Ein Lebenstraum wird wahr. Meinem 14-jährigen, dümmeren Ich würde meine Lebenssituation wohl märchenhaft vorkommen. Frisch das Konfirmationsgeld für einen C64auf den Kopf gehaut, eine Kiste voll Spiele neben dem Floppydrive (1987 natürlich zu 100 % raubkopiert), und keiner zwingt einen rauszugehen, das Spielen für Schulwege zu unterbrechen oder kommt mit der noch unerträglicheren Aufforderung besorgter Elternteile ins Zimmer, sich gefälligst ein echtes Leben in der Frischluftwelt zu besorgen. Im Gegenteil – rausgehen ist nahezu verboten.

So sitze ich also mittlerweile tagelang vor der Kiste. Entweder a.) um zu arbeiten („Guten Morgen, na da sind ja schon einige im Call, schön.“) oder um b.) zu kommunizieren oder um c.) zu zocken. Vor allem Open-World-Spiele flimmern gerade stundenlang über meine Mattscheibe. Warum spiele ich nach einem Jahr Pandemie auf der Welt ausgerechnet so viele Open-World-Spiele?

Weil es im Grunde die Hölle ist, vor dem Internet zu versumpfen.

Hier, nimm das, vierzehnjähriges Ich! Dein Traumtagesablauf aus dem Jahre 1987, in Wirklichkeit nicht einmal halb so geil. Leider völlig ungeil. Wenn man die Stimmung auf Twitter und in den Feuilletons einfängt, dann merkt man, dass die Laune der Leute zunehmend mieser, düsterer, erschöpfter wird. Meine eigene mit eingeschlossen.

Ich habe seit heute angefangen, bei meinen Schüler*innen vor dem Distanzunterricht (so der Ministeriumssprech) eine kleine Umfrage zu machen. Mit folgender Fragestellung: „Nach einer Woche Schule zuhause: Was findet ihr anstrengender? Seid ihr Freitags nach einer Woche Präsenz fertiger oder nach einer Woche MS-Teams?“ Zwischen Klasse 8 und Klasse 11 ist das Ergebnis von heute relativ einhellig. Viele führen positiv an, dass längeres Ausschlafen, gesparte Anreisewege und die greifbare Nähe einer Küche durchaus den Schulalltag entspannen. Und trotzdem ist das ständige Sitzen vor der Kiste, das mühsamere Kontakthalten zu Lehrer*Innen und Klassenkamerad*Innen, das Sichten und Bearbeiten von Material für viele meiner Kids auslaugender und ermüdender, als das vergangene Schulleben in der Realität früher war.

Nicht falsch verstehen: Der Distanzunterricht ist in unserer Situation das einzig Richtige.

Aber wenn er uns etwas über den Lehrplan hinaus beibringt, dann das Zoom-Freund*Innen irgendwie blasser und dünner werden, als sie es im richtigen Leben waren. Dass die Unmittelbarkeit von Kontakten eben durch einen anderen Menschen, der im Grunde nur ein Video ist, eher unvollständig substituiert wird.

Viele Gesichter, die mich aus der Videotelefonie heraus anblicken, sind bleich und angestrengt. Mein eigenes auch, man sieht sich ja immer mit. Ein erstes Fazit nach einer Woche „Fernlernen“ (Ich beteilige mich nicht an dem Begriffekrieg, der immer wieder auf Twitter tobt und genau nur einen Begriff für diese Unterrichtsform als möglich in die Schlacht zieht. Ich nenne das Ding maximal abwechslungsreich. Aus Stilgründen):

Die erste Woche hat es ganz gut funktioniert. Klar, es kommt nicht so viel rüber wie im Klassenzimmer und man braucht mehr Zeit, um Lernziele zu erreichen. Aber viele Schüler*Innen waren motiviert, wollten mitarbeiten, das beste aus der Situation machen, etwas für Ihre Bildungsbiographie mitnehmen. Die meisten waren bereit das Material selbstständig zu bearbeiten oder in Auswertungsrunden ihre Ergebnisse einzubringen. Deutlich besser läuft es mit der Oberstufe, je weiter runter man sich in der SekI unterichtet, desto schwieriger wird es den Unterricht zusammen zu halten. Unser Tool lief meistens stabil und brach nie zusammen, aber auch die hochgelobte Microsoft-Server-Struktur geht immer wieder deutlich in die Knie und wird arschlangsam. Muss vermutlich die ganzen IP-Adressen und Kontakte regelmäßig in den Bundesstaat Seattle übertragen, das verbraucht Bandwidth. Datenschutz ade, bitte nicht öffentlich drüber reden. Aber insgesamt fand ich nach einer Woche, dass viel mehr Schule ging, als von den Präsenz-Nazis befürchtet.

Heute bröckelte es bereits deutlich. Ich schreibe das der Anstrengung zu.

Ich befürchte, dazu trägt nicht nur die auslaugende Anforderungsdichte des Videolernens bei, sondern auch die allgemeine Winterdepression, die Deutschland ergriffen hat. Die Hoffnung aus dem Spätsommer, dass ein klug agierender Regierungsapparat das Problem ganz gut in den Griff kriegt, hat sich deutlich sichtbar zerschlagen. Sowohl das „klug“ als auch der „Griff.“ Die Schwäche und die Unmöglichkeit, zielführenden Handlungswillen bei gewählten Vertreter*Innen zu erzeugen, hat sich seit November überdeutlich gezeigt. Das nimmt uns allen die Hoffnung auf ein schnelles und gutes Ende der Geschichte.

Historischer Exkurs (diesmal nicht erfunden, sondern wahr) über den kapitalistischen Staat. Als die USA 1941 überhastet durch den Angriff der Japaner auf Pearl Harbor in den Zweiten Weltkrieg eintreten müssen, ist die militärische Schlagkraft des Landes in einem desolaten Zustand. Die Armee lächerlich klein und veraltet bewaffnet, die Kriegsflotte zu großen Teilen ein rauchendes Wrack vor Hawaii, werden die Vereinigten Staaten als Machtfaktor von Hitler so wenig ernst genommen, dass er ihnen sofort den Krieg erklärt.

Never fuck with Capitalism, Adolf.

Innerhalb weniger Monate ziehen die US-Regierung und die amerikanischen Wirtschaft in entschlossener Einigkeit ein Rüstungsprogramm hoch, dass bei den Achsenmächten blanke Panik auslöst. Panzer, Bomber, Schiffe strömen in Fließbandarbeit aus Produktionsstätten, die wenige Wochen zuvor noch gar nicht da standen. Schnelle Adhoc-Werften spucken pro Tag 1,5 11.000-Tonnen-Schiffe aus, um das neu produzierte Kriegsmaterial effektiv auf die Kriegsschauplätze zu schippern. Der kapitalistische Riese, einmal im Krisenmodus, wird zur unaufhaltsamen Stahlwalze und fegt das Problem Hitler innerhalb weniger Jahre von der Weltkarte. Gut, die UdSSR machte als sozialistische Wirtschaft in etwa dasselbe und trägt eventuell zum gleichen Teil zur Schlagkraft der Alliierten bei, aber diese Geschichte wird in der westlichen Gesellschaft eher selten erzählt. Hier begründete sich ein Narrativ, das Narrativ von der Stärke der westlichen Welt.

Und heute sehen wir, dass dieses Narrativ, von dessen Nimbus die reichen Staaten der Welt noch immer zehren, eventuell 1941 Gültigkeit hatte, aber 2021 nicht mehr. Die USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich: tief verstrickt in der Abwärtsspirale der Pandemie. Maßnahmen und Lösungsversuche, halbherzig, lebensschwach und vielfach fehlerbehaftet.

Die Leistungsstärke eines asthmatischen Greises, der eine Lawine aufhalten muss.

Seit einem Jahr haben wir die Gesundheitsämter nicht in ein Instrument verwandeln können, das Inzidenzzahlen jenseits der 25 bewältigen kann. Heute faxten nicht mal mehr alle ihre Zahlen, Abbau statt Zuwachs. Die als Kraftanstrengung gedachte Impfkampagne versandet in anfälligen Logistikstrukturen und Beschaffungsproblemen. Unser Internet pfeift auf dem letzten Loch, wenn wir von zu Hause arbeiten wollen. Der Föderalismus erweist sich als peinlicher Zauderclub von Querschießern anstatt als entschlossenes Krisenmanagement. Ver- und Gebote werden erlassen, ohne dass die Behörden in der Lage sind, ihre Einhaltung effektiv einzufordern.

Geht es nur mir so, dass ich das Gefühl habe, ich sitze auf einem langsam zerbröckelnden Raumschiff, und die Kapitän*In versucht den Anschein aufreicht zu erhalten, dass die Mühle noch fliegt? Wo sind die handlungsstarken Kräfte der Marktwirtschaft, um aus dem nackten Boden funktionierende Krisenbewältigungsinstrumente zu stampfen?

Ich fürchte: im Märchenland. Katastrophe, wenn Marx am Ende wider Erwarten Recht behalten sollte.

Ein langer Weg nimmt dieser Text vom Online-Unterricht hin zum Eindruck der Apokalypse in Slomo. Aber dass wir alle so bleich sind, so dicke Augenringe haben, so angestrengt in unsere kleinen Kameralinsen zwinkern, dass wir am Tag so wenig lächeln, dass wir morgens Motivationsschwierigkeiten haben, obwohl wir länger schlafen als sonst im Leben; Dass meine Schüler*Innen einfach nicht glücklich wirken: Das liegt auch daran, dass offensichtlich unsere Notstromaggregate vor Jahren verscherbelt wurden, weil ihre Bevorratung keine Gewinne generierte.

Unsere Welt vergeht nicht im Knall, sondern mit langgezogenem Wimmern. Und ich sitze dabei vor der Kiste und zocke Open-World-Games.

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