Tag 33 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 32 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 30 nach der Schließung der Grenzen, Tag 28 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 21 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln.

Langsam dümpelt das Vorschiff auf der schwachen Dünung. Hinter mir blubbert grollend der Motor, während ich auf den sandigen Grund der Bucht starre, um eventuelle gefährliche Felsen auszurufen. Das Wasser ist glasklar, man erkennt Sandflächen, Seegrasflecken, rotgraue Steine. Auf meinem Nacken brennt die griechische Sonne, während ich mich mit einer Hand an der Saling festhalte, mit der anderen startbereit die Ankerfernbedienung halte. Vom Land weht ein leichter Wind, er trägt einen Duft nach Piniennadeln, heißen Steinen und warmen Stränden herüber. Meine Lippen schmecken nach Salz. Ich drehe mich zum Skipper am Steuer um und brülle durch den Motor und den schwachen Wind: „Wieviel Kette!?“ Stumm hebt er drei Finger in die Höhe. 30 Meter. Das Kommando „Anker raus“ fällt, die Winde springt auf meinen Knopfdruck mit elektrischem Surren an, die Stahlkette klickert und rasselt, während sie dem Anker folgend ins Wasser der kleinen Bucht rauscht. Noch ein paar Meter. Noch ein paar Meter. Stop. Langsam treibt die Yacht zurück und zieht den Anker straff. Ich stelle den Fuß auf die steif gezogene Kette, prüfe ob der Anker slipt, aber alles bleibt stramm und ohne Erschütterung. „Hält!“. Der Motor verstummt. Plötzlich fällt unendliche Ruhe über das Schiff her, eine Möwe schreit über dem Wasser, Wellen klatschen an bewachsene Steine. Schnell zurück in den Schatten des Sonnensegels über dem Cockpit. Dort gibt es gleich Ankerbier und Nüsschen.

Mir wird unter dem Parka warm, als ich den Hang durch den Wald erklimme. Ich weiche den größeren, stark bremsenden Ansammlungen von Brombeerranken und jungen Bäumen aus und plane eine möglichst gut ersteigbare Schlangenlinie durch den Abhang. Unter meinen ziemlich schmutzigen Wanderstiefeln rascheln trockene Blätter, ab und zu kullern weiße Kalkbrocken unter meinen Sohlen hinweg und rutschen in das kleine Bachtal hinter mir. Dann erreiche ich die obere Kante und ziehe mich an einer jungen, gerade austreibenden Buche nach oben. Noch etwa hundert Meter, dann beginnt laut Karte die vorderste Linie der alten Gräben. Salzige Tropfen stehen unter dem Schweißband meiner Kappe, ich mache den Reißverschluss vom Parka auf und wuchte den Rucksack von der Schulter. Ein Schluck Wasser. Für einen Moment ist da nur das Pochen meines Herzens, während die Früh-Frühjahrs-Sonne durch die hohen Bäume der Argonnen fällt und vor mir lange Schatten auf die trockenen Fichtennadeln zeichnet. Dann erreicht mich die Stimme der tiefen, einsamen Wälder, das leichte Rauschen der Wipfel im Wind, das Konzert zum Winterende, das zahlreiche Vögel aufführen, das nahe Krächzen einer Krähe auf irgendeinem Baum. Das Wasser schmeckt sehr kühl. Ich schnalle den Rucksack wieder fest und gehe weiter. Dann, vor mir ein Knacken, ich zucke. Drei große Rehe springen in etwa 20 Metern Entfernung aus einem Dickicht und flüchten mit wippenden, weißen Schwänzchen. Ich lächele über unsere beiderseitige Schreckhaftigkeit.

Augustsonne, wenigstens gemildert von gelegentlichen Wolken. Der Schweiß läuft mir unter dem Gambeson wie ein kleiner Bach den Rücken herunter. Der schwere Eisenhut hält die Sonne ab, wiegt aber auch gefühlt so viel wie ein Kasten mit Bier. Der Weibel hält eine seiner kleinen, üblichen Ansprachen, ich mache brav mit und juble mit den anderen an den richtigen Stellen. Wir stehen in einer Reihe vor unserer Holzpalisade und warten darauf, dass die letzten Nachzügler eintreffen und es endlich losgeht. Leute aus 16 Bundesländern um mich herum spielen Knechtcharaktere in 32 unwahrscheinlichen deutschen Dialekten. Dann kommt der Befehl zum Aufbruch. Wir bilden Dreierreihen und stapfen auf Ledersohlen über die ansteigende Graswiese hoch zur Straße, die Hellebarden geschultert. An der Straße angekommen stimmen Leute vorne ein Landsknechtlied an. Reihe für Reihe fällt ein, und singt etwas kurzatmig vom Marschieren mit. Links und Rechts von mir sind Menschen sehr nahe, sie riechen ein wenig nach Schweiß und geölten Rüstungsteilen. Wunderbare Vollidioten mit einem wunderbar idiotischen Hobby. Nie war das Leben freier.

Ich blicke am Ostersonntag aus meinem Küchenfenster auf den vor dem Haus parkenden Rettungswagen. Die Sonne strahlt durch unsere Ost-West-Häuserreihe. Zwei Nächte habe ich den Nachbarn unter mir husten gehört, jetzt wird er abgeholt. Etwas ideenlos blicke ich auf die drei Osternester für meinen Bruder und meine beiden Eltern auf meinem nagelneuen, weiß lackierten Wohnzimmertisch. Dann gehe ich erst einmal duschen und mich umziehen. Der letzte Kontakt zu meinem armen Nachbarn ist 5 Tage her, ein kurzes Gespräch vor der Haustür mit gutem Abstand – waren das jetzt zwei Meter oder eher einer? Ich trockne mich ab, mache die Haare und schlüpfe in die zurecht gelegten Klamotten, zum Oster-Kurzbesuch mal ein etwas besseres Hemd. Draußen scheppert die Doppeltüre des Krankenwagen zu. Ich hole die aus meinem Werkzeug stammende Staubschutzmaske hervor, die ich schon vor Tagen in eine Schublade ausgelagert habe, und lege sie neben die Osternester. Der Wagen vor unserem Haus springt an und fährt davon, ohne Horn, das ist an einem frühen Ostersonntag-Morgen in einem ruhigen Wohngebiet auch nicht nötig. Ich starre auf drei Osternester, mein Hemd, die Maske. Ich greife zum Hörer: „Mama, ich komm heute wohl doch nicht …“

Mein altes Leben fängt an sich weit zurückliegend anzufühlen. Der Nacken ist wieder ganz gut. Die Wälder der Argonnen, die Berge des Elsass, die Buchten Griechenlands sind mittlerweile Orte so fern und unerreichbar wie Madeira oder Kasan. Alles, was nicht in Gehweite liegt, ist für uns fern. Ich checke im Netz, ob irgend etwas in der Nähe Kuchen auf die Straße verkauft, online-Rollenspiel fühlt sich inzwischen an wie ein echtes Treffen mit Freunden. Tage in der CORONAtion ziehen recht gleichförmig dahin, meine Wohnung ist meine Welt.

Ich möchte mein altes Leben zurück.

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