Immerhin. Ein etwa zweiseitiges Antwortschreiben, eigens formuliert ohne vorformatierte PR-Sprechblöcke aus dem Pressesprecher*Innen-Phrasenordner, von der Hand des Geschäftsführers des Heilbades. Gut, man hätte auch meiner Mum direkt schreiben können, viel Zeit zu lesen hätte sie ja gehabt, aber irgendwie schien die Kommunikation mit mir wichtiger. Dennoch: So viel Mühe hatte ich mir gar nicht mehr erwartet. Wir wollen das mal honorieren. Da man mich herausgefordert hat, ich solle doch das Schreiben der Klinik veröffentlichen, falls ich es wagte, und weil ich ohnehin finde, dass das zu einem fairen Schlagabtausch dazugehört, poste ich es in Wortlaut nun hier auf dem Blog. Möge sich die geneigte Leser*in im Schweberaum zwischen den Texten den „tatsächlichen“ Sachverhalt im Interpretationsverfahren zusammenreimen..

Die Moor-Heilbad Buchau gGmbH schreibt mir also:

Sehr geehrter Herr Vetter,

Ihren Brief von „kurz vor Weihnachten 2020″ bezüglich des Reha-Aufenthaltes Ihrer Mutter bei uns in Bad Buchau habe ich erhalten. Ehrlicherweise bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll?

Sicherlich gelingt mir keine so pointierte Rückmeldung, wie Sie einiges zugespitzt auf den Punkt gebracht haben. Gleichzeitig möchte ich vieles darin nicht so stehen lassen, da es schlicht nicht der Wahrheit entspricht.

Zuallererst hoffen und wünschen wir, Ihrer Mutter geht es den Umständen entsprechend gut und sie konnte von der in der Tat etwas verkürzten Rehabilitationsmaßnahme profitieren. Bitte entrichten Sie ihr unsere allerbesten Genesungswünsche.

Vom Tod Ihres Vaters hat uns Ihre Mutter beim Kontakt in der obigen Sache berichtet. Auch im Gespräch mit uns war Ihre Mutter davon noch sehr betroffen. Uns hat dies alles nicht „kalt“ gelassen und mindestens genauso bewegt. Es liegt und lag uns fern, Ihrer Mutter in irgendeiner Weise zu schaden!

Sie schildern in Ihrem Schreiben von einer geänderten Vorgehensweise im Frühstücksraum am 14. Dezember. Dem ist nicht so. Im Gegensatz zu Ihrer Schule befinden sich in einer Rehabilitationseinrichtung (Kurkliniken existieren heute nicht mehr) mündige und erwachsene Bürgerinnen und Bürger in Form von uns anvertrauten Patienten. Alle diese Patientinnen und Patienten haben eigenständige Rechte und Pflichten. Alle Patientinnen und Patienten halten sich freiwillig und auf eigenen Wunsch in unserer Klinik auf. Keiner wird hier in unserem Hause zu etwas gezwungen oder genötigt (mit Ausnahme zur Einhaltung von Gesetzen und Verordnungen — wie überall im Leben). Diese Feststellung ist uns sehr wichtig.

Im Rahmen dieser Freiheitsrechte hat jeder Patient und jede Patientin das Recht, im Rahmen der aktuellen Coronaregeln, ihren Tisch und Platz im Speisesaal bei jeder Mahlzeit frei zu wählen. Eine feste Tischzuordnung gibt es schon lange nicht mehr und wird von den Patienten, die wir als Gäste behandeln, längst nicht mehr akzeptiert. Wenn Sie selbst Ihre eigene Erwartungshaltung spiegeln, können Sie das sicher gut nachvollziehen. Uns selbst als Klinik wäre eine feste und verlässliche Tischzuordnung viel lieber. Sie würde uns gerade in Coronazeiten vieles erleichtern. Das ist aber so einfach nicht umzusetzen und findet keine Akzeptanz der „Kunden“. Ihre Mutter hat den am fraglichen Tag genannten Tisch und Platz frei und selbstständig gewählt!

Dass sich die Tischnachbarin Ihrer Mutter zu diesem Zeitpunkt bereits an Covid 19 infiziert hatte, war sowohl der betroffenen Patientin als auch Ihrer Mutter als auch selbstverständlich uns nicht bekannt. Zur Nachverfolgung, wer wann mit wem am Tisch saß, gibt es ein Erfassungssystem. Dieses hat offensichtlich gut funktioniert, so dass wir eine mögliche Gefährdung Ihrer Mutter innerhalb von ganz kurzer Zeit identifizieren konnten.

Leider haben Sie in Ihrem Schreiben nicht erwähnt, dass wir unmittelbar nach Bekanntwerden der Infektion der Tischnachbarin auch Ihre Mutter getestet haben. Der Test war zu diesem Zeitpunkt (14.30 Uhr) negativ. Eine Ansteckung lag u.E. bei Ihrer Mutter nicht vor.

Woher die Ursprungspatientin die Infektion hat, ist nach wie vor unklar. Wenn sich alle Beteiligten an die vorgegebenen Coronaregeln und unser Hygienekonzept halten, ist eine Infektion ausgeschlossen. Wie oben bereits erwähnt, sind wir kein Gefängnis oder sonst irgendwie eine Verwahranstalt. Die Gesamtheit unserer Patientinnen und Patienten repräsentieren das Spiegelbild der Gesellschaft wieder. So haben auch wir ständig mit Patientinnen und Patienten zu kämpfen, die sich offen oder auch versteckt nicht an die Schutzmaßnahmen halten. Diese wenigen gefährden die Gesundheit aller Patienten. Die Identifikation derjenigen ist jedoch sehr schwierig. Bei Anwendungen und anderen offiziellen Anlässen sowie unangekündigten Kontrollen halten sich alle an die Spielregeln. Abends und nachts und insbesondere an Wochenenden ist bei manchen eine gewisse lasche Handhabung zu beklagen. Bitte schauen Sie gerne in die Medien, unter anderem auch das Fernsehen, und Sie erleben es tagtäglich. Dass das „Christkind“ das Virus mit in die Klinik gebracht hat, halten wir für nahezu ausgeschlossen. Vielmehr dürfte sich die Ursprungspatientin durch Nichteinhalten der Spielregeln infiziert haben. Dies wird natürlich und selbstverständlich von der betroffenen Person weit von sich gewiesen. Ein rechtsverbindlicher Nachweis unsererseits kann ebenfalls nicht geführt werden. Jedenfalls haben wir als Klinik alles unternommen, um Ihre Mutter so gut als möglich zu schützen. Das Fehlverhalten weniger Anderer ist in letzter Konsequenz jedoch nicht komplett zu verhindern.

Ausführlich widmen Sie sich dem Thema der Abholung durch Sie und warum dies überhaupt von uns zugelassen wurde. Wir können Ihnen nachweislich versichern, dass wir den Heimtransport Ihrer Mutter organisieren wollten und dies ausdrücklich angeboten haben. Ihre Mutter hat dies abgelehnt! Sie habe bereits ihren Sohn verständigt, der sie nach Hause bringen wird Darauf hat sie bestanden. Es lag und liegt uns fern, Ihre Mutter zu etwas zu zwingen, was sie absolut nicht haben möchte. Von einem zulassen oder anraten unsererseits, kann nicht die Rede sein. Vielmehr handelt es sich, wie bereits erwähnt, um den ausdrücklichen Wunsch Ihrer Mutter. Diesen haben wir respektiert.

Die Entscheidung, die Rehabilitationsmaßnahme zu beenden und die Entscheidung der Quarantäne für Ihre Mutter haben nicht wir von der Federseeklinik getroffen. Es handelt sich dabei um eine hoheitliche Maßnahme der Gesundheitsbehörden. Wir waren von diesem harten Einschnitt ebenso überrascht wie Sie und letztlich auch Ihre Mutter. Diese Entscheidung haben wir nicht zu vertreten. Auch hier erwecken Sie in Ihrem Schreiben einen anderen Eindruck.

Bitte lassen Sie uns, und vielleicht auch nicht ganz ernst gemeint, noch wenige letzte Sätze anfügen. Wir bedauern außerordentlich, dass aufgrund dieser Situation Ihre Mutter vielleicht Weihnachten nicht im gewohnten Umfeld verbringen kann. Das ist äußerst bedauerlich. Den Unterton in Ihrem Schreiben können wir allerdings nicht nachvollziehen. Im Gegensatz zu Ihnen als Lehrer verbringt der Unterzeichner, und mit ihm ca. 50-60 weitere Beschäftigte, seit Jahrzehnten jedes Weihnachten und jeden Heiligen Abend im Gesundheitszentrum Federsee. Auch wir wären sehr gerne, wie Sie auch, bei unseren Kindern und unseren Angehörigen. Dem ist aber nicht so. Wir leisten Dienst sowohl an Weihnachten, an Silvester und Neujahr und selbstverständlich an Ostern und Pfingsten. Sollten Sie vom Lehramt mal genug haben, dann dürfen Sie gerne mit uns tauschen und diese Tage bei uns als Mitarbeiter der Klinik verbringen. Sie sind herzlich willkommen!

Gerne erteilen wir Ihnen die Genehmigung, auch dieses Schreiben auf Ihrem Blog und gerne auch auf Twitter zu veröffentlichen – wenn Sie sich das trauen!

Abschließend wünschen wir Ihrer Mutter noch mal alles Gute und hoffen, wir konnten mit diesen Zeilen zu Ihren Eindrücken eine weitere Version hinzufügen. Auch Ihnen wünschen wir nun besinnliche Feiertage und ein gesundes neues Jahr.

Mit gesunden Grüßen vom Federsee

So der Geschäftführer der Moor-Heilbad Buchau gGmbH („Gemeinsam für Ihre Gesundheit). Damit legen wir das Thema hoffentlich zum Jahreswechsel ad acta und hoffen, dass meiner Mum weitere Klinikaufenthalte bis zur irgendwann eintretenden Impfung erspart bleiben. Bedanken möchte ich mich abschließend dann beim Verfasser des Schreibens – nicht unumwunden für den Inhalt, vor allem jedenfalls für die Mühe.

Aber immerhin.

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2 Kommentare

  1. Ich habe ehrlich gesagt nicht erkannt, was an diesem Schreiben falsch sein soll. Die Situation wurde meiner Meinung nach glaubhaft geschildert – sie entspricht dem, was ich als Mitarbeiterin im Corona-Callcenter eines Gesundheitsamts selbst erlebt habe: Sobald Covid-19-Fälle auftreten, wird es Arztpraxen, Schulen, etc. aus der Hand genommen, wer in Quarantäne geschickt wird und wer nicht und wer diese wo verbringt. Auch die Beschreibungen der Frühstücks- und der Abhol-Situationen macht für mich Sinn. Natürlich geht im Gesundheitsbereich der eine oder andere Wunsch von Patienten mal unter – oft aufgrund des Personalmangels – aber im Allgemeinen wird doch versucht, es den Kunden so angenehm wie möglich zu machen. Ich maße mir nicht an, über die Situation zu urteilen, ich glaube aber, dass hier ein Kommunikationsproblem vorliegt – ob zwischen Ihnen und Ihrer Mutter, zwischenn Ihrer Mutter und der Moor-Heilbad Buchau gGmbH oder zwischen Ihnen und besagter Institution, kann ich nicht sagen. Dabei finde ich aber, dass alle diese Kombinationen in Betracht gezogen werden sollten.

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    1. Was ich an dem Schreiben immer noch falsch finde, dass führt zu einer langen Analyse über einzelne Details, Haltungen, Positionen, Perspektiven, institutionelle Blickwinkel, Ent- und Beschuldigungsstrategien, generellen Rahmenbedingungen, individuelle Ohnmacht und persönlichen Ansichten. Das wird für alle viel zu anstrengend – für mich zum Ausformulieren und für meine überschaubare Zahl an Leser*Innen hier – und ich hätte ohnehin generell eher Lust wieder einmal lange Texte über Pen&Paper-Conventions, Entdeckungen in französischen Wäldern oder Erlebnisse auf dem Atlantik zu produzieren.
      Mir ist viel wichtiger, was ich an dem Schreiben richtig und gut finde – und ich dachte, das hätte ich in meinem vorgehenden und nachgestellten Absatz eigentlich klar ausgedrückt, oder? Vor allem ist mir wichtig, dass die schwierige seelische Situation für meine Mutter gesehen wurde. Dass man sich angegriffen gefühlt hat: geschenkt, ist ihr gutes Recht, alles andere hätte ich als gefühlskalt empfunden. Für mich ist die Sache mit Institutionen in Oberschwaben damit gegessen, jetzt kümmere ich mich wieder um Mama.

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