Dies ist nun der letzte große geplante Trip. Nun ja, die abgespeckte Version davon. Aber zwischen dem gestrigen letzten Verhandlungstag und dem Beginn meines alljährlichen Sommer-LARPs passen etwa 10 Tage ohne weitere Einträge. Das reicht nicht – oder nur sehr gehetzt – bis auf die Orkney-Inseln, das reicht aber sicher für Südengland und Wales.
Also sitze ich wieder hinter dem abgeschrabbelten Steuerrad und schiebe den alten Kasten gemächlich die Hügel hoch. Etwas wehmütig ist mir bereits zu mute. Soviele Erinnerungen hängen an dem betagten Nissan, immer wieder muss ich an Fahrten und Strecken heute denken, an denen eigentlich gar nichts besonderes war, die ich aber für immer mit diesem Jahr und diesem Nissan Primastar verbinden werde.
Aber sei’s drum, noch einmal ist das alte Dream-Team auf der Reise. Gaspard, der Bus, Pegasus, der Drahtesel, und Achim, der ältere Deutschlehrer, drei wie Pech, Schwefel und Klebeband, das Dreigestirn des gepflegten Europareisens. Alle mit den Beulen der Jahre im Gesicht, aber zueinander treu wie langjährig Verheiratete. Es ist richtig gut, das alles noch einmal zu tun.
Ich sitze im Moment in Belgien.
Unter einem Windrad auf einem Feld. Mir war nie bewusst, dass Windräder Parkplätze haben, dieses jedenfalls hat einen Parkplatz an seinem Fuß, er ist ziemlich groß, eben und ordentlich gekiest. Die Autobahn nach Namur ist etwas zu nahe und lärmig aber für eine Nacht wird es schon gehen.
Heute war ich ein paar Stunden in Liege oder auch Lüttich. Ich habe mir dort die Altstadt, die recht ausufernde Zitadelle und die Maas angekuckt, und ich muss sagen: Lüttich macht einen guten Eindruck als Stadt. Liege ist schon seit dem Ersten Weltkrieg sehr durchsetzt mit Einwanderen, alles wirkt bunt und divers aber trotzdem sehr belgisch. Natürlich gibt es Bier und Pommes. Aber eben auch Cig Köfte und Bulgur. Liege hat auch eine der längsten Straßentreppen Europas, aber diesen Spot habe ich den Instagrammern überlassen.
Blick über Lüttich.
Ich habe es aber wieder sehr genossen, mit Pegasus herumzuradeln, auch das habe ich ja in diesem Jahr schon in allen möglichen Städten gemacht. Und das ging in Lüttich auch ganz hervorragend. Ich habe Pommes und ein dunkles Bier intus, sitze unter einem Windrad und morgen bin ich am Meer.
Auf diesem Blog war es lange still. Das liegt vor allem daran, dass sich meine Pläne geändert haben, was sich in dem reißerischen Titel des Eintrags äußert. Aber seid beruhigt, hier als Entwarnung:
Ich sitze auf der angenehmen Seite im Gerichtssaal.
Seit 2024 bin ich Schöffe, oder wie das Gesetz so sagt: Ehrenamtlicher Richter. Schöffe ist ein Ehrenamt, zu dem quasi fast jeder kommen kann. Also, wenn drei Dinge zutreffen: Man muss die deutsche Staatsbürgerschaft sein eigen nennen, man darf keine strafrechtlichen Einträge in der Polizeiakte haben und man muss sich zur Wahl stellen. Wobei Wahl hier gleich Auswahl heißt: Aus den Bewerbungen für das Amt erstellt ein Wahlausschuss der Gemeinde eine Liste mit den aktiven Schöffen, die Berufung gilt auf 5 Jahre.
Was wenige wissen: Eine juristische Kammer setzt sich aus gleichberechtigten Personen zusammen. Das heißt, dass die Schöffen in der Urteilsfindung genau das gleiche Stimmrecht haben, wie die professionellen Juristen, die zu Gericht sitzen. Was auch wenige wissen: AfD-Kreisverbände spitzen ihre Mitglieder gerne an, wenn die Schöffenwahl ansteht, damit der schöne alte Volksgerichtshof zurückkehrt und man als strammer „Normaler“ ein wenig gegen die woken Urteile der Wohlfühljustiz kämpfen kann. Man kann also FDGO-Ultras bei der Schöffenwahl gut gebrauchen. Ich bin zwar auch alt, weiß, privilegiert und männlich, aber kein Nazi. Besser ich tue meine Pflicht als guter Bürger, als ein schlechter Bürger, der das System bekämpfen will.
Ich bin „nur“ sogenannter Ersatz- oder Hilfsschöffe. Ich komme zum Zuge, wenn ein bestellter Schöffe spontan vom Baum fällt oder wenn Termine neu angesetzt werden, die in der bisherigen Verhandlungsplanung des Gerichtsjahres nicht vorgesehen waren. Ich war bisher zweimal im Landgericht Stuttgart im Einsatz, beides mal sehr kurz: Zum einen ging es um die Berufung in einem Fall von gewerbsmäßigem Handel mit Canabis; das war spannend, weil zu diesem Zeitpunkt sich die Gesetzeslage zwischen Ersturteil und Berufung ziemlich geändert hatte. Der zweite Fall dauerte genau zwei Stunden, und war auch eine Berufungssache, in der jemand ursprünglich mal in einer Stuttgarter Spielothek zu jemand anders „Du Hure“ gesagt hatte.
Wenig spektakulär.
Nun flatterte mir aber eine Ladung mit 16 angesetzten Verhandlungstagen in den Briefkasten, von Juni bis Oktober. Ich hätte vermutlich ablehnen können mit dem Verweis auf meinen geplanten Urlaub auf den britischen Inseln. Aber wann würde ich jemals wieder so oft ins Landgericht kommen? Und – was liegt da vor? Zeugen müssen ja dicke geladen worden sein. Also cancellte ich nach 15 Minuten Abwägen den Trip auf die Orkney-Inseln und sagte für den Prozess zu.
Im Grunde weiß ein Schöffe vor seiner Ankunft am Gericht nicht, worum es in dem Fall geht. Er soll möglichst unbefangen in den Fall steigen und nicht schon vorher sich über die Stuttgarter Journalie ein schönes Boulevard-Blatt-Bild der Tat basteln. Ich spekulierte ein bisschen: Gang-Kriminalität? Mord? (zu viele Zeugen für Mord). Bandenmäßiger Betrug?
Tata: Steuerhinterziehung.
Das klingt jetzt erstmal ein bisschen trocken. Gut, die hinterzogene Summe ist hoch, laut Anklageschrift im Millionen-Bereich. Daher landet der Fall auch vor der großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts. Allerdings: Die hinterzogenen Gewinne und „Zuwendungen“ wurden im Rotlicht-Geschäft mittels dreier Großbordelle in Stuttgart, Frankfurt und Saarbrücken „erwirtschaft.“ Angeklagt ist der „Rotlichtkönig“ von Stuttgart und aussagen wird ein fröhlicher Ringelreihen von Leuten, die Bordelle betrieben oder mit viel Geld finanziert haben.
Jackpot.
Besonders spannend ist, wer irgendwie und auf welche Weise mit dem konkreten Betrieb der Edelpuffs betraut wurde. Erkenntnis: Als Geschäftsführer im Bereich der gewerbemäßigen Prostitution braucht man offensichtlich keinen wirtschaftlichen Background. Spannend ist auch, welche reichen Leute alles dachten, eine Investition in ein Großbordell sei eine ganz normale Business-Oportunity. Da ist der reiche Erbe einer Gewürz-Dynastie, der nach dem Verkauf des Familienunternehmens mal ein paar sechsstellige Summen springen lässt; Da ist der Farben- und Teppichhandel, der das obsolet gewordene Tepichbodenlager den Herren aus dem Rotlicht vermietet, die daraus ein Bordell machen, und exorbitante Mieten dafür zahlen, weil das Familienunternehmen durch die „Parketkrise“ der 2000er in finanzielle Schieflage geraten war; Da ist der Manager einer sehr bekannten Motorsportpersönlichkeit, für den Bordelle auch ein ganz normales Investitionsgeschäft waren. Am anderen Ende der Fahnenstange stehen die Hells Angels, „Security“, die die Hand für unversteuertes Bargeld aufhalten und die Zwangsprostituierte aus Osteuropa verprügeln, wenn „Drecksarbeit“ anfällt, d.h., wenn da eine nicht mehr will.
Es ist hochinterresant zu sehen, wie sich die feine Gesellschaft mit dem organisierten Verbrechen mischte. Am Ende haben sie sich alle beschissen und nicht mehr bezahlt, sich gegenseitig verklagt oder sind von der Staatsanwaltschaft vor die Schranken des Gerichts gezerrt worden.
Bei uns geht es aber nur um die Steuerhinterziehung, die anderen Dinge wurden bereits verhandelt. Am Ende wird es wohl um eine Verständigung gehen, damit der Staat möglichst viel von dem Geld wiedersieht. Aber noch hat der betreffende Angeklagte – natürlich durch die Sache total verarmt – keine Geldreserven finden können. Mal sehen, unter welcher Matratze die noch auftauchen.
Im Moment schreibe ich diese Zeilen aber aus der Champagne. Verhandlungspause. Ich habe die Woche ohne Sitzung sofort als Gelegenheit ergriffen, Gaspard zu packen und mich in die Wälder zu schlagen.
Heute ist Nationalfeiertag.
Ich hätte das aber gar nicht gemerkt, wenn ich nicht an einem geschlossenen Carefour vorbeigefahren wäre und mich gefragt habe, warum der am Montag zu hat. Als in Polen Staatsfeiertage waren, da sah man das Land vor Rot-Weiß quasi kaum mehr. Hier habe ich heute bisher nur Nationalflaggen an den zahlreichen Militärfriedhöfen entlang meiner Strecke gesehen.
das Verhalten und die Praxis der Parkausweiskontrolle in unserer neu vor der Haustür angelegten Parkbewirtschaftungszone möchte ich über diese Email kritisieren und einen Dialog über aus meiner Sicht enge Auslegungen zugunsten der Stadtkasse anregen. Erlauben Sie, dass ich dazu etwas weiter aushole und Sie eingangs zunächst bitte, mein Schreiben komplett zu lesen.
Erste Feststellung: Ihr Parkausweis ist sehr günstig hergestellt.
Das laminierte Kärtchen erinnert an das selbstgebastelte Material für eine Schulstunde und erhält durch diese Materialbeschaffenheit zwei Fähigkeiten:
Es ist flach.
Es ist beweglich.
Natürlich habe ich mir als Anwohner sofort vor Beginn der neuen Parkraumbewirtschaftung zugunsten der Stadtkasse … Verzeihung, ich setze neu an: … des neuen Parkdruckmanagements zugunsten neuer Mobilitätskonzepte einen Zweijahresausweis besorgt, um als verantwortungsbewusster Bürger den Wünschen meiner Landeshauptstadt nach zu kommen. Das kleine, grüne Laminierkärtchen zu beantragen war schon gar nicht so einfach; Wenn man in der Onlinemaske seine Adresse mit Straße und Hausnummer einträgt, behauptet der Programmcode, man wohne gar nicht in einer Parkplatzbewirtschaftungszone … Verzeihung, Parkraummanagementzone. Nur einen Email-Schriftverkehr mit der zuständigen Verwaltung weiter wusste ich dann, dass man die Hausnummer nicht händisch eintragen darf, sondern per Dropdown-Menü anklicken muss, damit die Lokalisierung funktioniert.
Wenn ich schon beim Ideen vom Bürger Weiterleiten bin: Das könnte man mal im Programmcode fixen. Wären Sie keine Stadtverwaltung, sondern als Beispiel in der Gamingbranche, hätten Sie mit sowas ganz schön Communitymanagement vor sich.
Der neue Parkausweis kam pflichtschuldigst auf mein Amaturenbrett, so dass ich Anfang Mai unbesorgt auf einen längeren Urlaub fahren könnte. Der Wagen steht ja legal.
Dachte Ich.
Nun finde ich leider gestern bei meiner Rückkehr einen sehr bräunlich verfärbten Kassenzettel vor, der aber gar nicht von einer Baumarktkasse stammt, sondern ein Strafzettel ist. Ich weiß, dass das offiziell anders heißt, aber da ich an der Tastatur sitze, kann ich mir die Bezeichnung nun mal aussuchen. Der Strafzettel klärt mich darüber auf, dass mein Parkausweis nicht „gut lesbar“ sei und ich deswegen am besten per QR-Code doch einmal schnell 20 Euro überweisen könnte. Dazu möchte ich feststellen:
Ja, der Parkausweis war hinter den Tönungsstreifen der Frontscheibe gerutscht, wo tatsächlich bei den unteren Zentimetern eine nur schwache Transparenz besteht.
Nein, er war lesbar. Besonders von der Seitenscheibe aus konnte man das obere Drittel des Parkausweislaminierkärtchentextes durchaus erkennen.
Zur Rettung der Würde des Menschen, der den Kassenzettel ausdruckte: Der Mensch schreibt mir ja nicht, dass er nicht lesen konnte. Der Mensch schreibt mir ausdrücklich, dass er nicht GUT lesen konnte. Den Parkausweis.
Das bedeutet also, wenn der Ausweis nicht GUT lesbar ist, dann kostet es 20 Euro. Wann etwas noch GUT lesbar ist, ist dann wahrscheinlich eine Einzelfalleintscheidung. Jetzt hoffe ich, dass bei uns in der Straße im Herbst die Scheiben nicht beschlagen.
Sehr geehrte Menschen in Verantwortungspositionen: Ich finde dieses Verhalten den Bürger*Innen gegenüber unfair. Der Verdacht könnte sich bei malevolenten Leuten einschleichen, der billige Laminierausweis und die Neigung von Amaturenbrettern einen engen Spalt zwischen der Scheibe zu bilden, sei geradezu darauf ausgelegt, zusätzlich zu den 69 Euro für zwei Jahre ab und zu noch einen Zwanni abzuzwacken, wenn es die Bedingungen halt gerade hergeben.
Ich werde also in Zukunft das grüne Laminierkärtchen auf dem Amaturenbrett festkleben, damit es nicht wieder bei Fahrmanövern verrutscht.
Darüber hinaus möchte ich anregen, gerade in neu ausgewiesenen Bezahlgebieten … jetzt habe ich schon wieder das falsche Wort benutzt, Entschuldigung … also da, wo Anwohnerparkausweise neu eingeführt werden, vielleicht eine Weile noch Kulanz walten zu lassen, in dem von dem nicht gut lesen könnenden Menschen zunächst ein freundlicher Hinweis gekassenzettelt wird. Und nicht gleich ein QR-Code für Sofortüberweisung.de. Sie könnten zum Beispiel mit mir gleich anfangen, mit dieser freundlichen Kulanz.
Und verzeihen sie den ironischen Tonfall, aber ich schreibe diesen Text tatsächlich mit einer sehr großen Wut im Bauch. Und da finde ich es für mein eventuell unschuldiges Gegenüber wesentlich angenehmer, wenn es angegrinst statt angebrüllt wird. Außerdem ist Schreiben therapeutisch.
Verzeihen Sie mir darüber hinaus, dass ich meiner Kritik erst so viele Tage nach dem Gekassenzetteltwerden Ausdruck verleihe, aber wenn Sie wirklich fleißig alles gelesen haben, dann wissen Sie jetzt, dass ich in einem längeren Urlaub war. Das erklärt vielleicht auch den jämmerlichen Zustand des Zetteles. Ich finde es nicht gut lesbar, aber es ist mit ein wenig Mühe doch machbar.
Über eine Antwort von beiden angeschrieben Seiten würde ich mich und mein Blog sehr freuen.
Mit besten Grüßen
(Grumpy Old Boy)
P.S.: Sie finden diesen Brief auch im Stuttgart-Sub-Reddit und auf meinem Blog: http://www.einjahrraus.org.
Falls es Sie interessieren sollte, was ich im Urlaub die letzten Wochen gemacht habe.
Ich mag Brutalismus. Für alle, die keine bildungsbürgerliche Grundagenda hatten: Damit ist nicht meine Neigung zu rostigen Granaten und blutigen Computerspielen gemeint. Ich bin im Grunde ein friedlicher Mensch, der Gewalt verabscheut. Brutalismus ist eine Architekturschule, die grob von den 1960ern bis in die 1980er reicht, und die den Beton als freitragendes, breite Formen schaffendes Konstruktionsmittel für sich entdeckte.
Iss jetzt sehr abstrakt.
Karlsbad an sich ähnelt eher der Sahnetortenauslage eines typischen Oma-Cafes: Fassaden aus Buttercreme in verschiedenen Pastelfarben, gelegentlich noch mit Spritzelementen aus Zuckerguss oder Sahne verziert. Süß, klebrig, bunt, verspielt.
Kurbad-Architektur.
Karlsbad ist schon seit ca. 1800 komplett „verwertet.“ Heute nach wie vor. Ich hebe in den Straßen den Altersschnitt der Passanten, mit einem Fahrrad ist durch die Massen an langsam und orientierungsarm wankenden Scheintoten oft kein Durchkommen möglich. Das heiße Mineralwasser ist umsonst. Man kann in den Klimbim-Läden kleine bunte Schnabeltassen für die warmen Brunnen kaufen, aus denen ich alleine aus Gründen meiner Menschenwürde nie trinken würde.
Dann entdecke ich das Hotel Thermal.
Ein kommunistisches Großhotel aus den 60er Jahren, das ein betongewordenes Ausrufezeichen in die Konditorei-Architektur der Belle Epoque klatscht. Viele Besuchende mögen das Thermal seither als „hässlichen Klotz“ bezeichnet haben, ich empfinde die großen geschwungenen Formen und Fensterflächen des brutalistischen Baus als echte Offenbarung zwischen all dem Pastell-Nippes.
Außerdem spielt das Thermal die Hauptrolle während der Karlsbader Filmfestspiele und ist das Zentrum der Stars und Sternchen während dieser Wochen. Man kann in der Hotelbar einen Kaffee trinken und in schicken Möbeln im Stil der 70er versinken. Es ist für dortzulande ein ziemlich teurer Kaffee, aber das Ambiente ist unvergleichlich. Man fühlt sich wie in einem schicken Streifen aus der Zeit des kalten Krieges, na ja, eher wie eine Nebenrolle aus einem tschechischen James-Bond-Imitat für den kommunistischen Block, aber alleine das ist für die meisten Everyday-People mehr Flair, als der neue Thermomix hergibt. Von den Wänden lächeln Harvey Keitel, Klaus Maria Brandauer und Gina Lollobrigida, die alle auch mal hier saßen. Impressionen:
Meine letzten Kronen reichen gerade für den Movie-Kaffee, einen vollen billigen Tank und die letzten paar Mitbringsel für liebe Menschen. Dann auf zur Grenze; Kurzer Stau bis der Winkeklaus von der Bundespolizei mich für rassisch unbedenklich erklärt; Veschper in Bayern.
Eigentlich spiele ich mit dem Gedanken, den letzten Tag auf der Tour in Nürnberg zu verbringen, aber dann kommt mir auf der Autobahn das Ortsschild „Bamberg“ in den Blick. In Bamberg gab es jemand, den ich schon sehr lange, sehr sehr gerne mag. Und ich entscheide mich, dem Lieben mal einen Besuch abzustatten.
E.T.A. Hoffmann
Dass nun Hoffmann mein Lieblingsromantiker ist, liegt an seiner blühenden, wilden Fantasie, die sowohl als Nukleus der Fantasy als auch des Horrors gelten kann. Schon im Studium fasznierten mich seine Texte zutiefst. In Bamberg verbrachte Hoffmann nicht viele Jahre, aber es waren persönlich prägende, dramatische und von intensivem literarischen Schaffen geprägte Jahre.
Ansonsten erwarte ich mir von Bamberg im Lande Söders nicht viel. Und werde einmal mehr überrascht. Bamberg ist der Inbegriff einer romantischen Stadt, damit meine ich die Epoche, nicht die Valentinstag-Werbung auf Ali-Express. Wunderhübsche Häuschen, kilometerlang, figurenbehangen und winkelig, ganz so wie die Gassen einer Hoffmann-Geschichte, durch die ein unbeholfener Held auf der Suche nach seiner Serpentina irrt. Man hat an jeder Ecke das Gefühl, dass gleich der junge Heinz Rühmann um die Ecke biegt, in einem gut sitzenden UfA-Kostüm, leicht ahistorisch, aber grinsend ein fröhliches Liedchen pfeifend.
Hier soff Hoffmann.
Es gibt einen Hoffmann-Rundgang durch Bamberg, übrigens heißt hier alles „Kater Murr“ und „Serapion.“ Einen gibt es als App des Tourismus-Büro für 4.99 – für eine App, die man einmal benutzt. Aber die Hoffmann-Gesellschaft hat einen eigenen auf Open-Street-Map-Erstellt, dem man durch wichtige Stätten für Hoffmann durch Bamberg folgen kann. Er ist gut, aber es fehlt eine wichtige Station:
Das Apfelweib.
In dem Kunstmärchen „Der goldene Topf“ stolpert der unbeholfene Student Anselmus gleich in den ersten Sätzen in den Fruchtkorb des Apfelweibes auf dem Markt, so dass sich das Obst explosionsartig um den Unglücklichen verteilt. Jenes Apfelweib ist mitnichten eine ehrliche Markthändlerin, sondern ein Geschöpf des Schwarzen Drachen aus der Feen-Welt, eine Verkörperung des Prinzip des Bösen. Anselmus wird sie wiedertreffen, zum Beispiel wenn er den Archivarius Lindhorst besucht, seinen neuen Arbeitgeber und übrigens ein Feuersalamander, ein Geschöpf des Lichtes. Aber der Türknauf des Archivarius verwandelt sich in ein Äpfelweib, das Anselmus in Schlangengestalt zerfleischt – in seinen Visionen.
Es gibt in Bamberg einen echten Türknauf, der Hoffmann wahrscheinlich zu der Idee inspirierte. Das Original ist längst im Museum aber an der Tür des Hauses hängt eine Kopie. Sie wirkt eigentlich ganz freundlich, als ich sie nach einer Google-Suche endlich finde, aber ich begrüße sie trotzdem sehr höflich und fasse sie nicht an, man weiß ja nie. Hier ist sie:
Damit endet erst einmal meine Reise in den Nordosten meines Kontinents. Ich bin wieder daheim angelangt, und meine Fresse, was für eine geniale Tour das geworden ist.
Mein Gott ist das tschechische Hinterland idyllisch! Es liegt sicher auch daran, dass heute der erste wirklich schöne Tag seit langem war, sogar der erste T-Shirt-Tag der Reise. Aber das alleine erklärt es nicht. Vor mir schlängelt sich der Fluss durch das Waldtal, weite, blumenübersähte Wiesen wechseln sich mit majestätischen Bäumen ab, es liegt ein Summen und Brummen in der Luft, dass Eichendorff sofort mit einer Novelle beginnen würde.
Ich begegne: Falke, Eichelhäher, Kranich, Kaninchen. Vom Biber finde ich nur Nagespuren, aber das Kerlchen hat sich nicht gerade die kleinen Bäume am Fluss zur Aufgabe gemacht, sondern arbeitet gerade heftig an einem Baumriesen. Diese Landschaft sieht aus, als hätte sie Walt Disney gezeichnet und als würden jeden Moment Tiere und Pflanzen ein zuckersüßes Lied miteinander singen, in dem alle hüpfen und froh sind.
Ich bin wegen Bunkern hier rein gestolpert.
Zunächst aber überlebe ich die Nacht am Kult-Baum unbehelligt, nur der Förster fährt am Morgen mit einem Jeep vorbei und starrt mich finster an. Vielleicht ärgert er sich, dass sie es verpast haben, mich auf ihrem heidnischen Hirsch-Altar zu opfern. Es ist nur eine Stunde bis Pilsen, und wie immer überraschen mich die Städte, von denen ich mir nicht so viel erwarte, am meisten. Der Marktplatz ist ganz wunderbar, die alten Häuser sind bunt angestrichen und es ist überhaupt nicht das Bier-Touri-Ding, dass ich befürchtet hatte. Klar wird überall Urquell angeboten, aber es ist eine wirklich schöne Stadt mit einer bombastischen Synagoge. Das Adjektiv gilt auch für das Rathaus, in das ich auch nur aus Neugier die Nase stecke und mich in einer Ausstellung wiederfinde.
Geschichtsstunde? Geschichtsstunde.
Pilsen markiert den weitesten Vorstoßpunkt der US-Army im 2. Weltkrieg. Weiter durften Sie nicht, denn Stalin bestand darauf, dass die Amerikaner kurz hinter Pilsen an der sogenannten „Demarkationslinie“ halt machen. Damit Mütterchen Russland den Osten erobert, und nicht der dekadente, zum Scheitern verurteilte Endkapitalismus.
Das war schlecht für den Prager Aufstand, der einige Tage zuvor ausgebrochen war und der darauf gesetzt hatte, dass die Amerikaner bald eintreffen und den notwendigen Feuersupport gegen die besser ausgerüstete Wehrmacht darstellen. Vom Deal mit Stalin ahnten sie nichts.
Jedenfalls hielten die Amerikaner in Pilsen, genauer gesagt die 2nd Infantery Division „Indian,“ eine multiethnische Elitetruppe, die von der Normandie bis in die Tschechischen Dörfer quasi ununterbrochen da im Einsatz war, wo es übel zuging. Die Pilsner bereiteten der Division einen rauschenden Empfang, selbst die Belgier und Franzosen hätten sich nicht so gefreut, notiert ein Zeitzeuge.
Die Tschechen waren ja auch die, die von allen die Deutschen am längsten ertragen mussten.
Jedenfalls errichten die Pilsner ihren Befreiern zahlreiche Ehrenmäler – die dann nach 1948 alle vom kommunistischen Regime beseitigt wurden. Das Gedenken an die Befreiung durch Amerikaner war offiziell untersagt und verboten. Erst nach der samtenen Revolution wurde Pilsen und die Amis wieder ein Ding – und zwar ein ziemlich enges. Die Befreiung jährte sich übrigens vor ein paar Tagen zum 80. Mal, den Aufmarsch von Jeeps und anderem Kriegsgerät auf dem Marktplatz habe ich verpasst, aber die sehr schöne Ausstellung im Rathausfoyer gibt es noch.
Übrigens wurde in Tschechien über den 8. Mai hinaus gekämpft.
Man sollte nie Bargeld in einer Bank umtauschen, sondern immer in einer Wechselstube, auch wenn die unseriöser wirken. In der Wechselschube schiebst du den Schein rüber, die Person hinter dem Panzerglas presst einen Taschenrechner gegen die Scheibe und schiebt den Betrag in Kronen zurück. In der Bank ist alles digitalisiert. Ihr kennt diese Digitaliät. Die Bearbeiter*In tippt deinen Personalausweis ab. Fünf Keybordtasten werden gedrückt, dann erfolgen sieben Doppelklicks. Nach jedem Doppelklick muss man 6 Sekunden warten, bis die Software die nächste Maske aus dem Netz geladen hat. Dann zurück zu den fünf Tasten auf dem Keyboard und so weiter. Das alles dauert 2025 noch immer genau so qualvoll lang wie 1998, nur dass es damals ein Röhrenmonitor war. Wer glaubt, dass Digitalität die Welt beschleunigt, hat nie versucht bei der Unicredit in Pilsen 50 Euro in Kronen zu wechseln. Ansonsten finde ich in der Stadt eine ausgezeichnete Kohlsuppe und nehme mir vor, dass ich das mal selbst kochen muss. Dann kommt die Frage nach der Nachmittagsgestaltung und ich stoße im Netz auf die Bunkerlinie im Wald.
Geschichtsstunde? Geschichtsstunde.
Was kaum einer noch weiß: Tschechien war in den 20er und 30er Jahren eine der importfreudigsten Rüstungsschmieden der Welt und man versorgte halb Europa mit ziemlich guten Panzern und Maschinengewehren. Ziemlich schnell war der Regierung klar, dass Hitler irgendwann anrücken würde, ganz egal was er den trotteligen Engländern alles vorlügt. Der „Tschechoslowakische Wall“ war eine an die Maginot-Linie angelehnte Verteidigungsanlage an der Westgrenze, die einen Angriff Deutschlands aufhalten sollte. Nur, dass die Prager Regierung 1938 angesichts der übermächtigen Wehrmacht das Blutvergießen absagte und ohne Kämpfe kapitulierte. Die Bunkerlinie liegt aber natürlich noch immer in der Landschaft, im Gegensatz zu ihrem französischen Gegenstück aber ziemlich vergessen.
Ein hübscher kleiner Bunker, hübsch restauriert dazu.
In einem Flusstal nördlich von Pilsen soll noch viel zu sehen sein, so google. Tatsächlich stoße ich schnell an einer Brücke auf einen ansehlich restaurierten kleinen Bunker, leider bei der folgenden Exkursion am Fluss auf keine weiteren mehr, obwohl die Karte zahlreiche Bauwerke verortet. Dafür finde ich allerherrlichste Natur vor, so wie ich mir einen Nationalpark vor ein paar Tagen gewünscht hätte, allerdings ist das hier nur ein ganz normaler Wald im dünner besiedelten Tschechien.
Ich bin auch ohne Bunker heute sehr zufrieden.
Noch ein sehr, sehr, sehr schöner Übernachtungsplatz.
In Prag war ich im Leben schon ein paar mal. Als Student, als Lehrer, mit meiner Ex und auf Abi-Fahrt. Die letzten 15 Jahre aber nicht mehr, dennoch habe ich das Gefühl, die Stadt bereits zu kennen.
Der Verkehr um Prag ist krass.
Top Tip: Im Vorort Branik hat es am Bahnhof einen großen, kostenlosen Park&Ride. Ich hatte keinerlei Probleme, dort einen Stellplatz zu kriegen, die Straßenbahnen fahren direkt davor und man steht nach 20 Minuten an der Karlsbrücke.
Vorher steige ich aber aus, denn ich komme an meinem Lieblingsviertel von Prag vorbei: Vysehrad. Vysehrad ist ein großer Felsen am Rand der Moldau. Auf diesem Felsen steht eine ziemlich dicke Festung der Österreicher aus dem 18. Jahrhundert und auf der Festung eine ziemlich dicke Kirche mit Doppeltürmen. Zwischen den Wällen sind Bürgerhäuser entstanden, aber vor allem viel Grün und alte Bäume. Wer ein anderes Prag als den Trubel an der Karlsbrücke erleben will, der sollte den Aufstieg in Kauf nehmen.
Hier ist es vor allem ruhig und großzügig angelegt. Es gibt nette Kaffees. In einem großen Park stehen einige sehr bemerkenswerte Monumentalstatuen. Der Blick auf die Moldau ist in beide Richtungen atemberaubend, man kann quasi im Kopf Smeltana in Dauerschleife hören. Aber das Beste dort ist der Friedhof.
Ich war wirklich auf meinen Reisen schon auf einigen Friedhöfen, einige altehrwürdig, einige morbide, aber der Kirchhof von Vysehrad ist einzigartig. Im Grunde ist es eine Kunstinstallation unter der Leute begraben sind.
Berühmte Prager.
Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert hat alles an zeitgenössischem Kunstsinn aufgeboten, um die Grabmäler hochgradig figural aufzumotzen. Klassizismus, Jugendstil, Art Deco, abstrakte Bildhauerei. Bronzen, Büsten, Marmor, Mosaiken. Hätte Stuttgart ein einziges solches Grabmal, hätte es einen eigenen Wiki-Eintrag. Hier sind hunderte.
Um halb elf setze ich dann einen lange gehegten Plan um: Ich kaufe mir das billigste Bier im Mini-Markt und setze mich damit auf die Brüstung der Karlsbrücke. Das ist genau das, was ich im Jahr 2000 als Student an meinem zweiten Abend in Prag gemacht habe, mit dem Freund einer Mitreisenden damals, ich glaube der hieß Joachim, aber sicher bin ich mir nicht mehr. Jedenfalls war es ein sehr entspannter Sonnenuntergang, und ich bin jetzt auch einfach in einem Alter, in dem man seiner Jugend nachspürt.
Genau genommen ist es nicht das billigste Bier, aber ich kann nicht anders, als ich die Flasche „Gambrinus“ sehe. Staropramen gibt es ja mittlerweile auch im deutschen Supermarkt und Pilsner Urquell auch, es wird aber in den Niederlanden für den deutschen Markt gebraut und hat geschmacklich nichts mit dem tschechischen Original gemein; ein Gambrinus habe ich seit dem letzten mal hier nicht mehr gesehen und es ist noch immer absolut lecker.
Die Karlsbrücke ist noch wie früher: Knackevoll und gespickt mit Krimskrams-Händlern. Eine Dixie-Band spielt, es ist bewölkt, aber trocken. In meiner Erinnerung waren mehr junge Leute damals in Prag unterwegs, war das hier schon damals so ein wanderndes Seniorenheim? Ist der Prag-Tourismus mit mir gealtert und es mangelt an Nachwuchs? Einige starren mich blöd an, wie ich da an meiner Bierflasche nippe. Man hält mich eventuell für einen Obdachlosen in meiner Gaspard-Klamotte. Eine ältere Asiatin weist mich darauf hin, dass es auf der Brückenbrüstung gefährlich sei. Ich versichere ihr, dass ich das wüsste, dass ich es aus nostalgischen Gründen täte und ihre Besorgnis zu schätzen wisse. Sie wirkt damit nicht zufrieden.
Scheiße. Prag ist genau so uncool geworden wie ich selbst.
Ich halte mich nicht damit auf, den Hradschin zu besuchen und auch das jüdische Prag habe ich schon mehrmals gesehen. Ich ziehe weiter ins Viertel Holesovice, wo nach dubiosen Internetquellen nun das coole, unverwertete Prag liegen soll. Außerdem ein gutes Museum für zeitgenössische Kunst. Das erstere kann ich nicht unbedingt bestätigen, aber es ist immerhin ein ganz normales, lebendiges Stadtviertel. Ich entdecke aber den Bahnhof Holesovice wieder, den ich gut kenne und der unverändert diesen Christiane-F-Vibe verströmt, den er bereits anfang der 2000er hatte. Einmal habe ich hier in der Nähe in einem Hostel gewohnt, während eines etwas unglücklichen Prag-Urlaub mit einer Kollegin, die in den Sommerferien auch niemand zum Verreisen hatte. Die erwähnte Stufenfahrt nach Prag hatte etwas oberhalb des Bahnhofes ihr Hostel, und meine Fresse, waren diese Weingartner Kids mit dem Prager ÖPNV überfordert.
Die schlechte Nachricht: Das DOX hat zu. Alle Prager Museen haben übrigens Montags zu. Mir gehen die Ideen aus, ich diffundiere zurück Richtung Zentrum, entdecke einen fantastischen aber fast verwaisten Großmarkt, verlaufe mich im Vorfeld des Altstätter Rings, finde einen sehr coolen T-Shirt-Laden und bin dann gegen fünf Uhr ziemlich voll mit Eindrücken wieder bei Gaspard.
Der Weg raus aus Prag ist qualvoll.
Jetzt sitze ich tief im Wald bei einem kleinen Dorf, etwa fünfzig Kilometer vor Pilsen. Direkt hier am Platz ist eine gewaltige Eiche, an die man Kreuze und Bildchen mit Hirschen genagelt hat, und ich kann mich beim besten Willen nicht entscheiden, ob das hier nun katholisch oder heidnisch sein soll. Falls ich heute Nacht also Opfer eines irren tschechischen Backwood-Kultes werden sollte, habe ich mir das ganz alleine selbst zuzuschreiben.
Wie man am letzten Eintrag sehen kann, gibt es in Birkenau auch Tickets an der Kasse, allerdings nur für geführte Begehungen. Worte sind hier schwierig. Außer: Jeder sollte sich das vor Ort ansehen. 2025 noch viel dringender als vor ein paar Jahrzehnten.
Das Wetter bescherte weiter kein Glück, im Gegenteil, auf dem Gelände gerieten wir in einen formidablen Hagelsturm. Aber als Ausgleich zu einem düsteren Mittag bekam ich dann einen richtig guten Abend.
Zunächst mal: Ich bin dumm und sollte mich mal vor meinen Reisen informieren. Über der tschechischen Grenze stelle ich nämlich zwei Dinge fest: Zum einen sollte ich mir richtig schnell jetzt eine E-Vignette besorgen; Zum anderen ist Tschechien gar nicht Euro-Zone, sondern noch immer Kronen-Land. Das ist schön nostalgisch und erinnert mich an meine Studententrips nach Prag, bringt mich aber nicht aus der nervigen Orga-Arbeit beim Bezahlen.
Ostrava beschert mir einen wunderbaren Abend. Ich parke in der drittgrößten Stadt des Landes direkt hinter einem riesigen alten Stahlwerk auf einer verboten großen freien Fläche. Sicherlich hätten hier tausend Fahrzeuge platz, Gaspard steht da ganz alleine unter dem einzigen Baum auf dem Gelände. Es regnet. Mal stark, mal nieselig, aber so gut wie nie nicht.
Wikipedia preist als Sehenswürdigkeit eine Partymeile, mit mehreren dutzend Clubs und noch mehr Kneipen. Aufgrund des Regens und weil das Knie noch immer nicht gut auf das Fahrrad zu sprechen ist, pilgere ich zu Fuß die 20 Minuten entlang der Bahngleise. Ostrava wirkt schön verratzt industriell, das mag ich ja als Ambiente.
Die „Partymeile“ – Na ja, Wikipedia.
Klar, es ist eine längere Straße mit Kneipen, aber halt auch ne ganz normale Straße, kein Vergleich zu etwa Zagrebs Vergnügungs-Strip. Für einen Samstag ist kaum was los hier. Ich biege in den Irish Pub ab, nur um festzustellen, dass da Pop-Mucke läuft und es kein Pub-Food gibt. Irish, my ass. Also auf ein Bier an der Bar, trocknet die Jacke vielleicht wieder ein bisschen.
Dann setzt das Glück ein.
Die nette Bedienung fragt mich ob ich noch ein zweites Bier möchte? Ich blicke zweifelnd auf den ersten halben Liter „Staropramen,“ an dem ich etwas zu schnell auf nüchternen Magen getrunken habe. Also ich sollte wohl nicht gleich noch eins … Ja nun, meint die Barfrau, die Happy Hour sei in 5 Minuten rum und mein zweites hätte ich quasi mit dem ersten schon bezahlt. For free? Ich schlage ein.
Der billigste Rausch meines Lebens.
Als ich gegen kurz vor neun aus dem Pub bzw. der daneben liegenden Pommes-Bude trete, ist die Welt ein wenig wattig und das Licht ein wenig weicher geworden. Oder wie man auf ehrlich sagt: Ich habe einen sitzen. Auf dem Heimweg erschallt dann plötzlich ein Soundcheck eine Ecke weiter durch den Abend. Eine E-Gitarre wird gestimmt. Das hört sich doch gut an.
Ich biege ab und stehe vor der Stadtverwaltung von Ostrava, ein klotziges, graues Hochhaus. Eine überdachte Bühne im Nieselregeln, ein Dutzend Leute, eine hell erleuchtete Verwaltung. Mit Google Lens versuche ich rauszubekommen, was der Anlass ist, aber außer dass die Verwaltung heute zum Fest lädt und man Termine mit dem Oberbürgermeister für persönliche Gespräche hätte buchen können, gibt das Plakat nicht viel her. Der Regen hat eventuell die meisten Bürger*Innen der Stadt von einem Besuch der Veranstaltung abgehalten, es wirkt leer.
Aber da steht eine Band.
Sie ist nur eine Coverband, aber: sie ist gut. Man merkt das daran, dass sie großen Spaß daran haben miteinander zu spielen, auch wenn der Platz vor der Bühne mit wenigen Leuten bestückt ist. Der Leadsänger ist definitv Brite, er ähnelt optisch Achim Mentzel auf verblüffende Weise. Die vier Jungs spielen sich einen Wolf, trotz Regen und kaum Publikum. Nach und nach zieht die Mucke Passanten auf dem Weg zu Kneipen an, es werden mehr, die stehen bleiben. Eine 7-Minuten-Version von „Call me Al.“ Eine 12-Minuten-Version von „Let’s Dance.“ Die Leude gehn mit.
Eine Party macht sich breit.
Und so habe ich doch noch meinen Sabbatical-Moment an diesem wolkenverhangenen Tag: Ich tanze, deutlich angetrunken, vor einem kommunistischen Betonbau im Nieselregen zu einem alten Bowie-Song, als einziger Deutscher mit ein paar Dutzend Tschech*innen und habe richtig, richtig Spaß.
Und es gibt gute Gründe, nach Auschwitz das Leben zu feiern.
Ich sitze am Folgemorgen in einem McCafe kurz vor Brünn bzw. Brno und nutze das WLAN, weil mein Datenvolumen auf dem Handy langsam knapp wird. Angepeilt ist nun Prag, da war ich zwar schon oft in meinem Leben, aber es liegt halt echt geschickt auf dem Weg nach Hause.
Brno ist eine wirklich schöne Stadt – einmal mehr. Hier dominiert nun baulich habsburger Neo-Klassizismus und auf einem Hügel thront die gotische Kathedrale. Brno ist außerdem eine Kulturmetropole, das zeigt sich an diesem Sonntag an einer Trommel-Truppe auf dem Marktplatz.
Mich zieht es aber nach kurzem Spaziergang in die Außenbezirke, wo an einem Hang die Villa Tugendhat liegt. Gebaut hat sie Mies van der Rohe 1929, für eben die Familie Tugendhat, und ich bin persönlich ein großer Fan seiner Architektur, die man ja auch in Stuttgart im Weißenhof-Museum erleben kann.
Villa Tugendhat – eine Ikone.
Leider kann man die Räumlichkeiten der Villa nur nach einer vorherigen Online-Reservierung besichtigen, aber die frei zugängliche Ausstellung im Keller gibt einen guten Eindruck von den atemberaubend schönen und doch modern-wohnlichen Räumen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, was für Meisterwerke der Modernität die Weimarer Republik erschaffen konnte, und hätte nicht der Zivilisationsbruch von 1933 diesen Geist der Modernität brutal abgewürgt, was hätte wohl daraus noch alles für die Zukunft entstehen können.
Es ist darüber hinaus faszinierend, wie sich auf dieser Europa-Reise immer wieder Zusammenhänge zwischen meinen Aufenthaltsorten ergeben. Vor etwa einem Jahr stand ich in den Räumen der Wannsee-Konferenz – eine Villa – die die Ausrottung des europäischen Judentums organisierte. Gestern stand ich in der direkten monströsen Folge dieser Beratung. Und vor der Tugendhat-Villa sind schön polierte Messing-Pflastersteine für ihre Bewohnenden eingelassen. 1938 floh nämlich die Familie vor den Nazis, die frisch Österreich angeschlossen hatten, in weiser Vorraussicht, denn sie waren Juden.
Italien: Zähes Mittelmeertief über Sizilien. Balkan: Zähes Mittelmeertief über der nördlichen Adria. Osteuropa: Zähes Ostseetief über dem Festland. Ich komme mir so langsam vor, wie der Fernfahrer aus „Der lange, dunkle Fünfuhr-Tee der Seele“ von Douglas Adams. Der nicht weiß, dass er die Reinkarnation eines Regengottes ist, und der sich deshalb nicht mehr wundert, warum er seine Touren in 45 Variationen von Regen fährt, der glaubt, es regnete immer in England, das sei normal.
Jedenfalls erwache ich, weil Windböen an Gaspard rütteln und den Regen prasselnd über den Bus treiben. Ich halte mich nicht lange auf: Bett zusammenschieben, einen warmen Instantcappuchino trinken und dann runter von der nassen Wiese. Auf dem Weg finde ich einen Rastplatz mit MacCafe, gutem W-Lan und einer Dusche im Toilettenhäuschen. Es ist windig. Es pisst. Es hat acht Grad.
Das Wetter wird gegen Süden über den Vormittag besser. Als ich in Krakau ankomme, ist es nur noch aprilig, aber nicht mehr novembrig. Alle fünf Minuten wechselt also die Witterung zwischen Sonnenloch und Regenguss. Ich habe vom Krakauer Zentrum viel Gutes gehört, aber erst mal muss ich ein bisschen Versorgung einkaufen. Entdeckung: ALDI heißt in Polen nicht Aldi, sondern irgendetwas, das ich mir nicht merken konnte und dessen Ladenlogo eine fröhliche Cartoon-Biene ziert. Ansonsten ist alles gleich: Der Aufbau der Läden und die Produktpallette, na ja, ein paar Verschiebungen gibt es dann doch. ALDI-Bienchen bietet 60 Sorten Dosenbier an und ein Drittel des Ladens besteht aus Fleischstücken in Drei-Kilo-Beuteln. Aber sonst.
Krakau Zentrum: Viel Gutes.
Ganz klar muss man sagen: Die Altstadt ist der Hammer. Die Burg sieht aus wie aus einem Fantasy-Epos, die Altstadt ist groß und wunderschön, der Marktplatz in dieser Gestaltung einzigartig. Aber Krakau ist auch sehr das, was ich inzwischen „verwertet“ nenne. Irgend eine Unternehmensberatung hat den Verantwortlichen vor einigen Jahren beigebracht, wie sie den maximalen Gewinn-Rückfluss aus ihrer Insta-Gold-Altstadt bekommen. Alle Geschäfte, alle Läden, alle Angebote, alle Beschilderungen gestreamlined, so dass die Zielgruppe „Touri“ möglichst zum Ausgeben animiert wird und man alles perfekt auf deren Bedürfnisse hin designed, außer natürlich die Bausubstanz an sich. Dementsprechend wimmelt Krakau von Gästen, nur Einwohner bekommt man in der Altstadt nicht zu Gesicht.
DSA, aber halt in echt.
Man kann es mir aber auch nicht recht machen. In unentdeckten Perlen wie Jekabpils, wo ich vermutlich der einzige Fremde war, beschwere ich mich, dass es da nix gibt. In Traumkulissen wie Krakau motze ich über den Vergnügungspark-Charakter, den alles wegen der Fremden angenommen hat.
Eine Weile streune ich auf der fantastischen Burg herum, aber das Angebot von fünf Touren mit fünf unterschiedlichen Zeitslots schreckt mich eher ab. Ein vernünftiges Kaffee, wo das Stück Kuchen keine 12 Euro kostet oder man vorher dem Concierge sagen muss, was man zu tun gedenkt, damit er einen strategisch richtig setzt, finde ich erst nach langem Herumwandern. Das Kaffee ist toll, klein, eine Toilette hat es nicht. Zu spät entdecke ich die Bezirke am Rand der Altstadt, die sehr viel autentischer und interessanter zu entdecken wirken, aber da wäre es dann eigentlich schon wieder Zeit, zum Nachtplatz weiter zu ziehen.
Mal wieder an der Weichsel, Grillplatz im Wasservogelparadies.
Ach ja: Für den geplanten Auschwitz-Besuch hätte ich vor drei bis vier Tagen einen Slot reservieren müssen. Das Wochenende ist in der Gedenkstätte komplett dicht. Ich fahre morgen früh trotzdem mal hin, quasi stehe ich gerade kurz davor, aber große Hoffnungen mache ich mir nicht. Vielleicht habe ich ja wegen dem Pech mit dem Wetter mal wieder Glück und es gibt Restkarten von Leuten, die nicht auftauchen.
Die Alternative, nämlich hier noch vier Tage im Kreis zu fahren, möchte ich lieber nicht. Die Zloty-Geschichte geht mir zunehmend auf die Nerven, ich möchte wieder in ein Euro-Land.
Schon blöd, wenn das Beitragsbild deutlich „Bialystok“ sagt, aber der Beitragstitel „Warschau.“ Aber ich habe kein aktuelles Bild aus letzterer Stadt und ihr müsst auch einfach mal die kognitive Disonanz aushalten.
Als ich erwache ist das Wetter viel besser, als angesagt. Nur kalt ist es geworden. Von Gaspards offener Tür aus beobachte ich ein faszinierendes Phänomen: Die von der Sonne angestrahlte Memel fließt nach links; Der darauf wabernde Nebeldampf zieht nach rechts.
Irrer Effekt
Eine Stunde später tanke ich kurz vor der Grenze noch einmal den Laden richtig voll, denn man spart 8-10 Cent pro Liter. Dann bin ich in Polen. Während beim Grenzübergang auf der Herfahrt großes Bohei mit Alkoholkontrolle war, ist diesmal keine Sau dan der Grenze. So langsam komme ich auf den Trichter, dass das alles nur sinnlose Symbolpolitik für bestimmte ältere Wählergruppen ist. Alleine die Personalkosten für konsequente und flächendeckende Grenzkontrollen wären albern hoch.
Jedenfalls zurück in Polen. Es herrscht wieder MEZ. Fast schon ein Gefühl von Heimat. Erster Stop: Bialystok, die Provinzhauptstadt. Kann man machen. Eine hübsche kleine Altstadt und ein wirkliches Barockjuwel: Das Schloss mit Figurengarten ist nun wirklich ein fantastisches Ensemble.
Barock gefällig?
Dann verschlägt es mich ins nächste Militärmuseum. Es ist billig: Mit Lehrerrabbatt komme ich unter zwei Euro rein. Vor mir ist eine Grundschulklasse unterwegs, ich schätze mal Dritte Klasse. Das Museum ist allerdings ziemlich unterirdisch. Die drei Räume sind zwar mit erkennbarer Liebe gestaltet, aber das Ganze ist eine Sammlung von Uniformen auf Puppen und Knarren in Vitrinen ohne größeren Zusammenhang. Wenigstens stehen die Figuren frei im Raum und man kann die Details der Klamotten quasi mit der Nase studieren.
Das hiesige Militärmuseum hat eine spezielle Pädagogik.
Irgendwann stehen die Kinder auf und singen die polnische Nationalhymne. Das heißt, ich nehme an es war die Hymne, ich würde sie nämlich nicht erkennen. Die Zwerge singen mit Inbrunst den ersten Vers, den zweiten wissen sie aber nicht gut und brechen ab, ich nehme (erneut) an , dass da seltsame altertümliche Begriffe oder altmodische Grammatik vorkommt. Die beiden Lehrerinnen helfen hinweg und am Ende klatschen alle.
Das ist zwischen süß und sehr gruslig.
Die Sonderausstellung besteht aus großformatigen Fotos patriotischer Tatoos und Erklärungen, warum ihre Träger sie so lieben. Die polnische Grundschulpädagogik ist irgendwie anders. Ich verlasse den Ort und suche mir eine Imbissbude.
Es ist gerade mal Mittagszeit und ich find in Bialystok nichts mehr Interessantes. Ich könnte noch weiterfahren. Zwischen hier und Krakau liegt ganz geschickt … Warschau. Warum eigentlich nicht?
Diesmal lande ich auf der rechten Seite der Weichsel in einem riesigen Einkaufszentren-Komplex. Parkplätze satt. Außerdem kann ich von hier die recht neue Warschauer U-Bahn nehmen, Pegasus lasse ich dem Knie zu liebe noch einmal in Ruhe. Die U-Bahn ist gut, sie fährt in einem sehr engen Takt, obwohl es nur zwei Linien gibt. Das Wahrschau auf der anderen Seite erinnert mich doch sehr an Berlin, auch wenn das Viertel eher heruntergekommen ist. Ich will zu einem Rollenspielladen, der sich aber als Tabletopladen entpuppt. Ich streune eine Stunde im Lokalkolorit herum, ein nettes Kaffee finde ich nicht.
Abends Kino in Polen – auf Englisch, wie schön, Polen synchronisiert nicht. Im Gegensatz zu Kaunas gibt es hier Bier, aber die Flasche wird dir vor dem Kinosal in einen Plastikbecher umgelehrt. Heißt das, dass sonst gerne mit leeren Glasflaschen nach schlechten Filmen geworfen wird? Heute nicht nötig: „Black Bag“ ist ein sehr guter Agentenfilm, der sich auf Beziehungen fokusiert, eine spannende Verschwörung konstruiert und einen hinreißenden Cast auffährt. Vor allem Michael Fassbender und Kate Blanchet sind eine wahre Freude.
Nachts dann noch raus auf einen riesigen Wiesenparkplatz an der Weichsel. Ich bin das einzige Fahrzeug.