganz ausreichend. Bitte setzen sie an dieser Stelle, einen verzweifelt heulenden Smiley ein, der mit den Füßen auf den Boden trommelt.

Doch nicht fertig. Umbauen. Anderes Kabel.

Scheiße.

Update, Update: OK, es liegt am USB-Ladeadapter, nicht am Kabel. Die meisten spucken bei 12 Volt nur 1,5 Ampere aus, protzen aber mit 2,5 Ampere Ausgangsleistung herum (aber halt nur bis 6 Volt, die gezogen werden. Muss man aber wissen). Und mit diversen anderen USB-Steckern im Haus verweigert mein Verstärker sogar ganz seine Dienste (obwohl die mir die selbe Leistung versprechen, die kleinen Cheater). Da habe ich noch einen guten Adapter erwischt. Es gibt offensichtlich beim bösen A einen USB Stecker der mit 60 Watt läuft und bei 12 Volt 3 Ampere pro Buchse ausspuckt. Kostet aber über 25 Euro.

Kennt sich hier jemand mit Elektro-Shit aus? Würde der mein Problem lösen? Kann so was an zu schwacher Stromstärke in Ampere liegen?

Ich brauch echt dringend Hilfe, mit meinem Tisch.

Gleich hinter’m Nerddeich

Begriffserklärung: Nerdpol [n d p ɒ l] – Kulminationspunkt von Menschen mit stark nerdthemenbezogenem Lebensstil und Biografie, meist auf einer Veranstaltung. Vom Rollenspielautor und -blogger Josch K. Zaradnik um 2012 entwickelter Begriff, um die Kultur und Atmosphäre auf einer Con zu beschreiben.

Norddeich ist Anfang März eine etwas verschlafene Ferienhauswüste, die durch die Existenz des Strandes, der Dünen und den Blick auf die friesischen Inseln deutlich aufgewertet wird. Am ersten Tag der Heinzcon ist das Wetter absolut furchtbar, trotzdem quäle ich mich im kalten Wind und peitschenden Regen einmal die gerade renovierte Strandpromenade auf und ab, vorbei am „Haus des Gastes“, einem Bau vermutlich aus den 80er-Jahren, der etwas an eine Schule gemahnt. Drinnen ziehen die Leute vom Uhrwerk-Verlag gerade ihren Verkaufsstand auf und bereiten alles für die Con vor. Die Pforten wird sie erst in einigen Stunden öffnen. Die Möwen schreien, der Wind pfeift, der Regen prasselt auf die Jacke.

Ein halber Tag ist vergangen, es dunkelt über dem Strand, ich sitze im Haus des Gastes auf der sich langsam füllenden Con und packe meine gut gefühlte Goodybag aus, die im Ticketpreis der höchsten Kategorie mit inbegriffen war. Animekalender und DVD-Box, ein komplettes Superhelden-Rollenspiel-Hardcover, ein von 2018 übriggebliebener Sammelband mit Zusatzmaterial für verschiedene Pen&Paper-Systeme, Kleinkram, Flyer, Demopackungen für Kartenspiele mit obskurem Humor. Und die offizielle Con-Tasse 2020.

Willkommen am Nerdpol.

Wiedersehen mit Freunden aus Hamburg und Berlin, kennenlernen neuer Leute, Streifzug durch den Verlagsstand. Ich suche noch ein kleines Geschenk für eine gute Nichtnerd-Freundin, die am kommenden Wochenende Geburtstag feiert, und entdecke nichts, mit dem sie was anfangen könnte.

Abendessen in der Burgerbar des Norddeicher Haus des Gastes, sie haben einen Veggie-Burger im Angebot, dazu pervers fett mit Majo, Ketchup und Currysauce beschmierte „Pommes Spezial“, obendrauf scharfe Salzgürkchen und Röstzwiebel-Bombenhagel. Schlabberig, aber extrem geil. Meine Kalorienaufnahme wird in den nächsten Tagen auf extrem hohen Zucker-und Fettniveau bleiben, Rollenspieler-Food halt.

Kurz darauf Rückzug in die Ferienwohnung der Hamburger, wir testen ein würfelloses Erzählspiel, das sich Mitspieler auf einer Zugfahrt ausgedacht haben, in dem sich zwei Ebenen miteinander verflechten. Wir entwickeln in zweieinhalb Stunden eine irre Geschichte, die mit einer Gruppe Blogger*innen, Influencer*innen und Lifestyle-Epigonen beginnt, die sich plötzlich in der frühen Hollywood-Szene der Dreißigerjahre wiederfinden. Ziemlich schnell spielen die Mafia, eine Filmpremiere und eine Bombe in einem Geigenkasten eine tragende Rolle, am Ende fliegt das Premieren-Kino natürlich samt Leinwandstar, Cableguy und Mafiaschläger in die Luft, nur die skrupellose Verräterin und der kleine Straßenjunge überleben das Inferno.

Willkommen am Nerdpol.

Gerne ein paar mehr Konzerne! Foto von Lena Richter.

Samstag Morgen, die Sonne lacht vom Himmel als habe es nie eiskalten Schneeregen in Norddeich gegeben. Erneut sitzen wir in der großen Ferienwohnung und spielen eine Runde Sprawl, ein Cyberpunk-Rollenspiel, in dem man nicht nur seinen Character entwickelt sondern die gesamte Spielwelt gleich mit. Unsere frisch zusammenfabulierte dystopische Großstadtvision sitzt auf der dunklen Seite des Mondes (die es nicht gibt, aber egal) unter einer hunderte Kilometer großen undurchdringlichen Kuppel und ist vertikal aufgebaut: Während in den oberen Kilometern die Unterschichten im beständigen gleißenden Neonlicht der Kuppel hinter transparenten Wänden unter dauerhafter Kontrolle durch das System leben, gibt es unten am Grund Schatten und Dunkelheit, also Privatsphäre für die Reichen. Genretypisch wird alles von miteinander im Krieg liegenden Großkonzernen gesteuert. Wir spielen eine anheuerbare Gangstertruppe, die ein geheimnisvolles Paket aus den Händen des Technikkonzerns „Lunar Mesh“ stehlen sollen um es dem Entsorgungswirtschaftskonzern „Green Angels“ zu übergeben, natürlich möglichst heimlich und elegant. Am Ende ist der Hafen ein einziges Kriegsgebiet, in dem wir Stingermissiles, autonome Kampfpanzerdrohnen und jede Menge Munition einsetzen, um irgendwie noch lebend mit der Ware rauszukommen. Zwei Charaktere gehen fast drauf, Würfelwürfe gehen spektakulär schief, der Countdown für die unmittelbare Gangster-Apokalypse nähert sich dem Highnoon und am Ende schaffen wir es doch ganz, ganz knapp. Großer Jubel, großer Spaß, große Freude.

Leben am Nerdpol

Wenn man als Nerd auf Artgenoss*innen trifft, dann erkennt man sich ziemlich schnell am kollektiven Wissensfundus an popkulturellen Verweisen, und dem diffusen Gemisch an Kenntnissen über Computerspiele, fiktive Welten, Comics, Serien und Regelsysteme. Im Grunde muss man nur einen Begriff in die Runde werfen und alle wissen, was gemeint ist. „Der Cyber-Avatar von meiner Deckerin nennt sich Rory, ihr Deck hat die Signatur „Stars Hollow.“ Alles klar. „Bell die Auftragsmörderin hat Klingen an den Unterarmen, so wie … so wie …“ „So wie in Assassins Creed?“ „Genau.“ Alles klar. „Ihr müsst euch den Kurier-Gleiter vorstellen wie eine Mischung aus Chinook und UPS-Van.“ Alles klar. All dieses Wissen kann man in unserer Gesellschaft getrost unter „useless“ ablegen, man kann es für nichts einsetzen außer für Nerdkram, es hat keine Relevanz, generiert kein Kapital, hat keinen Status. Aber es macht unser Leben so viel besser als das der Vielen, die im Reiheneckhaus Championsleague kucken.

Abends sitzen wir im „Seestern“ bei sehr gutem Essen und etwas zu viel Schwarzbier und Friesengeist. Ich verhocke noch lange mit drei Leuten, die ich erst seit diesem Wochenende kenne und wir schnacken über Politik, ethische Fragen, Musik und Rollenspiele. Es klappt in jedem Bereich auf Anhieb ziemlich gut, denn wir sind vom selben Stamme, dem Stamme Nerd. Spät falle ich ins Bett, ein wenig angetrunken und schnitzelfertig, dabei habe ich den ganzen Tag nichts anderes getan als Süßigkeiten und Chips zu futtern, Kaffee, Cola und Bier zu saufen und mir gemeinsam mit anderen Fantast*innen kindische Geschichten auszudenken.

Träume am Nerddeich

Sonntag Morgen. Nach dem ersten Kaffee melden sich meine Lebensgeister zurück. Der Wind bläst über den Deich, viel Wolken, gelegentlicher Regen, wenige Sonnenblicke. Letzter Besuch im Haus des Gastes, ich habe meine Con-Tasse gestern vergessen. Finaler Workshop, die Verlagsleitung berichtet über die gerade überstandene schwierige finanzielle Situation des Unternehmens und die mögliche Entwicklung für die Zukunft. Hier zeigt sich, dass man den Nerdpol doch nicht ganz von der Realität abheben kann, dass wir leider nicht immer in unerwachsenen Fantasiewelten leben können, sondern ökonomische Bedürfnisse bedienen müssen. Man kann nicht nur von verrückten Abenteuern im Kopf leben. Aber für ein Wochenende klappt es manchmal ganz gut.

Nerds sind die schönsten Menschen auf der Welt. Sie sind meiner Erfahrung nach überdurchschnittlich friedlich, tolerant, empathisch und engagiert. Sie mögen seltsame T-Shirts tragen, Frisuren aus einem anderen Jahrhundert, ein Pizzabäuchlein vor sich herschieben, wunderschön und jung, oder alt und zerdrückt sein, sie kommen mit diversen Identitäten und Sexualitäten. Insgesamt ist eine Con ehrlicherweise kein Beauty-Blog. Aber es sind die schönsten Menschen der Welt.

Mittagszeit, ich bin noch in Papenburg verabredet. Rückkehr in die Realität, mit dem Wagen. Hinter mir versinkt der Deich und die Küste am Horizont.

Rückkehr vom Nerdpol.

Leude leider nich so geil

Deichkind ist eine fantastische Band, die seit Jahren großartige Musik mit klugen Texten macht. Eine Band, die Liveshows abfeuert, die man eigentlich gar nicht glauben kann und der es als einem der wenigen deutschen Acts gelingt, populäre Musik und abgefahrene Grooves mit inhaltlichem Sendungsbewusstsein und einem faszinierenden Sinn für groteske Kunstperformance zu verbinden.

So viel Lob muss an dieser Stelle sein, wenn man „Deichkind“ sagt.

Warum aber, warum oh Deichkind, ziehen deine Konzerte so viele Vollhonks an? Um es laut auszusprechen: Warum ist die Schleyerhalle voller Deppen, wenn du aufspielst? Liegt das an Stuttgart als Spießer-Stadt? Ist das in Hamburg genau so?

Ja ja, darf man sich jetzt mit Fug und Recht denken, schon wieder ein Konzertbesucher-Rant aus der müffeligen Ecke von Grumpy Old Boy. Das ist richtig. Aber ich kann nicht anders, denn, liebe Leude von Deichkind, es war schrecklich am Freitag. Und nein, nicht ihr auf der Bühne, ihr wart wie immer, wenn ich euch sehe, leider geil. Nicht ganz so geil wie bei der letzten Tour (das führte jetzt auch zu weit), aber immer noch ziemlich, ziemlich sehr sehr geil.

Die Zuschauer haben mir das Konzert versaut.

Das Kernproblem ist immer noch das gleiche wie auf dem Konzert der Eels, über das ich vor geraumer Zeit geschrieben habe: zu viele Vollhonks, die wegen ihrer Kumpels / Kumpelinen da sind und nicht wegen der Musik. Oder die sich unwohl fühlen, wenn sie nicht ständig die Aufmerksamkeit der Peergroup auf sich ziehen.

Bei Deichkind waren das mehrheitlich Kerle, stark angetrunkene Männer zwischen 30 und 40, das erklärt einiges, aber entschuldigt nicht viel. Es werden im folgenden Fan-Verriss auch einige Frauen vorkommen, aber zumindest in meinem Radarbereich waren die in der Minderheit.

Gehen wir das Scheitern eines Abends aber chronologisch durch.

Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung. Ich stehe mit meiner Lieblings-Konzertbegleitung und einem Bier in der noch nicht sehr gefüllten Halle und wir beobachten die völlig gelungene Video-Playlist, die statt einer Vorband läuft und die Halle, zumindest mich, ganz gut auf Stimmung bringt. Ab der Stelle hätte es noch ein schöner Abend werden können.

Deichkind fängt an. Plötzlich ist die Halle sehr voll, obwohl immer noch etwa 25 Menschen pro Minute durch genau unsere Querlinie zum Ausgang wollen oder wieder rein, Bier, Klo, eine Qualmen, so ein bisschen wie man einen Urlaubsvideoabend mit Bekannten verlässt, wenn die Bilder vom Tauchkurs bei Bodrum zu langweilig werden.

Nur dass die Bilder von Deichkind überhaupt nicht langweilig sind. Am Anfang wird als Videoprojektion Lars Eidinger in blaue Farbe getaucht und mit einem Kran an den Füßen aufgehängt über eine weiße Leinwand gezogen. Typisch Deichkind halt. Typisch Eidinger halt. Aber echt cool.

Schon da geht es los mit überlaut herausgebrüllter Dummheit der Anwesenden. „Das ist doch dieser Schauspieler!“ (Ja, und die Band mit dem Dreieck, du Honk. Geh halt zu Gabalier). „Ach was, die Sau steht doch drauf!“ (Klasse, ein SM-Witz, hat deine Frau kürzlich „Mit Shades of Grey“ angefangen?) „Am Ende steht da sicher fett „Deichkind“ auf der Leinwand, Alter!“ (Nein, das wäre bei Mark Foster so, Deichkind funktioniert nicht so simple.)

Man merkt, dass der Horizont der Leute um uns herum etwas PS-schwach ist und sagt sich: Klar, so ist Deutschland halt in der Mehrheit.

Aber wieso gehen die zu SONER MUSIK?

Deichkind macht weiter, stellt abgefahrene Choreos, fährt Lichtsäulen herum, lässt absurde Gestalten über den Stage tanzen. Die Umgebung interessiert das nicht so. Sie sind in das Ohr der besten Freunde versenkt. Der Sound ist Scheiße (Schleyerhalle halt), aber laut, so dass sie ihre Plaudereien brüllen müssen. Das Problem ist, dass wir die Gespräche verstehen und uns krampft sich dabei der Magen zusammen. Links: Die Auswahl von Fließen für das neue Eigenheim. Rechts: Er will mit dem Rauchen aufhören, möchte jetzt aber am liebsten raus, um eine zu qualmen. Beide Themen erfordern intensive Beratung. Für die läuft Deichkind nebenher.

Ich würde die Band gerne sehen.

Ungebremst läuft dazwischen der unendliche Strom von Leuten die aus der Halle rauswollen oder mit Bier wieder rein. Alle naselang checken die Leute hier WhatsApp oder schreiben drei Minuten lange Posts. Deichkind läuft nebenher. Der nächste Tiefpunkt folgt auf dem Fuß: In der Gruppe hinter uns beschließt der aggressivste der Jungs eine Moschpit in der Mitte des Zuschauerbereichs zu eröffnen. Weil er – jetzt – Party. Er dreht sich mit ausgebreiteten Armen und einem Jubeln, das allen zeigen soll, dass er jetzt Spaß haben will, und die, die das nicht wollen, einfach nicht gut genug drauf sind, im Ringerschritt im Kreis und schiebt die Leute, die seiner Party im Weg sind, weg. Ich und meine Konzertbegleitung sind noch so blöd, höflichkeitshalber auszuweichen. Höcke-Junior (er sieht ein wenig so aus) erkämpft sich also erfolgreich unseren Lebensraum und beginnt mit seinen Kumpels im Kreis Moschpitt zu machen. Weil so ist ja Punk. Glaubt er.

Die nächsten fünf Minuten bin ich damit beschäftigt, mich vor meine Begleiterin zu stellen, und mir zu überlegen, welche Abwehrbewegung gegen herumhüpfende vollgesoffene Fettsäcke im 14. Semester ich als nächstes anwende. Sanft mit der flachen Hand den moschenden Gesichtsunfall mit der Drahtbrille wegdrücken? Das interessiert den nicht. Zwei Finger ausstrecken und ein kräftiger Death-Punch in die Nieren? Das würde er noch mitkriegen, führt aber zur Schlägerei. Apropos Brille: zwischendrin kriecht tatsächlich einer im weißen T-Shirt auf dem völlig mit Bier verklebten Boden der Schleyerhalle herum und sucht offensichtlich etwas, vermutlich tatsächlich eine Brille. Kann er wohl mal vergessen.

Deichkind läuft nebenher.

Wir beide ergreifen die Flucht und erkämpfen uns 20 Meter westlich einen neuen Platz. Zum Abschied stelle ich noch einem der Mosch-Nazis ein Bein, aus purem Hass. Wir hoffen, an unserem neuen Standort endlich ein gutes Konzert zu kriegen. Die Hoffnung wird wieder enttäuscht.

Kulminationspunkt aller zahlreicher Störungen, die bis zur Zugabe uns davon abhalten, ein schönes Deichkind-Erlebnis zu haben, ist eine Gruppe, die ich für Bankkaufleute halte. Am Ende der Ausbildung oder so. Oder aus ’nem Potentialträger-Program bei der VW-Bank. Mit der Verlobten hier. Spießer-Frisuren. Aber behängt mit LED-Blinklichtern aus dem Angebot von AliExpress, um den Deichkindstyle zu erreichen. Sie verfehlen ihn.

Auch sie sind voll auf Paaaardy getrimmt und tanzen – wie immer wenn kulturell Blöde in Großgruppen weggehen – im Kreis. Für sie ist das hier einfach nur eine Großraumdisko, in der Deichkind-Tracks laufen. Auf die Bühne kucken sie selten, so wie man halt ab und zu im Döner auf den Flachbildschirm mit türkischen Musikvideos glotzt. Sie haben offensichtlich das Kunstwerk Deichkind anders verstanden als ich. Sie nehmen alles auf der Wortebene, auch wenn man sie dazu komplett verdrehen muss. „Niveau-weshalb-warum“: Eine Kluge Kritik am niederen Tellerrand hierzulande? Nein, eine Feier-Hymne auf die eigene Dumpfheit! Die „internationale Getränkequalität“ habe eine politische Dimension? Ach, Quatsch, da geht’s um’s saufen. SAUFEEEEN! „Roll, das Fass rein“: Kritik am Alltagsalkoholismus einer zutiefst unglücklichen Gesellschaft? Hä, was Alter? SAUFEEEEN!

Ab und zu machen sie ein Foto mit dem Handy. Nicht von Deichkind, sondern von sich selbst beim Tanzen. Kotz.

Sie tanzen im Kreis. Sie unterhalten sich dabei ununterbrochen, sehr laut. Irgendwann beschließt Caveman, mit wallendem schulterlangen Haar und Grizzly-Adams-Bart, dass er Nina aus dem Controlling auf die Schultern nehmen will. Leider ist Caveman einen halben Kopf kleiner als ich (wer mich kennt weiß, dass das wirklich nicht besonders groß ist) und Nina ist ein wenig speckiger als er. Er stemmt sie einfach nicht, was natürlich saupeinlich ist. Das kann Caveman vor Nina nicht auf sich sitzen lassen. Also holt er Renton aus „Trainspotting“ zu Hilfe, und gemeinsam packen sie Nina an ihren drallen Schenkeln und wuchten sie zu zweit auf Brustbeinhöhe. Dann schütteln sie irre kichernd die arme Nina wie einen alten Getreidesack, den man ausleeren will. Das muss in der engen Jeans von Nina und bei dem unkontrollierten Gewackel des Oberkörpers, der nur von ihrer Bauch- und Rückenmuskulatur gestützt wird, ganz schön unangenehm sein. Sie traut sich trotzdem 30 Sekunden lang nicht, den Vorgang abzubrechen, auch wenn man an ihrem unangenehm verzerrten Gesicht, das zum ersten Mal nicht schrill vor sich hin lacht, ablesen kann, dass sie die Nummer nicht cool findet.

Deichkind läuft nebenher.

Währenddessen auf den Sitzplätzen um das Hallenrund, berichtet aus dem Mund von Freunden, die zufällig auch da waren: Hinter ihnen sitzt eine Familie mit zwei kleinen Kindern, so etwa 8 und 10. WTF!? Im DK-Konzert? Ok. „Na?“, sagt der Papa zum Sohnemann, „So was Cooles machen wohl die Eltern von deinen Klassenkameraden nicht mit ihren Kindern, was?“ Ja, Alter, weil sie nicht so verantwortungslos sind wie du mit deiner Ische! Was soll ein Grundschulkind mitten in der Nacht hier, wo weder die Texte noch die 4000 Vollbetrunkenen altersangemessen sind!? Egal, Papa fühlt sich cool. Außerdem bittet er die Sitzreihe vor Familie Kowalsky aus Feuerbach darum, doch bitte beim Konzert nicht aufzustehen, weil sonst die Kinder nichts sehen. Gottseidank legen sich die Knirpse in der Mitte des Konzerts völlig reizüberflutet hin und starren mit offenen Augen an die Decke.

Zurück im Stehplatzbereich. Deichkind ist mittlerweile bei der Zugabe angekommen. Gottseidank, das Elend hat also bald ein Ende und ich kann endlich in Ruhe über die Leute abkotzen. Die Bausparkasse Ludwigsburg um uns hat den Höhepunkt ihres Clubbesuchs erreicht und hüpft fotografierend. „Jipiyeah – Krawall und Remmi-Demmi!“ Das ist offensichtlich eine weitere Feierhymne auf die eigene Einfachheit, wie jeder DK-Track in ihrem Universum. Sie können den ganzen Text auswendig, ohne seinen Inhalt auch nur eine Sekunde wahrzunehmen. Eigentlich bewundernswert. Eventuell sind die mittelmäßig Dummen glücklichere Menschen. Die haben Spaß – ich nicht.

Deichkind verabschiedet sich mit einem „Gute Nacht“- Dia, die CNC-Fräßfirma aus Winnenden mit den Blinkeschildchen verlässt innerhalb von 12 Sekunden den Platz. S-Bahn und so, morgen früh ist Fußballtraining, ihr wisst schon. Ich blicke meine Begleitung zutiefst desillusioniert an und sehe in ihrem Blick: Die selbe Emotion.

Was ist eigentlich los in diesem Land, so dass sich die Konzertkultur innerhalb von 5 Jahren so gedreht hat? Ist das Netflix, so dass alles als Stream mit sich selbst als Mittelpunkt wahrgenommen wird? Ist dass die neue europäische Leitkultur des einfachen Durchsetzens hedonistischer Selbstinteressen gegen das Allgemeinwohl, die in Thüringen, an der griechisch-türkischen Grenze und in der Konzerthalle gleich gut funktioniert? Irgendwie ist das nicht mehr mein Land.

Das nächste Deichkind-Album kaufe ich mir bestimmt. Die nächste Tour ..?