Alle, alle, alle beschäftigen sich mit der Nummer-Eins-Lösung für meinen Infektionsschutz vor der Tafel: Das RKI, die Kultusministerkonferenz, jetzt sogar das Bundesumweltamt. Die Frage nach dem „richtigen“ Lüften bindet mehr Kräfte im Staat, als die Erreichung der Pariser-Klimaziele, die Erforschung des Quantencomputers oder die Untersuchung von Andi Scheuers Anitkompetenz-Politik.

Alle 20 Minuten oder alle 15 Minuten? 5 Minuten lang oder 10? Diese beiden Fragen fordern tausende Beamt*innen und Wissenschaftler*innen bis an Ihre intellektuelle Belastungsgrenze. Zwar wirkt die Optionenvielfalt in einer Gleichung mit vier Zahlen (20,15,5,10) überschaubar (ich glaube, es sind vier, oder?), aber immerhin muss jeder, aber auch wirklich jeder dazu eine Broschüre drucken und an die Schulen verteilen lassen.

Fenster auf. Muss reichen.

Denn das Fenster öffnen hat einen fantastischen unschlagbaren Vorteil: Es ist kostenfrei, man muss wie immer keinen Pfennig investieren. Außer in die Broschüre(n). Zum richtigen Lüften. Von allen, die eine Broschüre beauftragen dürfen.

Ich kriege bei dem Thema einen Hals, vor allem, da offensichtlich zahlreiche Behörden und Mediziner ein Bild von Lehrer*innen haben, das uns die Intelligenz eines toten Wasserschweins zuschreibt. Die Idee eines kompletten Luftaustausches ist physikalisch so simpel, dass sogar ich als Germanist und Historiker mir etwas darunter vorstellen kann. Und auch meine mit der 13. Klasse beendete Physikahnung sagt mir, dass die Frage, wann und wie ein kompletter Luftaustausch in einem Raum stattfindet, von einigen Faktoren mehr abhängt, als von der Frage, in welchen Intervallen man wie lange ein Fenster öffnet.

Ein differenzierte Blick auf das Physikphänomen „Luftaustausch“ bedeutet aber wieder: Kosten. Also bleibt es bei 20-15-5-10-Minuten Broschüren, die jeder, aber auch wirklich jeder per Pressekonferenz herumzeigt. Missachten wir die Frage, wie viel öffnungsfähige Fensterfläche der Raum hat. Im Verhältnis zum gesamten Rauminhalt, ist doch uninteressant. Missachten wir die Position dieser Löcher in der Wand und den Faktor, ob sie gegenüberliegend angeordnet sind oder nicht. Missachten wir lästige physikalische Größen wie Innen- und Außentemperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit. Wir bleiben als Verantwortliche und solche die es gerne wären stur bei: 20-15-5-10. Das ist simpel und man kommt in die Zeitung. Und alles andere wäre ja auch Wissenschaft und nicht Behörde.

Zu theoretisch? Beispiele aus meiner Praxis.

Heute morgen bei den 11ern. Es ist arschkalt im Raum. Das ist aber nicht das Problem, zumindest nicht für mich. Ich bin nicht so verfroren und habe auch kein Problem im dicken Wollpulli zu unterrichten. Ab demnächst werde ich mit Mütze, Fingerhandschuhen und Skiunterwäsche aufrüsten, es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Verfroren sind oft unsere Frauen, sowohl Schülerinnen als auch zahlreiche Kolleginnen, die aus dem Zittern gar nicht mehr rauskommen. Das verhindert Lern- und Lehrerfolge, aber das Leiden dieses etwas temperaturfühligeren Geschlechtes scheint mir ein vertretbarer Preis für einen höheren Infektionsschutz.

Nur, dass der bei meinen 11ern gar nicht stattfindet. BÄM, da ist sie die Message an das RKI, das Bundesumweltamt und an die Kultusministerkonferenz, wo immer sie gerade in wohlgeheizten Räumen tagen mögen. Durch das winzige Fenster in meinem großen Oberstufenraum kommt kaum Außenluft, deshalb – und nun fallt vor Entsetzen um – lasse ich es permanent, 90 Minuten lang, auf. Ich ersetze euren wochenlangen 20-15-5-10-Streit einfach durch das Wörtchen „immer.“ Atmet erst mal durch und fasst das. Die Heizung bollert (nimm das, Permafrostboden!), Mathilde aus der ersten Reihe zieht sich die von zu Hause mitgebrachte Fließdecke enger um die Schultern und versucht sich verzweifelt, bei all dem Lärm und Dieselgestank aus der vor dem Fenster liegenden Baustelle, bei 14 Grad Raumtemperatur auf die Souveränitätstheorie von Jean Bodin zu konzentrieren. Lernen kann sie so eher schlecht. Aber ich achte auf ihren Infektionsschutz. Immer.

Halt, das tue ich gar nicht. Denn – und da bin ich mir alleine durch Herumschnuppern in den Ecken des Raumes ziemlich sicher – einen Luftaustausch stelle ich in dem Riesenzimmer mit Zwergfenster auch mit 90-minütiger Dauerlüftung nicht her. Mathilde hätte einen gewissen Schutzeffekt, säße sie im Umkreis von ca. 7 Metern um das geöffnete Minifenster. Sie fröre zwar dann noch erbärmlicher, aber die Aerosole in diesem Bereich zögen wohl ab.

Leider nicht hinaus.

Der leichte Luftzug in den Raum hinein drückt die eventuell virenhaltigen Wassertröpfchen nämlich an die gegenüberliegende Raumwand. Dort – so vermute ich als Germanist – reichern sie sich an. Die Schüler*innen dort haben es etwas wärmer, bekommen aber mehr potentielles Infektionsrisiko ab. Fairer Ausgleich – oder?

Das war jetzt natürlich zynisch.

Aber es ist auch nicht zynischer, als sich monatelang mit Lüftungsregeln zu beschäftigen. Als Entscheidungsträger. Und zynisch und feige ist eine Scheiß-Kombi.

Hätte nämlich das Umweltbundesamt ein kleines bisschen Mut, hätte das RKI und die brillanten Kultusminister*innen aus dem geistigen Zwergstaat, in den sie das föderale System der BRD in den letzten Monaten verwandelt haben, ein kleines bisschen Mut, dann würden sie nicht nur Intervalle und Öffnungsdauern empfehlen bzw. vorschreiben. Dann würden Sie verbindliche Kriterien definieren, die ein Raum erfüllen muss, um für einen regelmäßigen Luftaustausch geeignet zu sein. Große, öffnungsfähige Fenster, gegenüberliegend. So mal kurz umrissen.

Aber dann, dann hätte man ja die vergangenen Monate seid Mai mit ganz anderen Aktivitäten füllen müssen, als mit Broschüren. Mit Umbaumaßnahmen zum Beispiel. Mit professionellen Luftfilterungsanlagen, falls man mal kein neues Fenster in die gegenüberliegende Wand bauen kann. Und das alles wäre viel teurer gekommen. Als ne Broschüre.

So wie all die anderen Dinge, die man in dem halben Jahr der Pandemie hätte tun können, um sich auf die berühmte „zweite Welle“vorzubereiten. Testzentren erweiterten, staatliche Labore gründen. Personal für Gesundheitsämter einstellen. Nicht nur 50 studentische Ferienjobber, sondern ein paar tausend. Den Rückreiseverkehr aus Risikogebieten im August europaweit gleich an der Ausreisegrenze testen, unter Quarantäne halten, schnell Ergebnisse mitteilen, durch hochgezogene Infrastruktur.

Für den Preis, den uns die bekackte Lufthansa kostet, hätten wir das alles gekriegt.

Oder eine Warn-App, die nicht teuer und schlecht ist? So wie die Iren? Gut, auf der anderen Seite stehen wir in Europa gar nicht schlecht da, abgesehen von ein paar illegalen Privat-Oktoberfesten in Bayern ist eventuell unser wertvollster Infektionsschutz eine relativ vernünftige und disziplinierte Bevölkerung. Aber immer mit einer gewissen Chance, dass die Bundesländer vernünftige gemeinsame Maßnahmen torpedieren, weil … weil … Ja, warum eigentlich? Weil gemeinsames Handeln schlecht ist?

Somit fühle ich mich und meine Schüler schlecht beschützt. Das ist allerdings für mich nach 20 Jahren Schule keine neue Erkenntnis. Neu ist, dass die Sparpolitik ab jetzt potentiell tödlich für mich sein kann. Ich hoffe einfach, dass ich es bis zu den Herbstferien ohne Infektion oder Quarantäne schaffe. Wäre noch eine Woche, ab da explodiert die Exponentialfunktion sowieso und unsere nationale Landkreiskarte schaltet auf spanische Nationalflagge. Tod eines Handlungsreisenden, Hauptsache ohne Beherbergungsverbot. Vielleicht halte ich mich ab jetzt im Klassenzimmer einfach öfter und länger an meinem Winzfenster auf. Sollen doch meine Schüler*innen die Aerosole wegatmen, die sind jung und stecken das eher weg.

20-15-5-10

P.S.: Die Rubrik „CORONation“ ist wieder eröffnet. Dumm gelaufen.

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2 Kommentare

  1. Wenn ich jetzt auch zynisch wäre, würd ich sagen, hey wenigstens kannst du irgendein Fenster, sei es noch so klein, öffnen, viele Klassenzimmer haben ja nicht mal das. :p

    Aber eigentlich find ich es alles nur noch erschreckend und scheiße und unfassbar und wollte noch nie so dringend Winterschlaf halten.

    Liken

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