Mit der Maß bis an die Memel

Sorry, ich musste den alten Witz reißen, wenn ich schon einmal (ungeplant und überraschend) an der Memel parke. Er stimmt auch nicht, ich habe keine Maß hier sondern nur eine Dose 0,5 alkoholfrei. Aber die Laune ist ohnehin mies genug.

Es regnet.

Es war klar, dass mein Glück nach einer Woche brilliantem Wetter nicht ewig halten konnte. Aber ich bin immer wieder selbst ein wenig überrascht, wie sehr mich das Phänomen Regen auf Reisen runterzieht, ja geradezu wütend macht. Vielleicht weil Regen das Wetter ist, das nach Schneesturm den Aufenthalt im Freien am meisten verunleidet. Und mein „Innen“ ist gerade sehr eingeschränkt. Ich weiß auch, dass die Natur dringend Wasser gerade benötigt. Aber ich freue mich, dass es morgen dann wieder trockener werden soll.

Aber der Reihe nach.

Morgens war Lettland noch bewölkt, aber trocken. Über die Grenze war ich nahezu unmerklich. Nur ein schwarz-weiß gestrichener Pfahl erinnert den europäischen Reisenden daran, dass ab jetzt Litauen ist. Was erst mal keinen großen Unterschied macht: Riesige Wälder, Hügel, Wiesen, Störche noch und nöcher. Allerdings ist spürbar, dass ich weiter südlich angelangt bin, Laubbäume werden häufiger und der die Natur steckt wesentlich tiefer im Frühling als um Tallinn.

Ziel: Vilnius. Die Hauptstadt, die ich bis jetzt außer acht gelassen habe. Fazit nach einem Tag:

Schon ok, aber kein Burner.

Fahrrad ist heute nicht. Eine kleine Testrunde ergibt, dass mein linkes Knie sein Veto einlegt. Also nehme ich den Bus ins Zentrum (Vom Park aus, wo sonst) und das sollte sich angesichts des Wetterumschwungs als Glücksfall erweisen. Er fährt halbstündig. Auch das ist bereits eine wichtige Information zur litauischen Hauptstadt.

Meine Mom schreibt mir zu meinen Fotos, dass Vilnius „südländisch“ aussieht. Dass mag man so sehen, denn in Vilnius wütet das Barock und das mag an italienische Städte durchaus erinnern. Die Innenstadt ist definitiv schön. Aber ich habe nun wirklich viele schöne Innenstädte gesehen.

Gegen eins lande ich im Museum des Herzogenpalastes von Litauen, und das sind gleich vier Museen in einem. Ich entscheide mich nur für eine Tour, und das war gut so, denn alle vier Ausstellungstrakte hätte ich an einem Nachmittag gar nicht mehr gepackt. Ich habe Glück: Die Ausstellung zu rekonstruierten Räumen des Palastes aus Gotik, Renaissance und Barock ist brandneu, so brandneu, dass noch nicht mal alle Elemente fertig sind. Die noch unbemalten Holzdecken sind jedenfalls spektakulär, man bekommt ein Gefühl dafür, wie so ein Raum mal kurz nach der Fertigstellung ausgesehen haben könnte. Auch der Rest ist sehr gut, wenn auch jeder Raum sehr detailliert erklärt, wie die Restauratoren zu jenen Bodenfliesen oder diesen Kronleuchtern kamen. Darauf muss man Bock haben. Aber es beschreibt endlich einmal tiefergehend, wie schwierig es ist, Rückschlüsse auf die tatsächliche Alltags- und Sachkultur einer Epoche herzustellen, und sei es auch so etwas vergleichsweise gut Dokumentiertes wie der zentrale Palast des Herzogtums Litauen und Polen. Ich würde sagen: Kann man sich anschauen.

In der Fußgängerzone seht übrigens ein „Portal“ – das erste das ich sehe. Ihr wisst schon, diese runden Videoübertragungsschirme, mannshoch, die Live-Bilder zwischen anderen Städten mit Portals übertragen, eine Art große Lupe in eine andere Metropole. Einmal als ich vorbeilaufe, ist die polnische Flagge über dem Bild eingeblendet, auf dem Rückweg die amerikanische. Erst denke ich: „Was für ein blöder Trend.“ Dann erwische ich mich beim freundlich Winken und Lächeln. Freundliche winkende Pol* bzw. Amerikaner*Innen winken zurück. Es verknüpft irgendwie.

Wäre das nicht ein Lösungsansatz: Sobald wir uns auf Augenhöhe persönlich begegnen bleibt nur ein freundliches „Hallo, du anderer Mensch.“

Anstatt Blut und Mord?

Als ich aus dem Museum komme ist der Wetterumschwung da und es regnet ein bisschen. Ich spare mir das Viertel Uzupis, das in den 90ern das coole Kreativen-Viertel wurde und mittlerweile eine durchgentrifizierte Touristenfalle für Gutverdiener und Kunstshopper sein muss. Ein Tipp aus dem Internet schickt mich ins Bahnhofsviertel, wo sich jetzt die junge Boheme in günstigen Wohnraum eingerichtet haben soll, und tatsächlich sieht die Ecke mit der Street-Art, den Graffiti und den nicht-so-schicken Menschen an der Straßenecke sehr vielversprechend aus.

Leider wird der Regen stärker.

Und zwar so stark, dass wir uns 10 Minuten später zu zwanzigst in ein winziges Bushaltestellenhäuschen drängen. Rinnsteine schwellen zu Bächen an. Einige arme Schulkinder und Jugendliche stehen pitschnass im strömenden Regen, aber sie lassen tapfer den Älteren das schmale und nicht sehr dichte Dach. Es ist direkt beim zentralen Busbahnhof. 25 Minuten lang fährt hier kein Bus. Wenn ich jetzt mitz Pegasus unterwegs wäre, wäre ich absolut verratzt, wie man in Süddeutschland trefflich sagt.

Das ist ein Eindruck, der sich in der litauischen Hauptstadt aufdrängt: Das öffentliche Nahverkehrssystem in Vilnius ist für eine 600.000-Einwohner-Stadt krass unterentwickelt. Starkregen setzt ein, die Welt wird grau. Endlich kommen die Busse und retten die nassen Menschen, alle drei Linien direkt hintereinander.

Das wars mit Vilnius. Denke ich, als ich Gaspard anlasse. Aber ich benötige über eine Stunde, um mich aus der Stadt zu schieben. Der Feierabend-Verkehr ist ein Alptraum, gegen den Palermo verkehrsberuhigt aussieht und der Tirana in nichts nachsteht, an den Ampeln stapeln sich die Karren. Eine einzige Kreuzung kostet mich 20 Minuten.

Erkennt jemand den Zusammenhang zwischen ÖPNV und Staubildung?

Nun ja, ich versuche dem Starkregenfeld davon zu fahren und lande an einer Memelbrücke. Ziemlich zufällig. Schon witzig, dass nach Herrn von Fallersleben hier Deutschland enden soll. Na ja, 1848 kann nicht viel für 1939. Gegen acht soll hier Regenpause herrschen, zur Not gibt es eine überdachte Hütte mit Bänken zum Kochen. Ein umsonst-Campingplatz mit einer großen, schönen Zeltwiese am Fluss.

On the bright side: Knie wird besser.

Strecke machen

Ich befinde mich mental bereits auf der Rückfahrt. Will heißen, die großen Ziele sind besucht worden, heute war irgendwie ein wenig Ratlosigkeit, wie ich den Weg nach Vilnius sinnvoll gestalten soll.

Zunächst einmal: Das lettische Hinterland ist streckenweise ein idyllischer Fiebertraum. Kilometerlange Wälder, Hügel, blumenübersähte sanfte Wiesen, kleine Dörfer. Störche allenthalben. Auf den gut ausgebauten Landstraßen ist nicht viel los.

Gegen Mittag lande ich wieder an der Düna, an einem komplett unbemerkenswerten Ort namens Jekabpils. Ich will es nochmal versuchen mit der Front von 1917, obwohl es mir noch immer nicht gelungen ist, irgend einen Verlauf davon im Detail online zu recherchieren.

Na ja: Fehlschlag.

Dafür tut mir jetzt mein Knie weh, dass seit Suonnenlinna ein wenig herumziept. Das Querfeldeinlaufen an der Düna hat es nicht begeistert und ich stehe nach einer Stunde Runde auf Waldhügeln wieder vor Gaspard. Dafür sind mir sehr zutrauliche Hasen begegnet, die Wanderer ziemlich nah ran lassen, bevor sie Fersengeld geben.

Wer entdeckt den Hasen ..?

Übrigens schmeißen auch lettische Waldbesitzer gerne mal Kühlschränke oder Röhrenfernseher neben ihre Holzmachplätze, das scheint überall auf der Welt gleich zu sein.

Ich mache schon gegen 17.00 an der Grenze halt, um mein Knie ein wenig zu schonen, dass jetzt auch Kuppeln nicht mehr besonders mag. Ich hoffe, dass eine ruhige Nacht das Problem ein wenig lindert. Der Grenzort heißt Subate und sieht komplett so aus, als wäre er eine russische Kaserne gewesen und hätte sich seitdem nicht besonders erholt. Aber ich entdecke einen ganz schönen Platz im Wald, diesmal ohne allem Luxus, um dort in der Sonne Kaffee zu trinken, Comic zu lesen und dem aufziehenden Abend zuzuschauen.

Hoffentlich gibt morgen Vilnius mehr Text her.

Lame Day

Es ist klar, dass nach so einem Hoch auf der Reise auch mal Tage kommen, die eher so middel laufen. Am nächsten morgen auf dem Waldparkplatz stelle ich beim Kaffeekochen fest, dass der Gaskocher so gar nicht mehr zieht. Eine halbe Stunde und ein paar Schraubenzieherdrehungen später wird klar, dass zwar die Oberfläche des Teils, das nicht mal das billigste war, komplett aus verchromten Stahl besteht, aber Innenteile mal so was von gar nicht rostfrei waren. Toll konstruiert für ein Gerät, auf dem gekocht werden soll und bei dem Kontakt mit Feuchtigkeit total erwartbar ist. Das Ding ist hin, nach nicht mal einem Jahr. Der erste Stopp heute ist also ein Baumarkt.

Ein paar Sachen sind toll in Estland. Zum Beispiel kostet an jeder Tankstelle Treibstoff quasi das Gleiche, man muss sich keine Gedanken machen, welche man nimmt. Auf der anderen Seite, gibt’s im Baumarkt nur normale Preise, wenn man eine Kundenkarte kauft. Sonst zahlt man 30 % Aufschlag. Fur Durchreisende ein Scheiß-Spiel ohne gute Lösung. Aber ich nenne wieder eine Kochgelegenheit mein Eigen, die auch Dinge erhitzt.

Zweiter Stopp, wie geplant: Nationalpark Lahemaa an der Küste. Ich dachte mir, nach all den Metropolen tut mir ein Tag in der Natur ganz gut. Und das Netz setzt den Nationalpark auf Platz 2 der „must see“ – Dinge in Estland.

Ich finde nicht.

Zum einen stimmt es nicht, dass das Gebiet „dünn besiedelt“ ist. Es ist eventuell „sehr dünn verteilt besiedelt“, was heißt, dass man allenthalben auf Datschen und Wochenendrefugien trifft. Wenig wirklich unberührte Natur. Die Wege zu diesen Minivillen sind alles Privatwege, öffentliche Wanderwege waren in meiner Ecke nicht aufzutreiben. Quer durch den Wald ist aber auch keine Option, er ist sehr feucht und allenthalben steht Wasser. Ich finde dann letztendlich einen sehr einsamen Strand. Hier gibt es sogar sowas wie ein Watt, das war mir neu für die Ostsee. Eher beunruhigend sind allerdings die Gänseskelette, die alle paar dutzend Meter aus dem Sand ragen.

Es gibt vom Strand keinen Weg zurück, außer den, auf dem ich gekommen bin.

Elk, ick hör dir trapsen …

Einmal hin, einmal zurück. Immerhin finde ich verdächtige Spuren, von denen ich ziemlich fest glaube, dass sie von Elchen stammen. Zu Gesicht bekomme ich aber keinen. Nach zwei Stunden Nationalpark hake ich den Versuch ab und fahre weiter nach Süden.

Viljandi ist die sechstgrößte Stadt Estlands. Mit 17.500 Einwohnern sind das ziemlich exakt 1000 mehr als das absolute Kaff, in dem meine Schule liegt. Entsprechend verschlafen ist das Städtchen. Es gibt ein paar nette bunte Holzhäuser, es gibt daneben viel Lehrstand und blinde Fensterscheiben. Es fällt mir schwer ein Cafe zu finden, am Ende klappt es. Es ist der Hit der Stadt, sehr voll für einen Montag und voller Reservierungsschildchen.

Auch Viljandi ist kein Höhepunkt.

Am Ende stehe ich auf einem süßen Grillplatz an der lettischen Grenze. Toll gepflegt. Wieder gibt es zwei Feuerstellen, Toiletten und hübsche Grillhütten, dazu einen großen Holzstapel mit Hackklotz und öffentlichem Beil. Die Ausstattung der Grillplätze hier ist wirklich paradiesisch. Meinen besten Dank an die Gemeinde Taagepera! Also gibt’s heute Abend wieder Feuer.

Das wird dann der Höhepunkt.

Suomenlinna

Es ist das Licht hier. Ich bin mir jetzt sicher. Ich kann es nur mit „leuchtend“ beschreiben, es ist hell, heller als bei uns, aber nicht gleißend oder grell, sondern weich und fröhlich. Ganz Helsinki wirkt heute, wie mit dem himmelblauen Pinsel frisch gestrichen.

Als ich erwache scheint die Sonne in mein kleines Hostel-Zimmer. 4:30 Uhr. Schönerweise gelingt es mir nochmal einzuschlafen. Morgens darf man die Hostel-Sauna umsonst nutzen, also sitze ich um acht Uhr in der Holzbutze, wo ein freundlicher Este das Aufgießen auf die heißen Steine übernimmt und wir über das Putler-Plakat in Narva philosophieren. Spannende Geschichte. Auf der einen Seite des Flusses lassen die Russen ihr Tag-des-siegreichen-Vaterlandes-Konzert nach Estland schallen, auf der anderen Seite hissen Esten ein sehr eindeutiges Banner Richtung Russland.

Kalter Krieg reloaded.

In der Saune ist es jedenfalls heiß, ich schwitze und sitze kurz darauf schon wieder auf Pegasus, ausgechecked, die sieben Sachen im Rucksack, Kurs Stadthafen von Helsinki um den Wasserbus nach Suomenlinna zu nehmen, der „Finnenburg.“ Vielleicht sind es auch nur vier ziemlich große, mit Brücken verbundene Schären, wer weiß, jedenfalls lagen sie schon immer strategisch günstig in der Bucht von Helsinki.

Erst die Schweden, dann die Zaren, dann die Finnen: Sie alle klatschen Suolinga mit Festungsbauten und Batterien zu, um die Ostsee vor der Stadt zu kontrollieren. Die Insel ist heute übersäht mit Wällen, Kasematten und Kasernen aus der Zeit zwischen 1750 und 1940. Formidables Freilichtmuseumsmaterial.

Suomenlinna ist aber auch ein Naturparadies: Es gibt einige extrem seltene Pflanzen, die nur dort noch gut gedeihen, überall hüpfen Gänse umher und beäugen misstrauisch die Passanten, Hasen rennen über die alten Erdwälle, Wasservögel aller Art produzieren Seegeräuschambiente und natürlich gibt es Möwen, die neidisch auf die Snacks der Touristen starren, immer bereit für einen schnellen Überfall, falls sich die Gelegenheit ergibt.

Suomenlinna ist aber auch eine eigene kleine Gemeinde: 3000 Einwohner zählt die alte Festung, dazu gehören noch immer ein paar hundert Marinesoldaten in der Militärbasis, aber in die alten Festungsgebäude und in neu gebaute zivile Holzhäuschen sind Leute eingezogen, die ganzjährig auf der Insel leben. Helsinki Zentrum ist ja nur 20 Minuten Fähre entfernt, man ist da schneller als aus manchem Außenbezirk der Hauptstadt.

Suolinna ist vor allem ein Tourismusmagnet, das ist der Nachteil wenn man da lebt. Ich möchte gar nicht wissen, wie es im Hochsommer dort aussieht. Ich bin früh dran und habe die ersten Stunden noch relativ einsam die Insel für mich, aber am Nachmittag wimmelt es ziemlich. Auch viele finnische Familien fahren raus, um auf den alten Wällen Picknick zu machen oder um Drachen steigen zu lassen. Das Wetter ist bombastisch. Kein Wölkchen am Himmel. Wir haben nun zweistellige Temperaturen erreicht, der Sommer naht.

Es ist das Licht, Johnny, das Licht.

Natürlich lande ich im Militärmuseum. Die Hauptausstellung befasst sich im Schwerpunkt mit dem finnischen Bürgerkrieg nach 1918 und dem Winter- und Folgekrieg, der mit der sehr komplizierten Geschichte Finnlands zwischen Deutschen und Russen zu tun hat. Ich merke, wie wenig ich im Detail über diese Konflikte weiß, die aber für den finnischen Gründungsmythos enorm wichtig sind. Ich kann also Wissenslücken schließen, es ist aber schon viel Text zwischen dem alten Kriegsgerät. Der Umgang mit dem Bündnis mit Nazi-Deutschland ist ein wenig … unkritisch. Das wird sehr schnell als „Zweckbündnis“ abgetan und auch die Rolle finnischer Soldaten in SS und anderen Einheiten ist eher kein Thema hier.

Spannend ist wieder die Ausstellung zur Funktion finnischer Künstler als Kriegspropagandamaler. Und am Ende bekommt man auch Zugang zum letzten überlebenden finnischen U-Boot aus dem Jahr 1936. Es ist erstaunlich zum Anfassen, man darf an Rädern drehen und Kisten und Kästen aufmachen. Bei uns wäre das wahrscheinlich alles unter Plexiglas.

Kaleun, was macht der Diesel.

Gegen 14:30 muss ich mich sputen und die letzten Wälle mit alten zaristischen Marinegeschützen sausen lassen, denn auf mich wartet ein längerer Rückweg zum Fährhafen und ein Check-In. Das geht aber heute viel schneller als auf der Hinfahrt. Und es macht ziemlich Spaß, mit einem Radel durch das riesige Parkdeck der Fähre zu rollen.

Damit ist der nördlichste Punkt meiner Reise absolviert. Ab jetzt geht es zurück, und wenn der Rückweg halb so geil wird, wie der Trip bisher war, wird das die Reise meines Lebens.

Hardrock in Helsinki

Ich habe es jetzt durchgerechnet: Als ich gestern, nach einer einigermaßen erfolgreichen Laptop-Reparatur gegen 23.00 versuche das Licht auszumachen, liegt noch ein zarter heller Streif am Horizont. Es ist dämmerig. Und als ich um 3:34 aus dem Bus muss, weil meine Blase drückt, ist schon wieder ein heller Streif im Osten zu sehen. Dass sind keine weißen Nächte, aber eine Nachtphase von guten vier Stunden habe ich jetzt noch nicht erlebt in meinem Leben.

Aber hell ist gut

Weirde Situation.

Ansonsten ist die Nacht arschkalt und als ich um halb sechs aufstehe scheint bereits die Sonne. Tallinn ist um diese Uhrzeit wie ausgestorben, ich kann quasi auf Pegasus durchradeln und nur zwei oder drei Mal begegne ich anderen Autos. An der Fähre sieht das anders aus. Mal wieder ist Rad und Fähre nicht wirklich kompatibel. Ich muss in der Autoschlange einchecken und stehe dann mit Pegasus zwischen den Autos in einer der Lanes, und das ziemlich lange. Warum wird ein Fahrrad einerseits als Fußgänger behandelt (Albanien), andererseits als Auto (Estland), aber nie als Fahrrad? Wenigstens werde ich als erstes in die echt riesige Fähre gewunken.

Es gibt sicher Geileres, als mit Pink Floyd auf den Kopfhörern über die spiegelglatte Ostsee zu gleiten, aber es kann nicht viel sein. Wolkenlos blauer Himmel. Die Fähre ist ziemlich neu und echt gut ausgestattet. Schären kündigen das nahende Festland an. Kurz nach 9:30 radele ich aus dem Bauch auf finnischen Boden und bin zum ersten Mal in meinem Leben in …

Skandinavien.

Leider kann ich in meinem Hostel erst um 14.00 aufs Zimmer und muss solange mit dem Rucksack durch die finnische Hauptstadt. Erster Eindruck: Cooler Spot. Alles zwischen Klassizismus und Postmoderne. Zweiter Eindruck: Fuck, diese Preise! Lange kann ich mich hier nicht aufhalten, das gibt mein reisegezeichnetes Konto auf Dauer nicht her.

Mülleimer mit extra Pfandregal für die Sammler. Menschenwürdige Stadtarchitektur.

Erste Station: Das Helsinki Art Museum, denn dort gibt es eine Tove Jansson Ausstellung. Tove Jansson? Kennt keiner? Wer sich aber aus meiner Generation an „die Mumins“ erinnert, der hat ihre magischen Welten schon einmal gesehen. Es sind nicht viele Werke von ihr dort ausgestellt, aber die, die man sehen kann, atmen genau diese magische, verträumte und teilweise groteske Atmosphäre aus, die mich schon als Kind in der Animationsserie verzaubert hat. Die restliche Ausstellung ist ok. Für 20 Euro hätte ich es überteuert gefunden, aber mein Lehrerausweis verschafft mir einen ermäßigten Eintritt.

Latte und Croissant in einem architektonisch atemberaubenden Art-Deco-Kaffee in Hafennähe. Herumradeln. Mittagessen aus dem Supermarkt auf einer Parkbank. Möwen fliegen tollkühne Angriffe auf meine Gouda-Packung, ich muss eine mit dem hochgereckten Fuß abwehren, so dass diese sekundenlang vor meiner Sohle schwebt und mich ärgerlich anstarrt.

Davon hätte ich gerne ein Foto gehabt.

Mein Hostel ist nur dezent abgeranzt und verspackt. Und dann überkommt es mich: Zwischen drei und fünf fallen mir die Augen zu und ich falle ins Bett. Helsinki, und er verpennt den Nachmittag. Aber dann bin ich wieder topfit und radele in den Vergnügungspark. Einige Kilometer nördlich vom Zentrum liegt einer, der seit 1950 existiert. Der Eintritt ist frei, die Fahrgeschäfte kosten. Das Ganze verströmt den Charmes von klassischen Conny-Island-Szenen und ist wunderhübsch. Außerdem steht hier eine der wenigen historischen Holzachterbahnen Europas. Die muss ich natürlich mitnehmen, denn so etwas findet man sonst nicht.

Eine Fahrt kostet 11 Euro.

Aber sie macht Spaß und der Blick von ganz oben über Helsinki ist gut. Und dann entdecke ich die Spielhalle. Da stehen noch echte Flipper. Drei Spiele für zwei Euro ist das billigste, was du jemals in Helsinki finden wirst.

Abendessen in einem Kebab-Laden. Dann lande ich in einer Rockkneipe ziemlich zentral in der Innenstadt, standesgemäß baumelt von der Decke ein Motorrad. Die am Abend dort spielende Hardrock-Band versteht ihr Handwerk. Schnörkelloser klassischer Hardrock mit stahlharten Riffs und präzisen Breaks. Die Lautstärke geht in Richtung ohrenbetäubend und die Jungs sehen alle aus, als wären sie für einen Aki-Kaurismäki-Film gecastet. Der Laden wird, als sie loslegen, mit einem Schlag sehr voll und die Finnen wissen definitv gute E-Gitarren-Mucke zu schätzen.

Im Grunde gibt es nichts Skandinavischeres als laute E-Gitarren und pervers teures Bier.

Europa!

Das Kistchen geht bis jetzt – halt bis der Prozessor überhitzt. Aber es ist ja kühl.

Zwei Abende zuvor.

Zwischen den Bäumen geht die Sonne unter und reflektiert auf den sanft rauschenden Wellen. in den Kiepinien flüstern die Nadeln, wären mein Feuerchen vor mir knackt. Ich bin ganz alleine hier auf dem Umsonst-Campingplatz. Das stimmt nicht, 500 Meter westlich parkt ein älteres Päärchen mit einem Bully. Ein Kilometer östlich zeltet ein Fahrradtourist. Aber sie sind weit weg, der Platz ist riesig. Mein Feuer knackt, Kiefernnadel verbrennen besonders schön. Morgen werde ich nach Rauch riechen, aber das ist egal.

Glück.

Szenenwechsel; „Freude schöner Götterfunken“ (das beste deutsche Duo der Musikgeschichte) tönt das Glockenspiel über dem Freiheitsplatz und 4000 Esten und ein paar hundert Ausländer wedeln dazu mit kleinen Papier-EU-Fähnchen. Tatsächlich liegt Freude in der Luft als die Europa-Hymne ertönt und beim Anblick der blauen Papier-Fahnen habe ich fast ein wenig Pipi in den Augen, weil es so schön ist, dazu zu gehören. Seit ich aus Berlin raus bin war ich überall ein Fremder, ein Tourist, einer auf der Durchreise. Aber hier und heute geht es um das, woher ich stamme. Es geht um meine Heimat, meine Wurzeln, meine Lebensgemeinschaft. Ich gehöre hier dazu.

Europatag.

Nix mitbekommen? Ich bis jetzt eigentlich auch nicht, aber hier in Tallinn ist der Europatag ein großes Ding. Nun gut, der Reihe nach. Die Fahrt in die estnische Hauptstadt geht über gut ausgebaute Landstraßen. Links und rechts lichte Birkenwälder, gelegentliche Moore und bunt bemalte, malerische Holzhäuschen. Das riecht alles schon reichlich skandinavisch, man fährt quasi durch Bullerbü. Und tatsächlich: Die Illustratorin der Bullerbü-Geschichten von Astrid Lindgren war Estin und hat darin ihre Heimat verewigt. Läge nicht die ein oder andere sowjetische Fabrikruine am Rand größerer Städte, man könnte wirklich durch Finnland oder Schweden fahren.

Talinn ist … atemberaubend. Bei jeder Altstadt bisher dachte ich „wow“, aber Talinn setzt dem ganzen wirklich die Krone auf. Weitgehend erhaltene Stadtmauer, original frühneuzeitliches Straßenbild, so wie man sich eine Stadt im 16. Jahrhundert vorstellt. Und dann stoße ich auf dem Europatag.

Auf dem Freiheitsplatz ist eine ziemlich fette BÜhne aufgebaut und die Leuchtbildschirme verkünden auf Lettisch: Ab 15.00 Europafeier, ab 18.00 Konzert. Sieht so aus, als wäre ich an einem weiteren Feiertag angekommen und Live-Musik hatte ich auf dieser Tour noch nicht. Perfekt. Am anderen Ende des Platzes ist ein beheizter Pavillion mit kleinen Ständen. Alle Länder der EU stellen sich dort vor und verteilen Fähnchen. Natürlich bin ich neugierig und suche den deutschen Stand und ich finde ihn. Unter meiner National-Flagge ist groß mein Staat angeschrieben: „Goethe-Institut.“ Ich weiß nicht wer Irland, Spanien oder Bulgarien repräsentiert, ob es die Botschaften sind, die es rechtfertigen, unter die Flagge den Staatsnamen zu schreiben, aber die BRD wird vom Goethe-Institut vertreten. Sie haben einen Deutsche-Worte-Quiz, verteilen Buttons auf denen „Wunderbar!“ oder „Berlin!“ steht und haben Fähnchen. Ich fühle mich ein wenig … armselig vertreten als Staatsbürger.

Um fair zu sein: Auch das ganz symbolisch gleich neben dem deutschen Stand angesiedelte Frankreich wird vom Institut français repräsentiert, aber irgendwie … schon aussagekräftig.

Zunächst mal, bis es mit dem Konzert losgeht, tauche ich in die Vergangenheit Tallins, von den Deutschen „Reval“ genannt, ab. Wortwörtlich. Denn ein Teil der alten Stadtbefestigungen ist ein großes Museum. Eigentlich sind es diverse Museen, die miteinander verbunden sind und das Komplettticket ist nicht ganz billig, aber es lohnt sich. Folgendes habe gelernt:
a.) Wehr und Waffen der mittelalterlichen Stadt. Mit interessanten Einblicken in die Bruderschaft der Schwarzhäupter (hochinteressant, kann man mal googlen), vielen Rüstungen und Schwertern, Belagerungswaffen und ein paar eher unzusammenhängend herumhängenden sowjetischen Maschinenpistolen.
b.) Feuerwehrmuseum Tallinn und Zivilschutz in der UdSSR.
c.) Fotoalbum einer deutschen Familie bis 1939.
d.) Kaffehaus- und Restaurantkultur im sowjetischen Tallinn
e.) historische Gebäude und ihre Funktion im mittelalterlichen Tallinn: Badehaus, Scharfrichter, Kanonengießerei.
e.) Die Tunnel.

Die mittelalterlichen Tunnel unter der Befestigung sind viel länger, als ich erwartet hätte und ein bisschen vollgestopft mit unterschiedlichem Zeug. Sie sind ziemlich unheimlich, ein bisschen Geisterbahn, ein bisschen Zivilschutz und Bombenkrieg, dann waren sie Lager für kommunistische Propagandaelemente, in den 80er-Jahren zogen die estnischen Punks in die alten Tunnel und in den 90ern Obdachlose. Insgesamt bin ich sicher zwei Stunden in Stadtmauern, Türmen und Gewölben unterwegs.

Dann wird es Zeit für das Europafest.

Ich kaufe mir am ukrainischen Stand, der das Catering übernommen hat, einen Hibiskustee und zwei Mini-Pfannkuchen, die irrsinnig gut sind. Überhaupt, Ukraine: Über dem Platz hängt neben einer riesigen estnischen Flagge die genau so große blau-gelbe. Man weiß hier einfach, wo man steht und zu wem die Ukraine gehört, sie ist selbstverständlicher Teil dieses Festes.

Punkt 18.00 kommt die Moderatorin und ich beginne ganz schnell Estnisch zu verstehen: Tallinn, seid ihr da? Geht es euch gut? Habt ihr Bock auf Musik!? Dann tritt zunächst auf: Der estnische Staatspräsident. Er hält eine Rede, in der oft das Wort „Europa“ vorkommt, er spricht ruhig, leise und hält sich für einen Politiker bemerkenswert kurz. Er erinnert mich etwas an meinen alten Rektor, den ich sehr mochte.

Wo war mein neuer Bundeskanzler am Europatag eigentlich?

Um fair zu sein: Wie ich am nächsten Morgen der Presse entnehme, war er eventuell dabei ein Treffen mit Macron, Starmer, Tusk und Selensky vorzubereiten. Das ist dann wohl tatsächlich wichtiger als warme Worte bei der Europafeirt. Ich hasse es, wenn ich ausgerechnet Fritze Merz etwas zugestehen muss. Aber fair bleibt fair.

Es geht los mit Musik und zwei ältere Herren mit Fiedeln, die ich aus der manessischen Liederhandschrift kenne, treten auf. Einer wirkt ein wenig, als züchte er Aale in einem skandinavischen Sumpf, der andere wie ein erfahrener Physiklehrer, der sich eine Torsten-Sträter-Mütze aufgezogen hat. „Aha“, denke ich, „volkstümliche Musik.“

Zu kurz gegriffen, Herr Skeptiker. Das Duo beginnt damit, mit ihren Instrumenten eine Art Technobeat zu konstruieren und dann fängt der Physiklehrer an auf Estnisch zu rappen, dass einen die Energie ziemlich umhaut. Dazu Akkorde aus der traditionellen Musik. Erinnert ein bisschen an Manau, die bretonischen Rapper, und wer die nicht kennt, kann die ruhig auch mal googlen. Das Ganze überzeugt mich spontan , dass ich den Namen der zwei erfrage und im Internet recherchiere: Puuluup. Sie haben übrigens 2024 Estland beim ESC vertreten, aber ich kann mich null an sie erinnern. Mickriger 20. Platz.

Danach kommt eine Art HipHop-Boyband, definitv der Liebling der Jugendlichen hier, die begeistert kreischen und alle Texte mitrappen. Look und Sound klingen ein bisschen nach früh 2000ern, holt mich nicht so richtig ab. Geil ist wiederum, dass nach zwei Songs Puuluup und die Boyband zusammengeworfen werden und sie gemeinsam durch die Tracks rappen. Offensichtlich hat man vor dem Event an einem gemeinsamen Auftritt gefeilt und geprobt, das kommt nicht so häufig vor. Respekt.

Tallinn spart nicht am Equipement. Der Sound auf dem Platz ist brilliant, die Screens sind messerscharf und auch Flammenfontänen und Rauchwirbel: Haben wir.

In Berlin wurde das Bandenburger Tor illuminiert.

Das estnische Publikum ist übrigens sehr diszipliniert. Es wird nicht so viel geklatscht, gejubelt und gepfiffen wie in Deutschland bei guten Konzerten (und es ist ein gutes Konzert) aber keiner unterhält sich aufdringlich während der Perfomance und man blickt in sehr viele glückliche und fröhliche Gesichter.

Europa.

Dann muss ich dringend was essen und verpasse einen Popp-Act, der nach den letzten zwei Songs, die ich noch mitkriege, ganz ordentlich ist. Main-Act des Abends ist der Isländische Künstler Daði Freyr, der mit einer absolut umwerfenden Stimme und einer magischen, wenn auch sehr selbstbewussten, Präsenz die Bühne quasi owned. Der Name sagt mir sogar was und der Mann lohnt sich.

Ich mus aber früh raus, denn ich habe Tickets für Helsinki in der Tasche. Gaspard bleibt zwei Tage alleine in Estland und ist hoffentlich brav, ich fahre mit Pegasus um 6:30 nach Helsinki. Deshalb mache ich mich gegen 21:00 im Abendsonnenschein auf und möchte im Bus noch ein wenig tippen und den fantastischen Tag festhalten; aber dann weigert sich der Laptop zu starten.

Dafür kann Estland nix. Es war ein grandioser Tag.

Kurzes Update

Liebe Lesende,

Ich hatte heute einen fantastischen Tag in Tallinn. Wirklich einer meiner besten.

Aber als ich gerade den Laptop in Betrieb nehmen wollte, kam die Fehlermeldung „Fan not functional“ und dann schaltete sich die Kiste einfach ab.

Ich habe nun eine halbe Stunde lang mit Gaspards Bordwerkzeug meinen uralten Lenovo aufgeschraubt und am Lüfter herumgepustet. Das reichte, damit ich wenigstens ins BIOS kam um die Systemdiagnose zu deaktivieren. Aber gesund ist die Kiste nicht. Außerdem ist jetzt das Gehäuse angeknackst.

Schraube vergessen.

Ich komme im Moment rein und ins Windows, aber funktionssicher ist anders. Sollte der alte Knabe ganz den Geist aufgeben, dann wird das hier erstmal dark. Gerne würde ich weiter täglich mitschreiben und regelmäßig Texte und Bilder teilen, aber mit dem Handy geht das nicht.

Also: Drückt diesem verfluchten Uralt-Laptop die Daumen.

Ein feuchter Camper-Traum

Ich erwache, weil es auf mein Dach hagelt. 5:38. Kalt ist es auch. Meine Laune sinkt. Die Recherche gestern hat ergeben, dass die Boote zur „Island of Death“ erst im Sommer fahren, und Mai ist noch kein Sommer in Lettland. Vermutlich könnte ich mir ein Kajak mieten, aber die Idee, mich bei 8 Grad mit meiner Paddelerfahrung einem Kajak und einem Fluss mit Strömung anzuvertrauen, scheint mir … schwach.

Obwohl … es wären nur 200 Meter.

Jedenfalls liegt da in der Düna eine Insel, das heißt, heute ist sie eine Insel, wegen des Stausees, den man für Riga angelegt hat, aber 1916 war sie eine Halbinsel am südlichen Ufer der Düna und der einzige russische Brückenkopf in der deutschen Front. Ich habe doch erwähnt, dass direkt ich auf der Weltkriegsfront campe, oder? Nicht?

Die vergessene Front.

Während die Westfront und die Alpenfront unendlich oft aufgearbeitet wurde, ist die Ostfront sowohl in der Forschung als auch im Geschichtsbewusstsein der breiten Masse komplett unterrepräsentiert. Dabei fanden dort große und heftige Schlachten statt. Zunächst ist es ein ziemlicher Bewegungskrieg. Aber 1915 drängen die Mittelmächte das zaristische Heer weit ins Baltikum und Galizien zurück und es bildet sich bis 1917 eine relativ starre Front. Die Russen hocken am Ostufer der Düna, die Deutschen im Westen. Außer im Falle der „Island of Death“, die von lettischen nationalen Verbänden innerhalb der russischen Armee verteidigt wird, die einen große Rolle im Gründungsmythos Lettlands bilden. Die Deutschen setzen hier zum ersten Mal an der Ostfront Giftgas ein. Es muss die Hölle gewesen sein.

Würde ich in Verdun nicht mit dem Arsch ankucken aber hier mach ich glatt ein Foto.

Heute befindet sich auf der nun Ganz-Insel ein Denkmal, einige restaurierte Gräben und … wer weiß was sonst noch. Gerne wäre ich dort herumgestreunt, aber die Chancen stehen dafür schlecht. Dafür finde ich heraus, dass auch mein Grillplatz mit den netten Letten heftig umkämpft war. Eine morgentliche Exkursion in den vernieselten Uferwald fördern.
a.) eine leere Granathülse
b.) Ein Stück Stacheldraht
c.) Eine Schrapnellkugel
zum Vorschein. Ansonsten ist der Boden ungünstigerweise sehr mit kniehohem grünem Kraut überwuchert. Es verhindert die Sicht auf den Untergrund und durchnässt meine Schuhe und Hosenbeine.

Planänderung.

Dann eben Waschtag. Ein Laundromat im Rigaer Vorfeld ist schnell aufgetan und ich verbringe den Morgen damit, eine Maschine Wäsche zu waschen und zu trocknen, durch ein ziemlich leeres Einkaufszentrum zu streunen und mir im Baumarkt eine Wollmütze zu kaufen.

Mittag in Riga. Ich habe mir den Jugendstil-Teil der Stadt noch nicht angesehen, nur den Hanseteil. Also fahre ich eine Stunde mit dem Fahrrad durch den Jugendstil-Teil und denke mir: „Ach wie schön, Jugendstil.“

Nachmitag am Strand. Die ganze Küste nördlich von Riva ist ein einziger prächtiger Sandstrand. Feriensiedlungen, Strandparkplätze, Holzbohlenplattformen – und wunderschön. Alles sieht wie frisch gelüftet aus. Ich spreche mit einem weiteren netten Letten, gehe eine Stunde am Wasser entlang und liege 10 Minuten auf einer Sonnenliege, bis mich der eisige Nordwind vertreibt.

Ich revidiere mein Urteil, dass Litauen besser ausgestattet ist als Lettland.

Abend in Estland. Eigentlich suche ich nur nach einem guten Parkplatz, aber das, was über den Spot kurz hinter der Grenze geschrieben wird, ist zu unglaublich, das muss ich mit eigenen Augen sehen. Apropos Grenze: Die liegt mitten in einem Küstenort. Keiner steht da oder will was. Nur ein Schild informiert über die Geschwindigkeitsbegrenzung hier, die übrigens genau so ist, wieauf der anderen Seite der Demarkationslinie.

Beide Seiten der Grenze riechen skandinavisch. Bunte Holzhäuschen, lichte Kiepinien-Wälder, lange Strände.

Und dann: Ein Umsonst-Camping-Platz bei einem Ort namens Treimani. Im Wald, direkt am Strand. Keine Betreuung, man darf einfach drauf fahren. Es gibt sicherlich 100 Stellplätze zwischen den Bäumen, Klohäuschen, Wasserstelle, Mülltonne und drei Dutzend Grillstellen. Kostenlos. Wir sind zu zweit hier, aber ich parke 500 Meter von dem anderen Bully entfernt. Heute Nacht zünde ich mir ein Feuer an, weil ich’s kann. Das Baltikum ist wirklich der absolute Hit.

So geht guter Sozialismus!

Campingplatz, aber umsonst für alle.

Die netten Letten vom Fluss

Ach, manche Zufalls-Begegnungen sind wirklich herzerwärmend. Ich parke heute Nacht an der Düna, die knapp östlich von Riga ziemlich breit ist. Schöner Grillplatz, Dixie-Klo, Pavillion. Unter dem Dach grillen zwei junge Letten und eine Lettin, sie sind wohl in den 20ern. Ich spreche sie kurz an mit einer Frage zu einer bestimmten Flussinsel, die ich eventuell morgen näher erkläre. Sie wissen aber nichts Genaues.

Ich fange in Gaspard an Abendessen zu richten.

Spaghetti mit Lauch-Käse-Soße. 5 Minuten später klopft es an der Tür. Es sind die Letten mit einem Pappteller. Ein gewaltiger Haufen Grillfleisch und ein winziger Klecks Salat. Ob ich hungrig sei?

Ich bringe es nicht über’s Herz, das Wort „Vegetarian“ auszusprechen.

Ich schenke den netten Letten mein letztes urdeutsches Paulaner-Bier und verzehre das sehr gut gegrillte Fleisch, mich fragend, was ich mit dem gerade frisch geschnittenen Poree nun anstelle. Danach bedanke ich mich nochmal draußen und lobe den Grillmeister. Schwups, mir wird ein lettisches Bier in die Hand gedrückt. Und es ist gut. Danach quatschen wir 20 Minuten über Gott und Lettland, leider kann nur einer der Jungs ordentlich Englisch. Sie haben einen kleinen, übereuphorischen Hund namens „Osman“, der am Ende in meinen Bus hüpfen will.

Es ist eine wirklich schöne europäische Begegnung.

So wie mein Tag an windigem Wasser endete, begann er: An einem litauischen See. Der Weg nach Riga war nicht weit, führte aber fast komplett über Landstraßen. Ohnehin sind die Straßen Lettlands in deutlich schlechterem Zustand. Rastplätze eher selten, man biegt in den Wald ab. Die Landschaft flach, aber schön, die Häuser oft aus Holz. Noch nie so viele Störche gesehen.

Riga ist … wunderschön. Tolle erhaltene Altstadt, riesig breite Flussmündung. Ich denke mir noch: „Hier musst du mal genauer hinschauen,“ bevor ich in’s lettische Militärmuseum abbiege. Denkste. Das Museum sitzt in einem alten Befestigungsturm und ist komplett umsonst. Ich kenne diese Art Armee-Museum. Drei Räume, maximal vollgestopft mit Vitrinen und kleinen vergilbten Pappschildchen.

Denkste.

Das erste was mich begrüßt ist ein komplett zerschossener moderner Pickup, komplett übersäht mit Splitterlöchern. Er war Teil des berühmten „Twitter-Konvois.“ Nie gehört? Mag sein, dass bundesdeutsche Medien das nicht so in den Focus rückten, in Lettland ist das eine große Sache. Kurz nach dem Überfall der Russen auf ein kleines osteuropäisches Land organisierten lettische Bürger*Innen über eine damals „Twitter“ genannte Plattform eine private Sammlung von geländetauglichen Automobilen für das ukrainische Militär, um den Mangel an leichten Fahrzeugen zu lindern. Über 400 Autos kamen zusammen, die in einem langen Konvoi in die Ukraine fuhren. Inzwischen haben die Letten über 1000 Fahrzeuge für den Krieg gespendet, die meisten davon fahren immer noch in der Ukraine. Der Pickup im Museum allerdings hatte Pech.

Im nächsten Raum starren mich 30 lebensgroße Fotos von jungen ukrainischen Soldat*Innen an, die alle im Juli 2022 ums Leben kamen. Daneben Beutestücke von russischen Soldaten und eine abgeschossene russische Drohne. Überhaupt sieht man in Riga die ukrainische Fahne häufig neben der lettischen hängen. Ich bin gar nicht mehr weit von diesem Krieg weg – hier wird das einem schmerzlich bewusst. Er ist in Lettland sehr präsent und nicht nur ein Nachrichteneinspieler. Hier herrscht uneingeschränkter Support anstatt Scholz-Bedenken, denn man ahnt: Die Ukraine ist die Front vor der Front in Lettland.

Modern und sehr umfangreich: Das lettische Armee-Museum.

Und an Kriegsfronten ist die lettische Geschichte reich. Das weitere Museum ist wirklich groß, sehr modern und hochwertig aufgemacht. Eine gewaltige Flut an Exponaten und Dokumenten stellt mit Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert die lettische (Kriegs)Geschichte dar. Alleine in den Räumen zum Ersten Weltkrieg benötige ich eine Stunde. Leider ist die Ausstellung zur Zwischenkriegszeit und zum Zweiten Weltkrieg nicht zweisprachig und man muss sich die englischen Texte etwas mühsam aus laminierten Seiten an der Wand holen. Aber eines wird klar: Das mit Lettland war kompliziert, wendungsreich, und ständig kam ein Arschloch-Regime vorbei, um kräftig herumzumorden.

Das oberste Stockwerk ist dann wiederum eine etwas zweifelhafte Reklame für das lettische Militär mit seltsamen „Spielen.“ Kannst du dieses deutsche Sturmgewehr von 3,5 Kilogram eine Minute in der ausgestreckten Hand halten?

Als ich aus dem Museum komme ist es kurz vor sechs. Ich brauche definitiv hier einen zweiten Tag. Dann fahre ich zum Schlafplatz und treffe …

… echt nette Letten.

Trauriges Klaipeda

Na ja, ich bin gestern nach dem Kino doch noch weitergefahren. Thunderbolts ist übrigens für einen Marvel-Film ganz ok. Nicht alles funktioniert da gut, aber die vier Charactere spielen sich ziemlich nen Wolf (vor allem Yelena und Captain America) und dass der Film am Anfang eine halbe Stunde die Beziehung der Figuren zueinander aufbaut, anstatt CGI-Flugzeugträger durch die Luft zu wirbeln, tut der Story gut.

Allerdings: Als ich zurückkehre stelle ich fest, dass die Seitenstraße neben der Stadtautobahn echt ekliges grelles Licht abkriegt und ich quasi in nem Scheinwerferkegel schlummern müsste. Flott die Handyapp gezückt und 15 Minuten später stehe ich auf einem Waldparkplatz mit Mülltonne, Grillhütte und Dixieklo hinter eine paar Bäumen, direkt neben einer Nachts wenig befahrenen Landstraße. Alles hier in Litauen ist so gepflegt und umsichtig. Allenthalben Mülleimer, Hinweisschilder und Bänke. Eigentlich sehr deutsch. Nur dass wir ein vergreister Messi-Staat geworden sind, und die Balten nach der Wende jung wurden.

Andererseits: Fahrradwegbordsteine absenken müssen sie echt noch lernen.

Mein Ziel heute war das Meer. Das habe ich geschafft. Mein Ziel jedoch … Na ja. So geflashed ich von Kaunas war, so wenig Charm hat Klaipeda an der Küste. Und das tut mir leid, es sieht so aus, als ob die Hafenstadt einfach Pech hatte. Ein großer Hafen mit rostigen Werften, die meisten außer Betrieb. Die litauische Marine lässt hier Schiffe instand setzen, ein größerer Zerstörer mit Roststriemen über der grauen Haut liegt auf dem Trockenen. Ansonsten verspricht irgendein Depp auf Trippadvisor, dass hier eine reizvolle Mischung aus Deutscher und Skandinavischer Architektur zu finden sei.

Ähm … Nein.

Also, es gibt diese Häuser vereinzelt, aber dazwischen gibt es vor allem Sowjetbauten und 90s-Klötze. Das muss nicht schlecht sein, aber die Hälfte davon wirkt wirklich vernachlässigt. Putz bröckelt, Farbe vergraut, Fenster blind. Eine Stadtbibliothek ist eine Lost-Place-Ruine, mitten in der Altstadt. Die Stadt findet, obwohl nicht einwohnerarm, irgendwie kein richtiges Zentrum, am ehesten noch der Theaterplatz mit der Statue des Ännchen von Tharau (Na, wer kanns singen?). Aber die Stadt wirkt irgendwie leer. Bei näherer Recherche stellt man fest, dass die Innenstadt tatsächlich in den letzten Jahrzehnten Einwohnende verloren hat. Und so sieht’s eben auch aus. Man versucht viel: Street Art a la Kaunas, Skulpturen an jeder Ecke, aber so richtig zünden? Schade, nä. Klaipeda sieht aus wie eine Modelleisenbahn-Anlage, die man vergessen in einem feuchten Keller entdeckt.

Nach zwei Stunden Herumradeln und nix Spannendes Finden kehre ich zu Gaspard zurück, der brav außerhalb auf dem Stadionparkplatz gewartet hat, und fahre etwas nach Norden an die dortigen Ostseestrände. Eintritt in eine andere Welt. Hier wird auf die Zukunft gebaut. Nagelneue Campingplätze, kostenpflichtige Parkflächen, Dünenwege, Sanitäre Anlagen, Fahrradwege. Man setzt ganz auf das touristische Asset „Sandstrand“, der auch wirklich toll an dieser Stelle ist. Alle Häuser hier sind frisch gestrichen und haben glänzende Solar-Panels auf dem Dach.

Asset Sandstrand

Es ist kalt heute. Einstellige Werte, das wird sich in den nächsten Tagen nicht ändern. Dazu bläst ein starker Nordwind. Die Sonne macht’s, wenn sie aus den Wolken kuckt, deutlich besser, aber ansonsten bin ich in das eingemummelt, was meine Mai-Klamotte hergibt. Herrgott, bin ich für diesen Winterschlafsack nachts dankbar.

Ich laufe eine Stunde den Strand auf und ab, sammle Steinchen, finde eine deutsche schwere Küstenbatterie, kehre zum treuen Gaspard zurück, fahre ins Hinterland und stehe an einem See.

Lettland ist nur noch einen Steinwurf entfernt.