Oh, die süßen Augusttage! Wer gedenkt ihrer nicht mit Wehmut, jener Zeit, als nirgendwo Inzidenzzahlen über 50 waren – außer ein Schlachthof leistete nebenan seinen wertvollen Beitrag zur deutschen Kultur und Ökonomie -, als alle Welt ein freies Europa genoss, in Urlaub fuhr, als man sich an der Ostsee und am Königssee um freie Slots am Parkplatzausgang schlug, als man das Gefühl hatte, der Virus sei auf dem Rückzug, weil man im Supermarkt Maske trägt.

Wie anders ist es heute im November! Das Herbstlaub rieselt auf ein verändertes Deutschland, die Welt hat sich weiter gedreht. Das Antlitz des Sommers, ich erkenne es nicht mehr in dir, Oh Germania!

Außer man blickt auf eine Kultusminister*in.

Denn dann ist das „Hygienekonzept,“ das man sich in den Hochsommertagen in einem großzügigen und umwälzgelüfteten Bürotrakt in der Landeshauptstadt zusammengereimt hat, nach wie vor dufte. Alles gilt nach wie vor: Schulen und Jugendliche übertragen das Virus so gut wie gar nicht, Lüften reicht, haltet eben in der Pause Abstand. So schreibt mir auch meine oberste Chefin, dass man angesichts der heftigen Diskussion um die Pandemiereaktion der deutschen Bildungsverantwortlichen aufgrund der überragenden Qualität der Regelungen vom ersten Schultag am Grundsätzlichen nichts verändern müsse.

Sie dankt mir dann noch handschriftlich (natürlich als PDF-JPG) für meinen unermüdlichen Einsatz.

Halt, Stop, tue man dem Baden-Württembergischen KuMi kein Unrecht! Immerhin die Maskenpflicht ist jetzt ja neu und doch eine deutliche Verbesserung des Infektionsschutz, oder?

Ja wäre sie, wenn bestimmte Gesundheitsämter nicht im Gegenzug angefangen hätten, bei Infektionsfällen in Klassen gar keine Quarantäne mehr auszusprechen. Oder genauer: Nur noch für die unmittelbaren Nebensitzer*innen der mit COVID-19 infizierten Schüler*in. Weil es trugen ja alle Maske.

Ich fürchte die beiden Effekte könnten sich negieren.

Damit kriegt man auch die unangenehmen Zahlen zu nicht im Präsenzunterricht lernenden Klassen oder zu gar wegen zu starkem Personalausfall geschlossenen Schulen in den Griff. Nix Salami-Lockdown, wir locken nur ausgesuchte Einzelschüler. Ein Schelm, wer da „cui bono“ denkt. Die Statistik sieht dann einfach in der dunkelroten Deutschlandkarte so viel schöner aus und man kann weiterhin behaupten, Schulen seien keine Corona-Hotspots. Auch wenn der Krisenstab seit Ende Oktober betont hat, dass man gar nicht mehr nachvollziehen kann, wo die Hotspots für unsere hohen Zahlen liegen. Auch wenn diverse Studien diesen ersten Eindruck der Wissenschaft aus dem Frühling inzwischen deutlich relativiert haben. Wir bleiben auf.

So gehe ich also ungeachtet der Zahlenlage jeden morgen pflichtbewusst auf eine Großveranstaltung mit 1600 Menschen unter einem Dach. Und dank der Maskenpflicht sind ja auch alle Klassen da. Die Schüler*innen gehen in der Pause brav auf Abstand, die 1,5 Meter halten wir alle penibel ein.

So jedenfalls in der Welt derer, die wenig über Kinder wissen.

Wenn eines einem Menschen zwischen 10 und 16 nicht anzutrainieren ist, dann ist es das Nicht-Berühren seiner Freundi*nnen. Im Gegenteil scheint in dieser finsteren Zeit die Sehnsucht nach Nähe und Anlehnung bei Jugendlichen noch höher geworden zu sein – wer möchte es ihnen verdenken? Und obwohl ich mich für einen ziemlich durchsetzungsstarken und konfliktbereiten Lehrer halte, sehe ich mich völlig außerstande, auf dem Pausenhof die Abstandregel durchzusetzen. Man muss froh sein, wenn man selbst 1,5 Meter menschenfreie Zone um sich herum schaffen kann. Ich kann ja die Regel immer nur einer Schüler*in verbal einprügeln. während die 300 anderen, die gerade in der Pause sind, wie immer schubsen, im Pulk stehen, sich anschreien (Jungs) oder Händchen halten (Mädchen). Weil sie die Regeln zwar kennen, aber auf keinen Fall akzeptieren.

Es ist darüber hinaus immens wichtig, dass die Schulen voll besetzt bleiben. Begründet wird das gerne mit schönen, überzeugenden Worten wie „Bildungsgerechtigkeit,“ „verfassungsgemäßes Recht auf Bildung“ oder mit dem „Kindeswohl.“ Wie immer wird eine Presseerklärung wahrer, je öfter man das Wort „Bildung“ und „Kind“ hineinschreibt.

Wahr ist aber auch: Neben fake-selbstständigen Schlachthofleibeigenen aus Osteuropa sind deutsche Mütter (Frau, Teilzeit) die billigsten Arbeitskräfte, die die gebeutelte deutsche Wirtschaft kriegen kann. Es wäre ja hoch ungünstig, wenn die Gesundheitsämter noch mehr Klassen als im Oktober ins Haus bannen würden – dann müsste da ja jemand daheim bleiben (also natürlich Sie, keinesfalls Er!) , der nicht im Betrieb auftauchen würde. Geht gar nicht!

Zumindest bis Klasse 8 oder so.

So pilgere ich also weiter auf meine Großveranstaltung bis das Christkind oder der Sensenmann kommt und hoffe einfach, dass ich Glück habe. Zwei Klassen habe ich schon, wo es grassiert, in einer sogar wiederholt. Gerüchteweise wegen einer Halloween-Party am 31.10. Ich muss also auf mein Glück, meine Alltagsmaske und mein winziges geöffnetes Fenster vertrauen, darauf, dass ich mich nicht bis Weihnachten infiziere. Ich glaube, mein Glück ist da vermutlich der Faktor mit der höchsten Schutzwirkung.

Immerhin: Wir dürfen jetzt, wenn die Stadt mitspielt, vielleicht schon am 18.12. dichtmachen. Damit man bis Heilig Abend sehen kann, ob man krank wird. Doof für Omi, wenn man symptomfrei bleibt und Omi nicht. In NRW wurde das offensichtlich verordnet, in BaWü darf man jetzt bewegliche Ferientage umverteilen. Die fehlen dann anderer Stelle im Kalender, aber vielleicht gibt’s ja bis dahin dat feine Stöffsche aus Mainz.

Bin ich mittlerweile schon verzweifelt genug, mal diesen russischen Impfstoff auszuprobieren?

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: