Graues Wien

Der Morgen dämmert grau und die Wetter-App sagt: Regen. Nur einmal heute. Mein Programmpunkt liegt leider am anderen Ende Wiens, deshalb gehe ich früh los und stehe gegen neun: Am Zentralfriedhof.

Wusstet ihr, dass es eine europäische Friedhofsroute gibt?

Kleines Geschichtsupdate: Nachdem die Wiener ihre Toten 40 Jahre unter den Stephansplatz gestopft hatten – es waren etwa 12.000 – kam Kaiser Rudolf auf die Idee, dass es gar keine gute Sache sein könnte, das Zentrum der Stadt mit Kadavern zu unterfüttern. Das Grundwasser hatte merklich gelitten und die Leute beschwerten sich über den Geruch auf dem Markt. Es dauerte nur weitere hundert Jahre, bis der Plan reif wurde, der Stadt einen neuen, riesigen Kirchacker vor den Toren zu spendieren, auf dem Platz für alle Ex-Wiener*Innen war. Der Zentralfriedhof. Zentral heißt also für alle, es heißt nicht gut erreichbar.

Ein Wort zu den Wiener Straßenbahnen. Sie sind arschlangsam und müssen mit den Autos an roten Ampeln warten. So erklärt sich das Schneckentempo, mit dem ich die schlappen 17 Kilometer zurück lege. Trotzdem stehe ich kurz vor 9:00 am beeindruckenden Tor 1 der Nekropole.

Perre Lachaisse in Paris ist ein spannendes Chaos aus kleinen gewundenen Wegen und Pfaden. Wien dreht genau anders herum: Das sieht man schon an der nüchternen Benennung des „Tor 1“, denn auch zwei und drei heißen nicht blumiger. Der Zentralfriedhof besticht durch die nüchterne Symmetrie des späten 19. Jahrhunderts und großzügige Alleen. Es tröpfelt inzwischen, aber hier auf dem Friedhof macht mir das spannenderweise gar nix mehr aus. Im Gegenteil, ich denke an Friedrich Dürrenmatt und „Der Richter und sein Henker“ und gerate zunächst auf den jüdischen Teil, wo die Grabsteine schief und krumm stehen und dazwischen ein Hirsch liegt und mich eine ganze Weile anstarrt, bis er sich lässig erhebt und davon schlendert.

Auch hier gilt die althergebrachte Wiener Klassengesellschaft: Direkt an der breiten geteerten Straße die Mausoleen der großen jüdischen Familien, der Rest darf sich klein, grau und geduckt dahinter versammeln. Und langsam wegsacken.

Überhaupt: feudalistisches Sterben.

Normalerweise geht man hier her wegen der Promis. Man kann hier endlich mal Leute stalken, die sich aufgrund ihres Lebensstadiums nicht mehr dagegen wehren können. Am prominentesten sind die sogenannten „Ehrengräber“, die man alle um die bombastische „Lueger-Kirche“, eine gigantische Aussegungshalle in Sahnetortenoptik findet. Hier sands alle versammelt: Ein kleines Batallion in Ehren verwester Burgschauspieler*Innen, Philosophen, Komponisten, Kabarettisten und Künstler. Je prominenter, desto extravaganter der Grabstein. Ich mache meine Aufwartungen bei Theo Lingen, Manfred Deix, Helmut Qualtinger und Franz Werfel. Natürlich ist Udo Jürgens mit seinem Marmorflügel, überhäuft mit Udo-Devotionalien, nicht zu vermeiden. Aber Falco toppt ihn noch, was freakiges Grab-Design angeht. Er hat zwei Grabsteine: Einen sehr bescheidenen mit „Hans Hölzel.“ Und einen Glamrock-Plexiglas-Gobelin für FALCO! Ein Ausrufezeichen in der Vergänglichkeit.

Fotos gefällig?

Besonders berührend, in meinem Fall sogar zu Tränen, ist das Feld mit den Baby-Gräbern. Es ist bunt. Voller Spielzeug und Glitzer. Und so erschreckend riesig. Ich hätte ehrlich nicht gedacht im 21. Jahrhundert so viele Mini-Gräber zu sehen, hinter jedem eine absolut herzzereißende Geschichte.

Danach bin ich reichlich nass und gehe Richtung Tor zwei oder drei, wo eine Konditorei mich begrüßt. Ich verspachtle eine Sachertorte mit einem großen Braunen und merke, dass ich Sachertorte nicht einmal besonders mag.

Das danach auf dem Plan stehende Museum der Bestattungskultur ist gut und zeigt viele Absonderheiten des Wiener Totenkults. Es ist ein sehr stilles Museum, nur ein ständig flüsternder Ami und seine ständig kichernde Ami nerven alle anderen unsäglich. Einziger Kritikpunkt: Etwas klein. Für 9 Euro Eintritt hätte ich mir vielleicht noch ein paar Räume zu vormodernen Beerdigungsbräuchen gewünscht.

Na ja, bis ich herauskomme und mich freue (noch) am Leben zu sein ist es 14.00 und der Regen ist stärker geworden. Meine Sneaker durchweicht und meine Lust auf mehr nasses Wien überschaubar. Ich schlage mich zum Schwarzenbergpark zurück, durch völlig überfüllte Straßenbahnen mit beschlagenen Scheiben, die durch den Regen im Schneckentempo zuckeln. Um 15.30 bin ich an Gaspard und fahre ein bisschen nach Süden.

Jetzt sitze ich in der Steiermark an einem See. Der Regen hat für den Abend aufgehört, so dass ich kochen und abspülen konnte. Dafür wird heute Nacht wohl recht frisch. Und morgen um diese Zeit bin ich dann wohl schon in Zagreb.

Der Geruch von Tod und Faschismus.

Ich erwache in der Dämmerung zum Geräusch des Piss auf meinem Blechdach. Stimmt nicht, schon seit kurz nach Mitternacht habe ich immer wieder missmutig den Dauerregen gehört und gehofft, dass es bis morgens vorbei ist. Ist es nicht.

Die Welt ist grau und nass.

Also gibts nur Instant-Kaffee im Bus, Strom ist gerade dicke auf der Batterie. Dazu Pumpernickel mit Camembert, der mir gerade den Kühlschrank schon heftig zustinkt. Der muss also schnell gefuttert werden. Im Regen Pegasus aufzuschnallen bessert meine Laune nicht.

Ich bin früh auf dem Weg nach Wien. Fahrt ereignislos, Wetter eklig, kleiner Stau, an einer Jausenstation geduscht. Vor Wien wird es trockener. Wien ist, wie alle Hauptstädte, für Camper ein schwieriges Pflaster. Keiner mag uns, schon gar nicht die Stadtverwaltung, und so erstreckt sich eine teure Kurzparkerzone quasi in einem 10 Kilometer-Radius um das Zentrum. Mein Stellplatz ist außerhalb an einem Park, durchaus schön, aber am Arsch der Welt. Mit den Öffis brauche ich eine Stunde bis zum Stephansplatz, das ist eine Geschwindigkeit von 10 km/h.

Wiens ÖPNV verströmt Stuttgart-Vibes.

Wien selber ist … ganz cool. Viel alte Bausubstanz und Pracht, viel Kunst. Alles verströmt ein bisschen den Geruch von Tod und Faschismus, aber vielleicht sind das auch einfach nur zwei dominierende Themen bei mir. An seinen besten Ecken verströmt Wien Berlin-Vibes, an seinen schlimmsten Operetten-Muff.

Das zweitere liegt am Stephansplatz vor.

Programmpunkt eins: Dom und Katakomben. Kostet beides je sieben Euro, was für den Dom völlig überzogen ist. Er ist ganz sicher bedeutsam, wirkt ein wenig vollgestopft und unsortiert, wie es halt so ein jahrhundertelanger Vielvölkerstaat hinterlässt. Aber es ist nicht die schönste Kirche, in der ich je stand. Die Katakomben hingegen – jede Menge Knochen, am spannendsten finde ich wieder die Leute, die mit den Resten ihrer Klamotten im Sarg liegen. Wir haben einen sehr launigen Führer mit tonnenweise morbiden Witzen über den Tod, so stellt man sich Wien vor. War sein Geld wert, der Mann.

Ja, so stellt man sich den Steffel vor. Wetter jetzt supi.

Programmpunkt zwei: Militärhistorisches Museum im Arsenal. Ein riesiger Gebäudekomplex, ein Gesamtkunstwerk, völlig unglaublich, wenn man bedenkt, dass es als Waffenlager gedacht war. Die Panzerhalle ist wie der Steffel: vollgerümpelt und eng. Und ewig weit weg vom Museum. Das Museum ist auch nicht gerade modern, aber hier bekommt man für seine 7 Euro echt viel präsentiert. Unter anderem das gesamte Attentat von Sarajewo, sammt Auto, Uniform und Blutspritzern. Das wollte ich schon lange mal sehen.

Zugang zum Arsenal. Hinter dem Tor gehts noch lange weiter.

Bis ich herauskomme dämmert es. Ich gönne mir noch einen Kaffee und mache mich dann auf die Rückreise. Eine Stunde lang, dann an der Endhaltestelle noch mal 15 Minuten die Waldstraße im Dunkeln hoch. Ich bin gerade in Gaspard, da fängt es wieder an zu Regnen, nachdem es sonst den ganzen Tag trocken war. Mann, wäre das ätzend gewesen, im Regen den Berg hochzutrappeln.

Aber ich kann ja auch mal Glück haben.

Knee deep in shit

Eher achsentief im Lehm. Die Vorderreifen slippen in dem widerlichen Pudding, der sich unter der Grasnarbe aufgetan hat, beim kleinsten Kupplungskontakt. Keine Chance rauszukommen. Nix mit früh losfahren.

Wie bin ich nur in diese Situation gekommen?

Alles beginnt mit den letzten wichtigen Sozialkontakten am vorherigen Tag. Noch einmal mit dem Lieblingsdreijährigen spielen; Noch Abends schnell eine liebe Kollegin treffen und ein Theater-Projekt bequatschen. Schicksalshafte Verkettung eins: Ich drehe diese kleine Runde Richtung Ludwigsburg gleich mit dem halbgepackten Gaspard, weil ich schon das Auto getauscht habe. Geht ja auch.

Als ich zurückkehre ist es gegen 23.00 und bei uns im Viertel ist wieder alles zu hause. Typische Schlafstraße. Tagsüber ist mindestens die halbe Straße frei, gegen Abend wird es voll und Nachts ist es schwierig. Es wird nicht besser durch die drei Baustellen bei uns, weil alle Nachbarn herausgefunden haben, dass man Teile der Straßen blockieren darf, wenn man sein Dach saniert oder einen neuen Vorgarten anlegt. Ist so eine Art Wettbewerb unter den Hausbesitzernden hier. Irgendwo wird auch noch Glasfaser verlegt.

Machen wir es kurz:

Weder in meiner Straße noch in der Paralelstraße gibt es einen Parkplatz für Gaspard. Also drehe ich schweren Herzens und mieser Laune meinen Straßenkutter Richtung Bezirksportanlage an der S-Bahnstation: bedeutet 10 Minuten den Berg rauf zu Fuß um zur Haustür zu kommen.

Schicksalshafte Verkettung zwei: Meine Faulheit. Ich passiere den Berg runter die aufgegebene Gärtnerei, in der immer der Ostergarten seit ein paar Jahren stattfindet. Der Ostergarten ist ein relativ verdächtiger Jesus-in-Jerusalem-LARP der von einer relativ verdächtigen christlichen Event GmbH jedes Jahr in der alten Gärtnerei veranstaltet wird. Inklusive Syntetik-Israeliten und Mauerwerk-Tapete-Buden. Parkplätze für die meisten Besuchenden finden sich auf dem Grasstreifen vor dem Gärtnereizaun neben der Straße. Die sind auch schon eingerichtet, die meisten abgesperrt, aber halt nicht alle.

Aber halt nicht alle.

Das würde mir 2 Minuten und 300 Meter Weg ersparen. Also lenke ich Gaspard auf den grünen Parkplatz des Cannstatter Ostergartens, ist zwar illegal, aber über Nacht und so und dann morgen früh gleich weg.

Am Ende kostet mich meine Faulheit und mein Frust über die zugeparkte Straße den Vormittag und 300 € plus X. Denn es kommt noch unglückliche Verkettung drei: Der nächtelange scheiß Piss-Regen, den ich so hasse, wenn ich los will. Eigentlich ist der Plan, morgens schnell mit Pegasus zum Bus zu flitzen, das Fahrrad aufzuschnallen und vor die Haustür zu fahren, wenn die restlichen jämmerlichen Existenzen alle zum Malochen aufbrechen. Aber der Vorderreifen frisst sich schneller durch die pitschnasse Grasnarbe als ich „Warum bewegt sich nix?“ denken kann.

Zuerst versuche ich mit Hin- und Herwiggeln rauszuschlüpfen. Das klapt schon mal nicht. Dann versuche ich, mit Hilfe eines jungen, englischsprechenden Pärchens, das von der S-Bahn hochläuft mich rauszuschieben. Die zwei sind super nett und er ist deutlich übermotiviert es zu schaffen. Aber das klappt vielleicht mit einem PKW, aber leider nicht mit einem 1,7 Tonnen Transporter. Dann suche ich den wenig erfreuten Gärtnereibesitzer auf, mit der Bitte um Hilfe. Der hat zwar einen Traktor, aber kein Seil. Sein Nachbar 500 Meter weiter im Feld hätte vielleicht so was. Ich laufe hin, der ist aber nicht da.

Und alles im ständig weiter pissenden Stuttgarter Siff.

Schließlich rufe ich den Abschleppdienst. Der ist nach 20 Minuten vor Ort und hat mich nach 5 Minuten rausgezogen. Kostet 250 Euro, aber es funktioniert. Premiumservice. Drauf kommt noch das, was mir der Gärtner für die beiden Löcher in seinem Jesus-Parkplatz berechnen wird. Hat sich alles echt gelohnt.

Was übrig bleibt: Löcher im Dreck.

Jetzt sitze ich auf einem Hügel zwischen Braunau und Linz und bin ADAC-Mitglied. Also ab 00:00. Immerhin bis dahin habe ich es noch geschafft, aber schlechter kann die Anreise nicht starten. Heißt, ab jetzt wirds besser.

Ich sitze übrigens hier heute Nacht auf einem Festival-Gelände. Das Free-Tree-Festival kann nicht groß sein, es ist wohl eher so ein kleines ländliches Kulturding, aber die Leute, die das hier machen, haben in das Wäldchen ganz coole Holzbauten und Buden gestellt. Sieht total cosy aus. Bin da jetzt gerade im Mondschein mit der Taschenlampe durchgestromert, war ganz spannend. Ansonsten bin ich hier mutterseelenallein.

Balkan, ich komme.

Der erste Ausblick: Schon mal ganz nice.

Abbruch, Abbruch!

Ich lasse gleich mal die Bombe platzen: Diesen letzten Eintrag der großen Sizilien-Tour schreibe ich von meinem Bett in Bad Cannstatt aus. Die Erkältung wurde immer fetter, so dass ich noch am Sonntag Abend von Livorno bis kurz vor Mailand düste und dort eine nicht all zu gute Nacht auf einem Parkplatz verbrachte. Gestern dann von Mailand bis Stuttgart durchgezogen. Alles so ein bisschen im Tran, aber das kleine brave Blechpony erwieß sich auch hier als echter Ally, der seinen Besitzer sicher vor die Haustür trug.

Allerdings war das Wetter in Norditalien auch so ungemütlich, dass ich mich da auch bei bester Gesundheit wohl nicht lange herumgetrieben hätte.

Jetzt habe ich Tee, ein Fieberthermometer und eine beheizte Wohnung. Zeit für ein kleines Fazit.

Auf der positiven Seite:

  • Sizilien ist eine fantastische Insel mit atemberaubenden Landschaften.
  • Die Menschen da unten sind absolut klasse.
  • Auto- und Fahrradfahren macht plötzlich wieder Spaß.
  • Was habe ich nicht alles erlebt und gesehen.
  • Der Bus hält sich immer noch klasse. So ein Guter.

Auf der negativen Seite:

  • Den Plan in den Frühling abzuhauen konnte ich nicht ganz umsetzen. Definitiv war es wärmer als hier, aber Unwetter und Wind machten mir schon zu schaffen.
  • Gesund sein ist halt schon wichtig fürs Reisen.
  • Ich nehme jetzt viel stärker war, wie Scheiße sich Autofahrer in der Schweiz und in Deutschland benehmen, und das auch noch völlig regelkonform.
  • Italien ist als Land für Camper schwieriger als Spanien und Portugal. Spots zum frei stehen sind rarer und kleiner. Mit einem großen WoMo sind brenzlige Situationen vorprogrammiert. Und ich möchte gar nicht wissen welche Battle zwischen den Wohnmobilisten in der Hauptsaison ausbrechen und wie man sich da drängt. Ach ja: Und diese ewigen Mauern überall!

Alles in allem bedanke ich mich mal bei meiner handvoll treuer Leser*Innen hier. Ich freue mich schon sehr auf die nächste Tour, aber dazu muss der Winter sich erst mal ein bisschen aus Europa verpissen.

Was für eine unsympathische Jahreszeit.

Kreuzfahrt auf Wish bestellt.

Ich erwache mit Husten und Schädel. Irgendwie habe ich kein Glück dieses Mal, ich verdächtige die Kreuzfahrthorden, die alle in die Katakomben geatmet haben. Heute geht es nur noch darum, die Zeit bis zum Boarding irgendwie zu füllen.

Ich suche mir das No-Mafia-Memorial aus, eine Dokumentationsstätte über die Entwicklung der Sizilianischen Mafia mit klarem Nein zum Organisierten Verbrechen.

Ok, hier legt gerade der Alleinunterhalter los. Ich kann nicht mehr.

Bleiben wir bei der Chronologie! Das Museum ist kostenlos, besteht aus ziemlich vielen Fotos und Texten und erklärt ganz gut, wie die Mafia im Zuge der Alliierten Landung aus der traditionellen Banditenbewegung entsteht, zu einem antilinken, separatistischen Terrorapparat wird und dann im Zuge der 60er-Jahre ins städtische Millieu und Drogengeschäft migriert, bis es dann in den 70ern und 80ern zum Krieg zwischen den Clans untereinander und mit dem Staat kommt. Ich würde das Memorial sehr empfehlen, auch wenn man glaubt mit allen drei Teilen des „Paten“ schon viel verstanden zu haben.

Dann verziehe ich mich wieder auf den Berg und penne eine Stunde. Das Gehüstel und der heiße Kopf werden nicht besser, außerdem steht da an der Brüstung einer, der die ganze Zeit die Autoanlage laut laufen lässt und Crack raucht. Oder so was. Ich fahre also früh runter zum Fähreterminal, in der Hoffnung bald aufs Schiff zu kommen, was ein Trugschluss ist. Warte zwei Stunden in einer Autoschlange. Das folgende Boarding ist extrem chaotisch und unfreundlich, Crew wirkt überfordert und brüllt auf italienisch herum, während alle irgendwie auf die Fähre drängen.

Jetzt sitze ich in der Lounge und ein Alleinunterhalter produziert beliebte Hits als Saxophon-Version. Meine Kabine ist abgestoßen und ein wenig muffig, aber ziemlich sauber. Mein WiFi-Bundle gilt nur für ein Gerät. Es gibt irgendwo einen Swimming-Pool, den ich bis jetzt nicht finden konnte, einen Friseur und ein Shopping-Center. Hätte ich Gaspard nicht irgendwo als Entschuldigung da unten, ich würde mich zu Tode schämen.

Saxo-Giorgio spielt jetzt Sting. Er übertönt die sicher sehr wichtigen Durchsagen der Crew auf Italienisch. Ich glaube, das wird eine lange Überfahrt.

Adendum: Das Internet-Bundle für 8 Euro ist nicht nur beschränkt auf ein Gerät, sondern war auch Datenlimitiert. Das merkt man aber erst um acht beim Frühstück, wenn die Mitteilung kommt, dass nun Ende Netz ist. Na ja, für drei You-Tube Videos zum Einschlafen hats gereicht.

Gammeltag

Ich sitze noch am guten Ende von Sizilien und das Wetter ist einfach nur eklig. So ein bisschen wie meine Situation. Die findet auf dem Parkplatz eines großen Einkaufszentrums statt, wo ich gerade in Gaspard sitze und tippe. Der Regen prasselt höllisch laut aufs Dach, ab und zu rüttelt eine Windböe am Bus. Der Sturm hat sich hier zu einem veritablen Schietwetter abgeschwächt, aber die Ausblicke heute auf das Meer zeigen, dass es draußen übel abgeht.

Mein Morgen war noch ganz ok. Zunächst habe ich mich vom Strand gemacht – trocken und bewölkt, aber ich wollte weg, bevor der Regen zuschlägt. Nach Cefalu getuckert, und Cefalu ist wirklich der Prototyp eines kleinen sizilianischen Städtchens mit verwinkelten Gassen und Kopfsteinpflaster. Die geschlossenen Läden und Restaurants verraten eine ziemlich touristisch geprägte Saison, aber jetzt im Januar war Cefalu herrlich verschlafen und einsam. Und dann ist da diese normannische Katedrale – normannischer wirds nicht mehr. Einfach fantastisch. Wir waren zu zweit da drin, ich und eine ältere Nonne, die die Kirchenbänke abwischte.

Der Waschsalon in Cefalu war ziemlich voll, aber jetzt habe ich wieder Socken für die Heimfahrt. Vollgetankt ist auch, Dusche in der Autobahnraststätte benutzt, sauber. Danach zu diesem Einkaufszentrum, ne Minipizza gegessen, rumgelaufen. Im Supermarkt ein paar fehlende Dinge ergänzt und zwei, drei Mitbringsel erworben. Kaffee getrunken. Artikel von gestern hochgeladen. Rumgesurft. Raus zu Gaspard, versucht ein bisschen Schlaf nachzuholen, aber der prasselnde Regen und das gelegentliche Gehupe auf dem Parkplatz machen das schwierig. Jetzt schreibe ich kurz vor 17.00 den Tageseintrag, weil es gerade sonst nix zu tun gibt.

Der Plan für heute Abend – der letzte Abend auf Sizilien – ist folgender: Es gibt n’Kino, das zeigt Nosferatu im englischen Original Der Haken an der Sache: ausgerechnet das einzige Kino in Palermo, das englische Filme bringt, liegt gegenüber der Verdi-Oper, also mitten im Zentrum. Mit dem Fahrrad komme ich bei dem Wetter quasi nicht hin; Mit den Öffis ist das von hier sehr lange und halt auch wieder zurück. Mit dem Auto in der Nähe einen Parkplatz finden: Das wird nicht einfach. Mal sehen, wie das wird.

Ich melde mich von der Fähre. Habe Internet gebucht.

Ach ja, noch eine gute Nachricht: Trotz Starkregen draußen ist Gaspard gerade trocken wie ein schönes Glas Sekt. Keine Ahnung was das gelegentliche Getropfe auslöst.

Update: Nix mit Film auf Englisch. Bin wohl nicht so gut mit den italienischen Wochentagen. Dafür durch Palermo bei Nacht spaziert, erstaunlich ruhiges Zentrum für den Trubel, der am Tag herrscht. Allerdings immer wieder tiefer gelegene Straßen am Hafen vom Starkregen überflutet. Also lieber Schlafspot auf dem hochgelegenen Belvedere mit diesem Blick auf die Stadt:

Gaspard vor dem Himmel über Palermo

Werde krank.

Die schönste Mumie der Welt.

Wir starren uns in die Augen. Bei denen meist nur noch knöcherne Höhlen, in meinem Fall noch sehenden Auges. Die grinsen, ich bin ziemlich ernst. Sie sind hunderte, ja tausende. Ich bin wenigstens zeitweise ganz allein mit ihnen. Mumien. In langen Reihen hängen sie an der Wand, leicht vorgebeugt, als ob sie sich in einer Geste der Höflichkeit vor mir verneigen. Einige haben noch ein Gesicht, die meisten nur noch einen Schädel. Viele tragen ihre verblichene Sonntagskleidung aus dem 19. Jahrhundert, eine makabre historische Modenschau, inklusive Besitzer*in der einstmals feinen Stöffchen.

Ich wandere langsam durch die Kapuzinergruft.

Zeitsprung. Es sind wohl die mittleren 80er-Jahre. Samstags läuft nach den Nachrichten das „Auslandsjournal,“ eine journalistische, halbstündige Berichterstattung, meist aus aktuellen Brennpunkten, aber immer auch mit nur rein kulturellen Einblicken in fremde Länder. Obwohl ich nur ein Teenie bin, sehe ich das Auslandsjournal gerne mit meinen Eltern. Ich finde es oft interessant. Ein bestimmter Bericht, nur wenige Minuten lang, wird mich mein ganzes Leben nicht loslassen: „Die Mumien von Palermo.“ Die gezeigten Bilder passen so haargenau in mein lebhaftes Interesse an Horror und SciFi, dass sie sich quasi in meinen Schädel brennen. Es ist wie das Video von „Thriller“, nur offensichtlich echt. Wo liegt Palermo eigentlich?

Seelenstriptease:

Ich habe eine Scheiß-Angst vor dem Tod. Ja ja, haben doch alle, sagt ihr jetzt, aber ich meine: der Gedanke an den Tod löst in mir dumpfe Verzweiflung aus, alles krampft sich zusammen, ich kann mich nur schlecht damit konfrontieren. Die Erkenntnis der Vernichtung all dessen, was ich bin, meines Bewusstseins, ist gleichzeitig das Schrecklichste und das Unausweichslichste was ich mir vorstellen kann. Diese Kombination macht die Idee so haarsträubend grauenhaft. Nein, es ist ja noch viel schlimmer, es ist keine Idee, es ist ein Fakt. Wenn ich Leute sagen höre, dass sie ihre Endlichkeit ganz ok finden, löst das bei mir komplettes Unverständnis aus. Aber vermutlich glauben die einfach an so einen Quatsch wie Gott und erfassen gar nicht, was Sterben in Wirklichkeit ist: Die erzwungene Selbstauflösung der eigenen Identität, die ultimative Vergewaltigung eines einfach nur da sein wollenden Bewusstseins.

Dementsprechend bin ich schlecht mit toten Körpern. Eine verstorbene Taube auf der Straße löst in mir Herzklopfen und Zuckungen aus. Einmal habe ich ein seit ein paar Tagen totes Wildschwein im Wald gefunden. Ich konnte mich nur noch in Zeitlupe um den Kadaver herumbewegen.

Von daher war es heute ein äußerst ungewisses Selbstexperiment, was passiert, wenn ich mich in einen Keller mit 1000 mumifizierten Leichen stelle. Habe ich es im Griff? Rast mein Herz? Dreht irgend etwas in mir durch?

Die spannende Antwort war: Ich blieb absolut cool.

Zum Hintergrund: Die Kapuzinergruft ist nach Pompeii wohl der zweite Ort meiner Reise, der auf der Welt einmalig ist. Die Mönche des besagten Ordens fanden nach ein paar Jahren heraus, dass die in Tuffsteingewölben beigesetzten Brüder nicht komplett verwesten. Das lag an der trockenen, kühlen und wasserentziehenden Umgebung. Die recht gut erhaltenen Mönche wurden offen ausgestellt, auch ganz wörtlich an den Wänden aufgestellt, als Memento-Mori-Ausstellung. Die älteste Mumie in der Kapuzinergruft ist ein Bruder, der 1599 starb. Ende des 18. Jahrhunderts wurde es bei den Reichen von Palermo Mode, die Seinen in der Gruft mumifizieren und präsentieren zu lassen. Die Kapuziner, die mittlerweile eine etwas gezieltere Mumifzierungstechnik entwickelt hatten, ließen sich den Beerdigungsservice schön versilbern. 8000 Mumien sollen es einmal gewesen sein. Durch Brände und Weltkriegsbomben gingen eine ganze Menge verloren. Heute sind es noch etwa 2000, 1000 hängen senkrecht von der Wand oder liegen in geöffneten Särgen, der Rest schlummert hinter Marmorplatten und Sargdeckeln.

2025 konnte ich endlich mit eigenen Augen sehen, was ich ca. 1985 als Fernsehbild aufsog. Es ist ein faszinierender Ort, ein Panoptikum des 19. Jahrhunderts und des Todes in vergangener Zeit. Warum mich eine tote Taube aus der Fassung bringt, aber eine Armada mumifizierter Menschen nicht: Kein Plan. Traurig sind die vielen Kindermumien, von ihren Eltern in den besten Kleidchen beerdigt. Es gibt eine ganze Nische für tote Kinder, aber zwischen den erwachsenen Mumien stehen noch viel mehr herum. Traurig, weil man zwar weiß, das früher die Kindersterblichkeit hoch war, aber was das für die Familien bedeutet haben muss… Es sind so viele.

Ich bin ziemlich froh dass ich die Gruftgänge mit historischem Interesse und einer gewissen Neugier an den Leben der trockenen Überreste durchwandeln konnte.

Was mich wirklich verstörte, waren die Führungen, die da unten stattfinden. Ich finde, die Armee der stillen Körper verpflichtet irgendwie zu Stille. Diese Führungen hingegen … 50 Leute, alle im Schlepptau einer laut schnatternden Guide, Italienisch, Französisch, Englisch. Alle einen Knopf im Ohr, weil es sind ja so viele. 10 Minuten Gruft, durchrauschen, vor 5 bekannteren Mumien etwas erzählen, raushetzen zum wartenden Bus. Ich verdächtige Kreuzfahrtschiffe hinter dieser Störung der Besucher- und Totenruhe. Wie immer ist ein anlandendes Kreuzfahrtschiff eine Geisel für die Stadt, nur dass sie im Gegensatz zu den Wikingern bezahlen. Das Gute ist, dass man die Stechschritttruppen leicht vorbeirauschen lassen kann, weil sie so schnell sind. Immerhin habe ich so 10 Minuten ganz allein mit dem Tod. In der Zeit, die ich für den Rundgang brauche, passiert mich drei mal so eine Pauschalreisen-Bande.

Und dann ist da natürlich Rosalia.

Die schönste Mumie der Welt. Und auch die letzte, die hier bestattet wurde. Rosalia war knapp zwei, als sie 1920 an der spanischen Grippe verstarb. Ein sizilianischer Präperator hat an ihr sein Meisterwerk vollbracht und mittels chemischer Kniffe das Kleinkind quasi komplett erhalten. Zumindest ihren Kopf, der Rest ist zugedeckt. Sie sieht wirklich aus, als ob sie nur schläft.

Fotos von Toten habe ich keine für euch, das ist untersagt, und zwar ist das genau Richtig so. Aber man kann „Kapuzinergruft“ googeln und bekommt dann die ganze Palette.

Ansonsten ist die Mumifizierung eine sehr sozialistische Sache, so viel Kapitalismus auch hinter dem Geschäft mit der Ewigkeit steckte. Irgendwann sehen alle gleich aus. Entweder sie grinsen leer in die Ewigkeit, wenn die Skelettierung weit fortschreitet, oder sie reißen gequält oder verzückt den Mund auf, wenn das trocknende Fleisch die Muskeln zusammenzieht. Aber letztendlich sehen die Jungfrauen – übrigens eine beschissene Idee, diese Zuschreibung an junge Frauen – kaum anders aus als die hochbetagt Verstorbenen. Einzig deine Körpergröße lässt erahnen, ob du ausgewachsen warst oder nicht. Wer es aushält: Besucht diesen Ort. Mit 5 Euro Eintritt sogar fast das Günstigste in Palermo.

Als ich aus der Gruft steige habe ich einen Bärenhunger.

Das ist vermutlich der makaberste Satz, den ich bisher geschrieben habe, und genau so makaber fühlt sich mein für mich ungewöhnlicher Hunger um 10:30 an. Aber ich steuere sofort die nächste Bäckerei an und genieße einen Cappuchino, ein Pistaziencroisant und die Gewissheit, lebendig zu sein.

Was habe ich heute sonst noch gemacht?

Zu früh aufgewacht, gefröstelt, im Mondschein den Berg hochgestiegen, oben den Sonnenaufgang beobachtet, mich dabei sehr romantisch gefühlt – im Sinne der Epoche, nicht des beschissenen Valentintages, ok?

Auf einem Straßenmarkt versucht einen frisch gepressten Orangensaft mit einem Zwanziger zu bezahlen, am Kleingeldmangel des Standes gescheitert, dann spontan von zwei Italienern eingeladen worden.

Am Jachthafen einen Aperol Spritz in der Sonne getrunken, was mir im Grunde komplett peinlich ist.

Bei der Rückkehr zu Gaspard festgestellt, dass ich dicht eingeparkt bin und nicht weiß, wie ich rauskommen soll. Von einem freundliche Signore mich 5 Minuten hin und herwinken lassen, der nur Italienisch brüllen konnte, bis ich mich rausgewiggelt hatte, ohne Beulen zu produzieren. Dem fantastischen alten Knaben eine Cola aus der Kühlbox geschenkt.

Im Stadtverkehr an den engen Sträßchen, google maps und dem Gegenverkehr fast irrsinnig geworden.

Jetzt stehe ich an einem steinigen Strand gleich hinter Cefalu. Meine Fähre geht übermorgen, eigentlich bin ich quasi fertig mit meinen Sizilien-Plänen. Allerdings sind die Wettervorhersagen düster. Schwere Warnungen für die Gegend um Catania, ich bin auf der anderen Seite einigermaßen weg von der Unwetterfront; Vielleicht ist es aber ganz gut, wenn sich das Meer noch mal 24 Stunden beruhigen darf, bevor ich die Fähre nehme.

Kühle Nächte in Palermo

Ich erwache in einem schneeweißen, frischen Doppelbett und blicke auf die Dämmerung über dem Hafen von Trapani. Nebenan wartet eine schöne weiße Porzellanschüssel nur für mich und eine geräumige Duschkabine. Bäcker und Bar wären alle in 5-Minuten-Weite.

Na, wer erkannte die Song-Anspielung im Titel?

Trotz der schönen Unterkunft habe ich es aber relativ eilig, meine wenigen Sachen zusammenzupacken und mich auf Pegasus zu schwingen. Ich möchte sehen, dass es Gaspard über Nacht auf dem Parkplatz am Bahnhof gut erging und ob er ohne mich schön klar kam.

Es geht ihm gut.

Ich habe mich ein bisschen mit einem anderen, sehr erfahrenen Italien-Camper unterhalten. Horror-Stories von irgend welchen Wohnmobilisten hört man nämlich ständig und überall. Aber der Kollege sagte mir, dass er seit 8 Jahren Italien rauf und runter fährt, er habe sich noch nie irgendwo unsicher oder bedroht gefühlt oder einen Diebstahl erlebt. Italien gehört zu den sichersten Reiseländern der Welt.

Ich tätschele den guten alten Nissan und mache mich auf den Weg nach Palermo. Das ist nur gut eine Stunde fahrt und auch hier lasse ich Gaspard auf dem Bahnhof eines Außenbezirks stehen und schnalle Pegasus ab und unter meine Wadeln. Und das ist gut so. Zum einen ist der Stadtverkehr von Palermo mindestens so crazy wie der von Neapel. Zum anderen bin ich mit dem Fahrrad tatsächlich schneller im Zentrum, als ich das mit vier Rädern jemals schaffen könnte. In den meisten Straßen herrscht Stop and Go und die zentrale Touri-Meile ist für Fahrzeuge sowieso gesperrt, so dass sich die hupende Blechlawine darum herum wälzen muss.

Ein Wort zum Thema Fahrrad in Italien, weil ich ja auf früheren Reisen den Umgang von spanischen und portugiesischen Autofahrer*Innen mit Velos schon einmal beklagt habe. Hier ist das anders. Ich empfinde den Umgang mit mir als Fahrradfahrer vorbildlich rücksichtsvoll. Ich werde gesehen. Ich werde vorgelassen. Man bremst für mich. Selbst wenn ich mangels Fahrradweg auf der Autostraße fahre, überholt man mich mit gutem Sicherheitsabstand und ohne die politische Message, die mancher deutsche Holger in seinem SUV gerne setzt, wenn er ein Fahrrad auf „seiner“ Straße entdeckt. Natürlich muss man hier die italienischen Gepflogenheiten auch als Zweirad-Nutzer*In annehmen und sich in die ungeschriebenen Regeln des Chaos einfühlen. Aber alles in allem ist Koexistenz hier offensichtlich viel leichter, als in Kartoffelland.

Palermo ist wunderschön.

Es gibt eine breite Touri-Meile die mit ihren Fastfood-Restaurants und Souvenir-Läden Porto-Feeling verströmt, aber schon einmal abbiegen bringt einen in enge Altstadtgässchen und in authentische Viertel, in denen man an jeder Ecke architektonische Preziosen entdecken kann. Ziemlich umwerfend ist die Kathedrale, die normannische, islamische (ja, echt!) und barocke Elemente zu einem umwerfenden Kunstwerk vereint. Die Krypta und die Schatzkammer kosten 6 Euro, aber es lohnt sich. Das ist weniger als die gigantische Oper, die für eine Führung 12 Euro verlangt – das finde ich ein wenig viel, ohne kuratierte Ausstellung.

Ich bleibe natürlich abends nicht auf dem Bahnhofsparkplatz, sondern fahre eine halbe Stunde den Berg rauf. Frei stehen und Natur um sich haben bedeutet in Italien immer: den Berg rauf. Es ist kühl hier oben. Der Gasofen bullert gerade wieder. Es war den ganzen Tag wolkig. Die Versorger-Batterie macht schlapp, mangels Sonne für die Solarzellen . Beim letzten Anlassen meldet Gaspar „Oil!Oil!Oil!“ und tatsächlich zeigt der Ölmessstab nur noch Minimum. Schätze mal, der erste Stop morgen früh ist eine Tanke und ich muss jetzt wohl alle 2000 km den Ölstand mal checken. Aber alles in allem ist mein Schnupfen weg und meine Laune wieder äußerst gelöst. Die Fähre nach Livorno ist auf Samstag gebucht, auch das wird nochmal spannend.

Morgen früh habe ich ein Rendezvous mit dem Tod.

Ok, das kann ich so als Schlusssatz nicht stehen lassen. Also keine Sorge, mit mir ist alles in Ordnung, es geht gar nicht um meinen Tod, ok? Sondern um eine Begegnung mit Toten.

Ich treffe mich mit der Mafia!!!

oder:

Niederlagen

Ich dachte, ich versuche es mal mit Clickbait-Headern, um die Aufrufe pro Eintrag ins Zweistellige zu katapultieren. Aber tatsächlich, so meine Schlussfolgerung, habe ich gestern Abend einen Eindruck von den sizilianischen Substrukturen bekommen, die man sonst so als Touri nicht spürt.

Längere Story.

Gestern in Manzara hatte ich mir eine Ostaria ausgeguckt, die einigermaßen preislich angemessen und nett aussah. Das Ding hatte am Rand der Stadtmauer einen großen Parkplatz vor der Tür, so dass ich faulerweise einfach das Fahrrad aufgeschnallt gelassen habe und die drei Kilometer mit Gaspard hingedüst bin. Der Parkplatz war eigentlich auch einfach nur eine große ungepflasterte freie Fläche ohne jede Beschilderung, aber ziemlich groß.

Auftritt des kleinen Ganoven.

Beim Aussteigen tritt aus der Dunkelheit eine kleine Gestalt mit Anorakkapuze, die sich in sehr, sehr, sehr schlechtem Englisch als „Parking Guard“ vorstellt. Er ist vielleicht 16 und möchte ein paar Euro. Ganz klar ist: Das ist ein Scam, der Typ ist so sehr Parking Guard wie Gaspard eine UH1-Bell ist.

Auftritt des ahnungslosen Deutschlehrers.

Hier wäre das beste gewesen, dem Typen drei Euro in die Hand zu drücken, dann hätte ich aber auch nicht viel mehr erlebt. Ich weiß nicht was mich geritten hat. Möglicherweise meine durch Wetter und Schnupfen auf Krawall gebürstete Laune. Ich glaube vor allem war es meine Empörung als Theaterlehrer und Amateurschauspieler, wie jemand seine Rolle so schlecht verkörpern kann. Ich meine, der Jugendliche hatte einen erfolgreichen Betrugsversuch einfach nicht verdient, alles an ihm schrie: „Ich bin gar nicht echt!“ Eventuell springen ein paar Lehrer-Gene in mir an weil er mich an einen typischen Schurken aus der letzten Bank erinnert. Jedenfalls fange ich über Google-Translator eine Diskussion mit ihm an, in der ich ihm freundlich erkläre, dass er ohne Ticket, Ausweis oder einen Chef, der mir seine Echtheit bestätigt, die Sache vergessen kann. Er ließt italienisch sehr stockend von meinem Übersetzer, er kann nicht gut lesen. Ich beende die Diskussion mit dem Hinweis, dass ich in jenem Laden da drüben gleich esse und sein Chef könne mich jederzeit da drin ansprechen, dann würde ich die Gebühr schon springen lassen.

Auftritt des Restaurantbesitzers.

Auf dem kurzen Weg zum Eingang überdenke ich meine Handlungen und entwickele Zweifel, ob es gut war den Jungspund anzupissen, vor allem weil ich Gaspard vom Fenster aus nicht sehen kann und ich sehr gerne mit allen Seitenspiegeln zurückfahren würde. Also spreche ich bei der Bestellung den Chef des Hauses an, wieder mit meinem Übersetzer, denn auch er spricht nur ein kleines bisschen Englisch. Ob der Parkplatz sicher sei? Ich hätte da gerade Kontakt mit einem local kid gehabt, usw. Er antwortet mir ein wenig peinlich berührt wirkend, dass ich dem kleinen Ganoven ruhig 2 oder 3 Euro hätte geben können. Auf meine Ankündigung, dass ich dann einfach zwischen Bestellung und Servieren nochmal raus flitze und einige Münzen abdrücke, meint er no, no, er würde das klären, nur kurz warten.
Ich warte mit der Jacke an der Tür 10 Minuten, während der Chef in der Küche 3 Telefonate führt. So langsam dämmert mir, dass ich ein Steinchen in einen sehr dunklen Raum geworfen habe, aus dem nun für mich sehr schwer einzuschätzende Geräusche kommen.

Auftritt des Hilfskellners.

Er ist ebenfalls etwa 16, etwa 2 Meter hoch und wird hinausgeschickt, um „die Sache zu klären.“ Ich weiß nicht mehr, wie ich mitgeraten bin, vielleicht habe ich es mir einfach nicht nehmen lassen, das Ganze weiter zu verfolgen, inzwischen bekam ich auch Mitleid mit dem kleinen Ganoven (Lehrer-Gen). Jedenfalls schlappe ich mit dem Jungen zurück zum Parkfeld und stoße mit der Frage, was hier gerade vor sich geht, auf die aus Film und Fernsehen bekannte Mauer des Schweigens.

Auftritt der beiden älteren Herren im Kleinwagen.

Auf dem Platz ist der kleine Ganove nirgendwo zu sehen, dafür steht nun ein alter Kleinwagen mit brennenden Scheinwerfern herum, aus dem zwei Männer um die 50 steigen. Einer trägt in der Hand eine Warnweste und eine Verkehrskelle. Sie beginnen eine rege Diskussion mit dem Hilfskellner, der hilflos wirkt, ohne mich auch nur eine Sekunde zu beachten. Ich verstehe mit meinem rudimentären Italienisch, dass er jetzt sofort den Chef, also den Restaurantbesitzer, anrufen soll, was der Knabe auch gehorsam tut. Ich gehe zum Auto, um ein bisschen Kleingeld herauszufischen, in der Hoffnung, damit vielleicht die Sache zu befrieden. Der ahnungslose Deutschlehrer kann es nicht lassen weiter durch den dunklen Raum zu stolpern. „Can I do anything to solve the problem?“ sage ich. Blicke schießen zu mir.

Auftritt der jungen Frau.

Plötzlich ist da eine gepflegt wirkende Italienerin um die 30, die das Heft an sich reißt und alle deutlich, aber bestimmt wegschickt. Die älteren Typen sind plötzlich sehr schnell in ihrem Peugeot. Ich frage ein letztes Mal, ob jemand Englisch spricht, und ja die Dame spricht ein äußerst gepflegtes Englisch. Natürlich müsse ich hier nichts zahlen und es gäbe absolut kein Problem. Außerdem sei sie Polizistin, und das hier sei eine illegale Aktion. Ich müsse mir absolut keine Sorgen machen. OK. Mille Grazie, Signora.

Nachspiel.

Ich esse eine wirklich unendlich leckere Pizza mit Kartoffelstückchen und super-süßen roten Zwiebeln. Beim Zahlen begleitet mich der Chef extra vor die Tür schüttelt mir bedeutungsvoll die Hand und zeigt mir drei Parkplätze, die „much better“ gewesen wären. Auf meine Antwort, dass ich immer noch keine Ahnung habe, was gerade passiert ist, nicht er lächelnd und schlägt die Augen nieder.

Ich glaube, ich habe mich mit der Mafia getroffen.

Na ja, mit der untersten Ebene. Im Moment sitze ich in einem kleinen Apartement in Trapani mit Hafenblick. So, die Bombe ist geplatzt. Ich habe eine Niederlage erlitten, und lasse Gaspard eine Nacht alleine auf dem Parkplatz hier. Es tat mir etwas weh und der Nissan blickte mir traurig und verständnislos hinterher. Aber heute morgen war ich immer noch dick verschnupft und wollte mich in ein normales Bett legen, eine Dusche und ein Klo mein eigen nennen und stationäres W-Lan nutzen. Außerdem ist das kleine, aber sehr gut eingerichtete Apartement ungefähr so teuer wie mein gestriger Restaurantbesuch. Ich habe einen langen Mittagsschlaf gehalten und es geht mir mittlerweile viel besser. Auch meiner Laune. Meine Fähre von der Insel geht am Samstag Abend, Zeit genug, um hier noch Palermo, Corleone und das eine oder andere zu sehen.

Trapani

Das Wetter bleibt allerdings kühl und bewölkt.

Desaster (ziemlich)

Oh je – eventuell ist der Tiefpunkt meiner Tour erreicht. Oder besser hoffentlich. Schlimmer geht immer. Zweimal musste ich von Stehplätzen quasi fliehen. Das erste mal von meinem Strandplatz, weil der Wind so heftig wurde, dass Gaspard wackelte und Gischt über den Wellenbrecher auf den Bus sprühte. Das wurde mir zu heikel, außerdem kann ich so weder kochen noch mich waschen. Also kämpfe ich mich im Stockdunklen und bei einsetzendem Regen ins bergige Hinterland, wo es tatsächlich einigermaßen windstill und trocken zu sein schien. Beim Abwasch erwischt mich allerdings der nachrückende Regen und diverse Dinge werden nass.

Das Ganze hängt mit einem üblen Tiefdruckgebiet vor Syrakus zusammen.

Eigentlich wäre der neue Parkplatz direkt neben einer fabulös bewerteten Schlucht mit noch mehr Felsengräbern und diversen Naturwundern wie Grotten und Wasserbecken gelegen. Es hörte sich wirklich ganz wundervoll an als Projekt für den folgenden Tag. Aber schon in der Nacht weckt mich der trommelnde Starkregen auf das Dach immer wieder auf. Und als wäre das nicht genug: Gaspard Seitentür ist nun definitiv nicht mehr ganz dicht und die Suppe läuft die Korkiso hinunter. Am frühen Morgen ist der Regen dann beängstigend, und ich entschließe mich zur zweiten Flucht. Ich bin inzwischen ziemlich flott darin, Pegasus hinten anzuschnallen, aber die drei Minuten draußen genügen, um mich trotz Regenjacke großteils zu durchnässen. Auf, raus aus den Bergsträßchen.

Aber schlimmer geht immer.

Ich war schon sehr misstrauisch angesichts der schmalen Straße mit Mauern links und rechts, durch die mich Google Maps (ja, schon wiiiiiiieeeeeder!1!) zur Bundesstraße lotsen wollte, aber eine Recherche ergab, dass die Alternative durch die Gassen der nächsten Bergstadt führen würde, und vielleicht ist Maps ja vielleicht einmal zuverlässig und informiert in seiner Wegfindung.

Ihr könnts euch denken.

Der Weg wird steil und enger. Links und rechts nicht viel Platz. Ein einsamer Metallzaun aus dem heraus im strömenden Regen drei deutsche Schäferhunde durchdrehen und mich ankläffen. Dann, nach einem Kilometer Schleichgang vor mir: Ein Zaun über die Straße, aus Latten und Draht. Ende Gelände.

Ich bin gefuckt.

Ich bin nämlich wirklich schlecht im Rückwärtsfahren. Mit zwei Hand Abstand links und rechts auf die allgegenwärtigen Mauern kriege ich den Bus einfach nicht kollisionsfrei zu irgend einer Wendemöglichkeit. In solchen Situationen bekomme ich in der Regel ziemlich viel Adrenalin und bin dann zu einigem fähig. Eine Google-Manager*In, die ich über den Zaun zu den Schäferhunden werfen könnte, habe ich gerade nicht greifbar. Alternativ könnte ich allerdings auf Privateigentum scheißen. Der Zaun lässt sich nämlich an einer Seite ausschlaufen, zur Seite wuchten … Und im Grunde kann ich jetzt auch nur noch vorwärts. Gedacht, gemacht, mit Gaspard durch, hinter mir den Zaun wieder zuzerren, re-verschlaufen, alles natürlich im Starkregen aus der Hölle.

Die spannende Frage ist: Was ist der Hintergrund des Zaunes? Schützt da nur jemand seinen Grund und Boden vor fremden Fahrzeugen oder ist die Straße einfach zu gefährlich (noch gefährlicher, als bisher)?

Die Antwort: 66 % A, 33 % B. Die Straße wird zum Feldweg, meist Geröll, streckenweise Restflecken von bröckelnden Asphalt, Schlaglöcher in Kellergröße, abschnittsweise auch mal nackter Fels. Google Maps sagt mir fröhlich, dass ich auf der richtigen Strecke bin, noch 2,4 Kilometer bis zur Bundesstraße. 2,4 Kilometer werden lang im anderthalbten Gang.

Nach 800 Metern stehe ich vor dem zweiten Zaun ganz ähnlicher Bauart, dahinter schemenhaft vor dem Frühlicht ein verfallenes Gehöft. Verfallen heißt hier nicht unbedingt, dass es nicht trotzdem von einem Menschen mit einer Flinte bewohnt sein könnte. In Süditalien ist der Übergang von „bewohnt“ zu „Ruine“ sehr allmählich. Allerdings könnte ich auf dem Hof des Gehöfts wenigstens im Notfall wenden. Die Abwesenheit eines durchdrehenden Hundes weist wiederum stark auf eine aufgegebene Ruine hin. Meine kriminelle Ader ist immer noch belastbar. Zweiter Zaun auf, in den Bus springen, durchtuckern, Zaun wieder zu. Flucht nach vorne.

Der Weg wird schlechter, stellenweise ist er nur noch zu erahnen. Schließlich jogge ich die letzten 500 Meter im Starkregen zu Fuß voraus, um die Befahrbarkeit abzugehen. Meine Sneaker schwimmen, ich bin auf alles wütend. Es würde einigermaßen gehen, aber vor der Mündung in die breitere Straße, da: Ein dritter Lattenzaun über dem Weg. Kurzer Schock: Diesmal ist er mit einer Kette gesichert, aber zum Glück: Das Schloss ist offen.

Ich bin raus und kann mir ein trocken(eres) Plätzchen suchen.

Zunächst setze ich mich auf der Flucht vor Kälte, Sturm und Regen nach Ragusa ab – hier soll heute laut Prognose ein Wetterloch sein. Ragusa ist Weltkulturerbe, wegen seiner Lage in einer Schlucht. Ich mache es kurz: Ich verstehe nicht warum, die Stadt ist größtenteils ziemlich hässlich. Ich trinke einen Cappuchino, esse ein Hefeteilchen mit viel zu viel Schokocreme darin und stehe danach wieder: im Regen. Und dann mit Pegasus zurück zum Parkplatz. Wieder alles nass.

Weltkulturerbe

Ich hasse den Regen.

Faxen dicke. So weit wie möglich weg von diesem Tief. Es wird eine lange Fahrt, aber gegen Spätnachmittag habe ich den Westen Siziliens erreicht. Eigentlich hatte ich mich auf die Südküste sehr gefreut und sie sieht beim Durchfahren toll aus. Aber ich will raus aus diesem Regen.

Jetzt sitze ich in Marsala. Es ist kühl und windig, aber trocken. Außerdem habe ich jetzt einen Schnupfen, der sich hoffentlich nicht zu einer fetten Erkältung ausweitet. Wenn ich nicht wüsste, dass wir derartige Widrigkeiten uns durch Mikroben einhandeln, würde ich den Regen einmal mehr hasserfüllt beschuldigen.

Und Google.

Marsala ist übrigens sehr schön. Geschlossen erhaltenes Stadtbild aus dem 18. Jahrhundert, es wirkt ein bisschen wie eine spanische Kolonie, und es war ja auch mal eine. Hätte das UNESCO-Weltkulturerbe einhundert mal mehr verdient. Manzara versöhnt mich ein bisschen mit dem Tag, aber Wärme und Sonne sind erst mal passé. Mal schauen, ob ich den Trip verkürze.

Ach ja: Die Kühltruhe geht nicht mehr. Im besten Fall ist nur die Sicherung von der Anschlussbuchse durch wie beim ersten Mal, aber um da ranzukommen, muss ich erstmal ein bisschen was wegschrauben.

Seufz.