Tag 66 seit dem Close-Down aller Veranstaltungen, Tag 58 nach der Schließung der Kneipen und Clubs, Tag 63 nach der Schließung der Grenzen, Tag 61 nach dem Öffnungsverbot für alle Geschäfte, die nicht versorgungsrelevant sind, Tag 54 nach dem allgemeinen Gebot, sich maximal zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln, Tag 28 nach der Wiederöffnung der kleinen Geschäfte, Tag 12 nach der kleinen Lockerungswelle.

Echt? Schon so viele Tage?

Ich habe lange nicht mehr geschrieben, sondern nur … ein paar seltsame Texte eingelesen. Es gibt ja auch nichts mehr zu erzählen, nichts, was man nicht schon erzählt hätte. Schwupp, schon sitze ich vor der Tastatur und sinniere eine Minute lang, wie ich nun weiter schreiben soll. Sieht man dem Blog später nicht an, ist aber so passiert.

Das Schlimme ist, dass sich in unseren Leben nicht mehr viel ereignet.

Noch immer gammele ich in der Woche viel in Arbeitsklamotten im verwaisten Bühnenraum des KKT herum und bastle an der gewaltigen Aktion „Bühne-neu“ herum. Es ist ziemlich weit gediehen, die Deckplatten liegen nun auf den Unterbalken und sind fest, die neue Bühne ist tatsächlich sehr, sehr leise geworden. Jetzt kommt der neue Tanzboden darauf, dazu braucht man aber mindestens zwei Bastler. Weil ich offensichtlich in meinem Leben noch nicht genug schraube, oder zu große Dinge, habe ich mir nebenher die Komponenten für einen neuen Zocker-Rechner bestellt und schraube die jetzt, wenn ich daheim bin, auch zusammen. Stilsicheres Gehäuse, das vorgeschlagene aus schwarzem Plastik war aus, für ein paar Euro mehr gab es den Bruder in grau und mit Sichtscheibe. Allerdings stellte sich heraus, dass „grau“ gebürsteter Stahl bedeutet und das Sichtfenster aus echtem Glas ist. Damit ist die Optik des neuen Datenknechtes ziemlich edel, sein Gewicht allerdings beachtlich. Das wird kein Schlepptop, gut dass die Zeiten der LAN-Parties vorbei sind, wo man den Rechner noch regelmäßig in einen Kofferraum wuchten musste.

Schade, dass die Zeiten der LAN-Partys vorbei sind. Reisefreiheit und Veranstaltungen.

Die nächste gute Nachricht: Nächste Woche darf ich zum Friseur. Juhu! Irgendwie erinnert das an Omas Kriegsgeschichten (die sie nie erzählte, weil sie ja pro-Nazi war, aber dennoch): Der Friseurbesuch und die erste Badewanne nach dem Einmarsch der Amerikaner waren wohl echte Höhepunkte. Wir fühlen’s nun ein wenig nach.

Das Leben in Bad Cannstatt hat übrigens einige Vorteile: ziemlich gut funktionierender multikultureller Stadtteil, schöne Lage zwischen Neckarufer und Kesselblick, so etwas wie ein Rest Altstadt im ansonsten schön B17-geglätteten Stuttgart-Zentrum. Bad Cannstatt („Bäd Cänstatt“, „Bi-Szi“, „Kann“) hat aber einen schweren Nachteil, sozusagen einen Nachteil von quadratmeilengroßen Ausmaßen: Den Wasen.

Ursprünglich im 19. Jahrhundert eine Wiese am Neckar, von irgendeinem progressiven Jungkönig der Württemberger dazu ausersehen, zur Behebung der Hungersnöte Anfang des 19. Jahrhunderts als Ort für landwirtschaftliche Lehrveranstaltungen für rückständige schwäbische Bauern zu dienen, heute eine große planierte und gekieste Wunde im Stadtgebiet. Ich glaube die Planung seit den frühen 80ern sieht vor, dass der Wasen eine Art Quarantänezone für den gefährlich dummen Teil der Bevölkerung im Umkreis von 100 km ist.

Sehen kann man das zweimal im Jahr, im Herbst beim klassischen „Wasen“ (Mir ganget auf dr Waasa, komsch mit? Mir hend an Disch em Zelt!“), und, weil das verdiensttechnisch für Wirte und Schausteller eine gute zweite Jahreshälfte bedeutet, beim sogenannten „Frühlingsfes(ch)t.“ Rituell aufgerichtet, als unwiderstehliches Signal an die Herde der austauschbaren Existenzen in den umliegenden Dörfern, werden ein bis zwei weithin sichtbare Riesenräder, und dann strömen sie mit der S-Bahn aus den Landgemeinden ins Zentrum der Nation, die Vollidiot*innen von nah und noch leider nicht weit genug. Erkennbar am Karoshirt und am Polyester-Dirndl, damit beim Herumtanzen auf der Bierbank die Möpse heraushüpfen können. Weiß der Stoiber, wer irgendwann um 1995 herum angefangen hat, den Wasen mit dem Oktoberfest zu verwechseln, bei den Mid-Twenties im kaufmännischen Gewerbe aus den Landgemeinden ist pseudo-alpenländisches Outfit jetzt inzwischen „Tradition.“ Das Alpenland als Gegenkonzept zum Abendland. Sie haben einen Platz „im Zelt“, dort herrscht Trinkzwang, sie sind zwei Stunden später rotzebesoffen, kacken sich bewusstlos in die Trachtenhose, Kotzen die Kiesflächen voll oder versuchen der massenhaft eingesetzten Security vor den Zelten auf die Fresse zu hauen. Nach Einbruch der Dunkelheit heulen auf dem Festplatz permanent die Sirenen der Rettungsfahrzeuge. Die Karohemd-Dirndl-Menschen verseuchen leider Cannstadt, bis sie die S-Bahn wieder mit vollgekotzten Zügen, in denen randalliert wird, auf ihre Dörfer außerhalb des Kessels fährt.

OK, der Wasen ist immer noch ein Versammlungsort für rückständige schwäbische Bauern.

(Sorry an alle klugen und kultivierten Landwirt*innen da draußen.)

Neuerdings bricht eine neue Welle der eingehegten Deppen über mein schönes Viertel herein: Der Wasen als coronasicherer Ort für Gegendemos. Es ist mir ernsthaft peinlich, dass die größte Versammlung dieser Spezies in Deutschland mit dem Namen meines Wohnorts verbunden ist. Die Bilder von gestern können einen gruseln: Schwäbelnde Wutbürger, die vor 10 Jahren noch gegen Stuttgart 21 protestiert haben, Alien-Überzeugte und knallharte Nazis gröhlen zu einem Stelldichein der Deutschen You-Tube-Verschwörungstheoretiker*innen. Man muss nicht Heinrich Heine sein, um die Ironie mitzubekommen, dass ausgerechnet Hardcore-Rechtsextreme plötzlich für Freiheit und Bürgerrechte demonstrieren. Spätestens an der Stelle sollte denkenden und/oder nicht-extremistischen Demonstrationsteilnehmer*innen auffallen, dass mit dem Publikum bei den Protesten etwas nicht in Ordnung ist. Wenn man sie jetzt noch alle zum Bier trinken zwingen würde, dann wären diese Demos ein Zombieapokalypse-Zerrbild der Wasensaison. Ohne Trachten, dafür mit Handgranaten-T-shirts.

Zugegeben: Ja, ich habe meine Probleme damit, wie schnell unsere Freiheiten cancelbar waren / offensichtlich sind.

Aber diese unheilige Allianz von allem, was Deutschland zu einem zweifelhaften Identitätskonstrukt macht, ist fast noch schlimmer als die Seuche an sich. Ende der Solidarität, die Anfangs der Krise herbei geredet wurde, jetzt zeigt sich, dass diese Gesellschaft nie zerissener und gespaltener war, als 2020. Die Gegenbewegung zur europäischen Geistesgeschichte ist ungebrochen, riesig und aktiv, die barbarischen Horden kommen eben nicht aus den Tiefen der östlichen Steppe, sondern schon immer aus dem Rems-Murr-Kreis oder ähnlichen Neubausiedlungsflächen.

Sorry Rems-Murr-Kreis.

So, und nun? Man kann ja nicht mal mehr vor seinen Zeitgenossen fliehen, wie noch Anfangs des Jahres. Man kann nur da sitzen und den Kopf schütteln. Sobald die Zahlen es zulassen, braucht dieser Kontinent Gegendemos für Demokratie, Europa und Humanistische Ideale.

Aber wie immer wird die schweigende, nicht-radikale Masse zuhause sitzen bleiben und lieber auf Netflix die nächste Staffel von „The Mandalorian“ weiter schauen.

Beteilige dich an der Unterhaltung

3 Kommentare

  1. Soll ich jetzt klugscheißen, dass Mandalorian auf Disney + läuft….? ;))) Nee, ich lasse lieber mein Beileid da, dass diese Ansammlung von Wutbürgern ausgerechnet in deiner Nachbarschaft herumdemonstriert. Oh Mann. Aber das Wetter ist ja gut, da kann man dann während der Demos vielleicht wenigstens einen Ausflug machen…

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