Pipi in den Augen

Gerade ist mir ein bisschen zum Heulen zu mute. Vielleicht mache ichs noch, wenn ich mit dem Schreiben fertig bin, aber vielleicht hebe ich mir das auch für morgen auf, wenn die Diagnose für den Motor da ist.

Machen wirs kurz: Gaspard ist zusammengebrochen.

Heute morgen trommelte heftiger Regen auf mein Dach, alles komplett versifft, die Uferstraße zur Grenze ein Chaos. Da dachte ich mir noch: Du mutest dem Guten ganz schön was zu. Dann, vor der montenegrinisch-kroatischen Grenze, nach einem Überholmanöver, fängt eine Warnlampe an gelb zu blinken. Das Zeichen sah für mich nach Zündung aus, aber die Grenze wollte ich noch schaffen. Zündkerzen durch oder so oder maximal Zündspule.

Diesmal interessierte sich die Grenzerin zur Abwechslung intensiv für meine Reiseapotheke.

Danach war die Sache erst mal wieder 20 Kilometer lang weg, aber beim nächsten steilen Berg: Powerverlust und das Symbol wird rot-orange. Kurz vor Dubrovnik.

Ende-Gelände

Ich fahre nicht weiter und bin froh, dass ich diese ADAC-Geschichte nach dem ersten Abschleppen noch gemacht habe. Erst kommt ein Mechaniker. Der schaut sich das Ganze mit kritischer Miene an und wir testen ein bisschen den Motor. Am Ende kommt blauer Rauch und ich ahne: Kompressionsverlust und Öl im Zylinder – das ist nicht ohne.

Der Abschleppwagen kommt eine Stunden später. Die Herausforderung wird dann allerdings, eine Werkstatt zu finden. Davon gibts in Dubrovnik gar nicht so viele und eine ausgewiesene Renault-, Opel- oder Nissan-Garage sowieso nicht. Der Bus wäre jedenfalls baugleich bei allen Herstellern. Schließlich, mit viel Hilfe und Telefonaten des netten Abschleppexperten landet Gaspard vor einer Garage.

Die Techniker werden ihn sich ankucken und mir hoffentlich bis morgen sagen, was im Eimer ist, wie viel es kostet und wie lange es dauert, falls es noch lohnt.

Mehr gibts heute nicht zu sagen.

Doch eines noch: Es pisst jetzt heute Abend hier ohne unterlass. Wie aus Kübeln. Warum habe ich kein Glück?

Reisetag

Das Morgenlicht zeigt den Wetterumschwung, der sich schon auf Korfu ein wenig ankündigte. Der Himmel ist wolkenverhangen und ab und zu tröpfelt es. Nicht schlimm, aber es verweist irgendwie darauf, dass ich den südlichsten Punkt der Reise erreicht habe. Ab jetzt geht es zurück.

Ich fasse den Plan, heute Albanien zu verlassen.

Das wird eine ganze Weile dauern. Die Straße zieht sich erst in Serpentinen durch die ziemlich beeindruckende südliche Bergwelt Albaniens, bis sie dann gut ausgebaut in einem breiten Flusstal Richtung Tirana läuft.

Überhaupt: Albanische Straßen. Man findet zweierlei: Die alten Schlaglochpisten, über die ich immer hier im Blog jammere. Und die ganz neuen, die in richtig gutem Zustand sind. Das Land tut definitiv viel, um seine Infrastruktur zu verbessern. Google kann leider zwischen beiden Versionen Straße nicht unterscheiden. Heute läuft es ganz gut, was heißt, dass ich gegen 12.00 in der Grenzstadt Shkodra Zwischenstation machen kann. Viel zu sagen gibt es nicht. Die Innenstadt hat eine ganz nette Fußgängerzone mit vielen Kaffees und Läden für Touris. Es gibt mehr Moscheen als Kirchen, die Ecke wirkt eher muslimisch geprägt.

Ich denke, dass ich früh dran bin als ich losfahre, aber dann stehe ich 35 Minuten an der Grenze und die Schlange ist nicht mal so lang. Aber alle kontrollieren dauert halt und wieder denke ich mir: Warum wollt ihr alle wieder mehr fucking Grenze? Sie stiehlt uns nur Zeit. Zwei Bettlerinnen belästigen mich relativ offensiv, obwohl ich ein paar Münzen springen lasse. Unangenehm.

Auch in Montenegro zurück tuckere ich eher die letzten 80 Kilometer in niedrigen Gängen. Jetzt stehe ich am Fuße einer österreichischen Festung in einem ziemlich einsamen Tal. Die Ruine auf dem Berg war in den 1860ern der heißeste Shit, bis die Österreicher 1914 merkten, dass ihre Grenzfestungen der serbischen Artillerie mittlerweile nicht mehr gewachsen waren. Also sprengten sie das Teil schnell selbst in die Luft. Die Logik dahinter erschließt sich mir nicht ganz, jedenfalls liegt die schmucke graue Anlage ziemlich in Trümmern.

Suchbild: Finden Sie Gaspard!

Jetzt kommt das Schöne: Man kann einfach ungestört mit einer Taschenlampe durch die Trümmer stöbern. Kein Bauzaun, kein Gitter an Eingängen, nicht mal ein „Betreten verboten“ – Schild, nur eine Infotafel zur Geschichte. Wie angenehm.

Morgen werde ich mich nach Kroatien weiter schlagen. Das Wetter wird wohl erstmal wieder grau und nieselig bleiben.

Ich freue mich sehr auf Reisen in der EU.

Schnell mal Griechenland

Pläne und Pläne – eigentlich war ja der Plan mit der Autofähre von Saranda nach Korfu zu gondeln, einmal die Insel zu umrunden, einen schönen griechischen Salat zu essen …

… nur dass im März die Autofähren gar nicht fahren.

Kurz entschlossen buche ich also gegen 10 im Fährbüro von Finikas Lines das Schnellboot für Passagiere – statt zwei Tage Korfu nur 5 Stunden, aber immerhin kann ich dann sagen, ich sei auf meiner Reise bis nach Griechenland gekommen. Gaspard bleibt in Albanien, aber ob ich ein Fahrrad mitnehmen könne? Ja, kein Problem, ein Fahrrad kostet fünf Euro Aufschlag.

Natürlich ist das Fahrrad ein Problem, denn auf einem Flying Dolphin aus den mittleren 80er-Jahren gibt es eigentlich keinen richtigen Platz für einen Drahtesel. Das Ding ähnelt mehr einem Flugzeug als einem Schiff. Und die Mannschaft ist nicht wirklich gut im Kommunizieren, wo Pegasus nun wann befestigt werden soll.

Korfu-Stadt

Aber immerhin: Kurz vor 11.00 stehe ich in der Schlange der Grenzkontrolle und da stehe ich eine ganze Weile. Hatte ich schon erwähnt, dass alle meine Landsleute, die sich wieder mehr Grenzkontrollen wünschen, sich gepflegt ein Wiesel ans Knie nageln können? Deppen.

Korfu Stadt ist schön.

Am Samstag ist hier viel los und man kann ganz nett durch enge Gässchen schlendern. Bzw. ein Fahrrad schieben. Am Ende lande ich auf der bombastischen Hafenfestung. Alle haben hier dran gebaut. Die ersten Korfuer haben komplett auf den beiden Felsen gesiedelt, dann kamen die Byzantiner, die Venezianer, danach die Osmanen und am Ende noch die Briten und alle haben an die Festung was ran oder umgebaut.

Unesco-Weltkulturerbe.

Man verbringt hier ganz schön viel Zeit. Danach suche ich vergeblich einen Strand, radele ein wenig durch einen Park und stelle dann mit Schrecken fest, dass in Griechenland eine andere Zeitzone gilt und ich meine Fähre zurück nicht verpassen darf, weil ja hier 16.00 eine Stunde früher ist als drüben in Albanien.

Ich verpasse sie nicht und nach erneutem Geschieß mit wohnin-das-Fahrrad stehe ich wieder in der Schlange für die Grenzkontrolle. Am Abend gebe ich mir noch das „Blue Eye“, ein Naturwunder in den Bergen mit leuchtend blauem Wasser. Das Flusstal ist tatsächlich sehr schön, das ganze ist aber verwertet bis zum geht nicht mehr. Irgend einer an der Ticketbox vermietet Elektro-Mopeds, und den ganzen Aufstieg lang brausen albanische Jugendliche wild hupend die nagelneue Straße zur Wunderquelle entlang. Erst als deren Mietzeit abläuft stellt sich so was wie Naturerlebnis ein. Dann aber richtig.

Blau.

Jetzt stehe ich sehr einsam, vier Kilometer weiter.

Das braune Loch von Enver Hodxha

Es wird „Hotscha“ ausgesprochen, ok. Es ist ernüchternd und traurig. Der mächtigste Mann Albaniens von 1945 – 1985 wäre im Fall eines Krieges um Tirana in einem traurigen, dumpfbraunen Apartement mit dunklem Mobiliar gesessen, befunzelt von gelblichen Leuchten. Ich wünsche Donald Trump reflexhaft ein solches Ende. Musk wäre dann einen Korridor weiter in einem mit Holzbrettern verkleideten ähnlich finsteren Drei-Zimmer-Apartement untergebracht. Allerdings hat Hodxha seinen Atombunker nie benutzen müssen. Genau so wenig wie die anderen 170.000 Bunker, die er seit 1971 errichten ließ.

Ich habe es nach Tirana geschafft.

Mit dem Fahrrad geht vieles leichter, man findet dann doch außerhalb einen Parkplatz, nur dass außerhalb hier immer „Hügel bedeutet ist ein Wehmutstropfen. Tirana ist ein Moloch aus sozialistischen Betonklötzen und modernem Glas-Beton-Design, quicklebendig, aber vor allem voller Autos aller Wertigkeitsstufen. Mit dem Rad kommt man aber gut durch. Im Zentrum gucke ich mir ein bisschen die zentralen Bauten an und klettere auf Hodxhas Ehren-Pyramide. Erst sollte sie abgerissen werden, heute ist sie ein Jugend-Bildungszentrum mit Architekturpreis-Design. Ganz nett.

Ehrenpyramide 2.0

Letztendlich lande ich im Bunk-Art-Museum, davon gibt es drei in Tirana. Ich suche mir das am weitesten außerhalb gelegene aus, das eben mal der Notfallbunker für die Albanische Regierung und das kommunistische Parlament gewesen wäre. Neben den trüben Privaträumen des großen Diktators gibt es einen kompletten Sitzungssaal, der auch als Kino genutzt werden konnte. alle Bunk-Art-Museen kombinieren die Geschichte der Bunker mit der übergreifenden modernen Geschichte Albaniens und das Thema aufgreifenden Kunst-Installationen. Ich finde die Mischung funktioniert ziemlich gut und im Gegensatz zum Heldentempel auf der Burg lerne ich tatsächlich viel über Albanien.

Kleiner Geschichtsexkurs.

Albanien ist zunächst eine Monarchie, als Mussolini es als Teil seines zukünftigen Balkanimperiums begreift. Da die albanische Armee sowieso schon seit den Zwanzigern von italienischen Strippenziehern durchsetzt ist, wird der italienischen Invasion 1939 kaum Widerstand geleistet. Die Italiener bauen dann Albanien ein paar Jahre faschistisch um. Leiden können die meisten Albaner die Besatzung nicht, weshalb sich schnell Widerstandsgruppen bilden. Dann wird es kompliziert, aber im Kern ist es wie in den meisten besetzten Ländern. Der Widerstand trennt sich grob in zwei Motivationen, die Nationalisten und die Kommunisten. Beide haben ein echtes Dilemma: Man hat zwar einerseits den gemeinsamen Feind – Italien – aber andererseits komplett gegensätzliche politische Agenden für ein besseres Albanien. Gerade als sich die Nationalisten und die Linken auf eine Kooperation einlassen, invasionieren die Alliierten Sizilien und Mussolini wird gestürzt. Die Italiener verpissen sich.

Aber wie überall rücken die Deutschen nach und versuchen das italienische Besatzungsgebiet selbst zu halten. Die Wehrmacht verfolgt im Gegensatz zu den Italienern eine Politik der nationalen Autonomie und das zieht die Nationalisten an. Viele werden Nazi-Kollaborateure. Die Kommunisten, nun unter der Leitung von eben jenem Hodxha, gehen in die Berge und kämpfen. Als Griechenland fällt ist der Balkan strategisch unhaltbar für die sowieso immer kaputter werdende Wehrmacht geworden. Sie zieht 1944 ab. Ab jetzt liegt Bürgerkrieg in der Luft. Die linken Kräfte, eher im Süden des Landes konzentriert, erobern langsam den Norden bis sie Tirana erreichen.

Kommunistischer Diktator sein lohnt sich.

Dann wird es international kompliziert, aber am Ende ist Hodxha kommunistischer Diktator. Nach Stalins Tod entscheidet er, dass die UdSSR ab jetzt zu rechts für ihn ist und dreht ein bisschen durch. Allen anderen Kommunisten ist Hodxha zu Hardcore, nur die Chinesen liefern gelegentlich noch ein paar Lastwagen oder Kanonen. Das Land isoliert sich komplett und wird quasi ein europäisches Nordkorea. Hodxha investiert einen Großteil des Staatsvermögens in Bunker, denn der immer paranoidere Diktator sieht nur noch eine Welt voller Feinde. Alle sind froh als er 1985 abkratzt und ein paar Jahre später fallen auch schon die Mauern.

Das Museum macht das alles ganz gut.

Am Ende scharmützle ich mich erst mit Pegasus dann mit Gaspard weiter nach Süden vor. Drei Stunden für 150 Kilometer. Bei irgendeinem Ferienmoloch Namens Vlora setze ich mich ans hinterste Ende der Bucht, kurz vor einer albanischen Marine-Basis. Die Küste ist landschaftliche dramatisch, aber komplett mit Betonquadern für Touristen zugebaut. Für die Nacht wird es aber gehen und ich kann durch das Fenster auf das letzte Licht auf den Wellen blicken.

Vielleicht schaffe ich es morgen nach Korfu.

Everything all at once

Mann, ist heute wieder viel passiert. Das meiste davon war aber gut.

Schritt 1: Mann am Meer

Im Morgengrauen aufgewacht, schnell raus an den Strand, um den Sonnenaufgang zu erleben. Es ist kalt im ersten Frühlicht. Ewigkeiten kommt links und rechts nix außer Düne und Strand. Dann: Bäm, die Sonne geht hinter den Dünen auf und taucht alles in rotes Gold. Irre. Der Strand wäre der Hammer, wäre er … nicht krank zugemüllt. Fast alles Plastik. Mein Gott, was für eine kaputte Welt hinerlassen wir nur den heutigen Kindern.

Alles was im Gegenlicht so schön aufleuchtet ist durchsichtiges PET

Schritt 2: Mann mit Hund

In der Nähe des Strandes liegt eine osmanische Festung. Google sagt zwar „temporär geschlossen“, aber ich fahre ja quasi dran vorbei. Die Festung neben der Straße besteht aus einem gut erhaltenen Viereck mit Mauern und Türmen, einem im Bau befindlichen neuen „Visitor Center“ in Pyramidenform und einem im Moment verwaisten Campingplatz. Vom Campingplatz läuft mir ein Hund entgegen. Er ist sehr jung, kein Welpe mehr, aber wohl noch vor der Pubertät. Er ist zutraulich und verspielt. Nachdem ich ihn eine Weile gekrault habe („Aber der könnte Flöhe haben!!!“ Ja, fick dich Stefan und geh Beipackzettel lesen …) folgt er mir überall hin. Dumm gelaufen. Aber er ist cool. Er kläfft kein einziges Mal, läuft mit mir quasi einmal bei Fuß um die Festung (Innenraum ist abgesperrt) und erkundet alles. Wir sind für 10 Minuten ein Team. Ich hoffe inständig, dass er jemand gehört und regelmäßig Futter bekommt, was für ein guter Junge. Der traurige Blick, als ich in Gaspard steige und weiterfahre, wird mich noch lange verfolgen.

Schritt 3: Mann auf Burg

Der restaurierte Souvenir-Basar.

Auf nach Kujes in den Bergen nördlich, es ist gar nicht so weit, aber 50 Kilometer sind in Albanien etwas ganz anderes als 50 Kilometer auf der Schwäbischen Alb. Die Straßen sind mies und oft überfüllt. Ich habe bereits ungelogen auf der zweispurigen Schnellstraße ein Pferdefuhrwerk, eine alte Frau an einer Krücke und eine Zehnjährige auf einem rosa Kinderfahrrad überholt. Nie darfst du eine Sekunde die Aufmerksamkeit fallen lassen hier. Nie.

in Kujes gibt es eine alte Burg des hiesigen Nationalhelden und einen restaurierten Basar. Der Basar ist sehr touristisch, die Aussicht von der Burg hingegen der nackte Wahnsinn. Das Wetter ist bombastisch. Das Museum für den Nationalhelden lohnt allerdings nicht, denn es ist gar kein Museum, sondern eine spätkommunistische Verehrungsstätte. Danach Mittagessen, Börek.

Schritt 4: Mann und Scherben

Frische Hellenistische Keramik gefällig?

Eine Viertelstunde den Berg hinunter liegt die griechische Stadt Albanopolis – ja genau, daher kommt der Name des Landes. Graue Mauern ziehen sich den Frühlingshaft blühenden Hang hoch, sattes Grün, Blumenmeer. Auch hier ist gar niemand außer mir. Gelegentlich springen fingerlange Heuschrecken aus den Dornenbüschen neben dem Pfad. Oben bei den Resten der Akropolis angekommen stehe ich vor einer archäologischen Ausgrabung. Sie ist verlassen. Fünf saubere Schächte ziehen sich in das Erdreich, einige Grundmauern sind mit Fließ abgedeckt worden. Aus den Schachtwänden bröseln und erodieren Keramikscherben aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Die Regenfälle in der letzten Woche haben viel ausgespült. Man kann quasi vom Boden der Löcher original griechische Keramik aufpuzzeln. In jedem deutschen Landesdenkmalamt fallen bei dem Gedanken in Ehren ergraute Angestellte von ihren durchgewetzten Bürodrehstühlen, hier ist es einfach so. Geil.

Schritt 4: Von 7 auf 6

Als ich gegen vier wieder vor dem Laden der beiden alten Fahrradschrauber in Durres stehe, ist der geschlossen. Aber der Tante-Emma-Laden-Besitzer von gegenüber, ungefähr im gleichen hohen Alter, spricht mich an. Ob ich mein Fahrrad vermisse? Pegasus steht tatsächlich bei ihm im Laden, zwischen Orangenkisten und Limonadendosen. Seine Kette und sein Zahnkranz ist neu. Eine erste Testfahrt ergibt: Schalten lässt er sich trotzdem nicht. Theorie: Hanslik und Panslik haben sich verdrückt, weil ihnen die seltsame Schaltung von Pegasus über den Kopf wuchs. Ich steuere den nächsten Fahrradladen auf Maps an, auch mehr eine Garage mit Schaufenster, diesmal aber von einem jungen Typen betrieben, der Englisch kann. Er macht sich sofort ans Werk, Ergebnisse: Meine Schaltung ist untypisch; Der Drahtzug war verrostet; Hanslik und Panslik haben mir einen Zahnkranz mit sechs Gängen montiert, meine Schaltmechanik steuert aber sieben. Passt nicht zusammen. Trotzdem bekommt er das Ganze irgendwie so hin, dass sich Pegasus wieder einigermaßen durchschalten lässt. Er schraubt dafür eine Stunde rum und will am Ende umgerechnet 12 Euro haben.

Schritt 5: Dr. Vokopola.

Es geht sehr schnell. Schwups habe ich eine neue Brille auf der Nase und verabschiede mich von der sehr freundlichen Frau Doktor. Endlich wieder ohne Klebeband im Gesicht in der Öffentlichkeit. Es dunkelt über Durres

Jetzt sitze ich wieder auf meinem einsamen Parkplatz hinter der Düne und tippe.

Ich bin sehr müde.

Albanien

Kurz nach dem ich den letzten Eintrag verfasst hatte, leuchtet eine Taschenlampe in meinen Bus. Ich bin sofort auf Alarmstellung, grabsche meine eigene Taschenlampe, reiße die Tür auf und brülle „Hello?“ Es ist aber nur der Nachtwächter von der Baustelle am Strand unter der Klippe, der Nachsehen wollte, ob der einsame Bus kein Kupferkabeldieb ist. Natürlich ist es ok, wenn ich heute Nacht hierbleibe. Dem Kerl tut es sichtlich leid, dass er mir so einen Schreck eingejagt hat.

Die Nacht ist klar und kalt. Der wolkenlose Sternenhimmel bietet eine Pracht, die mir als Stuttgarter sonst kaum bewusst wird. Windböen rütteln ab und zu am Bus, aber ich schlafe dann irgendwann ein. Gegen morgen ist mir wieder um die Schultern kühl und der Wind ist leider immer noch da. Ich wasche mich trotzdem und fluche über jede Böe, die mich erschauern lässt.

Google leitet mich wieder über unmögliche Straßen und dann stehe ich fast unvermittelt vor der albanischen Grenze. Diesmal will man quasi gar nichts von mir außer den Perso und schwups stehe ich in Albanien. Auf nach Tirana!

Albanien ist ein Land der Gegensätze.

Einer der klischeebeladensten Sätze der Reiseliteratur, aber dieser Tag ist ein einziges Auf und Ab. Und anstrengend. Zunächst: Zwischen Montenegro und Tirana ist die Umgebung überhaupt nicht schön, sondern ehrlicherweise sehr hässlich. Die Berge am Horizont wirken vielversprechend, aber Albanien ist hier wirklich kein Montenegro, wo einem nach jeder Kurve der Kiefer herunter klappt.

Und dann war da Tirana.

Ich dachte wirklich, dass mich Sizilien auf viel vorbereitet hat, aber der Verkehr in der albanischen Hauptstadt ist eine absolut chaotische Hölle. Ich hätte einfach nicht reinfahren sollen, und rein heißt: Nicht näher als 10 Kilometer ans Zentrum. Alleine die Masse von Fahrzeugen mit Warnblinker auf der rechten Spur zeigen deutlich an, dass Tirana keine Stadt zum Anhalten ist. Aufgrund der chronischen Verstopfung aller Straßen ist es halt auch leider keine Stadt zum Fahren. Es ist eine groteske Mischung aus zu voll zum Parken und zu voll zum Vorwärtskommen. Alles steht im ersten Gang und kurvt um Hindernisse. Ich steuere zwei camper-geeignete Parkplätze an, beide sind komplett überfüllt bis zur Einfahrt. Nach einer Stunde gebe ich entnervt auf und suche die nächste Stadt an der Küste.

So komme ich nach Durres.

Der Verkehr ist nicht viel besser hier, aber ein bisschen. Ich finde einen Parkplatz etwas abseits am Strand und hier ist der schurkische Parkwächter im Gegensatz zu Sizilien glaubwürdig aufgestellt: Er hat eine Glatze, trägt Sonnenbrille und hat einen Kampfhund dabei. Leider habe ich noch keine Lek in der Tasche, er fragt dann aber, ob ich ein Bier im Wagen hätte – ich könnte auch gerne gegen eine Dose Bier parken. So gefällt mir der Balkan schon besser.

Durres ist ziemlich groß und auch nicht wirklich schön. Aber ich fange hier an zu organisieren. Bank suchen, sich von superreichen Geldhäusern beim Abheben unfair besteuern lassen – check. Dann treffe ich auf Frau Doktor Eda Vokopola. Es ist der erste Brillenladen in den ich laufe und hinter der Kasse sitzt eine sehr alte Frau, die auf die Frage, ob sie Englisch spricht, „No“ antwortet. Ich will aber nicht einfach wieder abhauen, und Frau Dr. Vokopolas Englisch ist dann eigentlich ganz ok. Außerdem gibt es den Translator auf dem Handy. Sie ist locker 75 oder älter und man fragt sich etwas, warum sie noch immer den Optiker betreibt, aber sie versteht schnell mein Problem und kann auch meine Augen ausmessen. Leider platzt der Plan mit der neuen Brille teilweise: Gleitsichtgläser brauchen eine Woche, denn sie kommen aus Italien nach Albanien. Eine neue Fernsichtbrille gibts aber schon morgen. Zum Autofahren reicht das. Umgerechnet 130 Euro zahle ich mit Gläsern und ein nettes Gespräch über die Herkunft meines Vornamens „Akim“, der für sie muslimisch klingt, gibt’s obendrein.

Dann finde ich eine Wäscherei und der Security Guard gibt mir Tipps, wie ich es schaffe in der Nähe zu parken, denn drei Kilometer schleppe ich meine Wäsche nicht durch die Stadt, aber Parkplätze sind halt auch in Durres eine Seltenheit.

Schließlich laufe ich noch zu einer Fahrradwerkstatt und das ist nun sicherlich die spannendste Begegnung. Die beiden Herren dort sind sicherlich auch hoch in den 60ern. Sie sehen aus wie lustig kostümierte Obdachlose, was gar nicht despektierlich von mir gemeint ist, denn offensichtlich wird man mit Fahrrädern in Albanien nicht reich. Der eine versucht immer Witze zu machen, der andere zu verstehen, was ich will. Ob ich es geschafft habe das Problem von Pegasus zu erklären, zeigt sich morgen, wenn ich ihn von dort wieder abhole. Der alte Mann möchte 30 Euro für eine neue Kette und einen Zahnkranz.

Letztendlich bekomme ich es hin vor Sonnenuntergang meine Wäsche zu waschen, Pegasus bei den zwei Alten vorbeizufahren und mich auf den Weg raus zu machen, denn in Durres möchte ich die Nacht nicht verbringen, auch nicht auf dem Strandparkplatz. Zu laut, zu hässlich. Jetzt weiß ich, warum das auswärtige Amt dazu rät, seine Ziele vor Dunkelheit zu erreichen. Albanische Straßen werfen einem immer wieder ein überraschendes großes Schlagloch in den Scheinwerferkegel. Aber jetzt stehe ich direkt hinter der Düne, dahinter rauscht das Meer. Um mich rum wohnt keiner.

Geilo!

Die eingelegten Paprika der serbischen Ladenbesitzer sind übrigens die Bombe. Schön sauer und scharf, nicht so Zuckerlesessig-Gemüse wie im deutschen Supermarkt. Auch das serbische Bier ist süffig und der Puffreis ordentlich.

Ich freue mich auf einen Morgenspaziergang am Strand.

Montenegro, der Bänger

Ich erwache beim ersten Vogelzwitschern weil es kühl an den Schultern in den Schlafsack zieht. Es ist definitv kalt im Bus. Einmal herumgedreht und das Frühlicht ist da. Jetzt sehe ich endlich meine Umgebung und über mir ragen riesige, zerklüftete Felswände. Der Fluss schäumt. Ein gigantischer Campingplatz liegt unter mir im Winterschlaf.

Könnte auch der Yukon sein …

Die Straße ist bei Tag noch beängstigender als bei Nacht, weil man jetzt gut sieht, wie kaputt sie wirklich ist. Zur Grenze sind es noch drei Kilometer, die man mit maximal 40 tuckern kann, weil man Schlagloch-Slalom fahren sollte. Ich hoffe, dass auf der montenegrinischen Seite die Straße besser wird. Der Bosnisch-Herzegowinische Grenzer macht das übliche, er sitzt in einer Art Bretterbude neben einem Fahnenmast. Sein Zwilling aus Montenegro – sie sehen wirklich komplett gleich aus – möchte zusätzlich noch die Zulassung sehen. Und dazwischen ist … die Grenzbrücke über die Schlucht. Boy, oh boy, ein Bauwerk wie aus einem Abenteuerfilm der 60er-Jahre. Als hätten die Partisanen gestern noch Sprengstoff an die Stahlträger geklebt, aber nicht mehr gezündet. Ich halte auf der Brücke an und muss das Ganze knipsen.

Wird schon halten.

Die Straße auf der anderen Seite ist viiieeeel besser. Gefördert mit EU-Geldern, und wieder muss ich sagen: Was hat die EU da nicht schon wieder Gutes für mich geleistet. Ich kann relativ normal fahren. Abgesehen von der völlig abgefahrenen Schluchtenlandschaft, diesmal nicht Winnetou, sondern reinste Tolkien-Illustration. Felstürme, Brücken, immer wieder Tunnel, darunter ein eisblauer Fluss. Die Sonne kommt heraus. Ich kriege den Mund nicht mehr zu über diese Landschaft, die sich allmählich in ein breites Flusstal öffnet. Der Schnee kriegt mich auf einer Hochebene – sieht sehr nach Schweiz aus – doch noch, aber schönerweise ist es ein sehr trockener, pulvriger Schnee, den Gaspard ohne Probleme bewältigt. Ab und zu rütteln Windböen am Bus.

Bänger.

Bänger

Dann bin ich auch schon in Podgorica, der Hauptstadt. Man muss sagen: sie ist ziemlich reizlos. Dafür kann Podgorica wenig, die Allierten haben im Zweiten Weltkrieg die Stadt quasi komplett zerbombt, weil sie ein deutscher Knotenpunkt auf dem Balkan war. Tito benannte die Stadt nach dem Krieg kurzerhand in „Titograd“ um, machte sie zur Chefsache, und ließ sozialistische Blöcke en gros hochziehen. Man muss sagen, die Podgoricer geben sich Mühe. Alle Blocks sind hell, sauber und wirken frisch gestrichen. Trotzdem sind die Sehenswürdigkeiten merkwürdig. Top Dog ist die „Millenium Bridge“ über das Flusstal, zugegebenermaßen eine stylische Hängebrücke. Die orthodoxe Kathedrale ist weird, sie liegt quasi in einer riesigen, ungestalteten Brachfläche im Westen der Stadt. Innendrin sehr prachtvoll. Der berühmte Uhrenturm aus osmanischer Zeit ist einfach nur ein alter, viereckier Turm, der in der Stadtmauer von Ravenburg oder Marbach nicht groß beachtet werden würde. Das Preisniveau hier ist allerdings sensationel niedrig. Man zahlt mit Euro.

Der beste Blick auf Podgorica.

Was absolut bemerkenswert ist, ist der Autoverkehr. Sizilianisches Chaos, aber weniger freundlich und lustig. Zu den Stoßzeiten steht alles kreuz und quer. Der ÖPNV ist für eine Stadt dieser Dimension völlig unterentwickelt, die eingesetzten Buse haben diesen kurzen Radstand – quasi halbe Größe. Das erklärt, warum alle mit dem Auto herumfahren.

Also esse ich eine seltsame Pizza – keine Tomaten, dafür aber ein Topping aus Knoblauch- und Sesamsoße – die mir noch immer schwer im Magen liegt. Und ich finde heraus, was hierzulande ein „Kaffee Deutsch“ ist: Ein Espresso, verdünnt mit Wasser und Milch. Ich finde das gar nicht so schlecht benannt.

Gegen 16.00 mache ich mich auf den Weg zur Küste, um die Nacht mit Blick aufs Meer zu verbringen. Die Landschaft bietet wieder einen Bänger nach dem anderen. Schließlich habe ich ihn: Den Klippenplatz mit Blick auf den Sonnenuntergang. Der Wind hat etwas nachgelassen, kalt wird es wohl trotzdem.

Egal. So kanns gerne weitergehen.

Bosnien Herzegowina in 24 Stunden

oder

Der Junge hat kein Glück.

Krack! Das Geräusch mit dem meine Brille gegen die Ecke des Klapptisch stößt, lässt keinen Zweifel: Ich habe sie geschrottet. Mit einem absolut frustrierten Grollen, ziehe ich sie von der Nase und starre auf das linke Glas in meiner Hand.

Heute war ein Tag mit Höhe- und Tiefpunkten.

Aber der Reihe nach. Zunächst erwache ich an einem perfekten Platz, direkt aus dem Campervermietungs-Katalog: Meer, Aussicht, Felsen und – Sonnenaufgang. Es geht ein bisserl ein kalter Wind hier oben, aber die Strahlen der roten Sonne auf dem Gesicht tun schon sehr gut. Ich bin komplett alleine hier. Und wild entschlossen, mich zu waschen.

Dann geht die Brille hinüber. Plastik halt. Nike-Gestell, aber halt trotzdem Plastik. Wenigstens kann ich die Fassung mit Klebeband zusammentütteln, aber eine Dauerlösung wird das nicht. Ersatzbrille – hätte ich mal besser mitgenommen. Hätte, hätte Fahrradkette.

Apropos: Habe ich erzählt, dass Pegasus auch im Arsch ist? Seit Wien hängt die Kette deutlich durch und ich vermute, dass es daran liegt, dass er nicht mehr schaltet. Also bin ich seit Wien auf der Suche nach einem Reperaturgeschäft.

Aber wenigstens komme ich bei strahlendem Sonnenschein an die bosnische Grenze. Ein höfiches Wort hier an alle, die irgendwie daher schwurbeln, dass die EU gar nicht gut für Doitschland sei: HAT EUCH DIE DUMMHEIT PERSÖNLICH IN EUER ZWERGENHIRN GESCHISSEN ODER WART IHR SCHON IMMER DOOF WIE EIN STÜCK STRASSE?

Der Grenzübergang läuft eigentlich ganz smooth. Zwei mal echt netten Grenzern den Ausweis zeigen, checken lassen ob ein europäischer Strafbefehl für mich vorliegt, zwei mal in den Transporter blicken lassen, ob es wirklich ein Wohnmobil ist oder ein Warenschmuggler. So weit, so problemlos, braucht halt Zeit. Aber der Mehrheit in meinem Land möchte anscheinend wieder obligatorische Grenzkontrollen („Aber doch nicht für weiße Menschen!!„).

Dann fängt die Organisationsarbeit an. Ich brauche eine andere SIM-Karte, da aufgrund von Deregulierung Telekommunikationsanbieter vorsinnflutliche Roaming-Gebüren aus den Tagen der ersten Funkgeräte verlangen dürfen. Wie sehr profitieren wir davon, dass die EU diese technisch unbegründete Abkassiererei in ihren Grenzen abgeschafft hat! Der Tankstellenmensch hinter der Grenze ist sehr freundlich und hilfsbereit bei der Installation einer Balkan-Karte, denn ohne mobile Daten käme ich nicht durch diese Ecke.

Dann muss ich mir Geld besorgen. Bosnische Mark. Wieder gibt es aufgrund deregulierter Banken überhaupt keine gebürenfreie Möglichkeit, von meiner Bank lokale Währung zu ziehen. Das Günstigste wäre wohl, Euro in ein Wechselbüro zu tragen, aber die hätte ich vorsorglich aus Deutschland mitnehmen müssen. Partnerbanken der Deutschen Bank, um mal das altertümliche Bankhaus zu nennen, von dem ich abhänge, gibt es nämlich in, Achtung: England, Frankreich, Spanien und Italien. Also auch in Kroatien wäre ein Bankautomat mit Wucherzinsen belegt.

Die Sechziger Jahre lassen grüßen.

Natürlich zahle ich für j e d e e i n z e l n e EC-Transaktion. Bargeldlos mit Karte einen Kaffe zahlen – keine gute Idee. Ist ja nicht so, dass die Verrechnung heutzutage automatisiert über das Netz läuft, nein, Herr Kleinschmitt aus der Abteilung „Auslandsbuchungen und Devisen“ sitzt seit 1974 an seiner Rechenmaschine in einem Frankfurter Bürgerhaus und bekommt im Monat für handschriftliche Eintragungen in ein dickes Rechnungsbuch ein Gehalt im sechsstelligen Bereich.

Die EU ist das beste, was unserem Land je passiert ist.

Bosnien-Herzegowina ist wunderschön. Die dramatischen Felsen im Sonnenlicht bilden eine majestätische Kulisse. Leider spielt dazu ständig die Winnetou-Melodie in meinem Kopf. Die sehr neue und sehr schöne Autobahn hört leider kurz vor Mostar auf. Und das wars mit Autobahn. Nach Sarajevo tuckere ich in der Schlange an einem Fluss durch wildromantische Schluchten. Schön, aber langsam.

Kurz nach Mittag bin ich in der bosnischen Hauptstadt und inzwischen ist es grau und es nieselt. Der Verkehr ist dicht, Parkplätze alle voll. Ein freundlicher älterer Herr schiebt mich irgendwie in eine Lücke. Ich gehe zu zwei Fahrradläden, aber einer ist pleite und einer ist zu, obwohl er geöffnet sein sollte. Vielleicht kriege ich Pegasus in Tirana flott. Da werde ich wohl auch zum Optiker gehen, denn eine Brille machen lassen dauert bekanntlich etwas länger.

Sarajevo.

Meine erste Erinnerungen daran ist ein Cartoon-Wolf, der im Fernsehen den Namen der Stadt im Stil eines Muezzin heult. Es ist Olympiade 1984, wir kucken die Winterspiele mit meiner Oma an, weil meine Eltern im Skiurlaub sind. Der Wolf ist das offizielle Maskottchen.

Warum habe ich mich damals für Sport interessiert?

Dann: 1992. Menschen rennen über breite Straßen mit ausgebrannten Bussen. Einige fallen um, wegen der serbischen Scharfschützen auf den Hügeln. Die Belagerung der Stadt dauert über 1400 Tage, die längste Belagerung der Moderne.

Seit einigen Jahren erzähle ich ein- bis zweimal im Schuljahr eine andere Geschichte aus Sarajewo. Ein Junitag, ein offener Wagen, ein unglücklicher Fahrfehler. Zwei Schüsse, ein Funke der lang aufgebaute Kriegspläne auslöst.

Rostige Granaten neben meinem Weg.

All das macht diese Stadt zu einem seit lange nötigem Ziel für mich. Sarajewo ist darüber hinaus ziemlich hässlich. Der Krieg hat unübersehbare Spuren hinterlassen, Gedenktafeln, Wandbilder, Ruinensiedlungen an Teilen der Hänge.

Die Stelle an der Gavrillo stand

Ich finde natürlich die Stelle der Schüsse auf den Thronfolger. Man kann sich quasi in die Fußstapfen des Attentäters im Asphalt stellen. Der alte Basar ist nett, aber sehr touristisch.

Die Brücke, an der das Auto aus dem Wiener Militärmseum ein Loch bekam.

Und am Ende stehe ich tatsächlich vor den Resten der Olympischen Spiele oben am Hang: Das kahle Betonskellet der Bobbahn im Wald ist eine ziemlich mittelmäßige Street-Art-Gallerie geworden. Ich habe in Sarajevo an einem Tag alles angeschnitten, was mich mit der Stadt verbindet.

1984 – Bobfahren. Heute Lost Place.

Bis ich gegen 16.00 da oben bin, ist der Niesel in Schnee übergegangen. Und er bleibt hier, über der Stadt, schon liegen. Die Wetter-App sagt jetzt, dass es morgen früh um 8.00 -4 Grad kalt sein soll. Eine ganze Ecke zu kühl für eine angenehme Nacht und vor allem: Wenn morgen früh Schnee auf den engen Sträßchen hier rauf liegt, dann wird das schwierig mit Gaspard, der ja mit seinen Reifen schon bei steilen nassen Straßen zum Slippen neigt.

Warum habe ich kein Glück mit dem Wetter?

Im Süden ist es wohl deutlich wärmer. Warum also nicht noch ein Stündchen auf der Autobahn Richtung Montenegro, die zu viel abgehobenen Mark in einer schönen Raststätte auf den Kopf hauen, und dann kurz vor der Grenze einen Schlafplatz suchen. Plan!

Es gibt keine Autobahn nach Montenegro.

Nur enge Schluchtensträßchen, dramatisch, gischtschäumende Bäche, maximal mit siebzig, vorsicht Steinschlag, verschneite Pässe, Schneegestöber, Dämmerung, abgerutscher Hang. Alles. Alles.

Im letzten Städchen vor der Grenze mache ich kurz nach Einbruch der Dunkelheit Zwischenrast. Und finde ein paar sehr nette Serb*Innen. In einem Restaurant esse ich super lecker und günstig und die Kellnerin gibt mir sogar auf meine Mark Euro raus. Der Tante-Emma-Laden ist direkt erfreut mich zu sehen und berät mich intensiv. Klar, alles wirkt ein bisschen wie aus einem Kusturica-Film. Die Männer haben alle ein Miliz-Gesicht. Streunende Hunde verbellen mein Wohnmobil. Die Autos sind aus den 90s. Ich spendiere einer humpelnden Katze ein Hühnerei.

Der Alptraum ist aber die offizielle Straße zur Grenze. Streckenweise ist sie nicht mehr als ein Waldweg, schlaglochüberseht, für zwei Autos kaum breit genug, stockdunkel. Wenigstens ist quasi kein Verkehr. Aber ich fahre im zweiten Gang, alles andere fühlt sich zu riskant an. Fast erwarte ich, dass das Ding einfach endet.

Jetzt stehe ich an einer Zipp-Line-Station über einem schäumenden Wildbach. Offensichtlich gibt es hier im Sommer Event-Tourismus. Fünf Kilometer vor der Grenze. Der Schnee ist im Moment nur noch Niesel, aber wer weiß, wie es morgen früh aussieht. Ich bin mir sehr sicher, dass es hier Wölfe und Bären gibt. Und kalt wirds auf alle Fälle auch.

Wünscht mir Glück. Mehr.

Wortspiel mit „Split“

„Splittergruppe“ … „Straßensplit“ … „Splitscreen“ … „Splitzenplatz“ … Ach, egal,stellt euch einfach vor, der Eintrag hätte als Titel ein gutes Wortspiel mit Split.

Vorher habe ich aber einen etwas längeren Weg vor mir, also früh morgens raus aus Zagreb,auf die Autobahn. Die ist nagelneu, das bekomme ich aber erst später mit. Obwohl, es hätte einem schon beim Befahren auffallen können, so gut in Schuss als Straße – das kennt man als Deutscher normalerweise nicht. Und auch kaum befahren. Spoiler: Sie ist schweineteuer und die Mautstation am Ende kassiert dann kräftig ab.

Aber es war ein angenehmes Fahren.

Es geht jetzt in den Karst, die Landschaft wird dramatisch, leider sehe ich wegen der niedrigen Regenwolken nicht viel. Die Einsamkeit hier mutet mir aber direkt spanisch an, man sieht wenig Häuser und Siedlungen auf dem Weg. Kurz vor Zadar wird es trockener und ich möchte einerseits aufs Klo und endlich mal Altglas einwerfen, das sich seit Stuttgart ansammelt. Also den nächsten Rastplatz angesteuert und ich entdecke …

… das gescheiterte Projekt.

Na ja, jeder hat ja welche, aber das hier ist ganz besonders groß und mächtig. Über der Tiefebene um Zadar, mit dem Meer im Hintergrund, erhebt sich ein steiler Abhang und an diesem steilen Abhang, direkt neben der ziemlich neuen Autobahn, wollte mal jemand erst kürzlich eine echt große Raststätte mit Panoramahotel bauen. Sie kamen bis zur Elektroinstallation, der Rohbau stand, Fenster waren drin und dann … Ende der Bauarbeiten. Warum? Kein Plan, aber seit dem steht das Monstrum fast fertig da oben neben dem Parkplatz und geht langsam kaputt.

Natürlich habe ich mich reingeschlichen. Die Absperrmaßnahmen sind echt ein Witz. Natürlich weiß der Henker, was einen da drin erwartet. Metertiefe Schächte, obdachlose Junkies, der Werwolf von Barker Mills … aber meine Abenteuerlust ist oft halt größer. Hier die Fotostrecke:

Keine Sorge, ich bin mir sicher, dem Investor geht’s gut. Auf einer Müllhalde mit Baumüll fand ich Zeitungen mit dem Datum von 2010. Dafür steht das Teil noch ganz gut da, auch wenn natürlich viel Vandalismus stattfindet.

Dankbar für diese kleine Perle am Wegesrand komme ich in Split an, dass eine Polizeihölle für Camper sein muss. Ich verstecke Gaspard an einem Sportplatz und nehme den Bus zum Stadtstrand. Der ist zunächst – eine gewaltige Baustelle. In ein paar Jahren hat Split sicher eine bombastische moderne Strandpromenade. Wenn man weitergeht gibt es Strand, aber so richtig schön wird der nie. Na ja, ich kann am Wasser entlanglaufen, immerhin.

Den Diocletian-Palast habe ich in den 2010ern mal besucht und deshalb laufe ich auf dem Rückweg nur kurz durch. Zur Erklärung: Das mittelalterliche Split lag quasi komplett in einer gigantischen Palastanlage des römischen Kaisers Diocletian. Der Stadtkern ist also eine Art Frankensteingebäude aus kleinen Häusern, die man in ein großes Haus hineingezimmert hat.

Diocletian hat seinen Palast wenigstens fertig bekommen.

Das alles im hiesigen weißen Kalkstein gemauert, so dass man quasi durch Minas Tirith oder Games of Thrones geht. Dass die tatsächlich hier gedreht haben, kann ich mir gut vorstellen.

Die Küste um Split ist völlig verbaut, deshalb tuckere ich mal wieder an den Arsch der Welt den Berg hinauf. Arsch der Welt mit genialem Blick.

Zagreb? Zagreb!

Die Fahrt ist nass und grau. Slowenien ist ein lustiges Land: man merkt es gar nicht. Kaum ist man drin und denkt sich: „sieht aus wie Österreich,“ schon fährt man über die kroatische Grenze. Die Situation ein kleiner aber unvermeidlicher Pfropf am Nordausgang des Balkans zu sein, nutzen die Slowenen aber weidlich aus. Das Pickerl gibts mininmal als Wochenabo, auch wenn man in einer Stunde quasi durch ist.

Aber dann wird es endlich mal richtig gut.

In Zagreb bin ich relativ früh gegen 11. Der Parkplatz an einem Park ist soweit ganz ok, die Straßenbahn direkt an der Hauptstraße. Überhaupt kann ich Campern in Großstädten die etwas abseits gelegenen Parks schwer empfehlen. Die Innenstadt begrüßt mich dann gleich mit dieser schönen, positiven Energie, die manchmal junge Städte mit alten Häusern in Aufbruchstimmung verströmen. Ein Teil der Bausubstanz ist ziemlich heruntergekommen; aber es wird an vielen Stellen renoviert. Irgendwie arbeitet Zagreb gerade sehr an sich und das fühlt sich gut an.

Der Teil aus dem Habsburg um 1750 …

Zagrebs Altstadt hat zwei Teile aus dem Habsburger Reich: Die obere Altstadt ist aus dem 18. Jahrhundert und beherbergt das Partyviertel; die untere aus dem 19. und ist das Einkaufszentrum. Dazwischen finde ich einen schön großen Markt, auf dem die Stände tatsächlich nicht so wirken, als hätte der internationale Obst-Großhandel eine Bude in Bio-Optik entworfen. Alle sprechen ziemlich gut Englisch. Und es ist jetzt trocken von oben.

Nach einer ausgiebigen Spazierrunde mit vielen schönen Eindrücken gehe ich auf den Rat einer Freundin hin ins Museum der zerbrochenen Beziehungen und, oh boy, was für ein schönes Konzept. Menschen aus der ganzen Welt können Gegenstände, die von einer beendeten Beziehung erzählen mit ihrer Geschichte dahinter einschicken, und diese Geschichten pendeln zwischen sehr witzig und sehr herzzerreißend. Ich weiß nicht wann ich jemals zuvor in einem Museum jedes Exponat mit jedem Erklärungstext dazu mitnehmen wollte, aber hier will man es. Geht rein, grinst und verdrückt ein paar Tränchen, es lohnt sich.

Exponat aus dem Museum für zerbrochene Beziehungen

Ich trinke ein Bier in einer Panorama-Bar, die ganz unprätentiös in einem Hang sitzt; ich gerate ins Bahnhofsviertel wo Falun Gong vor einem Hakenkreuz tanzt und die Preise deutlich niedriger sind. Ich laufe lange herum und finde Zagreb sehr zufrieden stellend. Am Ende gehe ich zum ersten Mal ins kroatische Kino. Zwar werden hierzulande nur Kinderfilme synchronisiert, aber der wirklich, wirklich wundervolle Film „Flow“ kommt ohne ein gesprochenes Wort aus und erzählt trotzdem hinreißend gut.

Besser kann so ein Tag nicht laufen.

Kleine Planänderung: auf meinem ursprünglichen Reisezettel stand mal „Banja Luca“ in Bosnien, aber ein wenig Recherche ergeben, dass ich mich mal umorientiere auf dem Weg nach Sarajevo. In Banja Luca sitzt dieser separatistische, pro-russische Serben-Führer, gegen den nun von der Bosnischen Regierung ein Haftbefehl wegen Rechtsbeugungen erlassen wurde. Ausgeführt ist er bis jetzt nicht, aber der Boss von Banja hat schon angekündigt, dass im Falle dass die serbischen Gebiete Bosniens-Herzegowina in den Aufstand gehen werden.

Da muss ich nicht unbedingt drinhocken.

Also fahre ich erstmal über Split und bleibe in Kroatien, bis man durch den Süden nach Sarajewo abbiegen kann. Das ist zwar dann ein Haken von etwa 200 Kilometern mehr, aber ich darf ja auch mal auf Nummer sicher gehen.